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Full text of "Zeitschrift fϋr das Österreichische Blindenwesen"

American Foundation 
ForThe Blind INC. 



Digitized by the Internet Archive 

in 2010 with funding from 

Lyrasis IVIembers and Sloan Foundation 



http://www.archive.org/details/zeitschriftfrd426aphm 




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Organ des „Zentralvereineb für das österreichische Blinden- 
— wesen" für die gesamten Sestrebungen der Blinden. — 



Schriftleitung 
Purkersdorf 
bei Wien. 
Österreichisches 
Postsparkassen- 
konto rSr.132.257 



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Das Blatt erscheint 
monatifdi einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



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Bezugspreis 


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ganzjährig mit 
Postzustellung 


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4 Kronen, 


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Einzelnummer 
40 Heller. 


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4. Jahrgang. 



Wien, Februar 1917. 



2. Nummer. 



INHALT: Kriegsblindenfürsorge in Mähren. Josef Umlauf, Brunn : Was ich beim 
Schreibleseunterrichte bei Kriegsblinden beobachten konnte. Blindenschicksale. 
Erika Rheinsch : Der Erblindende. Personalnachrichten. Aus den Anstalten. 
Aus den Vereinen. Für unsere Kriegsblinden. Verschiedenes. Mitteilung. 
(Altes und Neues. Ankündigungen.) v 



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Beitrittserklärungen zunn „Zentralverein für das österreichische^ 
Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VIII, 
i] Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. 

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/\ltes und Neues. 



Der or-efährliche Tintenstitt. 

Tinte und Feder müssen in vielen Fällen, besonders im Felde, 
dem bequem unterzubringenden und zu handhabenden Tintenstift 
weichen, dessen tintenähnliche Eigenschaften ihm vor der schnell sich 
verwischenden Bieistiftschrift einen deutlichen Vorzug geben. 

Es dürfte aber sehr wenigen überhaupt nur bekannt sein, daß 
der Tintenstift ein ziemlich gefährlicher Geselle werden kann. Arzt- 
liche Erfahrung zeigt nämlich, daß niclit selten Augenschädigungen 
beim häufigen Gebrauch des Tintenstiftes sich einstellen, die fast 
ausnahmslos beim Anspitzen zustande kommen. Winzige Teilchen, 
die dabei in den Bindehautsack eindringen und als bloße Fremdkörper 
noch kamii eine Störung verursachen würden, genügen schon, um 
bestimmte, sehr schädliche Veränderungen in den Geweben des eigent- 
lichen Auges und der Lidteile liervorzurufen. Da der Endausgang 
selbst bei schweren Formen der Tintenstiftverletzung nicht unmittelbar 
in voller Wirkung auftritt, im Gegenteil die eingedrungenen Teilchen 
eine Zeitlang ohne nennenswerten Schaden im Bindehautsack ver- 
weilen können, wird meist der rechte Moment für die ärztliche Behand- 
lung versäumt. Auf diese Notwendigkeit ist aber dringend hinzuweisen. 

Prof. H. Olloff, der sich mit solchen Schädigungen des Auges 
eingehender befaßt hat, weist in der „Münchener Medizinischen Wochen- 
schrift" sogar auf einen Fall hin, der zn fast völliger Erblindung des 
betreffenden Auges geführt hat, nachdem der Patient eine sechsmonat- 
liche Lazarettbehandlung bei einem ungewöhnlich schmerzhaften 
Krankheitsverlauf hatte durchmachen müssen. Ausschlaggebend für 
diese unter Umständen verheerende Wirkung sind die basischen 
Anilinfarbstoffe, die im Tintenstift enthalten sind. Bei Färbereiarbeitern 
oder solchen, die in entsprechenden chemischen Fabriken beschäftigt 
sind, sind in der Tat ähnliche Schädigungen des Auges bei unglück- 
licher Berührung aufgetreten. Diese Giftigkeit nimmt zu, je stärker 
der basische Charakter der Anilinfarbstoffe ist, ja, kann bei berufs- 
mäßiger Einwirkung unabhängig von den Augen Ausschläge und 
Wucherungen auf der Haut erzeugen. Das Bild der Augenentzündung 
kann daher sehr verschieden ausfallen : neben einer stets vorhandenen 
Blau-Violett-Färbung in leichten Fällen nur geringe und schnell 
abheilende oberflächliche Bindehautentzündungen, die in schweren 
Fällen zum Absterben der betreffenden Gewebeteile, besonders der 
Hornhaut, sogar zur völligen Vereiterung des Augapfels ausarten 
können. 

Wie weit diese Entwicklung sich vollzieht, hängt außer von 
der Giftigkeit und der Größe der eingedrungenen Teilchen von der 
Dauer ihres Verweilens im Auge ab; schnelle Entfernung des Herdes 
der schädlichen Wirkung ist daher erste Voraussetzung für einen 
günstigen Verlauf. In ganz frischen Fällen soll außerdem das Ein- 
träufeln von Tanninlösung Besserung herbeiführen können, da Tannin 
mit den basischen Anilinfarben unlösliche Verbindungen einzugeben 
imstande ist und diese dadurch für das Auge zum bloßen Fremd- 
körper umwandelt. 




4. Jahrgang. Wien, Februar 1917. 2. Mummer. 



^ »Es ist genug, daß Menschen blind geboren werden, ^ 
^ Und zu viel, daß sie blind werden können.« ^ 

^ Fr. Hebbel. « 



Kriegsblinden-Fürsorge in Mähren. 

Ein Tätigkeitsgebiet der Fürsorge für heimkehrende Krieger, das 
vor besonders großen Schwierigkeiten steht, ist die Fürsorge für die 
aus dem Felde erblindet zurückkehrenden Krieger. Es mußte deshalb 
die »Mährische Landeskommission zur Fürsorge für heimkehrende 
Krieger,« der die Aufgabe obliegt, »erkrankten und verwundeten Krie- 
gern zur Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft zu verhelfen, ihre soziale 
Lage zu verbessern und sie dem Erwerbsleben wieder zuzuführen«, 
gerade auch dieser Seite der ihr zufallenden Fürsorgetätigkeit ihre ganz 
besondere Aufmerksamkeit zuwenden, zumal es in diesen Fällen der 
Kriegsverletzung überaus schwer ist, die Betroffenen einer selbständigen 
Arbeitsbetätigung und auskömmlichen Lebenstellung zuzuführen, und 
vor allem das Empfinden der Arbeitspflicht in ihnen wieder rege zu 
machen. 

Die Kriegsblinden-Fürsorge in Mähren — über ihren gegenwärti- 
gen Stand wurde in der letzten Sitzung des in der Mährischen Landes- 
kommission zur Fürsorge für heimkehrende Krieger gebildeten Sonder- 
Ausschußes für Kriegsblinde Bericht erstattet, und das Folgende ist im 
Wesentlichen diesem Berichte entnommen — ist derart organisiert, daß 
der mährische Landes-Ausschuß für die Schulung der Kriegsblinden 
durch seine Fachkräfte Sorge trägt, und zwar, indem er die Durchfüh- 
rung dieses Teiles der Fürsorge dem »Kaiser-Franz-Josef-Jubiläums- 
Vereine zur Fürsorge für männliche Blinde in Mähren und Schlesien«' 
übertrug, und weiters, daß der mährische Landes-Ausschuß für später- 



Seite 676. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 2. Nummer. 

hin, sobald die Landes-Blinden-Erziehungsanstalt ihrem eigenthchem 
Zwecke wird wieder zurückgegeben werden können, auch die Unter-, 
bringung und Verpflegung der Kriegsblinden für so lange übernimmt, 
als sie zwecks ihrer Schulung in Brunn untergebracht sein müssen und 
nicht eigene Heimstättten erhalten oder im Hinblicke auf ihre persön- 
lichen Vnrhältnlsse in die Anstaltspflege dauernd übernommen werden. 
Alle andere Fürsorge für die Kriegsblinden obliegt der Mährischen 
Landeskommission zur Fürsorge für heimkehrende Krieger, der es also 
insbesondere zufällt, die Kriegsblinden dem bürgerlichen Erwerbsleben 
wieder zuzuführen und ihre Lebensexistenz für später ausreichend 
sicherzustellen; gegenwärtig hat aber, solange die Landes-Blinden-Er- 
ziehungsanstalt für andere Zwecke in Anspruch genommen ist, die 
Landeskommission auch für die Unterbringung und Verpflegung der 
Kriegsblinden für die Zeit ihrer Schulung aufzukommen. 

Als provisorisches Kriegsblindenheim konnte dank dem weitgehen- 
den Entgegenkommen des mährischen Gewerbevereines ein Teil seines 
Kaiser -Franz -Josef -Jubiläums-Lehrlingsheimes in der Zieglergasse in 
Brunn eingerichtet werden. Dorthin werden alle nach Mähren zuständi- 
gen, im Kriege erblindeten Krieger, soweit sie selbst zustimmen und 
eine andere Versorgung vorläufig noch nicht möglich ist, gebracht, und 
dort werden sie zur Vorbereitung für ihren späteren Beruf je nach 
ihren Fähigkeiten geschult : Blinden-Lesen und -Schreiben, Maschin- 
schreiben, Bürstenbinden, Korbflechten, Maschinstricken, Klavierstimmen, 
und Ähnliches. Arbeiten, die besonders geeignet sind. Blinde anregend 
zu beschäftigen, sind landwirtschaftliche, vor allem Garten-Arbeiten, 
und es wird auch die Schulung der mährischen Kriegsblinrien nach 
dieser Richtung hin zu ergänzen sein. Was bei anderen Kriegsverletzten 
als hauptsächlichstes Ziel der Fürsorge für sie gilt, sie möglichst ihrem 
früheren Berufe zu erhalten und ihm wieder zuzuführen, ist bei Kriegs- 
blinden eine schwierig zu behandelnde Frage, doch wird auch ihr alle 
Aufmerksamkeit geschenkt. 

Das provisorische Kriegsblindenheim in der Zieglergasse wurde 
Anfang Juli 1916 eingerichtet und es wurden dorthin sofort die inzwi- 
schen in anderen Blindenheimen Österreichs untergebrachten mährischen 
Kriegsblinden, 15 an der Zahl, gebracht. Ihr Befinden war im Anfange, be- 
sonders in Beziehung auf ihre seelische Verfassung, ein wenig erfreuliches • 
und ließ daran zweifeln, ob es überhaupt möglich sein wird, so tief 
bedrückte Menschen wieder einigermaßen einer gewißen Arbeitsfreude 
zuzuführen. Doch hat sich ihr ßeflnden bald, nicht zuletzt dank der 
liebevollen und verständigen Behandlung seitens aller jener, denen ihre 
Wartung und Schulung obliegt, auf das auffallendste gebessert, und es 
kann als sichtliches und erfreuliches Zeichen hiefür gelten, daß sich 
einige von ihnen sehr eingehend, vernünftig und in guter Zuversicht 
mit realen Plänen für die Gestaltung ihrer weiteren Zukunft beschäftigen, 
wobei ihnen natürlich jedwede Unterstützung geboten wird. 

Die Zahl der in Brunn untergebrachten Kriegsblinden hat sich in- 
zwischen auf 22 erhöht. Die Zahl der nach Mähren zuständigen Kriegs- 
blinden im gesamten geht derzeit schon über 40. 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 677. 

In der die Fürsotgetätigkeit der Mährischen Landeskommission 
zur F'ürsorge für heimkehrende Krieger besonders beschäftigenden 
Frage, in welcher Weise die Versorgung der KriegsbHnden nach Been- 
digung ihrer Schulung anzustreben wäre, mußte von der Festlegung 
einheitlicher, allgemein einzuhaltender Grundsätze vollständig abgesehen 
und die Möglichkeit weitester Individualisierung uneingeschränkt offen 
gelassen werden. Nur läßt sich schon jetzt feststellen, daß die persön- 
lichen Wünsche und Bestrebungen der Kriegsblinden selbst hauptsäch- 
lich nach der Erwerbung einer eigenen Heimstätte gehen. Es scheint, 
als wenn ihnen gerade der Gedanke, nach ihrer Rückkehr in die Heimat 
eine sozial höhere Stellung, als welche der Besitz von Grund und 
Boden gewertet wird, einzunehmen und so ihr großes Opfer für das 
Vaterland allen offenkundig hoch eingeschätzt zu wissen, eine frohere 
Zuversicht in die Zukunfr vermitteln würde. Wenn nun noch dazu 
kommt, daß ja immerhin das Bewußtsein des Besitzes einer eigenen 
heimatlichen Scholle besonders geeignet ist, einem Menschen festen 
Halt im Leben zu geben, so kann es nicht ausbleiben, daß bei der 
Fürsorge für Kriegsblinde die Frage einer eigenen Heimstätte fast immer 
in Erwägung kommt. 

Die Mährische Landeskommission zur Fürsorge für heimkehrende 
Krieger steht in allen die Sorge für das spätere Schicksal der Kriegs- 
blinden betreffenden Fragen in regster Verbindung mit dem Vorstande 
des »Kriegsblindenfonds« im k. k. Ministerium des Innern und mit 
dem Vereine »Kriegsblinden-Heimstätten«, die beide satzungsgemäß 
ihren vornehmlichsten Zweck in der Förderung der Bestrebungen zur 
Erleichterung der Lebensbedingungen der Kriegsblinden sehen und mit 
namhaften Mitteln alle Arbeiten auf diesem Gebiete unterstützen. Es 
sind ganz bedeutende Beträge, die dieser Zweig der Kriegsfürsorge, 
wenn er über eine bloße Unterstützung hinaus Lebensmöglichkeiten 
neu schaffen soll, erfordert, und die Hoffnung, allen Kriegsblinden ihr 
neues Leben so einrichten zu können, daß sie dauernd vor Not bewahrt 
bleiben, kann sich nur dann erfüllen, wenn die Zuversicht zutrifft, daß 
sich, wie bisher, die Freude guter Menschen am Geben in eigenen 
glücklichen Stunden auch weiter immer öfter den Hilfsbedürftigsten 
der vom Kriege Zerschellten zuwendet. Sonderwidmungen für Kriegs- 
blinde dürfen denn auch, da der Gedanke an den bestimmten Zweck, 
dem solche Gaben unmittelbar dienen, schon selbst eine besondere 
Befriedigung ist, gewiß auch noch weiter in größeren Zuwendungen 
erwartet werden. 

Wie sich die Fürsorge für die Kriegsblinden rücksichtlich 
der Schaffung von Lebensbedingungen für sie im Zusammenwirken 
mit allen der Kriegsblinden-F'ürsorge dienenden Organisationen in der 
praktischen Durchführung gestaltet, kann ungefähr aus den im nach- 
folgenden kurz skizzierten Einzelfällen ersehen werden, die in der letzten 
Zeit in Verhandlung standen. 

H. M., Korp. des L.-I.-R. 25, geb. 1885, früher Zimmermann, 
Besitzer eines kleinen Anwesens mit 0"6 ha Feldern, verheiratet, 2 Kin- 
der, wurde im Bürstenbindergewerbe ausgebildet, erhielt eine Unter- 



Seite 678. Zeitschrift das für österreichische BHndenwesen. 2. Nummer. 

Stützung von 4000 K zur Tilgung eines Teiles der auf dem Anwesen 
haftenden Schulden. 

M. F., Inft. des L.-I.-R. 25, geb. 1879, früher Maurer, wurde im 
Bürstenbinden ausgebildet, erhielt Grundstücke im Werte von 2.200 K 
angekauft ; außerdem erliegt noch für ihn ein Unterstützungsbetrag von 
rund 800 K. 

P. Z., Korp. des I.-R. 8, geb. 1885, Gärtner, wurde im Korbflechten 
geschult, erhielt ein Anwesen im Werte von 3.700 K ; er lebt in seiner 
Heimat in der Familie seines Bruders, beschäftigt sich mit Gärt- 
nerei und Korbflechten und beschafft sich so selbständig seinen Le- 
bensunterhalt. 

C. J., Inft. des I.-R. 100, geb. 1893, früher Schlosser, erhielt ein 
Haus in M für den Kaufpreis von 6000 K und einen Betrag von rund 
1400 K zu dessen Instandsetzung. Er wird dort die Bürstenbinderei 
betreiben, in der er ausgebildet wird, außerdem will er sich, da seine 
Braut, die er demnächst heiraten wird, geschäftskundig ist, in M. ein 
Geschäft einrichten ; die Geschäftsführung hofift er der Hauptsache 
nach selbst besorgen zu können und wird zu diesem Zwecke auch im 
Maschinschreiben ausgebildet werden. 

P. F., Inft. des L.-I.-R. 24, geb. 1884, früher Maurer, verheiratet, 
5 Kinder, besitzt ein kleines Anwesen in P., das durch den 
Ankauf von Feldern im Werte von 3000 K und durch einen Zubau 
zu seinem Häuschen mit einem Kostenerfordernisse von 5.000 K ver- 
größert werden soll. 

T. J., Inft. des J. R. 54, geb. 1887, verheiratet, 3 Kinder, ausge- 
bildet im Maschinstricken, erhielt in seiner Heimat in B. ein Anwesen 
im Werte von 8.400 K. außerdem Unterstützungen im Betrage von 
1.500 K. ^ s 

U. Z., Korp. d. F. A. R. 6, geb. 1884, früher Schlosser und Maschin- 
führer, verheiratet, 2 Kinder, wurde im Klavierstimmen und Maschin- 
schreiben ausgebildet, erhielt ein Anwesen im Werte von 7.750 K in 
seiner Heimat in H., wo auch seiner Frau eine Wäscherei eingerichtet 
wurde, so zwar, daß die ganze Fürsorge-Aktion einen Betrag von 
zusammen rund 10.000 K erforderte. 

W. J., Inft. d.-J.-R.-99. geb. 1880, Landwirt, Besitzer einer Wirtschaft 
in T., verschuldet, zur Bezahlung der drückendsten Schulden erhielt 
er einen Beitrag von rund 2.900 K. 

Z. L., Inft. d. J.-R.-3, geb. 1896, früher Maurer, erhielt eine Unter- 
stützung von 3.000 K zur Übernahme der väterlichen Verlassenschaft. 

Wenn sich so nach einigen im einzelnen dargestellten Fällen der 
Kriegsblinden-Fürsorge in Mähren die Art des bisher Erreichten ergibt, 
so bilden diese Erfolge und die dabei gemachten Erfahrungen zugleich 
den Ausgang für die weitere Arbeit auf diesem Gebiete. Es werden 
darnach die nach Mähren zuständigen im Kriege Erblindeten der Regel 
nach in Brunn — vorläufig im Lehrlingsheime des mährischen Gewerbe- 
vereines — untergebracht, hier geschult, im Lesen und Schreiben unter- 
richtet und in einer berufsgewerblichen Betätigung ausgebildet. Gleich- 
zeitig setzt die Fürsorge-Aktion ein zur Schaffung der wirtschaftlichen 
Voraussetzungen für ihr .späteres Erwerbsleben, wofür natürlich, da die 
Art der Fürsorge wesentlich bedingt ist durch die persönlichen Verhält- 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 679. 

nisse des Kriegsblinden, vorher eingehendste Erhebungen notwendig 
sind. Mit dem Austritte aus dem Kriegsbhnden-Heime wird auch der 
Bezug der ihnen zustehenden InvaHden-Gebühren der Regelung zugefühit. 

Es ist zu erwarten, daß derart die im Lehrlingsheime des mähri- 
schen Gewerbevereines untergebrachten Kriegsblinden nach und nach, 
je nach Maßgabe des Abschlusses ihrer Schulung, alle dem Erwerbleben 
werden zugeführt werden können, und daß auch das Allererstrebens- 
werteste zu erreichen sein wird, sie zurückzugewinnen dem Empfinden 
der Zuiriedenheit und der Freude, in ausreichender Arbeitskralt und 
nicht als Gegenstand des Mitleids im Leben zu stehen und von den 
Mitbürgern auch so gewertet zu werden. Natürlich wird auch noch 
späterhin die Fürsorge-Tätigkeit für sie aktiv bleiben müssen und vor 
allem Rat zu schaffen haben, wenn die selbständige gewerbliche oder 
sonstige Betätigung des Kriegsblinden im Leben nicht den erhofften, 
für die Befriedigung der Lebensbedürlnisse ausreichenden Ertrag abwirft. 

Die Sorge um das Schicksal der Kriegsblinden ist die größte der 
Kriegstürsorge-Tätigkeit. Nichtsdestoweniger darf mit vieler Zuversicht 
erwartet werden, daß denn doch die viele werktätige Hilfe, die gerade 
den im Kriege Erblindeten gebracht wird, ausreichen wird, auch diese 
herbste Wunde des Krieges allmählich heilen zu lassen. 

Dr. H. M. 



Was ich beim Sdireibleseunterrichte bei Kriegsblinden beobach- 
ten konnte. 

Von Fachlehrer Josef Umlaut, Brunn. 

Es ist nicht Zweck dieser Betrachtung anzuführen, wie, das Schreiben 
und Lesen der Voll- und Kurzschrift oder nur der Vollschrift den 
Kriegsblinden beigebracht wurde, wie viele Stunden diesem Unterrichte 
wöchentlich gewidmet wurden und wie lange derselbe überhaupt 
dauerte, sondern ich will auf einige psychologisch- physiologische 
Momente eingehen, welche einesteils als solche ein allgemeines 
Interesse erwecken, anderseits für den Lehrer in methodischer Hinsicht 
von Bedeutung sind. 

Erwähnt muß werden, daß der Unterricht auf die Individualität 
des Kriegsblinden besondere Rücksicht nehmen mußte ; es gibt da 
große Unterschiede in Bezug auf Veranlagung und Vorbildung. Auch 
die großen Altersunterschiede zwischen 19 bis 45 Jahren sind wesent- 
lich in Rechnung zu ziehen und zu bedenken, ob Personen mit 35 
bis 45 Jahren überhaupt hiezu heranzuziehen wären und ob nicht 
vielmehr deren Versorgung in der Weise die beste wäre, daß dieselbe 
sich auf Grund von Erhebungen und Wünschen, die ja oft ganz 
gute Anregungen bieten können, aufbauen sollte. 

Das Vermitteln bezw. das Auffassen der Buchstabenformen der 
Punktschrift ging recht schnell von statten. Es gibt kaum was Einfacheres 
als die Buchstaben der Punktschrift ; umso leichter aber auch vergißt 
man dieselben. 

Am leichtesten zum Erlernen waren die Buchstaben mit 2 Punkten, 
als schwieriger galten die Formen mit 3 mehr auseinander liegenden 



Seite 680. Zeitschrift für das österreichische Hündenwesen. 2. Nummer. 

Punkten z. B. o, m, ie, u, 1, ei u. a.; noch schwieriger sind die Buch- 
staben mit 3 enganliegenden Punkten wie : d, f, h und j ; 

Die Buchstaben mit 4 Punkten waren die schwierigsten, während 
diejenigen mit 5 Punkten leichter erkannt wurden. 

Die verschiedenen Gegenformen (f-d; ssch; t-ü; u-ie; m-ei; 
i-e; au-äu; u. a.) werden schlecht behalten und die Verwechslungen 
wollen lange nicht aufhören. 

Wie bekannt befinden sich die ersten 10 Buchstaben des 
Alphabetes (a bis j) in der O b er h äl f t e der Zelle; werden dieselben 
jedoch in die Unt er häl fte derselben herabgesetzt, so stellen dieselben 
die Satzzeichen dar (z. B. a herabgesetzt gibt den Beistrich, b 
herabgesetzt gibt den Strichpunkt u. s. w.) 

Das Erkennen dieser herabgesetzten Zeichen ist schwierig und 
wirkt verwirrend, 

Hand in Hand mit dem Erlernen der ersten Selbst- und Mitlaute 
kommt die Bildung der einfachsten Silben und Wörter hinzu. 

Nun, das war schon zu viel verlangt. Man hört : ,,Herr Lehrer, 
ich taste wohl viele Punkte, kann jedoch dieselben nicht als Einzel- 
buchstaben erkennen." 

Nach und nach und unter Anwendung der verschiedensten 
„Hilfen" wurden die Schwierigkeiten behoben und langsames, sehr 
langsames Lesen erzielt. 

Noch schwieriger gestaltet sich das Lesen der Kurzschrift, 
weniger in betreff der damit verbundenen Gedächtnisarbeit als viel- 
mehr in bezug auf die Lesbarkeit der durch die Kurzschrift ganz 
veränderten Wortbilder. 

Unter den Kürzungen sind die Laut- und Nachsilbenkürzungen 
und besonders viele Wortkürzungen sehr beliebt. Unangenehm (so 
hat man's bezeichnet) sind die Silbenkürzungen. 

Einige davon bereiten zwar dem Leser nur geringe Schwierig- 
keiten, während andere wie: ach, all, an, ar, or, te, un das Lesen 
sehr erschweren. Man verwechselt dieselben teils mit Buchstaben, 
teils mit Satzzeichen. 

Besonders praktisch sind viele Wortkürzungen. Der Zukunft 
bleibt es anheimgestellt diese Gruppe zu erweitern und die Kurzschrift 
noch weiter auszubauen, da es noch viele sehr gebräuchliche Wörter 
gibt, deren Kürzung wünschenswert wäre. 

Besondere Schwierigkeiten sind mit dem Schreiben verbunden. 

Aus der Umkehrung der Zeichen beim Schreiben ergeben sich 
beim Schreiben der schon als Gegen formen bezeichneten Buch- 
staben große Verwechslungen : statt e wird immer i, statt s wird seh 
u. s. w. geschrieben. 

Der j u n geblinde S c hül er (Zögling) kümmertsich beim Schreiben 
sehr wenig um die Buchstabenbilder; derselbe weiß genau die Punkte 
der Buchstaben und er schreibt unbekümmert, gleichsam mechanisch 
die Punkte hin. Ist er mit seiner Schreibaufgabe fertig, so wird das 
Blatt einfach herausgenommen und gelesen. Nicht so der Kriegs- 
blinde, Dieser hat die Buchstabenform beim Lesen besser behalten 
als die betreffenden Punkte — er klammert sich mehr an die Form. 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwes en. Seite 681. 

Nun aber ist beim Schreiben die Umkehrung die richtige Form. 
Diese Sachlage erzeugt eine große Unsicherheit und es bedarf 
einer großen Übung bis man zu einer gewissen Sicherheit gelangt. 

Vorstehende Angaben über das Erlernen nur eines einzigen Gegen- 
standes lassen es klar erkennen, warum die verschiedenen Versuche, 
den Kriegsblinden eine neue Lebensbahn zu eröffnen, auf solche 
Schwierigkeiten stoßen. Haben doch schon die alten Weisen gesagt: 
,, Erblinden ist die Hälfte des Todes." 

Abgesehen von den unendlich vielen Lebensfreuden, die dem 
Blinden abgehen und die doch den Lebensinhalt bedeuten, sind hier 
die seelischen Folgezustände der Erblindung in Betracht zu ziehen. 
Gleichgiltigkeit, Wiederwille, Unlust, Niedergeschlagenlieit, Ungeduld 
u. a. sind jene Begleitersclieinungen, die man zu bekämpfen hat. 
Dieses Aufrichten, Trösten, Wecken der Lebenslust ist die schwerste 
Aufgabe. Hiezu sind die schönsteh Worte, die größte Geduld des 
Lehrers oder der Pfleger oft unzureichend. Wie einem Kriegsblinden 
trotz seiner Unlust der Lesewille beigebracht wurde; sei kurz erzählt: 

Ein Kriegsblinder zeigte wenig Lust, das Lesen und Schreiben 
der Punktschrift zu lernen. Sein gutes Gedächtnis versetzte ihn in 
die Lage, daß er die Punkte der Buchstaben sehr genau und sicher 
kannte ; nur das Erkennen derselben mittelst des Tastsinnes ging 
minder gut. 

Seine Rede war: ,,Wozu habe ich Weib und Kinder?; will ich 
etwas Neues hören, so werden diese es mir schon vorlesen und Briefe 
schreiben oder dgl." 

Da geschah es, als er für mehrere Tage auf Urlaub in der 
Heimat verweilte, daß ihm der Briefträger eine Postkarte überbrachte. 
Auf derselben übermittelten ihm seine Kameraden ihre Grüße und 
Wünsche in Punktschrift. 

Ganz überrascht, versuchte er es, den Inhalt der Karte zu 
enträtseln. Stundenlang bemühte er sich; doch es ging nicht. 

Er rief seine Frau und diese sollte helfen. Doch auch das versagte. 

Endlich am nächsten Tag wurde der Bruder geholt und nun 
gelang es. — Dieser schrieb sich nach Angaben des Blinden der 
Reihe nach alle Lautzeichen in gewöhnlicher Schrift nieder und 
der Inhalt der Karte wurde gefunden. 

Hiedurch umgestimmt, bemühte er sich nun, das Lesen der 
Punktschrift doch zu erlernen. 

Wenn es doch gelungen ist, daß der Kriegsblinde langsam 
zum Unterrichte vorbereitet wurde, so treten noch andere Schwierigkeiten 
hinzu. Einzelne hievon hängen wohl mit der Verwundung zusammen. 
Es ist zu beobachten, daß mancher plötzlich nicht imstande ist, etwas 
zu erkennen; auch treten Schmerzen auf, so daß das Lernen zeitweilig 
unterbrochen werden muß. 

Was nun das Tastvermögen anbelangt, muß dasselbe als dem- 
vorgerückten Alter entsprechend bezeichnet werden; es erfordert 
aber für die Zwecke des Unterrichtes eine Verfeinerung durch bestän- 
dige Übung. Wohl kommen genug Fälle vor, daß das Tastvermögen 
aus verschiedenen Gründen sehr gering ist. Unempfindüchkeit eines 
der tastenden Zeigefinger (meistens des rechten Zeigefingers) kommt 



Seite 682. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 2. Nummer. 

auch vor. In einem Falle konnte beobachtet werden, daß bei andau- 
ernden Tasten ein Kribbeln auftrat, so daß eine Pause eintreten 
mußte; in einem zweiten Falle konnte ein Versagen des Tasten» 
festgestellt werden. Statt zu tasten, kratzt mancher . den Buchstaben; 
ein anderer hält wieder krampfhaft den Finger an dem Buchstaben, 
um denselben ja nicht zu verlieren. Manche sitzen beim Unterrichte 
so tief vorgebeugt, als ob sie sich mit den nun lichtlosen Augen 
helfen wollten. 

Um den Schreibleseunterricht zu fördern, sei Folgendes hervor- 
gehoben. 

1. Beschreibe die Zelle und die darin möglichen 6 Punkte 
sehr genau ; 

2. das selbständige Zusammenstellen der Buchstaben, später 
der Silben und Wörter mittelst Stecknadelköpfchen kann nicht genug 
geübt werden ; 

3. die ersten Buchstabenformen brauchen nicht besonders groß 
sein ; 

4. als sehr praktisch hat sich — wie ich hörte — die in Deutsch- 
land geübte Methode ergeben, daß man die ersten Leseversuche auf 
Blechtafeln vornahm, auf denen der Lesestoff gedruckt war. (In Brunn 
benützte ich die für den Bücherdruck angefertigten Blcchplatten.) 

5. durch methodisch gut vorbereitete Schreibübungen soll das 
Erlernen und die größtmögliche Sicherheit des Schreibens erzielt 
werden. — 

Zum Schluße sei gesagt: „Der gütige Schöpfer möge 
die Bemühungen aller, aller Personen, die den Kriegs- 
blinden seelisch und materiell helfen, mit vollstem 
Erfolge krönen, — 



Blindensdiicksale. 

Das ,,Neue Wiener Tagblatt" veröffentlichte einen Artikel 
,Blindenschicksale" überschrieben, den es mit folgenden Sätzen einleitet: 

„In peinlich genauer, durch keine einzige Korrektur gestörter 
Maschinenschrift hat hier ein Blinder Gedanken seiner Schicksals- 
genossen niedergelegt. Sie sprechen eine viel deutlichere Sprache 
als die so manches — Sehenden, dem das Los der Nichtsehenden 
zu Herzen geht. Sic verlangen kein Mitleid, sondern nur Gerechtigkeit. 
Nicht sehen können sei nicht ihr wahres Unglück, sondern das Zurück- 
gesetzt- und Gehemmtsein in dem Willen zur Arbeit. Aufgeklärte 
Zeiten werden auch hier manches bessern." 

Das Blatt hat sich ein großes Verdienst damit erworben, auch 
einmal einen Blinder einen aufklärendes Wort über das Schiksal seiner 
Genossen sagen zu lassen. Hat doch — wie der Schreiber sagt — 
nicht nur das große Publikum, sondern haben häufig genug auch den 
Blinden nahestehende Personen kein richtiges Urteil darüber, was 
eigentlich das wahre und wirkliche Unglück in der Blindheit ist. 
Was die Masse der Menschheit als Unglück an der Blindheit erkennt, 
ist die Tatsache, daß der Blinde nicht „sehen" kann, daß er die Sonne, 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 683. 

das Licht nicht sieht, daß er die Farbenpracht, das Firmament nicht 
in sich aufnehmen kann. Man glaubt allgemein, der Verlust des 
Augenlichtes an sich, die Tatsache, daß der Blinde das und jenes 
nicht mehr sehen könne, sei das große Unglück, während dieses doch 
vielmehr in den wirtschaftlichen und sozialen Folgeerscheinungen der 
Erblindung zu suchen ist, in der gewaltigen Einschränkung unserer 
persönlichen Freiheit, in der schweren Erschütterung unsrer sozialen 
und staatsbürgerlichen Stellung und unsrer verminderten Konkurrenz- 
fähigkeit im Kampfe ums tägliche Leben. Hier aber ist das wahre 
Unglück der Blindheit zu suchen. 

Der Blinde kann ganz glücklich sein, wenn — und das ist das 
große Wort — wenn es ihm gelingt, kraft seiner Arbeit eine ange- 
messene Stellung im Leben und in der menschlichen Gesellschaft 
zu erringen. Dies aber ist für ihn furchtbar schwer, denn eben bei 
dem Streben nach einem auskömmlichen Broterwerb macht sich der 
Mangel des Aogenlichtes auf Schritt und Tritt fühlbar. Hier treten 
die hemmenden und drückenden Folgen der Blindheit ein, und erst 
wenn sie da nicht überwunden werden können, wird die Blindheit 
zum wahren Unglück. Hier aber können sie überwunden werden, und 
zwar leicht überwunden werden, doch nur selten aus eigener Kraft 
des Blinden, sondern unter Mithilfe der vollsinnigen Menschen, denn 
die wahre Lage der Blinden ist die, daß sie arbeiten können, daß 
sie gut arbeiten können, daß sie aber minder konkurenzfähig sind, 
weil sie eben infolge der Blindheit nur langsamer zu arbeiten ver- 
mögen als ihre sehenden Mitbewerber. Betrachten wir nur einmal 
einen blinden Klavierstimmer. Dies ist ein Gebiet, auf dem sich der 
Blinde bereits durchgesetzt hat. Aber unter wieviel schwierigeren 
Bedingungen arbeitet da der Blinde als der Sehende! Er muß auf 
allen seinen Wegen eine Begleitperson haben, die natürlich einen 
beträchtlichen Teil seines Verdienstes beansprucht. Trotzdem darf 
er nicht um einen Heller mehr als der Sehende verlangen, eher 
weniger, denn er muß ja konkurenzfähig bleiben. Ähnlich liegen die 
Verhältnisse beim blinden Musiklelirer, beim blinden selbständigen 
Gewerbetreibenden. Beim blinden Handwerksgehilfen fällt hauptsächlich 
der Umstand ins Gewicht, daß er langsamer als der sehende arbeitet. 

Eines der größten Übel ist es und zugleich eines der traurigsten 
Zeichen der Zeit, daß der Blinde faßt ständig unter dem Arbeits- 
mangel leidet. Er kann arbeiten, er will arbeiten, er hat aber keine 
Arbeit, weil er nicht vollkommen konkurenzfähig ist. Aber nicht nur 
der kleine Gewerbetreibende, sondern auch die großen Fürsorge- 
und Beschäftigungsanstalten für Blinde leiden ständig unter Arbeits- 
mangel, weil insbesondere die auf rein gewerblicher Basis fußenden 
Einrichtungen, wie beispielsweise die Produktivgenossenschaft für 
blinde Bürstenbinder und Korbflechter in Wien, mit den großen 
Unternehmungen der Sehenden nicht konkurrieren können, da sie 
ihren blinden Gehilfen doch weit höhere Löhne zahlen müssen, wenn 
diese auch nur ein bescheidenes Auskommen durch ihrer Hände 
Arbeit finden sollen. Wäre es da nicht, ganz abgesehen vom humanitären, 
schon vom rein volkswirtschaftlichen Standpunkt aus die primitivste 



Seite 684. Zeitschrift für das österreichische Rlindenvvesen. 2. Nummer. 

Pfliclit des Staates, des Landes und der Kommunen, ihre blinden 
liüro^er mit Arbeit zu versehen? Wenn diese autonomen Behörden 
nur einen kleinen Teil ihres Bedarfes an Bürsten, Körben, Sesseln, 
h^iÜmatten usw. bei den BJindenfürsoro^estellen decken wollten, wie 
viele ihrer Bürger würden sie tlamit zu nützlichen Mit<yliedern der 
menschlichen Gesellschaft machen, wie viele brachliegende Kräfte 
für das Wirtschaftsleben nutzbar machen ! Wäre das nicht Volks- 
wirtschaftspolitik und soziale Hilfe im besten Sinne des Wortes? 



Der Erblindende. 

Von Erika R h e i n s cli . 

Kühler wird es, wo ich wohne, 
Dämmerip^er nah und fern, 
Aus der Himmels-Strahlenkrone 
Fehlt schon mancher schöne Stern. 

Tiefer fußen Tal und Grüfte, 
Zauberhafter rauscht der Hain 
Und mit süßerem Gedüfte 
Schließt sein volles Laub mich ein. 

Magst du, bunte Welt, verblassen ! 
Aus dem feurigen Gewühl 
Kehr' ich schauernd und gelassen 
In mein innerstes Gefühl. 

(Jugend.) 

Personalnachrichten. 

— Ertrinkungstod eines Blinden. Am 21. Dezember l9l6 fand durch 
einen Unglücksfall der blinde Organist Fianz Hö Hermann in Unterach am Attersce 
den Tod in den Wellen dts Sees. Obwohl seit Jugend mit der Gegend vertraut, 
verlor er bei starkem Schneefall den Weg und stürzte ins Wasser, aus dem t-r sich 
nicht mehr zu retten vermochte. Höllermann, ein tüchtiger Musiker, erfreute sich 
bei der einheimischen Bevölkerung wie bei den zahlieichen Sommerfrischlern 
großer Beliebtheit. 

flus den Anstalten. 

— Od i 1 i e n - B 1 i n d e n an s tal t in Graz. Aus dieser von DirektO'' Dr. 
Josef Hartinger geleiteten Anstalt kommt die erfreuliche Nachricht, daß trotz 
der zunehmenden Schwierigkeiten der Betrieb einen ungestörten Fortgang nimmt. 
Gegenwältig sind daselbst außer den sonstigen Pfleglingen 22 Kriegsblinde zur 
Ausbildung untergebracht. Die Gesamtzahl der Kriegsblinden,- welche bisher in der 
Anstalt ihre Ausbildung genossen, beträft 38. 

flus den Vereinen. 

- Zehnjähriger Bestand der Pr oduk ti vg en o s s e n s ch a f t fü r 
blinde Bürstenbinder und Korbmacher in Wien VIII. Am 10. März 
sind es ]0 Jahre, daß diese auf den Prinzipien einer Erwerbs- und Wirtschaftsge- 



1. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 685. 

nossensChaft ruhende Vereinigung lilinder Handwerker als ein neues Glied in der 
Kette der Fürsorgeeinrichtungen vom I. österr. Blindenverein ins Leben 
gerufen wurde. Der Wert und die Bedeutung dieser in der gesamten Blindenwelt 
ersten und fast einzigen Organisation liegen sowohl in dem Zusammenschlüsse zer- 
splitterter oder brachliegender Arbeitskräfte zu gemeinsamer, nutzbringender Arbeit, 
als auch in dem ethischen Momente, daß jeder Teilhaber sein bestes Können und 
sein lebhaftes Interesse sum Wohle des Ganzen einsetzt. Ohne die Notwendigkeit 
an Versorgungsanstalten und Heimen für sogenannte wirtschafilich Schwache ein- 
zuschränken, soll die Genossenschaft jenen zugute kommen, welche durch finanzielle 
Schwäche oder andere Umstände nicht lu^standc sind, dem gewerblichen Wettbe- 
werbe standzuhalten, dabei aber doch genug Willenskraft nnd Fähigkeit aufbringen, 
dem Lebenskampf draußen" in der Welt die Stiine zu bieten, erfüllt von dem 
Wunsche nach möglichst freier persönlicher Selbstbestimmung. Daß diese hier zur 
Geltung gebrachten Giundsätze den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen, beweist 
die große Zahl Aufnalimesuchender, deren Berücksichtigung die derzeitigen Ver- 
hältnisse noch nicht gestatten, beweist vor allem der Erfolg zehnjähriger mühevoller 
Arbeit, der sich in dem gesicherten und festen Bestände und der steten fortschrei- 
tenden Entwicklung ausdrückt. Die Genossenschaft zählt 34 Mitglieder mit 86 
Geschäftsanteilen zu 50 K, von denen 18 dauernd als Bürsten- und Korbmacher 
oder Stuhlflechter Beschäftigung finden. Bedenkt man, daß die Genossenschaft 
genötigt ist, alle Kosten für Miete, Beleuchtung, Beheizung etc. aus den Geschäfts- 
gewinne zu decken und ihren Reservefonds zu stärken, so ist dies sicher ein 
Beweis ihrer Leistungsfähigkeit un 1 ihrer kaufmännischen Führung. Im Jahre 1915 
war es sogar möglich, den Arbeitern eine Prämie von 80 K auf ihren Jahresverdiest 
zu bezahlen. Eine wichtige Aufgabe erlüilt die Genossenschaft besonders in den 
heutigen schweren Zeiten der Materialbeschaffung ; sie überläßt, soweit es ihre 
Verhältnisse erlauben, dem 1. österr. Blindenverein für seine gewerblich tätigen 
Mitglieder Arbeitsmaterial, Hölzer oder fertige Waren. Der Verein gibt dieselben 
zum Kostenpreise und gegen Tragung der Frachtspesen ab. Viele Handwerker 
konnten auf diese Weise ihr Geschäft aufrecht erhalten, während ihre anderen 
Bezugsquellen versiegt waren ; ganz besonders empfinden die kriegsblinden Mit- 
glieder diese Wohltat, welche allerdings für ihr Handwerk ausgebildet, mangels 
Materials dasselbe nicht verwerten können. Die Aus^'estaltung dieser Rohstoffabgabe 
wird nach Wiederkehr des Friedens ein Hauptziel des Zusammenwirkens zwischen 
Genossenschaft und Verein bilden. Vor einigen Jahren hat die Genossenschaft eine 
Nachbildung in der Genossenschaft blinder Handwerker zu Heilbronn in Würtemberg 
gefunden, welche sich ausgezeichnet bewährt und in jüngster Zeit will man füi die 
Kriegsblinden Böhmens eine ähnliche Einrichtung schaffen. Die Genossenschaft ist 
ein Kind des L österr. Blindenvereines und derselbe nimmt das Unternehmen wie 
jeden einzelnen unter seine Fürsorge und so war es möglich, das Werk und seine 
Glieder vor den schweren Sorgen des Krieges zu schützen! 

— Humanitärer Verein »Lindenbund.« Aus dem über das Jahr 1916 
ausgegebenen Bericht ist zu ersehen, daß der unter dem blinden Obmanne F. Geb- 
hardt stehende Verein 1.579 K an Blinde und 330 K an Kriggsblinde als Unter- 
stützungen ausgegeben hat. Die Zahl der unterstützenden Mitglieder hat 1373 
erreicht. Der Anschluß so vieler edler Menschenfreunde wird der Vereinsleitung 
ein Ansporn sein, auf der betretenen Bahn weiterzuschieiten. 



Für unsere Kriegsblinden. 

Die Kaiserin bei den Kriegsbli nden. Dem mitfühlenden Herzen 
unserer jungen Kaiserin danken die Kriegsblinden einen Besuch, der 
sicher ein warmes Leuchten der Glückseligkeit in die Nacht ihres 
Daseins gebracht hat. Zum Emptange Ihrer Majestät hatten sich im 
k. k. Blindeninstitut in Wien II der Protektor der Kriegsblindenfürsorge 
Erzherzog Karl Stephan und eine Reihe von Würdenträgern eingefunden. 
Regierungsrat A. Meli und seine Gemahlin geleiteten Kaiserin Zita 
und die anwesenden Würdenträger in den Festsaal, wo sich auch der 
Lehrkörper der Anstalt eingelunden hatte. 



Seite 686. Zeitschrift für das östereichische Blindenwesen. 2. Nummer. 

Beim Eintritt begrüßte ein allerliebstes blondes Mädchen die 
Kaiserin und reichte ihr einen Maiglöckchenstrauß. Die Kaiserin liebkoste 
die Kleine und hörte dann voll Teilnahme, daß das Kind die herzige 
Olena, das Töchterchen eines bulgarischen Offiziers ist, eines Kriegs- 
blinden, der gegenwärtig ebenfalls im Hause eine Heimstätte gefunden 
hat. Die Kaiserin nahm hierauf die Vorstellungen entgegen und sprach 
nicht nur mit den kriegsblinden Offizieren, sondern auch mit jedem 
einzelnen der 60 blinden Soldaten. Liebevoll erkundigte sie sich nach 
ihrer Verwundung. Sie ließ sich über die Einzelschicksale, über die 
mitgemachten Schlachten und die Lebensverhältnisse berichten. Die 
Kaiserin beschenkte einzelne von ihnen mit Blindenuhren, die durch 
den Kammerulirmacher Franz Morawetz zur Verfügung gestellt worden 
waren, dann begann der Rundgang durch die Anstalt. 

Die Kaiserin wünschte dann das Haus und die Blindenfürsorge 
genau kennen zu lernen. Sie hielt sich in den meisten der Arbeitszimmern 
auf, sprach mit den Leuten und ließ sich die Arbeitsmethoden erklären. 
Im Schreibmaschinzimmer mußte vor der Kaiserin diktiert werden und 
sie sah den Blinden bei der Arbeit zu. Eineinhalb Stunden währte der 
Rundgang, bei dem die Kaiserin zum Schlufj auch noch die Küche 
besichtigte und sich von der Wirtschaftsführung des Institutes berich- 
ten ließ. Um 1 1 Uhr verließ die Kaiserin die Anstalt, nachdem sie Direktor 
Meli ihre volle Zufriedenheit zum Ausdruck gebracht hatte. 

— Trauung eines Kriegsblinden. Am 18. Dezember 1916, fand in 
der Garnisonskirche zu Brunn die Trauung des Kriegsblinden Josef 
Chr o mecka statt, welcher seine Braut zum Altare führte, die er sich in 
glücklichen Tag;en, als er noch im Besitze seiner Augen war, fürs Leben gewählt 
hatte. Die Mährische Landeskommission und die Verwaltung d^s I>ehrlingsheimes 
haben unter Mitwirkung des Kaiser Franz Joseph-Fürsorgevereines für männliche 
Blinde für eine würdige Hochzeitsfeier, an der alle Kriegsblinden teilnahmen, Sorge 
getragen. 

— Eine Stiftung Helen Kellers für deutsche Kriegsblinde. 
Am Weihnachtstage traf, wie aus Stuttgart gemeldet wird, bei dem Stuttgarter Ver- 
leger Robert Lutz ein Brief der tauben und blinden Helen Keller aus Amerika 
ein. Er lautet: »Wrentham, Mass., ll. November 1916. Lieber Herr Lutz! Ich 
schreibe Ihnen, um Sie freundlichst zu bitten, Sie möchten alle meine Einkünfte 
aus den deutschen Ausgaben meiner Bücher (alle im Verlage Robert Lutz, Stuttgart, 
erschienen) zur Unterstützung deutscher im Kriege erblindeter Soldaten 
verwenden. Ich möchte, daß dies geschieht, solange der Krieg andauert, und bis 
zum Schluß des Jahres, in dem der Friede wiederhergestellt wird. Das ist eine 
kleine Gabe für das deutsche Volk, dessen Wertschätzung und rasche Anteilnahme 
an Franz Macys (geb. Sullivan, Lehrerin Helen Kellers) und an meiner Arbeit 
mich so oft ermutigt und erfreut haben. Ich wollte, ich hätte mehr zu geben! Aber 
zu dem, was es ist, gebe ich mein Herz mit dazu. Meine Bewunderung für die 
Deutschen ist vermehrt worden durch ihre glänzende organisatorische Fähigkeit, 
ihrem wilden Mut und ihre Kraft des Durchhaltens. Ich hin neutral : aber ich 
schaue immer noch auf das Land Beethovens, das Land Goethes und Kants, das 
Land Karl Marx, als auf ein zweites Vaterland. Aus der Nacht heraus, die mich 
umgibt, schwarz, unermeßlich endlos, halte ich meine Hand den tapferen jungen 
Männern entgegen, denen eine Granate das Augenlicht für immer ausgelöscht hat. 
Ihr heldenhaftes Opfer und ihr erbarmungswürdiges Hilfsbedürfnis bringen sie mir 
sehr nahe. Ich kenne jeden Schritt des grausammen dornigen Weges, den sie zu 
gehen haben. Aber wieviel härter ist ihr Kampf als der meine ! Sie müssen das 
Leben ganz von vorne wieder anfangen in einer Welt, die ihnen völlig fremd ist. 



Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee; K. BUrklen- 
J. Kneis, A. t. Horrath, F. Uhl. — Druck »on Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



Von neuem müssen sie anfangen zu arbeiten, ihi eigenes Leben zu leben, wenn 
sie je wieder ein irewisses Mali von Freude und Seelenfrieden erlangren sollen. Ich 
kann nicht rasten, bis ich alles getan habe, was ich kann, um sie aufrichten zu 
helfen aus Elend und Verzweiflung. Mit freundlichen Grüßen bin ich Ihre treuergebene 
Helen Keller.« — Der Briet der taubblinden Helen Keller, ist nicht nur ein 
schönes Zeugnis echten Menschentums, sondern für die Deutschen auch ein erfreuli- 
ches Zeichen dafür, daß es auch m Amerika noch Leute gibt, die sich ihr 
Urteil nicht trüben lassen, die noch an die deutsche Nation umJ die deutsche 
Kultur glauben. 

— Spende einer hochherzigen Frau. Aus Triist wird berichtet : 
Die Witwe nach dem verstorbenen Präsidenten des hiesijjen sädtischen Kranken- 
hauses. Frau Aglaja v. Manussi hat dem Präsidium der Statthalterei den ihr für 
die Zeit vom 1. Juni 1914 bis 31. Jänner 1917 gebührenden Betrag an Witwenpen- 
sion, sowie jenen des »Sterbequartals'?, zusammen Kronen 4459.58 zugunsten des 
reines »Kriegsblindenasyle« zukommen lassen. 

— Wohltätigkeitsfest. Am 26. Dezember 1916 veranstalteten die in 
der KriegsfUrsorge unermüdlich wirkenden Damen Frau Ol en evident Lina Strehl e, 
Frau Hauptmann Zikes und Frl. Cäzilie Zimmermann zugunsten erblindeter 
und verwundeter Krieger der Klinik des Hofrates Prof. D i m m e i, der Verwundeten 
des Filialspitales Nr. 11 und des Reservespitales eine C h r i s t b a u m f e i e r, deren 
Reinerträgnis am 13. Jänner 1917 im Saale »Zur goldenen Glocke«, \'I1. Neuhaugasse 
5, an Soldaten zur Verteilung gelangte. 

— Ausstellung. In der Galerie Arnot, Wien 1. wurde eine Kollektiv" 
ausstellung von Studien und Bildern des Kriegsmalers Hauptmann d. R. Hugo v. 
Bouvard unter dem Protektorat des Erzherzogs Karl Stephan eröffnet. fJas 
Ertrags fließt den Kriegsblindenheimstätten zu. 

— -Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende Jänner 1. J. 

— Neue Freie Presse: 1,042.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 1,850.000 K. 

— Conrad von Hötzcndorf-Stiftung: 365.000 K. 

— Reichspost: 23.600 K. 

— Linzer Tagespost : 47.228 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 20.320 K. 

Verschiedenes. 

El inde n e rzich ung in der Schweiz. Den Schweizer Blinden im schul- 
pflichtigen Alter dienen fünf Blindenanstalten und zwar die 

Bernische Privatblindenanstalt in Könitz mit 47 Schülern, (deutsch) 

Kantonale Blinden- und Taubstummenanstalt in Zürich Wol- 
lishofen mit 29 Schülern, (deutsch.) 

Schule für jugendliche Blinde in Frei bürg mit 24 Schülern, 
(franz. deutsch.) 

Blindenasyl in Lausanne mit 18 Schülern, (franz.) 

Institut für schwachsinnige Blinde in Chailly bei Lausanne mit 
42 Schülern, (franz. deutsch.) 

Die Blinden- und Taubstummenanstalt von Zürich wurde mit einem Kosten- 
aufwändc von 630.000 Fr. in Wollishofen bei Zürich neu erbaut. Der Neubau weist 
so musterhafte und alle Bequemlichkeit entsprechende Verhältnisse auf, wie sie in 
keiner der bestehenden Blindenanstalten zu finden sind. Auch die Anstalt in Köniz 
will durch Neubauten den modernen Anforderungen an' hygienischer und praktischen 
Anstaltsbetrieb nachkommen. 

(Jahresbericht des Schweiz. Zentralvereines für das Blindenwesen, 1915.) 

Mitteilung. 

— Zentralvein für das österreische Blindenwesen. Die p. t. 
Ausschußmitglieccr werden zu der am Freitag, den 16. Februar um 5 Uhr in der Beschäfti- 
gungs- und Versorgungsanstalt in Wien VIII, Josefstädterstraße 80 stattfindenden 
Ausschußsitzung höflichst eingeladen. Tagesordnung: Mitteilungen. Kassa- 
bericht. Durchführung der Beschlüsse des V. österreichischen Blindenfürsorgetages. 
Allfälliges. 



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Wien, XVII., Hernalser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorschulpflichtigen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung. 




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— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



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Q Purkersdorf 

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D Österreichisches 

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^ kontoNr.l 32.257 



Das Biatt ersdieint 
monatlidi einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



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Bezugspreis 


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ganzjährig mit 
Postzustellung 


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4 Kronen, 


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Einzelnummer 
40 Heller. 


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4. Jahrgang. 



Wien, März 1917 



3. Nummer. 



IMHRLT: K. Bürklen, Purkersdorf: Die Entwicklung der Blindenschrift. Klang- 
schrift und Blinden - Prägedruck. Das „Postaphon" von Wurfschmidt. 
Hofrat V. Chlumecky: Vortrag über Kriegsblindenfürsorge in Brunn. Othmar 
Huber: Rn die Sehenden. Personalnachrichten. flus den Vereinen. 
Für unsere Kriegsblinden. Verschiedenes. Zentraibibliothek für Blinde in 
(Rltes und Neues. Ankündigungen). 



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?J Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VIII, 
5 Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. [i 

□If^ J Ö 



;Mtes und Neues. 



Thu m m er e 1" Johannes, H a n n e r 1 e, ein Bündenroman. Leipzig, Fr. 
Wilh. Grunow, 1916 (257 S.) 
Das Buch ist ein Tendenzroman, der panthcistische Ideen ver- 
breitet. Es ist arm an Handlungen, welche überdies zeitlich und ört- 
lich eng begrenzt sind; der Verfasser verlegt sich hauptsächlich auf 
die Schilderung der Natur und die Beschreibung von seelischen Vor- 
gängen, und hierin zeigt er Geschick. Die Betrachtungen über die 
Natur und die herangezogenen Vergleiche sind anmutig, wenn auch 
seine Phantasie mitunter gar zu üppig wird. So spricht er S, 8 von 
schweratmenden Dächern, und in der Beschreibung Manerles S. 9 
erfahren wir, daß sich ,,dic große Unterlippe in weitem Bogen in die 
Länge zog und mit der breit herabhängenden Nase die Form eines 
Ankers bildete". Die Charakteristik der blinden Krämerstochter Johanna 
Ennepeer aus der böhmisch-sächsischen Grenze entspricht den Eigen- 
arten der Blinden und läßt schließen, daß der Verfasser Gelegenheit 
hatte, mit Blinden zu verkehren. Die Sprachp fließt leicht dahin, hat 
aber manche harte Wortbildungen. Es drängt sich dem Leser das 
Gefühl auf, daß deshalb eine Blinde als Hauptperson des Romanes 
gewählt wurde, um für das Buch, das im übrigen ziemlich gehaltlos 
ist, und in letzter Linie für den Pantheimus als Reklame zu dienen. 
Der Verlust für die Literatur wäre nicht groß, wenn der Roman nicht 
geschrieben worden wäre. Den Blindenpädagogen aber berührt es 
schmerzlich, daß den Lesern als Vertreterin der Blinden ein achtzehn- 
jähriges sentimentales Mädchen vorgeführt wird, welches nie einen 
Unterricht genossen hat und sich weigert, sich in einer Blindenanstalt 
ausbilden zu lassen, das sich aber naseweis mit seinen überspannten 
Gedanken aufdrängt. Läßt das Buch schon den nötigen sittlichen 
Ernst vermissen, so ist e» wegen seiner Tendenz vom christlichen 
Standpunkt aus überhaupt abzulehnen. 

Graz, Dr. Josef Hartinger. 

Man erlebt mit derartigen Erscheinungen, die sich als ,, Bünden- 
roman," „Aus der Blindenwelt" usw. ankündigen, immer dieselbe 
Enttäuschung. Mit Erwartung nimmt man sie zur Hand, um sie mit 
Bedauern wegzulegen. Ein wirklicher und wahrhaftiger Bündenroman 
ist bisher nicht vorhanden und soll erst geschrieben werden. Pflicht 
der Blindenpädagogen ist es, Stellung gegen die Literaten zu nehmen, 
die sich in derartiger Anmaßung an die Lesewelt wenden. 




4. Jahrgang. 



Wien, März 1917. 



3. Nummer. 



fmmfi'^^^^^wm^^^M^'Sim^^^Mm^m^^^^M^^^^^^^^^^^m^m^w^»^»^^ 



ii' 



Aus Finsternis zum Licht steigt eine Stufenleiter 
Die dunkel ist am Fuß und an der Spitze heiter. 
Im Schatten siehst du nicht, wie hoch die Leiter du 



m 



* Aufklommest! Doch du klimmst zum Licht auf, klimm nur zu! ^ 

■®' St 

^ F. Rücker t. (Die Weisheit des Brahmanen). ^ 



Die Entwicklung der Blindenschrift. 

Von Direktor K. ßürklen, Purkersdorf. 



Die Blindenschrilt hat naturgemäß ihren Ausgang von der Schrift 
der Sehenden genommen, denn die ersten Bemühungen,* Blinde mittelst 
tastbar gemachter Buchstaben lesen zu lehren, konnten nur hier anknüp- 
fen. Vereinzelte Versuche zur Heistellung einer brauchbaren Blinden- 
schrift, die schon in älterer Zeit geschahen, erlangten keine allgemeine 
Bedeutung. Sie überzeugten lediglich von der Möglichkeit, Blinde auf 
diese Art das Lesen zu vermitteln. Erst dem Begründer der ersten 
Blindenanstalt V. Haüy gebührt das Verdienst, eine Reliefschrift in 
den Blindenunterricht eingeführt zu haben. Wie Haüy zu der von ihm 
verwendeten Tastschrift gelangte, erzählt er in seiner Abhandlung über 
die „Erziehung der Blinden" (Paris, 1786), welches Buch zugleich in 
Schwarz- und Reliefschrift gedruckt, auch von Blinden gelesen wer- 
den sollte. 

»Wir beobachteten, — sagt er — , daß ein bedrucktes Blatt 
beim Verlassen der Presse auf der Rückseite alle Buclistaben erhaben 
zeigte, aber verkehrt. Wir ließen Lettern gießen, die so beschaffen 
waren, daß ihr Abdruck auf Papier von den Augen wahrgenommen 



Seite 692. Zeitschrift für das öiterreichische Blindenwesen. 3. Nummer" 

werden kann, und mit Hilfe eines angefeuchteten Papiers gelang es 
uns, das erste Exemplar abzuziehen, das bisher mit erhabenen Buch- 
staben erschienen war, welche durch das Gefühl unterschieden werden 
konnten. Nachdem wir nach und nach Buchstaben von verschiedener 
Dicke benützten, je nach der Beschaffenheit des Tastsinnes unserer 
Schüler, haben wir geglaubt, uns, wenigstens in der ersten Zeit unseres 
Unterrichtes, auf das beschränken zu müssen, was dazu diente, den 
Haupteil dieses Werkes (der Abhandlung) zu drucken. Diese Schriftart 
scheint uns die Mitte zu halten zwischen denen, welche die des Lichtes 
Beraubten fühlen können, jeder nach dem Grade der Feinheit, welchen 
die Natur ihm gibt, oder welchen Alter oder Arbeit seinem Gefühle 
lassen.« 

Der Hauptteil der >Abhandlung« ist also in einer Reliefschrift 
gedruckt, welche nach Haüy's Aussage von seinen Blinden gelesen 
wurde. Es sind Groß- und Kleinbuchstaben der damals zum Schreiben 
üblichen Kursivschrift. (Tafel Nr. 1). Die Formen der Kleinbuch- 
staben sind durchwegs einfach und klar, was von den Großbuchstaben 
nicht behauptet werden kann. Betrachtet man die Schrift von Haüy 
auf Größe* und Form hin, so muß sie wohl als für Blinde lesbar an- 
gesehen werden; jedoch ist das Relief ein so geringes, daß man sich 
wundern muß, daß sie tatsächlich von den Schülern Haüys gelesen 
wurde. Der Vorwurf, daß Haüys Typen einen zu großen Raum ein- 
nahmen und daß daher nur wenig Text auf eine Seite ging, ist nicht 
stichhältig, da später eingeführte Blindenschriften, ja selbst die Punkt- 
schrift bedeutend mehr Raum beanspruchten. (Vergleiche die Größen- 
verhältnisse auf der Tafel !) Dagegen ist in der komplizierten Form 
namentlich der Großbuchstaben gegenüber anderer Schriften ein ent- 
schiedener Nachteil zu erblicken. Wie kam Haüy gerade zu diesen 
Formen der Kursiv-Schreibschrift, wo er doch in den Druckformen der 
Antiqua seiner Zeit bessere Vorbilder vor sich hatte? Er klärt uns da- 
rüber mit folgender Bemerkung auf: 

»Wir haben auch die Vorsicht gebraucht, unseren Druckbuchstaben 
die Form der geschriebenen zu geben, um den blinden Zögling früh- 
zeitig an die Auffassung der Ähnlichkeit zu gewöhnen.* 

Haüy ließ nämlich seine Blinden mit einer eisernen Feder, deren 
Spitze ungespalten war, auf einem dicken Papier durch Aufdrücken 
vertiefte Buchstaben hervorbringen, die sie dann lesen konnten, indem 
sie die Finger über die erhöhten Züge der Rückseite hinweggleiten 
ließen. Diese Schreibversuche waren also für die Wahl seiner Druck- 
buchstaben entscheidend, denn er gewann damit eine einheitliche Druck- 
und Schreibschrift. Dieser Grund mag auch für seine Nachfolger 
maßgebend geblieben sein, denn obwohl von ihnen bereits Versuche 
gemacht wurden, die Antiquaschrift für den Blindendruck zu verwenden, 
blieb Haüy's Kursivschrift in Gebrauch und wir finden sein Alphabet 
noch in Guillie's »Abhandlung über die Unterweisung der Blinden« 
(Paris, 1817) wiedergegeben. Die daran vorgenommenen Verbesserungen 



*) Die Tafel enthält alle Schriften in genauer Nachbildung und natür- 
licher Größe. 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 693. 

bezogen sich hauptsächHcli auf ein stärkeres Relief, denn die bis zu 
20 mm erhöhte Größe der Buchstaben sowie die eingeführte Schräglage 
sind als solche nicht zu betrachten. 

Auch J. W. Klein wählte zum Lesen und Schreiben für Blinde 
die lateinischen Buchstaben der Kursivschrift, »weil die Blinden diese 
Formen am leichtesten durchs Gefühl lesen.« In sein^jm »Lehr- 
buch zum Unterricht der Blinden« (Wien 1819) setzt er hinzu: 
»Einige Buchstaben müssen in dieser Schrift noch vereinfacht werden, 
so wie auch alle unwesentliche, bloß zur Verzierung dienende Züge 
und Striche wegbleiben müssen.« Und weiters : »Damit der Blinde nicht 
nötig hat, ein neues Alphabet zu lernen, wählt man zum Schreibenlernen 
die gewöhnlichen kleinen lateinischen Buchstaben, welche er schon 
beim Lesenlernen durchs Gefühl kennen gelernt hat.« Die auf einer 
Tafel dem »Lehrbuch« beigegebenen Kursivformen seiner Druckschrift 
.sind wohl etwas vereinfacht, jedoch sehr groß und enthalten schräg 
gestellte Großbuchstaben neben senkrecht stehenden Kleinbuchstaben. 
Übrigens wurde von diesem Druckalphabet kein Gebrauch ge- 
macht. 

Klein beschreibt aber auch in seinem >Lehrbuche« eine Schrift, 
welche dem Blinden den doppelten Vorteil gewährt, daß er sie ohne 
Mühe selbst verfertigen und nachher durchs Gefühl lesen kann. Dazu 
dient ein Alphabet, wovon jeder einzelne Buchstabe aus einer Anzahl 
feiner Spitzen gebildet ist, die in Holz befestigt sind. Klein erfand 
zur Herstellung seiner Stachelschrift auch den bekannten Apparat. Als 
Buchstabenformen wählte er hiezu »ihrer Einfachheit und Regelmäßigkeit 
wegen die sogenannte Lapidarschrift«, die Großbuchstaben der Antiqua. 
(Tafel Nr. 3) Für diese Herstellung einer Reliefschrift durch Stachel- 
typen eigneten sich nämlich die Kursivschriftformen nicht. Vielmehr 
ergaben sich als hiefür am geeignetsten die Großbuchstaben der Anti- 
qua mit ihrer einfachen geometrischen Linienführung. Stacheltypen 
zur Herstellung von Blindenschrift soll schon Haüy benützt haben. Es 
ist dies naheliegend, da er bei der in Paris sich aufhaltenden blinden 
Musikerin M. Th. Paradis eine Schrift sah, die auf einer Karte durch 
Nadelstiche gebildet war. Zur brauchbaren Verwendung brachte die 
Stachelschrift jedoch erst Klein. 

Mit der Stachelschrift treten die Buchstabenformen der Antiqua 
und zwar die Großbuchstaben im Blindendruck auf. Versuche zur Ein- 
führung dieser Formen geschahen schon in alter Zeit. Auch Haüy er- 
probte sie für seine Zwecke; ebenso sein Schüler Lesueur. Aber erst 
in den ersten Jahrzehnten nach 1800 wird die Kursivschrift langsam 
von den Antiquaformen abgelöst und es entstanden Blindendrucke mit 
diesen Typen. Damit verschwanden die Kursivschrifttormen und es ergab 
sich eine besondere Druckschrift, da weiterhin in Kursiv (Latein) ge- 
schrieben wurde. 

Bei der technischen Herstellung des Antiquadruckes unterscheiden 
wir den Liniendruck und Stachel- bezw. Perldruck. Diese Druckarten 
gehen nebeneinander und erlöschen mit der Aufgabe der Antiquafor- 
men in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Nur die Stachel- 
schrift hat sich durch den Klein'schen Apparat bis in die Gegenwart 



Seit«' 694. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

gerettet. Die Antiqua auch als Schreibschrift einzuiühren, wurde neben 
dem Klein'schen Stacheltypenapparat die Heboldsche Schreibtafel er- 
funden, so daß eine Zeitlang die Antiqua zur einheitlichen Druck- und 
Schreibschrift für Blinde wurde. 

Die Buchstabenformen der Antiqua haben während der Zeit ihrer 
Verwendung mancherlei Veränderungen in Gestalt und Größe erfahren. 
Die von Dufau herrühren. Typen der Großbuchstaben dieser 
Schrift (Tafel Nr. 2) enthalten noch manche Nebensächlichkeiten und 
sind von geringer Größe. Dafür erscheinen die Stachel typen Kleins 
(Tafel Nr. 3), in einfachster Darstellung, wenn auch übergroß. Die ebenso 
klaren Perldruckformen aus Stuttgart, bezw. lUzach, (Tafel Nr. 4) 
gehen auf ein entsprechendes Maß zurück. Der Wiener Lin ien d ru ck 
(Ta'el Nr. 5.) verwendet bei erheblicher Größe Groß- und Kleinbuch- 
staben. 

Es hat auch nicht an Versuchen gefehlt, die Formen der Antiqua 
zur Erleichterung der Auffassung durch die tastenden Finger soweit 
zu vereinfachen, daß man sich damit von der für Sehende lesbaren 
Schrift immer mehr entfernte und zu einer spezifischen Blindenschrift 
gelangte. So weist die Gall'sche Runenschrift (Tafel Nr. 6) wohl 
noch viele Ähnlichkeiten mit den Antiquavorbildern auf Die Moon'sche 
Schrift (Tafel Nr. 7) ist jedoch für Sehende nicht mehr lesbar und 
stellt bereits eine besondere Blindenschrift dar. Inbezug auf die Tastbar- 
keit war diese Schrift allerdings allen vorher aufgetretenen Linien- 
schriften überlegen. 

Die Lösung des Problems einer vollendeten Blindenschrift gelang 
jedoch nicht auf diesem Wege. Sie ergab sich vielmehr aus der Tatsache 
deß für das Tastgefühl der Punkt das einfachste Gebilde sei und 
daher eine Blindenschrift aus Punkten zusammengestellt werden muß. 
Die Erfahrung lehrte, daß gegenüber dem Linienrelief das Punktrelief 
leichter zu tasten ist. Das zeigte schon der Stachel- und Perldruck, 
Außerdem war durch eine Punktschritt wieder eine Vereinheitlichung 
von Lese- und Schreibschrift möglich. In technischer Beziehung sprang 
der große Vorteil in die Augen, welche eine Punktschritt dadurch bot, 
daß sie sowohl im Druck als beim Schreiben viel leichter herzustellen 
war als jede auch noch so vereinfachte Linienschrift. 

Gedanke und Auslührung der Idee, aus Punkten eine Blindenschrift 
zu schaffen, rühren von L. Barbier her, der sich mit der Telegraphie 
beschäftigte, (Gleichzeitige Bemühungen von Engelmann in Linz führten 
zu keinem Ergebnisse.) Er stellte nicht nur ein System für eine solche 
Schrift auf, sondern schuf auch eine Schreibtafel, mittelst der sich 
seine Punktschrift leicht herstellen ließ. Wohl erwies sich sein System, 
das im Pariser Institut im Jahre 1821 Eingang fand, besonders wegen 
der Höhe der Schrittzeichen (bis zu 6 Punkten in der Höhe,) als zu 
umständlich, fand jedoch durch den Zögling des Pariser Institutes 
L. Br a i 1 1 e eine geniale Vereinfachung. Als B r a i 1 1 e' s c h e P u n k t s ch r i f t 
(Tafel Nr. 8) hat sie dann ihren Siegeslauf durch die Welt angetreten. 
Mit ihr war eine ideale Blindenschrift geschaffen, und zwar eine ein- 
heitliche Lese- und Schreibschrift, deren Vorteile gegenüber den anderen 
Schriften nicht zu verkennen waren. Höchste Einfachheit und Klarheit 
der Zeichen waren in ihr mit geringer Ausdehnung und leichtester 
Tasibarkeit verbunden. Wer die Zusammenstellung der verschiedenen 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreirhischr Blindenwcsen. Seite'695. 

Schriften auf der Tafel prüft, wird diese Tatsachen schon durcli die 
bloße Betrachtung bestätigt finden. Der sich immer mehr vervollkom- 
mende Platten-Punktdruck schul eigentlich erst die Blindenliteratur. 
Mit ihr . erschlossen sich den Blinden die Quellen der Bücherschätze, 
durch sie gelang der mühelose und sichere schriftliche Verkehr der 
Blinden untereinander. Der Haupteinwand gegen die Punktschrift, daß 
sie nur eine Blindenschrift sei und daher die Blinden von den Sehenden 
scheide, konnte ihre Verbereitung nicht hindern. Wohl dauerte es 
Jahrzehnte, ehe sie sich zur allgemeinen Annahme durchrang, wohl gab 
es noch einen harten Kampf zwischen ihr und der Antiqua-Linienschiift, 
aber die Jahre von 1850 bis 1870 entschieden entgültig den Streit 
mit der Annahme der Punktschrift, die seither die unbestrittene Herr- 
schaft auf dem Gebiete des Blindenunterrichtes und der Blindenbildung 
erlangte. 



Klangschrift und Blinden-Prägedruck 

^von Dr. Max Herz, Wien. 

In einer Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien berichtete 
Dozent Dr. M. Herz über die Fortschritte in der Einführung seiner 
Klangschrift. 

Die vom Redner erfundene Klangschrift für Blinde ist vielfach 
besprochen worden, die Darstellung derselben ist aber ganz verfälscht 
worden. Er bespricht daher kurz das Prinzip derselben. Die Klangschrift 
ist nach Art der Morseschrift, nur daß nicht bloß kurz und lang, 
sondern auch hoch und tief, schnell und langsam hierbei verwendet 
werden. Zur Aufnahme dient ein gewöhnliches Grammophon. Der 
„Schreibapparat" hat Metallzungen, die durch eine Klaviatur zum Tönen 
gebracht werden. Die Töne werden auf Wachsplatten registriert, wobei 
sehr langsam geschrieben wird. Von der Wachsplatte wird galvano- 
plastisch ein Abzug hergestellt, von diesem Abzug wird die Schrift in 
Stahl- oder gewöhnliche Grammophonplatten abgedruckt mittels einer 
hydraulischen Presse. Praktische Versuche an einer Gruppe von Damen 
haben ergeben, daß die Klangschrift ebenso leicht wie die gewöhnliche 
Blindenschrift zu erlernen ist und demnächst wird der Unterricht auf- 
genommen werden. (Demonstration des Schreibens, der Aufnahme und 
des Abhörens der Klangschrifl.) Redner ist von Blindenlehrern ange- 
griffen worden, daß er den Blinden ihr kostbarstes Gut, die Braille- 
schrift, entziehe. Er hat daher untersucht, ob die Brailleschrift in der 
Praxis für die Blinden wirklich ein solcher Segen sei, denn theoretisch 
ist sie es. Er hat untersucht, ob sie auch tatsächlich die Verbreitung 
gefunden hat, die sie haben müßte, wenn sie einen größeren Nutzen 
stiften sollte. In Wirklichkeit gibt es zu wenig Bücher mit Brailleschrift, 
die Bücher sind sehr teuer; ein Band, der den Inhalt eines kleinen 
Reclam-Buches entspricht, kostet 3 — 5 Mark; die Bücher sind sehr 
umfangreich, die erhabene Schrift wird bald abgeflacht, das Buch ist 
unbrauchbar geworden. Redner hat daher nach einem Verfahren gesucht, 
welches diesen Übelständen beikommen kann. Er läßt die Brailleschrift 
nicht erhaben in ein Papier hineinpressen, sondern vertieft, und zwar 



Seite 696. Zeilschrift für das östereicliische IJlindcnwesen. 3. Nummer. 

läßt er das Papier dutchlochen. Dieses durchlochte Papier ist eine 
Schablone, von der dann auf Papier beliebig viele Abzüge gemacht 
werden können, auf welchem dann die Schriftzeichen erhaben sind. 
Man muß die Schablone nur mit einer dicken Lösung bestreichen — 
Redner hat Dextrin genommen, derzeit versucht er andere Lösungen 
— , dann bleiben beim Trocknen die Zeichen erhaben und gut tastbar. 
Das Papier kann dabei dünn sein, nicht so ungemein dick, wie bei 
der Braille-Schrift, ein Band kommt auf 25 — 30 Pfennige, ist viel kleiner 
als ein Band in gewöhnlicher Blindenschrift. Redner hat nun auch 
versucht, andere Methoden für die Blinden zu verwerten. Er fand, daß 
in einer Wiener Druckerei mit gewöhnlichen Typen gedruckt wird, in 
der Druckerschwärze aber mehr Terpentin als gewöhnlich ist. Nach dem 
Druck wird ein Pulver, dessen Zusammensetzung Geheimnis der 
Druckerei ist, aufgestreut und das Papier über Wasserdampf gehalten, 
die Schrift bleibt dann erhaben, tastbar. Redner macht jetzt Versuche, 
ob die gewöhnlichen Typen in praktisch noch brauchbarer Größe sich 
nach diesem Druckverfahren nicht zur Blindenschrift eignen werden. 
Auch Versuche mit Gipspapier stellt er jetzt an. Man druckt aut Gips- 
papier und legt das Papier dann in verdünnte Säure. Der Gips wird 
weggeätzt, nur wo gedruckt wird, bleibt der Gips stehen. Schließlich 
berichtete Dr. Herz über die Bemijhungen zur Schaffung eines Illustra- 
tionsverfahrens für Blindenbücher. Lineare Zeichnungen lassen sich 
bereits in tastbarer Form vervielfältigen, indem man dieselben auf 
Zink klischiert und auf der Buchdruckpresse abzieht. 

Fliezu sei festgestellt, daß Dn Herz von Blindenlehrern niemals 
angegriffen wurde, sondern daß wir uns lediglich erlaubten, seine 
Erfindung vom praktischen Gesichtspunkte auf ihren Wert zu prüfen. 
Wenn es Dr. Herz gelingt, an Stelle der Brailleschrift den Blinden 
etwas Besseres zu geben und den Prägedruck nach seiner Erklärung 
auf ein Zehntel zu verringern, so wird ihm niemand mehr dafür danken 
als die Blinden selbst und wir Blindenlehrer. Die über die Versuche 
mit einem neuen Prägedruck gemachten Angaben erinnern leider an 
sehr alte Bemühungen früherer Erfinder. Wir wollen jedoch auch hierin 
ein endgültiges Urteil der praktischen Erprobung überlassen. 



Das „Postaphon" von Wurfsdimidt. 

In einer anderen Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien berichtete 
Dr. Philipp Silberstern über Erfindung des Ingenieurs Wurf- 
schmidt, der seinen Apparat „Postaphon" benannt hat. Seine 
Methode zeichne sich im Gegensatz zur Herzschen Klangschrift 
zunächst dadurch aus, daß kein System von Morsetastern und kein 
neues Alphabet, das erst erlernt und eingeübt, dann abgeklopft 
und dechiffriert werden müßte, erforderlich ist. 

Schon ein verhältnismäßig kleiner Apparat genügt, um die 
Worte auf einer Schallplatte dauernd zu fixieren. Eine kleine Um- 
stellung an dem Apparat reicht hin. um das Gesprochene zu 
jeder Zeit in beliebiger Häufigkeit und Schnelligkeit mit beliebigen 
Unterbrechungen abzuhören. Als Schallplatte dient eine billige 



Zeitschrift für das österreichische 



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1 . Ältester Blindendruck in Kurs 

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2. Alterer Liniendruck in Antiq 



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3. Stacliclschrift in Antiqua vo 



4. Pcrldruck in Antiqua. Stuttgart. 

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5. Späterer A n t i q u a d r u ck. Wien. 

6. Runenschrift von J. Gall. Starl 

7. Blindenschrift von W. Moon. l 
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8. Punktschrift von L. Braille. Sp 



Inwesen. Beilage zu Nr. 3, 191' 



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hrift von W. H a üy. Seit 1786. 



Lesueur seit 1806. P. Dufeau seit 1840. 



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^. Klein. Seit 1809. 



1840. 



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1840. 



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nderte Antiqua. Seit 1833. 



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sehe Blindenschrift in Liniendruck. Seit 1847 












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he Blindenschrift in Punktdruck. Seit 1821. 













3. Nummer. Zeitschrift für das österreichisclie Blindenwesen. Seite 697. 

Papierfolie mit wachsartigem Überzug, die tausend Worte aufzuneh- 
men vermag. Die Platte kann als Brief versendet werden und die 
Wiedergabe des Geschriebenen überall vermitteln, wo ein ähnlicher 
Apparat zur Verfügung steht. 

Man kann also einen Brief sprechen, einen Brief hören und 
da die Schrift einen sehr kleinen Raum einimmt, kann man auf 
diese Weise auf geringem Räume sprechende Bücher herstellen. Die 
Erfindung hat zunächst für Zwecke einer neuen Blindenschrift die 
Anerkennung eines Fachmannes wie Direktor Heller gefunden nnd 
befriedigt die Blinden außerordentlicli. Man wird mit diesem Apparat 
ohne Hilfe der Augen schreiben und lesen können. Aber auch beim 
Mangel einer gebrauchsfähigen Hand wird der Apparat briefliche 
Mitteilungen zustande bringen können. Für ärztliche Zwecke können 
die Perkutions-- und Auskultationslaute auf der Papierfolie des 
Apparats fixiert werden. Eine so entstehende Lautniederschrift kann 
als Beilage zur Krankengeschichte aufbewahrt werden und läßt sich 
an jedem Ort vorführen. Es kann gesammelt und die Sammlungen 
zu Lehrzwecken verwertet werden. 

Das Problem des sprechenden Briefes, des sprechenden Buches 
ist, schloß der Vortragende seine Miteilungen, schon heute durch 
den Wurfschmidtschen Apparat, eine österreichische Erfindung, in 
vollkommener Weise gelost worden. Dieser Erfindung gehöre die 
Zukunft. 



Vortrag über Kriegsblindenfürsorge in Brunn. 

Im großen Saale des deutschen Kaiser Franz Josefs-Lehrlings- 
heimes zu Brunn, in welchem sich derzeit die Räume der mähr. 
Kriegsblinden-Abteilung befinden, hielt der bekannte und bewährte 
BHnden-Förderer Dr. Ludwig Cohn aus Breslau am 3. Jänner 1. J. 
vor einem zahlreichen und vornehmen Auditorium einen Vortrag über 
die Zukunft der Kriegsblinden; längerer Zeit als Vertrauensmann und 
Berufsberater des Kriegsblindenfürsorge-Ausschusses der Provinz Preuß.- 
Schlesien hervorragend tätig, war Dr. Cohn einer Einladung der 
mähr. Landeskommission zur Fürsorge für heimkehrende Krieger gefolgt 

Nach einem kurzem Überblicke über die Entwicklung und den 
Stand des allgemeinen Blindenwesens in Österreich und Deutschland 
wies der Vortragende nach, daß durch den Eintritt der im Felde 
erblindeten Kriegsteilnehmer in die Fürsorge für diese eine neue 
Situation geschaffen wurde, da es galt, die modernen Bestrebungen 
in Absicht auf eine dauernde und befriedigende Versorgung, welche 
bisher später Erblindete nur in wenigen, vereinzeinten Fällen zu Teil 
werden konnte, einer Hilfsaktien im großen Umfange zu gründe zu 
legen. Mit den bisherigen System, erwachsene männliche Blinde im 
Bausch und Bogen durch Ausbildung in den üblichen Blindengewerben, 
der Bürsten- und Korbmacherei, ihren Broterwerb finden zu lassen, 
müsse gebrochen werden; es sei notwendig, die Fähigkeiten jedes 
einzelnen Individiums auszunützen, auf denen die künftige Versorgung 



Seile 6'J8. Zeitscluift das für österreichische Biindcnwesen. 1'.. Nummer. 

autzubauen sei, indem man die einen in ihren alten Beruf zurückführt, 
die andern einen neuen erg:reifen läßt. Die bisherigen Erfahrungen 
in dieser Beziehung lassen die gehegten Erwartungen durchaus gerecht- 
fertigt erscheinen. Redner führt die Erfolge des Geheimrats Prof. Dr. 
Sil ex in Berlin an, der schon viele erblindete und augenbeschädigte 
Krieger in verschiedenen militärischen Betrieben als gut bezalilte 
Arbeiter untergebracht hat, weiters auf die Bestrebungen des Landes- 
Versicherungsamtes in Stuttgart deren Berufsberatungsstelle die Anstel- 
lung erblindeter Soldaten in Uhren-Instrumenten-Maschinenfabriken 
durchgesetzt hat, endlich auf seine eigenen Bemühungen, denen es 
gelungen ist, solche Krieger in das Bäcker,- Schreiner- und Schneider- 
gewerbe zurückzuführen. Dr. C o h n, der sich in seiner Jugend in 
allen Bündengewerben ausbilden ließ, daher in den Handfertigkeiten 
sehr geübt ist, geht selbst in Fabriken und gewerbliche Werkstätten, 
um selbst die Versuche anzustellen, welche Arbeiten dort von Nicht- 
sehenden verrichtet werden können. Auch die geistigen Kräfte der 
erblindeten Krieger fanden ihre Verwertung, mancher wurde wieder 
als Lehrer, Beamte usw. oder beim Militär als sog. Prüfungs-Offizier 
angestellt. Andere wandten sich dem Kaufmannstande in verschiedenen 
Stellungen zu, auch Techniker und Chemiker gibt es unter ihnen. Um 
aber das Ziel voll und ganz zu erreichen, ist es unbedingt notwen- 
dig, daß das Vorurteil in Betreff der Blinden und ihrer Leistungs- 
fähigkeit, das noch immer selbst in den Köpfen Gebildeter spuckt, 
restlos schwinde, und daß namentlich die industriellen und gewerb- 
lichen Kreise, welche den augenbeschädigten Kriegern die Pforten 
zu neuen Lebensstellungen öffnen sollen, von der Überzeugung durch- 
drungen seien, die Faktoren in Staat und Gesellschaft seien verpflich- 
tet, den blind gewordenen Vaterlandsverteitigern durch weites Entgegen- 
kommen ein Opfer zu bringen, welches gar nicht so groß sei, 'denn 
man weiß jetzt schon, daß der Blinde ein guter, verläßlicher'gewissen- 
hafter Arbeiter sei, der oft seinen Platz besser ausfüllt, als ein Sehender. 
Auch die Frage der Ansiedlung von Kriegsblinden auf Heimstätten 
berührte Dr. Cohn und wies hiebei insbesonders auf die segensreiche 
Einrichtung des preußischen Rentengutsgesetzes hin. Unter Anführung 
einer seinerzeit an ihn gelangten sinnigen Äußerung der verstorbenen 
Königin Elisabeth von Rumänien — Carmen Sylva — dieser großen 
Blindenfreundin auf dem Throne, schloß Dr. Cohn seinen sehr interes- 
santen, formvollendeten und mit lebhaftem Beifalle aufgenommenen 
Vortrag, 

Hofrat V, Chlumecky. 



An die Sehenden! 

Von einem Kriegsblinden. 

Auch ich war einst sehend, ein Lichtmensch wie Ihr, 
Und golden erstrahlte die 'Sonne auch mir! 

Ich lebte im Lichte und liebte das Licht 
Und dachte der Lichtlosen Finsternis nicht ! 



3. Nummer. Zeitschrift für das östeireichiscfie Blindenwesen. Seile 699. 

Doch als dann die Kugel zu Boden mich riß, 
Da war mir Verzweiflung und Unglück gewiß! 

Nun bin ich ein Blinder; um mich her ward Naclu, 
Die nie mehr ein Morgen zum Tage mir maclit. — 

Ihr nennet mich glücklos, Ihr nennet mich blind. 
Und leitet mich stets wie ein hilfloses Kind! 

Auch ich sah einst fröhlich des Erdtages Licht, 
Auch ich sah die Welt und der Menschen Gesicht! 

Ich sah auf der Erde das Keimen und Blijh'n 
Und sah in den Fernen die Sterne erglijh'n! 

Ich sah meinen Vater, mein Mütterchen traut. 

Die liebend und sorgend auf mich einst geschaut! — 

Dies sehe ich nimmer; um mich her ist Nacht! 
Doch tief in der Seel' ist ein Licht mir erwacht : 

Denn nie will ich missen, was einstens ich sah. 
Es bleibe mir immerdar deutlich und nah' ! 

Bedenket, auch ich sah das leuchtende Licht ! 
Ich bin ja kein Blinder, ich sehe nur nicht ! 

Graz, am 18. Jänner 1917. Othmar Huber, Leutnant. 



Personainachrichten. 

— Gemeinderat Th urner — kaiserlicher Rat. Der 
Kaiser verlieh dem Gemeinderate Funktionär des Roten Kreuzes in 
Innsbruck Herrn Franz T h u r n e r, den Titel eines kaiserlichen Rates. 
Gemeinderat Thurner ist leider derzeit leidend; das Befinden des 
für seine unermüdlichen Arbeiten im Dienste der Wohlfahrtspflege 
neuerdings ausgezeichneten Mannes ist ziemlich befriedigend. 

Gemeinderat Thurner ist der Gründer des Tir. Voralb. 
Blindenfürsorgevereines und des B 1 i n d e n i n s t i t u t e s in 
Innsbruck. 

Regierungsrat A. Meli — Oberleutnant. Das Verord- 
nungsblatt für die k. k, Landwehr bringt folgende Verlautbarung: 
S. Majestät geruhten .weiter allergnädigst zu verleihen, aus Allerhöch- 
ster Gnade: Die früher bekleidete Oberleutnantscharge, und zwar im 
Verhältnis „außer Dienst" der Landwehr, dem ehemaligen Oberleut- 
nant in der Reserve Alexander Meli. Zur Verfügung des zuständigen 
Landwehrterritorialkommandos — für Lokaldienste im Mobilisie- 
rungsfalle. 

— Der Substitut Anton Kaiser an der n. ö. Landes Blindenanstalt in 
Purkersdorf wurde bei der Musterung als zum Dienste mit der Waffe geeignet befun- 
den und ist am 12. Februar 1. J. nach St. Polten eingerückt. 



Seile 70n. Zeitschrift für tias östfiieichische FJlindenwesen. 3. Nummer. 

flus den Vereinen. 

— Zen tr a I vere i n für das österreichische ß li n d c n wesen. A u s- 
scli ußsi tzu n 54 am 16. Ki;I)ruar 1. J. Vorsitzender Direktor H ürk I e n machte 
Mitteilungen ül>cr den Mit^liederstand und den Abonnentenstani der Zeitschrift, 
welcliei sich neuerlich erhöhte. Der von Kassier Haupllehrer Demal erstattete 
Kassaheridit war ein oünsti>,>er. An das k. k Ministerium für Kultus und Unterricht 
wurde abermals um Empfehlung der Zeitschrift und Gewährung einer Subvention 
herangetreten. Bezüglich der Durchführung der auf den V. Blindenfiirsorgetage gefaßten 
Heschl isse wird vor allem an jene gedacht werden,]welche durch das Referat des Hofrates 
V Chlumetzky angeregt wurden. Sie sollen, imter Berücksichligung der Zeitum- 
umslände, den Behörden zur Annahme unterbreitet werden, Die Referate von Alt- 
mann und Gigerl unterliegen der weiteren Behandlung seitens der vom Fürsorge- 
tage gewählten Komitees. Obmann Uhl verwies ciurch eine Zuschrift auf die 
Betrebungen der Musikerverbände zum Schutze der ausübenden Musiker. , Es wurde 
besclilossen, mit diesen Verbänden behufs entsprechender Berücksichtigung der 
blinden Musiker in Verbindung zu treten. 

— Ortsausschuß des X. Blindenfürsorgetages. Derselbe beendete 
am 16. Februar 1. J. unter dem Vorsitze des Obmann-Stellvertreters Direktor 
Stoklaska seine Arbeiten. Obmann Regieiungsrat Meli hatte vorher sune Stelle 
niedergelegt. Der aus der Verrechnung sich ergebende Übeischuß wurde als Spende 
zur Errichtung des Kriegsblindenheimes in Wien XUl bestimmt. Mit der Auf- 
lösung des Ortsausschusses übernimmt der »Zentralverein für das öst. Blinden- 
wesen-j die gesamten Vorarbeiten für die Veranstaltung des nächsten Tages. 



Für unsere Kriegsblinden. 

-r- Trauungen von Kriegsblinden. Aus Katzelsdorf in Nieder- 
österreich wird uns geschrieben: Herr Leopold VVeghofcr, Stabsfeldwebel, 
erblindete am nördlichen Kriegsschauplatze, erträgt aber sein schweres Los 
mit männlicher Geduld und Ergebung. Letzthin ließ sich der Erblindete mit seiner 
Braut Fräulein Rosalia H a i 1 i n g, der Tochter des Gemeindevorstehers von Eich- 
bühl in^ Wiener St. Stefansdome trauen. Der blinde Bräutigam erlernte in der 
Invalidenschule in Straß die Gäitnerei und erhielt alsliald in Trumau an der 
Aspangbahn ein eigenes Heim mit einem Garten, welches" das neuvermählte l'aar 
gleich nach der Hochzeit bezog. 

Aus Graz wird berichtet : In der hiesigen Mariahilferkirche fand die 
Trauung des Beamten der Österreichischen allgemeinen Unfallversichcrungs- 
anstalt Franz Eppich mit Fräulein Arranka Zimmermann statt. Herr 
Eppich hatte im Jänner v. J. auf dem Monte San Michele durch 
Brandgranaten so schwere Verletzungen erlitten, daß er das Augenlicht verlor. 
Fr erhielt die silberne Tapferkeitsmedaille 2. Klasse und vi^urde in der hiesigen 
Odi lien-B 1 indenanstalt im Maschinschreiben ausgebildet. Durch Veimittlung 
der Landesstelle zur Fürsorge für heimkehrende Krieger fand Eppich bei der 
genannten Versicherungsanstalt Beschäftigung und außerdem erhielt er eine Tabak- 
trafik auf dem Kaiser josef-Platz. Wohnung und Einrichtung des Geschäftes wurden 
vom Blindcnfonds besorgt. Der kirchlichen Feier wohnte der Statthalter Graf Clary 
und Aldringen bei. Das Brautpaar erhielt viele Geschenke. 

— Spende für Kriegsblinde. Die mährische Landeski mmission zur 
l'ürsorge für heimkehrende Krieger hat auf Wunsch des Fabriksbesilzers Theodor 
Reiser in Klogsdorf bei Freiberg in Mähren einen von ihm gewidmeten Betrag 
von 10.500 Kronen dem Armeeoberkommando zu dem Zweck übermittelt, daß dieses 
Kai)ital in Verwaltung ühemommen und aus seinen Zinsen alljährlich arme Kriegs- 
blinde, die nach Tirol zuständig und deutscher Volksangehörigkeit sind, unterstützt 
werden. 

— W o h 1 1 ä t i g k e i t s a k t i o n i m R e i c h e n b e r g e r - B e i s 1. Aus Anlaß 
des Regierungsantrittes Kaiser Karls I. hat eine Anzahl von Srammgästen des 
R-icheniKirger-Beisl in Wien sichrlie Aufgabe gestellt, zur Linderung der Not der im 
Kriege erblindeten Soldaten einen Fonds zu errichten, der durch eine auf diesem 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen, Seite 701. 

Stammtische aufgestellte Büchse seine Grundlage finden soll. Die Anregung hiezu 
kommt von einigen Herren, die als erste namhafte Spenden diesem humanitären 



Zwecke zuführten. 



— Veranstaltungen. Konzert der Konzertsängerin Laura Knapek 
unter dem Schutze des Fürsten Johann 11. von und zu Liechtenstein am 4. Fe- 
bruar 1. J. im Konzerthaussaale in Wien. 

— Konzert des HofopernsäaGfcrs Hans D li h a n zugunsten der »Krie^s- 
lilindenheimstätten« am 1. Februar 1. J im Musikvereinssaale in Wien. 



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Vorstellung zugunsten eiblindeter Krieger am 9. Februar 1. J. i 
Josefstädtertheater in Wien im Rahmen eines »Bunten Abends«. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende Februar 1. J. 

— Neue Freie Presse: 1.057.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 1,91 5.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 365.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 55.000 K. 

— Reichspost: 23.600 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 20.320 K. 

Verschiedenes. 

~ Die Leidensgeschichte eines Blinden. Bohumil Swoboda, ein 
neunzehnjähriger, nahezu völlig erblindeter Jüngling, wurde vor Weihnachten von 
dem Prager Landesgericht wegen Brandlegung zu einer dreijährigen Kerkerstrafe 
verurteilt. Wer kann beim Lesen einer solch kurzen Tatsache ahnen, welche Lei- 
densgeschichte dieser blinde Jüngling mitgemacht hat! Und wohl hätte kein Mensch 
gewußt, welch hartes Los den ohnedies tief unglücklichen Jüngling betroffen hat, 
wenn nicht Dr. Soukub in der letzten Sitzung des Prager Stadtverordnetenkolle- 
giums die Geschichte dieses »Falles« in einfachen, tiefergreilenden Worten erzählt 
hätte. Swoboda war ein uneheliches Kind, um welches sich nur seine Tante, eine 
arme Näherin kümmerte. Als Knabe besuchte er die Volksschule in Jitschin und 
wird derselbe von den Lehrern als braver und kluger Schüler bezeichnet. Im 12. 
Lebensjahre bekam der Junge schlechte Augen und da dieselben im Laufe der 
Jahre immer böser wurden, so daß er nur mehr Schatten und Licht unterscheiden 
konnte, wurde derselbe auf die Prager Augenklinik gebracht, woselbst man erkannte, 
daß es für den armen Jungen keine Rettung mehr gebe. Nun handelte es sich um 
die Feststellung der Heimatsgemeinde des Knaben, damit diese sich weiter um 
demselben bekümmere. Um diese Feststellung abzuwarten, wurde der blinde Knabe 
in den Prager Gemeindearrest gesteckt. Vieizehn Monate wurde der Knabe in 
diesem Arrest festgehalten. Man schrieb an die Gemeinde Raschowitz, die als seine 
Heimatsgemeinde bezeichnet wurde, doch diese gab eine andere Gemeinde als 
Heimatsgemeinde an und diese wieder eine dritte usw., keine Gemeinde wollte sich 
mit dem blinden Jüngling belasten. Dann schrieb man an die Bezirkshauptmann- 
schaft Böhmisch-Brod, Diese aber gab trotz Urgierungen keine Antuort. Endlich 
wurde der Prager Magistrat um Feststellung der Zuständigkeit des Blinden ersucht, 
doch blieb auch dieser Schritt erfolglos. 

So mußte der arme Blinde vierzehn Monate im Piager Gemeindearrest zu- 
bringen, ohne daß er nui- das geringste verschuldet hätte. Sein einziges »Verbrechen« 
war, das er überhaupt auf der Welt war ! 

Inzwischen mußte der Blinde im Arrest Hunger leiden und wurde nebstdem 
vom Ungeziefer so geplagt, daß er nicht schlafen konnte. Diesem qualvollen Zu- 
stande wollte und mußte er unter allen Umständen entrinnen und da er gehört 
hatte, -daß es den Sträflingen in den Strafanstalten ganz gut gehe, so beschloß er, 
ein Verbrecher zu werden. Zunächst wollte er einen Mord be^^ehen. Da erinnerte 
er sich, daß ihm die im Gemeindearrest untergebrachten Leute nichts zuleide getan 
hätten und er beschloß, ein Brandstifter zu werden. Am 20. November 1916 führte 
er seinen Plan aus. Er legte acht Strohsäcke aufeinander, begoß dieselben mit 



Seite 702. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

Petroleum und zündete die aufgehäufte Masse an. Der Brand wurde rechtzeitig er\t- 
dcckt und so ein größerer Schaden verhindert. 

Der Blinde wurde zu drei Jahren schweren Kerker verurteilt und es hatte 
sich hei der betreffenden Strafverhandlung der Leitei des Prager Gemeindearrestes 
Kratky namens der königlichen Hauptstadt Frag dem Strafverfahren mit dem 
Anspruch auf Ersatz des Schadens von 5 Kronen angeschlossen. 

»Ich habe rrreicht, was ich wollte«, — sagte der Blinde seinem Verteidi- 
ge,- _ »ich bin aus dem Arrest weggekommen und hier beim Landesgericht be- 
komme ich doppelt soviel Brot und schlafe die ganze Nacht. Ich bin zufrieden! Ich 
weiß was ich begangen habe, aber es bedrückt mich nicht ! 

Der Bürgermeister Grosch versprach eine genaue Untersuchung dieser 
Angelegenheit zu. 

Sollte man glauben, daß sich so etwas »im Jahre des Heiles» 1917 zutra- 
gen kann ? 

— Unglücksfall eines Blinden. In der Bahnstation Köbanya mußte 
ein Personenzug we,en der großen Schneemassen halten. Einer der Passagiere, der 
frühere Notar Eugen Kalmar, der schon seit Jahren auf beiden Augen erblindet 
ist, stieg, in der Meinung, daß der Zug bereits angekommen sei, aus dem Wagen. 
Kaum hatte rr jedoch das andere Geleiseparr erreicht, brauste ein Eilzug heran, der 
den Unglücklichen überfuhr. Er blieb aut der Stelle tot. 

— Erl)schaft. In Wien starb die Hausbesitzerin Frau Anna Bischof im 
84. Lebensjahre. Sie hat nahezu ihr gesamtes Vermögen im Betrage von mehr als 
500.000 Kronen wohltätigen Zwecken gewidmet. Dem k. k. Blindenerziehungsinstitut 
und dem Verein zur Fürsorge für Blinde in Wien wendete sie je 5000 K zu. 

— Das geblendete Tauchboot. Bekanntlich ledient sich das unter 
Wasser fahrende Tauchboot einer besonderen Vorrichtung, um die Vorgänge über 
dem Wasser beobachten zu können. Es ist dies das Periskop, ein mehrere Meter 
langes Rohr, das durch die an der Spitze eingesetzten Linsen und Spiegel ein 
Bild von der Oberfläche des Meeres bis in das Unterseeboot wirft. Mit diesem 
künstlichen gestielten »Auge« vermag der Führer des Tauchbootes seine Beobach- 
tungen über Wasser zu machen, obwohl das Tauchboot unsichtbar im Wasser ruht 
oder dahinfährt. Bei der großen Gefahr, welche die Nähe eines Tauchbootes für 
den Feind bedeutet ist dieser, vor allem bestrebt, das Tauchboot zu »blenden", 
dasselbe seines Auges zu berauben, um seiner dann umso leichter Herr werden zu 
können. Es wiederholt sich hier ein Vorgang, wie er häufig genug im Kampfe 
zwischen Menschen oder zwischen Tieren stattfindet. Die Mittel zur Blendung des 
Tauchbootes sind verschieden. Das Auge (Periskop) kann weggeschaffen werden, 
was bei der Kleinheit des Zieles nicht leicht ist. Da das Periskop nur in horizon- 
taler, nicht aber in vertikaler Richtung Umschau halten kann, vermag auch ein 
Wasserflugzeug dem Unterseeboot unbemerkt zu folgen und ihm, sobald es auf- 
taucht, das Auge zu zerstören. Das geblendete Tauchboot ist dadurch hilflos ge- 
worden, denn es muß zu seiner Orientierung voll auftauchen, was dem Feinde die 
Zerstörung erleichtert, wenn es nicht gelingt, ein neues Auge herauszustrecken. 
Gegenüber dem wirklichen Auge genießt nämlich das Periskop den Vorteil, ersetzt 
werden zu können. Und so kann auch ein geblendetes Tauchboot wieder sehend 
werden. 

— Gemütvolle Engländer. In der englischen Zeitschrift ,,The Daily 
Mirror" findet sich die Abbildung eines Anatomiesaales mit einem Skelett. Die", 
Al)bildung ist überschiieben : „Skelett eines Hunnen für die Anatomieklasse." Die 
Unterschrift lautet: „Blinde Soldaten im National Institute for the Blind 
Greav, Portland Street, erhalten Unterricht in der Anatomie. Vor zwölf 
Monaten war das Skelett ein lebendiger Deutscher. In der Verwendung 
von Skeletten gefallener Deutscher zu Studienzwecken noch dazu bei erblindeten 
englischen Kriegern — und der Veröffentlichung des „Daily Mirror" kann man 
emen Ausdruck des Hochstandes der englischen Kultur erblicken. 



Herausgeber: Zeiitralvereiu für das österreichische Blindenwesen in Wien. RedaktionsUomitee: K. Biirltlen, 
J. Knei«, A. t. Horvaih, F Uhl. ~- Drucli ron Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



Zentralbibliothek für Blinde in Österreich. 

Wien, XVlil., WähringergUrtel 136. 

Liste der im Jahre 1916 übertragenen Werke. 

Andiässy, Graf Julius, Entwickluncr und Ziele Mitteleuropas. Bartsch, 
Der Flieger. Don Giovanni. Bernhard, Sonnenwende. Borgfeld, Eine Opern- 
premiere. Cohn, Dr. L., Der Blinde als Berater des Blinden. Cohn, Führende 
Denker. Gomperz, Griechische Denker. \. und II. Teil. I. Abschnitt. Dehl- 
brück, Das Totenvolk. Desko vi c h-S e el liger, Das U-Boot. Descartes, 
Abhandlung über die Methode des reinen Vernunftgebrauchf s. Diltey, Das 
Jahrhundert und die geschichtliche Welt. Eh n e r-Es c h e n b a c h Herr Hofrat. 
Fünf Novellen. Ertl, Die Leute vom blauen Guguckshaus. Eckermann, 
Gespräche mit Goethe. Erinnerungen an Grillparzer. Eucken, Die Träger des 
Idealismus. Frapan, Novellen. In Sehnsucht leb' ich. Fulda, Abendsonne. 
Ganghof er, Der r. Niederbruch. Gerstäcker, Herr Hobelmann. Goethe, 
Die Leiden des jungen Werther. Grein z, Unter dem Doppelaar. Halm, Das 
Haus an der Veronikabrücke. Handel-Maze tti, Die arme Magret. Deutsches 
Recht und andere Gedichte. H a i n k, Aus meiner Opernzeit. Heine, Italienische 
Reise. Hesse, Peter Camenzind. H e y s e, Die Spinnerin. Die gute Tochter. 
(Esparanto). Hofmann st ha), „Shakespeare" und wir. Höffling, Ethik. 
Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Ibsen, Pe<.'r Gynt. 
Josef, Erzherzog, Weidmannserinnerungen. Karl weis, Geschichten. Kant, 
Grundlegung zur Metaphistik der Sitten. Kernstock, Die Festenburg. Die Schwert- 
lilien Unter der Linde. (Gedichte.) Kraus, Schriften. Liliencron, Kriegsno- 
vellen. Miscellen. Lotze, H. Grundzüge der Ästhetik. Mann, Der kleine Herr 
Friedemann. Maupassant, Novellen. (Esparanto.) Novellen. Maurus, Ave Caesar. 
Meyrink, Der Golem. Mücke, Ayshe. Nansen, Jugend und Liebe. ,, Maria." 
Naumann, Mitteleuropa. Nietzsche, Also sprach Zaraliestra. O s t w a 1 d, Belgien. 
Pascor. Conrad von Hötzendorf Plato, Das Gastmahl. Apologie und Kriton. 
Die Verteidigung des Sokrates Krito. Penk, Von England festgehalten. Pfohl, 
Richard Wagoer. Pfordten, Mozart. Raab, Barbara Soluta. Raabe, Meister 
Autor. Reuss, Heimstadten für Gartenbau. Reger, Beitrag zur Modulationslehre. 
Saar, Gineova. Innocenz. Schalek, An der Isonzoarmee. Kriegsfeuilletons. Sha- 
kespeare, Medea. Schlicht, Kaisermanöver. Schmitz, Richard Wagner. Scho- 
penhauer, Über Schriftstellerei. Über Lesen und Bildung. Schönherr, Tiroler 
Bauernsch wanke. Frau Suitner. Schücking, Die drei Großmächte. Spinoza, 
Abhandlung über die Vervollkouimnuug des Verstandes. Schupp, Rechtslehre. 
Schnitzler, Komödie der Worte. Telden. Ein alter Österreicher und Mittel- 
europa. Treitschke, Freiheit. Unold, Aufgaben und Ziele des Menschenlebens. 
Verne, Der Archipel in Flammen. Viebig, Naturgewalten. Wilde, Das Bildnis 
des Dorian Grey. Weule, Kulturelemente der Menschheit. Zahn, Einsamkeit. 
Zehme, Kurzschrift System. Esperantofibel s. Schlüssel. Aus der weiten Welt: 
Bilder aus Tyrol. Nordlandsrcisen. Reise in Deutschland. Aufsätze v. Autoren d. 
Wissenschaft. 

fln die Besitzer von wertvollen, in Blindenschrift übertragenen Werke, 
welche in den Blindenbibliotheken nicht vorhanden sind, stellen wir, falls 
die Bücher verliehen werden, das Ersudien um Bekanntgabe der Buchtitel. 
Durch die Veröffentlichung sollen die Werke der Allgemeinheit zugänglich 
gemacht werden. 




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Organ des „Zentralvereine^ für das österreichische Blinden- 
— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



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konto Nr.l 32.257 



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Das Blatt ersdieint 
monatlich einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



Bezugspreis 
ganzjährig mit 
Postzustellung 

4 Kronen, 
Einzelnummer 

40 Heller. 



4. Jahrgang. 



Wien, ftpril 1917. 



4. Nummer. 



INHALT: Dr. R. Marschner, Prag: Die Fürsorge für Kriegsblinde in Böhmen. 
Kriegsblindenfonds im Ministerium des Innern. Personalnachrichten. Aus 
den Anstalten. Aus den Vereinen. Vida Jeray : Der Blinde. Für unsere 
Kriegsblinden. Verschiedenes. Bücherschau. (Altes und Neues. Ankündi- 
gungen). 



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f'^Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VIII, 
3 Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. [! 



Zeltes und Neues. 



Zwei Volksbücher über Blinde. 

Der Dichter des Bayerischen Waldes, Hofrat Maximilian Schmidt, 
bekannt unter dem Namen „Waldschmidt", berühmter Volksschrift- 
steller und Dialektdichter, hat am 25. Februar sein 85. Lebensjahr 
vollendet. Aus dem Bayerischen Walde herstammend, ist er seiner 
enteren Heimat in seinen ofesamten Werken treu geblieben. Seine 
Volkserzählungen aus dem Bayerischen Walde füllen vier Bände, 
desgleichen gehören seine Dorfgeschichten, seine Volksstücke und 
Gedichte zu den meistgelesenen dichterischen Erzeugnissen. 

Unsere Leser seien darauf verwiesen, daß von M. Schmidt 
unsere zwei besten Volksbücher über Blinde herrühren und zwar 
sind dies: 

Der blinde Musiker. Volkserzählung aus dem Böhmerwald. 

Die Blinde von Ku n ter we g. Erzählung aus den bayrischen 
Bergen. (Leipzig, H. Hassel.) 

Im ,, blinden Musiker" wird das Schicksal eines Knaben geschildert, 
der durch Blitzschlag erblindet, während es seine Begleiterin, die 
Jugendgespielin, beschützt. 

Der Knabe kommt zu seiner Ausbildung in ein BJindeninstitut, 
während der Ferien spinnt sich jedoch der Verkehr mit der Jugend- 
gespielin weiter. Schwere Familienzwiste treten trennend zwischen 
die beiden. Erst als der Blinde in einem Konzerte mit Erfolg als 
Musiker auftritt, sind die Angehörigen des Mädchens von der ge- 
sicherten Zukunft des Blinden überzeugt und geben ihre Zustimmung 
zum Lebensbunde für die beiden Liebenden. 

Der „Blinde Musiker", ein Gegenstück zu der „Blinden 
von Kunterweg", ist als Volksbuch prächtig geschrieben und von 
allen sonst Blindenfiguren anhaftenden Unwahrscheinlichkeiten frei. 
Man merkt der Ausführungen des Verfassers an, daß er tat- 
sächlich einen Blinden studiert und ein Blindeninstitut kennen 
gelernt hat, welch letzteres er mit besonderer Liebe schildert. Abgesehen 
von dem Genüsse, welches sonst das Buch bietet, vermag es im Volke, 
das wenig von Blinden und ihrer Erziehung in Anstalten weiß, in 
richtiger Weise aufklärend zu wirken. 

Die „Blinde von Kunterweg", wird in ihrer Liebe von einem 
sehenden Burschen getäuscht und findet dadurch den Weg zu ihrem 
Jugendgespielen zurück. Nach einer glücklichen Operation wird sie 
dessen Frau. Eine etwas gewaltsame Täuschung, die bei Blinden 
wohl schwer möglich ist, führt zu einer Reihe von reizvollen Situationen, 
die selbst den Ungläubigen fesseln. Auch diese volkstümliche Erzäh- 
lung erhebt sich weit über ähnliche Erzeugnisse und wird immer 
wieder mit Genuß gelesen werden. 



i 




4. Jahrgang. Wien, April 1917. 4. Nunnmer. 



^ ■ ^ 

^ »Meinen blinden Kameraden herzlichen Gruß ! f 
^ Ich bin oft im Gedanken bei euch!« ^ 

^ Generalfeldmarschall von Hindeuburg ^ 

^ an erblindete Krieger. ^ 

^ Ig 

Die Fürsorge für Kriegsblinde in Böhmen. 

Von Dr. Robert Mar sehn er, Prag. 

Im Rahmen der gesamten Fürsorge für die Kriegsbeschädigten 
nimmt jene für die Kriegsblinden eine ganz besondere Stelle ein. Man 
begreift darunter jene heimgekehrten Krieger, welche durch eine Kriegs- 
beschädigung auf beiden Augen vollständig erblindet sind. Ihnen werden 
jene gleichgehalten, welche sozial resp. praktisch blind sind d. h. auf 
Grund ihres Sehrestes nicht erwerbsfähig gemacht werden können. 

Die unter der Bevölkerung verbreiteten Zahlen über die Kriegsblinden, 
die sich stets in mehreren Tausenden bewegten, sind durch die bisherigen Fest- 
stellungen erlreulicberweise nicht bestätigt worden. Für ganz Österreich wur- 
den vollständig erblindete Kriegsbeschädigte um die Mitte des Jahres 1916 
in der Zahl von 300 testgestellt, doch ist diese Statistik niclit vollstän- 
dig. In Böhmen wurde die Zahl der Kriegsblinden im Wege der 
k. k. Bezirkshauptmannschaften ermittelt; ihre Zahl betrug mit Ende 
Dezember 1916 79. 

Bald nach Ausbruch des Krieges hatte der damalige Statthalter 
Fürst Thun- H oh en stein der Fürsorge für die Kriegsblinden das 
regste Interesse zugewendet, indem sich auf Grund der von ihm er- 
folgten Ernennung zu Beginn des Jahres 1915 das Landeskomitee für 
Kriegsblindenfürsorge in Prag bildete, welches sich mit I.Februar 1915 
konstituierte und seine Tätigkeit begann. 

In Böhmen war der zivilen Blindenerziehung seit langem die ein- 
gehendste Aufmerksamkeit zugewendet worden und es bestand vor 
allem seit langen Jahren das Klar'sche Blindeninstitut, welches weit 

Dr. R. Marschner : Die Fürsorge für Blinde in Böhmen. Prag, 1917, Selbst- 
verlag der staatl. Landeszentrale zur Fürsorge für heimkehrende Krieger. 



Seite 708. Zeitschrift das für österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

Über die Grenzen Böhmens hinaus bekannt geworden ist. Es bedeutete 
daher eigentlich nur eine Erweiterung des Wirkungskreises dieser Wohl- 
fahrtseinrichtung, daß sich, unmittelbar an ihre Einrichtungen anknüpfend, 
dieses Landeskomitee bildete, das sich die Aufgabe setzte, kriegsblinde, 
nach Böhmen zuständige oder doch dem 8. oder 9. Militärkommando 
in Böhmen angehörige Soldaten zwecks Ausbildung in einem Hand- 
werke unterzubringen, wobei als Zeitdauer je nach der Fähigkeit 1 bis 
3 Jahre in Aussicht genommen wurden. 

Die Zahl der vom Landeskomitee mit Ende des Jahres 1915 in 
der Klar'schen Anstalt untergebrachten Kriegsblinden betrug 24. Die 
Anzahl erhöhte sich bis Ende des Jahres 1916 aut 67. 

Als weitere Anstalt, in der solche Kriegsblinde untergebracht 
werden sollten, käme die Deyl'sche Blindenanstalt in Betracht, welche 
sich für den Fall, wenn in der Klar'schen Blindenanstalt wegen Platz- 
mangel keine Kriegsblinden mehr aufgenommen werden könnten, nach 
Beschaffung der notwendigen Räumlichkeiten zur Aufnahme und Aus- 
bildung weiterer Kriegsblinder bereit erklärte. Das Landeskomitee 
beschloß überdies, nach Maßgabe der Unterbringungsmöglichkeit und 
der vorhandenen Mittel auch Kriegsblinde aus anderen Kronländern 
Österreichs aufzunehmen, soweit sie daselbst keine Unterbringung und 
Unterstützung finden. 

Die damit angebahnte Fürsorge schließt sich unmittelbar an die 
Person des einzelnen erblindeten Kriegsbeschädigten an, sowie dies bei 
den besonderen Fürsorgeeinrichtungen zum Beispiel der deutschböhmi- 
schen Fürsorgestelle für Kriegskrüppel und Kriegsverletzte in Reichenberg, 
der Invalidenschule und bei den ersten Einrichtungen der durch das 
Ministerium für öffentliche Arbeiten errrichteten Dienststellen der Fall 
war, bezw. der Fall ist. Durch die Notwendigkeit einer besonderen 
Betreuung dieser Kriegsblinden gewinnt dieser Zweig der Fürsorge ein 
eigenartiges Interesse, regt zu besonderem Nachdenken und zur Ver- 
wertung der bisher gesammelten Erfahrungen an. Hiezu kommt, daß 
auch noch nach der eventuellen Schulung die dauernde Versorgung 
des einzelnen Kriegsblinden unentwegt im Auge behalten werden muß 
und zur Schaffung weiterer Fürsorgeeinrichfungen (Gewährung von 
Darlehen, Unterstützungen, Gründung von Kriegsblindenheimstätten) 
führt. 

Während die Hauptaufgabe der Staatlichen Landeszentrale zur 
Fürsorge für heimkehrende Krieger darin besteht, in Verbindung mit 
den in Böhmen geschafifenen besonderen Vereinigungen das einheitliche 
Zusammenwirken aller Kräfte zum Behufe der Zurückführung der Kriegs- 
invaliden in das Erwerbsleben zu sichern, ist dadurch, daß sich das 
erwähnte Landeskomitee im Juni 1916 an die Staatliche Landeszentrale 
anschloß, letztere in die Lage versetzt worden, sich an der Fürsorge 
nicht nur leitend, sondern unmittelbar zu beteiligen. 

Die Bereitwilligkeit des Landeskomitees zu einvernehmlichen Wir- 
ken wurde mit dem entgegengenommen, daß in keiner Weise der 
Wirkungskreis^ des Landeskomitees für Kriegsblindenfürsorge mit Rück- 
sicht auf die Eigenart dieses Fürsorgezweiges und der hiefür besonders 
gesammelten Erfahrungen eingeschränkt werden wird und daß auch die 



4. Nummer. Zeitschrift für das östeneiciiisclie Blindenwesen. Seite 709. 

widmungsgemäß für die Kriegsblinden gespendeten Beiträge weiterhin 
nur für diese ihre Verwendung zu finden haben werden. Die der Staat- 
lichen Landeszentrale überwiesenen Kriegsblinden sollen darnach der 
Fürsorge des Komitees zugeführt werden und ersterer nur die Evidenz 
über dieselben verbleiben. 

Innerhalb der Landeszentrale wurde ein „Ausschuß für Kriegs- 
blindenfürsorge" in folgender Zusammensetzung gebildet : 

Obmann: Seine bischöfl. Gnaden Monsignore Dr. W. Frind. 
Obmannstellvertreter: Seine Gnaden Abt. M. Zavoral. Mitglieder: 
Oberinspektor K. Dederra, Universitätsprofessor Dr. }. Deyl, Uni- 
versitätsprofessor Dr. A. El sehnig, k. u. k, Oberslabsarzt Dr. A. Mar kl, 
k. u. k. Major i. R. A. Müller, Direktorstellvertreter Dr. K. Peter ka, 
Direktor K. Rauter, Stadtrat H. Schick, Direktor W. Schwippe 1, 
Direktor E. Wagner und Prof. Dr. R. Marschner. 

Die Ausbildung, Versorgung und Selbständigmachung der 
heimgekehrten Kriegsblinden wurde also in" Prag bereits zu Beginn des 
Jahres 1915 erkannt und angebahnt. Abgesehen davon, daß die Klar'sche 
Blindenanstalt als die älteste und größte derartige Einrichtung, welche 
auf eine 84 jährige segensreiche Tätigkeit zurückblicken kann, auch 
schon selbst auf eine Anfrage des Prager Militärkommandos mit dem 
k. u. k. Kriegsministeriüm wegen Unterbringung, Verpflegung und 
Ausbildung von im Kriege erblindeten Soldaten in Verbindung getreten 
war, hatte das am L Februar 1915 konstituierte Landeskomitee für 
Kriegsblindenfürsorge die Unterbringung einer größeren Anzahl von 
erblindeten Kriegern in der Klar'schen Blindenanstalt von vornherein 
in Aussicht genommen, die entsprechenden Adaptierungsarbeiten ver- 
anlaßt und es konnte daher die damit begonnene Schulung und Ver- 
sorgung der Kriegsblinden auch durch die Staatliche Landeszentrale 
nach Angliederung des früheren Landeskomittees in der Klar'schen 
Blindenanstalt fortgesetzt werden. In dieser Anstalt wurde vor allem das 
Augenmerk auf die beiden Blindenhandwerke der Bürstenbinderei undKorb- 
flechterei, aber auch auf Handfertigkeiten, wie das Maschinenstricken, die 
Matten-, Decken- und Sesselflechterei, Anfertigung von Netzen, Bändern, 
Traggurten und Eierversandkisten gerichtet, um mit Hilfe dieser den 
Kriegsblinden eine eigene Existenz gründen zu können. Die Unter- 
weisung in den einzelnen Handwerken, bezw. Handfertigkeiten erfolgt 
in hiezu bestehenden Werkstätten unter Leitung von ständigen Werk- 
meistern. Überdies erhalten die Kriegsblinden fachlichen Unterricht im 
Lesen und Schreiben der Klein'schen Stachel- sowie der Braille'schen 
Blindenschrift und jene, welche die Eignung und Fähigkeiten besitzen, 
auch im Maschinenschreiben, Klavier-, Violin-, Orgel- und Zitherspiel 
sowie Pianostimmen durch die Anstahslehrkräfte. Die Wahl des Hand- 
werkes bezw. der Handfertigkeit wird jedem Einzelnen selbst über- 
lassen. In erster Linie ist die physische Verfassung und Eignung, sein 
früherer Beruf maßgebend und ist auf die Absatzverhältnisse für die 
Erzeugnisse in jener Gegend Rücksicht zu nehmen, welche der Kriegs- 
blinde nach beendeter Nachschulung als seinen ständigen Aufenthaltsort 
wählt. Er wird hiebei durch die Erfahrungen der Klar'schen Anstalt 
und durch fachmännische Ratschläge unterstützt. 



Sfitf 710. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

Die Ausbildung i^eht jedoch nicht einseitig vor sich ; jedem Kriegs- 
blinden wird die (Gelegenheit geboten, nach der Erlernung eines Hand- 
werkes auch nocii die einzelnen Handfertigkeiten sich anzueignen, 
welche er als Nebenerwerb ausüben kann. Die Lernzeit des einzelnen 
hängt von seiner größeren oder geringeren Befähigung ab ; im allgemeinen 
ist sie auf 1 — 2 Jahre berechnet. 

Nach der Auslehre erhält der Kriegsblinde ein Zeugnis, in dem 
die Erlernung des betreffenden Gewerbes (Bürstenbinderei oder Korb- 
flechterei) oder der betreffenden Handfertigkeit (Matten- und Sessel- 
flechten, Maschinenstricken usw.) seitens der Klar'schen Blindenanstalt 
bescheinigt wird. Ein Gewerbeschein selb.st ist zur Ausübung der 
genannten Gewerbe nach der kais. Verordnung vom 7. Dezember 1915, 
RGBl. Nr. 364 (§ 4) tür erblindete Kriegsbeschädigte nicht notwendig. 

Die in der k. k. Augenklinik des Univ. Prof. Dr. Deyl unter- 
gebrachten Kriegsblinden, insbesondere die Offiziere, werden von einer 
Lehrkraft der Devrschen Blindenanstalt im Schreiben, Lesen und 
Rechnen in der Blindenschrift, sowie in der Benützung der Picht'schen 
Schreibmaschinen (Flachschrift und Punktschrift) mit gutem Erfolge 
unentgeltlich unterrichtet und ihnen die nötigen Lehrbehelfe unentgeltlich 
beigestellt. Ebenso genießen die Kriegsblinden iin k. k. Feldspital Nr. 11 
am Hradschin von einem hiezu bestimmten Blindenlehrer teilweisen 
Blindenunterricht. Über Ansuchen wurde dem Zweigverein für böhmischen 
Blindendruck eine jährliche Zuwendung von 1000 K zur Herausgabe 
einer periodischen Blindenzeitschrift und der Klar'schen Anstalt der 
gleiche Betrag zur Anschaffung von Büchern für deutsche Blinde 
erwirkt. 

Pls liegt im Wesen der Sache, daß eine nicht geringe Zahl von 
Blinden zur Teilnahme am Blindenunterricht infolge Kränklichkeit und 
Verstümmelung oder Verlustes der Arme ungeeignet und unfähig ist ; 
andererseits sind jene Fälle nicht gering, wo jeder Lern- und Arbeits- 
wille dem Blinden abhanden gekommen ist und selbst indirekter Zwang 
schädlich wäre. Diese Blinden nun, die keinen Blindenunterricht genießen, 
sind zum größten Teile in dem Garnisonsfilialspital Nr. 11 am Hrad- 
schin, dann auf den beiden Augenkliniken der Prager Universität 
untergebracht ; an anderer Seile wurde bereits hervorgehoben, daß 
diese Blinden dazu angehalten werden, zum Mindesten das Lesen und 
Schreiben zu lernen. Hieher zu zählen wären auch noch jene Blinden, 
die in den ersten Kriegsmonaten bereits superarbitriert und in ihre 
Heimat abgegangen sind. 

Das r.andeskomitee hat sich als Hauptaufgabe die Ausbildung und 
Versorgung der Kriegsblinden gestellt und war bestrebt, die letztere so 
vielseitig als möglich zu gestalten. Die bisherige Erfahrung bei Blinden 
hat gezeigt, daß trotz des Mangels der Sehkraft der einzelne Blinde 
doch in der Lage i.st, die verschiedenartigsten Arbeiten zu versehen 
und es muß mit dem Vorurteile, die Blinden als nichtleistungsfähig 
anzusehen, gebrochen werden. 

Von diesem Gesichtspunkte aus war das Landeskomitee bemüht, 
der Blindenarbeit Zutritt in die verschiedensten Gewerbe zu verschaffen, 
um ihnen eine tunlichst mögliche Existenz zu schaffen. Das Landeskomitee 
wandte sich daher an die k. k. Statthalterei in Prag, die Gewerbe- 



4. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwes en. Seite 711. 

inspektotate zu beauftragen, in den verschiedenen Betrieben Umschau 
zu haken nach einer gefahrlosen Arbeitsmöghchkeit für Bhnde, die 
den KriegsbUnden, sowie gelegentlich auch den Zivilblinden dauernde 
Versorgung und dauernden Verdienst schaffen könnten. Daraulhin 
vi^urden die sämtlichen Gewerbeinspektorate in Böhmen angewiesen, 
über die Möglichkeit der Veru^endung von Kriegsblinden in gewerb- 
lichen und industriellen Betrieben Erhebungen durchzuführen und deren 
Resultat dem Landeskomitee bekanntzugeben. 

Aus dem von den k. k. Gewerbeinspektoraten gesammelten 
Materiale ist Nachstehendes anzuführen : 

Nach dem Berichte des Gewerbeinspektorates in Pardubitz wird 
die Bürstenbinderei in dem dortigen Gewerbeinspektionsbezirke in 
einem größeren Betriebe und in mehreren kleineren Werkstätten und 
zwar durch Heimarbeiter, betrieben. Die Bürstenfabrik F. Filip in 
Gabel machte sich erbötig, erblindete Krieger in ihr Unternehmen 
aufzunehmen und ihnen in einem Kurse die nötige Ausbildung in der 
Bürstenbinderei beizubringen. Sie erklärte sich bereit, die Blinden nach 
der Ausbildung in ein fixes Arbeits- und Lohnverhältnis zu übernehmen. 

In bezug auf die Unterbringung von Kriegsblinden in Seifen-- 
fabriken bestand nach der Äußerung des k. k. Gewerbeinspektorates 
Tetschen für den dortigen Bezirk die prinzipielle Geneigtheit, Kriegs- 
blinde in den Seifenfabriken zu beschäftigen und es könnten nach 
Anschauung dieses Gewerbeinspektorates Blinde noch beschäftigt werden : 

in Metallknopffabriken bei Handpressen, 

in Steinnußknopffabriken beim Polieren, 

in den Schokoladen- und Kanditenfabriken, 

in der Goldschlägerei, 

Kunstblumen- und Blätterindustrie und 

in der Kartonnagenerzeugung. 

Es wurde daher die Verbindung der einen oder der anderen 
Industrieart mit der bestehenden Blindenlehranstalt angeregt. 

Hatte man gehofft, daß infolge der verringerten Gefahr und der 
vorwiegend manuellen Arbeit eine Unterbringung von Kiiegsblinden 
in den Tabakfabriken möglich sein wird, so erwiesen sich die betreffenden 
Versuche als vergeblich ; nur die k. k. Tabakfabrik in Tachau 
erklärte nach, dem Berichte des k. k. Gewerbeinspektorates in Pilsen, 
sie könnte äußerstenfalls Kriegsblinde beim Füllen von Zigaretten- 
kartons und Zigarrenkisten beschäftigen. Die Tabakfabriken in St. Joachims- 
thal und Landskron lehnten von vornherein die Beschäftigung Blinder ab. 

Die Erhebungen der übrigen Gewerbeinspektorate verliefen über- 
haupt ergebnislos. So schrieb das k. k. Gewerbeinspektorat in Budweis, 
daß die Mühewaltung des Amtes nahezu vollkommen von einem 
negativen Resultate begleitet sei, weil die betreffenden Gewerbeinhaber 
mit ganz geringen Ausnahmen jede Arbeitsmöglichkeit für Blinde in 
ihren Betrieben als ausgeschlossen bezeichnen. 

Endlich berichtete das k. k. Gewerbeinspektorat Prag. Abgesehen 
von den Angeboten zweier Firmen, die eine beschränkte Anzahl Kriegs- 
blinder einzustellen sich bereit erklärten, sind die Verhältnisse im 
Aufsichtsbezirke Prag derartige, daß die Industriezweige, bei denen 
Blinde verwendet werden können, nur spärlich vertreten sind, daß 



Seite 712. Zeitsclirifl fiii das österreichische Hlindenwesen. 4. Nummer. 

weiters Bedenken wegen der privat- und öffentlich-rechtlichen Haftung 
bei Unfällen ausgesprochen wurden und der Blinde mit seiner beschränk- 
ten Arbeitsfähigkeit einen kaum auskömmlichen Lohn erzielen werde. 

Sowie die Frage der Arbeitsversorgung überhaupt, hatte auch 
die Angelegenheit der Ausbildung Kriegsblinder zu Masseuren früher 
schon den Gegenstand längerer Verhandlungen und Beratungen im 
Landeskomitee für Kriegsblindenfürsorge in Böhmen gebildet. 

Nachdem einerseits vom ärztlichen Standpunkte aus wichtige 
Bedenken gegen die Verwendung Blinder und speziell der Kriegsblinden 
als Spätererblindeten geltend gemacht, andererseits auch nicht unberech- 
tigte Befürchtungen wegen mangelnder Arbeitsgelegenheit ausgesprochen 
wurden, nahm das Landeskomitee von der Frage der Blinden-Massage 
weiterhin Abstand. Trotz der gegen die Blinden-Massage angeführten 
Gründe und trotzdem sich auch neuerlich die Gutachten zweier erster 
Fachmänner auf dem Gebiete des Blindenwesens gegen die Blinden- 
Massage ablehnend verhielten, hat gleichwohl der Ausschuß für Kriegs- 
blindenfürsorge jene Überweisung von Kriegsblinden zur Ausbildung 
veranlaßt. 

Die beiden Gutachten der einvernommenen ärztlichen Sachver- 
ständigen wurden vollständig unabhängig von einander erstattet und 
stimmten trotzdem im Wesen überein. 

Sie widerraten. Kriegsblinde in der Massage auszubilden und in 
ihnen in dieser Richtung Verdiensthoffnungen zu erwecken. Es ist 
hiebet nicht ausgeschlossen, daß dem einem oder dem anderen Kriegs- 
blinden, der eventuell schon vor der Erblindung als Masseur tätig 
war, auch weiterhin die Ausübung der Massage gestattet werden könnte. 

Das Landeskomitee erreichte zwar durch einen Bericht an das 
k. u. k. Kriegsministerium eine günstigere Auffassung dieser Sache, doch 
wurde vorläufig nicht an die Ausbildung von weiteren Kriegsblinden zu 
Masseuren geschritten. 

Was die Verleihung von Tabakverschleißgeschäfte an Kriegs- 
blinde betrißt, ist der Ausschuß für Kriegsblinde der Ansicht, daß die 
Tabakverschleiß im allgemeinen nur in seltenen Fällen einem Kriegs- 
beschädigten die vollständige Existenzmöglichkeit bieten können. Bessere 
Tabaktrafiken sollten daher nur für ganz Invalide und für solche 
Kriegsblinde in Aussicht genommen werden, welche tatsächlich irgend 
eine Arbeitsleistung ganz zu vollführen außerstande sind, abgesehen 
davon, daß je nach der Beurteilung der persöhlichen oder örtlichen 
Verhältnisse auch noch eine gewisse Routine in bezug auf kaufmännische 
Leitung und Bedienung des Publikums vorhanden sein muß. Ihrem 
Wesen nach bilden die Bestrebungen, den Kriegsbeschädigten und 
daher auch den Kriegsblinden solche Tabakverschleißgeschäfte zu ver- 
mitteln, keinen Zweig der Arbeitsvermittlung, sondern sie beinhalten 
eine Förderung der wirtschaftlichen Existenzen im Wege von Unter- 
stützungen. Die Verleihung von Tabaktrafiken solle ohne vorherige 
Schulung nicht erfolgen, denn bei Erlangung der Trafik entstehen für 
die Schulung Schwierigkeiten, wenn dieselbe nicht gar unmöglich 
gemacht wird. Mit einer ohne solche Schulung angebahnten Verleihung 
einer Trafik wird dem höheren Zwecke der Kriegsbeschädigtenfürsorge 
nicht entsprochen, da das Moment der Betätigung ausgeschaltet wird, 



4. Nummer. Zeitschrift für das Osten eichisclu; Hliiidenwesen. Seite 713. 

abgesehen davon, daß die Trafik regelmäßig keine volle Existenz, 
sondern nur eine Nebenexistenz — ein Nebeneinkommen — bedeutet! 
Es muß daher als oberster Zweck der Kriegsbeschädigtenfürsorge 
zunächst und unbedingt die Schulung angestrebt werden und erst 
dann möge an die Erwerbung einer Tabaktrafik gedacht werden. 

Bisher erfolgten in Böhmen in zehn Fällen Verleihungen von 
Tabakverschleißen an Kriegsblinde. 

Mit dem unter dem Schutze S. k. u. k. Hoheit Admiral Erzherzog 
Karl Stephan stehenden Verein „Kriegsblindenheimstätten" (Präsident, 
Kommerzialrat H. Grimm) wurden seitens der Landeszentrale 
Vereinbarungen erreicht, nach denen sich der genannte Verein bereit 
erklärt, 30 kriegsblinden Soldaten, welche in Böhmen arbeits- und 
heimatszuständig sind, Kriegsblindenheimstätten in Böhmen entweder 
anzukaufen oder für dieselben zu errichten. Diese kriegsblinden Solda- 
ten werden dem Verein vom Ausschusse für Kriegsblindenfürsorge 
in Böhmen namhaft gemacht. 

In jedem einzelnen Falle wird der Verein sich mit dem Aus- 
schusse ins Einvernehmen setzen und dessen Vorschläge berück- 
sichtigen. 

Für die Erwerbung von Kriegsblindenheimstätten liegen 5 Ansuchen 
vor. Darüber hinaus wurden in 5 Fällen Beihilfe bei Erwerbung land- 
wirtschaftlichen Besitzes oder eines Geschäftes gewährt. 

Aus den „Kriegsblindenfonds im k. k. Ministerium des Innern 
in Wien", in dessen Kuratorium der Präsident des Ausschusses Weih- 
bischof Dr. W. Fr in d und Oberinspektor K. Deddera berufen wurden, 
konnten für 10 Kriegsblinde Unterstützungen in der Höhe von 1000 
bis 6000 K erwirkt werden. 

Die im Vorstehenden geschilderte bescheidene Arbeit konnte 
nur geleistet werden, weil dem Landeskomitee für Kriegsblindenfürsorge 
und später dem Ausschusse für Kriegsblindenfürsorge der Staatlichen 
Ländeszentrale von der gesamten breiten Öffentlichkeit in einer Weise 
die Anteilnahme an dem Lose der Kriegsblinden, und zwar werktätig 
durch Widmung großer und zahlreicher Spenden bezeigt wurde, daß 
erst hiedurch alle Möglichkeiten einer Förderung der Kriegsblinden 
sich in die Tat umsetzen ließen. 

Es ist daher eine besondere Pflicht, allen Wohltätern, welche die 
Zwecke des Landeskomitees und des Ausschusses durch Spenden 
und sonstige Zuwendungen unterstützt haben, den innigsten und auf- 
richtigsten Dank auszusprechen. Vor allem der hohen k. k. Statthalterei, 
welche durch die in ganz Böhmen eingeleitete Sammlung die an- 
sehnliche Summe von 172.000 K der Fürsorge für Kriegsblinde 
zuführte. 

Auch ist des werktätigen Eingreifens der gesamten Prager Presse, 
welche sich mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften einsetzte, zu 
gedenken, indem sie die monatlichen Spendenausweise veröffentlichte 
und selbst Sammlungen einleitete ; an der Spitze steht das „Präger 
Tagblatt", welches abgesehen von den Sammlungen im Jahre 1915, 



Seite 714. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. " 4. iNummer. 

im Bericlitsjahre 1916 ein Ergebnis von 76.625 K aufweist und dem 
daher eine besondere Hervorhebung gebührt. Sodann die „Deutsche 
Zeitung Bohemia", „Närodni Listy" und „Närodni Politika", welche 
Spenden in ihren Administrationen entgegennehmen und insgesamt 
einen Betrag von 10.027 K dem Landeskomitee bzw. dem Ausschusse 
zuführten. Auch wurden durch einige besondere Veranstaltungen zu 
Gunsten der Kriegsblinden Einnahmen erzielt. All diesen sei herzlich 
gedankt, allerdings mit der Bitte, auch weiterhin die gute Sache zu 
unterstützen, denn das Los der Kriegsblinden ist bedauernswert und 
ihre Zahl doch nur im Wachsen begriffen. 

Die Arbeiten steigen von Tag zu Tag, die Anforderungen sind 
im steten Zunehmen und nur mit Unterstützung all dieser Wohltäter 
und Spender können wir im Interesse der Blinden beruhigt der 
Zukunft derselben entgegensehen. 



Kriegsblindenfonds im Ministerium des Innern. 

Am 23. März 1. J. wurde im Ministerium des Innern in Wien 
die Jahressitzung des Kuratoriums des »Kriegsblindenfonds für die 
österreichischen Staatsangehörigen der gesamten bewaffneten Macht« 
unter dem Vorsitze des Ministers des Innern abgehalten. Der Vor- 
sitzende erstattete an der Hand des für das Jahr 1916 statutengemäß 
verfaßten Rechnungsausweises einen Bericht über die Tätigkeit der 
Fondsverwaltung. Aus demselben ist hervorzuheben: Eingang von 
Widmungen im Jahre 1916 573.573 Kronen, Stand des Fonds am 
31. Dezember 1916, 1,178.930 Kronen, Gesamtbetrag der bisherigen 
Anspcndungen für Kriegsblinde 309. 689 K. 

Der Vorsitzende hob angesichts dieses befriedigenden finanziellen 
Ergebnisses die erfolgreichen Bemühungen des Herausgebers der 
»Neuen Freien Presse« um die Spendensammlung hervor und aner- 
kannte dankbarst die Verdienste des geschäftsfUhrenden Ausschusses 
und insbesondere auch der Landeskommission um die erfolgreiche 
Durchführung der schwierigen Aufgaben. 

Daran schlössen sich bedeutsame Referate über Berufswahl und 
Ausbildung der Kriegsblinden (Oberinspektor Dederra, Direktor 
Dr. Hartinger, Hoirat Ritter von Chlumecky, Regierungsrat 
Meli); über Rechtshilfe und Pflegschaft für Kriegsblinde (Finanzpro- 
kurator Dr. Ritter von Mayr-Linegg, Dr. Ernst Benedikt); 
Bildung einer Einkaufsstelle für Arbeitsmaterial (Freiherr v. Ferste 1), 
Bemerkenswert war weiter die Anregung des Hofrates Professor 
Dimmer, betreffend das neue Vervielfältigungsverfahren der Blinden- 
schrift von Dr. Herz, 

Der Vorsitzende gab zum Schlüsse der Erwartung Ausdruck, 
daß es auch weiterhin unter dem Schutze des Protektors Erzherzog 
Karl Stephan und mit Unterstützung des Kuratoriums und der 
breiten Öffentlichkeit gelingen werde, das tief ergreitende Geschick 
der erblindeten Krieger zu mildern und diesen für das dem Vater- 
lande dargebrachte Opfer wirksam zu danken. 



4. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 715. 

Personalnachrichten. 

— Auszeichnung;. Dem Direktor der Kärntner Landes- 
Hlindenanstalt Rupert Mayer wurde für seine Verdienste um die 
lieimische KriegsbÜndenfürsorge das Kriegskreuz III. Klasse für Zivil- 
verdienste verliehen, zu welcher allerhöchsten Auszeichnung ihm 
Seine k. u. k. Hoheit, Admiral Erzherzog Karl Stephan, ein ehren- 
des Glückwunschtelegramm übersandte. Neuerdigs erhielt Direktor 
Mayer das Ehrenzeichen II. Klasse vom Roten Kreuz. 

— Direktor Gustav Funke f. Allzu früh schied Professor 
G. Eunke durch sein am 18. März 1. J. erfolgtes Ableben von dem 
Posten als Direktor der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Korb- 
flechterei in Wien. In unseren Kreisen sichert ihm sein selbstloses 
Eintreten für die Blindenarbeit und seine Förderung blinder Korb- 
flechter ein ehrendes Gedenken. Ihm ist es zu danken, daß eine 
Anzalil Blinder die Meisterkurse in der Lehr- und Versuchsanstalt 
besuchen durfte, die nun als Werkmeister in diesem Fache tätig 
sein können. Vorurteilslos und mit warmen Herzen stellte er in dem 
Widerstreite zwischen sehenden und blinden Korbflechtern auf Seite 
der letzteren. Das von ihm verfaßte „Lehrbuch der Korbflechterei" 
wurde auch in Blindendruck herausgegeben. 

flus den Anstalten. 

— N. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. In der 5. Klasse 
dieser Anstalt wurde nach Besprechung der Entbehiunjen der Kriegszeit die Auf- 
gabe gestellt, die nächstliegendsten Wünsche für die Friedenszeit in Versen dar- 
zulegen. Wie die nachstehenden Beispiele zeigen sind diese kindlichen Wünsche 
etwas weitgehend. 

F r i e d e n s w ü n s c h e. 

Wird es endlich Frieden geben 
Und der Weltkrieg ist vorbei, 
Möcht' ich einmal köstlich leben 
Und da wünsch' ich mancherlei. 
Schnitzel ist ein feines Essen; 
Auch ein Braten war nicht schlecht, 
Doch da hätt' ich bald vergessen, 
Daß Salat ich dazu möcht . 
Entenfleisch und Gänsebraten 
Schmeckten wolil am besten mir. 
Davon würd' ich Durst bekommen 
Für ein Gläschen bayrisch Bier. 
Zwetschkenknödel. Reis und Kuchen 
Wären auch sehr angenehm, 
Könnt' ich sie nur schon versuchen. 
Wenn ich sie nur schon bekam! 
Und zuletzt noch eine Torte 
Und auch etwas roten Wein, 
Jedoch von der besten Sorte 
Und ein teurer muß es sein. 
Dieses wünsch' ich mir vom Herzen, 
Weil wir viel entl ehren jetzt, 
Doch als ersten meiner Wünsche 
Hab' den Frieden ich gesetzt. 

Rosina Bauer. 



Seite 716. Zcitschrilt für das östcreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

Nach dem Krieg im Land Tirol 

Ein kl(r;incs Häuschen gefiel mir wohl. 

Es soll daran ein Garten liegen, 

Hinter dem Haus ein Stall mit zwei Ziegen. 

Im Garten sollen Äpfel- und Birnbäume sein; 

P'.ine kleine Laube würd mich auch recht freun. 

Knödel, Nudel wollt' ich manchen Tag, 

Strudel wäre auch nach meinem Geschmack. 

Zuckersachen werden dann billiger sein, 

Kaffee soll mich zur Jause erfreu'n. 

Darnach seh'n ich mich so sehr, 

Wünsch' d'rum dieses und noch mehr! 

Ernestine Mayer. 

— Anstalt zur A u s b i 1 d u n g von S p ä t e r e r b 1 i n d e t e n in Wien XIX, 
Am l8. März 1. J. fand ein Besuch des Vorstandes des Zwei g vere i nes 
>^ Leopoldstadt« des Roten Kreuzes statt, der sich um die in der Anstalt 
untergebrachten Kriegsblinden besondere Verdienste ei werben hat. Die Gäste — 
mehr als 50 an der Zahl — wurden von den Ausschußmitgliedern des »Vereines 
zur Ausbildung von Spätercrblindc-tcn«, mit kaiserlichen Rat Direktor S. Heller, 
dem Leiter der Anstalt, an der Spitze, herzlichst begrüßt und waren von den Leistun- 
gen der Blinden hochbefriedigt, was sie auch in einem anerkennenden Schreiben 
zum Ausdrucke brachten, 

— Tirol. -Vorarlberg. Blinde n-Lehi- und Erziehungsanstalt in 
Innsbruck. Unsere kleine Anstalt ist auch in diesem Schuljahre wieder von 
Zöglingen gut besucht und der Betrieb nimmt unter der Leitung des für das Wohl 
der Blinden rastlos tätigen hochw, Herrn Direktors, Stadtpfarrer Johann Vi na t z e r, 
trotz der schweren Zeit, einen ungestörten Fortgang. Infolge umsichtiger, größerer 
Ankäufe von Rohmaterial im Vorjahre sind unsere angehenden Handwerker für die 
Bürsten- und Besenbinderei gut versorgt. Die Leitung der Hauswirtschaft und die 
Pflege der Zöglinge hat seit Beginn des heurigen Schuljahres die neue, tüchtige 
Oberin Ehrw. Schwester Hieronyma übernommen. 



flus den Vereinen. 

— Blinden - Unter Stützungsverein »Die Purkersdorfer« in 
Wien V. Der unter dem rührigen Obmanne F. Uhl stehende Verein veimittelte 
im Jahre 1916 in 114 Fällen unentgeltlich Dienst und Arbeit und veitcilte 6275 K 
als Unterstützungen an Blinde und Kriegsblinde. Das vom Verein erhaltene »Musi- 
kalien-Leihinstitut« wurde in 5793 Fällen in Anspruch genommen. Der Veiein, der 
sich sowohl um die ehemaligen Zöglinge der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Pur- 
kersdorf als auch um die Blinden im allgemeinen verdient macht, zählte mit Ende 
1916 17 Gründer, 4^^ Stifter, 16 Ehrenmitglieder, 188 unterstützende Mitglieder und 
iLö blinde Mitglieder. Eine neue Aufgabe erwächst dem Vereine durch die Kriegs- 
blinden, indem er die Errichtung eine Musikfortbildungs- und Klavierstimmschule 
anstrebt, in der begabte im Krieg erblindete Soldaten und jene Blinden, die nach 
dem überschrittenen schulpflichtigen Alter keine Aufnahme in einer Blinden-Erzie- 
hungsanstalt fuiden konnten, von' tüchtigen Lehrkräften Unterricht erhalten. 

— Der Humanitäre Blindenverein »Lindenbund« in Wien XX, 
hielt kürzlich seine XIX. Generalversammlung ab. Der Berrcht des Kassiers weist 
eine Einnahme von 6996 K auf, der gegenüber von 3756 K, davon an Unter- 
stützungen 1.909 K verausgabt wurden. Das Vereinsvermögen beträgt 12 437 K. 
In die Vereinsleitung wurden gewählt: Wilhelm Kreutzer, Obmann; Franz 
I^n gri seh, Stellvertreter ; Franz Kote k, Schriftführer; Anton Czech, Kassier; 
Paula Czech, Rechnungsführerin; Hugo Dippel, Martin Kr i s t und Johann Zein- 
li nger, Beisitzer : Anna Karr er und Minna Kris t, Rechnungsprüferinnen. Zu Ehren- 
mitglieder des Vereines wurden ernannt: Regierungsrat A. Meli und Vereins- 
arzt Dr. L. W i e n e r. 



i 



4. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 717. 

Der Blinde. 

Du sprachst, o Gott: Es werde! 
Es ward das große Liclit ; 
Ich aber seh' es nicht 
Und taste auf der Erde. 

Sind's Dornen, die verwunden, 
Sind's Rosen, die hier steh'n ? 
Ich muß vorübergeh 'n 
Und zähle dunkle Stunden. 

Ein Lied klingt aus der Weite : 
Wer singt so weich und warm ? 
Mein Herz ist still und arm, 
Wer tritt an meine Seite? 

Wer will die meine fassen ? 
Ich suche eine Hand, 
Ein Herz, das treu verwandt, 
Ich nimmermehr will lassen ! 



Vida Jeray. 



Für unsere Kriegsblinden. 



— Vier Millionen für die österreichischen Kriegs- 
blinden. Drei Millionen flössen bisher durch Spenden bei dem Tag- 
blatt »Neue Freie Presse« ein. An der Spitze steht die Sammlung 
des Kommerzialrates H. Grimm mit über zwei Millionen für die 
»Kriegsblindeiiheimstätten«, während die Sammlung für »Erblindete 
Angehörige des Heeres« eine Million überschritten hat. Rechnet man 
hiezu die »Conrad von Hötzendorfstiftung« und die Sammlungen ver- 
schiedener Blätter in Wien und in der Provinz, so dürfte die vierte 
Million voll sein. Wenn uns etwas über das Schicksal unserer erblin- 
deten Helden beruhigen kann, so ist es dieses zu edelster Opfer- 
willigkeit erblühte Mitgefühl weiter Bevölkerungskreise, hervorgerufen 
und wachgehalten von tatkräftigen Männern, denen die Ehre gebührt, 
eine Kulturarbeit ersten Ranges gefördert zu haben. 

— Auszeichnung eines Kriegsblinden. Am 1. Mäiz 1. J. wurde in 
der Odilien-BIindenanstalt in Graz der KriegsbHnde Titular-Gefreite Heir Peter 
Pailer mit der silbernen Tapfeikeitsmedaille^I. Klasse feierlich dekoriert. An der 
erhebenden Feier, bei welcher der Sängerbund der Anstalt zwei Lieder vortrug, be- 
teiligten sich sämtliche Kriegsblinde und eine Veitretung von Offizieren, darunter 
Leutnant Robert Hren, der am 7. Juni 1916 die Kompagnie des Pailer bei der 
blutigen Erstürmung des Monte Meleta in Norditalien kommandierte. Bei dieser 
Erstürmung zeichnete sich Pailer in hervorragender Weise aus, zog sich abei eine 
schwere Verwundung und gänzliche Erblindung zu. Der Dekorierte war vor seiner 
Einberufung Lehrer in Heilbrunn und erhält in der Odilien-BIindenanstalt Unterricht 
in Blindenschrift, Maschinschreiben und Musik. 

— Trauungen von Kriegsblinden. In Wien vei heiratete sich der 
22 jährige KriegsbHnde Franz Winker mit der 20jähiigen Barbara Graf. 
Winker hat auf dem russischen Kriegsschauplatze einen Kopfschuß erlitten, welche 
seine Erblindung auf beiden Augen zur Folge hatte. Für sein tapferes Verhalten 



Seite 718. Zeitschrift für das österreichische BHndenweseti. 4. Nummer. 

\varWini<er zum Feld\vel>ei befördert worden. Während seiner Krankheit wid- 
mete ilim seine Braut die zärtüchste Fürsorge und sie entschloß sich mit dem 
jii^rendlichen, vom Schicksal so schwer betroffenen Helden zum Traualtar zu schrei- 
ten. Dem Kricgblinden wurde eine kleine Trafik im 4. Bezirk, Schaumburgerstraße Nr 4, 
verliehen. 

Dienstag, den l3. März 1. J., fand in der Garnisonskirche in Brunn die Trauung 
dreier erblindet aus dem Kriege zurückgekehrter Soldaten statt. Dem Trauungsakte, 
dem u. a. Oberst Langer, Oberstabsarzt Professor Dr. Schmeichler, Hofrat 
Ritter von Chlumecky, Direktor Wokurek beiwohnten, folgte eine von der 
I.andeskommission zur Fürsorge für heimkehrende Krieger und vom »Kaiser-Franz- 
Joscf-Jubiläums-Vereine zur Fürsorge für männliche Blinde in Mähren und Schlesien« 
veranstaltete Hochzeitsfeier' im Lehrlingsheime des Mährischen Gewerbevereines, 
bei der außer den Angehörigen der Neuvermählten die anderen dort unterge- 
brachten Kriegsblinden Gäste waren, und zu der sich auch die der Füisorge für 
die Kriegsblinden nahestehenden Persönlichkeiten eingcfunclen hatten. Hofrat Ritter 
von Chlumecky hielt in beiden Landessprachen an die Hochzeitsgäste eine 
sinnige, rührend-herzliche Ansprache. Ein Tag schönster Freude für das Kriegs- 
blindenheim, für die blinden Soldaten dort, erhebend ihr Gemüt in dem lebhaften 
Empfinden, wie- viel liebevolle .Sorge um sie ist und daß auch sie teilhaben an 
dem Glücke des Lebens. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand E|nde März 1. J. 

— Neue Freie Presse: 1,074.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 2,154.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 365.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 55.000 K. 

— Reichspost: 23.600 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 22.000 K. 

Verschiedenes. 

— Helen Keller heiratet. Wie man aus New-York meldet, hat sich 
Miß Helen Keller, die bekannte blinde und taubstumme Schriftstellerin, mit ihrem 
langjährigen Sekretär verlobt. Die Hochzeit soll bald stattfinden. 

— Ein neuer Ersatz für verlorene Augen. Bisher war das übliche 
Material zum Ersatz eines verlorenen Auges bekanntlich das Glas, und die Erzeu- 
gung von Glasaugen ist auch tatsächlich bereits eine ziemlich vollendete Kunst ge- 
worden. Nun hat man eine ganz neue Methode gefunden, um ein verlorenes Auge 
zu ersetzen. Von der Absicht ausgehend, ein künstliches Auge herzustellen, das sich 
den Veränderungen der Augenhöhle mehr anpaßt, hat man zu Gummi gegriffen. 
Und zwar verwendet man zur Herstellung des vorderen Augapfelteiles Hartgummi, 
der, mit einer Emailschichte versf hen,7einen sehr 'natürlichen Eindruck machen 
soll, und zur Herstellung der hinteren Augapfelhälfte weichen Kautschuk, der wie 
cm Ballon hohl und mit Luft gefüllt ist. Die »Hohiaugen«^ sollen ihrem Zweck in 
jf<^^'' ^^'"sicht entsprechen. Sie sind weich und elastisch, folgen den Bewe;-uigen 
der Augenhöhle und haben den Vorzug, unzerbrechlich zu sein, 

— französische K r i e'gsbli n d e als Funker. In Frankreich v^.irden 
neben der Errichtung der üblichen Blindenheime und sonstiger gebräuchlicher Ar- 
stalten mehrfach Lehrmethoden angewandt, um die für die Blinden geeignetsten 
Berufe festzu.stellen. Am bemerkenswertesten ist hier die Verwendung der Kriegs- 
blinden im Telephon- und T( legiaphendienst, ganz besonders in der drahtlosen 
lelegraphie. Während bei der Telegraphie mit Draht der vermittelte Text auf 
lapiei streifen aufgezeichnet und einfach abgelesen wird, geht bei der >"rahtlosen 
lelegraphie die Vermittlung lediglich auf dem Wege der Akustik vor sich. Die 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Biirklen, 
J. Kn<-is, A.T.Hor»ath, F. Uhl. — Druck Ton Adolf^Eiiglisch.'Purkersdorf bei Wien. 



Zeichen sind nicht sichtbar, sondern werden beim Klappern des »Empfängers« 
abgehört. Da größere Entfernungen schwächer klingende Zeichen und darum eine 
um so empfindlichere Gehörfähigkeit bedingen, wie sie sich ja bei allen Blinden 
stets ausbildet, eignen sich die Kriegsblinden vorzüglich zur Verwendung im 
staatlichen Dienst der drahtlosen Telegraphie. Vermöge der besonderen Schärfe 
ihrer Gehörnerven ist sogar zu erwarten, daß sie in diesem nützlichen und wichti- 
gen Berufe ihren sehenden Kameraden nicht nur an Leistungsfähigkeit gleichkommen, 
sondern sie sogar übertreffen können. 

— Wettbewerb. Ein blinder Mann bittet mich, ihn über die Straße zu 
führen. Wir sind noch nicht drei Häuser weit gegangen, so bietet er mir Wichs- 
bürsten und Kammputzer an. Ich solle ihm doch etwas zu »lösen« (verdienen) geben. 
Er ist ein Jude aus Ostgalizien, steht ganz allein da und ist seit vierzehn Jahren 
blind. Auf der Straße bittet er um Führung und macht so Geschäfte. Es geht ihm 
schlecht, das Leben ist ihm zur Last. Und mit der Schlauheit seines Volkes sagt 
er bedrückt: »Jetzt wird es noch viel ärger werden. Auf einmal diese Konkurrenz! 
Die Zivilblinden tun keinem mehr leid!« Er hat ganz recht. Das Blindenelend 
trägt nichts mehr — die Konkurrenz ist zu groß. 

(Arbeiterzeitung), 

— Lord Grey vor der Erblindung. Lord Grey ist auf seinem 
Landsitz in Fallodon sehr schwer erkrankt. Schon seit Jahren wurde er von einem 
peinlichen Augenleiden gequält, das ihn schließlich an der Arbeit verhinderte. Jetzt 
ist er von vollständiger Erblindung bedroht, die auch durch eine Operation kaum 
noch wird behoben werden können. Lord Grey hat das 60, Lebensjahr noch 
nicht erreicht. 



Bücherschau. 

— Paul H. Perls: Kriegsblindenbeschäftigung in der Werk- 
statt. (Sonderdruck aus »Werkstattstechnik« 1917, Heft 2, J. Springer, Berlin.) Eine 
dankenswerte Erscheinung, die uns zum eistenmale von der praktischer Möglichkeit, 
Blinde im Fabriksbetriebe zu beschäftigen, unterrichtet. Es sind die Siemens- 
Schuckertwerke in Siemensstadt bei Berlin, wo diese Verwendungsmöglichkeiten 
von Blinden und Kriegsblinden bei der Massenherstellung von elektrischen Installa- 
tionsmaterialien erprobt wurden. Die Erfolge sprechen genug für sich, denn es stellte 
sich heraus, daß blinde Arbeiter sich nicht nur bald eingewöhnen, sondern einen 
Stundenverdienst von 55 Pf. zu erzielen vermögen. Die von den Kriegsblinden ge- 
leisteten Arbeiten werden in Ausführung und Arbeitszeit genau beschrieben, so daß 
sie auch einen Hinweis auf die Verwendung in anderen Betrieben bieten. Einrichten 
der Maschinen sowie Zu- und Wegschaffen der Materialien werden von Sehenden 
besorgt. Ebenso ist eine besondere Sicherung der Maschinen notwendig. Kranken- 
kasse- und Invalidenversicherung fallen zu Lasten des Arbeitsgebers. Die Stimmung 
der blinden Arbeiter ist im allgemeinen gut, da sie mit Gesunden zusammenarbeiten 
und auf diese Weise genügend Abwechslung haben. Für die Lösung der Arbeits- 
frage Blinder im Fabriksbetriebe wird sehr richtig die persönliche Anteilnahme 
des Arbeitsgebers betont und es gereicht den Siemens-Schuckertwerken zur hohen 
Ehre, in einer so edlen Sache mit überzeugendem Beispiele vorangegangen 
EU lein. 

Zur Beachtung ! 

fln die Besitzer von wertvollen, in Blindenschrift übertragenen Werke, 
weldie in den Blindenbibliotheken nicht vorhanden sind, stellen wir, falls 
die Bücher verliehen werden, das Ersuchen um Bekanntgabe der Buchtitel. 
Durch die Veröffentlichung sollen die Werke der flllgemeinheit zugänglich 
gemacht werden. 




von Oskar Picht, 
Bromberg. 



A für Punktschrift M 85.80 B für gewöhnliche Schrift M 80. 



== ^syl für blinde Kinder = 

Wien, XVII., Hernaiser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorscliulpflichtiiTen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländera auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung?. 



Die ..ZentPQlbibliothBh \w Blinde in Osteppeich", 

Wien XVIII, Währinger Gürtel 136 

verleiht ihie Bücher kostenlos an alle Blinden. 



Blinden-Unterstützungsverein 

„DIE PURKERSDORFER" 

Wien V., Nikolsdorfergasse 42. 

Zweck des Vereines: Unterstützuüg l)linder Mit- 
glieder. Arbeitsvermittlung tiir niiude. Erhaltung 
p«r Musikalieii-LeihbililiotheU. Tslephon 10.071. 



Der blinde Modelleur 



Littau in Mähren, 

empfiehlt seine zu Geschenken sich 
: vorzüglich eignenden keramischen : 
Handarbeiten. Nähere Auskunft brieflich. 



Froduhtlugenossinsciiaft für blinde 
BQpstenbinder und Korbflechter. 

(;. 111. h. II. 
Wien Vlil., Flopiani^aHse Nr. 41. 

Telephon Nr. 23407. 

Alls Gattungen Bürstenbinder- ii. Korbtlechterwaren. 
V«rlc»ntsst»lle: Wien VII., Noubaui^asse 75. 



Musikalien - Leiliinstitut 



des Blinden- UnlerstUtzungsverein es 
»Die Purkersdorfer* in Wien \^, 
: — : Nikolsdorfergasse Nr. 42. : — : 



ryn Blindendrucknoten werden an 
I^J Blinde unantj^ältiich verliehen! 



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Gabriel Böhm, Wien, II 1 3 

Nr^Ss Negerlegasse 6 (Schöllerhof). J^tSs 

Lager von Borsten und Roßhaaren überhaupt sämt- 
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(Gegründet 1878.) 

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Bergedorf bei He^mburg. 

Mustcrgültig^e Bearbeitung- von F i b c r und P i a s sava 
aller Arten. 




Organ des „Zentralvereine^ für das österreichische Blinden- 
— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



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Schriftleitung 
Purkersdorf 
bei Wien. 
Österreichisches 
Postsparkassen- 
konto Mr.132.257 



Das Biatt ersdieint 
monatlich einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



PI Bezugspreis Q 

y ganzjährig mit q 

Q Postzustellung □ 

G 4 Kronen, D 

n Einzelnummer LI 

n 40 Heller. ^1 



4. Jahrgang. 



Wien, Mai 1917. 



5. Nummer. 



HiHHLT: Ignaz Krieger, Wien: Die internationale Hilfssprache Esperanto und 
die Blinden. Dr. Josef Hartinger, Graz: Die Berufswahl der Kriegsblinden 
aus dem Mannschaftsstande mit besonderer Berücksichtigung der alten 
Blindengewerbe. Personainachrichten. Aus den Anstalten. Rus den Ver- 
einen. Für unsere Kriegsblinden. (RItes und Neues. Ankündigungen). 



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-B 



3~Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische 
Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VIII, 
g Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. ^ 

Ulm wP 



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/Jtes und Neues. 

Der Hund als Blindenführer. 

Die Idee, den Hund als Blindenführer zu benützen, ist schon alt. 
Es sind anch einzelne Fälle bekannt, in welchen sie praktisch zur 
Anwendung gekommen ist, doch handelte es sich hier nur um ver- 
einzelt dastehende F'älle. 

In der heutigen Zeit, wo der furchtbare Krieg den Blinden 
wieder neue Schicksalsgenossen zugeführt hat, ist man der Frage, 
ob sich der Hund als Blindenführer eignet, wieder nähergetreten. Die 
Gesellschaft zur Ausbildung von Sanitätshunden in Deutschland hat 
sogar schon in mehreren Städten begonnen, die braven Tiere zum 
Führen der Blinden zu erziehen. So auch bei uns in Bremen, und 
hier hat sich durch die praktische Handhabung der Dressur Herr 
Polizeileutnant Meißner ein besonderes Verdienst erworben. Um die 
Ausbildung einiger Hunde gleich gründlich und für die Zukunft zu 
betreiben, hat er bremische Blinde dazu herangezogen. 

Bekanntlich eignet sich der deutsche Schäferhund wegen seiner 
Intelligenz und Treue am besten zum Sanitätshund. So auch als 
Führer eines Blinden. Durch ein leichtes Ledergeschirr, das am Rücken 
des Hundes einen Handgriff hat, den der Blinde erfaßt, ist es letz- 
terem möglich, jeder Bewegung des Hundes zu folgen. So, „bei Fuß" 
neben dem zu Führenden hertrottend, weicht er jedem sich in den 
Weg stehenden Hindernis getreulich aus. Bei Straßenübergängen 
verlangsamt der vierbeinige Führer einige Schritte vor dem Saumstein 
seinen Gang, am Saumstein setzt er sich. Auf das Kopimando des 
Blinden „führ weiter" überschreitet er, wenn keine Gefahr vorhanden, 
langsam die Fahrstraße. Ist der Verkehr zu stark, folgt er dem Kom- 
mando noch nicht. Ist aber die Straße überschritten, so wiederholt 
sich das Manöver von vorhin: Der Hund setzt sich kurz vor dem 
Saumstein, um dessen Vorhandensein zu melden. 

Ebenso interessant wie erstaunlich ist es, daß der Hund auf 
bestimmte, ihm vorgesprochene Befehle und Wünsche s,eines ihm zur 
Hut anvertrauten Blinden hört. Zum Beispiel auf der Promenade: 
„Führ zur Bank!" und bei der nächsten Bank wird Halt gemacht. 
Oder : ,,Zur Treppe !" und vor der gedachten Treppe setzt sich das 
kluge Tier nieder. Hat der Blinde einige Male mit seinem Führer 
bestimmte, und seien es auch weite Wege, gemacht, so braucht er 
ihn nur an ein bestimmtes Stichwort zu gewöhnen und, sobald er es 
erfaßt hat, führt er ihn selbständig und sicher ans Ziel. Verliert der 
Blinde irgendwelche Gegenstände, so kann er sicher sein, daß ihm 
sein führender Freund alles unversehrt wieder' zuführt. — Ich selbst 
gehöre zu denjenigen Blinden, die man zur Ausbildung der Hunde 
herangezogen hat und kann, zusammenfassend, nur sagen, daß ein 
später Erblindeter in einem guten Hunde nicht nur einen wackern 
F"ührer, sondern auch einen treuen Freund und Gesellschafter finden 
wird. Dies wird aber besonders der Fall sein, wenn ihm das Tier 
ganz zu eigen gehört. Es wird sich dann noch als bedeutend leistungs- 
fähiger erweisen, da es auf die Individualität, auf die Eigenarte und 
Gewohnheiten seines Herrn eingehen kann. Möchten diese Zeilen für 
manchen älteren oder neueren Schicksalsgenossen ein Fingerzeig sein. 

Theodor Oelrichs, Bremen. 




4. Jahrgang. 



Wien, Mai 1917. 



5. rSunnmer. 



im^'s^^^^^^^^^-^'^MMm^^mw^^^m^mm'^^^mm^^^^^^^m^^^^^m^^mm 



^ *Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch; wer uns ». 

^ mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter. « ^ 

g G. E. Lessing. g 



Die internationale Hilfssprache Esperanto 
und die Blinden. 

Von Ignaz Krieger. 
Ausschußmit>^lied des I. öst. Blindenvereines in Wien. 

Grat Leo Tolstio sagt: »Die Opfer, welche jeder gebildete 
Mensch bringt, indem er wenige Zeit dem Studium des Esperanto 
widmet, sind so klein und die Erfolge, welche damit erreicht werden, 
so groß, daß es kein Gebildeter unterlassen sollte, den Versuch zu 
machan«. Jeder, der sich" ernstlich mit dem Studium des Esperanto 
befaßt hat, so angelegentlich wie er es etwa mit dem Erlernen irgend 
einer anderen Fremdsprache tat, weiß sehr wohl, wie recht der russi- 
sche Geisteshe.roe hat und daß man nach 4 bis 5 Monaten schon viel 
tüchtiger im Esperanto ist, als dies in anderen Fremdsprachen nach 
4 bis 5 Jahren denkbar sein kann. Überdies erfordert das Studium des 
Esperanto unvergleichlich weniger Lernenergie und Gedächtnisarbeit. 
Man benötigt dazu hauptsächlich ein gutes Sprachgefühl und die genaue 
Kenntnis der Grammatik der INkittersprache. Mit diesen Voraussetzungen 
kann man das Esperanto sogar schon nach 6—8 Wochen sehr gut 
beherrschen. Somit könnte jeder Mensch, selbst der einfache Arbeiter, 
neben seiner teuren, trauten Muttersprache auch das Esperanto ohne beson- 
dere Opfer erlernen, um schon nach wenigen Monaten internationale 
Beziehungen unterhalten zu können z. B. der Gelehrte aui seinen 
Kongressen, der Kaufmann aut seinen Geschäftsreisen usw. Durchaus 

Am 15. April 1. J. starb in Warschau der Erfinder des »Esperanto« Dr. Lud- 
'-' wig Zamenhof. »Esperanto« bedeutet eigentlich *Der Hoffende« und war das 
^' Pseudonym des Erfinders, der seine Sprache im Jahre 1887 unter dem Decknamen 
^i. Dr. Esperanto veröffentlichte. 



Seite 724. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

nicht zum Wenigsten könnte der Arbeiter aller Kategorien bei seiner 
Arbeitssuche im Ausland mittelst des Esperanto über die Sprach- 
schvvierigkeiten sich hinweghelfen. 

In der Tat haben ja auch eine große Anzahl bedeutender Autori- 
täten aui dem Gebiete des Schulwesens im Kampf um die Hebung der 
Schulbildung für die unteren Volksschichten die Einheitsschule gefordert, 
wobei vor allem die obligatorische Einführung des Esperanto mit 
Nachdruck betont wird. Es wären die zwangsweisen Lehrfächer aus 
anderen F"remdsprachen aus der Einheitsschule dem Spezialstudium und 
der Liebhaberei in den höheren Schulen zu überlassen. Von der Kennt- 
nis und guten Handhabung des Esperanto ausgehend, würden die 
Fremdsprachen um vieles leichter und zweckmäßiger erlernt werden 
können. Das Esperanto ist ja so vortrefflich dazu geeignet den Schüler 
zu zwingen, daß er nachdenke über das innere Wesen der Menschen 
überhaupt und daß der Schüler sich gewöhne, immer ganz klar und 
sicher zu erfassen, was er auszudrücken hat. Es hält zu absolut logi- 
schen Denken und sinngemäßen Gedankenausdruck an. Die 
Forderung nach Einführung der »Einheitsschule« mit obliga- 
torischer Pflege des Esperanto hat vor Kurzem sogar einen mächtigen 
politischen Widerhall gefunden in der Rede des Dr. Steche, der im 
Namen seiner Gesinnungsgenossen im sächsischen Landtag in dieser 
Richtung einen Antrag einbrachte und die Sympathie sogar der Unter- 
richtsbehörden fand. Sowie die Dinge heute liegen, muß sich jeder, der 
eine fremde Sprache braucht, viele Jahre gehörig abmühen, um dann 
am Ende doch nur Dilettant darin zu bleiben. Will jemand gar zwei 
oder mehrere Fremdsprachen können, dann wird diese Aufgabe seine 
ganze Geisteskraft in Anspruch nehmen und ihm nicht viel Zeit übrig 
lassen, seine Bildung vielseitig zu gestalten. Wieviel Energietüchtigkeit, 
Zeit und Geld wird so vergeudet, während sich alles anders, viel, viel 
besser umsetzen könnte in neuschaffende Kraft, erfinderische Tätigkeit, 
auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft und des Handels. Wie sehr 
befruchtend und erleichternd würde eine durchaus neutrale, internatio- 
nale Hilissprache wirken können auf das geistige und wirtschaftliche 
Znsammenleben der Völker! 

Allerdings hört es sich gerade jetzt, in der düsteren Zeit der haß- 
erfülltesten Völkerentzweiung fast wie eine L'onie an, von einer inter- 
nationalen Hilfssprache zu reden. Jedoch wie entsetzlich auch immer 
der Krieg entarten mag, es kann ja nicht anders kommen, als daß die 
niedergetretene Menschlichkeit sich tief beschämt wieder aufrafft und 
einen geläuterterten, desto gefestigteren »Internationalismus« im Wirt- 
schafts- und Geistesleben begründet, welcher laut und unwiderleglich 
nach einer Hilfssprache rufen wird. Aus der wissenschaftlichen Kriegs- 
literatur von heute ließen sich eine sehr Anzahl von Belegen aufzählen, 
wie Gelehrte auf allen Wissenswegen, Kaufleute, Politiker u. s. w. hier- 
über denken, und wie man fast allgemein nur dem Esperanto das 
Wort redet, neben dem »Volapük« und dem »Ido« als den drei 
konkurierenden Versuchen einer internationalen Hilfssprache. Neben 
dieser Beweisfülle aus Büchern, wäre auch eine Unmenge an praktischen 
Tatsachen zu zitieren, welchen Nutzen das Esperanto selbst im Kriege 
stiftet, wie lebensfähig und existenzberechtigt es bleibt. Wohl beklagt 



5. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 725 

es manche schwere Einbuße ; dennoch ist das Wirken der zahlreichen 
Esperantovereine nirgends ernstUch zerstört, sondern nur beeinträch- 
tigt, erschwert. Leider erlaubt es die Raumfrage nicht, auf alles das 
näher einzugehen ; es mögen nur wenige Tatsachen gestreift werden. 
In Österreich zählt man mehr als 250 Esperanto- Organisationen in allen 
Volksschichten und politischen Richtungen. Es gibt hier 5 Esperanto- 
Zeitungen. Der Lehrerverein »Esperanto« in Wien, Hammerlingplatz 8, 
veranstaltet Kurse über Esperanto für Lehrpersonen. Am letzten nahmen 
24, am vorletzten 21 Lehrpersonen teil. 9 Lehrkräfte unterzogen sich 
der Reifeprüfung für die Unterrichtserteilung in Esperanto vor einer 
Prüfungskommission, welche sich aus Wiener Lehrern und aus Ver- 
tretern des internationalen Sprachenkomitees zusammensetzt. Herr Schul- 
inspektor Prof. Dr. Kammel empfahl in der Schulleiterkonferenz für 
den XIV. und XV. Bezirk dringend den Schulleitern, sie mögen die 
Aufmerksamkeit der Lehrerschaft auf das Esperanto lenken. Mehrere 
Wiener Lehrkräfte erteilen sehr erfolgreich Esperanto -Unterricht an 
Abiturienten der Volks-, Bürger- und Mittelschulen unter den Augen 
der hohen Unterrichtsbehörden. Letzthin hat das k. k. Unterrichts- 
ministerium mittels Erlaß die Abhaltung von Lesungen über Esperanto 
an der technischen Hochschule in Wien verfügt und zum Lektor in 
diesem neuesten Lehrfache Herrn Direktor Schamanek bestellt. In 
Deutschland erscheint unter den Augen der hohen Reichsregierung die 
halbmonatliche Esperanto-Zeitung »Internaria Bultem«, welche so wie 
der »Deutsche Esperantodienst« bestrebt ist, die Lügen und Verleum- 
dungen der feindlichen Presse im neutralen Ausland zu entkräften. 
Allenthalben werden in Deutschland Stimmen laut, die verlangen, man 
möge durch Einführung des Esperanto die Vorherrschaftstellung des 
Englischen als Welthandelssprache zu brechen versuchen. In Frankreich, 
wo Esperanto, noch bedeutend mehr floriert, fordern starke politische 
Strömungen, es sei mittels des Esperanto das. verhaßte Deutsch zu ver- 
drängen usw. Der spanische König, selbst ein eifriger Esperantist, 
sieht sehr gerne die Pflege des Esperanto in seiner Armee. Auf dem 
Plsperantoweltkongreß im Kambridge, ferner in Dresden und in Barce- 
lona übernahm der englische König resp. der König von Sachsen und 
Spanien das Ehrenpräsidium. Auf dem Kongreß zu Dresden wurde 
Goethes »Iphigenie auf Tauris«-, von Dr. Zamenho f in Esperanto über- 
setzt, von bedeutenden Schauspielern Deutschlands aufgeführt. Königin 
Elisabeth von Rumänien (Carmen Sylva), selbst eine begeisterte 
Esperantistin, empfing im Jahr 1907 in ihrem Sommerpalast in Sinaia 
die blinden Esperantisten Rumäniens und Bulgariens. Sie war eine der 
ersten, welche in ihrer neugegründeten Blindenstadt »Vatra luminoasa« 
das Esperanto als obligatorisch einführen ließ. 

Aber selbst wenn diese vielen untrüglichen Anzeichen, daß das 
Problem einer internationalen Hilfssprache unbedingt seiner Verwirk- 
lichung entgegengeht, nicht bestünden, so wäre trotz allem für die 
Blinden der gesamten Kulturwelt eine unwiderleglich nützliche und 
zweifelsohne ganz durchtülirbare Forderung nach Einbürgerung des 
Esperanto als internationale Hilfssprache unter ihnen gegeben. Schon 
heute steht jeder Gemütsempfängliche und einigermaßen geistig reg- 
same Blinde mit warmer, voller Sympathie dieser Idee gegenüber und 



Seite 726. Zeitschritt für das östcreichische Blindenwesen, 5. Nummer. 

bedauert es, daß er als Erwachsener nicht Gelegenheit hat, es nach- 
träglich zu erlernen. Die Sorgen und Beschwerden des Alltages und 
viele andere Ungunst der Umstände lähmen ihm die Energie und 
Spannkraft zum Lernen oder rauben ihm die nötige Zeit und Ruhe 
hiefiir. Jeder nur halbwegs denkende und fühlende Blinde sagt sich, 
daß die Blinden aller Welt durch das gleiche harte Unglück mit seinen 
überall gleichen Seelenleiden und Alltagsbeschwerden schon von 
Natur aus eine innige, feste Gemeinschaft bilden. Wie immmer auch 
der Krieg auf moralischem Gebiet verwüstend wirken mag, die Blinden 
kann er doch einander nicht entfremden. Wahrlich uns fehlt nur noch 
das äußere Bindemittel. Die ersten bescheidenen Ansätze zur Verwirk- 
lichung dieser Idee bestehen bereits; die in Esperanto erscheinende 
Braillezeitung »Esperanta ligilo« vereinigt nämlich schon heute ganz 
augenfällig mehr als 1000 Blinde aus 27 Kulturländern der Welt, da- 
runter aus Mexiko, Peru, Ostsibirien, Aegypten usw. Im »Esperanta 
ligilo« (Bindeglied) fand ein internationaler Austausch über Erfahrungen 
und Beobachtungen aller Art statt, man erteilte sich gegenseitig Rat- 
schläge und Auskünfte über neue Blindenbehelfe und Lehrmittel und 
einsciilägige Erfindungen. Esperanto war im Begriff, den Blinden eine 
Wanderbibliothek zu gründen, besonders für wissenschaftlichhe Werke 
und Fach-Zeitschriften in Brailledruck würde Esperanto eine ungeheure 
Steigerung der Rentabilität bedeuten. Esperanto begann auch, der 
»Internationalen Vereinigung blinder Musiker« sowie der >Internationalen 
Vereinigung akademischer Blinder« wertvolle Dienste zu leisten. Ferner 
vermittelt es die internationale Pflege des Schachspiels. 

Diesem jungen grandiosen Blindenwohltäter standen die berufenen 
Blindenerzieher allerorts l:)isher nur allzu zuwartend oder skeptisch, 
wenn nicht gar ganz teilnahmslos gegenüber. Man überließ und über- 
läßt die Verbreitung des Esperanto unter den Blinden mehr oder 
weniger sich selbst und den schvi'achen Werbekräften der wenigen 
Blinden, welche trotz des Tages Mühen und Sorgen, dennoch soviel 
Zeit und Idealismus erübrigen, für dieses Problem zu wirken. Gewiß 
haben die Blindenanstalten in Paderborn durch Herausgabe der »Es- 
peranto Grammatik« und das k. k. Blindenerziehungs-Institut in Wien 
durch Drucklegung des »Esperanto-deutschen Wörterbuches« sich ein 
großes dauerndes Verdienst erworben. Noch fehlt uns deutschen Blinden 
aber das wichtigere Deutsch-Esperanto Wörteibuch und ein Lehrbuch 
für Fortgeschrittene. Der internationalen Esperanto-Blindenwelt gebricht 
es fast vollständig an Lesestoff. Wann werden die Blindenerzieher auch 
in dieser Hinsicht eine wirksame Iniziative ergreifen und nicht alles 
unserer Selbsthilfe überlasssen ? Als solche Selbsthilfe stellen sich die 
Bemühungen der deutschländischen blinden Esperantisten dar, 
welche im Blindenverlag A. Wen dt, Berlin eine Esperantoliteratur her- 
zustellen trachten. Bei Schafifung von Lesestoff könnte man gewiß in 
normalen Zeiten auf materielle Förderung von Seite der sehenden 
Esperantisten rechnen. Wir wenigen Blinden aber können die Esperan- 
toidee nur ungemein langsam vorwärts bringen, denn der erwachsene 
Blinde ist ja, wie schon gesagt nur sehr schwer und selten zum nach- 
träglichen Studium des Esperanto zu bewegen. Auf die Blindcnjugend, 
als dem geeignetsten Werbematerial, haben wir außenstehende Kollegen 



r 



5. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenvvesen. Seite 727. 

keinen Einfluß. So geht es denn so schrecklich langsam vorwärts, so 
bleibt es denn beharrlich bei dem Anschein, als ob das Esperanto 
eigentlich nur eine Utopie, ein Schreibtischideal wäre. Wie aber, wenn 
die Blindenjugend schon in der Schule das Esperanto als obligat lernen 
würde ; in einem lernlustigen, empfänglichen Alter, noch unberührt vom 
Realismus des Erwerbslebens, noch unbeirrt vom Widerstreit spraciien- 
politischer, chauvinistischer Hetzereien. Die Unterrichtsbehörden wären 
wohl sicher hietür zu gewinnen. Einer Mehrbelastung des jugendlichen 
Intelektes wäre durch manches Kompromiß bezüglich des Lehrstoffes 
zu begegnen. Für die Blinden gäbe es vielleiclit eine neue kleine 
Erwerbsgelegenheit, für einige Nichtsehende ein anregendes Arbeitsfeld 
in Blindenanstalten. In anderen Blindenschulen zu Paris, St. Mande, 
Dijon, Woluwe, (Belgien), Prag, Kopenhagen, Tomteboda, Stockholm, 
Boston, Bukarest, Sofia, usw. ist man bereits daran gegangen, das 
Esperanto obligatorisch zu lehren. Was dort möglich ist und als schön 
und nützlich erkannt wurde, muß also doch auch endlich bei uns zu 
Lande platzgreifen können. Sagte doch z. B. Dr. Prof. Henry Dor 
gelegentlich des internationalen Kongresses zur Besserung des Loses 
der Blinden 1911 : »Der intelligente Blinde, der ja nicht unsere Zer- 
streuungen und Beschäftigungen kennt, würde die Grammatik des 
Esperanto schon nach einer Stunde beherrschen und nach drei, vier 
Monaten das Esperanto sehr tüchtig brauchen können ; es würde ihm 
eine Quelle reichster Genüsse und weittragendster Vorteile werden. Ich 
bitte Sie also dringend, meine Herren, für die Einführung des Esperanto 
in den Blindenschulen zu stimmen !« Desgleichen hat auch die »Inter- 
nationale Gesellschaft zur Unterstützung der Blinden«, auf ihren Kon- 
gressen in Neapel und Kairo, einstimmig den Wunsch ausgedrückt, 
daß das Esperanto eingeführt werde. 

So mögen sich denn auch bei uns wirksame Faktoren des Blin- 
denwesens finden, welche unser teures Esperanto durch großzügige, 
w^erktätige Förderung seiner grandiosen Bestimmung für die Blinden 
entgegentragen. Es ist sicher, daß die Geschichte der Blindenkultur 
die Namen derjenigen Männer mit Dankbarkeit und Ehre verzeichnen 
wird, welche sich des Esperanto annehmen. 

Möchte doch mit Wiederkehr normaler Verhältnisse auch lür das 
Esperanto ein gründlicher, segensreicher W^andel der Dinge anbrechen 
und zur »internationalen, gemeinsamen Blindenschrift« Braille's sich 
endlich auch die »internationale, gemeinsame Blindensprache« Dr. Za- 
menhofs gesellen! 



Die Berufswahl der Kriegsblinden aus dem Mannschaftsstande 
mit besonderer Berücksichtigung der alten Blindengewerbe. 

Von Direktor Dr. Josef Hartinger, Graz. 

Es handelt sich hier um die erblindeten Krieger aus den körper- 
lich arbeitenden Ständen, bei welchen die Verhältnisse betreffs ihrer 
Berufswahl ungleich günstiger liegen als bei den gebildeten Kriegs- 
blinden. Ist schon die Zahl der Intelligenzberufe für die im Felde 
Erblindeten verhältnismäßig groß, so besteht für die arbeitende Klasse 



Seite 7L'8. Zc-itsrhiift tiir das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

eine noch weit gröi3ere Reichhaltigkeit der Beriifsmöglichkeiten, in 
welchen vollwertige und einträgliche Leistungen zu erwarten sind. Die 
Zahl dieser Berufe ist für die Kriegsblinden weitaus größer als für 
die Zivilblinden, und die Verhältnisse in denselben sind bei weitem 
günstiger, schon deshalb, weil die Kriegsblinden aus der Zeit vor 
ihrer Erblindung die nötige Weltkenntnis besitzen, weil die Fürsorge 
sie mit dem nötigen Betriebskapital ausrüstet, und weil das Wohl- 
wollen der Öffentlichkeit sich ihnen in höherem Grade zuwendet als 
den übrigen Blinden. Durch die angestrengten Bemühungen hoch- 
verdienter Freunde der Kriegsblinden ist diesen jetzt eine ganze Reihe 
von Berufen und Beschäftigungen zugänglich geworden, an welche 
die Blinden vor dem Kriege nicht im Traume gedacht hätten. Diese 
große Zahl und Mannigfaltigkeit der neuen Blindenberufe ist hoch 
erfreulich, weil dadurch der Neigung und Begabung ein größerer 
Spielraum gelassen ist, und weil besonders in großen Städten die 
alten Blindengewerbe bei der großen Zahl der Blinden und der gegen- 
seitigen Konkurrenz längst nicht mehr ausreichend waren. Man kann 
ruhig behaupten: Die Mannigfaltigkeit der Berufe ist derart, daß jedem 
blinden Soldaten ein Beruf zugänglich ist, der seinen Neigungen, 
Fähigkeiten, Bedürfnissen und Verhältnissen l^illiger Weise entspricht 
und der geeignet ist, eine gute Verdienstmöglichkeit und eine wahre 
Berufsfreudigkeit zu gewähren, wenn anders der Mann guten Willen 
und einige Fähigkeiten besitzt und seine Ansprüche und Erwartungen 
nicht unvernünftig hoch spannt. Eine erschöpfende Aufzählung der 
Berufe und Beschäftigungen, welche für die blinde Manschaft zugäng- 
lich sind, läßt sich wohl nicht geben. 

Folgende Grundsätze, die sich besonders auf die Kriegsblinden 
aus dem Mannschaftsstande beziehen, sind gegenwärtig von den 
Fachmännern wohl allgemein anerkannt : 

1. Sollte jemand sich durchaus weigern, sich ausbilden zu lassen 
und irgend einen Beruf zu ergreifen, so liegt ein gew^isser Druck zwar 
im wohlgemeinten Interesse des Mannes, ein Zwang aber ist zu meiden. 
Ist schon zu befürchten, daß manche von jenen, welche sich freiwillig 
zur Erlernung eines Berufes melden, später das Erlernte nicht ausüben 
Avcrden, so wäre dies bei einer erzwungenen Ausbildung, selbst wenn 
sich der Blinde dem Zwange fügen sollte, wohl gewiß zu erwarten. 
Doch sollte ein großes Hindernis der Berufsfreudigkeit beseitigt werden, 
die sogenannte Rentenpsychose, die Furcht, daß durch die Ausübung 
eines Berufes die Invalidenrente verkürzt werde. Diese Furcht besteht 
tatsächlich vielfach und ist nur schwer zu beseitigen. Wenn auch 
versichert wird, daß die Invalidenpension bei vollständig Blinden 
durch die Ausübung eines Berufes nicht verkürzt werde, so besteht 
doch das Gesetz v. 27. XII. 1895 in Kraft, welches die Invaliden- 
pension nur jenen zuspricht, die militäruntauglich und vollkommen 
erwerbsunfähig sind. Nach der vorläufigen Verfügung des K. M. 
Erlasses v. 22. I. 1915 besteht allerdings "der Anspruch auf Invaliden- 
pension auch dann, wenn neben der militärischen Dienstuntauglichkeit 
die bUrgerhche Erwerbsfähigkeit gegen früher um wenigstens 20 "/o 
geschmälert erscheint. Doch das genügt den Kriegsblinden nicht, sie 
erwarten die vollständige Sicherstellung, daß bei gänzlicher und dauern- 



5. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindcnwesen. Seite 729. 

der Erblindung die Invalidenhauspension dauernd gewährt werde, 
selbst wenn der Blinde einen Beruf ausübt und es dabei zu tüchtigen 
Leistungen bringt. Solange eine solche formelle Zusicherung nicht 
vorliegt — und meines Wissens ist bis jetzt keine vorhanden — 
solange ist es unmöglich, diese Scheu der Kriegsblinden gänzlich und 
allgemein zu überwinden. Sie sind nur zu sehr geneigt, etwaigen 
Einflüsterungen dieser Art Gehör zu schenken. Doch halte ich es 
immerhin für günstig, daß in der Odilien-Blindenanstalt von den 
40 Kriegsblinden außer 2 verstümmelten, die zum Lernen gänzlich 
unfähig sind, nur einer sich grundsätzlich, und 5 andere, darunter 
4 Istrianer, sich nach anfänglichen Versuchen weigerten, einen Beruf 
zu ergreifen. 

2. Die Wahl des Berufes steht den Blinden frei. Es soll ihnen 
kein Beruf aufgedrängt werden, zu dem sie keine F"reude haben. 

3. Dessen ungeachtet muß eine Berufsberatung voraus gehen; 
man geht ihnen bei der Wahl des Berufes an die Hand, wobei auf 
Begabung und Neigung, auf die persönlichen Verhältnisse, die Zeit, 
welche sie ihrer Ausbildung widmen wollen, die Verhältnisse in der 
Heimat, die Absatzmöglichkeit u. a. Rücksicht genommen wird. 

4. Als Ziel der Ausbildung gilt, die Kriegsblinden nicht dereinst 
in Asylen das Erlernte ausüben zu lassen, sondern sie wirtschaftlich 
selbständig zu machen, womöglich in ihrer Heimat, wo sie entweder 
bei ihren Angehörigen bleiben oder sich ein eigenes Heim erwerben, 
womöglich sich auch in der damit verbundenen kleinen Landwirtschaft 
betätigen und eine Familie gründen. 

5. Es ist soviel als möglich an den alten Beruf anzuknüpfen, der 
entweder ganz oder teilweise wieder aufgenommen wird, oder ein 
angrenzender Beruf zu empfehlen. Wo es die Verhältnisse erlauben, 
so in den Städten und Industriebezirken, käme die Unterbringung in 
Fabriksbetrieben in Betracht. Schließlich kommt das Umlernen auf 
einen ganz neuen Beruf in Erwägung, auf ein Handwerk; hier kommen 
nun die alten Blindengewerbe in Frage, vor allem das Bürstenbinden 
und das Korbflechten. Der Tabakverschleiß und die Landwirtschaft 
werden hiebei nicht als eigentliche Lebensberufe aufgefaßt, sondern 
als Beschäftigungen, mit welchen ein Beruf verbunden wird, der sich 
als Heimarbeit eignet. 

Wie stellen sich nun die Kriegsblinden nach den bisher gemachten 
Erfahrungen zu diesen Grundsätzen, vor allem zum letzten? In der 
Odilien-Blindenanstalt entschloß sich kein einziger Handwerker, zu 
seinem alten Berufe zurückzukehren, selbst wenn dieser nach dem 
Urteile der Fachmänner auch für Blinde geeignet ist und tatsächlich 
von manchen Blinden geübt wird. Ein gewesener Schuster, dem wir 
Gelegenheit bieten wollten, zu seinem Berufe zurückzukehren, sagte 
lachend, er sei viel eher imstande, Schuhe zu zerreißen als zu machen. 
Ein Fabriksarbeiter in einem Eisenwerk weigerte sich, die Wieder- 
aufnahme in seine Fabrik anzustreben, obschon er noch einen ziemlich 
guten Sehrest besitzt. Als wir unseren Blinden sagten, daß es möglich 
sei, in Fabriken unterzukommen, besonders in Munitionsfabriken, und 
daß die Verdienstmöglichkeit eine verhältnismäßig gute sei, da machte 
die Sache Aufgehen. Doch nur 2 überlegten ernstlich, einer meldete 



Seite- 730. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

sich auch tatsächlich für die Munitionsfabrik, zog aber nachträglich 
sein Ansuchen zurück. Sie wollten nicht in die Fremde, nicht fort 
von ihrer Heimat, sich nicht trennen von ihrem Lieblingsgedanken, 
einmal ein eigenes Anwesen ihr Eigen zu nennen. Die gewesenen 
Landwirte und landwirtschaftlichen Arbeiter haben zwar ihre Freude 
und ihr Interesse an der Landwirtschaft bewahrt, sie wollen auch zu 
Hause sich weiter hierin nach Gelegenheit betätigen, doch fassen sie 
dies nicht als einen eigentlichen Beruf für sie auf, ein einziger 
ausgenommen. 

Alle Kriegsblinden aus den arbeitenden Ständen, die sich überhaupt 
zu einem Berufe entschlossen, wählten trotz der Berufsberatung und 
der vollsten. Freiheit in der Wahl die alten Blindengewerbe, und zwar 
das Bürstenbinden und das Korbflechten. Dabei war die Wahl keine 
überstürzte, sondern wir ließen ihnen hinreichend Zeit zur Überlegung 
Wie erklärt sich diese Erscheinung, während mitunter, besonders in 
Deutschland, Stimmen laut wurden, es seien diese alten Blindengewerbe 
den Kriegsblinden wenig zu empfehlen ! Gewiß spielt dabei auch der 
Nachahmungstrieb eine Rolle, weil diese Berufe auch von sovlelen 
anderen Blinden mit schönem Erfolge geübt werden, vielleicht auch 
weil selbst ein blinder Hofrat sich unter die Korbflechter setzt und 
das Handwerk lernt. Doch warum ahmen sie nicht auch die Matten- 
und Sesselflechter nach? Warum entscheiden sie sich nicht auch für 
das Maschinstricken? Auch aus den Berichten anderer Blindenanstalten 
sehe ich, daß sich die Kriegsblinden mit Vorliebe den beiden genannten 
Gewerben zuwenden, wenn auch nicht in dem Grade wie in unserer 
Anstalt. 

Diese beiden Gewerbe eignen sich eben in besonderem Grade 
für die Heimarbeit und werden daher besonders von solchen Blinden 
aus kleineren Städten und vom flachen Lande gewählt, welche wieder 
in die Heimat zurückstreben und dort ein eigenes Heim besitzen 
oder besitzen wollen. Und das trifft bei uns so vielfach zu. Diese 
Berufe können sie wie kaum ein anderes selbständig und unabhängig 
von der Hilfe der Sehenden ausüben, ohne besonders kostspielige 
Einrichtungen, ohne geräumiges Arbeitslokal. 

Die Erlernung ist nicht allzu schwierig ; bestimmte Arten von 
Körben und Bürsten sind schnell erlernt. Nicht selten bringt der 
Neuling schon am ersten Tage seiner Lehrzeit eine Bürste fertig, was 
ihm zur Freude und anderen Neulingen zur Aufmunterung gereicht. 
Das Handwerk Ist in kurzer Zeit soweit erlernt, daß es wenigstens 
bescheidenen Ansprüchen genügen und ländliche Bedürfnisse befriedigen 
kann. Sollte ein Blinder schon nach kurzer Ausbildungszeit nach Hause 
streben, so kann man ihn ruhig ziehen lassen. Ein Gewerbeschein ist 
zur Ausübung der genannten Gewerbe nach der kais. Verordnung 
V. 7. XII. 1915, Reichsgesetzblatt Nr. 364, § 4, für Kriegsbeschädigte 
nicht notwendig. Der gute Ruf der Blindengewerbe wird durch eine 
kurze Ausbildungszeit der Kriegsblinden nicht leiden. Es kann ihnen 
später immer noch Gelegenheit geboten werden, durch Kurse ihre 
Kenntnisse zu erweitern. Die Erlernung dieser Handwerke rückt also 
den Blinden das Ziel ihrer Sehnsucht, nach Hause zurückzukehren, 
nicht in allzu weiter Ferne. Und doch bieten diese Handwerke den 



5. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Biindenwcsen. Seite 731. 

Begabten und Strebsamen Gelegenheit, Hervorragendes zu leisten an 
Kunstfertigkeit, besonders in der Korbflechterei. 

Die Blinden wissen es zu schätzen, daß ein Handwerk mit seiner 
Vielseitigkeit sich vorteilhaft unterscheiden muß von der Fabriksbrbeit, 
die sich auf das Gemüt eines Blinden besonders schwer legen müßte. 

Diese Gewerbe sind und bleiben rentabel, ausgenommen in 
großen Städten. Die Odilien-Blindenanstalt hat schon vor dem Kriege 
nie alle Nachfragen befriedigen können, und kann es jetzt noch weniger. 
Auch unsere blinden Korbflechter und Bürstenbinder außerhalb der 
Anstalt finden stets guten Absatz. Die Anstalt wird den Kriegsblinden 
bei Ausübung ihres Handwerkes an die Hand gehen mit Rat und 
Tat, Besorgung von Materialien, Vertrieb der Waren. 

Die Konkurrenz der Kriegsblinden mit den Zivilblinden auf 
diesem Gebiete ist wohl kaum nennenswert. Die Zivilblindcn nähren 
keine Eifersucht gegen die Kriegsblinden, da sie von der Kriegsblinden- 
fürsorge ebenfalls einen großen Vorteil ziehen, dessen TragAveite jetzt 
noch gar nicht übersehen werden kann. Wenn auch die Zahl der 
Kriegsblinden absolut genommen eine traurige Höhe erreicht hat, so 
ist sie doch weitaus nicht so hoch, als die erregte Phantasie des Volkes 
sich ausmalt, und ist relativ sogar gering gegen die Zahl von 20.000 
Zivilblinden Österreichs. Die Zahl der Kriegsblinden Österreichs beträgt 
gegenwärtig ungefähr 400. Wenn auch davon hochgegriffen etwa 200 
sich den genannten Gewerben zuwenden, so ist diese Konkurrenz 
wohl gering gegen jene, welche von sehenden Bürstenbindern und 
Korbflechtern, von den Großbetrieben dieser Art, von den Handwerkern 
in den Strafhäusern, Flüchtlingslagern, Alters- und Invalidenhäusern 
den blinden Bürstenbindern und Korbflechtern zugefügt wird. Hier 
sollte der Hebel eingesetzt werden. Gönnen wir es den Kriegsblinden, 
wenn sie sich aus eigenem Antriebe zu diesen Gewerben drängen. 
Schon auf den fünften Blindenfürsorgetage in Wien i. J. 1914 wurde 
der Antrag angenommen : ,,Die Tagung wolle eine Petition im Sinne 
der Einschränkung und allmählichen Auflassung der sogenannten 
Blindcngewerbc in den Strafhäusern bei der Behörde einbringen." 
Diese Konkurrenz durch die Sehenden hat sich gegenwärtig nur noeh 
bedeutend verschärft. Könnten sie nicht diese altehrwürdigen Blinden- 
gewerbe den Blinden überlassen? Könnten die Gcwerbetörderungsinsti- 
tute nicht den Zudrang zu diesen Gewerben hintanhalten? 

Gegenwärtig stellt sich diesen beiden Gewerben eine weit größere 
Gefahr entgegen als die Konkurrenz: Es ist dies der große Mangel 
an Rohmaterial, besonders für das Bürstenbinden, sodaß wir gegen- 
wärtig schon einige Bürstenbinder vom Unterrichte ausschalten mußten, 
und daß Gefahr besteht, den Unterricht im Bürstenbinden gänzlich 
einstellen zu müssen." Dieser Mangel ist verursacht durch den erhöhten 
Bedarf der Heeresverwaltung, der Invalidenschulen mit ihren vielen 
Korbflecht- und Bürstenmacherkursen, bei den Weidenkulturen durch 
den Mangel an Arbeitskräften, bei den Bürstenmaterialien durch den 
Ausfall der überseeischen Produkte, endlich durch den geringeren 
Bestand an Pferden und Schweinen. Diese Not an Materialien ist der 
letzte Beweggrund meines Referates. Alle unsere Bemühungen in 
dieser Hinsicht waren vergebens. Das Pferdesammelkommando in Graz, 



Seite 732. Zeitschrift für das österreirhische Blindenwescn. 5. Nummer. 

(las uns triilier Pferdehaare abg^ab, hat diese lum an das Kriegsniinisteriuiii 
abziilielcrn. Ich lialte es für aussichtsvoll, wenn das geehrte Kuratorium an 
(las k. u, k. Kriegsministcriiim herantreten würde niitdem Ersuclien, die 
Pferdesammelkommanden, ärarischen Gestüte u. a. mögen verhalten 
werden, ihren Vorrat an Pferdehaaren den Blindenanstalten zum 
Unterrichte für die Kriegsblinden zur Verfügung zu stellen. Die 
Anstalten könnten dafür die Bestellungen für den Heeresbedarf aus- 
führen. Bezüglich der Korbweiden könnte die staatliche Lehrwerk- 
stätte für Korbflechterei abhelfen. 

Ich beehre mich zinn Schlüsse, dem geehrten Kuratorium des 
Kriegsblindenfonds folgende Anträge zu unterbreiten : 

1. Das Kuratorium wolle geneigtest an mai3geljender Stelle die 
formelle Erklärung aniegen, daß die gänzlich und dauernd erblindeten 
Soldaten die Invalidenhauspension dauernd beziehen, auch wenn sie 
einen einträglichen Beruf ausüben. 

2. Das Kuratorium wolle über Mittel und Wege beraten, wie 
die Konkurrenz gegen die beiden obgenannten Blindengewerbe einge- 
schränkt werden könne. 

3. Das Kuratorium wolle helfend eingreifen, dafS der Bezug der 
erforderlichen Rohmaterialien für den Unterricht der Kriegsblinden 
in den genannten Gewerben sicher crestellt werde. 



Personalnachrichten. 

— Auszeichnung. Dem Direktor des Tirol- Vorarlb. Blinden- 
institutes in Innsbruck, Stadtpfarrer Johann Vi n atze r, wurde für seine 
ersprießliche Tätigkeit auf dem Gebiete der Kriegsfürsorge das Ehren- 
zeichen IL Klasse vom Roten Kreuze mit der Kriegsdekoration 
verliehen. Das aufopfernde Wirken und die edle Hingabe dieses ver- 
dienstvollen Mannes in charitativer Hinsicht wurde an Höchster Stelle 
schon zum zweitenmale gewürdigt. 

— Jubiläum. Am 26. März 1. J. vollendete der Fachlehrer i. R. 
an der Linzer ßlindenlehranstalt Herr Ferdinand Groß in voller Rüstig- 
keit sein 70. Lebensjahr. Aus diesem Anlasse veranstaltete der Direk- 
torder beiden Linzer Blindenin.stitute eine zeitgemäße Glückwunschfeier. 
Vorstand und Zöglinge überraschten den trefflichen Blindenlehrer und 
treund seiner Schicksalsgenossen mit herzlichen Glückwünschen für 
die spätere Lebendauer. In «gewählten Worten dankte der Jubilar für 
die herzliche Feier. p 



Aus den Anstalten. 



N. 



^-''" ^^s-BIind enansla It in P u i k er sd o r f. lnspektion« 
Am 21. März !. J. bc.-uchte der Herr Landesschulinsnektur K Piffl die Anstalt 
und wohnte dem Unten ichte bei. 

- Pri vat-Blindenlehranstalt in Linz. Am 30. März 1. J. unterzog 
'lei Herr Landesschulinspektor Dr. Kran/. Kimm er die II. Klasse der Anstalt einer 
nielustundiacn Inspektion, nachdem bereits am 20. März die Re!i<nonsinspektion. 
durch den Herrn Domkapitular Prä'at Ms^r. Dr. Lohningcr vorfrenommcn 
wurde. -^ ^^ 



5. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Bliiidenwesen Seite 733. 

Heuer versorgte das hiterniertenlager Katzenau bei Linz aus den großen 
Donauauen durch Internierte aus dem Süden — auch Reichsitaüener — die Anstalt 
mit nötigen Korbweiden. Mit den aus den Abfällen der Weiden hergestellten socc- 
nannten Weidenborsten machen wir in der Bürstenbinderei ganz gute Krfahrun^en. 
So ist die Rohstoffrage ziemlich gelöst 

Anfangs Mai wird wahrscheinlich das alljährlich recht gut besuchte Blinden- 
konzert in der Blindenbeschäfti^ungsanstalt abgehalten werden, das aus den be- 
kannten Zeitumständen bisher verschoben werden mußte. P. 

~- Blindeversorgungshaus ,,Francisco-Josephinum" in Prag. 
Der 24. Jahresbericht über die von der „Böhmischen Sparkasse" gegründete und 
erhaltene Anstalt eiwähnt das Jahr 1916 als schweres sorgenvolles Jahr. Das Ab- 
leben des Ian!jjährigen Obmannes, kais. Rat Ignaz Homolka, riß eine kaum aus- 
zufüllende Lücke in die Reihe des Direktoriums. Nicht nur die Pfleglinge, die 
liebend an ihm hingen, sondern auch das Direktoiium betrauert in dem Dahin- 
gegangenen schmerzlich den treuen Freund, dessen Wirksamkeit unvergessen und 
vorbildlich bleiben soll. An seiner Stelle wurde Hofiat Johann Rotky zum Obmann 
und kais. Rat Johann -S t ü d 1 zum Obmannstellvertreter gewählt. 

Auch im Jahre 1916 wurde die Richtung festgehalten, die Pfleglingszahl tun- 
lichst herabzumindern. Infolgedessen haben Neuaufnahmen nicht stattgefunden und 
und es ergibt sich bei 9 Ablebensfällen mit Jahresschluß ein Stand von 87 Perso- 
nen. Darunter sind 48 Deutsche und 39 Tschechen, bezw. 82 Katholiken, 4 Israe- 
liten und 1 Protestant. Der Pfleglingsstand, dessen Gesundheitszustand Dank der 
ärztlichen und verwaltungsseitigen Umsicht und Fürsorge das ganze Jahr hindurch 
befriedigend war, hat sich sonach gegenüber dem Vorjahre um 9 Personen verrin- 
gert. Trotzdem schloß die Rechnung mit einem erheblichen Mehraufwand ab. 

flus den Vereinen. 

— Fürsorgeverein für die Taubstummblinden in Osterreich 
IV. Jahresbericht). Der obgenannte Verein versendet soeben seinen 4. Jahresbericht, 
welchem man manch erfreuliches entnehmen kann. Die Einleitung des Berichtes 
sind tiefempfundene Worte des Gedenkens anläßlich des Ablebens Sr. Majestät des 
Kaisers Franz Josef I und hoffnungsfreudige Huldigung für Sr. Majestät Kai- 
ser Kail I. 

Die Zusammensetzung der Vereinsleitung ist gewissermaßen der Spiegel für 
die vielseitigen Sympathien, deren sich der Veiein und seine Unternehmung »das 
Taubstummblindenheim«, Wien XIII., Linzerstraße 478 erfreut. So finden wir nebst 
Vertretern vom Unterrichtsministerium, der Landes-, Bezirksschulbehörde, Spezial- 
Pädagogen für Taubstummen- und Blindenunterricht ganz besonders vertreten Spe- 
zialisten für Augen, Ohren und für Dermatologie. Volks- und Bürgerschule, Mittel- 
und Hochschule und Vertretung der Mädchenerziehung fehlen nicht. 

Mit dem finanziellen Ergebnis kann der Verein recht zufrieden sein. Trotz 
Kriegsnot konnten in diesem Jahre Spenden in der Höhe von 24000 K und eine 
Erbschaft in der Höhe von beinahe 24000 K gut gebucht werden. Zu dem bisher 
gewährten regelmäßigen Unte rstützungen der hohen k. k. Ministerien für Kultus 
und Unterricht und für öffentliche Arbeiten trat im abgelaufenen Jahre auch eine 
Subvention des hohen n. ö. Landesausschusses. 

Die Anstalt beherbergt derzeit 11 Zöglinge, darunter 1 Externisten. Der 
Unterricht hat bei kleinen Störungen durch Personalwechsel seinen regelmäßigen 
Fortgang genommen und sehr hübsche Erfolge erzielt. Für BlindenKhrer und Blinde 
seli)st sei noch die erfreuliche Tatsache verzeichnet, daß 2 ehemalige Zöglinge der 
Purkersdorfer Blindenanstalt, Alexander Heinz el und Elise Siegl als Lehrer für 
Korbflechterei einen, wenn auch derzeit noch kleinen, Verdienst im Taubstumm- 
blindenheim finden .Kneis. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Generalversammlung des Vereines ,, Kriegsblin- 
denheimstätten ". Die Generalversammlung des Vereines „Kriegs- 
blindenheimstätten", die am 18. April 1. J. in Wien stattgefunden hat, 



Seite 734. Zeitschrift das für Österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

entrollte ein fesselndes eindrucksvolles Bild des überaus segensteichen 
Wirkens dieser Institution. Erzherzog-Protektor Karl Stephan hielt 
zu Beginn der Versammlung eine Ansprache an die Erschienenen, die 
das Wesen der Kriegsblindenheimstätten beleuchtete. 

Was zunächst die Zahl der Blinden betrifft, führte der hohe Pro- 
tektor aus, so befinden sich die meisten Blinden in Galizien. Dieses 
Land hat 102 Kriegsblinde, Böhmen 86, Niederösterreich 51, Mähren 
42, Tirol und Vorarlberg 20, Steiermark und Krain 18, Schlesien 16, 
Kärnten und Küstenland 14, Dalmatien und die Bukowina 45. Natur- 
gemäß sind die jüngeren Leute, die am meisten in der Front sind, 
auch am meisten hergenommen worden. Nach dem Berufe klassifiziert, 
sind 213 Kriegsblinde in Industrie, Handel und Gewerbe beschäftigt, 
146 in Land- und F'orstwirtschaft, 67 in freien Beruten. 

Die Erfahrungen, die wir mit den Kriegsheimstätten gemacht haben, 
waren bis jetzt glücklicherweise sehr befriedigend. Ich habe selbst in 
verschiedenen Provinzen die bereits untergebrachten Kriegsblinden be- 
sucht. Sie sind alle verheiratet und haben alle ein kleines Haus oder 
ein kleines Anwesen ; sie sind relativ wirklich zufrieden und glücklich 
und dem Verein unendlich dankbar. Das Systein, nicht Häuser zu 
bauen, sondern schon bestehende Ubikationen anzukaufen, hat sich 
glänzend bew^ährt. Anfangs waren die Verfügungen unseres Vereines 
bezüglich der Häuser und derea Zueignung an die Blinden einer 
gewissen Kritik sowohl seitens des Publikums wie auch seitens der 
Blinden unterworfen. Wir sind für jede Kritik sehr dankbar. Denn 
Kritiken sind überhaupt immer vorteilhaft, weil man dann gezwungen 
ist, nachzudenken und die Fehler, die einem die Kritik vorwirft, auch 
beheben zu können. Da sind wir zu dem Schlüsse gekommen, daß die 
Kritiken hauptsächlicli juridischer Natur waren. Sie wurden von unserm 
Rechtsanwalt genau geprüft. Es hat sich hier um die hypothekarische 
Belastung der Häuser gehandelt. Das ist nicht geschehen, um dem 
Verein pekuniäre Vorteile erwachsen zu machen, sondern um die 
Blinden zu schützen. Denn es wäre sehr leicht möglich gewesen, daß 
die Verwandten des Blinden, nachdem er eine Heimstätte bekommen 
hat, ihn gezwungen hätten, die Heimstätte zu verkaufen oder unnützt 
mit Hypotheken zu belasten. Das ist dadurch vollkommen behoben 
und die Blinden haben sich mit dieser Sache vollkommen vertraut 
gemacht. Ich habe einen Blinden in seiner Heimstätte besucht und da 
wurde mir von seinen Verwandten gesagt, ob es nicht besser gewesen 
wäre, dem Manne statt des Häuschens das Kapital in die Hand zu 
geben. Ich glaube, das war der beste Beweis, wie richtig unsere Ver- 
fügung war, dies nicht zu tun. 

Der Herr Erzherzog sprach sodann im Namen seiner kriegsblin- 
den Kameraden den Mitgliedern des Vereines und der breiten Öffent- 
lichkeit für die wahrhaft erhebende Betätigung an dem Werke den 
tiefgefühl festen Dank aus. 



i 



Herausgeber: Zentralyerein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Biirklen, 
J. Knris, A.T. rforvalh, F. Uhl. - Druck ron Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



Aus dem Tä t i g ke i t s b e r i c ht des Präsidenten Koniiiierzial- 
rat H. Grimm <^eln Iiervor, daß das vom Vereine übernommene 
Anfangsvermögen mit Ende des Vereinsjahres 1916 die Höhe von 
rund 1,650.000 K erreicht und im gegenwärtigen Zeitpunkte schon 
weit überschritten hat. Der Verein verzeichnete mit Ende 1916 inso-e- 
samt 343 Stifter, 654. Gründer und 652 ordenthche Mitglieder. Gegen- 
wärtig ist natürHcli die Zahl eine wesentlich höhere. Im abgelaufenen 
, . Vereinsjahre wurden insgesamt für 15 Kriegsblinde Heimstätten erworben, 
"/' deren Anschaffungspreis sich zwischen 2500 bis 12.000 K bewegt und 
"" für die insgesamt ein Betrag von fast 100.000 K ausgegeben wurde. 
^ Im laufenden Jahre wurde schon eine weitaus größere Reihe von 
• Heimstätten bewilligt und zum Teile auch schon angeschafft, und die 
i hiefür erforderliche Summe erreicht schon jetzt last den Betrag von 
: 400.000 K. 

Zum Schlüsse der Generalversammlung wurden die bisherigen 
Vorstandsmitglieder des Vereines wiedergewählt. 

— L a n d e s k o m m i s s i o n z u r F ü r s o r g e f ü r h e i m k e h r e n d e 
^Krieger i n Ob e r-Öst e rr eich. Am 29. März 1917, fand im Sitzungs- 

■ saale der k. k. Statthalterei unter dem Vorsitze des neuen Statthalters 
Graf Meran die Vollversammlung der Landeskommission zur Fürsorge 
iür heimkehrende Krieger in Ober-Osterrsich statt. Der administrative 
Referent Hofrat Graf Rudolf Attems brachte einen Auszug des 
umfangreichen, höchst lehrreichen Berichtes über das Jahr 1916 zum 

' Vortrage, woraus zu entnehmen ist, daß für die Abteilung „Kriegsblinde" 
ein Betrag von 74.000 K der Kommission zur Verfügung steht. Näheres 
über die Tätigkeit der Abteilung folgt gelegentlich später noch. P. 

— Auszeichnung eines Kriegsblinden. Auf der Augenklinik des 
Herrn Prof. Ur. Stefan ß e r n h e i m e r fand vor einigen Tagen eine besonders 
schöne Feier statt. Der kriegsblinde Korporal Otto Herzfeld, der bereits zwei- 
mal mit der kleinen Silbernen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet war, wurde mit 
der großen Silbernen Tapferkeitsmedaille dekoriert. Unter den anwesenden hohen 
Gästen befand sich auch Se. Exzellenz k. u. k. Feldmarschalleutnant Nikolaus 
Fekete de Beta fa Iva, der den Blinden mit einem Geldgeschenk ertreute. In 
dem festlich geschmückten Saale, vor dem Bilde des Kaisers, hielt Prof. Bern- 

;, heim er eine ergreifende Ansprache an die Versammelten und gab dann allen 
; Verwundeten seiner Klinik eine kleine Tatel. 

— Ein kriegsblinder Offizier alsAkademielehrer. Wie S. k. u. k- 
Hoheit Erzherzog Karl Stephan in der Generalversammlung des Vereines 
»Kriegblindenheimstätten« mitteilte, hat sich der kriegsblinde Artilleriehauptmann 
Baron J e d ina -Pal omb i n I, ein hervorragend intellektueller Mann, dem Studium 
der Geschichte gewidmet. Das Kriegsministerium hat es möglich gemacht, daß 
dieser Offizier im nächsten Semester an der Wiener-Neustädter Militärakademie als 
Lehrer der Geschichte für die Zöglinge angestellt und so auch als leuchtendes, 
didaktisches Beispiel für die jungen Leute dienen wird. 

— Veranstaltungen. Konzert der »Wiener Philharmoniker« zugunsten 
des Vereines »Kriegsblindenheimstätten«, am 4. April. Dirigent Artur Nikisch. 

ßalladenabend des Hofopernsängers Hans Duhan im Musikvereinssaale 
am 17. April zugunsten der »Kriegsblindenheimstätten«. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende April 1. J. 

— Neue Freie Presse: 1,088.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten"): 2,279.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 365.000 K. 

— Reichspost: 23.600 K. 

— Linzer Sammelstellen : 55.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 22.800 K. 



von Oskar Picht, 
Bromherg. 

A für Punktschrift M 85.80 B für gewöhnliche Schrift M 80.— 




= /isyl für blinde Rinder = 

Wien, XVII., Hemalser Hauptstraße 93 

nimmt l)linde Kinder im vorschulpflichti<fen Alter aus allen österreichi- 
schen Kroniändern auf. Nähere Auskünfte durch die Leituncr. 



Die „Zentpolbibliotheh \w Blinde in OstBPPBicIi", 

Wien XVIII, Währinger Gürtel 136 

verleiht ihre Hiichcr kostenlos an alle Blinden. 



Blinden-Unterstützungsverein 

„DIE PURKERSDORFER" 

Wien V., Nikolsdorfergasse 42. 

Zwfck des Vereines; UiitersiiUzuui; blinder Mit- 
glieder. Arheitsvprmittlung tiir Tdiiide. Erhalliiiiy 
per Mu>il.a!ieii-I,eilib;bli(>tliel<. Telephon 10.071. 



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; vorzüglich eignenden keramischen ; 
Flandarbeiten. Nähere Auskunft brieflich. 



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Wien VIII., Florianigasse Nr. 41. 

Telephon Nr. 23407. 

Alle CatliHif^en Bür^stenbiiider- u. KorbÜ^c'lilcruareii, 
Verkaiit^sielle: Wien VII., Nc:ubaui:>ussci 75. 



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des Biinden-Unlerstützungsvereines 
»Die Purkersdorfer« in Wien V., 
: — : Nikolsdorferijasse Nr. 42. : — : 



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— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



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□ 
D 
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Schriftlei'tung 
Purkersdorf 
bei Wien. 
Österreichisches 
Postsparl<assen- 
kontoNr.132.257 



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Das Biatt ersdieint 
monatlidi einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



r-, Bezugspreis □ 

Q ganzjährig mit q 

□ Postzustellung □ 
D 4 Kronen, D 

□ Einzelnummer CD 
D 40 Heller. ^ 



4. Jahrgang. 



Wien, Juni 1917. 



6. Nummer. 



INHALT: Der blinde Soldat in der Lyrik des Weltkrieges. Die Kriegsblinden- 
fürsorge in Niederösterreich 1916. Die Kriegsblindenfürsorge in Tirol. Fragen 
bei der Lehrbefähigungsprüfung für den Blindenunterricht. Personalnach- 
richten. Aus den Anstalten. Für unsere Kriegsblinden. Bücherschau-. 
(Altes und Neues. Ankündigungen). 



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3 Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VIII, 
g Josef Städterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. [v 

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Altes und Neues. 

Die gute Mutter der Blinden von Karin Michaelis.* 

Jeder von diesen Kriegsblinden hat dasselbe durchgemacht. 
Zuerst die wilde Empörung des Gemüts gegen Gott und Menschen^ * 
dann den grauen, schrecklichen Nebel der Stumpfheit und langsam, 
langsam den mühseligen Weg vorwärts, aufwärts, dem neuen Leben ,: 
der'^Resignation entgegen. Gestern noch ein strebender, wollender, 
handelnder Mensch, heute ein Ärmster, der sich selbst aufgegeben; 
hat, ohne Mut zu leben, ohne Kratt zu sterben. Der Verlust des einen 
Sinnes scheint alle die übrigen gelähmt zu haben, stumpf, mehr 
Tier als Mensch, steigt er hinab in den tiefen Brunen der Verzweiflung. 
Aber mit unsagbarer MüV^e und grenzenloser Geduld muß die Rettungs- 
arbeit vorgenommen werden. Ist er aus dem Brunnen herausgekommen, 
muß er wieder lernen zu sprechen und zu hören, den Duft der Rosen 
und die Güte der Menschen zu fassen, muß er lernen, den Willen 
zu haben, selbst Mensch unter Menschen zu sein. 

Welche Gedanken können nicht in einer einzigen schlaflosen 
Nacht gedacht werden, wenn man daliegt und starrt und hinausstarrt 
in die horizontlose Öde der Finsternis? Obwohl man doch weiß, daß 
nach der Nacht ein Tag mit Licht und Mut anbricht. ... 

Müssen sich da nicht Gedanken, schwer wie Berge, über den 
Lidern der armen erloschenen Augen auftürmen, hinter deren Läden 
selbst der grellste Blitz nicht einen noch so schwachen Schimmer 
hervorrufen kann. 

Wer kennt nicht Breughels Bild von den Blinden, auf dem 
einer von dem, andern geleitet, in den Abgrund geht? Niemals ist 
Avohl menschliche Hilflosigkeit brutaler, wahrer, niederbeugender 
traurig geschildert worden. Für den, der einmal vor diesem Bilde 
gestanden hat, werden das ganze Leben hindurch die Blinden in 
endloser Reihe in den Bach hineinwandern, und man spürt eine 
krankhafte Sehnsucht, doch ihren Ruf zu hören, wenn der Fall voll- 
bracht ist und die Wasser sich über ihrem armen, von dem 
Weh und der Qual der Blindheit verunstalteten Antlitz 
schließen. 

Aber die Kriegsblinden Ungarns gehen nicht in den Bach. Der 
eine Blinde leitet nicht den anderen in den Tod. Eine gute Mutter, 
eine schwesterliche Freundin, eine herzens- und willenskundige, liebe- 
volle Ratgeberin hat ihre Hand ergriffen und leitet sie, bis sie wieder 
festen Grund unter ihren Füßen fühlen. 

Auf diese Männer, die erst Pflanzen waren, die mit Wurzeln aus- 
gerissen und in den Wegestaub geschleudert wurden, die dem Sonnen- 
brand und dem Zertreten unter den plumpen Füßen der Wanderer 
ausgesetzt waren, schüttet sie den ganzen Reichtum aus der rinnenden 
Quelle ihrer Güte. Und siehe, die Pflanzen richten sich auf. Die trok- 
kenen Wurzeln saugen wieder Saft ein. Neue Keime sprossen empor. 

*) Am dem Buche das „Opfer" von Karin Michaelis. 




4. Jahrgang. Wien, Juni 1917. 6. Munnmer. 



i '^ 

g DenKriegsblinden. | 

^ Ihr habt dem Vaterlande das Licht Eurer Augen geopfert. ^ 

^ Die Euch bewundernde dankbare Bevölkerung ist bestrebt, Euch ^ 

I durch's Leben zu helfen! Erzherzog Karl Stephan. S 

Der blinde Soldat in der Lyrik des 
Weltkrieges. 

Die Tragik der Blindheit hat zu allen Zeiten auf die Eindrucks- 
fähigkeit der Dichter tief gewirkt und es gibt kaum einen großen 
Dichter, der ihr nicht erschütternde Worte geliehen hätte. In der Vor- 
stellung des Sehenden ist das Los des in Dunkelheit und Hilflosigkeit 
dahinwandelnden Blinden ein kaum zu überbietendes Unglück. Der 
Weltkrieg, der einer großen Zahl von Sehenden das Augenlicht raubte, 
vertiefte noch diese Anschauung. 

Es ist auch ein zu krasser Gegensatz, der sich da auftut zwischen 
dem in voller Manneskraft gegen seine Feinde ringenden Soldaten und 
dem wie vom Blitze plötzlich geblendeten hilflosen Krieger. »Heute rot, 
morgen tot« ist Soldatenspruch. An der Leiche des Gefallenen träufelt 
der Allesbezwinger und Besänftiger Tod Balsam in das blutende Herz 
der Trauernden. Der Held hat ausgerungen und nun ist ihm Friede 
geworden. Ganz anders wirkt der Anblick des blinden Soldaten. Auch 
auf ihn hat der Tod die Hand gelegt, ohne ihn ganz hinwegzunehmen. 
Seine Kraft scheint in den letzten Fasern gebrochen, zum Kind gewor- 
den, aui die Mithilfe anderer Menschen angewiesen, ausgeschlossen aus 
der Arbeitsgemeinschaft der Menschheit, abhängig von Mitleid und 
Erbarmen, erwartet ihn ein langsames unerbittliches Sterben, jähre-, jahr- 
zehntelang. 

So sieht der Kriegsblinde gewöhnlich sein Schicksal vor sich, so 
sehen es auch unsere Dichter. Und die Zahl der Dichter, die in der 



Seite 740. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 6. Nummer. 

Lyrik des Weltkrieges das Wort für unsere erblindeten Helden ergriffen 
haben, ist groß. Es befinden sich auch die besten und größten unter 
ihnen, welche diesem erschütternden Heldenopfer der Erblindung ihren 
Sängermund leihen. 

Wenn man mit jenen Stücken beginnt, die das Schicksal der 
Kriegsblinden der Allgemeinheit zu Herzen führen und zur Hilfstätig- 
keit für dieselben aufrufen wollen, so ist vor allem Gerhart Haupt- 
manns > Prolog« zu nennen, dessen edle Worte tief zum Herzen 
sprechen. Nicht danken wollen sie: * Entweihend wäre Mitleid, wäre 
Dank!« Beruhigen wollen sie über die Zukunft unserer blinden Helden, 
die klaglos das Licht ihr^r Augen preisgaben, >damit Germaniens 
blaues Auge weithinstrahle durch die Welt, mit Adlerblick voraus der 
stets bereiten Schwinge eile.« Der Schluß des Gedichtes : 

>Wenn die Fanfare klingt, von den Türmen die Glocken Frieden 
rauschen übers Land und durch das Schnauben königlicher Rosse die 
erste Sichel aufblitzt, die ein Krieger sich wieder eingetauscht hat für 
sein Schwert — dann sorge jeder, der noch Augen hat, daß er ihr 
Licht in jene Kammern trage, die sich dem Sonnenstrahle nicht mehr 
auttun !« 

ist zum Ausdrucke unserer heißesten Wünsche geworden, welche 
dieser Krieg gebar. 

Den Österreichern, die das Los, das wechselvolle, heimkehren 
ließ zur väterlichen Scholle, die das gelobte Land, auf dem sie stehn, 
betreten durften, doch nicht wie ders eh n,« ruft Ottokar Kernstock 
tröstend zu : 

;»Drum bangt nicht, Ost'reichs blinde Schwertgenossen, 
Weil euch der Quell des Sehens ausgeflossen! 
Die Liebe wird nicht rasten und nicht ruh'n, 
Die Liebe wird an euch ein Wunder tun!« 

Ein zweiter österreichischer Dichter, Mirko J e 1 u s i c h, mahnt in 
dem Gedichte „Blinde Soldaten" alle Sehenden : 

»Ihr, die ihr froh des Lichts euch freuet, 
Ihr, denen hell die Sonne glänzt, 
Ihr, denen Lenz und Sommer streuet 
Der Farben Fülle unbegrenzt, 
Ihr, die gewohnt, die Welt zu finden 
Im klaren Blick, ihr, die da seht — 
Habt ihr bedacht vor diesen Blinden, 
Wie tief in ihrer Schuld ihr steht?« 

Der Wiener Josef Zlatnik spendet »Den Kriegsblinden« den Trost: 

»Doch wir, des Himmels wundervollster Gabe 
Uns dankbar freuend, wollen euer denken, 
An unsrer Liebe treuem Wanderstabe 
Mögt ihr gesichert eure Schritte lenken!« 

Besonders tief greift das Schicksal der blinden Soldaten in die 
Herzen unserer Dichterinnen. Lucy A b e 1 s ruft im „Blinden Helden aus: 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenweien. Seite 741. 

»Von all den grausen Bildern, die mich quälen, 
Ist euer Bild das g^rausigste von allen : 
Ihr Armen mit den leeren Augenhöhlen!« 
Margarete Bruch sucht »Für unsere blinden Soldaten« Wege, 
sehr zarte, stille, Wege zu den Blinden. 

»Bezwingt der Stimmen Überschwang und Helle. 

Wir überschreiten eine heilige Schwelle. 

O grüßt die Augen, diese toten, leeren, 

Grüßt sie mit Ernst und königlichen Ehren. 

Und eurer Gruß soll stillen Glocken gleichen. 

Die nächtens schwingen über Weihnachtsreichen.« 
Ähnlichen Gefühlen geben Ausdruck die Gedichte: »Der Kriegs- 
blinde« von Violet Blacker, »Das Auge« von Valeska Cusig, »Für 
die erblindeten Krieger« von Auguste Poestion, »Ein Werk iür die 
Kriegsblinden« von Marie Prade und »Bei erblindeten Kriegern« von 
Gertrud Frei in von le Fort. 

Eine zweite Gruppe von Gedichten über Kriegsblinde gibt sich 
schildernd. »Der Blinde« von Paul Schroer, dem vor Ypern ein 
furchtbar tückisches Geschoß den letzten Sonnenstrahl in ewiges Dunkel 
bannte, findet in seinem Weibe Licht, Himmel, Kraft und Trost. 
Der Sieg, den er sah, verbürgt ihm kommendes Glück : 

»Drum sprecht mir nicht von Mitleid von den Blinden, 
Und daß der Tod wohl besser sei, als so zu leben ! 

Wir alle stehen in des Höchsten Hand 

Er hat mir Licht in dunkle Nacht gesandt: 
Ich seh' das Glück! — — — « 

In Emil Hadina's Gedicht: »Der Dreizehnte« kehrt in ein 
Dörflein in Österreich der dreizehnte von den Eingerückten, »der wie 
sein Vater ein Pechfink war« erblindet zurück. K. Dankwart Zwerger 
schildert in seiner ergreifenden Ballade »Die Binde« den Fiebertraum 
des Erblindeten : 

»Kam'raden, tut mir die Binde fort ! 

Das war ein heiß' Turnier !« 

Kam'raden sagten ein warmes Wort, 

Die Binde ließen sie mir. 

Wir stoben, wir schnoben. Mann wider Mann, 

Wir haben ganze Arbeit getan ! 

Sieg ! Sieg ! . . . . Ein Sausen, ein Schrei — 

Und war vorbei .... 

So brach die Nacht, die Nacht herein — 

Wann wird denn wieder Sonne sein? 

»Im Lazarett« von Rudolf Presber tastet der bhnde Held nach 
dem rot-weißen Band auf seiner Brust und ruft getröstet aus : 

»Gott Lob, das Letzte, was ich sah, — war Sieg!« 

Ähnliches drückt Martha Grosse in »Das erste Wort« aus: 

»Die Welt versank. Doch eine neue hebt 
Sich aus den krausen Zeichen und den Zahlen 



.Seite 742. Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. 6. Nummer. 

Der neuen Schrift. Die steifen Finger malen 

Das erste Wort, von ihrer Hand belebt. 

Das erste Wort. Und einer sitzt und sinnt, 

Summt vor sich hin ein Singen leisen Schalles, 

Schreibt's mühsam nieder: »Deutschland über alles« — 

Und d'rüber toter Augen Weinen rinnt.« 

Humorvoller ergibt sich der Blinde in sein Geschick in »Die zwei 
Getreuen« von K. Bürklen. »Wie geht es, liebster Kamerad ohne 
Beine?« fragt er seinen Spitalsgenossen und erhält zur Antwort: »Wie 
du siehst!« 

F. Lan ghe in rieh's Gedicht »Geblendet« ist eine furchtbare 
Anklage gegen einen grausamen und heuchlerischen Feind. Fritzi von 
Rupprecht möchte »Das letzte Bild«, das unsere erblindeten Krieger 
empfingen, mit weicher Hand aus deren Seele wischen. 

»Die Erde und der Himmel blutig rot, 
Und Haß und Grau'n und Wut und Blut und Tod — 
Und alles jäh von tiefer Nacht umfangen.« 
Zur Anklage wird das Gedicht »Der BHnde« von Helene Scheu- 
Riesz, dessen Schluß lautet: 

»Ich kann nur schluchzen, daß es gellt : 

O war' doch der Haß, der Haß aus der Welt !« 

Von Resignation erfüllt ist das Poem »Blind geschossen« von 
Helene Brehm. 

»Nun hockt er stöhnend in der kleinen Stube, 

Deckt auf die leeren Augen seine Hände 

Und fragt verzweifelt: »Mutter, was soll werden.?« 

Ihr Auge sieht er nicht. »Sei still, mein Bube!« 

Sie tut, als ob ihr Herz voll Hoffen stände. 

Die Heldin tröstet : »Still es wird schon werden!« 

Eine Anzahl von Gedichten versucht die Empfindungen der blinden 
Soldaten wiederzugeben. Zu den schönsten dieser Art gehört »Der 
Erblindete« von Erika R h e i n s c h. Wunderbar fein ist hier die Stimmung 
der einbrechenden Dunkelheit wiedergegeben. Ebenso die Ergebung 
in den letzten Zeilen : 

»Magst du bunte Welt verblassen ! 
Aus dem feurigen Gewühl 
Kehr' ich schauernd und gelassen 
In mein innerstes Gefühl.« 
Emil Hadina (»Der Blinde«) stellt den blinden Soldaten in die 
Farben- und Blütenpracht des Frühlings, 

>>Jetzt steht die Welt in Rosen, 
So schön, wie je zuvor. 
Die Sommerwinde kosen 
Und weh'n die süßen, losen 
Glutlieder an mein Ohr. 



Will in den Garten gehen, 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 743. 

Wo mir ein Röslein blüht. 

Zu seinem Dufte werde 

Ich tasten mit dem Stab, 

Ihm künd' ich mein' Beschwerde 

Und küß die dunkle Erde, 

Für die ich alles gab .... 
Ebenso »Der Blinde« von Hermann Schieder: 

»Jetzt hat sich das Fenster weit aufgemacht. Frühlingsduft 

Strömt in die Stube herein. 

O Erdschollenduft ! 

Nun müssen Wölkchen im Blau wie zerpflückte Baumwolle sein. 

Unter den Wölkchen bau'n heimlich sich Hügel und Land, 

Dehnt sich ein Wiesenrain, zieht sich um Ackerland ; 

Heimat, du bist's! Oh, du beglückst mich verstohlen 

Im herben Duft frischer Ackerfurchen beim Atemholen.« 
Hieher gehören auch die >Ballade» von Vida Jeray und »Der 
erblindete Soldat« von Burgfried sowie das höchst stimmungsvolle 
Gebet »Mein Weg« von St. Krotte nthaler. 

Schließlich gab auch mancher unserem erblindeten Helden selbst 
»ein Gott, zu sagen was er leide.« Ihr grausiges Erleben läßt sie zu 
Dichtern werden. So A. von Hatzfeld mit dem Stücke: 

Der Erblindete. 
Er geht im Garten. Seine Augen sehen 
Hinauf, wo hoch am Himmel eine Sonne geht. - 
Wird nicht das Sonnenlicht die Augen ihm erlöschen? 
Doch ruhig wandelt er und steht 
Jetzt neben einem Strauch, daraus schon brechen 
Die ersten Knospen eines neuen Auferstehn's. 
Weshalb nur zittert über diese Blüten 

Die Hand.? Lauscht er der Weise Kommen und Vergehn's? 
Weshalb erfaßt sein Auge nicht der Blätter Leben 
Und ist noch immer nach dem Sonnenlicht gerichtet? 
Sei still. Er spricht. Hat er mit stillen Worten 
Den Kampf in seiner jungen Brust geschlichtet? 
Othmar Hub er wehrt sich noch mit folgenden Zeilen gegen die 
Zuzäblung zu den Blinden : 

»Bedenket, auch ich sah das leuchtende Licht. 
Ich bin ja kein Blinder, ich sehe nur nicht !« 
Und Jedina Palombini mahnt seine Schicksalsgenossen in 
Augenblicken der Verzweiflung : 

»Denkt dran, Kameraden, was einst wir gelobt — 
Die Pflicht auf dem Schlachtfeld ist nun getan. 
Für uns längt der Kampf um das Leben nun an !« 
Aus einer weiteren Reihe von Gedichten von Kriegsblinden sei 
noch eines seines urwüchsigen Volkstones wegen herausgegriffen und 
zwar: »Der blinde Landsturmmann«, in der Gefangenschaft selbst 
zusammengestellt, im Wiener Dialekt gesungen nach der Melodie 
»Verlassen, Verlassen« von Koschat. 



Seite 744. Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. 6. Nummer, 

»Mein Name ist Georg Bigge, 
Gebor'n da in Wean, 
Mei' Frau und die Kinder, 
Die hab'n mi' so gern. 
Sie hab'n g'want weil i' fürt muß 
In Feldzug geh'n, 
Gott waß ob wir nochmals 
Uns g'sund wiedersehn,« 
Mit Landsturm Nr. 1 geht es gegen Rußland. 

»Es war g'rad Weihnachtsabend, 

Wir liegen im Grab'n, 

Da plötzlich die Russen 

Wie verruckt g'schossen hab'n. 

A Kugl in mein Rucken 

A andre in mein Kopf 

Und so bin ich leider 

A armer blinder Tropf.« 

Recht drastisch werden die weiteren Erlebnisse bis zur Heim- 
kehr nach Wien geschildert und echt »wienerisch« geschlossen: 

»Was kann ma' denn machen. 

Was hin is' — is' hin, 

Soll i wana, soll ich lachen — 

Mi' g'freut's, i' bin in Wien. 

Daß i' blind bin, i' wan net, 

Das hab' i' ma g'schwurn. 

Für mein Kaiser, für mein Kaiser 

Hätt' i's Leb'n gern verlur'n!« 

Die Kriegsblindenfürsorge in Niederösterreic±i 1916. 

Aus dem amtlichen Berichte der n. ö. Landeskommission zur Fürsorge für heim- 
kehrende Krieger bei der k. k. n. ö. Statthalterei in Wien. 

Das k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien diente auch im 
Jahre 1916 als k. u. k. Kriegsblindenzentrale für Österreich. Im Berichts- 
jahre fanden in dieser mustergültigen, unter Leitung des als hervorragender 
Fachmann auf dem Gebiete des Blindenwesens rühmlichst bekannten 
Regierungsrates Alexander Meli stehenden Anstalt 123 Kriegsblinde 
aus allen Gauen unserer Monarchie liebevollste Aufnahme. Von dort 
wurde eine größere Anzahl früher oder später nach Maßgabe ihrer 
Landeszugehörigkeit in die Blindenanstalten nach Agram, Budapest, 
Brunn, Graz, Klagenfurt, Innsbruck, Lemberg und Salzburg abgegeben, 
bezw. in ihre Heimat entlassen, eine Anzahl mußte wieder in Spitälern 
untergebracht werden. Eine große Zahl, darunter die Niederösterreicher, 
verblieb im Verbände des Blinden-Erziehungs-Institutes, ein kleiner Teil 
fand im Kaiser Franz Josef-Blindenarbeiterheim in Wien-Baumgarten 
und in dem israelitischen Blindeninstitut auf der Hohen Warte 
Aufnahme. 

Eine wertvolle Ausgestaltung erfuhr das k. k. Blinden-Erziehungs- 
Institut durch Erwerbung des Landsitzes »Marienheim c in Straß im 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blitidenwesen. Seite 745. 

Straßertale bei Krems, Niederösterreich, wo die der Landwirtschaft 
angehörenden kriegsbUnden Soldaten theoretische und praktische Unter- 
weisung in landwirtschaftlichen Arbeiten erhalten. Diese Expositur des 
Blinden-Erziehungs-Institutes steht unter Leitung eines Anstaltslehrers, 
der auch den Untericht der Kriegsblinden im Lesen und Schreiben der 
Blindenschrift und im Maschinschreiben erteilt. Die ersten 3 Kriegs- 
blinden konnten am 8. Februar 1916 im Straßer Heime aufgenommen 
werden; seither ist ihre Zahl auf 18 gestiegen. Durch diese Einrichtung 
wird der bestens bewährte Grundsatz, die Kriegsbeschädigten womöglich 
ihrem früheren Berufe zurückzugeben, auch auf die Kriegsblinden und 
zwar mit günstigem Erfolge angewendet. 

Die in den Wiener Sanitätsanstalten untergebrachten Kriegsblinden 
erfreuten sich ohne Unterschied ihrer Landeszugehörigkeit auch im 
Jahre 1916 der allgemeinen Teilnahme. So zeichneten Ihre kaiserlichen 
Hoheiten der Herr Erzherzog Admiral Karl Stephan und dessen 
Gemahlin Frau Erzherzogin Maria Theresia, Frau Erzherzogin Maria 
Valerie und Herr Erzherzog Franz Salvator das k. k. Blinden- 
Erziehungsinstitut durch ihren hohen Besuch aus, zogen die Kriegsblinden 
in der leutseHgsten Weise ins Gespräch und bedachten Regierungsrat 
Meli und seinen Lehrkörper mit Worten der Anerkennung und des Lobes 
über die zum Wohle der Blinden getroffenen Maßnahmen. Besonders 
oft besuchte Seine kaiserliche Hoheit Herr Erzherzog Karl Stephan 
die Anstalt, erkundigte sich eingehendst nach dem Lebenslauf und 
den Wünschen jedes einzelnen Kriegsblinden und war stets mit Wort 
und Tat bereit, für ihre Zukunft zu sorgen. So mancher von ihnen hat 
Ursache, dieses edlen, warmfühlenden Gönners der blinden Krieger 
zeitlebens dankbaren Herzens zu gedenken. Unter anderem gab Seine 
kaiserliche Hoheit seiner Zufriedenheit über die Leistungen der Expo- 
situr Straß, die er am 29. März und 26. Oktober 1916 besuchte, dadurch 
sichtbaren Ausdruck, daß er das in der Nähe des »Marienheimes« 
gelegene und gerade verkäufliche »Reuterhaus« in Straß samt Grund- 
stücken ankaufte und dem Institute zum Geschenk machte, damit, wie 
sich der Herr Erzherzog selbst äußerte, noch mehr Kriegsblinden die 
Wohltat des landwirtschaftlichen Unterrichtes zu teil werde. 

Auch sonst fanden sich viele Wohltäter, welche insbesonders die 
im Blinden-Erziehungs-Institut untergebrachten Kriegsblinden in der 
freigibigsten Weise mit oft recht ansehnlichen Geschenken bedachten. 
Zu Weihnachten wurden die Blinden wie im Vorjahre wieder reichlich 
beschenkt. 

Die Anzahl der in die Obsorge der n. ö. Landeskommission 
gehörenden Kriegsblinden ist im Jahre 1916 von 22 auf 41 gestiegen. 
Von den 19 Kriegsblinden sind 10 ledig und 9 verheiratet, von diesen 
6 Familienväter. Im bürgerlichen Leben übten sie folgende Berufe aus: 
1 Fabriksbetriebsleiter, 1 Landwirt mit eigener Wirtschaft, 1 Schuh- 
machermeister, 1 Zimmermalermeister, 1 Straßenbahnschaffner, 1 Eisen- 
bahnbediensteter, 1 Bäckergehilfe, 1 Elektromechanikergehilfe, 1 Gärt- 
nergehilfe, 1 Jäger, 1 Metalldrehergehilfe, 1 Maschinenschlossergehilfe, 
1 Orgelbauergehilfe, T Schriftsetzer, 1 Schuhmachergehilfe,! Partieführer 
bei einer Brückenbauunternehmung, 2 landwirtschaftliche Arbeiter und 
1 ungelernter gewerblicher Hilfsarbeiter. 



Seite 746. Zeitschritt für das Östeieichische Blindenwesen. 6. Nummer. 

Diese Blinden befinden sich mit geringen Ausnahmen noch in 
geschlossener Anstaltspflege im k. k. ßlinden-Erziehungs-Institut und 
Kaiser P>anz Josef Blindenarbeiterheim in Wien-Baumgarten, woselbst 
sie in der üblichen Blindenausbildung begriffen sind. Je nach ihren 
Neigungen erlernen sie Maschinschreiben, Maschinstricken, Klavier- 
stimmen, Korbflechten und Bürstenbinden, die intelligenteren unter 
ihnen aiich mehrere dieser Beschäftigungen gleichzeitig. Fast alle werden 
im Lesen und Schreiben der Blindenschrift, die meisten in Musik 
(Violine, Zither und Mandoline) unterrichtet ; mehrere standen bezw. 
stehen noch in landwirtschaftlicher Ausbildung in Straß. 

Von den 41 in der Obsorge der n. ö. Landeskommission stehenden 
Kriegsblinden sind geboren im Jahre : 

1897 1, 1896 3, 1895 3, 1894 1, 1893 2, 1892 3, 1891 3, 1890 3; 
1889 2, 1888 1, 1887 3, 1886 1, 1885 1, 1884 1, 1883 2, 1882 1, 1881 2, 
1880 1, 1879 1, 1877 2, 1874 1, 1873 2, 1868 1. 

Einer großen Anzahl von Kriegsblinden konnte nachträglich die 
Verleihung militärischer Auszeichnungen (bronzene, kleine und große 
silberne Tapferkeitsmedaille erwirkt werden. 

Das unter Leitung des k. k. Hofrates Grafen St ein ach stehende 
Komitee zur Fürsorge für Kriegsblinde bei der k. k. n. ö. Statthalterei, 
das — wie bereits im Vorjahre berichtet wurde -— von der n. ö. 
Landeskommission mit den Agenden der ihr obliegenden Kriegsblinden- 
türsorgetätigkeit betraut ist, wurde bereits im Jahre 1914 bei dem 
k. u. k. Kriegsministerium vorstellig, die Kriegsblinden nicht schon 
nach der ersten Heilung, sondern erst nach ihrer vollständigen Aus- 
bildung aus dem Heeresverbande zu entlassen. Diesem Ersuchen wurde 
stattgegeben und sind bisher nur wenige Kriegsblinde, die ihre Super- 
arbitrierung selbst verlangten, superarbitriert worden. Dadurch war es 
dsn in Betracht kommenden militärischen Stellen möglich, 25 Kriegs- 
blinde in höhere Chargen vorrücken zu lassen, wodurch ihre Versorgungs- 
gebühren eine entsprechende, in vielen Fällen recht bedeutende Erhöhung 
erfahren werden. 

Wenn sich von den niederösterreichischen Kriegsblinden der 
größere Teil naturgemäß noch in Ausbildung und geschlossener Anstalts- 
pflege befindet, so konnte doch ein Teil bereits versorgt werden. So 
wurden bisher 5 Kriegsblinden Tabaktrafiken in Wien, einem Blinden 
die Bewilligung zur Führung eines Kinos in Ober-Grafendorf verliehen, 
4 Kriegsblinde erhielten Kriegerheimstätten und zwar in Guntramsdorf, 
Markersdorf a. d. Pielach, Trumau und Mitterau bei Prinzersdorf Einem 
wurden die auf seinem landwirtschaftlichen Besitze befindlichen Schulden 
bezahlt und sein Haus instandgesetzt. Einer erhielt eine Strickmaschine 
und betreibt das Maschinstrickergewerbe. Einer (Schriftsetzer) wird 
wieder in dem Betriebe, in dem er früher in Verwendung stand, be- 
schäftigt und erhält zu seiner Rangierung einen größeren Geldbetrag. 
Die für die Einrichtung der Trafiken, die Erwerbung der Heimstätten 
und die übrigen angeführten Zwecke verausgabte Summe von 63.864 K 
wurde durch Beihilfe des k. k. Kriegsblindenfonds, des Kriegsblinden- 
heimstättenvereines, des Kriegsfürsorgeamtes, des Kriegsblindenfürsorge- 
komitees und mehrerer Wohltäter aufgebracht. Einige dieser Blinden 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 747. 

erhielten auch Schreibmaschinen, alle verfügen über größere Barbeträge, 
die sie während ihres Aufenthaltes im Blinden-Erziehungs-Institute aus 
Stiftungen, Institutsmitteln oder von Wohltätern erhielten. Mehrere 
Blinde befinden sich im Kaiser Franz Josef-Blindenarbeiterheim als 
Bürstenbinder und gedenken auch künftighin in diesem Heime zu ver- 
bleiben. Einer ist als Lokoinvalide im k. u k. Invalidenhause in Wien 
untergebracht. Einer arbeitet als Munitionsarbeiter im k. u. k. Arsenale. 
Eine größere Anzahl Kriegsblinder hat sich um Tabaktrafiken beworben, 
doch steht die Erledigung ihrer Gesuche dermalen noch aus ; ein 
anderer Teil wieder wünscht die Erwerbung von Kriegerheimstätten. 

Jedenfalls wird es auch im Jahre 1917 wieder gelingen, eine ent- 
sprechende Anzahl Kriegsblinder zu versorgen. 



Die Kriegsblindenfürsorge in Tirol. 

Hierüber schreibt Oberlandesgerichtsrat i. R. Julius Red: Ver- 
möge der besonderen Vorschriften wird der Fall jedes Kriegsblinden 
individuell behandelt. In Tirol wuchsen bis Ostern 1917 24 Fälle der 
Landeskommission zur Fürsorge für heimkehrende Krieger, die als 
Bindeglied mit dem Kriegsblindenfonds für die österreichischen Staats- 
angehörigen der gesamten bewaffneten Macht beim k. k. Ministerium 
des Innern in Wien dient, zu. Von diesen 24 Kriegsblinden stammen 
vier aus Deutsch- und neun aus Italienisch-Tirol. Die hohe Zahl der 
Italienisch-Tiroler ist daraus zu erklären, daß diese bei Minierarbeiten 
u, dgl. vorzugsweise Verwendung finden und daß die Erblindung in 
den gegebenen Fällen bei dieser Beschäftigung erfolgte. Die meisten 
Tiroler Kriegsblinden wurden zunächst im Salzburger Landesblinden- 
heime untergebracht, wo sie das Korbflechten und Biirstenbinden 
erlernen. Für die Errichtung einer eigenen VVerkstätte beschafft der 
Kriegsblindenfonds die Mittel und sorgt auch für die Beistelluug des 
Weideumaterials. Der Verein für Kriegsblindenheimstätten in Wien 
bewilligte für jeden Kriegsblinden, welcher die Errichtung einer 
Heimstätte anstrebt, die hiezu erforderliche Summe. In einigen Fällen 
wurden bereits die Schritte zum Ankaufe eines Besitzes eingeleitet, 
darunter im Bezirke Kufstein mit Hilfe des »Tiroler Hcldendankes,« 
welcher überhaupt die ersten Kriegerheimstätten in Österreich erbaut 
hat ; in anderen Fällen muß die Durchführung deshalb aufgeschoben 
werden, weil die Heimstättenbewerber nach der -Heimat trachten, 
letztere aber als engeres Kriegsgebiet erst nach beendetem Kriege 
für diese Zwecke zugänglich erscheint. Einer der Kriegsblinden wird 
im k. k. Blindenerzichungsinstitut in Wien als Blindenlehrer ausgebildet. 
Allen Kriegsblinden ist, dank der zielbewußten Führung der staatlichen 
Fürsorge, welche alle Kräfte der privaten Wohltätigkeit zu gemein- 
samen Werken sammelt, die Möglichkeit geboten, mit Vermeidung 
des bleibenden Aufenthaltes hinter den Mauern eines Blindenheimes, 
im Familienkreise und auf eigenem Grund und Boden in solchen 
Verhältnissen zu leben, die ihnen Selbständigkeit und damit die 
Wiedererlangung des seelischen Gleichgewichtes gewähren. 



Seile 748. Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. 6. Nummer. 

Fragen bei der Lehrbefähigungsprüf ung für den Blindenunterridit. 

Linz, 30. April und 14. Mai 1917. Vorsitzender: K. k. Landes- 
schiilinspektor Dr. Fr. Rimmer, Prüfung^skonimissär : Direktor Anton 
M. Plening^er, Beisitzender: Direktor J. Haben i cht. 

Schrittlich: 1 . t)ie Entwicklung des österreichischen Biindenwesen 
unter Kaiser Franz Josef I. 2. Die Zukunft unserer Kriegsblinden. 
Mündlich : Probeschrift der gebräuchlichen Blindenschriften mit Lese- 
übung. Hervorragende Blinde aus dem Altcrtume. Lebensgeschichte 
»Hellen Keller.« »Folgen der Blindheit in körperlicher Beziehung,« 
»Der Tastsinn, anatomisch behandelt,« »Akkomodation des Auges« 
mit Darstellungen. > Augenverletzungen und Erblindungen im Kriege,« 
»Grundzüge des Lehrplanes in der Blindenschule,« Tätige Vorführung: 
»Übungen am Barren auf ungleiche Holmen« durchgeführt mit den 
Knaben der IL und III. Klasse im Freien. Der Kandidat Herr Josef 
B a u m g a r t n e r, prov. Blindenlehrer an der PrivatBlinden-Lehranstalt 
in Linz, erhielt einstimmig die Befähigung zum Blindenlehramt. P. 

Personalnachridhten. 

— Auszeichnung nach dem Heldentod. Dem Fachlehrer 
an der n. ö. Landes-Taubstummenanstalt in Wien, früher Lehrer an 
der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf, August Karl, der 
als Leutnant i. d. R. des Landwehrinfanterieregiments Nr. 1 einge- 
rückt war und den Heldentod gefunden liat, wurde in Anerkennung 
tapferen und erfolgreichen Verhaltens vor dem Feinde der Orden 
der Eisernen Krone III. Klasse mit der Kriegsdekoration 
verliehen. 

— Todesfall. Am 24. April 1917, '/,, 4 Uhr abends entschlief nach kurzer 
Krankheit und Empfang der Krankenölun-.; der Werkmeister der Privat- Blinden- 
Lehranstalt in Linz Herr Josef F o rs ti n g e r, nachdem er noch am weißen Sonntag 
zuvor mit unseren lieben Rrstkommunikanten wie allmonatlich die hl. Kommunion 
empfangen hatte. Herr Forst ingcr war den vielen Besuchern dieser gastlichen 
Fachanstalt als tüchtiger Werkmeister in der Bürstenbinderei, Sessel- und Matten- 
tlechterei allbekannt, diente er doch unter 6 Direktoren mehr als 44 Jahre. Geboren 
zu Linz, am 2. November 1844 als Sohn des Mathias Forstingcr, Gastwirt »zum 
goldenen Lamm«, erblindete er durch Scharlach in seinem 7. Lebensjahre, kam 
L Oktober 1854 in die Anstalt und wirkte daselbst in mustergiltiger Weise bis 
einige Stunden vor seinem Tode. Schon 1904 erhielt er die Medaille für 40jährige 
treue Dienstzeit und im Mai desselben Jahres nach eingehender Inspektion das 
silbeine Verdienstkieuz Seinen Leidensgenossen war er ein mustergiltiger Lehr- 
meister, der Festigkeit mit Milde richtig verband. Besonders war auch sein 
Gedächtnis ausgebildet, das sich bei der Verrechnung und in manch anderer Weise 
hervorragend bewährte. Möge Herrn Forstinger, der so viel auch als musterhafter 
Meßner in unserer trauten Kapelle dem Herrn" gedient hatte, bald das ewige Licht 
als Lohn erstrahlen ! 

— Auszeichnung. Dem Bibliothekar des k. k. Blinden-Erziehungs-Insti- 
tutes in Wien Karl Satzenhofer wurde vom »Roten Kreuze« die silberne 
Ehrenmedaille mit der Kriegsdekoration verliehen. 

Aus den Hnstalten. 

— N. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Kriegsfür- 
s o r g e k o n z e r t in Purkersdorf. Zugunsten der Ortsgruppe »Rotes Kreuz« ver- 
anstaltete am 5. Mai 1. J. ein Kreis opferwilliger Damen im Festsaale der Anstalt 
em Wohltätigkeitskonzert, das von dem k. k. Hofmusiker und Musiklehrer 
der Anstalt K. Jeraj in hingebungsvoller Weise geleitet wurde. Die Leistungen 
des Damenchores waren außerordentlich, was umso bemerkenswerter ist, als durch- 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 749. 

wegs sehr schwere Werke zur Aufführung gelangten, wie z. B. der »Chor der 
Spinnerinnen« aus dem »Fliegenden Holländer«, »Des Kindes Gebet« von Reger. 
Sehr fein herausgebracht wurde das »Singcrlein« von R. Fuchs, das wiederholt 
werden mußte. Für die Fähigkeiten des Chores bot aber die »Ballade« von 
K. Jeraj (Worte von Frau V. Jeraj), die das Schicksal eines Kriegsblinden behan- 
delt, den richtigen Mal^stab. Das Tonstück, das hiei' zur Uraufführung gelangte, ist 
voll dramatisch tiefgeschöpfter Akzente und weist nachdrücklichst auf das eigentliche 
Gebiet des Tonsetzers, auf das Musikdrama hin. 

Von den Mitwiikenden ist vor allem die Geigerin Fräulein Ella Stiller 
hervorzuheben, deren reife Kunst den Saal begeisterte. Namentlich die restlose 
Auswertung des Poesiegehaltes in Schumanns »Abendlied« offenbarte den hohen 
Rang der Künstlerin. Wie immer erntete das selbstlose Stieglerquartett der 
Hofoper für seine einzigartigen Darbietungen reichen Beifall. Nicht vergessen seien 
F'rau Dr. Weiß und Fräulein Cibale, die als Solistinnen beim Spinnerinnenchor 
das ihre zum vollen ausgeglichenen Gelingen beitrugen. Zu wünschen wäre, daß 
sich der Damenchor auch weiterhin zu gemeinnützigen Zwecken in künstlerischer 
Arbeit zusammen fände. 

— Blindenbeschäftigungsanstalt in Linz. Konzert. Die am 
Sonntag, den 6. Mai 1917 stattgehabte Musikaufführung der Blindenbeschäftigungs- 
anstalt in Linz gestaltete sich zu einer glänzenden Feier. Schon der zahlreiche 
Besuch im hübschen Vortragssaale bewies das rege Interesse, das alle Kreise der 
Bevölkerung dem humanitären Wirken der beiden Blindenanstalten entgegenbringen. 
Aus der Reihe der Besucher seien besonders erwähnt : Se Exzellenz der Herr 
Statthalter Graf Rudolf v. Meran, die Herren Hofräte Graf Rudolf A ttem s, 
Bihler und Breuer, Landesschulinspektor Dr. Rimmer, die hochwürdigen 
Herren Domdechant und Stadtpfarrer Kolda, Prälat Msgr. Dr. Lohninger, 
Kononikus Dr. Rettenbacher, Stadtpfarrer Ludwig von Eferding, ferner die 
Mitglieder des Stadtschulrates Linz die Herren Sehen feld er und Schwager; 
weiters die Herren Graf Kuenburg, Dr. Maurhard, Oberlandesrat Kerbler, 
Frommherz, Regierungsrat Commenda, Finanzrat Seh edl usw. nebst vielen 
Frauen und Fräuleins aus Schul- und Musikkreisen. Die Qualität der Darbietungen 
befriedigte vollauf die Erwartungen der Besucher. In L. Neuhoffs Phantasie- 
Sonate bewies Herr J. Leng au er seine Meisterschaft auf der Orgel. Das groß- 
artige, an Schönheiten reiche Werk hätte keine bessere Interpretation finden können. 
In J. Labors, selbst blinder Tondichter, Orgel-Phantasie verband sich des ge- 
nannten Spielers Meisterschaft mit der ebenbürtigen Kunst des Herrn G. Brie dl, 
um den Zuhörern ein an technischen Schwierigkeiten wie musikalischen Schönheiten 
gleich reiches Werk in vollendeter Weise vorzuführen. Mit E. Sauers »Echo aus 
Wien« stellten sich die beiden Herren dem begeistert lauschenden Publikum als 
erstklassige Pianisten vor. Die enormen Schwierigkeiten des Werkes wurden so 
spielend bewältigt, daß die Schönheiten des musikalischen Gehaltes dieses Werkes 
nicht nur nicht litten, sondern erst recht zur Geltung kamen. Die Reinheit des 
Spieles, die Exaktheit des Zusammenspieles erregten die bewundernde Anerkennung 
der Zuhörerschaft. Eine Reihe von gemischten Chören, darunter M. Reg er s 
schwieriges »Abendiied«, Tinels zartes »Angelus« und herrlicher »Sonnengesang« 
(aus dem Oratorium »Franziskus«), der tiefsinnige Engelchor aus dem Oratorium 
»Elisabeth« von Liszt, »Die Birken und die Erlen« in schöner Durchführung von 
M. Bruch, sowie der mächtig ergreifende Männerchor »Landerkennung« von Grieg 
gaben uns Gelegenheit, das vortreffliche Stinimateriale, das sich die Anstalt heran- 
gebildet hat, und die vor keinen Schwierigkeiten zurückschreckende Schulung 
kennen und vollauf würdigen zu lernen. Herr G. Briedl schloß mit dem »Fest- 
präludium« über Hendels »Seht, er kömmt mit Preis gekrönt^; und der Choral- 
Intonation »Asperges me« für Orgel von F. Neuhofer — einem grandiosen 
Werke voll unübertrefflicher Schönheiten — das Programm. Seine Meisterschaft, 
mit der er die Orgel beherrscht, ist geradezu staunenswert. Die Herren Fachlehrer 
Georg Wolfgruber und Emanuel S c h e i b, welche die gewiß große Mühe des 
Einstudierens aller der vorgeführten Musikstücke über hatten, sind zu dem schönen 
Erfolge des Konzertes, welches mit dem Absingen der Volkshymne seinen Abschluß 
fand, herzlichst zu beglückwünschen. Herr Direktor Konsistorialrat Anton P len In- 
ge r kann stolz sein, an der Spitze eines solchen Institutes zu stehen, das seit 
einigen Jahren bereits solch herrliche Vorführungen bietet, dessen enorm charitati- 
ves Wirken in dieser harten Zeit mehr als je dankenswert ist. 



Seite 750. Zeitschrift das für österreichische Blindenwesen. 6. Nummer. 

Sowohl bei der Hauptprobe am 2. Mai wie auch bei der 2. Aufführung am 
10 Mal war der Saal jedesmal mit den Hospitanten der theologischen Lehranstalt, 
der beiden Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalten und anderen Schulen voll 
liesetz. Am 16. Mai 1. J. wurden die Verwundeten einzelner Linzer Spitäler zur 
Aufführung geladen. 

Für unsere Kriegsblinden. 

Beschwer de von Kriegsblinden. Während es im ersten 

Kriegsjahre hieß, daß kein Kriegsblinder vor Beendigung 
des Krieges superarbitriert werden würde, erließen die 
Militärbehörden vor einiger Zeit den Auftrag an die Landeskom- 
missionen zur Fürsorge für heimkehrende Krieger zur sofortigen 
Superarbitier u n g der in den Anstalten ausgeschulten blinden 
Soldaten. 

Die Veranlassung zu diesem Auftrage soll die Beschwerde des 
k. k. Blinden-Erziehungsinstitutes in Wien gegeben haben, daß 
Kriegsblinde in dieser Anstalt verbleiben und sich nicht der Super- 
arbitrierung unterziehen lassen wollen, obwohl manche unter ihnen 
bereits eine Tabaktrafik oder ein Haus der Grimm 'sehen Aktion er- 
halten haben. Darauf hin erfloß die Entscheidung, daß Kriegsblinde, 
deren Schulung beendet ist, zu superarbitrieren und aus der Anstalt 
zu entlassen seien. Eine Hinausschiebung ist nur dann gerechtfertigt, 
wenn eine im Interesse des Betreffenden eingeleitete Wohlfahrts- 
aktion noch nicht zum Abschlüsse gelangt ist (Tabaktrafik, Kriegs- 
blindenheimstätte u.dgl.) Die Heeresverwaltung trägt jedoch 
in jedem Falle n u r d i e K o s t e n der e 1 n j ä h r i g e n S c h u 1 u n g. 
Blinde, die sich nicht entsprechend unterrichten lassen wollen und 
hiedurch einen nachteiligen Einfluß auf die anderen Kriegsblinden 
ausüben, sind der zuständigen Nachbehandlungskommission vor- 
zustellen. 

Ist ein solcher Erlaß wirklich vorhanden und wie vertragen 
sich seine Bestimmungen mit den Versprechungen, die man uns 
seinerzeit gemacht hat? 

Mehrere Kriegsblinde. 

Der Erlaß ist tatsächlich erflossen und im Inhalte richtig wieder- 
gegeben. Wir können die Zuschrift nur der Öffentlichkeit übergeben, 
um die zuständigen Stellen zu einer näheren Erklärung zu ver- 
anlassen. 

Die Schriftleitung. 

— Trauung ei.nes Kriegsblinden. Am 3. Mai 1. J. fand Inder Pfarr- 
kirche zu Guntramsdorf bei Wien die Trauung des kriegsblinden k. u. k. Offiziers- 
stellvertreters i. P. Geoj-g Bö gl mit Fräulein Marie Frisch statt. Als Trauzeugen 
fungierten Regierungsrat A. Meli und der Bürgermeister von Guntramsdorf 
J. Rosecker. Die Trauung vollzog in feierlicher Weise Pfarrer Czerny. Durch 
die Munifizenz des Vereines »Kriegsblindenheimstätten« wurde dem Kriegsblinden 
ein nettes Häuschen samt Garten angekauft und erfreut sich derselbe auch des 
besonderen Entgegenkommens sämtlicher Behörden von Guntramsdorf. 

— Vortrag eines Kriegsblinden für Kriegsblinde. Einen ungemein 
esselnden Vortrag hielt der Wiener Lehrer Louis Schmidinger im mittleren 

Konzerthaussaale zu Gunsten der Kiiegsblinden. Herr Schmidinger ist Feld- 
webel -Kadettaspu^nt. Er ist zu Beginn des Krieges in russische Kriegsgefan- 

Herausgeber: Zentralyerein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionsicomitee: K. BUrklen^ 
J. Kneis, A.T. HorTath, F. Uhl. — Druck Ton Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



genschaft geraten, hat zweiundzwanzig Monate meist im Lager von Nikolsk-Ussu- 
risiiyj geschmachtet und ist wärend der Kriegsgefangenschaft erblindet. Als Aus- 
tauschinvalider ist Lehre: Schmidinger im Juli v.J. in die Heimat zurückgekehrt. 
Er hielt in den letzten Monaten bei einzelnen Ersatzkörpern der verschiedenen 
Regimenter Vorträge über seine furchtbaren Erlebnisse in Rußland. Dem Vortrag 
wird allgemein mit großem Interesse entgegengesehen. 

— Wehrschild feier an der Meidlinger Realschule. An der 
Staatsrealschule in Meidling fand anläßlich des Geburtsfestes der Kaiserin eine 
Wehrschildfeier statt. Der Schild, ein Werk Professor Ulrichs, wurde nach einer 
Ansprache des Direktors Dr. Ellin ger, einer Aufforderung zur regen Teilnahme 
am Liebeswerk durch den Religionsprofessor Jungbauer, dem Vortrag der 
eigenen Dichtung eines Schülers und Absingung der Volkshymne und »Donau- 
wacht« mit Begleitung des Schülerorchesters der Öffentlichkeit übergeben. Der 
■erste Tag brachte schon die stattliche Summe von 600 K, die wie alle folgenden 
Erträgnisse den Kriegsblinden zufließen. 

— Tabaktrafik für einen Kriegsblinden in Temesvar. Der in 
Blindenkreisen sehr bekannte Herr Artur Weisz in Temesvar richtete dem Zugs- 
führer des 61. Inf. Reg., der an der italienischen Front gänzlich erblindete und 
einen Fuß verlor, eine Tabaktrafik mit Stempel-, Marken- Rauchrequisiten und 
Schreibrequsiten -Verschleiß ein. Der Besitzer des Hauses, Herr Ludwig Weisz 
überließ ein Geschäftslokal gänzlich gratis. Schon in dieser kurzen Zeit, brachte 
Herr Arthur Weisz dieses Geschäft zu solchem Schwünge, daß Jakob Ernst 
heute schon einer sorgenfreien Zukunft entgegensehen kann. Und Jakob Ernst 
hat sich überraschend rasch eingearbeitet und führt sein Geschäft mit unermüdlichem 
Eifer, Lust, Umsicht und großer Geschicklichkeit. 

— Veranstaltungen: 

- Ausstellung des Photoklub in seinen Klubräumliclikeiten W^ien I. 
Seilergasse zugunsten der Kriegsblinden. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende Mai 1. J. 

— Neue Freie Presse: 1,100.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 2,360.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 380.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 55.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 23.000 K. 



Bücherschau. 

— Arnold Berger: Erziehung zur Gemeinnützigkeit. (A. Haase, 
Prag, 1913.) Dieses vortreffliche Buch zeigt die Wege zur sozialen Erziehung unserer 
Jugend. Der Verfasser hält es für möglich, daß die Menschen in ihrer großen Masse 
mit tätiger Nächstenliebe, mit dem Gefühle für die Verantwortung erfüllt werden 
können, die sie auf sich laden, wenn sie sich der Darbenden und Unglücklichen 
nicht annehmen. Dazu hält er eigene Unterweisungen für Gesinnungsbildung, durch 
die die Jugend aller Schularten planmäßig zu praktischer Humanität, zu großzügigen 
sozialen Reformen angeregt wird, für unerläßlich. Wie dies geschehen könne, dafür 
gibt der Verfasser zum erstenmal einen zusammenfassenden höchst wertvollen Hinweis. 
Und stehen die Abschnitte bezüglich der Wohltätigkeit, der Hilfe für alle Unglück- 
lichen, zu denen vor allem die vier- und dreisinnigen Menschen zählen, am nächsten. 
Wenn hier die Blindenfürsorge nur flüchtig und allgemein berührt ist, so dürfte 
eine Neuauflage dieses Versäumnis wohl gut machen. Das von flammender Menschen- 
liebe durchwehte Buch sollte in jedes Erziehers Hand sein. Mehr aber noch sollte 
sich jeder Erzieher bemühen, die darin niedergelegten Grundsätze einer sozialen 
Jugendbildung zur Tat werden zu lassen. 



von Oskar Pichte 
Bromberg. 

A für Punktschrift M 85.80 B für gewöhnliche Schrift M 80.— 




^syl für blinde 3(in<Ser 



Wien, XVII., Hernaiser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorschulpflichtigen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung. 

Die ..Zentpolbibliotheli für Blinde in Osterpeiclt". 

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D 
D 
D 



Organ des „Zentralvereines für das österreidiische Blinden" 
— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



Schriftleitun g 

Purkersdorf 

bei Wien. 

Österreidiisdies 



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D 
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D 
D 
^ kontoNr.132.257 ^ 



D Postsparkassen 



Das Biatt ersdieint 
monatiidi einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



PI Bezugspreis □ 

Q ganzjährig mit q 

□ Postzustellung n 

n 4 Kronen, D 

n Einzelnummer D 

n 40 Heller. ^ 



4. Jahrgang. 



Wien, Juli 1917. 



7. Nummer. 



NHHLT: Siegfried flitmann. Wien: ita res video. Die Kriegsblindenfürsorge in 
Oberösterreich, Krain, Dalmatien und Bukowina 1915, 1916. Eine neue Erfin- 
dung im Blindenwesen. Personalnachrichten. Rus den Anstalten. Aus 
den Vereinen. Baron Jedina-Palombini: Wir Kriegsblinden. Für unsere 
Kriegsblinden. Verschiedenes. Briefkasten. (Altes und Neues. Ankündigungen). 



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^"Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien Vlll, 

g Josef Städterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. d 

Dlm. -min 



Altes und Neues. 

Die ewigen Wege.* 

Ich kann das Wort nicht hören, mit dem so mancher an sozialen 
Aufgaben und sozialer Pflichterfüllung sich vorüberstiehlt — das 
Wort: »Was kann ich da tun?« O doch, es kann jeder von uns 
etwas tun; es kann ein jeder von uns hineinhorchen in das große 
traurige Lied, das das Leben singt und dessen Kehrreim immer 
lautet, daß es so viel Leid gibt auf der Welt und so wenig Allgemein- 
sinn für Hilfe. Es kann jeder von uns hineinsehen auf den ungeheuren 
Zug der Mühseligen und Beladenen, der tagtäglich an uns vorüberzieht, 
und heimlich zu seiner eigenen Seele sprechen : »Hier muß ich helfen!« 

»Wenn dann jene Schar Waisenkinder an mir vorübergegangen 
ist, so begegnen mir die Lehrer und Lehrerinnen, die zur nahegelegenen 
Taubstummenanstalt gehen. Nun muß man ja nicht lange sinnen, um 
eine wehmutsvolle Gedankenverbindung zuwege zu bringen, die in 
dem Begriffe liegt: taub, stumm, blind, geistig verkümmert, 
geistig umnachtet. Wie viele soziale Arbeit im edelsten Sinne 
des Wortes leisten die Männer und Frauen, die mit warmen Herzen 
und, ich möchte sagen, mit Christusgeist in den Anstalten für die 
Ärmsten unter den Armen heilen, helfen, lehren, Existenzmöglich- 
keiten, für das spätere Leben schaffen helfen, soweit sich solche 
schaffen lassen. Wie viele Hilfskräfte haben sie nötig, zum mindesten 
Hilfskräfte finanzieler Art, — und warum, steht ihr nicht in den Reihen 
derer, die hier helfen wollen?« 

»Du sollst dich also daran erinnern, daß du eigentlich mithaft- 
bar bist für deiner Brüder leibliche und geistige Not. Gott wird dich 
einmal zur Rechenschaft dafür ziehen, warum du seine Güter geizig 
für dich behieltest und warum du nicht Sorge trägst, daß sie in den 
tausend Kanälen privater und öffentlicher Wohltätigkeit und sozialer 
Hilfe auch deinen Mitmenschen zugute kamen. Gott wird dich zur 
Rechenschaft dafür ziehen, warum du die Seele deines Bruders und 
deiner Schwester in geistigem Siechtum verkommen ließest, und er 
wird die Seele deines Bruders und deiner Schwester fordern aus 
deiner Hand.« 

»Nicht jeder kann helfen in jeder Not. Aber die Not, die dir 
begegnet, gerade dir und keinem anderen, die ist dir ganz gewiß 
von Gott gesandt. Und vielleicht hilft niemand, wenn du nicht hilfst, 
wenn du nicht rettest, wenn du nicht leiblich oder geistig eine Tat 
der Barmherzigkeit vollbringst. Vollbringst du sie, dann wird sie sicher 
einmal das Gegengewicht sein gegen die Last der verhängnisvollen 
Schale an der Wage des ewigen Gerichtes für deine arme Seele. 
Vollbringst du sie aber nicht, — wer weiß es? — dann hast du viel- 
leicht gerade das nicht getan, was den Ausschlag im Urteile Gottes 
über dich hätte geben können.« 

*Dr. J, Klug: Die ewigen Wege. (F. Schöningh, Paderborn.) 




4. Jahrgang. Wien, Juli 1917. 7. Mummer. 



^ »Erinnere dich der Verlassenen ^ 
^ und eine W^elt geht dir auf!« ^ 

jOi JIM 

^ M. V. Ebner.Eschenbach. ^ 

Ita res Video. 

(Aus meiner Mappe). 
Von Siegfried Altmann, Wien. 

Prolog: »Es ist ja, bei einem fortschreitenden Tun 

und Handeln, nicht die Frage, was einzeln lobens- 
oder tadelnswert, bedeutend oder unbedeutend 
sei? sondern was im Ganzen für eine Richtung 
genommen worden und was daraus zuletzt für das 
Individuum selbst, für seine nächsten Zeitgenossen, 
irgend für ein Resultat sich ergeben und was 
daher für die Zukunf zu hoffen sei.« (Goethe.) 

Blindenfürsorge: Ein überdefiniertes Wort, in welches man so 
vielerlei Sinn hineingeschoben bat, daß es schier anfängt gar keinen 
besonderen Sinn mehr zu haben. 

* 
Die Vorzüge der Blindenfürsorge sind nur die Inkognitos der 
Mängel der Blindenversorgung. 

* 
Von zwei Seiten muß die BHnden fürsorgefrage in Angriff genom- 
men werden: Die Blindenfürsorgeverhältnisse selbst müssen Gegen- 
stand der Reform sein, und der Blinde, der unter ihnen leidet, muß 
Widerstands- und anpassungsfähiger gemacht werden. 

* 
Die Blindenfürsorge soll der Blindenerziehung stets einen Schritt 
voraus sein. 



Seite 756. 



Zeitschrift für das östereichische Blindenwesen. 



7. Nummer. 



Man soll in Blindentürsorgefragen nie kleinlich genug sein. 



Diejenige Blindenfürsorge ist die beste, die sich überflüssig 



macht. 



Frederic Harrison erklärte jeden Tag für verloren, an dem man: 
nicht über das Los der Armen und seine Verbesserung nachgedacht hatJ 

Wohltaten: 



Wohltaten, still und rein gegeben, 
Sind Tote, die im Grabe leben. 
Sind Blumen die im Sturm besteh'n, 
Sind Sternlein, die nicht untergeh'n. 
(Claudius im Wandbecker-Boten). 



j'Kriegsblindenfürsorgetee im Ho- 
tel Bristol . . . konzertiert die 
beliebte Salonkapclle . . . wie 
allwöchentlich . . . amüsant . . . 
die artistische Leitung liegt in 
den Händen . . .« 



In der Blindenfürsorge wird die Wohltat Plage. 



»Undankbarkeit ist eine Erfindung falscher Wohltäter« — ist ein 
Ausspruch, den — wenn ich nicht irre — - Multatuli getan, was indes 
der Wahrheit desselben keinen Abbruch tut. 



Intermezzo: > Diene dem Ganzen, indem du für die sorgst,, 

welche in irgend einem Sinn dir anvertraut sind, 
und hilf dir selbst, so daß du der Sorge der 
andern nicht bedarfst, sondern selbst Sorgen über- 
nehmen kannst.« (Jodl. Vom Lebensweg. II./49). 

* 
Der Blindenlehrer sei nicht nur Landmann, sondern auch Bergmann. 

* 
Vorsorgen — und ohne Ehrgeiz voller Ehre — sei die Eigenschaft, 
Vordenken — und ohne Dünkel wissend — sei das "Merkmal, Vor- 
kämpfen — und aus Schwerstem helfend, als ob es nichts wäre — 
sei die Tugend des Blindenlehrers. 



Johann Wilhelm. Klein: das alte Testament des Blindenwesens. 

* 
Ludwig August Fr an kl: Führender nicht aus Amt, Würde und 
Zeichen, sondern als bester Kamerad der Blinden ; — eine schöne, 
seltene und glückliche Vermählung von Arzt, Dichter und Mensch. 



losef Labor: Ein Ephesischer Goldschmied mit der fröhlichen 
Morgenröte der Jugend in infinitum . . . 



Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 767. 



Univ. med. Dr. Philipp Silberstern: Ein Adeliger ohne >von«. 

Josef Herz: Unbeirrte Schlichtheit (die wortlos ist, aber voll ein- 
facher Tat) von der Art Jan van Eycks, der auf sein Werk schrieb: 
»Als ikh kan« . . . 

* 

Wer in einem physikalischen Institut arbeiten will, muß doch 
offenbar früher Physik lernen, und wer unterrichten will, muß früher 
Pädagogik studieren, — das ist klar. Nur Blindenfürsorge kann man 
ohne Erfüllung der notwendigsten Vorbedingung betreiben . . . 

* 

. . . ? ? 

* 

. , . Pseudofürsorger. 

* 
. . . und geistige Farbenblindheit gibt es auch: Freund Urian ist 
nicht fähig, in der Blindenfürsorge schwarz von weiß zu unterscheiden. 

* 

Augenblickliche Devise in der Blindenpädagogik: Soviele Köpfe, 

soviele Sinne. 

* 

Der Mangel des rechten Zusammenwirkens aller vorhandenen 
Kräfte im Interesse des Zweckes und Zieles konnte es erreichen, daß 
die Blindenlehrer sich heute ins Schlepptau nehmen ließen, statt als 
Führer die Richtung zu weisen, in der es vorwärts kommen soll. 

* 
Diese organisative Unerzogenheit zeitigte auch, daß selbst ernste 
Fachmäimer die auserlesensten Ideen der Pseudofürsorger zu genießen 

und — zu verdauen wissen. 

* 

Ich bescheide mich, bloß angeregt zu haben, wo bessere Männer 
vollenden mögen: -.Günstige Erfolge zeitigt die Beschäftigung von 
Kriegsblinden bei der Massenherstellung von elektrischen Installations- 
materialien, wie sie in den Siemens-Schuckertvverken in Berlin durch- 
geführt wird. Direktor Perls berichtet darüber auf Grund der Erfah- 
rungen mit 20 Blinden in >Werkstatttechnik€, H. 2. 1917: Die Arbeiten 
sind teils solche von Hand, teils solche an kleineren und größeren 
Maschinen; Wechsel in der Arbeit hat sich als vorteilhaft erwiesen. 
Guter Wille seitens des Verletzten und persönliches Interesse des 
Arbeitsgebers sind Voraussetzung des Erfolges. Eine Schwierigkeit ist 
die Abhängigkeit der Blinden von ihren Führern. In den meisten Fällen 
finden sie aber Frauen, die sie heiraten, so daß sie von fremder Hilfe 
unabhängig werden. Der Verdienst der Leute ist nach kurzer Übung 
bei Akkordlohn etwa 55 Pf. die Stunde; zusammen mit der Ihnen 
zustehenden staatlichen Unterstützung (ca. 114 M. monatlich) verdienen 
sie also genügend, um mit ihrer Familie ohne Sorge leben zu können.« 



Seite 758. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



7. Nummer. 



Zeichen der Zeit. 



Aufruf ! 

. . . Kriegsblinden , 
Erkenntnis beseelt, 
um eine dauernde 
für die so schwer 
handelt . . . 



. . von der 

daß es sich 

Fürsorge 

Getroffenen 



Der Vereinsvorstand: 

Kommerzialrat X, 
Kommerzialrat Y, 
Kaufmann Z. 



(Matth. XVI/3). 

Aufruf! 

. . Postaphon von Wurfschmidt . 
. . . Finanzierung dieser Er- 
findung . . . Realisierung . . 
Geldmittel ... 

Der Arbeitsausschuß: 

X, Blindenschuldirektor. 
Y, Blindenlehrer. 
Z, Blindenlehrer. 



Die Sätze, die ich im Folgenden anführe, habe ich mir aus dem 
Autsatze »Ein Wort über Blindenbücher< von Museumsdirektor Pro- 
fessor Dr. Schramm-Leip zig herausgezogen, weil sie mir wertvolle 
Wahrheiten zu sein scheinen: »Im Gutenberg-Keller des Buchhändler- 
hauses zu Leipzig , . .waltet heute Marie Lomn i t z-Kl amroth, die 
Leiterin der Deutschen Zentralbücherei für Blinde, ihres Amtes. Gute, 
einwandfreie Bücher, darauf kommt es an, will man den Blinden wirklich 
den Segen des Lesens von Literatur der verschiedensten Art zuteil 
werden lassen. Was wird auf diesem Gebiet nicht alles gesündigt ! 
Gewiß, die da auf diesem Gebiet in uneigennützigster Weise vielfach 
schaffen, sind vom besten Willen beseelt, das Resultat ist aber meist, 
wenn auch nicht ganz, so doch fast unbrauchbar. Und das liegt weder 
im Interesse des Verfassers noch des Verlegers, der sein Einverständ- 
nis und seine Erlaubnis zum Herstellen seiner Werke in Blindenschrift 
gegeben hat. Der Blinde muß auch von den in Braille-Schrift herge- 
stellten Werken den Eindruck haben, daß der Verleger alles getan hat, 
um ein einwandfreies Buch dem Publikum zu bieten, daß es dem Ver- 
fasser in jeder Beziehung mit seinem Buch Ernst gewesen ist. Inhaltlich 
bis aufs kleinste genau und unmißverständlich muß das Buch auch in 
Blindenschrift vorliegen, ja, selbst die Ästhetik des Buches darf nicht 
außer Acht gelassen werden. Wenn manche Verleger, manche Verfasser 
wüßten, wie ihre Bücher in Blindenschrift voller Unstimmigkeiten, ja 
Widersinnigkeiten wiedergegeben sind, sie würden ihre Erlaubnis nie 
und nimmer geben. 

Zur Herstellung eines Buches in Blindenschrift gehört wahrlich 
mehr als die Kenntnis des Blinden-Alphabets und guter Wille. Eine 
Unsumme von Momenten will beachtet sein, soll ein wirklich einwand- 
freies Buch entstehen. Marie Lomnitz-Klamroth hat in jahrelanger 
Praxis gefunden, was not tut, und ein festumrissenes System geschaf- 
fen, das heute in einer schmucken Broschüre unter dem Titel »Anleitung 
fiir handschriftliche Übertragungen in Punktschrift« vorliegt. Was 
die Praxis ihr an Erfahrungssätzen an die Hand gegeben hat, hat 
sie hier zusammengefaßt. Blinden-Literatur, die nicht auf dieser 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. Seite 759. 

Grundlage hergestellt ist, sollte heute überhaupt nicht melir ausge- 
geben werden. . . . Was nützen all die Neugründungen von Blinden- 
büchcreien, von Druckereien und Abschreibergruppen, wenn den 
betreffenden Personen jegliches Verständnis und jegliche Kenntnis 
der elementarsten Grundsätze des Blindenbuches abgehen ! Auch 
hier tut Fachkenntnis bitter not. Fort mit aller Wohltätigkeitsduselei 
auch auf diesem Gebiet ! Man schaffe auch hier Kulturwerte ! Verfasser 
wie Verleger sorge in Zukunft mit dafür, daß nur noch Brauchbares 
herausgegeben wird!«,. . . 

* 

Blindenfürsorge : das Wort ist nicht übel. Wollte nur die 
Sorge nachkommen. 

* 

Es gehört zu den vornehmsten Aufgaben des Blindenlehrers, 
die Zöglinge zur Freude zu erziehen, d. h. sie fähig zu machen, die 
Kunst zu üben, sich zu freuen. Die Freude ist für das geistige 
Wohlbefinden aller Menschen unsagbar nützlich. Und in der Blinden- 
schule heißt die starke Schwungkraft für die Tat des ersten Wurfes 
und die Tat der letzten Hand : Freude. 



Die Gründung der Blindenfürsorge auf die Blindenerziehung 
ist nur eine verkehrte Konstruktion. 



Epilog: »Mir ist alles lieb und wert, was treu und 

stark aus dem Herzen kommt, mag's übrigens 
aussehen wie ein Igel oder wie ein Amor.« 

(Goethe, Briefe.) 



Die Kriegsblindenfürsorge in Oberösterrerdi, Krain, Dalmatien 
und Bukowina 1915, 1916. 

O ber Österreich : Mit dem grundlegenden Erlasse des k. k. 
Ministeriums des Innern vom 29. Oktober 1915, ZI. 22.981/M. I., 
wurden die Landeskommissionen als Bindeglieder zwischen dem 
Kuratorium des beim genannten Ministerium errichteten Kriegsblinden- 
fonds und den einzelnen Kriegsblinden ausersehen und hat die 
oberösterreichische Landeskommission auf Grund der Direktiven des 
k. k. Ministeriums des Innern und im Einvernehmen mit dem Kuratorium 
des Kriegsblindenfonds die im Jahre 1915 begonnene Organisation 
der Kriegsblinden-Fürsorgetätigkcit in Oberösterreich im Berichtsjahre 
1916 weiter fortgesetzt und ausgestaltet. 

Den so überaus notwendigen persönlichen Verkehr mit den 
Kriegsblinden des Landes hat das Mitglied des Schul- und Arbeits- 
ausschusses der oberösterreichischen Landeskommission, Hochwürden 
Herr Konsistorialrat Anton Pleninger, Direktor der Privatblinden- 
anstalt in Linz, übernommen, wodurch die oberösterreichische Landes- 
kommission in die Lage versetzt wird, jedem einzelnen KriegsbUnden 



Seite 760. Zeitschrift das für österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. ^ 

mit Rat und Tat beistehen und für die künftige Gestaltung seines 
Lebensweges Vorsorge treffen zu können. 

Bis zum Schlüsse des Berichtsjahres 1916 sind der oberöster- 
reichischen Landeskommission 11 Kriegsblinde gemeldet worden, 
wovon 1 Mann, als nach Steiermark zuständig, in die Obsorge der 
steiermärkischen Landeskommission abgegeben wurde. 

Mit 2 von den angemeldeten Kriegsblinden war eine Fühlung- 
nahme nicht erforderlich, da dieselben infolge anderweitiger Versor- 
gungsmöglichkeit die Obsorge der oberösterreichischen Landes- 
kommission überhaupt nicht angestrebt haben. 

Von den übrigen 8 aus Oberösterreich stammenden Kriegsblinden 
haben 5 über Veranlassung der oberösterreichischen Landeskommission 
die Ausbildung in der Bürstenbinderei des k. k. Blinden-Erziehungs- 
institutes in Wien, II., erhalten, wovon 3 in Oberösterreich als 
Bürstenbinder verbleiben AvoUen, während 1 sich bereits in Wien als 
selbständiger Meister niedergelassen hat und 1 in Niederösterreich 
zu verbleiben gedenkt ; die beiden letzteren, sowie ein in Oberösterreich 
ansässiger Kriegsblinder haben die Obsorge der oberösterreichischen 
Landeskommission hinsichtlich ihrer weiteren Versorgung bisher noch 
nicht angestrebt. 

Mit der am 1. Mai 1916 erfolgten Eröffnung des Landes-Blinden- 
heims in Salzburg haben nach den bestehenden Vorschriften die aus 
Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Voralberg stammenden Kriegs- 
blinden in dieser Anstalt die Ausbildung durchzumachen und hat 
die oberösterreichische Landeskommission dermalen 3 Kriegsblinde 
daselbst zur Ausbildung als Bürstenbinder untergebracht. 

Unterstützungen seitens der Landeskommission genießen von 
den erwähnten 8 Kriegsblinden 4 Mann, und zwar die erwähnten 3 
außerhalb einer Anstalt ansässigen in Form von monatlichen Beiträgen, 
während ein im Blindenheim in Salzburg bis zu seiner weiteren Ver- 
sorgung untergebrachter Kriegsblinder vorläufig eine Schreibmaschine 
erhalten hat. Weiters wurden noch Beträge für Krankenkosten und 
Werkstätteneinrichtung geleistet. 

Krain: Die Landeskommission hat sich mit den bei ihr für 
Zwecke der Kriegsblindenfürsorge einlaufenden Spenden dem Kriegs- 
blindenfonds für die österreichischen Staatsangehörigen der gesamten 
bewaffneten Macht in Wien angeschlossen, welchem die im Berichts- 
jahe eingelangten Gelder im Gesamtbetrage von 5868 K 74 h nach 
Ablauf jedes Kalendervierteljahres eingesendet wurden. Die Tätigkeit 
der Landeskommission hatte sich daher in diesem Fürsorgezweige 
auf die fortlaufende Evidenzhaltung aller im Lande befindlichen, aus 
der Spitalspflege bereits entlassenen Kriegsblinden, auf die gelegent- 
liche Gewährung dringender kleinerer Unterstützungsbeträge aus den 
hiefür gewidmeten Spenden, Vermittlung von Arbeitsgelegenheiten, 
dann auf die Berichterstattung über Unterstützungen und auf die 
fallweise Beantragung sonstiger Fürsorgemaßnahmen für einzelne 
Kriegsblinde an den Vorstand des Kriegsblindenfonds in Wien zu 
beschränken. 

Auf Grund der abgegebenen Gutachten wurde über Antrag der 
Landeskommission zur Auszahlung von einmaligen Unterstützungen 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seile 761. 



sowie als Ersatz der Kosten der Reise zur fachärztlichen Untersuchung 
an die als bedürftig erkannten Kriegsblinden im Berichtsjahre ein 
Betrag von 5000 K vom Wiener Kriegsblindenfonds zur Verfügung 
gestellt. 

Außerdem erhielt der auf beiden Augen erblindete Johann 
Urbanc in Drnovo. Bezirk Gurkfeld, für die Herstellung der Wohn- 
und Wirtschaftsgebäude eine Unterstützung im Betrage von 2000 K. 

Im übrigen wurden, wie schon erwähnt, besondere, ein sofor- 
tiges Eingreifen bedingende Fälle, dem Vorstande des Wiener Fonds 
berichtlich zur Kenntnis gebracht. 

Im Berichtsjahre wurden im Lande 59 Kriegsblinde, darunter 
nur 3 auf beiden Augen Erblindete, gezählt, von welchen 43 sich 
zur oberwähnten fachärztlichen Untersuchung einfanden. Die Unter- 
bringung in einem Blindeninstitute wurde in einem Falle zwar versucht, 
scheiterte jedoch an dem passiven Widerstände des Blinden und 
seiner Familie. 

Dalmatien: Was die Fijrsorge für die Kriegsblinden betrifft, 
so sind der Landeskommission bis Ende der Berichtsperiode Ausweise 
über drei derartige Fälle zugekommen. Ein Kriegsblinder wurde in der 
Odilien-Blinden-Änstalt in Graz, ein zweiter in der Abteilung für 
kriegsblinde Soldaten der Blindenanstalt des St. Veit-Vereines in 
Zagreb, im Bürstenbinden unterrichtet. Beide sind nach der Superar- 
bitrierung in die Heimat entlassen. Die Kommission bemüht sich 
gegenwärtig, denselben eine BUrstenbinderei einzurrichten und ihnen 
mit Hilfe des Kriegsblindenfonds ein bescheidenes Anliegen zu 
verschaffen. Der Dritte, bei dem noch Reste eines Sehvermögens 
vorhanden sind, wurde von der genannten Blindenanstalt in Agram 
einer geeigneten Nachbehandlung zugeführt. 

Bukowina: Für die Unterbringung von erblindeten, eventuell 
auch taubstumm gewordenen Invaliden wurde das Blinden- nnd 
Taubstummeninstitut in Czernowitz in Aussicht genommen, welches 
Raum für 40 — 50 Personen bietend, dem bezüglichen Bedarfe eine 
angemessene Subventionierung vorausgesetzt, voll und ganz entsprechen 
■würde. An Kriegsblinden wurden fünf Invalide in Evidenz genommen, 
von denen vier vorläufig im k. k. Blindenerziehungsinstitut in Wien IL, 
untergebracht sind, während beim fünften (Karl Häkel) neben der 
gänzlichen Erblindung eine anscheinend unheilbare Geisteskrankheit 
konstatiert wurde. 



Eine neue Erfindung im Blindenwesen. 

So nennt Hofrat Professor Dr. F. Dimmer ein Vervielfältigungs- 
verfahren, das Dr. M. Herz, der Erfinder der sogenanten »Klang- 
schrift«, für den Punktdruck entdeckt hat und gibt folgendes darüber 
bekannt. 

»Während bisher bei dem Brailleschriftdruck die Buckel aus 
dem Papier durch Zinkplatten herausgepreßt wurden, erzielt Herz 
die Erhabenheiten auf dem Papier durch Auftragen einer fremden 



Seite 762. Zeitschrift für das österreichische Blindenvvtsen. 7. Nummer. 

Masse aul das Papier mittels einer darauf gelegten Schablone. Hie- 
durch wird es ermöglicht, jedes dünne und billige Papier, selbst 
Makulatur, zu verwenden, und zugleich bleibt die Schablone für die 
Anfertigung beliebig neuer Exemplare des Buches erhalten. Die 
Schablone wird aus dünnem, geöltem oder irgendwie wasserdicht 
gemacht^;! Papier oder aus Zelluloid derart hergestellt, daß 
man sie entsprechend den Zeichen der Brailleschrift durchlocht. 
Hiezu hat der Erfinder einen sehr einfachen Apparat konstruiert, der 
aus zwei init einem Gelenk scharnierartig verbundenen länglichen 
Stahlplatten besteht, welche die Brailleschriftzeiehen als Löcher, die 
in beiden Platten korrespondieren, enthalten. Das zur Ausführung 
der Schablone bestimmte Blatt wird zwischen die Platten gelegt und 
die r^öcher werden in dem Blatte durch Einführen eines Griffels in 
die Löcher der Stahlplatten erzeugt. Die fertige Schablone wirci dann 
auf das zu bedruckende Blatt gelegt und mit einer dicklichen, an 
der Luft erhärtenden Masse bestrichen, welche aus Dextrin, Kleister, 
Gummiarabikum oder Mischungen dieser Substanzen oder auch aus 
Druckerschwärze besteht. Die Masse dringt durch die Löcher der 
Schablone ein und verklebt an diesen Stellen mit dem darunter lie- 
genden Papier. Nach Abziehen der Schablone hat man ein Papier 
vorsieh, welches die Brailleschen Schriftzeichen als tastbare Buckel zeigt. 
Durch diese sehr einfache und billige Methode gelingt es, den 
Druckereibetrieb für Blindenschriftbücher zu dezentralisieren 
und zu einer Hausindustrie zu gestalten. Die ganze Ausrüstung 
einer solchen Druchcrei kostet nicht mehr als zirka 150 Kronen. 

Es hat iinmcr P'rauen gegeben, welche sich höchst verdienstlich 
damit beschäftigt haben, Bücher für Blinde in Brailleschrift abzu- 
schreiben. Durch die Erfindung des Dr. Herz wird es ihnen inöglich, 
Abzüge zu machen, also gleichsam eine Druckerei für Blindenschrift- 
bücher zu etablieren. Außerdem verbleiben die für jedes Buch 
angefertigten Schablonen für spätere Abdrucke und stellen einen 
dauernden und wertvollen Besitz der Blinden dar, der entsprechend 
der Nachfrage, die nach den einzelnen Werken unter den Blinden 
herrscht, später zu neuen Auflagen der Bücher benützt werden kann. 
Die Leistungsfähigkeit einer solchen häuslichen Blindenschriftdruckerei 
ist groß. Je nach Geschicklichkeit und Fleiß lassen sich in einem 
Tage etwa 500 Blatt und mehr herstellen. 

Der unter dem hohen Protektorat des Erzherzogs Karl Stephan 
und unter Leitung des Präsidenten des Technischen Versuchsamte» 
Exzellenz Wilhelm Exner stehende Verein »D ie Te chnik für die 
Kriegsinvaliden« hat sich in werktätigster Weise der Herz'schen 
Erfindung angenommen. Es werden seitens des Vereines in seinen 
Werkstätten Bücher für Blinde auf die hier geschilderte Weise her- 
gestellt. Der Verein unterstützt ferner die häusliche Arbeit, das heißt 
die Einrichtung von Hausdruckereien durch Unterricht in dem Ver- 
fahren, durch Hersfellung und Vertrieb der sehr einfachen Apparate 
zum Schablonieren. Eine sehr wichtige Gründung ist ein Blinden- 
stan zendr u ck archi V, das in den Räumen des genannten Vereines 
aufgestellt wird. Es sollen dort alle durch die Arbeit in den Vereins- 
lokalitäten und in den Heimwerkstätten gewonnenen Schablonen für 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 763. 

spätere Benützung aufbewahrt werden. So wird ein Zentrum geschaffen, 
an das sich die Blinden selbst, sei es direkt, sei es durch die 
Blindenanstalten und Blindenvereine, behufs Erlangung weiterer 
Abzüge bestimmter Werke werden wenden können.« 

Wir stehen also abermals vor einer Erfindung des Herrn 
Dr. Herz, und sehen, wie sich, sicher in der wohlmeinendsten Weise, 
Hofrat Dr. Dimmer wie der Verein »Die Technik für die Krieg- 
invaliden« dafür einsetzen und sie ins Leben zu rufen suchen. 
Das geschah seinerzeit bei der »Klangsschrift« desselben Erfinders 
ebenso, obwohl wir heute sagen müssen, daß diese Erfindung 
entgültig abgetan ist. Unser sachliches Urteil sagte dieses Ereignis 
voraus. Nun müssen wir uns notgedrungen auch mit der neuen Er- 
findung befassen und geben vor allem unserer Verwunderung Aus- 
druck, daß mit einer Sache, die noch gar nicht spruchreif ist, wieder 
in dieser Art vor die Öffentlichkeit getreten wird. So freudig wir 
jedes Interesse für die Blindensäche und jede neue Erfindung im 
Blindenwesen begrüßen, müssen wir doch auch jetzt wieder fragen: 
»Welches Urteil haben die Blinden und die Fachleute des Blinden- 
wesens über den neuen Blindendruck? Ist der neue Schriftdruck von 
Blinden gelesen worden und welche Erfahrungen wurden damit 
gemacht und seit welcher Zeit?« Welche Bedingungen berechtigen 
den Verein »Die Technik für die Kriegsinvaliden« zu derartig hoch- 
fliegenden Plänen in dieser Sache?« 

Wir leben in einer Zeit, welche die Arbeitsgebiete vielfach 
verschiebt. Aber wohin soll es kommen, wenn sich Arzte und Tech- 
niker mit Blindendruck und Kommerzialräte mit Kriegsblindenheim- 
stätten beschäftigen, während sich Blinde und Blindenpädagogen mit 
Beschaffung von Geldmitteln für eine technische Erfindung, wie das 
»Postaphon« befassen müssen? Und das alles ohne gegenseitige 
Fühlungnahme, ohne gedeihliches Zusammenwirken! 

Unser Urteil über das neue Druckverfahren der Punktschritt 
wollen wir von einer sachlichen Prüfung abhängig machen, obwohl 
wir jetzt schon sagen müssen, daß die Erfahrungen mit früher ganz 
ähnlicli hergestellten Reliefschriften für Blinde an der Verwendbarkeit 
stark zweifeln lassen. Verwahren möchten wir uns aber gegen den 
Versuch, unsere für Übertragung von Blindendruck mühsam gewonne- 
nen Frauen ihrer erprobten Aufgabe abwendig zu machen, bevor die 
neue Erfindung auf halbwegs sicherem Boden gegründet ist, denn 
wir wollen nicht Schaden davontragen, wo der Sache nicht genützt 
werden kann. Darüber helfen uns auch die hochflegendsten Ankün- 
digungen und Versprechungen nicht hinweg. 



Personalnachrichten. 

— Am 12. Juni d. J.. fanden in Klosterneuburg an der kirchenmusikalischen 
Abteilung der k. k. Akademie für Musik und darstellende Kunst die Reife-PrüfunL^en 
statt. Unter den 8 Kandidaten befand sich auch Karl Bar tos der von 1908—1915 
Z()gling der n. ö. Landesblindenanstalt in Purkersdorf war. 

Am 25. September 19l5 wurde Bar tos auf Grund einer Aufnahmsprüfung 
in den II. Jahrgang der kirchenmusikaHschen Abteilung der Akademie aufgenommen. 



Seite 764. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Nach zwei Jahren eifrigen Studiums hat nunmehr der strebsame junge Mann die 
Reifeprüfung als R eg erusc h or i und Gesangslehrer mit gutem, die Prüfung 
als Organist mit ausgezeichnetem Erfolge abgelegt. Wir beglückwünschen 
Karl Bar tos zu diesem schönen Ergebnis seines beharrlichen Fleißes und freuen 
uns mit ihm, daß es ihm gelang, sein vorläufig gestecktes Ziel zu erreichen. Der 
Fall hat aber noch eine über das persönliche Moment hinausgreifende prinzipielle 
Bedeutung : zum erstenmal hat es sich ereignet, daß der Zögling einer Blinden- 
anstalt in einer staatlichen Musikhochschule Aufnahme fand, sie absolvieren 
konnte und von ihr ein staatsgültiges Zeugnis erhielt. 

Wir müssen der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß dieser Fall nicht verein- 
zelt bleibe. Für die Ausbildung blinder oder schwachsichtiger Musiker eröffnen sich 
alsdann neue, weite Perspektiven. 

Möge es Herrn Karl Bar tos recht bald vergönnt sein, ein seinen 
Kenntnissen und Fähigkeiten angemessenes Arbeitsfeld zu finden, um sich eine 
Lebensstellung zu schaffen, die ihn gegen die kleinlichsten Alltagssorgen ausrei- 
chend sichert. 

Aus den Anstalten. 

— Asyl f;ir blinde Kinder in Wien XVII. Der vom Vereine für 
»Kinder- und Jugendfreunde« in der Generalversammlung am 4. d. M. erstattete 
Bericht zeigte, wie inmitten der Vernichtung des Krieges im »Asyl für blinde 
Kinder« Werke der Tröstung, Heilung und Wieder-autrichtung an den ärmsten aller 
Kinder geübt werden. Seit den 36 Jahren seines Bestandes wurden daselbst Hun- 
derte von diesen Kindern des Elends vereinigt, um ihnen die sorgsamste Pflege, 
die liebevollste Erziehung zuteil werden zu lassen. Während der Kriegszeit gewann 
diese segensvolle Einrichtung noch erhöhte Bedeutung, denn heute beherbergt das 
Asyl auch eine Anzahl von kriegsbetroffenen blinden Waisenkindern. Nach einer 
von Dechant W. Binder gegebenen Anregung sollen in der Zukunft auch taub- 
stumme und schwachsinnige Kindern in den Wirkungskreis des von Frau Jenny 
Pupovac in mustergiltiger Weise geleiteten Asyles gezogen werden. 

An Stelle des verstorbenen kais. Rates S. Gerber wählte die Generalver- 
sammlung Direktor K. Bürklen zum Obmanne und Architekt J. Fröhlich zum 
Stellvertreter. Eine Dankcssrh'ild wurde an die seit der Gründung dem Vereine 
angehöligen verdienstvollen Mitglieder kais. Rat Direktor S. Heller und Buch- 
drnckereibesitzer R. Spies durch Ernennung zu Ehrenmitgliedern abgetragen. 

— Die Odilien-Blindenanstalt für Steiermark im Jahre 1916. 
Der vom Odilienvereins-Ausschusse ausgegebene Bericht verzeichnet in dem von 
Direktor Dr. J. Hartinger geleiteten Anstalten nachstehende Zahl von Pfleg- 
lini.en. 

Erziehungsanstalt: 37 Knaben, 33 Mädchen = 70 Zöglinge 

Männerheim: 26 Pfleglinge 

Mädchenheim: 27 Pfleglinge. 

Die Zahl der der Anstalt zur Ausbildung überwiesenen Kriegsblinden erhöhte 
sich von 14 auf 40. Der Unterrichtsbetrieb büLUe von den üblichen Stundenzahl 
nichts ein, obwohl die Anstalt ihre Räume mit den Kriegsblinden teilte, nachdem 
das Katholische Lehrerkonvik', das eineinhalb Jahre in (1er Anstalt untergebracht 
war. aus derselben schied. Die Zuteilung der Kriegsblinden machte manche Neu- 
einrichtungen, namentlich Erweiterung der Werkstätten und Schlafsäle, not- 
wendig. 

Des verstorbenen Adjunkten Peter Le hofer wird in warmen Worten gedacht; 
ebenso der Hingang einiger Zöglinge und erwachsener Zöglinge beklagt. Als 
festl.ches Ereignis verzeichnet der Bericht das 25jährige Dienstjubiläum des Werk- 
meisters Josef B a u m g a r t n e r. 

flus den Vereinen. 

— I. Ost. Blindenverein in Wien VIII. Der unter dem Obmanne 
.\. V. Horvath stehende Verein zählte nach dem Bericht über das Veieinsjahr 
l'Jlb 10 Ehrenmitglieder, 135 Gründer, 214 Stifter, 4646 unterstützende Mitglieder, 
436 blinde Mitglieder (darunter 41 Kriegsblinde) und zahlreiche Wohltäter und 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 765. 

Spender. Die freundliche Aufnahme, welche die mit dem Kalender ausgesandten 
Werbekarten beim Publikum fand, brachte nicht nur zahlreichen Musikern und 
Klavierstimmern lohnenden Verdienst, erhöhte den Absatz der Erzeugnisse der 
blinden Handwerker, sondern ermöglichte auch die gesteigerte Hilfeleistung an die 
durch den Krieg ganz besonders hart betroffenen Blinden. Außerdem war 
es aber auch möglich, dem seit Jahren angestrebten Ziele der Erwerbung eines 
Vereinshauses zur Unterbringung der Werkstätten und übrigen Einrichtung näher 
zu kommen. 

16.776 K wurden 1916 in Geld und Arbeitsmaterial an notleidende Blinde 
verausgabt und in 316 Fällen Arbeit an Klavierstimmer, Musiker, Sesselflechter etc. 
vermittelt. Die Genossenschaft blinder Handweiker konnte trotz enormer Preise 
und Knappheit sämtlicher Rohmaterialien ihren Betrieb aufrecht erhalten und ihren 
Arbeitern dank der Förderung des Vereines den schweren Lebenskampf einiger- 
maßen erleichtern. Die für 24 Leser gewährte Postportobe^Unstigung wurde im 
abgelaufenen Jahre fast erschöpft, ein erfreulicher Beweis der Steigerung des Lese- 
bedürfnis.ses bei Blinden in der Provinz; ebenso fand auch das in 370 Exemplaren 
3 mal im Jahre erschienene Vereinsorgan lebhaftes Interesse. Die Krankenkasse für 
Wien, welcher . derzeit 55 Mitglieder angehören, zahlte 493 K in 12 Fällen 
Krankengeld. Die Bitte der Vereinsleitung an die Wohltäter um Spenden zur 
Weihnachtsbetcilung war von einem auficrordentlich schönen Erfolge begleitet, so 
daß gegen 300 Blinde zu Weihnachten beschenkt werden konnten. 

Besonderer Dank gebührt auch dem geehrten Direktorium der Versorgungs- 
und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien, welche durch mehrere 
Monate hindurch je 100.— K zur Unlei Stützung Blinder beistellte und 3 Blinden 
einen unentgeltlichen Mittagstisch gewährt. 



Wir Kriegsblinden. 

Für Kaiser und Reich gaben viele ihr Leben 

Wir haben die- Augen als Opfer gegeben — 

Das letzte, das wir alle gesehen, 

Das war eine Mauer, die sahen wir stehen — 

Es ist eine Mauer braver Soldaten, 

Deutsche und Polen, Magyaren, Kroaten 

Und ob nun der Russen verwegene Scharen, 

Rumänen oder Welsche es waren, 

Wir fochten gerne, keiner ward weich, 

Den Kaiser galt's ja und Österreich — 

Dann hat jeden von uns seine Kugel getroffen 

Erst war es ein langes Sehnen und Hoffen, 

Bis wir's bewußt geworden sind, 

Wir sind's nicht nur, wir bleiben blind. 

Da wollte uns fast das Herz zerreißen, 

Die Zähne mußte man zusammenbeißen 

Um nicht hinaus in die Welt zu schreien. 

Daß lieber wir tot als erblindet seien. 

Doch wie dann die Körper langsam gesunden. 
So hat auch die Seele sich wieder gefunden — 
Vor allem hat sie uns eines gebracht — 
Der Stern der Liebe durchleuchtet die Nacht. 
Er weist uns einen verschlungenen Pfad, 
Den Lieb' uns gesucht und gefunden hat. 
Es ist der schmale Pfad zum Glück, 



Seite 766. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 7. Nummer. 

Gar mancher irrt ab und bleibt zurück. 

Es ist ein harter, beschwerlicher Weg, 

Über manch grausen Abgrund führt er hinweg 

Herauf dringt das Heulen der Verzweiflung — 

Die uns ihr wehrloses Opfer schon wähnen. 

Doch schließlich endet auch diese Qual, 

Es öffnet sich uns ein liebliches Tal — 

Millionen sehen wir glücklich leben: 

Auch dalür hast du deine Augen gegeben ! 

Wir sehen manch friedlichen, häuslichen Herd, 

Ist vieler Glück nicht zwei Augen wert ? 

Wir erkennen des Vaterlandes herrliche Macht, 

Auch du hast dazu einen Baustein gebracht — 

Stolz sehen wir Habsburgs Banner wehen: 

Soll dieses sinken und du sollst sehen? 

Und wir erkennen tief drinnen im Herzen: 

Umsonst nicht waren alle Schmerzen, 

Umsonst nicht haben wir gestritten, 

Umsonst nicht Furchtbares gelitten, 

Umsonst ist nur der Feinde Wut, 

Sie bricht sich an treuer Krieger Mut — 

Wir taten ehrlich unsere Pflicht, 

Gott, Kaiser und Volk vergessen es nicht; 

Wenn wieder einmal euch Verzweiflung umtobt, 

Denkt dran, Kameraden, was einst ihr gelobt — 

Die Pflicht auf dem Schlachtfeld ist nun getan, 

Für uns fängt der Kampf um das Leben nun an; 

Keiner von uns darf unterliegen. 

Wir müssen, wir können, wir werden siegen ! 

Gewiß: Wir verloren das Augenlicht, 

Stolz, Ehre und Mut verloren wir nicht ; 

Wir weichen keinen Fußbreit zurück. 

Wir erobern es wieder: Das verlorene Glück! 

Baron Jedina-Palombini. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Hochzeitsf-st von vier Kriegsblinden. Pfingstsonntag fand in 
der Pfarrkiiche in Kaisermühlen und in der Magaretener Pfarrkirche die Trauung 
der vier Kriegsblinden Franco Kwitek, Wilhelm Sittler, Karl Müllner, und 
Karl Wanzenböck mit ihren Bräuten statt. Erschienen waren Abordnungen der 
Roten Kreuzes, das durch ansehnliche Geldbeiträge die Gründung des eigenen 
Herdes der blinden Ehemänner ermöglichte. In Vertretung Erzherzog Karl Stephans 
Herr Oberst Gloß, der alle Gebühren bestritt, die Kommandanten des Rekonvales- 
zentenheims in Kaisermühlen, eine Deputation der Kriegskameraden, die Mitgliedes 
des Hilfskomitees, geführt von dem durch seine humanitäre Wirksamkeit im 2. Bezirke 
bekannten Industriellen Herrn Peter Falger, der sich mit seiner Gattin um die 
vier neuvermählten Paare überaus verdient gemacht hat. Um 3 Uhr nachmittags 
versammelte sich die ganze Hochzeitsgesellschaft in Drehers Etablissament, 3. Bezirk, 
Hauptstraße. Der bekannte Wirt Herr Lembacher, mit seinem Mitarbeiter Herrn 



Herausgeber: Zentralverein für das österreichische BHndenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklec, 
J. Kneis, A. r. Horrath, F. Uhl, — Druck Ton Adolf Englisch, Purkeridorf bei Wien. 



Franz Schneider, hatte im festlich dekorierten, mit dem KaiserVjildnis geschmückten 
Festsaale eine Tafel von 60 Gedecken und ein reiches Menü beigestellt. Auch 
Hochzeitsgeschenke gab es, aus Spenden der Stammgäste bei Dreher, von Widls 
»Grünen Jäger,« Praterstraße, vom »Eisvogel« im Prater, vom Ehepaare Falger 
und Herrn Lembacher bestritten. Ein Quartett aus den Musikern Polesny, 
Massari k, Kovarik und Goldstett hatte uneigennützig die Tafelmusik beigestellt. 
Die mit einem überaus schwungvollen Kaisertoast abschließende Festrede hielt 
Professor Ed.' Nasche r. Herr Falger leerte sein Glas auf das Wohl der vier 
Brautpaare und händigte ihnen je 50 K ein. Noch dankte Herr Falger dem Herrn 
Lembacher, seiner eigenen stets hilfsbereiten Gattin, dem Roten Kreuz, wie 
allen edlen Spendern. Mit der jubelnd akklamierten Volkshymne endete das Fest. 
Besuch des Erzherzogs Karl Stephan bei Kriegsblinden. 
Der Protektor der Kriegsfürsorge, Admiral Erzherzog Karl Stephan, der 
sich bekanntlich in ganz hervorragendem Maße und in jeder Weise für die, Kriegs- 
blinden tatkräftig einsetzt, erschien beim Praterkommissariat und machte dem um 
die Kriegsblindenfürsorge verdienten • Polizeibezirksleiter Regierungsrat Otto Ritter 
v. Roth einen Besuch. Der Erzherzog besuchte dann in Begleitung des Regierungs- 
rates Ritter v. Roth die drei im Piater befindlichen Tabaktrafiken, die Kriegs- 
blinden verliehen worden sind, nämlich die des Alois Pohl im Schützengraben, 
erster Teil, die des Anton Blaschka im Schützengraben, zweiter Teil, und die 
des Georg B ig ge in der Kriegsausstellung. Er sprach die in den Trafiken beschäf- 
tigten Angehöligen der Kriegsblinden an un i erkundigte sich nach dem Geschäfts- 
gänge. Er ließ sich auch über die Verhältnisse berichten und freute sich, zu hören, 
daß die Trafiken ganz nette Erträgnisse ergeben und so für die Opfer des Krieges 
gesorgt sei. Mit seinem ganz unerwarteten Besuche hat der Erzherzog den Leuten 
große Freude bereitet. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende Juni 1. J. 

— Neue Freie Presse: 1,120.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 2, 460.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 380.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 55.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 23.900 K. 



Verschiedenes. 

— Theatervorstellung für Blinde. In einer großen englischen 
Blindenanstalt veranstaltete kürzlich die bekannte englische Theatertruppe von 
Rene Kelly eine Vorstellung. Die Zuhörerschaft bestand durchwegs aus Blinden, 
mit alleiniger Ausnahme einiger Ordner und Wärter, Die Mitwirkenden auf der 
Bühne trugen weder Masken noch Kostüme, auch gab es weder Dekorationen 
noch einen Vorhang. Ebenso fehlte jeglicher Beleuchtungsaufwand. Die Rampen- 
und Soffittenlichter brannten nicht, auf der Bühne herrschte ein mattes Halbdun- 
kel, in dem kaum die Konturen der Agierenden zu erkennen waren. Von Requisiten 
gab es nur eine Glocke, die wiederholt in dem Stücke gezogen wird, und eine 
Porzellantasse, die der Held zu zerbrechen hat. Die Blinden hatten, wie es heißt, 
viel Vergnügen an dieser für Vollsichtige völlig unzureichenden Aufführung und 
spendeten am Schlüsse der Vorstellung großen Beifall. 



Briefkasten. 

— An mehrere Kriegsblinde. Wir können in ihrer Angelegenheit 
leider nichts m«hr tun. Auf die Veröffentlichung ihrer Beschwerde ist bisher keine 
Antwort erfolgt. Man hat also der Öffentlichkeit darüber nichts zu sagen. Auch 
eine Antwort und noch dazu eine vielsagende ! 




von Oskar Picht. 
Bromberg. 

A für Punktschrift M 85.80 B für gewöhnliche Schrift M 80.— 

= fisyX für blinde 3(inder = 

Wien, XVII., HernalseK Hauptstraße 93 

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schen Kronländern auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung. 

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Wien XVIII, Währlnger Gürtel 136 

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Purkersdorf 
bei Wien. 
Österreichisdies 
Postsparkassen- 
kontoNr.132.257 



D 
D 
D 
D 
D 
D 



Das Biatt ersdieint 
monatlich einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



Bezugspreis 
ganzjährig mit 
Postzustellung 

4 Kronen, 
Einzelnummer 

40 Heller. 



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4. Jahrgang. 



Wien, August 1917. 



8. Nummer. 



IMHHLT: Der Blinde des Orients im Spiegel des morgenländischen Schrifttums 
Die Kriegsblindenfürsorge in Schlesien. Krtegsblindenfonds im k. k. Mini" 
sterium des Innern. Die Sprechmaschine „Postaphon" und die Blinden- 
Heinrich Kipper: Der Blinde. Personainachrichten. Aus den Anstalten. Aus 
den Vereinen. Für unsere Kriegsblinden. Verschiedenes. (Altes und Neues. 
Ankündigungen). 



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3 Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische ^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien Vlli, 
3 Josef Städterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K, [7 

Ulm riilD 



flites und Neues. 

»Aus Wunde n und Wonnen« v o n H e i n r i c h K i p p e r.* 

Keinen besseren Namen hätte der auch im Reiche schon 
bekannte und o^eschätzte deutsch-österreichische Verfasser seinem 
eben erschienenen Buche geben können, dessen Erlös für den Verein 
»Kriegsblindenheimstätten« bestimmt ist. Nicht Weltschmerz, keine 
bloß seelischen Wunden, auch körperliche sind es, die ihn niederge- 
worfen haben. — Oberleutnant Heinrich Kipper, im bürgerlichen 
Leben Professor an der k. k. Lehrerinenbildungsanstalt zu Czerno- 
witz, hat für sein heimatliches Buchenland, die Bukowina, gekämpft 
von Beginn des Krieges im Anfange August 1914 an und dann auch, 
für dieses geblutet, als es das erste Mal vor der russischen Übermacht 
geräumt werden mußte, und es galt, ihr den Übergang über das 
Gebirge nach Siebenbürgen zu wehren. Den ganzen Neujahrstag 1915 
hat an den steilen Karpathenhängen die kleine Schar Kippers 
gekämpft, der, weil er keine Offiziere beim Bataillon mejir hatte, 
»nicht nur Bataillons , sondern auch vierfacher Kompagnie- und sech- 
zehnfacher Zugskominandant« sein mußte. Bis zehn Uhr nachts 
wenigstens muß er den Gebirgssattel halten. Ein paar Minuten vorher 
ereilt ihn daß Schicksal : Eine russische Schrapnellkugel durch- 
schlägt ihm das Bein unter dem Knie; mit steter Lebensgefahr, unter 
den größten Schmerzen wird er zurückgeschleppt, auf schmalen, ver- 
eisten und abschüssigen Wegen über Jakubeni und die Mogura hinüber 
gefahren nach Bistritz im Siebenbürger Sachsenland und nach Wien 
überfülirt, wo ihm das Bein abgenommen wird. — Krüppel auf 
Lebenszeit! der vorher so Lebenskräftige! — der Verzweiflung entrei- 
ßen ihn mit den ergreifenden Lazaretteindrücken, und das [viel schwierigere 
Los der Erblindeten — der treue Beistand der Gattin^ind seine Dichtkunst. 

Die vom Verfasser in seinem Buche »Aus Wunden und Wonnen« 
uns vorgeführten Verwundetentypen, Weib und Kind an seinem 
Schmerzenslager, seine Leidensgedichtchen, sein tränenbetauter gött- 
licher Humor, die Trostbriefe begnadeter Freunde, die Mundartproben 
usw. usw. bieten soviel Erhebendes und Großes, daß Kippers Buch 
als ein köstliches Dokument dieser Kriegskulturepoche noch in späten 
Jahren geschätzt werden wird.. 

Was alle Phantasie unserer Dichter in den Schatten stellt und 
hinter sich zurückläßt, daß ist die von Kipper erlebte und in ergreifender, 
oft in erschütternder Weise und in schlichten Worten dargestellte 
Wirklichkeit. Was in den Herzen unserer Helden vorgeht, was ein 
Schwergetroffener leidet und empfindet: es erzählt davon das Buch 
Kippers. 

An mehreren Stellen seines Buches gedenkt Kipper mit herz- 
licher Teilnahme seiner kriegsblinden Kameraden, denen er den 
Ertrag des Buches widmet. Möge recht starker Absatz den Dichter 
und Geber erfreuen und einen namhaften Beitrag dem edlen- Zwecke 
zuführen. 

Das Gedicht: »Der Blinde« geben wir aus Kippers Buch an 
anderer Stelle wieder. 

*) H. Kipper: »Aus Wundt-n und Wcnnen.« Tagebuchblätter eines Verwun- 
deten aus dem Wiener Lazarett. — München, Müller und Fröhlich, Verlagsbuch- 
handlung, geb. 250. 




4. Jahrgang. 



Wien, August 1917. 



8. Nunnmer. 



^ »Ich verlange von Gott das Recht auf einen Bissen Brot, ^ 

-^ meine Herren!« Anmt blinder Bettier in Ägypten. ^ 



Der Blinde des Orients im Spiegel des 
morgenländischen Schrifttums. 

Die orientalischen Länder sind überreich an Blinden. Gesundheits- 
schädliche Einflüsse des Klimas, Unsauberkeit und das Fehlen ärztlicher 
Hilfe, wie der im Glauben der Orientbewohner liegende Fatalismus 
sind die Ursachen und Wurzeln des unverschuldeten Übels. Strafweise 
Blendungen, wie sie bis in das vorige Jahrhundert namentlich an Kriegs- 
gefangenen sehr häufig waren, kommen jetzt wohl nicht mehr vor; 
freiwillige Blendungen nur vereinzelt bei religiösen Fanatikern. 
Wenn die Zahl der Blinden im Orient auch nicht an die vielfach ver- 
breiteten phantastischen Übertreibungen heranreicht, so ist sie immer 
noch erschreckend hoch genug und es gibt kein Gebiet der Erde, in 
welchem die Blindheit dieselbe Verbreitung erlangt hätte, wie im 
Orient.* 

In der Überzahl sind die orientalischen Blinden auf die Mild- 
tätigkeit ihrer Glaubensbrüder angewiesen, denen der Koran das 
Almosengeben zur religiösen Pflicht macht. »Ich vei lange von Gott das 
Recht auf einen Bissen Brot, meine Herren!« ruft der blinde Bettler 
die Vorübergehenden an. Almosen heischen ist für ihn weder verboten, 
noch entehrt es ihn. »Gott vermehre dein Gut!« ist sein Dank an die 
Schenkenden. Die meisten von ihnen sagen Sprüche aus dem Koran 
her, denn in dieser Betätigung finden sie einen religiösen Beruf. 
Begabte BUnde werden darin besonders unterwiesen, um später als 
Koranlehrer für sehende Kinder, als Vorbeter und Ausrufer in den 
Moscheen und bei Leichenbegängnissen tätig zu sein, wofür sie meistens 
gut belohnt werden. Mitunter findet man auch singende und musizie- 

*) Über Verbreitung und Ursachen der »Blindheit im Orient« hat Dr. M. Mcyer- 
hof eine kurze, aber zusammenfassende Darstellung in der »Deutschen Optischen 
Wochenschrift« (Jahrg. 1915/16, Nr. 20, Berlin) gegeben. 



Seite 772. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

rende Blinde. In den Harems der Vornehmen werden Blinde beiderlei 
Geschlechtes von den barmherzigen Frauen mit durchgefüttert und bei 
Festlichkeiten verwendet, die kein Männerauge sehen darf. BHnde 
Mädchen dienen daselbst zur Unterhaltung und oft nicht besonders 
zarten Belustigung. 

Damit ist im allgemeinen das Los der Blinden im Orient gekenn- 
zeichnet. Wie religiöse Motive ihm sein Dasein erleichtern, ist aus der 
allgemeinen Hilfsbereitschaft zu ersehen, mit der man ihm entgegen- 
kommt. Vielfach ist man geneigt, ihm wenigstens geistig eine höhere 
Stellung einzuräumen, denn hervorragenden Blinden legt man nicht 
den Beinamen »der Blinde«, sondern »der Sehende« bei. 

Moderne Bestrebungen zur Besserung des Loses der Blinden sind 
im Orient kaum in den ersten Anfängen vorhanden. Die Zustände 
haben sich während vieler Jahrhunderte kaum geändert und so ergibt 
sich im Spiegel des morgenländischen Schrifttums auch ein heute noch 
zutreffendes Bild über die Verhältnisse der Blinden. 

Neben dem Koran sind im Orient die Erzählungen aus >Tausend 
und eine Nacht« das Buch der Bücher. Zahllose farbenprächtige, bald 
phantastisch-groteske, bald wieder lebenswahre, zartempfundene und 
entzückende oder derb-humoristische Bilder ziehen darin an den Augen 
des Lesers vorüber. In der Menge der Personen aus allen Gesellichafts- 
schichten hat auch der Blinde seinen Platz und wir können mancherlei 
von ihm hören. Wir folgen in unserer Wiedergabe aber nebenbei auch 
dem größten Nachdichter der orientalischen Literatur, unserem vers- 
gewandten deutschen Fr. Rückert, der mit seiner »Weisheit des 
Brahmanen« und den »Makamen des Hariri« morgenländisches Dichten 
und Denken ausschöpfte und widerspiegelte. 

Beginnen wir mit jenem Blinden, der im Orient die hervorstechendste 
Rolle spielt, mit dem blinden Bettler. 

Rückert führt ihn uns folgendermaßen vor: 

Den Weg am Berg empor beschließt ein Gittertor, 
Nur schwankend angelehnt; ein Bettler sitzt davor. 

Er bettelt nicht, gelehnt auf seinen Bettlerstab, 
Der Betschnur Kügelchen betet er schweigend ab. 

Er schaut nicht, sondern horcht, denn sein Gesicht ist blind. 
Ob sich ein Fußtritt naht, dann hebt er sich geschwind. 

Dem Wandrer öffnet er die beigelehnte Pforte ; 

Der Wandrer geht hindurch und jener bleibt am Orte. 

Doch gibst du ihm ein klein Almosen, sagt er drauf : 
So tue Gott dir einst das Paradiestor auf! 

Doch wenn du nichts ihm gibst, so sagt er nicht ein Wort 
Und ohne Segen gehst du von dem Bettler fort. 

Die Spruchweisheit des Orientes mahnt daher schon die Jugend 
mit eindringlichen Worten und macht ihr Mildtätigkeit zur Pflicht. 

Wenn du den Blinden siehst, den armen Mann, den kranken 
Nach dürft'ger Gab' umher an seinem Stabe wanken; 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 773. 

Bedachtest du dabei, womit du das, o Kind, 

Verdienst, daß du nicht auch bist arm und krank und bUnd? 

Nicht dein Verdiest ist das, erkenne Gottes Gaben 
Und klage nicht, daß du bist anders auch beladen. 

Wie könntest du vor Scham ganz sorglos aufrecht stehn, 

Und sähest so in Staub gebückt den Bruder gehn! 

Freilich begegnet der blinde Bettler nicht in allen Menschen den 
Gebenden, Zartfühlenden und Hifsbereiten. Olt wird er lästig und als 
Landplage empfunden. 

Der von blinden Bettlern gemachte Ausruf: »Vier Blinde für einen 
Kreuzer« zeigt von keiner großen Einschätzung. Von gleicher Anschau- 
ung war der türkische Eulenspiegel des 14. Jahrhunderts Naßr-ed- 
din bei folgendem Schwank: 

»Als Naßr-ed-din einmal am Ufer eines Flußes saß, kamen 
fünf bis zehn Blinde und schlössen mit ihm das Übereinkommen, er sollte 
sie für je einen Asper (Geldstück) an das jenseitige Ufer bringen. Während sie 
nun der Meister einzeln hinüber brachte, fiel einer von ihnen unver- 
sehens ins Wasser. Als die andern Blinden hierüber ein Geschrei 
erhoben, sagte der Meister: »Was erhebt ihr ein Geschrei.? Gebt 
einen Asper weniger!« 

Mitunter widerfahren dem blinden Bettler recht traurige Erlebnisse. 
Davon zeigt eine der Geschichten aus »Tausend und eine Nacht«, die 
der Scheich Es-Samit, der das Handwerk eines Barbiers treibt, dem 
Chalifen El Muntasir erzählt. Sie lautet: 

Geschichte des dritten Bruders des Barbiers. 

Was nun meinen dritten Bruder anlangt, den Blinden, so führte 
ihn das Schicksal und die Bestimmung einmal zu einem großen Hause, 
an dessen Tür er pochte, um den Herrn des Hauses zu sprechen und 
etwas von ihm zu erbetteln. Auf sein Pochen fragte der Hausherr: 
»Wer ist an der Tür?« Da ihm mein Bruder keine Antwort erteilte, 
lief er mit lauter Stimme: »Wer ist da.?« Mein Bruder gab auch dies- 
mal keine Antwort und hörte nun seine Fußtritte, bis er an die Tür 
kam, sie öffnete und fragte: »Was wünschest du?« »Etwas um Gottes, 
des Erhabenen, willen,« antwortete mein Bruder. Darauf fragte er: 
»Bist du ein Blinder?« Mein Bruder antwortete: »Ja.« »Dann gib mir 
deine Hand,« sagte der Hausherr. Als mein Bruder ihm nun die Hand 
gereicht hatte, führte er ihn ins Haus und stieg mit ihm die Treppen 
hinauf, bis er die oberste Plattform erreicht hatte, während mein Bruder 
glaubte, er wolle ihm etwas zu essen geben oder schenken. Oben 
angelangt, fragte er dann meinen Bruder: »Was wünschest du, Blinder?« 
Mein Bruder antwortete: »Etwas um Gottes, des Erhabenen, willen.« 
Darauf antwortete er ihm: »Gott wird öffnen!«*) Nun sagte mein Bruder 
zu ihm:- »Ach, warum hast du mir das nicht unten gesagt?« Der Haus- 
besitzer antwortete ihm darauf: ^Elendester der Elenden, warum hast 
du mich nicht um etwas um Gottes willen gebeten, als ich auf dein 
Pochen zum erstenmal fragte: Wer ist an der Tür?« Mein Bruder ent- 
gegnete nun: »Und jetzt, was willst du mit mir tun?« Er antwortete: 

*) d. h. Du erhälst nichts von mir. 



Seile 774. Zeitschrift für das österreichische Blindcnwesen. 8. Nummer. 

»Ich habe nichts dir zu geben.« »So führe mich zur Treppe,« sagte 
mein Bruder. Er versetzte: »Der Weg ist vor dir.« Darauf erhob sich 
mein Bruder und ging zu den Treppen. Schon war er so weit hinunter- 
gestiegen, daß nur noch zwanzig Stufen zwischen ihm und der Tür 
lagen, da ghtt er mit dem Fuß aus und zerschkig sich, die ganze 
Treppe hinunterstürzend, den Kopf 

Wie er hinaustrat und nicht wußte, wohin er sich wenden sollte, 
stießen einige seiner blinden Gefährten zu ihm und fragten ihn, wie es 
ihm den Tag über ergangen sei. Da erzählte er ihnen sein Mißgeschick 
und sagte : »Meine Brüder, ich möchte etwas von dem Gelde, das wir 
zu Hause aufbewahrt haben, nehmen und für mich verwenden.« Der 
Hausbesitzer war aber meinem Bruder nachgefolgt, um näheres von 
ihm zu erfahren, und vernahm meines Bruders Worte, ohne daß mein 
Bruder merkte, daß ihm jemand nachging; er merkte es auch nicht, 
daß er mit ihm in seine Wohnung eintrat, in welcher er seine Gefähr- 
ten erwartete. 

Als nun dieselbf^n ankamen, sagte er zu ihnen : »Verriegelt die 
Tür und durchsucht das Haus, ob nicht etwa ein Fremder uns gefolgt 
ist.« Als der Mann diese Worte meines Bruders vernahm, stand er 
auf und hängte sich an ein Seil, welches von der Decke niederhing, 
so daß sie, ohne beim Durchsuchen des ganzen Hauses jemand gefun- 
den zu haben wiederkehrten und sich an der Seite meines Bruders 
niedersetzten. Dann holten sie ihr Geld hervor, zählten es und fanden 
etwas mehr als zehntausend Dirhem. Nachdem ein jeder von dem Über- 
schuß einen Teil für seine Bedürfnisse genommen hatte, vergruben sie 
die zehntausend Dirhem wieder in einem Winkel des Hauses, beschaff- 
ten sich etwas zum Essen und setzten sich zur Mahlzeit nieder. Plötz- 
lich hörte mein Bruder eine fremde Stimme neben sich und fragte 
seine Freunde: »Ist etwa ein Fremder unter uns?« Dann streckte er 
seine Hand aus und, wie er nun die Hand des Hausbesitzers zu fassen 
bekam, schiie er seinen Gefährten zu: »Hier ist ein Fremder!« und sie 
fielen mit Schlägen über ihn her und prügelten ihn so lange, bis es 
ihnen über wurde; dann schrieen sie: *Ihr Gläubigen, ein Dieb ist zu 
uns eingedrungen, der uns unser Geld nehmen will.« 

Als nun eine große Menschenmenge zu ihnen eindrang, stellte 
sich der fremde Mann ebenfalls blind, dainit ihn keiner in Verdacht 
haben könnte, und schrie: »Ihr Gläubigen, ich rufe Gott und den 
Sultan an, ich rufe Gott und den Wali an, ich rufe Gott und denEmir 
an, ich habe dem Emir einen wichtigen Rat zu erteilen;« und ehe 
sie sich's versahen, waren auch schon die Leute vom Wali da, um- 
ringten sie und führten alle mitsamt meinem Bruder vor den Wali. 
Auf die Frage des Walis, was es gäbe, sagte der fremde Mann: 
»Höre mein Wort, o Wali! wie es sich in Wahrheit mit uns verhält, 
wirst du nur durch Schläge herausbekommen. Wenn du es willst, so 
fange mit mir an und schlage mich zuerst vor meinen Gefährten.« 
Der Wali befahl infolgedessen ; »Werfet diesen Menschen zu Boden 
und peischt ihn aus.« Sie taten es und, als ihn die Hiebe schmerzten, 
öffnete er das eine seiner Augen und nach weiteren Hieben das andere. 
Da sagte der Wali zu ihm: »Was hat diese Verstellung zu bedeuten, 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 775. 

du Schurke?« Er antwortete: »Begnadige mich, so will ich es dir 
ansagen.« Darauf begnadigte ihn der Wali und er sagte nun aus: 
»Wir vier stellen uns blind, um auf diese Weise in die Häuser ein- 
zudringen und die Frauen zu sehen zu bekommen, sie mit List zu verführen 
und Geld von ihnen zu erhalten; auf diese. Weise haben wir bereits viel 
Geld — zehntausend Dirhem — zusammengebracht. Als ich nun 
von meinen Gefährten zweitausendfünfhundert Dirhem als meinen 
Anteil verlangte, fielen sie mit Schlägen über mich her und nahmen 
mir mein Geld. Deshalb bitte ich Gott und dich um Schutz; du ver- 
dienst meinen Anteil eher als meine Gefährten. Wenn du die Wahrheit 
meiner Worte erfahren willst, so schlage nur jeden von ihnen mehr 
als mich, dann werden sie schon ihre Augen öffnen.« 

Hierauf erteilte der Wali Befehl, sie zu züchtigen, und der erste, 
der geprügelt wurde, war mein Bruder, den sie nicht eher losließen, 
bis er halb tot war. Dann sagte der Wali zu ihnen: »Ihr Schurken, 
verleugnet ihr Gottes Wohltat urid stellet euch blind ?« Mein Bruder 
rief: »Gott! Gott! Gott! unter uns ist keiner der sieht!« Sie aber 
warfen ihn von neuem nieder und peitschten ihn zum zweitenmal bis 
er ohnmächtig wurde, und der Wali sagte: »Lasset ihn jetzt in Ruhe, 
bis er wieder zu sich kommt und seine dritte Tracht erhält.« Darauf 
ließ er jedem seiner Genossen mehr als dreihundert Hiebe versetzen, 
während der Sehende ihnen zurief: »Öffnet eure Augen oder 
es setzt neue schlimmere Hiebe.« Dann sagte er zum Wali: »Schicke 
jemand mit mir, daß er dir das Geld bringt, denn diese hier öffnen 
aus F'urcht vor der Schande vor den Leuten doch nicht ihre 
Augen.« 

So schickte denn der Wali jemand mit ihm. Als ihm dieser das 
Geld gebracht hatte, nahm er es und gab dem Manne davon zwei- 
tausendfünfhundert Dirhem als seinen Anteil gegen den Willen der 
andern; meinen Brnder aber und seine beiden Gefährten verbannte 
er aus der Stadt. Da ging ich, o Fürst der Gläubigen, ihm nach und 
fragte ihn, was mit ihm vorgefallen wäre; als er mir seine Geschichte 
erzählt hatte, führte ich ihn heimlich in die Stadt zurück und setzte 
ihm für Speise und Trank ein Bestimmtes auf Lebenszeit fest. 

(Fortsetzung folgt). 



Die Kriegsblindenfürsorge in Schlesien. 

Der Stand der Kriegsblinden, welcher Ende 1915 vier Mann 
zählte, hat sich im Geschäftsjahre 1916 durch Zuwachs von 8 Blinden 
auf 12 erhöht und ist nach dem Ableben des Pomp Alois infolge 
Lungentuberkulose auf 11 Mann gesunken. Von diesen sind 5 Kriegs- 
blinde nach genossener Ausbildung im k. k. Kriegsblinden-Erziehungs- 
institute Wien bereits in ihre Heimat entlassen, während sich 4 noch 
in weiterer Ausbildung in Wien, 1 in der Klarsehen Blindenanstalt 
in Prag und 1 als Geisteskranker in der Landesirrenanstalt Kremsier 
befinden. 

Wie schon an früherer Stelle erwähnt wurde, hat sich die 
Direktion des k. k. Blindeninstitutes in derart hervorragender Weise 



Seite 776. Zeitschrift für das österreichische Blindenuesen. 8. Nummer. 

der schlesischen Kiieo^sblinden angenommen, daß dieselben auf die 
an sie erg-angenen Anfragen, ob sie nicht lieber an dem von der 
mährischen Landeskommission eingerichteten und der schlesischen 
Landeskommission angetragenen Kriegsblindenheime sich ausbilden 
wollen, einmütig um die Belassung in Wien baten. 

Ab L Februar 1917 hat jedoch der mährische Latidesausschuß 
sich bereit erklärt, auch schlesische Kriegsblinde zur Ausbildung zu 
übernehmen, und es werden allfällig neu zuwachsende Kriegsblinde 
dann nach Mähren überstellt werden. 

Bei der Ausbildung der Kriegsblinden war in erster Linie ihre 
Neigung und ihr Bildungsgrad zu einem Blindenberufe ausschlaggebend. 
Es wurden 4 in der Biirstenbinderei, 4 in der Korbflechterei, 1 in 
der Strickerei ausgebildet; bei 2 ist die Ausbildung noch in Schwebe, 
da sie krank sind. 

Große Schwierigkeiten bot die Beschaffung von Rohmaterial 
für die Bürstenbinderei, da die Vorräte meistens überseeischen 
Ursprunges und größtenteils aufgebraucht sind. Infolgedessen haben 
die Preise eine ungewöhnliche Höhe erreicht und konnte für 400 bis 
500 Kronen nur eine ganz bescheidene Auswahl der nötigsten Bedarfs- 
mittel für je 1 Kriegsblinden beschafft werden. 

Hiebei hat ebenfalls das k. k. Blinden-Erziehungsinstitut die 
schlesische Landeskommission auf das werktätigste mit Rat und Tat 
unterstützt. Die schlesische Landeskommission hat sich gleich zu 
Beginn ihrer Tätigkeit für den Anschluß an den Kriegsblinde ifonds 
im k. k. Ministerium des Innern ausgesprochen und die mit der 
ausdrücklichen Widmung für Kriegsblinde in Schlesien gesammelten 
Spenden an diesen Fonds überwiesen. Aus diesem Grunde erfolgt 
die Fürsorgetätigkeit für die schlesischen Kriegsblinden stets im 
engsten Einvernehmen mit dem Kriegsblindenfonds in Wien. 

Sobald die schlesische Landeskommission zur Kenntnis eines 
Krlegsblindenfalles gelangt, werden sogleich die eingehendsten Erhe- 
bungen über die Familien-, Vermögens- und Erwerbsverhältnisse des 
Kriegsblinden eingeleitet und das Ergebnis dem Kriegsblindenfonds 
mit einem begründeten Antrag in Vorlage gebracht. 

In den meisten Fällen geht der Wunsch der Kriegsblinden 
dahin, ihre weitere Zukunft soweit als möglich zu sichern und sich 
drückender Schulden zu entledigen. Weiter machte sich das Verlangen 
nach Erwerb einer eigenen Heimstätte bei jenen Kriegsblinden geltend, 
die bisher über eine solche nicht verfügten. Waren sie aber im Besitz 
einer solchen, so strebten sie verschiedene Bauherstellungen oder 
Ergänzungen oder den Erwerb eines Stück Feldes an. 

Die schlesische Landeskommission hat in allen Fällen, in welchen 
die erforderlichen Mittel vom Kriegsblindenfonds auf die gestellten 
Anträge bewilligt wurden, die zweckentsprechende Verteilung dieser 
Mittel besorgt und die hiemlt verbundenen vermögensrechtlichen 
Durchführungen bereitwilligst übernommen, obwohl dieselben in der 
gegenwärtigen Kriegszeit und bei den schlechten Verkehrsverhält- 
nissen oft mit den größten Schwierigkeiten verbunden waren. 

Nach einer kurz gedrängten Darstellung der einzelnen Lebens- 
verhältnisse der 12 Kriegsblinden schließt der Bericht: 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreicliische ßlindenwesen. Seite 777. 

Hiemitercheint aber die Fürsoio^e für die schlesischen Kriegsblinden, 
selbst wenn sie bereits in ihre Heimat entlassen sind, noch nicht 
abgeschlossen, vielmehr wird ihnen dieselbe auch noch weiter zuteil 
w'erden, sei es, um ihnen die Wege für ihr weiteres Fortkommen zu 
ebnen, sei es, um sie auch weiterhin zu unterstützen. Zu wünschen 
wäre nur, daß sich die Zahl dieser bedauernswertesten Opfer des 
gegenwärtigen Krieges nicht erhöhen möchte. 

Leider ist in der letzten, bis 30. September 1916 bearbeiteten 
Statistik bereits eine neuerliche Steig-erung: um 5 Blinde angekündet, 
sodaß Schlesien nunmehr 17 Kriegsblinde zählen wird. 

Gegen unser benachbartes Kronland Mähren mit 43 Kriegsblinden 
ist dieser Stand ein verhältnismäßig hoher und gewiß sehr beklagenswert. 



Kriegsblindenfonds im k. k. Ministerium des Innern. 

Aus der am 24. März 1. J. unter dem Vorsitze des Ministers 
des Innern Freiherrn von Handel abgehaltenen Kuratoriumssitzung 
tragen wie nach : 

Von dem am Erscheinen verhinderten Hofrate d. R. Ritter 
V. Chlumecky wurde ein Referat vorgelegt, in welchem darauf 
hingewiesen wird, daß bei intelligenten Blinden, die ungeeignet tür 
körperliche Betätigung sind oder ein Handwerk nicht betreiben wollen, 
der Drang nach höherer Bildung besonders in letzter Zeit lebendig 
geworden ist. Angeregt durch die große Zahl von aus gebildeten 
Kreisen stammenden Kriegsblinden, welche ihre durch den Krieg 
unterbrochenen akademischen Studien fortsetzen oder auf Grund 
ihrer Vorbildung solche beginnen wollen, sei im Deutschen Reiche 
im vorigen Jahre der »Verein der blinden Akademiker in 
Deutschland« gegründet worden. Der Verein, hat zum Zwecke, den 
Blinden das für sie bisher so schwierige akademische i]',.. d'.jm in 
jeder möglichen Weise zu erleichtern, hauptsächlich dadurch, daß 
alle für solche Studien notwendigen wissenschaftlichen Werke in 
Punktschrift übertragen und den Studierenden leicht zugänglich 
gemacht werden. Der Referent regte an, das Kuratorium möge sich 
diesem Vereine anschließen und Stipendien für das Hochschulstudium 
an besonders befähigte Kriegsblinde gewähren. 

Vorsitzender bemerkte, daß es vor allem notwendig sei, festzu- 
stellen, wie viel Kriegsblinde für ein Hochschulstudium in Betracht 
kämen. Der Vorstand werde an die Landeskommissionen, denen das 
Referat vollinhaltlich mitgeteilt werden soll, das Ersuchen richten, 
Vorerhebungen zu pflegen und bezügliche Anträge zu stellen. 

Dr. Benedikt trat in seinem Referate »Pfleger und Berater 
für Kriegsblinde« dafür ein, Mittel und Wege zu schaffen, das Schicksal 
der aus den ßlindeninstituten Entlassenen auch weiterhin verfolgen 
zu können, etwa diirch Bestellung von vertrauenswürdigen Personen 
als Patrone, Berater, Vormünder. 

In der Aussprache wies Kommerzialrat Grimm auf die in Mün- 
chen bereits bestehende Einrichtung hin, nach welcher das Kriegs- 
ministerium für jeden Kriegsblinden einen Vormund bestellt. 



Seite 778. Zeitschrift für das österreichische Hlin<lenwesen. 8. Nummer. 

Der Vertreter der mährischen Landeskomniission, Direktor 
Wokurek, schlug vor, mit der Verfolgung des weiteren Lebensschick- 
sales der Kriegsblinden die Sozialversicherungsinstitute zu betrauen, 
welche durch die Einrichtung der Beauftragten sowie durch die nötige 
Kenntnis der Ortsverhältnisse leicht in der Lage seien, diese Aufgabe 
zu erfüllen. 

Freiherr v. Haupt sprach sich gegen die Bestellung eines 
Vormundes aus. Die bestehenden Blindenvereine könnten auch für 
die Kriegsblinden die geeigneten Stützen bilden. 

Vorsitzender schlug vor, auch dieses Referat den Landeskommis- 
sionen mit dem Ersuchen um Erstattung bezüglicher Anträge bekannt 
zu geben. 

Schließlich befaßte sich das Kuratorium mit einer Anregung 
des Hofrates Professor Dr, Dimmer, der die Aufmerksamkeit des 
Kuratoriums auf eine Erfindung des Dr. Herz lenkte, die eine einfache 
und billige Vervielfältigung der Blindenschrift ermögliche. Das Verfahren 
beruht darauf, daß die Blindenschrift in eine Schablone gestanzt 
und diese durch Bestreichen mit einer Klebemasse dazu verwendet 
wird, Abzüge in beliebiger Anzahl herzustellen. Der Preis eines 
Apparates betrage nur 150 K, Mit der Vervielfältigung der Blindeii- 
werke könnten mit Rücksicht auf die leichte, einfache Herstellung 
Frauen betraut werden. Redner bezeichnete die Erfindung als eine 
sehr beachtenswerte und beantragte, das Kuratorium möge wegen 
Verwertung der Erfindung für die Kriegsblinden die notwendigen 
Verhandlungen pflegen. 

Vorsitzender meinte, daß es zweckentsprechend wäre, vorerst 
Proben derartig hergestellter Blindenschriften den einzelnen Blinden- 
anstalten zur Beurteilung und Meinungsäußerung zu überlassen. 



Die Sprechmasdiine „Postaphon" und die Blinden. 

Zur Verwertung der Wurfschmidt'schen Erfindung, der 
Postaphon-Sprechmaschine, für Blinde fand über Einladung von 
Blindenvertretern und Blindenfreunden am 11. Juni 1. J. in den Klub- 
räumen des Ingenieur- und Architektenvereines in Wien die Gründung 
eines Komitees statt, das sich zur Aufgabe stellt, vorerst die 
erforderlichen Geldmittel zur Herstellung einer größeren Zahl von 
Apparaten zu beschaffen und die Blinden damit auszustatten, worauf 
dann an die Ausnützung der Vorteile des Postaphons für die Blinden, 
namentlich an die Herausgabe einer sprechenden Zeitschrift und die 
Erweiterung der Blindenbibliotheken geschritten werden soll. 

In der vom Obmann A. v. Horvath geleiteten Versammlung 
berichtete^DirektorK. Bü'rklen über die Bedeutung und die Verwendungs- 
möglichkeiten des Postaphons für die Blinden. Eine Reihe von Blinden 
(Braun, Herz, Holzer, Satzenhofer u. a.) gaben einmütig ein 
günstiges Urteil über die neue Erfindung ab, von der sie sich einen 
bedeutungsvollen Fortschritt für Blindenbildung und Blindenerwerb 
versprechen. 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwe; en. Seile 779. 

Das unter dem Ehrenpräsidium Sr. Exzellenz des Markgrafen 
Alexander Pallavicini stehende Komitee, dem eine Reihe hervoi- 
ragender Persönlichkeiten beigetreten ist, hat seine Arbeiten aufgenom- 
men und wird alles daran setzen, das gesteckte Ziel zu erreichen. 
Auch der Verein »Technik für Kriegsinvalide« (Präsident; Geheimrat 
W. Exner) bezieht das Postaphon jn sein Arbeitsgebiet ein und hat 
als Fachmänner die Herren Bürklen und Horvath gewählt. 

Wir legen der nächsten Nummer unserer Zeitschrift eine Abhand- 
lung über das Postaphon bei, deren Inhalt sicher allseits großem 
Interesse begegnen wird. 



Der Blinde. 

Von Heinrich Kipper. 

Du munteres Vöglein 
Auf duftschwerer Lind', 
Du hüpfendes Bächlein, 
Du säuselnder Wind! 

Ihr wiegt euch und scherzet 
Besinget mit Macht 
In goldenen Tönen 
Die lenzige Pracht. 

O eilt auch zum Hüttlein, 
Dort wohnet mein Lieb — 
Und blitzt ihm in's Auge, 
Ob's treu mir verblieb ! 

Und forschet beim Rocken, 
Ob's Muttchen nocli spinnt, 
Wie trüb auch das Auge, 
Die Träne noch rinnt! 

Und bringet mir Kunde ! 
Dann weicht meine Nacht ; 
Ich schau mit dem Herzen 
Die lenzige Pracht. 



Personalnachrichten. 

— Ka i s. Rat D irekt or S. He Her. Ehrung. Am 10. Juni 1. J. 
überbrachte eine Abordnung des »Vereines der Kinder und Jugend- 
freunde«, bestehend aus dem Obmanne K. Bürklen, Stellvertreter 
J. Fröhlich und der Leiterin des »Asyles für blinde Kinder« Frau 
J. Pupovac, dem kais. Rate Direktor S. Heller das Diplom seiner 
Ernennung zum Eh r e n m i t g 1 i e d e des Vereines, Seit der Gründung 
geliörte Direktor Heller dem Vereine an und um Gründung und 
Ausgestaltimg des »Asyles« erwarb er sich unvergängliche Verdienste. 



Seite 780. Zeitschrift das für österreichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

Es war daher eine alte Dankesscliuld, die mit die.ser Ehrung abge- 
tragen wurde. Die Abordnung drückte den Wunsch aus, Dhektor 
Heller möge noch viele Jahre seiner ungeschwächten Arbeitskraft 
dem Vereine wie dem Asyle widmen. 

— Todesfall. Am 12. Juli 1. J. verschied nach langem Leiden 
in Aussig a. E, die Gemahlin des dortigen Direktors der deutschen 
Blindenschule Frau Katharina Rauter, durch deren Hinscheiden 
nicht nur ihr Gatte sondern auch ihr unmündiger Sohn, sowie auch 
die Blindenschule, in welcher sich Frau Katharina Rauter in her- 
vorragender Weise betätigte, einen unersetzlichen Verlust erleiden, 
denn die Verblichene zeichnete sich durch eine besondere Herzens- 
und Gemütstiefe aus und die blinden Kinder verlieren in ihr eine 
Mutter. 



flus den Anstalten. 

— V e r s o r g u n g s - und B e s c h ä 1 1 i g ii n g s a ii s t a 1 1 für erwachsene 
BlindeinWienVIII. 

In der von Direl<tor O. H. St o k 1 as k a geleiteten Anstalt befanden sich im 
Jahre 1916 45 männliche und 54 weiV)liche Blinde. Die Zahl der in der Anstalt 
untergebrachten Pflegelinge des »Roten Kreuzes« betrug 58, darunter 
ein Kriegsblinder. Trotz der großen Verwaltungskosten wendete das Direktorium 
während der Kriegszeit den Blinden des I. Ost. Blindenvereines durch 27 Monate 
je 100 K zu, womit es seine Hochherzigkeit gegenüber den auswärtsstehenden 
Blinden in schönster Weise bewies. 

Der Vereinspräsident P. Michael Hersan wurde mit dem Ehrenzeichen 
II. Klasse vom Roten Kreuze mit der Kriegsdekoration ausgezeichnet in Anerken- 
nung der mit unserer Pflcgestätte für Verwundete in Verbindung stehenden Tätigkeit. 
Das Direktionsmitglied Herr Vizebürgermeister Josef Rain erhielt die Eiserne 
Krone 111. Kla.sse. Der Vizepräsident des Vereines Herr Dr. Rudolf P ro c k s ch 
erreichte das 25. Jahr seiner Zugehörigkeit zur Direktion; diesen Anlaß benützte 
Pi äsident P. Hersan in der Sitzung am 26. April, um die Verdienste des Genann- 
ten urrt den Verein hervorzuheben und ihm für seine uneigennützige Mühewaltung 
durch so viele Jahre den besten IJank auszusprechen. Feinen schweren Verlust erlitt das 
Direktionsmitglied Herr Josef Bachmayr durch das Hinscheiden seiner hochbe- 
tagten Mutter, der kais. Ratswitwe und Hausbesitzerin Frau Karoline Bachmayr, 
Sie war auch Mitglied des Vereines und sicherte sich ein dankbares Andenken, 
indem sie (neben anderen Vermächtnissen) für die Anstalt eine »Leopold und 
Karoline Ba ch m a y r -.S t i f t u ng ^ mit einem Betrage von 5000 K errichtete. 

— Anstalt zur Ausbildung von S p ä t e r e r b 1 i n d e t e n in 
Wien XIX. 

Im Mittelpunkte der Wirksamkeit, welche di^- .Anstalt im Jahre 1916 entfaltete, 
stand die Fürsorge für die K r i e g^sb 1 i n d e n. 

Die Anstalt zur Ausbildung von spater Eiblindetenz ä'h 1 1 e 
i m V e r e i n s j a h r e 19 16 zwei im I*^ i- i e d e n e r b 1 i n rl e 1 e .S o 1 d a t e n und 
fünfzehn Kriegsblinde, über die wir im vorjährigen Bericht Mitteilungen 
gemacht haben. Die Ausbildung der Kriegsblinden wurde nach dem bewähittn System 
in gründlichster Weise fortgesetzt. 

Die Schwierigkeiten, welche ans der NuhrungsmittelbeschaiLmg und aus den 
veränderten sozialen Verhältnissen erwachsen, machten es unmöglich, alle Kriegs- 
blinden — da die Anstalt kein Internat ist — wie bisher in wohlgeeigneten Familien 
unterzubringen. Um sie vor jeglicher .Sorge und Entbehrung zu bewahren, aber auch 
um auf ihre Lebensführung wohltätigen Einlluß zu nehmen und so ihre, zukünftige 
geordnete Lebensgestaltung vorzubereiten, wurden zehn Krie\;sblin(le in einem 
für sie geschaffenen Heim vereinigt und mit aller Sorgfalt umgeben. 
Der Einrichtung und Führung des Kriegsblindenheims hat sich mit beispiel- 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Bündenwesen. Seite 7R1. 

f^rebender Opferfreudigkeit Frau Olga Wetzler, dem Zuge ihres edlen Herzens 
folgend, gewidmet. 

Seit der Begründung der An.-talt im Jahre 1898 haben in derselben 237 Zivil- 
1)1 in de — 192 Männer, 45 Frauen und Mädchen — ihre Ausbildung nach den 
aticli für die Kriegsblinden geltenden Grundsätzen und Absichten, namentlich unter 
Anstrebung der Wiederanknüpfung an die vor der Erblindung betätigte Berufsarbeit 
erhalten Der über die Wiiksamkeit der Anstalt im Jahre 1916 ausgegebene Bericht 
zeigt vor der unermüdlichen Tätigkeit ihres Leiteis, kais. Rates Direktor S. Heller 
und dem regen Wohltätigkeitssinne einer großen Anzahl von Persönlichkeiten. 

— N. ö. Landes-Blindenanstalt inPnrkersdorf. Das Schuljaln- 
wurde mit einer am 30. Juni 1. J. abgehaltenen Schlußfeier beendet. Tiotz aller 
Beschwernisse der Zeit ist es glücklich vorübergegangen, denn obwohl sich der 
Zöglingsstand auf die in der 44 jährigen Geschichte der Anstalt nur einmal dage- 
wesene Zahl von 118 erhöhte, konnte der Betrieb in vollem Umfange aufrecht er- 
halten werden. Welche Bedeutung dieses zähe Festhalten an der ungestörten Aus- 
bildung und Versorgung der blinden Kinder des Landes Niederösterreich hat, wird 
erst die Zukunft zeigen, wo die zerstörenden Erscheinungen des Weltkrieges auch 
auf dem Gebiete der Blindenbildung deutlich hervortreten werden. Der Unterricht 
wurde wie bisher in fünf aufsteigenden Schulklassen und zwei Fortbildungsklassen 
erteilt. Im Berufsbildungsplane der schulentlassenen Zöglinge bewährte sich neben 
Musik und den typ'sciien Biindenhandwerken besonders die Gärtnerei für schwach- 
sichtige Zöglinge und die Feinflechterei bei den Mädchen. Dem Materialmangel in 
der Bürstenbinderci konnte dui ch eine Ei findung des Anstaltsdirektors K. B ü r k 1 e n, 
Weidenfasern zur Erzeugung von Bürsten herzustellen, glücklich abgeholfen werden. 
In der Kriegsfürsorge betätigte sich die Anstalt durch Abhaltung von Wohltätigkeits- 
konzerten und Sammlungen. Auch die fachliche Betätigung des Lehrkörpers in der 
Blindenfürsorge war eine hervorragende, denn die Ans'alt besitzt heute nicht nur 
die Führung im »Zentralvereinc für das österreichische Blindenwesen«, der alle 
Blindenbildungs- und Fürsorgeanstalten Österreichs umschließt, sondern ist auch 
die geistige Geburtsstätte der »Zeitschrift für das Osten eichische Blindenwesen«, 
einem monatlich erscheinenden Fachorgane. Das Wohlwollen und die einsichtsvolle 
Förderung dcsn. ö. Landesausschusses und die warme Anteilnahme des Referenten 
L. A. K unschak sichern der Anstalt auch in der Zukunft eine glückliche Weiter- 
entwicklung. 

— Tir.-Vorarlb. Blindeninstitut in Innsbruck. Über Veran- 
lassung des Direktors des Institutes Stadtptarrers Johann V i n a t z e r wurde der 
Bildhauer Hinterholzer mit der Aufgabe betraut, eine Reliefplastik des verstorbe- 
nen Präsidenten obgenannten Institutes, des Landeshauptmannes Frhn. Dr. Theodor 
V. K a t h r e i n, zu schaffen, um die Verdienste des dahingeschiedenen Präsidenten, 
der sich so liebevoll der armen AnstaltszögUnge annahm, zu würdigen zum blei- 
l:)enden Gedächtnis des unvergeßlichen Wohltäters. Hinterholzer, der den 
.Auftrag kostenlos übernahm, hat nun das Plastik-Porträt in einem Schaufenster der 
Kunsthandlung Unterberger (Burggraben) ausgestellt. Das Werk ist jedoch 
noch nicht ganz fertig, da der Künstler, der gegenwärtig des Kaisers Rock trägt, 
jäh ins Feld abberufen wurde. Trotzdem zeigt das Porträt schon heute die wohlge- 
troffenen Züge; der klare, energische Blick, die edle, von den Silberhaaren umrahmte 
Stirn, der breite charakteristische Mund und die kräftige Nase sind Signaturen, die 
uns den Dargestellten erkennen lassen. Der Gedenkstein wird erst nach der Rück- 
kunft des Künstlers vollendet und an einem hervorragenden Platze des Institutes 
seine Aufstellung finden. Der gute Präsident und Landeshauptmann hat sich zwar 
im Herzen der armen Blindenzöglinge selbst den schönsten Gedenkstein gesetzt. 
Nun wird noch ein dringender Wunsch der Zöglinge des Blindeninstitutes. erfüllt. 
Den Gedenkstein betastend, werden sie in dem dargestellten Porträt erkennen, daß 
sie zur stetigen Erinnerung ein Plastik-Bild des von ihnen so geschätzten Wohl- 
täters dauernd in ihrer Mitte haben. 



Hus den Vereinen. 

~ Blinden-Unter st ützungs verein »DiePurkcrsdorfer« in 
Wien V. Der unter der bewährten Leitung des Obmannes F. U h 1 stehende 



Seite 782. Zeitschritt für das östereichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

Verein war auch im Jahre 1916 bemüht, nicht nur das Los seiner bedürftigen Mit- 
glieder zu Hndern sondern auch durch cas Musikalien-Leihinstitut die bhnden Musiker 
Österreichs nach Kräften zu fördern. Aul.ser den Barunterstützungen an bHnde 
MitgHeder vermittelte der Verein in 114 Fällen unentgeltlich Dienst und 
Arbeit. Das Musikalien-Leih-Institut wurde in 5793 Fällen unentgeltlich in Ansprach 
genommen. Im abgelaufenen Vereinsjahre wurden 9 Ausschuß-Sitzungen und eine 
Generalversammlung abgehalten. Der Verein zählte mit 31. Dezember 1916 17 Grün- 
der, 43 Stifter, 16 Fhrenmitgliedei-, 188 unterstützende Mitglieder und 115 blinde 
Mitglieder. Das Musikalien-Leih-Institut in Brailles Notenschritt zählt gegenwärtig 
1975 Musikalien und 100 musiktheoretische Bücher. 



Für unsere Kriegsblinden. 

— Erzherzog Karl Stephan für clieKriegserbliiideten. 
Erzherzog Karl Stephan unternahm in Begleitung des Kammer- 
vorstehers Grafen Parsival Pacht a- Ray ho fe n, des Gouverneurs der 
Bodenkreditanstalt Karl Ritter v. Leth, des Direktors dieses Instituts 
Professor Dr. Richard Reisch und des Präsidenten des Vereines 
»Kriegsblindenheimstätten« Kommerzialrat Heinrich Grimm eine 
Exkursion nach Le op ol d a II, wo die Bodenkreditanstalt einen großen 
Komplex in sehr schöner Lage besitzt. Der Erzherzog besichtigte 
dort die für Kriegserblindete zur Verfügung gestellten Baugründe, 
auf denen die Bodenkreditanstalt drei Heimstätten errichten und 
dem Verein »Kriegsblindenheimstätten« kostenlos ins Eigentum über- 
geben wird. Die restlichen Heimstätten auf diesen Gründen erbaut 
der genannte Verein aus eigenen Mitteln selbst. 

Von hier begab sich der Erzheizog in Begleitung seines 
Kammervorstehers und des Kommerzialrates Heinrich Grimm nach 
Straßhof, um die großen Terraine, gemeinsames Eigentum der 
Kreditanstalt für Handel und Gewerbe und der Baufirma Redlich 
und Berger, zu besichtigen. Oberbaurat Red li ch, durch Unwohlsein 
am Erscheinen verhindert, hatte Ingenieur Steiner zum Empfang 
des Erzherzogs entsandt. Die besichtigten der von Oberbaurat 
Redlich für den Verein »Kriegsblindenheimstätten« gewidmeten 
Plätze fanden den besonderen Beifall des Erzherzogs. Dem Verein 
wurden auf diesen Gründen vollständig gebührenfrei drei komplette 
Heimstätten mit einem Garten und einem kleinen Stück Feld gewid- 
met, und zwar je eine von Oberbaurat Redlich, der Kreditanstalt 
und der Terraingesellschaft m. b. H. Außerdem erbaut Oberbaurat 
Redlich dem Verein dort drei weitere Heimstätten zum Selbst- 
kostenpreis. Der Verein wird auf den in dieser Gegend gewidmeten 
Gründen aus eigenen Mitteln je nach Bedarf weitere Heimstätten 
errichten. 

Beim Abschluß der Exkursion äußerte sich Erzherzog Karl 
Stephan dem Kommerzialrat Heinrich Grimm gegenüber in 
anerkennender Weise über die neuen Widmungen zugunsten der 
kriegserblindeten Krieger. 

— Eröffnung eines Krieg s^b 1 i n d e n h e i m s. In würdiger Weise 
wurde am 15. Juli 1. J. das neue Kaiser K a r 1-K r i e gsbl i n d e n h e im in Wien XIII 
eröffnet. Im sonnigen Korbtiechtersaale hielt der Präsident des Vereines Hofrat 



Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Knois, A. T, Horrath, F. Uhl. — Druck Ton Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



Edler v. Herdlicka eine herzliche Ansprache, in welcher er jener Faktoren ge- 
dachte, welche durch Subventionen und Geschenke den Bau des Kriegsbiinden- 
heimes ermöglichten, sodann jenen Funktionären des Vereines dankte, welche sich 
um das Zustandekommen des Neubaues verdient gemacht hal)en. Er wandte sich 
sodann an die Kriegsblinden selbst, hieß sie herzlichst willkommen und sprach die 
Hoffnung aus, daß sie sich in dem neuen Heime wohlfühlen werden, daß sie sich 
Kenntnisse und Fertigkeiten in einem Blindengewerbe zur Sicherung ihrer Zukunft 
erwerben wollen. Regierungsrat Meli gab sodann einen kurzen Überblick 
über die Entwicklung des von ihm vor 23 Jahren gegründeten Vereines, 
gedachte hiebei der ihm zur Seite gestandenen Persönlichkeiten und 
betonte, daß es besonders der Sachkenntnis und Energie des Architekten Karl 
Limbach zu danken ist, daß die Errichtung des Heimes in verhältnis- 
mäßig kurzer Zeit möglich wurde. Da das Heim den Namen des Kaisers führen 
darf, so wird es unter dem Schutze dieses Namens zum Wohle der Kriegsblinden 
weiterentwickeln. Die Versammlung stimmte begeistert in ein Hoch auf den Kaiser 
ein. Der Kriegsblinde Mitte rmayer erklärte namens seiner Kameraden, daß auch 
diese sich verpflichtet fühlen, ihren Dank für die freundliche Aufnahme in das 
Heim auszusprechen. Der erblindete Krieger gedachte des fürsorglichen Waltens 
des Protektors der Kriegsblinden, Erzherzog Karl Stephan, er dankte besonders 
dem Leiter der Kriegsblindenzentrale, Regierungsrat AI eil, für seine hilfreiche 
Betätigung. Generalmajor von Rochel begrüßte den Vereinspräsidenten 
namens des Kriegsministeriums und sprach dessen Dank für die Errichtung des 
Heimes aus mit dem Versprechen, dieser Institution fortgesetzt das Wohlwollen 
dieser hohen Stelle zu erhalten. Vor der kirchlichen Weihe ergriff Kooperator 
Schuckert in Baumgarten das Wort, um den Kriegsblinden den moralischen 
Wert der Beschäftigung und lohnenden Arbeit vor Augen zu halten. Hierauf besich- 
tigten die Anwesenden sämtliche Räumlichkeitez, die hübsch ausgestatteten Wohn- 
zimmer der Kriegsblinden, in welchen je zwei untergebracht sind, die Werkstätten 
und Verwaltungsräume. 

— Die erste Tiroler Blindenheimstätte. Der Verein Tiroler 
Heldendank in Kufstein hat im Einvernehmen mit der Landeskommission für 
heimkehrende Kri.-ger in Innsbruck, das in Bichlwang bei .Kirchbichl in schöner 
Lage befindliche einstöckige Haus von Gut fei der käuflich erworben. In dieses 
Heim wird der Kriegsblinde Josef Demut h, früherer Bergarbeiter einziehen, 
welcher im Septernber 1916 an der Südfront durch eine -iprengschußverletzung das 
Augenlicht verloren hat. Gegenwärtig befindet sich der Kriegsblinde in einer Anstalt, 
um das Korbfiechten zu erlernen. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende Juli 1 . J. 

— Neue Freie Presse: 1,129.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 2,510.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 380.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 55.000 K. 

— Artur Weisz, (Temesvar) 25.200 K. 



Verschiedenes. 

— Eine hypnotische Behandlung der Blindheit. Von einer 
erstaunlichen, wenn auch nur vorübergehenden Blindenheilung wissen die Annales 
des Sciences Psychiques zu berichten. Ein durch Explosion erblindeter englischer 
Chauffeur kam, nachdem er sechs Monate im Lazarett und acht weitere Monate in 
einer Blindenanstalt Londons zugebracht hatte, in die Behandlung eines Hypnoti- 
seurs. Die Geschoßexplosion hatte die Augäpfel zurückgepreßt und dadurch zur 
Zusammenziehung der Sehnerven geführt. Im Lazarett hatte man ohne Erfolg alle 
Mittel zur Behebung der Geschoßwirkung angewendet, aber nur die hypnotische 
Suggestion konnte für eine Sekunde das normale Sehvermögen des Patienten 
wiederherstellen. 




von Oskar Picht. 
Bromberg. 

A für Punktschrift M 85.80 B für gewöhnliche Schrift M 80.— 

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Wien, XVII., Hernaiser Hauptstraße 93 

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4. Jahrgang. 



Wien, September 1917. 



9. Nummer. 



INHHLT: O. Wanecek, Purkersdorf: Über den Gebrauch der Farbennamen bei 
den Blinden. Der Blinde des Orients im Spiegel des morgenländischen 
Schrifttums. Personalnachrichten. Für unsere Kriegsblinden. Verschiedenes. 
Bücherschau, (flites und Neues. Ankündigungen). 



D 



B= 



=B 



D 



3 Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische ^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VIll, 
g Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. ji 

Ul m m la 



MItes und Neues. 

E in blinder Minnesänger. 
Unter den deutschen Minnesängern des 13. Jahrhunderts findet sich 
der Mar n er, von dessen Erblindung uns die Chronik berichtet. 
Marner war ein fahrender Sänger aus Schwaben, wahrscheinhch 
bürgerlichen Standes, lebte um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Sein 
eigentlicher Name ist unbekannt, denn »Marner« ist ein Deckname 
und bedeutet Meerführer. In seinen Diclitungen lehnte er sich an 
Walther von der Vogelweide an, ist aber schon sehr von der alten 
edeln Gesangweise abgekommen. Den gewöhnlichen Bildungsgang 
seiner dichtenden Zeitgenossen durchmachend, war er in der Jugend 
Sänger der konventionellen Liebe und des Marienkultus. Bei ihm ist 
das Einwirken des volksmäßigen Elementes auf die ritterliche Poesie 
nicht zu verkennen. Mit satirischer Schärfe wendet er sich gegen das 
leere Treiben der Zeit, gegen das öde Turnierwesen, die habgierigen 
Wahlfürsten, selbst gegen den Papst. Enttäuscht und verdüstert, wird 
er schließlich ein klagender Betrachter der Welt. Sein Talent ist 
bedeutend. Er liebt sprichwörtliche Ausdrucksweise und entlehnte 
Bilder und Beispiele gern aus der ihn umgebenden Natur. 

Zur Verdüsterung seines Gemütes mag wohl seine Erblindung 
beigetragen hab^n, denn er wurde als alter blinder Mann ermordet. 
Das ist aus einem Naclinif von einem anderen Minnesänger, Meister 
R u m e 1 a n d, zu ersehen, in dem es heißt : 
»Gott hat auch dem Marner 
Das Leben lang gefristet. 
Der manches Mannes Warner; 
Nun hat ihn überlistet 
Der mörderische Tod — 
Wie ist mir's leid, o Gott! 

Schändlichrer Totschlag ward noch nie begangen 
An einem kranken blinden alten Manne, 
Den selber nach dem Tod schon mocht verlangen.« 
So beklagt Rumeland tief den begangenen Mord, trotzdem 
er früher in mehreren bitteren Spottgedichten den Marner verhöhnt 
hatte, der ihn nicht recht anerkennen zu wollen schien. 

Mit diesem blinden Minnesänger begann übrigens die Zeit der 
Polemiken, in der sich die verschiedenen Sänger auf das heftigste 
befehdeten. Mit des Marners Auftreten ist so die geschichtliche 
Tatsache eingeleitet, die der bekannten Sage vom Sängerstreit auf 
der Wartburg zugrunde liegt. 

Die Heidelberger Handschrift zeigt in einem Bilde den Marner, 
wie er aus einer dargereichten Schale trinkt. An seinen aufgeschlagenen 
Augen ist noch nichts von der späteren Blindheit zu merken. 




4. Jahrgang. 



Wien, September 1917. 



9. Nummer. 



■^ »Der Blindgeborene denke sich das Licht, die Farben, ^vie ^ 

* er will; erscheinet ihm der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn.« ^ 

if J. \V. V. Goethe in „Torquato Tasso." ^ 



Über den Gebrauch der Farbennamen bei 

den Blinden. 

Von Lehrer O. Wanecek, Purkersdorf. 

Überall im Leben, im Verkehr mit den Mitmenschen, in der Lektüre 
begegnen dem Blinden die Namen der Farben. Er nimmt sie in seinen 
Sprachschatz auf und gebraucht sie auch. Schon am Kind kann man 
das beobachten, wenn es in die Schule eintritt. Wohl oder übel muß 
auch der Unterricht zum Gebrauche der Farbnamen Stellung nehmen ; 
für den Blindenlehrer, der ja immer tiefer eindringen will in die Seele 
seiner Schützlinge, hat hier eine Untersuchung noch ein ganz anderes 
Interesse. Wenn sich der Blinde durch falsche Zusammenschlüsse von 
Färb- und Gegenstandsnamen in seiner nicht immer feinfühligen 
sehenden Mitwelt lächerlich macht, ist dies für den Unterricht einerseits 
Anlaß, beim Gebrauch dieser »leeren Worte« sehr vorsichtig zu sein, 
anderseits wird er aber nie Mittel finden, diese ganz von seinen Zög- 
lingen ternzuhalten, wie er auch nicht die Macht haben kann, die 
Verwendung dieser Namen unmöglich zu machen. Eine Fülle kann 
hier nur Verwirrung anrichten, da dem Blinden keine inneren Gedächt- 
nishilfen für die Assoziation des Gegenstandes mit seiner Farbe zu 
Gebote stehen. Wenn überhaupt von einem Gebrauche der Farbnamen 
die Rede sein kann, dann darf dies nur in beschränktem Maße 
geschehen. 

Gewissen Dingnamen haften im sprachlichen Gebrauche Farb- 
namen an, die mit ihnen zu einer schier untrennbaren, typischen Einheit 
verbunden sind. Fast ausschließlich ist es die »grüne« Wiese, die »weiße« 
Leinwand, das »rote« Blut u. s. w., wovon gesprochen wird. Diese 



Seite 788. Zeitschrift tiii das österreichische Bhndenvvesen. '9. Nummer. 

Wortassoziationen werden wohl auch im Sprachscliatze des BUnden 
einen breiteren Raum einnehmen. Neben diesen typisclien Assoziationen 
stehen aber gewiß andere, /.ufällige, die nicht durcli den allgemeinen 
Gebrauch, sondern durch eine einzelnstehende Tatsache dem Gedächt- 
nis einverleibt wurden. Bei ihnen fällt der typische Charakter der Farbe 
weg, der Gegenstand kann mr)glicherweise die genannte Farbe /cij^rn. 
Hielier müßte z. B. gerechnet werden die Verbindung von >'>blaui und 
* Buchumschlag. « 

Auf diese typische, bezw. mögliche Assoziation von Farhn und 
Gegenstand läßt sich eine Untersuchung gründen, davon Ergebnisse, 
in Zahlen ausgedrückt, mancherlei interessante Schlüsse gestatten. 

Eine eingehende, auf eine möglichst bieite Umfrage gestützte 
Untersuchung wird aber ihre Folgerungen nicht allein auf das Zahl- 
verhältnis der vorgenannten Fälle gründen, sondern auch neben den 
schuldig gebliebenen und falschen Antworten die Zahl und die Gleichi- 
bezw. Verschiedenartigkeit der zur Antwort gebrachten Gegenstände 
in Betracht ziehen müssen. Auch das Alter der Versuchspersonen konnte 
nicht unbeachtet bleiben. Unter den an unserer Anstalt zur Verfügung 
stehenden Blinden ergaben sich nach den bitelligenzstufen drei Gruppen, 
nämlich: 

die I. Gruppe Zöglinge im Alter von 7 — 10 Jahren, 
die IL Gruppe Zöglinge im Alter von 10 — 16 Jahren, 
die III. Gruppe Zöglinge im Alter von 16 — 20 Jahren. 

Die erste Gruppe umfaßte in die Schule eintretende, die zweite 
solche Kinder, die im vollsten Unterrichtsbetriebe stehen, und die letzte 
Zöglinge der Lehrlingsstufe. }ede Gruppe zählte 20 Personen. 

Die Untersuchung entwickelte sich folgendermaßen : 

Zuerst sollten auf die Fragen: »Was ist rot, blau 
u. s. w. .?« Gegenstände genannt werden. Das Ergebnis war 
folgendes: ^■ 

charakteristische, mögliche^ unmögliche, 

■Assoziationen. '^'^'"«^ Antworten. 

blau 31 16 

grün 50 7 

rot 32 17 

weiß 28 24 

schwarz 34 18 

gelb 20 19 

Im ganzen 195 101 4 6Ö" 

Auf die drei Gruppen verteilen sich diese Antworten : 

charakteristische, mögliche, unmögliche, 

Assoziationen. '^'^'"^ Antworten. 

I. Gruppe 65 32 4 20 

II. Gruppe 84 22 15 

III. Gruppe 46 47 26 

Diese Zusammenstellung zeigt, daß die typischen 
Assoziationen bedeutend überwiegen. Verschwindend 



2 


11 





3 





11 





8 





8 


2 


19 



9. Nummer. Zt-itschrift (ür das östei reichische Bhndenweten. Seite 789 

gering sind die falschen Zusammenschlüsse. Eigenartiger- 
weise treten die typischen Verbindungen nicht, wie man 
erwarten könnte, bei den Erwachsenen, sondern bei den 
Schülern am häufigsten auf. Sogar die in die Anstalt Eintretenden 
übeltreffen hierin die Großen. Dies erklärt sich aus dem Bestreben der 
Alteren, etwas besonderes sagen zu wollen. Sie scheuen sich, solch 
alltägliche Verbindungen wie »blauer Himmel, weiße Leinwand« zu 
gebrauchen. Das Leben hat sie gelehrt, daß die Farben verschieden- 
artig wecliselnd an Gegenständen haften können, und folgerichtig zeigt 
sich bei ihnen die höchste Zahl der möglichen Assoziationen in den 
Antworten. Allerdings weisen sie auch die höchste Zahl der schuldig 
gebliebenen Antworten auf, was sich auf die Scheu zurückbeziehen läßt, 
etwas Unrichtiges zu sagen und sich lächerlich zu machen, wofür die 
Empfindung bei den Erwachsenen schon zu entwickelt ist. Daß die 
Schulkinder die typischen Verbindungen am meisten für den Gebrauch 
innehaben, findet seine Eiklärung darin, daß sie gegen die Elementar- 
schüler durch das Leben, die Lektüre und vielleicht auch durch den 
Unterricht vorgeschritten sind, ihnen aber die bildende Erkenntnis von 
der wandelbaren Gestaltung der Umwelt noch nicht so deutlich geworden 
ist, als den Großen. Die Elementarschüler bringen eine gewiß ausrei- 
chende Kenntnis in den Farbenbezeichnungen in die Schule mit; 
namentlich die verschwindend wenigen falschen Antworten mögen 
hervorgehoben sein. 

Das Werden der einzelnen nicht typischen Assoziationen von 
Farbnamen nnd Dingbegriff mögen einzelne Fälle aufweisen. Solche 
Zusammenschlüsse weisen olt eine außerordentliche Feinheit des Gedächt- 
nisses auf, was auch in den späteren Umfragen immer wieder hervor- 
tritt. Oft und oft läßt sich erkennen, daß sie das Ergebnis einer ein- 
maligen gelegentlichen Erwähnung sind. Wie oft und in welchem 
Zusammenhange mag ein Mädchen aus der ersten Gruppe von einer »grünen 
Insel« gehört haben? Wie oft mag anderen gesagt worden sein, daß 
die Marmelade, der Schnuller der kleinen Geschwister rot seien? Ebenso 
mag die gelegentliche Erwähnung d^r freilich jetzt schon der Vergan- 
genheit angehörigen roten Hose der Dragoner den Befragten bestimmt 
haben, bei »rot« den ganzen Mann zu nennen. 

Weniger häufig, als zu erwarten wäre, traten Antworten zutage, 
die den zu beantwortenden Farbbegrifit in einer Zusammensetzung ent- 
halten wie »Schwarzdruck, Wäschblau.« In diesen Wörtern liegt offenbar 
für den Blinden eine Abschwächung des Farbbegriffes, der gar nicht 
mehr als solcher gefühlt wird. 

Oft ist man der Meinung, die Farbbegriffe durch Qualitäten anderer 
Sinne umsetzen, ihren Gefühlston mit gewissen ideellen oder moralischen. 
Begriffen ausdeuten zu können. Dafür dürfte im Blinden kein ursprüng- 
liches Bedürfnis liegen, wenn auch drei Antworten (bei »weiß« »Engel« 
und »Unschuld,« bei »schwarz« »Trauer«) darauf hinzudeuten scheinen. 
»Unschuld« und »Trauer« tiaten bei einem Kaben der zweiten Gruppe 
auf und stehen offenbar im Zusammenhange mit dem Religions- 
unterrichte. 



Seite 790. Zeitschrift das für österreichische Bhndenwcsen. 9. Nummer. 

Für die inbetracht gezogenen 6 Farbnamen brachten die 60 Ver- 
suchspersonen 33 Dingnainen für charakteristische Zusammenschlüsse 
zustande und zwar in folgender Zahl : 

blau 4 (Himmel 22, Luft 4, Veilchen 4, See 1); 

grün 5 (Wiese 21, Gras 12, Blatt 8, Baum 7, Klee 1); 

rot 5 (Blut 15, Feuer 7, Rose 7, Glut 2, Ziegel 1); 

weiß 5 (Schnee 23, Mehl 2, Kreide 1, Lilie 1, Gänseblümchen 1); 

gelb 6 (Butterblume 7, Eidotter 6, Chinese 2, Löwenzahn 2, Gold 2, 

Orange 1) ; 
schwarz 8 (Kohle 17, Ofen 5, Rauchfangkehrer 3, Trauerlahne 3, Ruß 2, 

Trauerband 2, Rabe 1, Schuhwichse 1). 

Die I. Gruppe wies 28 Gegenstände, die II. Gruppe 24 Gegen- 
stände, die III. Gruppe 20 Gegenstände auf. 

Daraus ' erkennt man, daß mit zunehmendem Alter die 
typischen Assoziationen einförmiger werden; die besonders 
charakteristischen, die fortwährend gebrauchten prägen sich beson- 
ders ein, andere weniger häufig auftretende, die im Kindesgedächtnis 
lebhafter erhalten bleiben, verblassen später. 

Bei den nicht typischen, aber möglichen Assoziationen wurden 
30 Gegenstände genannt und zwar in der I. Gruppe 18, II. Gruppe 16, 
III. Gruppe 28. 

Daß hier die höchste Zahl bei den Großen auftritt, bestätigt die 
oben erwähnte Tatsache, daß die Personen der III. Gruppe die typischen 
Verbindungen meiden und lieber etwas nicht so eingewurzeltes, Beson- 
deres sagen. Allerdings sind es fast durchwegs alltägliche Dinge, deren 
Farbe eine durchaus unwesentliche Rolle spielt. Diese Gegenstände 
wurden in folgenden Zahlen genannt: Kleid 17, Blumen 10, Schürze 6, 
Mauer, Papier, Wolken je 4, Vorhang, Tuch, Licht, Band, Erde, Ilerbst- 
l.uib je 2, .Stoff, Augen, Polsterzug, Weiden, Tor, Sacktuch, Haarmasche, 
Bleistift, Ei, Bild, Handtuch, Rock, Hut, Hände (bei schwarz-schmutzig), 
Sonne, Seide, Schuhe, Mantel je 1. 

Bei den charakteristischen Antworten steht bei jeder Farbe ein 
Dingnamen, der besonders häufig auftritt (Blut, Schnee, Himmel etc). 
Wenn wir diese Antworten ausschalten, indem wir diese Gegenstands- 
namen mit dem Frage begriff zusammensetzen (himmelblau, 
schneeweiß), so sinkt die Zahl der typischen Assoziationen, 
anderseits aber treten einzelne neue, für den neuen Begriff typische 
Verbindungen auf. 

charakt., mögliche, unmögl. 
Assoziationen. 

himmelblau wies 

auf 7 11 3 

grasgrün 16 5 2 

blutrot 28 8 

kohlschwarz 17 4 1 

schneeweiß 18 11 1 

dottergelb 10 8 1 



keine. 


gl 


eichnamig, 


An 


tworten. 


37 




2 


36 




1 


16 




8 


25 




13 


20 




10 


37 




4 



9. Nuinnit;!. Zeitschi ifl für das östti reichisclic Hlindenweseii. Seile 791. 

Auf die einzelnen Gruppen verteilten sich die Antworten folgen- 
dermaßen : 

charakt., mögliche, unmögliche, keine gleichnamige, 
Assoziationen. Antworten. 

I. Gruppe 22 14 3 68 13 

II. Gruppe 40 11 3 59 7 

III. Gruppe 34 22 2 44 18 

96 47 8 171 38 

Wie bei den Fragen der ersten Art treten^auch hier 
die meisten charakteristischen Antworten in der zweiten 
Gruppe auf. Die Kleinsten nennen hier die wenigsten Gegenstände 
und iDleiben auch die meisten Antworten schuldig. Überhaupt zeigt die 
letzte Rubrik die höchste Zahl bei allen drei Altersstufen. Das weist 
daraufhin, daß oftmals mit dem in de rFrageauft retenden 
Gegen Standsnamen das ganze Wissen um die Farbe 
erschöpft ist. Trotz vorhergegangener Ermahnung wurden die im 
Fragewort liegenden Dingnamen öfter zur Antwort gegeben, was auf 
die Innigkeit der Verschmelzung von Farbnamen und Gegenstands- 
begriff hinweist, die so groß ist, daß die Tautologie nicht zum Bewußt- 
sein kommt. 

Wenn auch die absolute Zahl der charakteristischen Antworten 
im Vergleich zur ersten Umfrage bedeutend gesunken ist, so werden 
zu diesen Antworten doch 43 Gegenstände herangezogen, (gegen 33 
iener). Diese sind nun : 

Himmelblau 3 (v^eilchen 3, Vergißmeinnicht 3, Maialtar 1); 
Dottergelb 5 (Löwenzahn 4, Dotterblume 4, kleine Hühner 1, Pom- 

meranze 1, Hahnenfuß 1); 
Grasgrün 7 (Frosch 4, Wiese 3, Jägergewand 3, Laub 3, Heuschrecke 2, 

Baum 1, Klee 1) ; . 

Schneeweiß 8 (Leinwand 6, Lilie 4, Schneegans 1, Kommuniontisch 1, 

Kreide 1, Schimmel 1, Eis 1, Bettuch 1); 
Blutrot 10 (Kirsche 13, Rose 5, Feuer 4, Lippe 2, Morgenrot 1, wenn 

man ins siedende Wasser steigt 1, bei der Wiener Fahne 1, 

Zunge 1); 
Kohlschwarz 12 (Trauerfahne 3, Rabe 3, Ofen 2, Asche, Köhler, 

Nacht, Rappe, Wichse, Ruß, Schokolade, Angebranntes, Tollkirsche 1). 

Die einzelnen Altersstuten verwendeten dazu: I. Gruppe 17 Gegen- 
stände, 11. Gruppe 28 Gegenstände, III. Gruppe 22 Gegenstände. 

Es zeigt sich, daß die Zöglinge inbezug auf Farbenbezie- 
hungen viel mehr wissen, als man nach der ersten Umfrage 
annehmen durfte. Ganz andere, früher nicht erwähnte Gegenstände 
kominen zum Vorschein; Frosch, Jägergewand, Heuschrecke, Morgenrot, 
Zunge, Köhler, Nacht, Schokolade, Tollkirsche, Schneegans, Schimmel, 
u. s. w. Dem Religionsunterricht entstammen die Wortverbindungen 
vom blauen Maialtar und weißen Kommuniontisch, einem unangenehmen 
schmerzlichen, aber darum unvergeßlichen Erlebnisse die Antwort: 
Wenn man ins heiße Wasser steigt. Die 19 Gegenstände, die hier zu 
möglichen Assoziationen gebraucht wurden, sind wieder alltägliche, die 
kein weiteres Interesse erregen. Es sind : 



Seite 792. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

Blumen 11, Kleid 8, Stoff 6, Tuch 2, Haare 2, Fahne, Masche, 
Haarmasche, Bank, Papier, Beeren, Schürze, Wurst, Frucht, Wolken, 
Henne, Hände, Schaum, Band je 1. Diese verteilen sich auf die 
einzelnen Gruppen: I. Gruppe 15 Gegenstände. IL Gruppe 9 Gegen- 
stände, III. Gruppe 13 Gegenstände. 

Unter den falschen Antworten ist zu erwähnen, daß bei »himmel- 
blau« dreimal »Schlüsselblume« genannt wurde, was seine Ursache 
im zweiten Namen dieser Blume (Himmelschlüssel) hat. So stellt uns 
diese Antwort das Ergebnis eines logischen Schlusses dar. In dci" 
Mehrzahl der Fälle dürften die falschen Antworten auf solchen beruhen. 
Hiezuwären zu vergleichen »Dragoner« bei der ersten Umfrage, »Eisen« 
bei der folgenden. Auf gelegentliche scherzhafte Anwendung mögen 
die »grünen Augen« zurückgehen. Unauffindbar, wahrscheinlich auf 
bloßes Raten begründet, ist die Entstehung der Verbindung »schwarze 
Rose.« 

War schon die Beantwortung der letzten Umfragen mit großen 
Schwierigkeiten verbunden, so stiegen diese noch besonders bei der 
folgenden. Nun sollte darauf geantwortet werden, was »rötlich, 
weißlich u, s. w. ist. Naturgemäß fühlten viele den Charakter 
dieser Farbbegriffe nicht und setzten sie der Grundbedeutung gleich, 
»rötlich« wie »rot« u. s, w. Es traten also eine Anzahl von Gegen- 
ständen in den Antworten auf, die wohl der Grundfarbe typisch zuge- 
hörten, aber diesen besonderen Begriffen nicht entsprachen. Sie wurden 
besonders verzeichnet. 

Es wurden orenannt bei 





chara 


kt. 


f. d 


Grundf. 


mögl. 


unmögl. 












charakt. 


<"• 


' 


keine 


unverst. 










Assoziationen. 




An 


tworten. 


bläulich 


2 






8 


8 


— 


42 


— 


grünlich 


5 






7 


5 


— 


40 


— 


rötlich 


5 






9 


6 


1 


37 


1 


schwärzlich 


7 






7 


11 


— 


35 


— 


weißlich 


1 






6 


7 


— 


4^ 


1 


gelblich 


6 






7 


8 


2 


37 


— 



26 44 45 3 237 2 

Auf die einzelnen Gruppen entfielen: 

charakt. f- d. Grunf. mögl. uninögl. , . 

charakt. keine unverst. 

Assoziationen. Antworten. 

I. Gruppe 4 20 9 2 82 1 

II. Gruppe 10 8 19 1 82 — 

III. Gruppe 12 16 17 — 73 1 

Am wenigsten klar i s t d e r U n t e r s c h i e d zwischen der 
Grundfarbe und dem besonderen Färb begriff den Ele- 
mentarschülern. Auffallend ist, daß die imSchulbetrieb 
stehenden Kinder das feinste Gefühl dafür zu haben 
scheinen. Diese Tatsache in Verbindung mit den Höchstzahlen der 



9. Nummer. Zeilscliiift tür das Osten eichischc Bliiidenwesen. Seite 793. 

charakt, Assoziationen in den beiden ersten Umfragen läßt den 
Schluß berechtigt erscheinen, daß d i e S ch u 1 k i n d er unter den 
Blinden am richtigsten mit den Farbnamen operieren. 
Dies erklärt sich vielleicht neben den Einflüssen der Lektüre und 
des Unterriclits aus der Neugierde, die gerade Kinder in dieser Alters- 
stufe immer wieder fragen läßt, was für eine Farbe dieser und jener 
Gegenstand habe. Das lebhafte Gedächtnis dieser Altersstufe bewahrt 
dieses Wissen. Das spätere Alter hat diese Neugierde überwunden, 
schupft nicht mehr ein totes Wissen, einer stillen Resignation 
folgend. 

Für die charakteristischen Antworten wurden 23 Gegenstände 
gebraucht und zwar bei: 

weißlich 1 (unangestrichenes Holz); 

bläulich 2 (Ei des Kanarienvogels, Luft 1); 

grünlich 4 (Neue Gewänder der Soldaten, Wasser 2, niclit ganz reines 

Wasser, Heuschrecke 1); 
rötlich 4 (Wangen, Abendhimmel 2, Morgenhimmel, der Himmel, als 

es am Nordbahnhof brannte 1); 
gelblich 5 (Hautfarbe 2, Gesicht des Kranken, Stroli, Rohseide, 

Wachs 1); 
schwärzlich 7 (Wenn das Haus sclimutzig ist, wenn man sclimutzig 

ist, wenn man sich nicht wäscht, der Schmied, Schokolade, Asr.he, 

Gewitterhimmel). 

Auf die einzelnen Gruppen entfielen:. I. Gruppe 4, II. Gruppe 

10, III. Gruppe 13 Gegenstände. 

Die meisten dieser Antworten sind von einer außerordentlich 
treffenden Charakteristik. Die oben erwähnte Feinheit des Gedächt- 
nisses tritt auch hier ganz besonders hervor. Eine Tatsache, die schon 
um Jahre zurückliegt (Himmel beim Brand am Nordbahnhof), die 
einen äußerst lebhaften Eindruck gemacht hat, wird sofort mit dem 
damals genannten Farbnamen ins Gedächtnis gerückt. Aber auch 
weniger lebhafte Eindrücke werden bewahrt, so z. B. »bläulich ist das 
Ei des Kanarienvogels.« Dazu sei erwähnt, daß daheim bei dem Ant- 
wortenden (II. Gruppe) nie ein solches Tier gehalten wurde, die 
Assoziation also nur auf gelegentliches, vereinzeltes Hören zurück- 
gehen kann. 

Bei den möglichen Assoziationen traten 26 Gegenstände auf: 
Blume 5, Schürze 5, Haare 4, Kleid 3, Stoff 3, Kugel 2, Tier 2, 
Schmetterling 2, Rose 2, Blätter 2, Tuch 2, Mauer 2, Tinte 2, Wolle 2, 
Fahne 2, Masche 1, Katze 1, Seifei, Bank 1 , Geigenkasten 1, Bucli- 
umschlag 1, Edelstein 1, Bleistift 1, Gläser 1, Licht 1, Wäsche 1). 

Diese verteilen sich auf die einzelnen Altersstufen : I. Gruppe 
8, II. Gruppe 9, III, Gruppe 17 Gegenstände. 

Unter den falschen Antworten ist besonders auf eine hinzu- 
weisen. Bei rötlich nannte einer von den Erwachsenen Eisen. Offenbar 
schloß er dies aus der Rotfärbung der Ziegel durch dieses Metall. 
Es zeigt sich also auch hier eine logische Folgerung. 

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, 
daß der Blinde im Gebrauch der F a r b n a m e n typische 



Seite 794. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. 9. Nummer. 

Assoziationen ani meisten gebraucht und Fehler nur 
in äußerst g e r i n g e r A n z a h 1 macht. Nachstehend darüber 
eine Übersicht: 

Von 1440 Fragen wurden 

665 charakteristisch beantwortet, das sind 46.17 "/q. 

200 mögHcherweise beantwortet, das sind 19.44 "/(,. 

501 gar nicht beantwortet, das sind 34.79 °/o. 

15 falsch beantwortet das sind 1.04 ^/q. 

Dem Blinden gegenüber ist also eine Scheu im 
Gebrauche von Färb n amen nicht geboten. Damit sei 
aber nicht gesagt, daß man sich nicht doch Zurück- 
haltung wird auferlegen müssen. Der Unterricht, das Leben, 
die Lektüre assozieren nicht, wie es in den vorstehenden Umfragen 
geschehen ist, zum abstrakten Farbbegriff die Gegenstände sondern 
umgekehrt. Daß aber die Farbnamen am Gegenstande leichter gemerkt 
werden, ist einleuchtend und wird durch die Ergebnisse der letzten Umfrage 
bestätigt. Es sollten zu typischen Gegenständen die Farben 
genannt werden. Es zeigten sich bei 

charakteristische mögliche, , . 

Assoziationen ^eme Antwort 

der L Gruppe 96 9 16 

der II. Gruppe 101 6 12 

der III. Gruppe 107 8 5 

Bei dieser Umfrage sollten zu folgenden Gegenständen die typi- 
schen Farbnamen genannt werden: Himmel, Wiese, Leinwand, Kolile, 
Blut und Eidotter. Dabei wurde eine falsche Farbe überhaupt nicht 
genannt. Bei der geringen Zahl der möglichen Assoziationen erwies 
sich die vorliegendeUmfrage als wenig ergebnisreich für weitere Schlüsse, 

Der Übersicht halber sei noch angeführt, daß in den ersten drei 
Umfragen die 

I. Gruppe 49 | 

IL Gruppe 62 > Gegenstände zu charakteristischen Assoziationen, 
III. Gruppe 55 J 

I. Gruppe 41 I 

II. Gruppe 34 > Gegenstände zu möglichen Assoziationen 
III. Gruppe 58 I 

verwendete. 

Das Gesamtergebnis bestätigt also die im einzehien erschlossenen 
Folgerungen. 

Der Umstand, daß ganz eigenartige, selten gehörte Verbindungen 
von Farbnamen und Gegenstandsbegriffen auftreten, ferner daß die 
Farbnamen der alltäglichsten Dinge in typischen und möglichen 
Assoziationen richtig gebraucht werden, zeigen uns, daß d e r B 1 i n d e 
ein scharfes Ohr für die Tatsachen seiner Umwelt 
hat, die er ihrem eigentlichen Inhalte nach nicht 
erfassen kann. Die Farbnamen sind ihm Münzen, deren Wert 
er nicht erkennt, die aber deshalb doch nicht den Wert verlieren, 
der ihnen zukommt. 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. Seite 795. 

Der Blinde des Orients im Spiegel des 
morgenländischen Schrifttums. 

(Fortsetzung.) 

Das Gebahren des blinden Bettlers in den Moscheen finden 
wir in den »Verwandlungen des Abu Seid von Serug« (6. Makame) 
gescliildert, wo Hareth Ben Hemmam berichtet, wie er bei einem 
reiigiösten Feste auch einen blinden Bettler trifft. 

Als nun am vollsten der Drang war, — und am schmälsten 
der Gang war, — erschien ein Alter, mit Lumpen an den Gliedern, — 
und mit eingedrückten Augenlidern, — dem das Licht der Augen 
ersetzte — eine Führerin, eine alte, gesetzte, — die die Zucht der 
Versammlung nicht verletzte, — da der Blick an ihrem Anblick sich 
nicht letzte, — sondern sich davor entsetzte. — Als es ihm nun mit 
ihrer Hilfe geglückt, — daß er sich zu einem Platze hindurchgedrückt; 

— grüßt er rechts und links mit stillem Zagen — und stand wie 
einer, dem die Lebensgeister versagen. — Es war, ohne daß er 
kreischte, — zu verstehn, was er schweigend heischte. — Aber um 
den schrecklichen Fluch zu vermeiden, — den nach des Propheten 
Spruch sollen leiden — alle, die in den Moscheen betteln, — bettelt 
er nicht mit dem Munde' sondern mit Zetteln, — die er aus einem 
Kober langte, — der ihm an Riemen um den Nacken schwankte; — 
Blätter, die, von ferne gesehn, schon Beifall erwarben, — weil sie 
glänzten, beschrieben mit bunten Farben. — Der Alten er die einhän- 
digte — und sie des Botengeschäfts verständigte; — die darauf 
durch die Reihen schlotterte — und, die Zettel verteilend, stotterte, 

— daß die Empfänger, die huldigen, — möchten die Mängel entschul- 
digen -- der Schrift, die ein Blinder geschrieben, — dem aus der 
Zeit seines Sehens die Übung geblieben. — Er wünschet Glück mit 
einem Lied — jedem Gläubigen, der den Tag des F'estes sieht. — 
So verteilte sie die stummen Zungen, groß' und kleine, — nach wohl 
geprüftem Augenscheine, — je nachdem sie Geblust auf einem Antlitz 
schaute, -- oder Gebkraft einer Hand zutraute. — Und ich schien 
ihr wohl von den Kunden der beste, — denn mir ward von den 
Zetteln der größte. — Darauf fand ich geschrieben: 

Wohl dem, der unterm Fittiche des Glückes weilt, 

Und in dem Schoß der Heimatruh' darf rasten! 

Wohl dem auch, der auf raschem Tier durch Länder eilt. 

Mit Füll' im Sack, um, wo er will, zu gasten. 

Doch wehe dem, dem Gott die Armut zugeteilt; 

Zu Haus und in der Fremde trägt er Lasten. 

Der Neumond hat, wie ein Spang' aus Gold gefeilt, 

Geblickt aus Abendwolken-Purpurquasten; 

Sein Anblick hat die Sehnsucht aller Welt geheilt; 

Was hilft es dem, der noch am Fest muß fasten? 

Die lichte Scheib' ist mir zu schauen nicht erteilt ; 

O daß ich dürft' ein Scheibchen Brot betasten! 

Ist hier nicht einer, reich an Herden, welchem geilt 

Der wohlgenährte Hengst auf fetten Masten, 



Seite 796. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

Und sieht hier einen, der den Bauch hat eingeseilt, 

Den Hunger zu ersticken, den verhaßten? 

Ist hier nicht einer, reich an Waren, dem gezeilt 

Die Kleiderstoffe liegen in den Kasten, 

Und sieht hier einen,' der zum F"est hat angekeilt 

Am Leib die Lumpen, die zu fallen hasten? 

Der gebe zeitig, eh' er dort mit denen heult, 

Die hier, weil ihre Brüder darbten, praßten. 

Hareth Ben Hemm am erzählt; Die Verse, die mir so die 
Hölle heizten, — verfehlten niclit, daß sie meine Neugier reizten, — 
indes ein kleiner Schauder meine Hand durchbebte, — daß sie, die 
von Natur nicht zusammenklebte, — noch freigebiger auseinander- 
strebte. — Icli fragte mich selbst: wer ist der Mann, vom Glück 
verkürzt, — ■ der so bündig den Knoten schürzt — und so derb den 
Ausdruck würzt? — und ich hoffte, den Aufschluß zu erhalten — 
von der Alten, — wenn ich ihre Verschwiegenheit — bekämpfte mit 
Goldes Gediegenheit; — ich rechnete auf die weibliche Gebrechlichkeit 

— und die weltliche Bestechlichkeit. — Da lief sie wieder — Reili' 
auf und nieder, — um die Blätter zurück zu empfangen — samt 
dem, was etwa daran blieb hangen — von den reichen Händen, 
durch die sie gegangen. — Doch ihre Miene war mißliebig, — weil 
die Ernte war unergiebig; — sie nahm den Rückzug in Verstörung 

— und vergaß in der Gottesbethörung — das Blatt, das ihr am 
besten sollte tragen, — das in meine Hand war verschlagen. — Sie 
kehrte zum Alten voll Bekümmerung, — ihm klagend der Hoffnung 
Zertrümmerung, — der Zeiten und Menschen Verschlimmerung. - - 
Doch er sprach: Wir sind in Gott! — und kommen her von Gott! 

— und kehren zurück zu Gott ! — 

Drauf sprach er: Gieb dein Herz zur Ruhe, — zähle die Blätter 
und thue — sie zurück in die Truhe. — Sie sprach: Ich habe sie 
schon gezählt, — doch das größte fehlt. — Da rief er: Weh dir. 
Unsaubere! — so verhudelst du, was ich zaubere? — Schöpfest 
kein Wasser und zerbrichst den Henkel? — Fängst nicht den Vogel 
und verlierst die Sprenkel? — • Der Köder ist hin und fort der Lachs; 

— das ist zum Mißwachs der Zuwachs. — Gleicli, eh' icli dir fluclie, 

— geh und noch einmal suche! Da kehrte sie zurück und lief — 
her und hin und quer und schief, — suchend in nicht kleiner Not 
das verlorene Kleinod. — Und als sie auf ihrer Spähe — nun kam 
in meine Nähe, — legt' ich aufs weiße Blatt ein falbes — Goldstück 
und ein Groschenstück, ein halbes, — und sprach: Willst du auf 
dieses Ganze hoffen, — so sei ganz oflen ! — Doch willst du halb 
bekennen, halb lügen, — so laß dir an diesem halben genügen ! — 
Sie verschlang den goldenen Vollmond — mit Blicken, des Glanzes 
ungewohnt, — und sprach: Wozu die Umschweife? — Zieh! mein 
Geheimnis ist eine lockere Schleife. — Ich sprach: Nimm mir vom 
Auge die Binde! — Wer ist der alte Blinde? — Und ist dies Gedicht 
Faden von seiner Spule, — oder Gewirk von fremden Webestuhle? 

— Sie sprach: Der Scheich ist von Serug, — und diese Kunst ist 
sein Acker und Pflug, — der aber jetzt geht schlecht genug; — 
Gott verleihe diesem spröden Boden — einen lockernden Frühlings- 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 797. 

odem ! — Dann stürzte sie auf den Gulden wie ein Geier — und 
schwano- sicli davon wie ein Reiher. — Doch ich spracli zu mir mit 
trüben Blick': O VVeltgeschick ! — .So hat diese Glanzsonne des 
Gedichts — beraubt müssen werden des Aug^enlichts ! ■ — Und ich 
brannte vor Vcrlano^cn, beim Süßmundig-en — mich über seinen 
Unfall zu erkundigen. — Doch mir war zu ihm der Zugang — gesperrt 
durch der Betenden Zudrang, — und ich bedachte, daß es nicht mag 
vorm Gesetz bestehn, — über die Nacken der Leute zu gehn. — 
So bcliauptet' ich denn meinen Platz und schwieg, — während der 
I'^estrcdner die Kanzel bestieg. — Als nun der Gottesdienst geschlossen 
war, — und die ]5eterflut auseinander geflossen war, — säumt' ich 
nicht, nach /\bu Sciel zu rennen; — und mit meines Namens Nennen 
— gab ich mich ihm zu erkennen. — Ich legt' ihm aus Liebe mein 
Kleid an, — und er nahm es ohne Leid an. — Dann lud ich ihn 
auf mein Brot und Salz, — und zusagte er ebenfalls. — Dann machte 
ich ihm meinen Arm zum Stabe ^ und führt' ihn davon, wie einen 
Schatz, im Trabe, — und die Alte ging drein als Zugabe. — Als 
ich so ihn gebracht in mein Quartier mit der Eilepost — und dort 
ihm vorgesetzt eine Eilekost, — sprach, er: O Hareth ! — sind wir 
vor Zeugen bewahret.-' — Ich sprach: Niemand ist hier als die alte 
Frau. — Er sprach : Vor ihr ist mein Geheimes zur Schau. — Dann 
that er auf seine beiden Sterne — und blitzte mit ihrem leuchtenden 
Kerne, — daß die Äpfel wie zwei feurige Kugeln rollten, — als ob 
sie die Zwilling' am Himmel beschämen wollten. — Erst wünscht' 
ich im Glück zu den gesunden Sinnen, — dann zeigt' ich mich ihm 
erstaunt über sein Beginnen — und fragt' ihn, warum er so entstellt 
und verstellt — umzieh' in der Welt? — Doch er stellte sich stumm 
— - und verschlang das Frühstück mit hum und muni, — bis daß er 
sein Geschäft vollendet; — da hub er an, zu mir gewendet: 
Da blind ist die Mutter der Menschen, die Welt, 
Zudrückend ihr Auge vorm Guten geschwind. 
So drückt' ich vorm Bösen das meinige zu, 
Damit seiner Mutter auch gliche das Kind. 
Doch hab' ich geschlossenen Auges gesehn, 
Daß andere blind mit geöffneten sind. 
Die einen verblendet der Haß und der Neid, 
Und dich macht die Liebe zum Seltsamen blind.« 

(Fortsetzung tolgt.) 

Personalnachrichten. 

— Auszeichnung. Anläßlich des Geburtstages Sr. Majestät 
unseres Kaisers wurde dem Direktor des Tirol. -Vorarlb. Blindenin- 
stitutes Stadtpfarrer Johann Bap. Vi n atzer das goldene Verdienst- 
kreuz mit der Krone verliehen. Direktor Vi n atze r erhielt nun schon 
die dritte Auszeichnung seit Kriegsbeginn. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Sc. kaiserliche und königliche Hoheit der Herr Admiral Erzherzog Karl 
Stephan geruhte am 14. d M., die Klar 'sehe Blindenanstalt in Prag mit 
höchstseinem Besuche zu beehren. Derselbe wurde von dem Üömanne kaiserl. Rat 



Seite 798. Zeitschrift für das östereichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

Stüdl, Direktor Wagner und dessen Gemahlin, sowie dem fvommandanten des 
Aufsichtsdetachements Leutnant Fuchs ehrerbietigst begrüßt, worauf sich der liohe 
Gast in die Anstalt.~-kapelle begab, in welcher ihm vom Prior P. Ran da das Aspergill 
gereicht wurde. Nach Verrichtung eines kurzen Gebetes ließ sich Se. kais. Hoheit 
die während der Ferien zurückgebliebenen Kriegsblinden vorführen und nahm ihre 
persönlichen Bitten, deren Unterstützung er huldvollst zusicherte, entgegen. Nach- 
dem einer der Kriegsblinden namens seiner Kameraden Sr. kaisl. Hoheit den innig- 
sten Dank für alle ihnen zugewendete Huld und Förderung abgestattet hatte, wurden 
die Anstaltsräume eingehend besichtigt, bei welcher Gelegenheit Se. kais. Hoheit 
wiederholt höchstseiner besonderen Befriedigung über die Zweckmäßigkeit der ver- 
schiedenen Einrichtungen, besonders im neuen Anstaltsgebäude, zum Ausdruck zu 
bringen geruhte. Bei Besprechung der Zweckbestimmung der Anstalt kam die 
-Sprache auch auf die Aussiger i5lindenschule als Zweiganstalt, deren Besuch Se. 
kais. Hoheit für einen späteren Zeitpunkt in Aussicht zu stellen geruhte. Nach ein- 
stündigem Aufenthalte schied der hohe Gast mit dem Versprechen, höchstseinen 
Besuch bei der nächsten Anwesenheit in Prag zu wiederholen. 

— Tabaktrafik für einen Kriegsblinden. Der in der Versorgungs- 
und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien VIII als Kriegsblinder 
(der Verwundeten- Abteilung des Roten Kreuzes) gewesene Karl Engelbrecht 
aus Etsdorf am Kamp, Korporal und Besitzer der großen silberne Tapferkeits-Medaille, 
hat eine Tabak-Trafik in der Simmeringer Hauptstraße erhalten. 

— Große Spende. Exzellenz Generaloberst Eduard v. Böhm-Ermolli 
überwies namens der Leitung des k. u. k. Feldkinos im Bereiche der 2. Armee 
als Stifterbeitrag 15.000 K zugunsten des unter dem Protektorat des Admirals 
Eizherzog Karl Stephan stehenden Vereines »Kriegsblindenheimstätten« (Aktion 
Kommerzialrat Heinrich Grimm). Generaloberst v. Böhm-Ermolli, dem diese 
ansehnliche Widmung zugunsten der Kriegserblindeten zu danken ist, hat schon 
wiederholt sein besonderes Interesse an dem Schicksal dieser ärmsten der Kriegs- 
beschädigten bekundet und erst in jüngster Zeit weitere namhafte Spenden für den 
Verein »Kriegsblindenheimstätten« in Aussicht gestellt. 

— Ver anstal tungen : Der Theaterverein »Wienerwald« veranstaltete im 
Baumgartner Kasino am 5. und 12. v. M. unter der bewährten Leitung des Direktors 
Schmid- Winter zwei Theatervorstellungen zugunsten des Kaiser-Karl-Kriegs- 
blindenheimes in Wien XIII. Am Schlüsse der zweiten Vorstellung dankte Verwalter 
Rosenmayer namens des Präsidiums des Vereines zur Fürsorge für Blinde in 
herzlichen Worten für die menschenfreundliche Förderung des Kaisei -Karl-Kriegs- 
blindenheimes. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende August 1. J. 

— Neue Freie Presse: 1,143.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 2,651.700 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 380.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 55.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 26.250 K. 



Verschiedenes. 

— Milchinjektionen bei Augenerkrankungen. Der Augenarzt Dozent 
Dr. L. Müller in Wien hat bei verschiedenen Augenleiden mit Einspritzungen 
von gewöhnlicher Kuhmilch in die Muskulatur des Körpers gute Erfolge erzielt. 
In einem typischen Falle von Regenbogenhautentzündung schwanden nach der 
ersten Milchinjektion die Schmerzen, nach der vierten war der Kranke vollständig 
geheilt. Bei einem an einer schweren Blennorhoe Erkrankten zeigte nach einer 
einmaligen Milchinjektion der Kranke am nächsten Tage das Bild eines leichten 



Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. RedaktionsWomitee: K. Biirklen, 
J. Kneis, A. ▼. HorTath, F. Uhl. — Druck Ton Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



Augenkatarrhes; drei Tage nachher waren bei einer Untersuchung der Absonderung 
keine Krankheitserreger mehr {estzustellen. Es ist zu betonen, daß durch die Milch- 
injektionen es von nun ab jedem praktischen Arzte, selbst wenn er nicht fachlich 
als Augenarzt ausgebildet ist, ein leichtes sein muß, jeden Fall von akuter Blen- 
norhoe zu behandeln und zu heilen, während es bis jetzt die größte Kunst eines 
Augenarztes war, eine Blennorhoe bei einem Erwachsenen ohne Defekt der Horn- 
haut zur Heilung zu bringen. Eine Bestätigung dieser neuen Heilmethode bleibt 
abzuwarten. 

Bücherschau. 

— Abriß der englischen und französischen Blinden-Kurzschrift. 
Ins Deutsche übertragen und mit Anmerkungen versehen von Alexander Reuß. 

Im Verlag von Alexander Reuß, Straßburg-Stockfeld im Elsaß, ist vor 
kurzem obgenanntes Buch in Punktdruck erschienen. Ein solches Hilfsmittel zur 
Erlernung der fremdsprachigen Kurzschrift hat uns bisher gefehlt; sein Erscheinen 
entspricht einem wirklich vorhandenen Bedürfnis. Der Blinde, der der hanzösischen 
oder der englischen Sprache mächtig ist, wird mit Hilfe dieses Abrisses leicht in 
den Stand gesetzt, sich die Schätze der fremdsprachigen Literaturen anzueignen, 
insoweit diese in Blindenkurzschrift vorhanden sind. Aber auch der blinde Musiker, 
der nur ein wenig das Englische und Französische versteht, wird an diesem Buche 
nicht achtlos vorüber gehen. Es ist eine in Blinden-Musikei kreisen bekannte Tat- 
sache, daß noch aus der Zeit vor dem Kriege viele französische und noch mehr 
englische Punktdrucknoten - Ausgaben in Deutschland und Österreich starke 
Verbreitung gefunden haben. Ich erinnere hier an die Auswahl der kleinen Prälu- 
dien für Klavier von J. S. Bach, desgleichen an die 3 bändige Ausgabe des »wohl- 
temperierten Klaviers« sowie an die 8 kurzen nnd leichten Präludien und Fugen 
für Ogel von Bach; ferner an die von Hans v. Bülow 50 ausgewählten Etüden von 
Cramer, die Taussig'sche Ausgabe des Gradus ad Parnassum von Giemen ti 
und an Mendelssohns Lieder ohne Worte« (Klindworthj. Diese sämtlich 
englischen Ausgaben sind heute allerdings durch deutsche bei Vogel in 
Hamburg erschienene größtenteils ersetzt, ja überholt, wobei ich kaum zu betonen 
brauche, daß mein Urteil auf national-chaurinistischem Grunde keineswegs 
erwachsen ist. Künstlerische und wissenschaftliche Angelegenheiten haben mit der 
jeweiligen politischen Konstellation nichts zu schaffen. Aber die deutschen Aus- 
gaben sind uns in Allem und jedem (Papier, Druck, Gesammtanlage) viel vertrauter 
und daher sympathischer als die fremdländischen. Trotzdem wird derjenige, der 
einen französischen oder englischen Notendruck besitzt, ihn j e t z t nicht ohne weiters bei- 
seite tun, um sich dafür die deutsche Ausgabe anzuschaffen, das verwehrt schon 
der Kostenpunkt. Die englischen Ausgaben nun, sind durchwegs mit mehr oder 
minder breit angelegten Einleitungen, Anmerkungen, Erklärungen, histor. Bemer- 
kungen u. s. w. versehen. Diese umfangreichen Text-Zutaten sind jedoch in englischer 
Kurzschrift abgefaßt. Die Britisch and foreign blind- Assoziation setzt bei ihren 
Abnehmern die Kenntnis der Kurzschrift als etwas Selbstverständliches voraus. Der 
englische Standp'mkt ist hierin von dem deutschen wesentlich verschieden; finden 
sich in einer deutschen Ausgabe textliche Erläuterungen, wie beispielsweise in dem 
vom königl. Musikdirektor Meyer in Berlin Steglitz herausgegebenen Heften in 
neuer Notenschreib-Ordnung, so sind sie in Voll seh ritt gegeben. Wer die 
französische und englische Sprache versteht, ilnc Kurzschrift aber nicht kennt, hat 
mit den fremdsprachigen Ausgaben einen schweren Stand; er muß, um auf den 
Sinn des Worttextes zu kommen, sich aufs Rätselraten verlegen, eine reeht mißliche 
und zeitraubende Beschäftigung. 

Der Abriß der fi anzösischen und englischen Blindenkuizschrift von Alexander 
Reuß hilft diesem Übelstande nun mit einem Schlage ab. Das Buch umfaßt 24 
Seiten Großformat. Drei Viertteile davon entfallen auf die englische Kurzschrift der 
Rest auf die französische. Der Stoff ist übersichtlich geoidnet, die Erklärungen 
kii'z und klar >zum Ausdruck gebracht. Man wird mit Hille dieses Abrisses sehr 
bald Bücher in französ. und englischer Kurzschrift fließend lesen können. Freilich, 
Hauptsache bei derartigen Studien bleibt immer die Übung. 

Auch die Gedächtnisarbeit, die das Studium der fremdsprachigen Kurzschrift 
erfordert, ist keine geringe; dies gilt zumal von der französischen Kurzschrift mit 
ihren zirka 250 Laut-, Silben- und Wortkürzungen. Als sehr willkommenen Anhang 
gibt A. Reuß in dem Abriß das Verzeichnis der In französischen Wörtern gebrauchten 
Akzent-Buchstaben, ferner die Punktschrift-Darstellung der römischen Zahlen. 
Beides, Akzent-Buchstaben und römische Zahlen, düiften meines Dafürhaltens auch 
nicht im Regelbuch der deutschen Kurzschrift fehlen, und sollten bei einer 
Neuauflage unbedingt Aufnahme finden. A. K r t s m a r v. 



Anfrage. Ein Blinder sucht einen seinen Kenntnissen und Fähig- 
keiten enttprechenden Posten. Derselbe war lange Jahre hindurch 
Kaufmann, verfügt über Gewandtheit auf den Schreibmaschinen 
für Sehende und Blinde und ist in der Musik ausgebildet (Flöte, 
Flügelhorn u. Komposition). Sein Wunsch wäre, eine Beschäftigung 
zu erhalten, in welcher er sein Können verwerten könnte. 
Freundliche Angebote bittet er zu richten an die 

S c h r i f t 1 e i t u n e. 



Blind 




A für Punktschrift 



von Oskar Pieht. 
Bromberg. 
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Wien, XVII., Hernaiser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorschulpflichtigen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung. 

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verleiht ihie Bücher kostenlos an alle Blinden. 



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„DIE PURKERSDORFER" 

Wien V., Nikolsdorfergasse 42. 

Zweck des Vereines: UuterstützuDg blinder Mit- 
glieder. Arbeitsvermittlung tiir Blinde. Erhaltung 
per Musikalien-Leihbibliothek. Telephon I0.071. 



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Organ des „Zentralvereines für das österreichische Blinden- 
— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



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S ch r i f 1 1 e i t u n g 
Purkersdorf 
bei Wien. 
Österreichisches 
Postsparkassen- 
konto Nr.132.257 



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Das Biatt ersdieint 
monatlich einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



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Bezugspreis 
ganzjährig mit 
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4 Kronen, 
Einzelnummer 

40 Heller. 



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4. Jahrgang. 



Wien, Oktober 1917. 



10. Nummer. 



INHALT: J. Kneis, Purkersdorf: flufsichtsdienst. Der Blinde des Orients im 
Spiegel des morgenländischen Schriftums. Über ein Einheitsformat der 
Blindendrudte. Der Massepunktdruck von Dr. M. Herz. Personalnachrichten. 
Aus den Anstalten. Othmar Huber: Eines Kriegsblinden Gruß an die Heimat. 
Für unsere Kriegsblinden. Verschiedenes. Bücherschau. (Altes und Neues. 
Ankündigungen). 



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3 Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische t- 

Blindenwesen" werden ^erbeten an die Leitung in Wien Vlll, 
g Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K, 

Ulm f^ lD 



Altes und Meues. 

Erst durch die Selbstbiographie »Ich« erfahren wir, daß der 
bekannte Schriftsteller Karl May in seiner Kindheit blind war. An 
seinem Lebeneabende enthüllten Mays Gegner die Verfehlungen 
seiner Jugendzeit und das »Mayproblem« ersclieint auch heute noch zum 
Teil ungelöst. Aus Armut und Verbrechen rang sich dieser Dichter 
zum Erfolge durch. Daß er schon als Kind trotz der rauhen Wirk- 
lichkeit zum Märchenerzähler und Phantasten wurde, erklärt er selbst 
aus der Blindheit seiner Kinderjahre. 

May war im Jahre 1842 in einem ärmlichen erzgebirgischen 
Weberstädtchen geboren. Daß er kurz nach der Geburt sehr schwer 
erkrankte, das Augenlicht verlor und volle 4 Jahre siechte, war nicht 
die Folge der Vererbung, sondern der rein örtlichen Verhältnisse, 
der Armut, des Unverstandes und der verderblichen Medikasterei, 
der er zum Opfer fiel. Seine Mutter, die sich in Dresden zur Hebamme 
ausbildete, erzählte den Ärzten von ihrem elenden, erblindeten und 
seelisch doch so regsamen Knaben. Diese ließen ihn kommen und 
behandelten ihn mit so überraschendem Erfolge, daß der Knabe 
sehen lernte und gesundend heimkehren konnte. 

Mays Großmutter war eine arme ungebildete Frau, aber trotz- 
dem eine Dichterin von Gottes Gnaden und darum eine Märchen- 
erzälilerin, welcher der Knabe zu lauschen nicht müde wurde, um 
das Gehörte im Kreise der Kinder wiederzuerzählen ußd neue Märchen 
zu erfinden. Alles in ihm wurde Phantasie und Seele. Als er sehen 
lernte, war sein Seelenleben schon derart entwickelt und festgelegt, 
daß selbst die Welt des Lichtes, die sich nun vor seinen Augen 
auftat, nicht die Macht besaß, den Schwerpunkt, der in seinem Innern 
lag, ZU' sich herauszuziehen. E!r blieb ein Kind für alle Zeit, in dem 
die Seele ohne Rücksicht auf die Außenwelt die Oberhand behielt. 
Alles Wtrkiiche trat in seiner Kindheit als Seele an ihn heran. Er 
sagt darüber: 

»Eigentlich war in meiner frühen Knabenzeit jedes lebendige 
Wesen nur Seele, nichts als Seele. Ich sah nichts. Es gab für mich 
weder Gestalten noch Formen, noch Farben, weder Orte noch Orts- 
veränderungen. Ich konnte die Personen und Gegenstände wohl 
fühlen, hören und riechen ; aber das genügte nicht, sie mir wahr und 
plastisch darzustellen. Ich konnte sie mir nur denken. Wenn jemand 
sprach, hörte ich nicht seinen Körper, sondern seine Seele. Nicht 
sein Äußeres, sondern sein Inneres trat mir näher. Es gab für mich 
nur Seelen, nichts als Seelen. Und so ist es geblieben, auch als ich 
sehen gelernt hatte, von Jugend auf bis auf den heutigen Tag. Das 
ist der Unterschied zwischen mir und anderen. Das ist der Schlüssel 
zu meinen Büchern. Das ist die Erklärung zu allem, was man an mir 
lobt und tadelt. Nur wer blind gewesen ist und wieder sehend wurde 
und nur wer eine so tief gegründete und so mächtige Innenwelt 
besaß, daß sie selbst dann, als er sehend wurde, für lebenslang seine 
ganze Außenwelt beherrschte, nur der kann sich in alles hineindenken, 
was ich plante, was ich tat und was ich Schrieb, und nur der besitzt 
die Fähigkeit, mich zu kritisieren, sonst keiner! 




4. Jahrgang. Wien, Oktober 1917. 10. Nummer. 



^ »Heil Euch ! Die ihr in beschränktem Kreise M 
^ Stille übet eines Gottes Weise!« % 

^ Dem Blindenlehrer von einer österr. Blindenfreundin. ^ 



flufsichtsdienst. 

Von Hauptlehrer Johann Kneis, Purkersdorf. 

Heute »Dienst« — wie einfach das klingt. Hat nicht jedermann 
seinen Dienst? Gewiß! Doch was bedeutet »Dienst« beim BHndenlehrer? 
Das Wörtchen bezieht sich ja gar nicht auf seine Tätigkeit als Unter- 
richtserteiler und Erzieher in der Schule, sondern »Dienst« ist eine 
notwendige Draufgabe. Aufsichtsdienst, Inspektion, Präfektendienst, 
Haupt-, Neben-, Vertretungsdienst und noch andere Namen führt in den 
verschiedenen Blindenanstalten jene Arbeitsleistung, welche oft ganz 
unverdientermaßen als eine Nebenleistung des Blindenlehrers angesehen 
und bewertet wird. 

Ja, wenn es sich dabei darum handeln würde, die Zöglinge vor 
körperlicher Beschädigung zu bewahren oder die blinden Kinder mit 
strengem Kommandoton zur Ruhe und Ordnung zu zwingen, dann 
könnte man wohl geringschätzig die Achsel zucken, denn da brauchte 
man nicht erst einen studierten Menschen, das träfe bald irgend jemand. 
Die Sache liegt aber doch ein wenig anders. 

Eine pädagogische Begründung der Notwendigkeit einer Aufsicht 
halte ich für überflüssig und will hier nicht vom Standpunkt des Kindes, 
sondern »ausnahmsweise« einmal vom Lehrer ausgehen. Und wenn 
man schließlich herauslesen sollte, daß Schulhygiene nicht nur Schüler- 
sondern auch Lehrerhygiene in sich schließt, daß es nicht bloß eine 
Schonzeit für den Lehrer geben soll, so darf doch unter keiner Bedin- 
gung auf eine Unzufriedenheit geschlossen werden. Seien wir Blinden- 
lehrer offen und sagen alles wie wir es uns schon oft im Geheimen 
geklagt haben. 



Seite 804. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

Keinen Blindenlehrer hörte ich während meiner 20 jährigen Dienst- 
zeit klagen, daß der Unterricht ihm Beschwerden verursache daß der 
eine oder andere Unterrichtszweig ihm Schwierigkeiten bereite, daß die 
Unterrichtszeit zu reichlich bemessen wäre u. s. w. Doch der »Dienst« 
sei das Unangenehme! Und soll das sein? Leider scheint es vieltach 
so. Die Hauptursache ist die Überbürdung des Lehrers. Selbst der 
laienhafteste Laie wird zugeben müssen, daß der Blindenunterricht 
zumindest nicht leichter ist als der Unterricht an der Volks- oder der 
Bürgerschule. Dort hat die Erfahrung ein Maximum von Wochenstunden, 
welche als Pflichtstunden den Lehrkräften zugewiesen werden können, 
festgelegt. Dasselbe geschieht auch bei uns in gleicher Weise und mit 
gleicher Anforderung. Doch kommt nun obendrein der Dienst, welcher 
als Zuwage ohne Entlohnung gehalten werden muß — gehalten werden 
muß vom jungen und vom alten Lehrer. Daß er gehalten werden muß, 
ist nicht zu leugnen, daß er nicht von allen in gleicher Weise versehen 
werden kann, daran liegt es. 

Der junge Lehrer bringt Kraft mit und Leichtigkeit, der alte Er- 
fahrung und Gleichmut. Beides ergänzt sich und tut not. 

Doch ist der ältere im Nachteil, denn des jüngeren Kraft gehört 
ihm selbst und der Anstalt, des alten Kraft wird auch von seiner 
Familie in Anspruch genommen. Ferner hat der Blindenlehrer, ins- 
besondere der ältere die moralische Pflicht, außerhalb der Anstalt am 
staatsbürgerlichen Leben tätigen Anteil zu nehmen. Sei es nun Blinden- 
fürsorge, sei es Armenpflege oder Sorge um Gemeinde-, Landes- oder 
Staatswohl, der Blindenlehrer darf nicht abseits stehen, einmal um der 
Sache willen, andererseits um nicht einseitig und verzopft zu werden. 
Dazu gehört aber Zeit. Daß trotz Zeitmangels der Blindenlehrer nach 
i)czahlter Nebenbeschäftigung sucht und dieselbe in weitaus beschrank- 
terem Maße als der Lehrer draußen, in der Anstalt aber nur als Mehr- 
leistung findet, kann von keinem Einblickhabenden Menschen verübelt 
werden, es ist ja nicht Geiz und Gewinnsucht, sondern das Bestreben 
nach höherer sozialer Eigenbewertung und auch das Bestreben, die 
Sonderstellung auszugleichen. 

Wie könnte nun ohne der Erziehung unserer Schüler Abbruch zu 
tun, ja im Gegenteil, um die Erziehung zu fördern, eine Änderung 
eintreten? Schreiber dieser Zeilen wagt es kaum Vorschläge zu machen, 
denn wie alles erfordert auch das wieder Geld und das klingt nicht 
wie Friedensmusik sondern wie Kriegsgeschrei. Doch ich wage es — 
vielleicht gings so ; 

Alljährlich werden an Lehrerbildungsanstalten Kurse über Blinden- 
pädagogik abgehalten, alljährlich warten viele Bewerber beinahe Jahr 
und drüber lang auf Anstellung an einer Volksschule. Mit dem geringen 
Gehalte fristen sie nur mühsam ihr Leben, ja legen oftmals den Grund 
zu ihrer Verschuldung. Könnte da nicht beiden Teilen geholfen werden 
und obendrein, weil dadurch der Blindensache neue Verteidiger erwach- 
sen, daß man solch junge Lehrkräfte anstellt und ihnen dann bessere 
Posten in Aussicht stellt, eben der Blindensache gedient werden. Die 
Hauptkraft könnten solche Lehrer dem Aufsichtsdienst widmen. Weil 
aber die Erfahrung des älteren Lehrers bei der Erziehung nicht vermißt 
werden kann, so könnte diesem wenigstens ein Teil des Aufsichts- 



10. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 805. 

dienstes in die Pflichtstunden eingerechnet werden. Gewiß wieder 
ein Ansporn für die jüngeren Kräfte, die ja auch einmal äUer 
werden. 

Man wird sicher einwenden, daß es doch nicht pädagogisch wäre, 
Krätte nur für ein oder zwei Jahre anzustellen ; der allzuhäufige Wechsel 
bringe manchen Nachteil. Dem steht gegenüber, daß bei der geringen 
Freizügigkeit des Speziallehrers im andern Fall keine jüngeren Lehrer 
mehr an der Anstalt sein werden, wenn nach etlichen Jahren die älter 
werdenden Lehrer verlangen, daß auch ihnen einmal das Recht auf 
Fhe u. s. w. gegeben werde. 

Also für den jüngsten Lehrer der Vorteil, schon frühzeitig eine 
sorgenfreie Anfangszeit mit der Möglichkeit einer lückenlosen Fort- 
setzung seiner I^ehrtätigkeit, für den älteren Lehrer eine Steigerung 
seiner Berufsfreudigkeit und nicht zuletzt, für die Blindensache neue 
Freunde, die zwar hinausziehen aus der Anstalt, aber, das ist Erfah- 
rungssache und ließe sich mit Beispielen belegen, draußen als treue 
Freunde der Blinden weiterwirken und die Stützpunkte werden für 
systematischen Ausbau der Blindenfürsorge. 

Daß Speziallehrer den Weg zur Volksschule nicht mehr finden 
könnten, wird wohl niemand glauben. Im Gegenteil, der gewesene 
Speziallehrer wird als gewissenhafter und methodisch geschulter Pädagoge 
überall geschätzt und wurde oft schon in jungen Jahren gerne zu den 
gewiß nicht leichten Posten an Übungsschulen berufen, von eben welchen 
Posten er oft seinen weiteren Aufstieg begann. 

Der Blinde des Orients im Spiegel des 
morgenländischen Schrifttums. 

(Fortsetzung.) 

Wie ein reicher Mann durch seine Habgier zum blinden Bettler 
wird, finden wir in der Geschichte Baba Abdallas des Blinden 
erzählt. 

Der Chalif Harun er-Raschid trifft auf einem Rundgang 
einen .blinden Scheich, der ihn an der Hand festhaltend ausruft: »O 
gütiger Mann, was immer du sein magst, den Gott antrieb, mir ein 
Almosen zu geben, weise nicht die Bitte ab, die ich an dich richte ; 
gib mir einen Backenstreich, denn ich verdiene dies und noch größere 
Strafe.« Der Chalif, überrascht von den Worten des blinden Bettlers, 
versucht mit ablenkenden Worten loszukommen, doch der Bettler 
fleht weiter, entweder das Almosen zurückzunehmen oder seine Bitte 
zu erfüllen, denn er will das Geschenk nicht unter der Bedingung 
annehmen, einen Eid gebrochen zu haben. Um nicht aufgehalten zu 
zu werden, erteilt der Chalif dem Blinden einen leichten Schlag, 
worauf dieser ihn sogleich los ließ und ihm dankte und Segen erflehte. 
Um den Grund dieses seltsamen Verhaltens kennen zu lernen, läßt 
Harun er-Raschid den Blinden zu sich kommen und dieser 
Baba Abdalla geheißen, erzählt ihm seine Geschichte, die wir 
mit F"r. Rücke rts schönem Gedichte (mit Rücksicht auf den Raum 
gekürzt) wiedergeben. 



Seite 806. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



10. Nummer. 



Der Blinde. 



Es zieht mit seiner Schar von hohen 
Kamelen, achtzig an der Zahl, 
Derweil des Mittags Flammen lohen, 
Abdalla durch das öde Thal. 

Und wo ein Kranz von Dattelpalmen 
Umziehet eines Quelles Rand, 
Streckt er sein Heer auf weichen 

Halmen, 
Und sich aufs schwellende Gewand. 

Da tritt, die ernsten Mannesschritte 
Gelenkt von einem Cederstab, 
Ein Derwisch in des Kreises Mitte, 
Und grüßt zum Ruhenden herab : 

Was zählest du mit müß'gen Blicken 
Dein unbelastet lagernd Heer ? 
Mich sendet, um dich zu beglücken, 
Dein günstiges Geschick hieher. 

Steh auf, und zeuch mit deinen Scharen 
Auf meiner Spur vertrauenvoll ! 
Den Schatz will ich dir offenbaren, 
Der achtzig Rücken lasten soll. 

Gleichwie der Wolf mit freud'gem 

Schrecken 
Neuhungernd auf vom Lager springt. 
Wenn ihm, dem satten, fernes Blöken 
Der ungehofften Beut' erklingt ; 

So springt der Kaufmann, wie von 

Sinnen, 
Empor, und fühlt sich plötzlich arm : 
Kann ich die Schätze nicht gewinnen, 
Was soll mir dieser dürft'ge Schwärm? 

Beim Barte, der in Silberflocken 
Dir bis zum Gürtel niedersteigt ! 
Nicht rasten sollst du mir noch stocken. 
Bis du die Schätze mir gezeigt. 

Der Derwisch an dem Cederstabe 
Spricht ernst mit kaum bewegtem Kinn; 
Gemach, mein Sohn! gut ist die Habe, 
Doch besser ist ein weiser Sinn 

Er streckt die zauberhafte Rute 
Mit steter Hand zum Wandern vor; 
Der Krämer folgt in dumpfem Mute 
Mit seiner Tiere stummen Chor. 

Sie ziehen hin zu fernen Gründen, 
Und eng und enger wird das Thal, 
Und hoch und immer höher winden 
Sich rings die Berge schroff und kahl. 

Der strenge Beter aber schreitet 
Zum Felsen, der sich dräuend strafft. 
Indem er leicht die Hand verbreitet, 
Ihn zu berühren mit dem Schaft. 

Kaum hat den Schlag der Fels 

empfunden. 
Als er erbebt im tiefsten Grund, 
Und, von dem Zauber überwunden, 
Aufthut er seinen eh'rnen Mund, 



Und zeigt in düsterroter Höhle 
die goldne Pracht zur Schau gelegt; 
Dem Krämer preßt die starre Kehle 
Das Ach, das in der Brust sich regt. 

Er blinzt das Auge, krampft den Finger; 
Was aber hält noch seinen Fuß ? 
Es beut dem ungeduld'gen Jünger 
Der Greis den ungehofften Gruß: 

»Sag an, und steh gebannt so lange. 
Wieviel der Tiere nennst du dein?« 
Weh mir! ruft jener ahnend bange. 
Sind den nicht diese achtzig mein? 

»Behalt die vierzig dir zur Linken, 
Die vierzig rechten sind mein Lohn; 
Und wenn dir diese besser dünken, 
So nehm' ich jene, lieber Sohn!« 

Es wird von innerlicher Fehde 
Abdallas giere Brust zerfleischt. 
Da seines Führers kalte Rede 
Von ihm das halbe Leben heischt. 

Der Derwisch deutet nach den Schätzen, 
Und schwingt sein Rohr dem Felsen 

nah ; 
Der Kaufmann stammelt vor Entsetzen: 
Nimm sie nur hin! da sind sie ja. 

Nun auf! ruft jener, auf die Hände! 
Wir tauchen sie in goldne Flut, 
Daß unser Tagewerk sich ende, 
Bevor die Sonn' ab ihrem ruht. 

Gleichwie der Maulwurf blind mit 

Schnaufen 
Wühlend im Kot die Furchen zeucht. 
So rafft der Krämer Goldeshaufen, 
Keucht, kommt und geht, geht kommt 

und keucht. 

Doch wie die Biene summend leise 
Den Seim trägt, daß die Zelle schwillt. 
So hat mit seinem Zauberreise 
Der Greis die Säcke leicht gefüllt. 

Und als die achtzig wohlbeladen 
Die Hälse sträubend rückwärts drehn. 
Geht noch einmal der Greis zum Gaden, 
Und wohl sieht ihn der Krämer gehn. 

Und sieht, daß eine Salbenflasche 
Er vorholt aus dem tiefsten Schacht, 
Und birgt sie in die Faltentasche 
Mit sorgsam wählendem Bedacht. 

»Der Schatz gewiß ist kein geringer. 
Den er davon so Sorgsam trug.« 
Der Krämer mit gekrümmtem Finger 
Hascht einen Goldblock noch im Flug. 

Doch wie er länger noch will tasten. 
Treibt ihn hinaus des Alten Wort: 
Wir dürfen hier nicht länger rasten; 
Nun schleuß dich wieder, dunkler Hort! 



10. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichisclie Blindenwesen. 



Seite 807. 



Er spricht's, und wie die schwanke 

Gerte 
Den Fels berührt, dumpt tönt es nach, 
Und schwindend schließt sich das 

gesperrte 
Gewölb in einem lauten Ach. 

Und mit ihm ächzt des Kaufmanns 

Seele, 
Wie er die nackten Wände schaut: 
Warum ach bleibt der Grabeshöhle 
Dies Mark des Lebens anvertraut! 

Doch tiefer ächzet er und strenger, 
Als er geteilt die Herde sieht; 
Stumm nimmt er seine vierzig Gänger, 
Indes mit vierz'gen jener zieht. 

Und wo nun in des Thaies Mitte 
Der Kreuzweg auseinanderweicht, 
Da hat der Greis nach Freundessitte 
Die Hand zum Abschied ihm gereicht: 

Leb wohl! wir dürfen nun nicht weiter 
Zusammen eine Straße zieh.n. 
Leb wohl! und Gott sei dein Geleiter! 
Er hat dir reiches Glück verliehn. 

Der Krämer grollt: Zieh hin mit Segen! 
Auch diese vierzig waren mein. — 
Noch sind sie weit nicht auf den Wegen, 
Da fällt dem Krämer etwas ein. 



Umwendend ruft er nach dem Greise: 
Hört, lieber Vater, hört ein Wort! 
Der Alte hemmt gemach die Reise, 
Und schnaufend steht der Krämer dort. 

Er spricht: Ich hab' es wohl erwogen, 
Und unser Handel ist nicht recht, 
Zum Gottesmann seid ihr erzogen, 
Und nicht zu der Kamele Knecht. 

Es stampfen Euch die wilden Tiere 
Mit ihren Hufen in den Sand; 
Erlaubt, daß ich Euch zehn entführe, 
Auch dreißig ist ein harter Stand. 

Nimm hin, mein Sohn, spricht jener 

lächelnd. 
Du hast mein Alter wohl bedacht. 
Und schon hat der vor Freude röchelnd 
Die zehn zu seiner Schar gebracht. 

Doch wieder ruft er nach dem Greise: 
Hört, guter Vater, noch ein Wort! 
Der Alte wieder hemmt die Reise, 
Und wieder steht der Krämer dort, 

Und spricht: Ich habe dies gefunden, 
Das Recht des Himmels wird gekränkt; 
Ihr sollt ja beten alle Stunden; 
Könnt Ihr's, wenn Ihr die dreißig lenkt? 



So fleht AbdaUa in seiner Unersättlichkeit weiter, bis ihm der Derwisch 
auf das letzte Kamel abläßt. 



Der Krämer küßt ihm tief die Hände: 
Und muß es nun geschieden sein? 
Gott müsse dir für deine Spende 
In beiden Welten Heil verleihn! 

Nie welken lass' er dir noch bleichen 
Des Lebens frisch und grüne Lust! 
Du aber gieb zum Abschiedszeichen 
Mir noch die Flasch' in deiner Brust! 

Ich merkt' es wohl, wie du verborgen 
Für dich den Hauptschatz eingethan. 
Wirf von dir alle eitlen Sorgen, 
Und laß die Flasche mich empfahn! — 

Er zog sie aus den Falten säumend, 
Gab sie ihm hin, und schwieg, und 

sprach: 
So quell' aus ihrem Schöße schäumend 
Dir der Zufriedenheiten Bach! 

»Zufriedenheit? In Bettlersäcken 

Mag etwa diese wohnen auch; 

Was Beßres, denk' ich, muß hier 

stecken 
In dieser Flasche dunklem Bauch. 

Geschwind, sag an, o Herr und Meister, 
Und mach mir länger nicht Verdruß! 
Was sind des Saftes Wundergeister? 
Und welches ist der Zaubergruß?« 



Er sprach: Wie trefflich kannst du 

spüren. 
Nur daß du's nicht ergründen kannst: 
Merk auf, und laß dich nicht verführen, 
Sieh zu, wie du den Argen bannst! 

Zwiespältig ist die Kraft der Quelle: 
Dem rechten Auge eingeflößt,^ 
Macht sie des Geistes Sehkraft helle, 
Daß er der Schöpfung Siegel löst. 

Dann thun sich auf des Erdleibs Gründe, 
Dich grüßen mit dem Silberblick 
Die schlängelnden Metallgewinde, 
Der Adern lebendes Verstrick. 

Doch wird das Auge naß zur Linken, 
So stirbt dahin die ird'sche Pracht. 
Die Schätze in die Tiefe sinken. 
Und deine Sehkraft in die Nacht. 

Der Jünger kniet, und streckt die Hände 
Schon zuckend nach dem Greis empor, 
Daß er des Sehens Tau im spende. 
Ihm öffne selbst des Auges Thor. 

Der Meister taucht des Fingers Spitze 
Bis an den Nagel in den Saft, 
Er murmelt aus des Mundes Ritze, 
Und neigt das Haupt gedankenhaft. 



Seite 808. 



Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. 



10. Nummer, 



Dann dreimal auf zum Himmel hebt er 
Den feuchten Finger hoch und lang, 
Und dreimal streichend iiberwebt er 
Des rechten Auges Wimperhang. 

Und wie zum drittenmal der Finger 
Sich hebt, hebt sich des Auges Lid; 
Auftaumelnd raffet sich der Jünger 
Empor, und jauchzet, was er sieht: 

Ich seh' aus goldnem Stoff gewoben 
Des Erdenleibes Herrlichkeit, 
Die Decken sind hinweggehoben, 
Und golden glüht das Eingeweid. 

Die Sterne blühn in Felsenstücken, 
Die Sonnen wachsen in dem Erz; 
Wer läßt sie mich mit Händen pflücken? 
Wer läßt mich saugen sie ins Herz? 

O Herr und Meister, sieh mich wimmern, 
O tauche deinen Finger ein, 
Und drück ihn mit den Lebensschimmern 
Auch in das linke Aug' herein! 

Ernst jener sprach: Wird naß zur Linken 
Das Auge, stirbt die ird'sche Pracht; 
Die Schätze in die Tiefe sinken, 
Und deine Sehkraft in die Nacht. 

»O Herr und Meister, hör mich ächzen, 
Ins Auge geuß den Flammenguß: 
O laß mich Armen nicht verlechzen 
In meinem reichen Überfluß. 

Was sollich denn das Funkeln schauen 
Wenn es die Hand nicht greifen kann? 
O komm geschwind mich blind zu tauen 
Wenn ich nicht anders Ruh' gewann!« 

Er krallt die Hand und rollt die Blicke, 
Und zucket nach des Greises Bart. 



Der beugt sich weigernd noch zurücke, 
Dann neigt er vor sich und willfahrt. 

Er tauchet tief des Fingers Runde 
Ins Naß bis an des Gliedes Reif, 
Und murmelt aus geschloßnem Munde, 
Und zieht aufs Auge Streif um Streif. 

Da kommt die Nacht hereingesunken. 
Und schließt des Thoren Augenlicht; 
Er fällt geblendet, todestrunken. 
Vernichtet, auf sein Angesicht; 

Und liegt, und schweigt; und schweigt 

und starret, 
Dann ächzt er auf zum Sonnenschein: 
So sind die Schätze all verscharret 
Und nur die achtzig Lasten mein! 

Nun will ich einen Knecht mir wählen. 
Der mir mein Gut nach Hause bringt. 
Komm, führe mich, und laß mich zählen! 
Noch hört mein Ohr, was golden klingt. 

Der Derwisch aber zürnend wendet 
Sich von dem Armen ab und spricht: 
Unsel'ger, zwiefach nun geblendet, 
An Geistes- und an Augenlicht! 

Bis fremdes Mitleid aufgenommen 
Dich hier wird haben, harre du! 
Die Schätze, die dir nicht mehr frommen, 
Führ' ich zur Gabe Würd'gern zu. 

Er spricht's, und setzt in Zug die Herde, 
Und jener sitzt gelähmt und stumm, 
Und kehrt mit starrender Gebärde 
Blind nach den Ziehenden sich um. 

Dann ringend mit ohnmächt'gen Krämpfe 
Wirft er sich auf sich selber hin, 
Und horcht, wie fernhin mit Gestampfe 
Die lauten Dromedare ziehn. 



über ein Einheitsformat der Blindendrucke. 

Der Durchblick einer Blindenbücherei erweckt im Beschauer 
unwillkürlich den Gedanken nach einem für alle Zwecke brauchbaren 
und entsprechendsten Format der Bücher. Heute finden sich da neben 
wahren Folianten Bände in verschiedenster Größe bis zu Heften herab, 
welche den Umfang von Schwarzdruckheften nicht überschreiten. 
Außer dem Hochformat findet sich das Querformat, letzteres nicht 
allein für Zeitschriften uud Musikalien, sondern auch für andere 
Druckwerke. Den größten Umfang erreichen Bücher von 29 cm Breite 
und -36 cm Höhe (im Einband), dann schwankt das Format abwärts 
mit 28 : 35, 28 : 34, 27 : 34, 26 : 35, 25 : 36 cm. Eine Mittelgröße 
nehmen die handschriftlich hergestellten Werke ein mit 25 : 29 cm 
ein, dann folgen kleinere Formate mit 24 : 27, 23 : 29 bis zu 16 : 25 
und schließlich die Querformate angefangen mit 28 cm Breite und 
24 cm Höhe bis zu 29 : 23, 28 : 24, 27 : 23, 27 : 17. 

Der Beschauer wundert sich über diesen so überaus reichen 
Individualismus, der auch in Dicke und Einband der Werke zum 



10. Nummer. Zeitschrift für das österreichische IJiindenwesen. Seite 809. 

Ausdruck kommt und sucht nach den Ursachen. In K. Satz e nli of er's 
Schrift über »Gründung und Verwaltung von Blindenbibliotheken« 
findet er folgende Begründung: »Bei einer BUndenbibUotliek kommen 
vier Abteilungen in Betracht, welche sich aus rein praktischen Erwä- 
gungen, das ist aus dem Format, ergeben. Erstens die geschriebenen 
Bücher (Manuskripte), zweitens die gedruckten Bücher, drittens die 
Musikalien -und viertens die Zeitschriften. Bei den Manuskripten wird 
sehr leicht ein vollkommen gleiches Forinat erreicht werden, wenn 
die Bibliotheksverwaltung von allem Anfang an eine einheitliche 
Papiergröße an ihre Mitarbeiter ausgibt. Bei den gedruckten Büchern 
herrscht ein bestimmtes Format (29 : 35 cm) vor. Bei den Zeitschriften 
treten wohl die verschiedensten Formate auf, weshalb sie in dem 
für sie bestimmten Raum Bücherregale mit verstellbaren Bücherbrettern 
aufzustellen sind. Das gleiche gilt auch von den Musikalien.« 

Die Formate haben sich also aus rein praktischen Erwägungen 
ergeben. Die Druckwerke hat man möglichst groß gehalten, um den 
Raum auszunützen und möglichst viel Inhalt zu geben, die Hand- 
schriftwerke richten sich nach der Größe der bei ihrer Herstellung 
benützten Punktschrifttafeln, die Zeitschriften zeigen eine tür den 
Postversand praktische Größe, die Musikalien sind Querhefte, die 
leicht auf den Schoß gelegt werden können oder auf dem Klavierpult 
bequem zu erreichen sind. Das sieht der Beschauer ein. Warum herrscht 
nun aber in den angegebenen Gruppen trotzdem keine Einheitlichkeit? 
fragt er sich. Wohl nur deshalb, weil sich die Druckereien bisher 
hierüber nicht verständigten und eine wirklich praktische Einheitlichkeit 
nicht anstrebten ! 

Und da der Beschauer einmal nachdenklich geworden ist, fragt 
er sich weiter? Warum sind Druck- und Handschriftwerke nicht gleich 
groß, da sie doch gleichem Zwecke dienen? Weil Druckplatte und 
Punktschrifttafel nicht gleich groß sind? Ist das eine einwandfreie 
Begründung? Hat man beim Blindenbuch nicht mehr an den Leser 
und das Lesen zu denken, als an technisch sich herausgebildete 
Besonderheiten des Drückens und Schreibens? 

Und der Beschauer entwickelt sich folgenden Gedankengang : 
Das Blindenbuch kann der Punktschriftgröße wegen sicher nicht so 
klein und handlich sein als ein Schwarzdruckbuch für Sehende. Es 
wird immer größer und stärker bleiben. Wie groß darf es aber werden? 
Sicher nur so groß, daß es auch für den Blinden noch handlich bleibt, 
d. h. die Hantierung mit demselben nicht allzu schwer und mühevoll 
ist. Es ist dabei nicht nur das geschlossene sondern auch aufgeschla- 
gene Buch inbetracht zu ziehen, das einen doppelten Flächenraum 
einnimmt. Betrachtet man auf diese Zweckmäßigkeit hin unsere größten 
Formate, so ist sofort festzustellen, daß sie zu groß und meistens 
auch zu dick sind. Das Format wäre also nach beiden 
Richtungen hin zu vermindern. Damit nähern wir uns einer 
Mittelgröße, wie sie die Handschriftwerke zeigen. Der Formatunter- 
schied zwischen Druck- und Handschrift werken erscheint 
vom Standpunkte des blinden Lesers überhaupt nicht 
gerechtfertigt und wäre zu beseitigen. Man käme damit 
bereits zu einer Einheitlichkeit wenigstens in den Literaturwerken. 



Seite 810. Zeitschrift das für österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

Nun noch die Zeitschriften und Musikalien! Findet man bei 
den früher genannten Büchern vorherrschend das Hochformat, so 
sind die Zeitschriften und Musikalien, allerdings auch wieder mit 
Ausnahmen, im Querformat gehalten. Bei den Zeitschriften scheint 
hiefür der Postversand (Briefform) ausschlaggebend gewesen zu sein, 
bei den Musikalien das leichte Auflegen. Ist nun das Querformat 
bei diesen Büchern eine unbedingte Notwendigkeit? Bei den Zeit- 
schriften sicherlich nicht; sie könnten ebensogut im Hochformat der 
Bücher gehalten sein. Bezüglich der Musikalien müßte man jedoch 
wohl erst das Urteil der Musiker hören. 

Gewiß ist von den Zeitschriften eine für den Postversand entspre- 
chende Form und Größe zu verlangen. Unter eine Größe von 25 : 28 
herunterzugehen erscheint aus verschiedenen Gründen nicht praktisch. 
Vergleicht man diese Größe mit dem gemachten Vorschlage bezüglich 
der anderen Bücher, so ist der Unterschied nicht mehr so groß, daß 
man nicht an ein Einheitsformat für alle Blindenbücher, 
einschließlich der Zeitschriften, denken könnte. 

Welche Größe wäre nun für ein derartiges Einheits- 
format am zweckmäßigsten? Sollte das Einheitsformat 
im Hoch- oder Querformat gehalten sein? 

In letzterer Frage wäre unbedingt für das Hochformat zu ent- 
scheiden. Wohl bietet das Querformat als Vorteil längere Zeilen, 
doch ist es aufgeschlagen nach der Breite zu ausgedehnt und erfordert 
beim Lesen ein fortwährendes Verschieben nach links und rechts. 
Auch hat der Einband im Querformat durch den kurzen Rücken 
weniger Haltbarkeit und Festigkeit. Alle diese Nachteile sind beim 
Hochformat nicht vorhanden, so daß für alle Bücher und Zeitschriften, 
— die Musikalien vielleicht ausgenommen — dieses Format zu 
wählen wäre. 

Am entsprechendsten für ein Einheitsformat wäre 
eine Blattgröße von 25 cm Breite und 30 cm Höhe anzu- 
nehmen, wobei der Textraum nach den freien Seiten zu nach 
Möglichkeit auszunützen wäre, so daß nur freie Ränder von 1 i/g cm, 
gegen den Buchrücken zu aber ein breiterer Rand von 3 cm frei 
bliebe. Das gäbe ein zugleich handliches und für das Lesen praktisches 
Format, welches auch für den Postversand, der bei Blindenschriften 
eine große Rolle spielt, vollkommen zweckentsprechend wäre ? 

»Alles sehr schön«, hört da der in sich versunkene Beschauer 
der Blindenbücher eine Fachstimme geisterhaft hinter sich tönen. 
»Einheitsformat!« Was werden die Blindendruckereien dazu 
sagen? Sollen sie ihre Punziertafeln verkleinern und die Punktschrift- 
tafeln vergrößern? Und die Buchblätter, in einer Größe schneiden! 
Warum denn auch das Blindenbuch uniformieren? Es ist doch alles 
am besten so, wie es eben ist. Und wenn selbst ein Einheitsformat 
von Vorteil wäre, wieviel Köpfe wären da unter einen Hut zu bringen 
und noch dazu solche von unseren Blindenfachkollegen 1 Da kennen 
sie uns schlecht, lieber Freund. Schlagen Sie sich derlei Gedanken 
nur wieder aus dem Kopfe und lassen wir alles schön beim Alten. 
Auch bezüglich des Formates der Blindenbücher!« 



lO. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwes an. Seite 81 1. 

Etwas betroffen hat der Beschauer der Blindenbibliothek der 
ironischen Fachstimme gelausclit, dann aber doch wieder den Kopf 
g-eschüttelt, aus dem das Einheitsformat aber trotz dieses Schütteins 
nicht heraus will. Vielleicht denken doch niclit alle so, sagt er sich, 
vielleicht läßt sich auch eine freundlichere Stimme dazu vernehmen. 



Der Masse-Punktdruck von Dr. M. Herz. 

Der heutigen Nummer unserer Zeitschrift liegt ein Probedruck 
bei, durch den unsere Leser das von Dr. Max Herz in Wien erfun- 
dene Verfahren zur Herstellung von Punktdrucken kennen lernen. Die 
Punkte bestehen aus einer festen Masse, die das so leidige Verdrük- 
ken der aus dem Papiere gepreßten Punkte nahezu unmöglich macht. 
Zum Auftragen (Schablonieren) der Punkte ist eine ausgestanzte Folie 
notwendig, durch welche die Masse in Punkten auf das Papier ge- 
bracht werden. Das Verfahren würde gegenüber dem gegenwärtigen 
Punktdruck mancherlei Vorteile bieten. Dabei soll die Herstellung eine 
besonders billige sein. 

Zweck des beiliegenden Probedruckes ist es, die Fachkollegen 
und Blinden zu einem Urteile über die Lesbarkeit und Zweckmäßig- 
keit des neuen Masse-Punktdruckes zu veranlassen. Bemerkungen jeder 
Art hierüber sind willkommen und wollen mitgeteilt werden an 
Dr. Max Herz in Wien L, Kärntnerring 3. 



Personalnachrichten. 

— Direktor P. Franz Weber -j*. Ein überaus schmerzlicher 
Verlust hat das Blinden-Mädchenheim »Elisabethinum« in Melk a. D. 
betroffen. Direktor P. Franz Weber, der seit September 1915 zunächst 
als Kurat bei einem Maltheser-Spitalzug, dann als k. u. k. Feldkurat 
eingerückt war, ist am 9. September 1. J. im Epidemiespital zu Arad 
an Typhus gestorben. Neben seinem Lehramte als Religionsprofessor 
am k. k. Obergymnasium des Stiftes Melk arbeitete er auf dem Gebiete 
des Vereinswesens, für das er Dank seines liebenswürdigen konzilianten 
Wesens und seiner rednerischen Begabung wie wenige geeignet war. 
Schon neben dem Gründer des Blinden-Mädchenheimes, dem unver- 
geßlichen Regierungsrat P. Ulbrich versah er die Administration 
dieses Hauses, um nach Ulbrichs Tod auch die Direktorstelle zu 
übernehmen. Seine Wirksamkeit an dieser Stelle, der er sich mit 
vollem Heizen widmete, war eine leider allzu kurze. Ein vorzeitiger 
Tod, fern von seiner Heimat, hat ihn seinen Angehörigen, Mitbrüdern 
und Pfleglingen entrissen. In ihren Herzen wird das Andenken an seine 
von Güte und Frohsinn erfüllte Persönlichkeit, an sein selbstloses 
Wirken und an seinen opfervollen Tod nie erlöschen. 

— Kaiserl. Rat Franz Th urner -f. Im Morg.engrauen des 
26. August I. J. verloren der »Blindenfürsorgeverein für Tirol und 
Vorarlberg« und die »Blindenanstalt in Innsbruck« ihren Gründer, 
ersterer außerdem auch seinen langjährigen eifrigen Sekretär. 



Seite 812. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

Kaiser]. Rat Franz Thurner, Gemeinderat der Stadt Innsbruck, 
wurde nach langem, schweren Leiden, doch unerwartet schnell vom 
Tode dahingerafft. Heuer im Frühjahre, erfolgreich an der Speiseröhre 
operiert, schien eine kleine Linderung seines tückischen Leidens ein- 
getreten zu sein. Ungeachtet seiner Schwäche und seines Schonungs- 
bedürfnisses nahm der gute Mann seine Tätigkeit für das Wohl seiner 
dürftigen Mitmenschen wieder auf, bis sich plötzlich eine derartige 
V^erschlimmerung der unheilbaren Krankheit zeigte, der er unterliegen 
mußte. 

Was der nimmermüde Wohltäter für die Anstaltszöglinge getan, 
wird ihnen un\''ergessen bleiben. Thurner wird überhaupt tortleben 
in den Herzen aller dankbaren Tiroler Blinden als derjenige, der sich 
liebevoll ihrer hilflosen Lage angenommen und sich nach Kräften 
bemüht hat, sie zu einem menschenwürdigen, erträglichen Dasein zu 
füliren. Er war es, der seine Landsleute, die Tiroler, zu diesem Werke 
wohltätiger Menschenliebe aufgemuntert und ihnen dazu die Wege 
geöffnet hat. Nun ruhe er aus in Gottes Frieden, -der edle Menschen- 
freund, von seiner rastlosen Arbeit auf dem Gebiete der Näch- 
stenliebe. 

— Vizehofkapellmeister. Julius Böhrat. Auf seinem Landsitze in 
Stockern ist am 7. September 1 J. der zweite Dirigent der k. u k. Hofmusikkapc-lle 
und Vizehofkapellmeister Julius Böhm im 67. Lebensjahre gestorben. 

Der Verstorbene war 20 Jahre hindurch (1874 — 1894) Musiklehrer an der 
n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf und eine lange Reihe von Zöglingen 
dankte ihm ihre musikalische Ausbildung. Seine sonstige ausgebreitete Tätigkeit 
zwang ihn, diese Stellung vorzeitig aufzugeben. 

— Regierungsrat Direktor A. Meli verlor auf dem südlichen Kriegsschau- 
platze seinen jüngsten 22 Jahre alten Sohn. Der betroffenen Familie wendet sich 
die allgemeine Teilnahme zu. 

— Ehrung. Der L Ost. BHndenverein in Wien VIII hat kais. Rat Direktor 
S. Heller in Wien und Direktor K. Bürklen in Purkersdoif in Würdigung ihrer 
Verdienste um das österreichische Blinden wesen zu E h r e nm i tgl i eder n ernannt. 
Eine Abordnung des Vereines überbrachte den Genannten die hierauf Bezug haben- 
den schön ausgestatteten Diplome. 

— Auszeichnung. Dem Kommerzialrate H. Grimm wurde in Anerkennung 
seiner Verdienste um die Sammlungen für Kriegsblinde (Kriegsblindenheimsiätten) 
der Adelsstand verliehen. 

— Anerkennung. Der k. k. Bezirksschulrat Wien hat dem an der Schul- 
abteilung für blinde Kinder in Wien XVI beschäftijten Hilfslehrer, Herrn Feier 
Garns, für sein langjähriges, recht ersprießliches Wiikcn an dieser .Schule die 
belobende Anerkennung ausgesprochen. 



Rus den Anstalten. 

— N. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Nach den 
zweimonatlichen Ferien wurde die .Anstalt am 1. September 1. J. mit 102 Zöglingen 
eröffnet. Außer der durch .Mangel an Lehrkräften bepründ ten Zusaminenziehung 
der 1. und 2. Klasse (1. und 2. Schuljahr) wurde der Unten ichtsbetrieb im vollen 
Umfange aufgenommen. 

Der am Ende des Schuljahres 1916/17 entlassene Zögling Wilhelm Weigert 
hat die Aufnahmsprüfung in den I. Jalirgang der Musikakademie (Kirchenmusika- 
lische Abteilung in Klosterneuburg) mit gutem Erfolge bestanden. 

— Deutsche Blindenschule in Aussig. Dank der Fürsorglichkeit 
der Mutteranstalt und des steten Entgegenkommens der Stadtvertretung Aussigs in 



10. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Hlindenwesen. Seite 813. 

Bezug auf Verpflegung konnte der Unterricht auch im Jahre 1916 seinen ungestörten 
Fortgang nehmen. Dementsprechend waren auch die Unterrichtserfolgc sehr gute. 
Die Schule zählte 34 Schüler in 2 Klassen. 

Seine Exzellenz der Herr .Statthalter Graf Max Coudenhove beehrte am 
4. Juli 1916 die Anstalt mit seinem Besuche, zu dem sich vom Direktorium die 
Herren kais. Rat Stiidl, Direktor Wagner und Frau, Dr. Schmidt, Medizinalrat 
Dr. Marian, sowie Komm<;rzialiat Weimann u. v. a. eingefunden hatten; leider 
wai die Zeit so kurz bemessen, daß der schönste Teil der Feier unterbleiben 
mußte. 

Mit dem Belage von 34 Kindern sind nun alle Räume des Hauses bis auf 
das letzte Plätzchen ausgenützt. Eine Neuaufnahme von Kindern ist deshalb aus- 
geschlossen. Die deutsche Blindenschule ist in ihrer Entwicklung ernstlich gehemmt 
Unsere einzige Hoffnung ist auf den Frieden gerichtet, der von der Menschheit wie 
eine Erlösung empfunden auch das Gefühl der Dankbarkeit auslösen wird, aus dem 
hoffentlich auch uns Hilfe und Rettung zuteil werden wird. 

Direktor Karl Rauter. 

— Klar'sche Blindenanstalten in Prag. Trotz der erschwerten Ver- 
hältnisse konnte das Direktorium die Anstalten (Hauptanstalt, Kindergarten, Deutsche 
Blindenschule in Aussig) in vollem Betriebe erhalten und sich außerdem der Kriegs- 
blinden in möglichst ausgedehntem Maße annehmen. Im Jahre 1916 waren in den 
Anstalten untergebracht: 

Kindergarten 15 Zöglinge (9 Knaben und 6 Mädchen). Hievon 7 Zöglinge 
im »Heil- und Erziehungsinstitute« am Hradschin. 

Deutsche Blindenschule in Aussig: 34 Zöglinge (21 Knaben und 
13 Mädchen). 

Hauptanstalt: 106 Pfleglinge (51 männliche und 55 weibliche) 38 Kriegs? 
blinde. 

Mit den ausgetretenen, transferierten und verstorbenen Kriegsblinden beträgt 
die Zahl der in der Anstalt autgenommenen blinden Soldaten 55. Zu dem »Aus- 
schusse für Kriegsblindenlürso gc in Böhmen« steht die Anstalt in dem Verhältnisse, 
daß die KrieLlsbhnden der Anstalt zum Zwecke der Nachschulung von diesem Aus- 
schusse zugewiesen werden, welcher alle Auslagen, die mit der Unterstützung der 
Kriegsblinden sowie deren F'amilien, mit ihrer Ausrüstung und endlich der Beschaf- 
fung von Tahaktrafiken verbunden sind, trägt. Die Eifahrungen, welche mit den 
ersten in die Anstalt eingelieferten Kriegsblinden gemacht wurden, waren recht 
betrübliche. Durch Energie, Aufklärung, gütigen Zuspruch und entsprechende Ein- 
richtungen gelang es dem verdienstvollen Direktor Wagner eine vollständige 
Harmonie beizustellen. 



Eines Kriegsblinden Gruß an die Heimat! 

Tief taucht mein Geist in holden Träumen 
In die Vergangenheit zurück ; 
Er schwebt in lichtdurchstrahlten Räumen 
Und träumt von Jugend und von Glück! 

Er träumt; und Traumgestalten neigen 
Zu mir sich nieder, schön und licht, 
Und aus den dunklen Tiefen steigen 
Und treten vor mein Angesicht 

Die alte Heimat, Wälder, Wiesen 
Und Felder, lichter Firnenschnee 
Der himmelhohen Bergesriesen 
Und mancher stille Alpensee. 



Seite 814. Zeitschritt für das östereichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

Ich schau auf jene Stätten nieder, 
Wo ich gelebt in Seligkeit, 
Und meine Augen sehen wieder. 
Was längst versank in Dunkelheit. 

Ich höre altvertraute Lieder, 
Und Jauchzen, hell, in freud'ger Lust, 
Und Menschen seh' ich, stark und bieder. 
Mit schlichtem Sinn und treuer Brust. 

Ich seh' mich selbst auf stillen Wegen 
Hinwandeln durch das ganze Land, 
Vorbei an reicher Täler Segen 
Und hoch an lichter Berge Rand! — 

In solcher Träume Lust und Wehen 
Hab' ich ein heilig Unterpfand : 
Denn, sollt' ich nie Dich wieder sehen. 
Ich kenn' Dich doch, mein Kärntnerland ! 

Othmar Hub er, k. u. k. Oberleutnant i. R. 



Für unsere Kriegsblinden. 

— Blinde Musiker für Kriegsblinde. In Brück a. d. Leitha wurde 
kürzlich von den blinden Musikern, den Herren Franz Kowar, Friedrich Koltko, 
Michael Syslo und Vanic in Drehers Bierhalle ein Wohltätigkeitskonzert zu 
Gunsten des Fürsorgefonds für die im Kriege erblindeten Soldaten veranstaltet. Ein 
interessantes abwechslungsreiches Programm gelangte unter Mitwirkung einiger 
Wiener blinder Musiker zur Aufführung. Großen Beifall erzielte die tadellos zu Gehör 
gebrachte Aufführung von Beethovens Ouvertüre zu »Egmont«, ferner Vorträge aus 
»Prophet«, die schwungvolle Vortragsweise einiger Walzer von Strauß usw. Der 
materielle Erfolg des Koazertes war ebenso wie der künstlerische ein guter. Die 
Veranstalter konnten dem humanitären Zweck einen ansehnlichen Betrag übermitteln. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende September 1. J. 

— Neue Freie Presse: 1,152.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 2,715.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 380.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 55.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 26.600 K. 

Verschiedenes. 

— Die Blindheit des Philosophen Nietzsche. Nietzsche litt 
zeitweise an solchen Augenstörungen, daß er nicht sehen konnte und langwierige 
Atropinkuren durchmachen mußte. Die Ursache dieser Erkrankung war Hysterie, wie die 
ganze Erkrankung Nietzsches als ein Fall von Hysterie mit Übergang in Paranoia 
aufzufassen ist. Die Hysterie, die typische Erkrankung des Künstlers, ja die Bedin- 
gung seines Schaffens, besteht eigentlich in einer Spaltung des Individuums in zwei 
Partial-Ich, von denen das eine objektiv nachweisbare »Einschränkung des ganzen 
Gesichtsfeldes«, welche der körperliche Ausdruck für dies »Nichtsehenwollen« oder 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. t. Horrath, F. Uhl. — Druck ron Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



»Nichtwissenwollen« ist. Sehr häufig finden sich bei Hysterischen nervöse Akkomo- 
dationsstörungen, welche oft bis zur völligen Blindheit gehen können. 

— Ich sehe nicht. Sie sprechen erregt, es sind Kriegsgewinner. Den einen 
brachte der Kiieg Millionen, den anderen Titel und Ehren. Sie ereifern sich gegen 
einen »vorzeitigen« Frieden. Nur einer sitzt still da und schaut merkwürdig starr 
in die Ferne. Sein Schweigen reizt einen Sprecher und er wendet sich an ihn : 
»Sehen sie denn nicht, wie der Krieg neue Kräfte in uns geweckt hat, wie er 
unser Volk geeinigt hat?« — »Nein, ich sehe nicht, ich bin im Felde erblindet.« 
Eisiges Schweigen und sio entfernen sich verlegen. (Arbeiterzeitung.) 

Bücherschau. 

— Ein neues Buch. Wir gestatten uns die höfl. Mitteilung, daß wir das 
hochinteressante Buch »Wir« von Anton Fendrich in Punktdruck erscheinen 
lassen. 

Entsprechend dem Untertitel »ein Hindenburgbuch« bringt das kleine Werk 
eine so herrliche Charakterisierung des Generalfeldmarschalls und des von ihm ins 
ganze deutsche Volk ausstrahlenden Geistes, wie es bisher hesser nicht zu finden 
ist. Weiter aber sehen »wir« Deutschen uns im Spiegel der Zeit und lernen uns 
mit unseren Vorzügen und Schwächen kennen und beurteilen. Das Buch bietet 
interessante Einblicke in alles, was zur Kriegführung und Kriegswirtschaft gehört 
und macht den Leser mit den interessantesten und wichtigsten Gegenwartsprob- 
lemen bekannt. Auch der Blinde und seine Fürsorge findet in diesem Buche eine 
verständnisvolle und liebenswürdige Behandlung, wie überhaupt die ganze Schreib- 
weise Fendrichs ungemein ansprechend ist. 

Um das Buch einem Jeden zugänglich zu machen, haben wir auf alle die 
Rücksicht nehmen zu müssen geglaubt, die noch nicht Kurzschrift lesen können 
und haben das Buch in Vollschrift erscheinen lassen. 

Eine nahmhatte Spende eines Breslauer Gönners macht es uns möglich, das 
Buch billiger als zum halben Selbstkostenpreis abgeben zu können. Sein Preis 
belauft sich (es ist bei Zwischenpunktdruck 130 Seiten stark) einschlielSlich Ver- 
packung und Porto auf Mk. 2.75 

Das Buch soll gewissermaßen unsere Weihnachtsgabe sein, und wir gestatten 
uns, es als ein schönes Weihnachtsgeschenk anzubieten, das jedem Leser eine 
Quelle von Belehrung und Freude sein wird. 

Bestellungen richte man an nie Geschäftsführerin der schlesischen Blinden- 
bücherei, Frau Grefe Bial, Breslau 18, Eichen-Allee 5. 

Die schlesische Blindenbücherei 
Dr. Ludwig Cohn. 

— Praktische Einführung in die Satz- und Wortanalyse. Hilfs- 
büchlein zum Unterrichte in der deutschen Sprachlehre und zum Selbstunterrichte. 
Von Franz Stein, Lehrer in Urfahr-Linz. Preis: 1 K 80 h. Druck und Verlag bei 
Karl Hub er in Urfahr. 

Wie in der allgemeinen Volksschule überhaupt so hat auch in dem Unter- 
richte der blinden, schulpflichtigen Jugend das Analysieren eine sehr wichtige Stelle. 
Leider wird es infolge gehäufter Lesestoffe besonders bei unseren verschiedenen 
Drucksystem und dem bedauerlichen Mangel an Einheitslesebüchern oft zu wenig 
beachtet. Da hat uns ein Amtsbruder aus der Volksschule für sehende Kinder ein 
treffliches Hilfs- und Wiederholungsbüchlein für das kommende Schuljahr beschert. 
Es ist erstaunlich, was der in Methodik sattelfeste Verfasser auf 64 Seiten alles 
kurz und übersichtlich zusammen gestellt hat. Der Anhang auf Seite 62 sollte 
eigentlich am Beginne des Buches stehen, dann kann der strebsame Beachter auch 
der neuesten Strömung auf dem Gebiet der Sprachlehre vollauf befriedigt werden. 
Auf einzelne Punkte sei aber dennoch im Interesse der eifrigen Arbeit aufmerksam 
gemacht, ohne den Wert des Buches zu schmälern, nnr als Zeichen eines gewissen- 
haften Berichters. Auf Seite 6 ist die Art der Biegung gewisser Hauptwörter als 
eine fragliche, besser wohl »unbestiu^mte«, auf Seite 18, 22 und 23 je ein Satz 
2 mal als Beispiel angeführt. Sonst sind gerade die zahlreichen Beispiele außer- 
ordentlich gut gewählt und auch dem Inhalte nach sehr reichhaltig. Mit der Art 
der Behandlung der »Hilfszeitwörter der Aussageweise« und der »bezüglichen Für- 
wörter« kann man auch anderer Ansicht. Leider sind die Anschauungen noch nicht 
geklärt. Besser würden die Abschnitte 34, 35 un i 36 vor 31 behandelt werden. Die 
»Arten der Umstände« sind wohl methodisch am Besten behandelt. 

Für den Blindenlehrer ist Steins fleißige, erschöpfende Arbeit bestens zu 
empfehlen. Anton M. Pleninger. 



Bürklen Karl : Das Tastlesen der Blindenpunktschrift. 

Nebst Beiträgen zur Blindenpsychologie von P. Gräsern an n- 
Haniläurg, L. Cohn-Breslau, W. Steinberg. VII, 93 Seiten 

mit 6 Abbildungen im Text und 6 Tafeln, 
Leipzig, Barth, 1917 M 5.— 

(Beiheft 16 zur »Zeitschrift für angewandte Psychologie« heraus- 
gegeben von L. William Stern und Otto Li p mann). 

Inhalt: Das Tastiesen der Blindenpunktschrift nach besonderen Versuchen 
zu dessen Erforschung von K. Bürklen. Eine Untersuchung über das 
Lesen der Blinden von P. Grasemann. — Beiträge zur Biindenpsydho- 
logie von L. Cohn. — Der Blinde als Persönlichkeit von W. Steinberg. 



= Ein schönes Geschenk für Blinde = 

ist das von der schlesischen Blindenbücherei in Breslau soeben in 
Punktschrift herausgegebene hochinteressante Buch von 

Anton Fendr ich: „Wir." 

Näheres sagt die Besprechung des Buches in der vorliegenden 
Nummer dieses Blattes. 

^= fisyl für blinde Kinder == 



Wien, XVII., Hernalser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorschulpflichtigen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung. 

Die „ZentFolbibliotheh für Blinde in Österpeicli", 

Wien XVIII, Währinger Gürtel 136 

verleiht ihie Bücher kostenlos an alle Blinden. 



Blinden-Unterstützungsverein 

„DIE PURKERSDORFER'' 

^A^ien V., Nikolsdorfergasse 42, 

Zweck des Vereines: Unterstut2ung blinder Mit- 
glieder. Arbeitsvermittlung tür Blinde. Erhaltung 
per Musikalien-Leihbibliothek. Telephon 10.071. 



Der blinde ModelleuP' 



Littau in Mähren, 

empfiehlt seine zu Geschenken sich 
: vorzüglich eignenden keramischen : 
Handarbeiten. Nähere Auskunft brieflich. 



Ppoduhtivgenossensctiaft für blinde 
Blipstenbindep und Korbfieciiter. 

G. m. b. H. 

Wien VIII., Florianigasse Np. 41. 

Telephon Nr. 23407. 

Alle Gattungen Bürstenbinder- u. Korbflechterwaren, 
Verkaufsstelle: Wien VII., Neubau^asse 75. 



Musilialien - Leiliinstitut 

des Blinden-Unterstützungsvereines 
»Die PurI<ersdorfer« in Wien V., 
: — : Nikolsdorfergasse Nr. 42. : — : 

f^ BlindendrucUnoten werden an fyf^ 
VkJ Blinde unentgeltlich verliehen I l^J 



von Oskar Pieht. 
Bromberg. 
A für Punictsciirift M 85.80 B für gewöhnliche Schrift M 80.— 





Organ des „Zentralvereines für das österreichische Bünden- 
— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



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Schriftleitung 
Purkersdorf 
bei Wien. 
Österreichisches 
Postsparkassen- 
konto Nr.132.257 



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Das Blatt ersdieint 
monatlich einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



r-j Bezugspreis □ 

Q ganzjährig mit q 

□ Postzustellung □ 

D 4 Kronen, D 

n Einzelnummer CD 

n 40 Heller. ^ 



4. Jahrgang. 



Wien, November 1917. 



11. Nummer. 



INHALT: Erneuerung der Blindenfürsorge in Österreich. Der Blinde des Orients 
im Spiegel des morgenländischen Schriftums. J. Kneis, Purkersdorf: Kleine 
Anregungen. K. k. Ministerium für soziale Fürsorge. Personalnachrichten. 
Aus den Anstalten. A. Rappawi: Blinden Kriegern alle Ehren. Für unsere 
Kriegsblinden. Verschiedenes. Bücherschau. (Altes und Neues. Ankündi- 
gungen). 



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^ Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische ^- 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VIII, 
i] Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. 

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flites und Neues. 

Die Haut des Blinden als Sehorgan, 

Der Physiker Professor Dr, L. Zehn der in Berlin kommt zu 
dem Ergebnis, daß ein, wenn auch spärlicher, Ersatz der Augen für 
die Blinden nicht aussichtslos erscheine. Jeder weiß, so führt Professor 
Zehnder aus, daiS man bei Sonnenschein mit dem Brennglas auf 
der Haut ein Sonnenbildchen erzeugen kann, das die Haut in kurzer 
Zeit zu verbrennen imstande ist. Man fühlt also dabei die Stelle des 
Sonnenbildes, Nun denke man sich einen gewöhnlich dem Licht nicht 
ausgesetzten Teil des Körpers, etwa die Brust, als Rückwand einer 
photographischen Kamera — deren Linse aus Quarz oder einer an- 
deren Substanz besteht, die nicht nur für Licht, sondern auch für 
Wärmestrahlen sehr durchlässig ist — nach au(3en lichtdicht abge- 
schloßen. Richtet man die Versuchsperson mit der Brust und mit der 
vor dieser in der Einstellung auf unendlich befindlichen Linse gegen 
die Sonne, und stellt man die optische Achse der Linse auf die 
Sonne ein, so wird also auf der Bruststelle das Sonnenbild erzeugt 
und bald würde sich Schmerzempflndung und Verbrennung einstellen. 
Um das zu verhindern, kann die Sonne in Abstand von einigen 
Metern durch einen Schirm abgeblendet werden. Nun beginne die 
Schulung! Es werden da, wo die optische Achse der Linse den 
Schirm trifft, verschiedene Offnungen eingesetzt, durch welche die 
Sonne ilire Strahlen hindurchsenden kann; man setzt schmale, grad- 
linige Öffnungen ein, senkrechte, wagrechte, schiefe, Kreislinien usw., 
ferner Flächen von bestimmten einfachen Umrissen, und jedesmal 
läi3t man das Bild der Öffnung so lange auf der Brust der Versuchs- 
person ruhen, bis diese die Vorstellung des Darzustellenden erfaßt hat. 

Werden die Öffnungen im Schirm als Buchstaben ausgeführt, 
so wird die Versuchsperson durch dieses künstliche Auge bald zu 
lesen imstande sein; allerdings kann sie zuerst nur Buchstaben lesen, 
die aus dem Schirm ausgeschnitten und von der Sonne hell beleuch- 
tet sind. 

Professor Zehnders »künstliches Auge« besteht also im wesent- 
lichen aus einer photographischen Kamera, in der die Mattscheibe 
oder die photographische Trockenplatte durch einen möglichst em- 
pfindlichen Teil der Haut ersetzt ist. Als solche empfiehlt er eine 
entsprechend große Stelle der Brusthaut. 

Wie weit die Anpassungsfähigkeit der Körperoberflächennerven 
an die neu zu lösende Aufgabe geht, wissen wir nicht. Es ist aber 
denkbar, daß sich durch Übung auch diese Nerven zu einer Feinheit 
und Brauchbarkeit entwickeln, von der wir gegenwärtig keine Ahnung 
haben. 

So unvollkommen dieses künstliche Auge auch immer bleiben 
mag, verglichen mit unseren hochentwickelten vollkommenen leben- 
den Augen, so kann es doch immerhin für den Blinden, der gar 
nichts sieht, als teilvveiser Ersatz ein äußerst wertvolles Organ werden, 
mit dem er sich vielleicht sogar draußen im Freien tagsüber ganz 
ordentlich zurechtzufinden vermag. 

Der Vorschlag Dr, Zehnders geht wohl über eine geistreiche 
Annahme nicht hinaus, denn praktische Verwertungsmöglichkeit dürfte 
ihm nicht innewohnen. 




4. Jahrgang. 



Wien, November 1917. 



11. Numnner. 



^ »Es mag sein, daß Blindheit und Taubheit besonders ^ 

^ empfänglich für den Sozialismus macht.« Heien Keiier. g 

m ^ 



Erneuerung der Blindenfürsorge in 
Österreich. 

Erneuerung, Umgestaltung, Verbesserung oder Reform? Welches 
Wort sagt am besten, was wir in der Zukunft für unsere Blindensache 
erhoffen, wünschen und anstreben sollen? Wir wählen das erste und 
meinen damit eine innerliche und äußerliche Um- und Ausgestaltung 
der bisher für unsere BHnden in Österreich geschaff'enen Institutionen. 
Eine alte Forderung, die wohl immer noch ungehört verhallte und des- 
halb umso lauter erhoben werden muß. Und gerade in einer Zeit, die 
uns Erneuerung und Umgestaltung bis ins Kleinste und Tiefste hinein 
bringt. Wohl spricht noch der eiserne Mund einer historischen Schick- 
salszeit, wohl donnern noch an allen Grenzen unseres Reiches die 
Kanonen, aber über das Tosen und Toben eines fessellosen Kampfes 
hinweg weht uns bereits der erste Hauch des Friedens an, eines Frie- 
dens, den die Schwachen vielleicht fürchten, von dem die Starken und 
Aufrechten aber die Erfüllung einer besseren und reineren Zeit 
erhoffen. 

Wie wir in diesem unvergleichlichen Heldenkampf gegen eine 
Welt von Haß und Verleumdung ringsum uns innerlich läutern, wie 
wir unter Entbehrungen uns bescheiden lernen, wie wir als Mensch zu 
Mensch einander in Not und Leid nähertreten, so erneuert sich der 
Gedanke der Hilfsbereitschaft in der Allgemeinheit, der einzige und 
wahre Sozialismus auf Erden. Nach dem blindwütigen Haß, der Völker 
mordend gegen V^ölker treibt, muß die Menschheit wieder zur Mensch- 
lichkeit und Nächenliebe zurückkehren oder die Menschheit hat sich 
um ihre Daseinsberechtigung gebracht. An diese Rückkehr muß jeder 



Seite 820. Zeitschrift das für österreichische BHndenwesen. 11. Nummer. 

von uns glauben. Haben wir doch manche Anzeichen dafür. Auf unserem 
Gebiete spricht sie sich vor allem in der Anteilnahme tür unsere er- 
blindeten Krieger aus. Diese Teilnahme ist allerdings eine einseitige, 
sie ist aus dem Jammer dieser Unglücklichen geboren, aber sie ist 
geeignet, der Öffentlichkeit das Los aller Blinden näher zu bringen. 
Der Wohltätigkeitssinn der Bevölkerung hat sich für die Kriegsblinden 
in hervorragender Weise betätigt, das ist außer Frage. Wird man es 
verstehen, dieses Interesse auch in der Zukunft, wo die Unterscheidung 
von Friedens- und Kriegsblinden bald verschwinden wird, wach zuer- 
halten, dann könnte für alle Blinden die Morgenröte einer neuen 
besseren Zeit aufgehen. 

Die Hilfsbereitschaft der Allgemeinheit für die Blinden wird in 
der Zukunft umso weniger erlaiimen, als durch die Versuche mit 
Kriegsblinden zum erstenmale die Erkenntnis in alle Schichten der 
Bevölkerung gedrungen ist, daß selbst der Blinde noch arbeitsfähig 
bleibt, daß es für ihn Erwerbsmöglichkeiten gibt, die ihn zum brauch- 
baren und nützlichen Gliede der menschlichen Gesellschaft machen. 
Von der weitesten Verbreitung und Vertiefung dieser bereits im 
Kriege allgemein gewordenen Erkenntnis wird die Zukunft aller arbei- 
tenden und erwerbenden Blinden abhängen. Sie wird sie auch am 
besten gegen den rücksichtslosen Wettbewerb der Sehenden, wie er 
vor dem Kriege bestand, schützen und bewahren. 

Die durch das Auftreten der Kriegsblinden eingeleitete günstige 
Wendung kann für die gesamte Blindenfürsorge der nächsten Jahrzente 
entscheidend werden. Die Grundlagen in der breiten Öffentlichkeit sind 
hiefür geschaffen. Es erübrigt nur noch eines, allerdings das Wichtigste, 
die Durchführung dieser Erneuerung. 

Betrachtet man die Entwicklung der Blindenfürsorge bis zum heu- 
tigen Tage, so kann jenen Stellen, die zu ihrer Förderung vor allem 
berufen sind, — dem Staat und seinen Behörden — der Vorwurf der 
Lässigkeit und des Versäumnisses nicht erspart werden. Die Blindenfürsorge 
war bisher für den Staat weniger als ein Stiefkind, sie bestand für ihn 
überhaupt nicht. Unsere obersten Behörden kennen Erziehung, Aus- 
bildung und Erwerbsfürsorge unserer Blinden nur insoweit, als es sich 
um ihr Aufsichts- und Kontrollrecht handelt und andere Stellen, vor 
allem die öffentliche Mildtätigkeit, die Mittel dafür aufbringen.*) Gerade 
hier, wo von der Anregung, Mitwirkung und Durchführung das Beste 
zu erwarten wäre, verhält man sich vollkommen untätig und schiebt 
die Fürsorge anderen Stellen (Land, Gemeinde usw.) zu. Von den Wünschen, 
Bestrebungen und den harten Daseinskämpfen unserer Blinden weiß 
die Leitung unseres Staates herzlich wenig, trotzdem sie berufen und 
verpflichtet wäre, sich hierin nicht in Widerspruch mit der Anschau- 
ung der Allgemeinheit zu setzen, deren Hilfsbereitschaft außer 
Frage steht. 

Selbst in der dem Staate aufs Herz brennenden Frage der »Kriegs- 
blindenfürsorge« treibt er das alte einseitige Spiel, nimmt ohne Lei- 

*) Als treffendstes Beispiel ist unsere »Staatsanstalt,« das k. k. Blinden-Erzie- 
hungsinstitut anzusehen, welches diesen Titel wohl führt, sich aber ohne 
Zuwendung des Staates aus eigenen Fondsmitteln erhalten muß. 



11. Nummer. Zeitschrift (ür das österreichische Blindenwesen. Seite 821. 

stungen Rechte für sich in Anspruch, ohne selbst in diesen eine zielsichere 
Hand zu zeigen. 

Verteidiger dieser Fahrlässigkeit werden sich mit mangelnder 
Organisation, mit der Zersplitterung in den Agenden der verschiedenen 
Staatsbehörden inbezug auf die Blindenfürsorge entschuldigen. Diese 
Zersplitterung ist ein alter Jammer. Aber hätte man dem Übelstande 
nicht längst abhelfen können? Kann man es nicht endlich jetzt tun, 
wo sich durch Errichtung eines »Ministeriums lür soziale Fürsorge« 
(Siehe Seite 825) die beste Gelegenheit bietet, das Ganze der Blinden- 
fürsorge zu erfassen und einer Zentralstelle in diesem Ministerium zu- 
zuweisen } Wird auch dieser Moment ungenützt vorübergehen und die 
Blindensaehe das alte Aschenbrödel bleiben? Oder wird die Erkenntnis 
endlich zur Einsicht führen, daß auch auf diesem Gebiete Neues und 
Großes zu schaffen wäre? Wir können nur das Letztere wünschen und 
hoffen. 

In welcher Richtung diese Erneuerung und der Ausbau der 
Blindenfürsorge unter hervortretender Führung des Staates zu erfolgen 
hätte, muß einer breiteren Ausführung vorbehalten bleiben. Bliiidheits- 
verhütung in den kommenden Jahrzehnten, die besonders unserer 
Nachkommenschaft gefährlich sein werden, Fürsorge der Blinden im 
vorschulpflichtigen Alter, Erneuerung und Ausgestaltung des Blinden- 
unterrichts- und Berufsbildungswesens, Arbeitsschutz, Sozialversiche- 
rung, Altersversorgung der Blinden wären Markstein in diesem 
Neubau. 

Neben diesen Hinweisen auf den äußerlichen Um- und Ausbau 
unserer Blindenfürsorge muß auch der Notwendigkeit einer inner- 
lichen Erneuerung gedacht werden. Es ist damit das Verhältnis 
der bestehenden Institutionen und ihrer Vertreter untereinander sowie 
auch ihre Haltung zu den selbständigen Blinden gemeint. Auch hier 
liegt vieles im Argen und zum Teil tragen die kleinlichen Eifersüchte- 
leien und Eigenbrödeleien der Fachleute und Blindenfreunde die Schuld, 
daß die Blindenfürsorge bei den Behörden so wenig Ansehen und 
Beachtung findet. Ebenso läßt das Verhältnis zu den erwerbstätigen 
Blinden viel zu wünschen übrig, wie auch diese unter sich nicht die 
notwendige Einigkeit zeigen. Soll auch das alles so weiter bleiben ? 
Wer den Ernst der Stunde versteht, muß sich an die Brust schlagen 
und sagen: Nein, das soll, das darf nicht sein! Nur in selbstloser Zu- 
sammenarbeit, in der einheitlichen Festsetzung unerläßlicher Forderun- 
gen kann einer Erneuerung unser vaterländischen Blindenfürsorge 
die Bahn gebrochen, können ihr die Wege zu einer gedeihlichen Weiter- 
entwicklung geebnet werden. 

Der Blinde des Orients inn Spiegel des 
nnorgenländischen Schrifttums. 

(Fortsetzung.) 

Unter den Geschichten des Königs Wird Chan aus »Tausend 
und eine Nacht« handelt eine von einem Blinden und einem Krüppel, 
die in ähnlicher Form in anderen Sprachen zu finden ist. Sie lautet: 



Seite 822. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

Der Blinde und der Krüppel. 

Es waren einmal ein Blinder und ein Krüppel, die der Besitzer 
eines Gartens in seinen Garten führte, indem er ihnen verbot, etwas 
in ihm zu verderben oder beschädigen. Als nun die Früchte reif 
wurden, sagte der Krüppel zum Blinden: »Weh dir, ich sehe, daß die 
Früchte reif sind, und habe Verlangen nach ihnen ; jedoch kann ich 
mich nicht zu ihnen aufrichten und von ihnen essen. Steh du aber 
auf, da du gesunde Beine hast, und hol' uns etwas zum Essen.« Der 
Blinde erwiderte ihm: »Wehe dir, ich dachte gar nicht an die Früchte, 
bis du mir nun von ihnen sprichst; doch kann ich nicht dazu gelangen, 
da ich nicht sehen kann; was also ist zu tun?« Während sie aber 
noch miteinander sprachen, kam der Aufseher des Gartens, der ein 
kluger Mann war, zu ihnen, und der Krüppel sprach zu ihm: »Wehe 
dir, Aufseher, wir haben auf einige dieser Früchte Appetit bekommen, 
wie du aber siehst, bin ich ein Krüppel und mein Gefährte da ist 
blind und kann nichts sehen. Was sollen wir da tun?« Da erwiderte 
der Aufseher: »Weh euch, habt ihr vergessen, daß euch der Herr 
des Gartens verpflichtete, nichts zu tun, was dem Garten Schaden 
zufügen könnte? So beherrzigt das Verbot und tut es nicht.« Sie ent- 
gegneten ihm jedoch: »Wir müssen unbedingt unseren Anteil von 
diesen Früchten zu essen bekommen ; sag' uns daher wie wir es an- 
stellen sollen.« Wie nun der Aufseher sah, daß sie von ihrem Vor- 
haben nicht abzubringen waren, sprach er zu ihnen: »Es läßt sich in 
der Weise bewerkstelligen, daß sich der Blinde erhebt, dich, den 
Krüppel, auf die Schultern nimmt und dich zu dem Baum trägt, dessen 
Früchte dir gefallen, damit du dir die Früchte, die du erreichen 
kannst, pflückst.« Da erhob sich der Blinde und lud den Krüppel 
auf, worauf der Krüppel ihn zu einem Baum leitete, von dem er dann 
nach Herzenslust pflückte. In dieser Weise verfuhren sie, bis sie alle 
Bäume im Garten ruiniert hatten, als mit einem Male der Herr des 
Gartens erschien, und zu ihnen sprach: »Wehe euch, was habt ihr 
getan ! Habe ich euch nicht verboten diesen Garten zu beschädigen?« 
Sie versetzten : »Du weißt, daß wir nicht imstande sind irgend etwas 
zu tun, da einer von uns ein Krüppel ist, unfähig sich aufzurichten, 
und der andere nichts vor sich sehen kann. Was ist daher unsere 
Schuld?« Da sagte der Herr des Gartens: »Ihr glaubt wohl, ich 
wüßte nicht, wie ihr es angestellt habt mir den Garten zu verderben? 
Mir scheint es, daß du, o Blinder, aufgestanden bist und den Krüppel 
auf deinen Rücken geladen hast, worauf dieser dir den Weg zeigte, 
und du ihn zu den Bäumen trugst.« Hierauf nahm er beide züchtigte 
sie schwer und verstieß sie aus dem Garten. 

Der Blinde nun im Gleichnis ist der Leib, der nicht ohne die 
Seele sehen kann, und der Krüppel ist die Seele, die sich ohne den 
Leib nicht zu bewegeu vermag; der Garten stellt die Werke dar, für 
welche der Mensch seinen Lohn empfängt, und der Aufseher ist der 
Verstand, der das Gute heißt und das Böse verbietet. So sind Leib 
und Seele Teilhaber an Lohn und Strafe.« 

In einer anderen Geschichte dieser Bücher macht sich ein böser 
Geist zum blinden Bettler, um einem Pärchen beim Stelldichein auf- 
zuspielen. »In regendunkler Nacht sehnt sich Ishak bin Ibrahim 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 823. 

nach seiner Geliebten, als diese wie durch den bloßen Wunsch ge- 
rufen, bei ihm erscheint. Sie wollen sich nun vergnügen und finden 
vor der Tür einem blinden Bettler, der ihnen zur Laute singen soll. 
Ungesehen glauben sie ihr Spiel treiben zu treiben zu können, werden 
aber dadurch erschreckt, daß der Blinde alles, was sie tun, in Versen 
wiedergibt, bis er heimlich verschwindet. Eswarlblis, der sich einst- 
wie alle Engel vor Adam anbetend niederwerfen sollte; da er es 
nicht [tat, wurde er von Gott verstoßen. Sein Scherz mit dem Liebes- 
paar löste die Verse aus : 

»Ich wundere mich, in Iblis solchen Stolz zu sehen 
Bei seines Herzens Ruchlosigkeit, 
Zu stolz war er, vor Adam sich niederzuwerfen, 
Und doch inacht er für all seine Nachkommen den Kuppler.« 
Neben den Blinden spielen die »E i n ä ugigen« in vielen Erzäh- 
lungen ihre besondere Rolle. Vielfach begegnet der Einäugige dem 
Mißtrauen, das allen »Gezeichneten« entgegengebracht wird, denn 
auf ihn ist das Dichterwort gemünzt: 

»Nicht für einen Tag nimm den Einäugigen zum Freund, 
Sei auf der Hut vor seiner Bosheit und seinem Falsch! 
Wenn irgend ein gutes in diesem Einaug wäre. 
So hätte Gott ihm sein Auge nicht blind gemacht.« 
Unter den Gesetzfragen des Islams lautet eine: »Mag uns ein 
Einsichtiger zum Imam taugen ? — Nein, er soll sehen auf beiden 
Augen.« 

Ein wahrhaft salomonisches Urteil fand ein Einäugiger nach 
folgender Geschichte : 

»Vor einem Richter trat ein Einäugiger und sprach: »O Scheich, 
ich traf heute einen Mann mit blauen Augen, der in unserer Stadt 
fremd war; da fing ich einen Streit mit ihm an, und sagte zu ihm, 
indem ich ihn festhielt: »Du hast mir mein Auge gestohlen;« und 
ließ ihn nicht eher los, als bis sich eine Anzahl für ihn verbürgte, 
daß er zu mir zurückkehren und mich für mein Auge entschädigen 
würde.« Da versetzte der Scheich: »Wenn er will, bist du der Herein- 
gefallene.« Wie ist das möglich?« fragte der Einäugige. Der Scheich 
erwiderte : »Er könnte zu dir sagen : »Reiß dein Auge aus, dann will 
ich auch mein Auge ausreißen ; wir wollen dann beide Augen wägen, 
und mein Auge ebenso schwer wie das deinige ist, so hast du recht. 
Auf diese Weise schuldest du ihm das Sühngeld für sein Auge und 
du wärest ganz blind, während er wenigstens noch auf seinem andern 
Auge sehen könnte.« Da sah der Einäugige, daß der Kaufmann ihn 
durch diese Ausrede hereinlegen konnte.« (Schluß folgt). 



Kleine Anregungen. 

Von Hauptlehrer J. Kneis, Purkersdorf. 

Jeder Blindenlehrer und Blindenfreund kennt Augenblicke, wo 

in ihm Ideen auftauchen, die er gerne mit anderen erörtern möchte, 

wenn sich ihm Gelegenheit bieten würde. Der ihm erreichbare Kreis, 

welcher ihm zuzuhören geneigt wäre ist zu klein und facbfremde 



Seite 824. Zeitschritt für das östereichische Blindenwe'sen. 11. Nummer. 

Kreise stimmen ihm zumeist weniger aus Verständnis als aus Höflich- 
keitsgründen zu; die Idee ist wieder einmal wirkungslos verpufft. 
Bliebe also der Weg der Verallgemeinerung durch schriftliche Ver- 
breitung. Es ist aber nicht jedermannes Sache, eine formvollendete, 
stilistisch künstlerische Abhandlung zu bieten. 

Mit vorliegenden 2 Beispielen soll gezeigt werden, daß dies 
auch gar nicht notwendig ist. 

Vielleicht gelingt es auf diese Art, die werten Herrn Kollegen 
(selbstverständlich auch Damen) zu bewegen, furchtlos ihren Gedanken 
hier Ausdruck zu geben. Auf ' diese Art könnte auch für die Arbeit 
unserer Fürsorgetage Material zusammengetragen werden. 

Die Scheu, schon Dagewesenes zu wiederholen, soll nicht abhalten, 
vielleicht war die Idee damals abgetan worden, weil der Boden 
damals zu ungünstig war. 

Es sei nunmehr gestattet einige Beispiele zu bieten und an die 
werten Leser das Ersuchen zu stellen, durch recht zahlreiche Beispiele 
die Reihe fortführen zu helfen. 

Die Krankenwärterin. 

Wer auf dem Lande gelebt hat, wird gewiß erfahren haben» 
daß länger dauernde Krankheiten oft große Verwirruugen in der 
Tageseinteilung der gesunden Hausgenossen dadurch hervorrufen, 
daß man ja den Kranken tagsüber nicht allein lassen kann und will. 
Aber auch Nachtwachen sind notwendig und der von" der Arbeit 
Ermüdete kann sich nur schwer aufrecht erhalten. In den Städten 
dürfte es nicht besser sein. Wie froh wäre man, für den Kranken 
einen geduldigen, verläßlichen Pfleger und Gesellschafter zu finden. 
Es gibt ja geschulte Kräfte für diesen Zweck, doch ist die Kranken- 
pflege für diese ein Beruf, von dessen Erträgnis die Familie erhalten 
werden muß. Zu diesen Krankenpflegern wird nur der Wohlhabende 
greifen und auch nur dann, wenn er Überraschungen im Krankheits- 
bilde fürchtet, oder wenn der Angehörige des Kranken seiner Pflicht 
nachzugehen gezwungen ist. In vielen dieser Fälle handelt es sich 
darum, dem Kranken die einfachsten Handgriffe zu leisten, in bestimm- 
ten Zeitabschnitten die vorbereitete Medizin zu reichen und dem 
Patienten die Langeweile mit all ihrem Gefolge gründlich zu vertreiben. 
Dazu braucht man nicht behördlich autorisierte Sanitätsperson sein, 
dazu genügt ein gutes Herz, ein fröhliches Gemüt und etwas Zeit, 
Eigenschaften, die wir bei unseren Schützlingen, insbesonders bei 
den schwachsichtigen Mädchen zumeist finden. 

Der Lehrer der Blindenanstalt hat oft Gelegenheit die überaus 
große Liebe und Geduld der schwachsichtigen Mädchen gegen ihre 
ganz blinden Mitzöglinge zu beobachten. 

Ich frage nun: Wäre es nicht möglich diese schönen Eigenschaf- 
ten zu benützen, um wieder einer Gruppe unserer Zöglinge neue 
Aussichten für die Zukunft zu eröffnen. 

Wie ich schon angedeutet, habe ich dabei nicht die schwere Art 
der Krankenpflege im Auge, sondern eine Wartung, für die man eine 
besonders hohe Geldauslage scheut und die man deshalb nur neben- 
bei selbst besorgt oder häufig auch ganz wegläßt. 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 825. 

Während der Kranke allein sich abquält, um über die Lange- 
weile hinwegzukommen, sitzt vielleicht nur einige Häuser weit auch 
ein einsames Wesen, treilich nicht müßig, denn es beschäftigt sich mit 
einer Handarbeit, solange die Hausbewohner auswärts ihre Arbeit 
verrichten und ihr Gedankengang gerät, wenn schon nicht auf un- 
rechte, so doch häufig auf unrichtige Wege. Das Stricken, Häkeln, 
Netzen u. s. w. erscheinen ihm ein zu geringer Lebenszweck, nur ein 
Lückenbüßer. Wie leicht könnte beiden geholfen werden. 

Man sollte meinen, es wäre eine selbstverständliche Sache, daß 
sich die zwei Leidensgenossen zusammenfänden. 

Die Praxis lehrt das nicht. Auf der Seite der Angehörigen des 
Patienten denkt man entweder gar nicht daran oder man hatte kein 
Vertrauen zu der Blinden, wie man sie allgemein nennt. Die Blinde 
aber ist zu scheu, ihre Dienste anzubieten oder fürchtet, daß man 
Unmögliches von ihr verlange. 

Das nichtvorhandene Vertrauen kann geschaffen, das zu geringe 
Selbstbewußtsein kann gehoben werdsn. 

In den Lehrplänen der Blindenanstalt findet man Hauswirtschaft 
und anderes angeführt. Warum nicht auch Krankenpflege und War- 
tung. Es könnten unter Anleitung des Anstaltsarztes theoretische und 
praktische Kurse abgehalten werden und der erfolgreiche Besuch 
solcher bestätigt werden. 

Aufklärende Tätigkeit könnte das Werk vollenden und den 
halbblinden Mädchen ein edles Dasein verschaffen. Viele der ehema- 
ligen Zöglinge müßten nicht in den Heimen verbleiben und dort über 
die Eintönigkeit ihres weiteren Lebens klagen. Wo aber solche Heime 
den Mädchen Unterkunft bieten, was zumeist nur in größeren Orten 
der Fall ist, dort könnten, wenn es einmal bekannt ist, im Bedarfs- 
falle die Insassinnen zur Hilfeleistung (Wartung) angesprochen werden. 

K. k. Ministerium für soziale Fürsorge. 

Mit Allerhöchstem Handschreiben vom 7, Oktober 1917 wurde 
die Errichtung eines Ministeriums für soziale Fürsorge genehmigt und 
soll dasselbe nach der verfassungsmäßigen Behandlung im Reichsrate 
ins Leben treten. Als erster Punkt des Wirkungskreises des neuen Mini- 
steriums wurde die Jugend fü rsorge festgesetzt, darunter: 

Angelegenheiten des Kinderschutzes und der Jugendfürsorge, mit 
Ausnahme der in den Wirkungskreis der Gerichte lallenden vormund- 
schafts- und strafrechtlichen sowie der dem Ministerium für Volks- 
gesundheit vorbehaltenen gesundheitlichen Angelegenheiten und zwar 
insbesondere : 

Mutter-, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge in sozialer und recht- 
licher Beziehung, Zieh- und Haltekinderwesen, Waisenpflege, Fürsorge- 
einrichtungen für die Jugend (Kindergärten, Horte, Tagesheimstätten, 
Heime u. dgl.), Berufsberatung der schulentlassenen Jugend, Wohlfahrts- 
pflege für die im Gewerbe tätige Jugend (mit Ausnahme der fachlichen 
Einrichtungen und Maßnahmen zu ihrer Heranbildung) usw. ; 



Seite 826. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

Ausübung der staatlichen Aufsicht über die Anstalten und Ein- 
riclitungen zum Schutze der verwaisten, verlassenen, mißhandelten, ver- 
wahrlosten oder mit Verwahrlosung bedrohten Kinder und Jugendlichen; 
fachliche Aus- und Fortbildung des Personales für Kinderschutz- und 
Jugendlürsorgeanstalten ; all dies unbeschadet des dem Ministerium für 
Kultus und Unterricht in Fragen der Erziehung und des Unterrichtes 
zustehenden Wirkungskreises sowie vorbehaltlich der Mitwirkung dieses 
Ministeriums in grundsätzlichen und organisatorischen Angelegenheiten. 

Organisierung und Förderung der freien Selbsttätigkeit auf dem 
Gebiete des Kinderschutzes und der Jugendfürsorge, insbesondere der 
in dieser Richtung wirkenden Vereine, Anstalten, Fonds und Stif- 
tungen. 

Weiters: Fürsorge für Kriegsbeschädigte und Hinter- 
bliebene. Angelegenheiten der Kriegsbeschädigtenfürsorge, insbesondere 
Nachbehandlung, Schulung, Berufsberatung, Arbeitsvermittlung und 
Ansiedlung Kriegsbeschädigter, unbeschadet der dem Ministerium für 
Volksgesundheit vorbehaltenen gesundheitlichen sowie der in den 
Wirkungskreis des Ministeriums für öffentliche Arbeiten fallenden tech- 
nisch-didaktischen Angelegenheiten und der Zuständigkeit des Acker- 
bauministeriums hinsichtlich der Wirtschaftsheimstätten für Kriegsbeschä- 
digte ; 

Organisierung und Förderung der freien Selbsttätigkeit auf dem 
Gebiete der Kriegsbeschädigten- und Hinterbliebenenfürsorge. Mitwirkung 
bei Durchführung und Ausgestaltung der Gesetze, betreffend die Ver- 
sorgung der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen. 

Sozialversicherung. Alle in den Bereich der Sozialversicherungs- 
gesetzgebung fallenden Angelegenheiten, Reform und Ausbau der 
Sozialversicherung. 

Gewerbliches Arbeitsrecht und Arbeiterschutz. Legis- 
lative und administrative Angelegenheiten, betreffend die Regelung des 
gewerblichen Arbeits- und Dienstverhältnisses sowie den Schutz der 
Angestellten und Arbeiter in gewerblichen und gewerbemäßig betriebenen 
Unternehmungen. Die Angelegenheiten der Gew^erbeinspektion einschließ- 
lich der Unfallverhütung. 

Arbeitsvermittlung, Arbeitslosenfürsorge und Aus- 
wandererschutz. Legislative und administrative Angelegenheiten der 
Arbeitsvermittlung und der Arbeitslosenfürsorge. 

Abgesehen vomBlindenunterrichtswesen würde also der 
größte Teil der Fürsorge für Friedens- und Kriegsblinde in 
das Arbeitsgebiet dieses neuen Ministeriums fallen. Es ist 
außer Frage, daß eine derartige Zentrale für die allgemeine Blinden- 
fürsorge Segensreiches schaffen und manche Hoffnungen die bisher 
unter einer unheilvollen Zersplitterung begraben wurden, erfüllen könnte. 

Personalnachrichten. 

— Direkte rRupertZeyringer f. Am 20. September 1. J. 
starb der erste Direktor der Odilien-Blindenanstalt in Graz, Rupert 
Zeyringer, kaiserl. und fürstbischöfl. geistl. Rat und Ritter des 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwescn. Seite 827. 

Franz Josef-Ordens, nach längerem Leiden im 81 . Lebensjahre. Direk- 
tor Rupert Zeyringer wurde am 8. November 1836 zu Eisenerz 
geboren und am 22. Juli 1859 in Graz zum Priester geweiht. Er 
wirkte lange als Professor am fürstbischöfl. Knabenseminar in Graz, 
und als im Jahre 1880 der Odilienverein zur Fürsorge für die Blinden 
Steiermarks durch die Bemühungen des St. Vinzenz- Vereines und vor 
allem des blinden Organisten Flerrn Gustav Garzaner ins Leben 
trat, wurde Zeyringer als Direktor der zu gründenden Blinden- 
anstalt gewonnen. Durch 18 Jahre, von der Eröffnung der Anstalt, 
am 10. Mai 1881 bis zum Jahre 1899 hatte er die Leitung derselben 
inne und widmete seine ganzen Kräfte dem Wohle der Blinden. Ihm 
gebührt ein hervorragendes Verdienst an dem mächtigen Aufschwünge 
der Odilien-Blindenanstalt, welche mit 5 Zöglingen eröffnet wurde 
und sich bereits nach einigen Jahren als zu klein erwies, sodaß im 
Jahre 1885 nach seinen Plänen mit dem Vermächtnisse des Advokaten 
Dr. Georg May, des größten Wohltäters der Anstalt, zutn Neubau 
geschritten wurde. Zeyringer besuchte die meisten damals beste- 
henden Blindenanstalten Österreichs und Deutschlands, um die Pläne 
für den Neubau der Odilien-Blindenanstalt herzustellen. Bald wurde 
auch die neue Anstalt zu klein, und es wurde im Jahre 1891 die Be- 
schäftigungs- und Versorgungsanstalt für erwachsene Blinde in der 
Grabenstraße errichtet. Die zahlreichen Blinden Steiermarks, welche 
ihm ihre Ausbildung und Existenz verdanken, blieben ihm stets mit 
großer Anhänglichkeit zugetan. Doch die großen Anstrengungen des 
unermüdlich tätigen Direktors hatten seine Kraft gebrochen; im Jahre 
1899 legte er sein Amt als Direktor nieder und zog sich bald darauf 
in das neuerbaute Priesterheim in Graz zurück, wo er, obschon nahe- 
zu blind und taub, bis zu seinem Lebensende mit regem Anteil die 
Vorgänge in der Odilien-Blindenanstalt verfolgte. Er gründete auch 
einen Unterstützungsfond für ausgetretene brave Zöglinge und do- 
tierte ihn reichlich aus seinen eigenen Mitteln. 

Durch einen unglücklichen Sturz zog sich Zeyringer vor 
einigen Jahren einen komplizierten Schenkelbruch zu, der nicht mehr 
geheilt werden konnte. So wurde der schwergeprüfte Mann, ohnehin 
schon fast blind und taub, auch noch lahm und blieb an sein Zimmer 
gefesselt. Doch sein Geist blieb bis in die letzten Tage rege und 
sein Gemüt ungebrochen. Nun ruht der große Wohltäter der Blinden 
Steiermarks auf dem St. Leonhardfriedhofe in unmittelbarer Nähe 
der Odilien-Blindenanstalt, die ihrem ersten Direktor ein treues und 
dankbares Gedenken bewahren wird. Dr. J. Har tinger. 

— Auszeichnung eines blinden Künstlers. Herrn Ludwig Moser, 
ein fruchtbarer Komponist und Virtuos auf dem Klavier, wurde von Papst Benedikt XV. 
für seine Verdienste, die er sich um das kathohsche Vereinsleben und den Unter- 
richt von Verwundeten in der Musik erwogen hat, das Ehrenkreuz Pro ecclesia et 
pontefice verliehen. Möge dem blinden Künstler beschieden sein, sich der Aus- 
zeichnung lange Jahre zu erfreuen. 

Aus den Anstalten. 

— Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene 
Blinde in Wien VIII. Vor kurzem wurden die in den letzten Monaten frei ge- 
wordenen Pfleglingsplätze besetzt und zwar wurden drei Männer (darunter wieder 
ein Kriegsblinder) und zwei Frauen aufgenommen. 



Seite 828. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 11. Nummer. 

— Kaiser Kar 1 -Kr i egsbl i nd e nh c i m in Wien XIII. In der »Reichs- 
post«; tritt geistl. Rat, W. Binder in Baum^^arten für die Pasterisierun^j dei- sowohl 
in dem >Arbeiterheim< als im »Kriegsblindenheime« untergebrachten Blinden ein. 
Wie die Bl nden — sagt er — aus physiologischen Gründen nach dem Sonnenlicht 
verlangen, ebenso notwendig ist für sie das religiöse Licht. Sie selbst bitten um 
dieses Glaubenslicht. Deshalb ist ein Kirchlein bei diesen Anstalten eine unliedingte 
Notwendigkeit, damit ihnen diese Wohltat in reichlichen Maße erschlossen werden 
könnte. 

Es können auch die blinden Männer aus diesen beiden Anstalten in Baum- 
garten durch die ruhige Baumgartnerstraße ohne Wagenverkehr in mehreren Abtei- 
lungen in die große neuerbaute, nahegelene Baumgartner Kirche zur Predigt und 
zum Hochamte geführt werden. Die Predigt, das Wort Gottes, würde ihnen heil- 
samen, lindernden Stoff zum Nachdenken geben und die kunstvoll durchgeführte 
Musik des Kirchenchores würde ihre Herzen erheben und begeistern ; die Blinden 
sind ja meistens musikalisch. Gestärkt im Glauben und getröstet im Leid würden 
sie in ihr Heim zurückkehren. Es hat sich doch der Heiland so warm der Blinden 
angenommen, ihnen das Licht, das Glaubenslicht gespendet, so daß sie ihm in 
Treue und Liebe nachfolgten. 



Blinden Kriegern alle Ehren 

Von k. k. Leutnant A. Rappawi. 

Als sie wieder heimwärts kamen, 
Gab's ein Jauchzen und Frohlocken. 
Doch auch Schmerz und schriller Mißton 
Klang durch uns're Siegesglocken. 

Mancher kam mit stummen Winken, 
An dem Arm die siechen Brüder. 
Mancher sah nach schwerem Leiden 
Seine Heimat nimmer wieder. 

Nicht, daß er gefunden hätte 
Tod und Grab in fremden Landen, 
Oder, daß er, heimverlangend 
Seufzte in des Feindes Banden ! 

Mancher kommt zur Heimat wieder, 
Doch er darf sie niemals schauen. 
Weil das Schicksal ihn geschlagen 
Mit des Auges Nacht und Grauen. 

Ei, wie konnten diese Augen 
Einst so lustig blitzen, funkeln ! 
O wie traurig ist das Leben, 
Das er leben muß im Dunkeln ! 

Viele wollen ihn nicht kennen. 
Das bringt Schmerz und stilles Grämen. 
Doch die Heimat wird ihn grüßen. 
Sich des tapfren Sohns nicht schämen. 

Sei willkommen lieber Bruder! 
Schüttle ab die Last der Sorgen ! 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 829. 

Sieh, in deiner lieben Heimat 
Taget dir ein neuer Morgen. 

Opfernd wird sie gerne retten 
Alle, die das Licht entbehren. 
Habt ihr rettend nicht geopfert! 
Blinden Kriegern alle Ehren! 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Konzert. Zugunsten des Vereines »Kriegsblindenheimstätten« fand am 
25. November 1. J. im großen Musikvereinssaale eine »Buijte Matinee« statt. In 
dem reichhaltigen Programm erschienen: Hofopernsängerin Hermine Kittel, 
Fräulein Blanke Glossy vom Hofburgtheater sowie Fräulein Mimi Godlewsky, 
ferner die Herren k. u. k. Kammervirtuose Franz Ondricek, nach jahrelanger 
Pause, Kammersänger Georg Maikl, Professor Paul de Conne, Heinrich de Carro, 
früheres Mitglied des Deutschen Volkstheaters, und Kapellmeister Karl Kittel 
(Bayreuth). 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende Oktober 1. J. 

— Neue Freie Presse: 1,170.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 2,770.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 380.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 70.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 27.200 K. 

Verschiedenes. 

— Papierspagat als Ersatz für Kernrohr. In der n. ö. Landes- 
Blindenanstalt in Purkersdorf wurde versucht, das beim Zeichnen wie auch beim 
Feinflechten bisher verwendete Kernrohr durch Papierspagat zu ersetzen, da Kern- 
rohr überhaupt nicht mehr erhältlich ist. Die Ergebnisse sind, hauptsächlich bei der 
Feinflechterei, durchaus günstige. Für das Zeichnen ist ein 2 mm starker, aus nicht 
zu zähem Papiere gedrehter Spagat zu empfehlen, denn in zähe Sorten stechen sich 
die Nadeln schwer ein. Die Farbe kann beliebig gewählt werden, doch empfiehlt 
sich braun oder gelb vor allem. Ein großer Vorteil des Papiersp>agates liegt darin, 
daß er nicht wie das Kernrohr der einzustechenden Nadel ausweicht und nicht wie 
jenes beim Einstechen spaltet Für die Feinflechterei kommen Papierspagate von 
verschiedener Stärke und Farbe inbetracht. Es lassen sich daraus geknüpfte Taschen, 
Körbchen verschiedener Art (mit Staffeln aus Weidenschienen), Vasen, Behälter u. 
a. vorzüglich herstellen und haben die daraus erzeugten Waren ein sehr gefälliges 
Aussehen. Die Preise des Papierspagates stellen sich verhältnismäßig billig, ebenso 
die daraus erzeugten Waren. 

— Eine Stiftung der Herzogin Maria Josefa in Bayern für 
Augen leid ende. Wie bekanntgegeben wird, hat Herzogin Mar ia J o sefa in 
Bayern, Witwe des 1909 verstorbenen, jahrzehntelang als bewährter Augenarzt tätig 
gewesenen Herzogs Karl Theodor, mit königlicher Genehmigung eine Stiftung 
mit der Benennung »Augenklinik Herzog Karl Theodor« mit dem Sitze in 
in München errichtet durch Überlassung des Hauses Nr. 43 der Nymphenburger- 
straße in München mit einem erheblichen Geldbetrage zur dauernden Fortführung 
der vom Herzog seinerzeit in jenem Hause errichteten Augenklinik, in erster Linie 
als Wohltätigkeitsanstalt für unbemittelte Augenkranke bayerischer Staatsangehörig- 
keit, zur Gewährung on Freiplätzen oder ambulatorischer Behandlung bemittelter 
Kranker gegen Entgelt. Die Herzogin stand bekanntlich selbst ihrem Gemahl lange 
Jahre bei Ausübung seiner augenäi ztlichen Tätigkeit helfend zur Seite und ist jetzt 
seit Kriegsausbruch als Krankenschwester tätig. 



Seite 830. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. 11. Nummer. 

— Neue Behandlung der Nachtblindheit, Die »Wiener Klinische 
Wochenschrift« veröffentlicht die Beobachtungen des Wiener Privatdozenten Dr. Emil 
Zak aus dem Gefangenenlazarett in Pensa (Rußland). Dr. Zak konstatierte in den 
Frühlingsmonaten 1916 auffallend viele Fälle von Nachtblindheit und von Skorbut. 
Er brachte in Erfahrung, daß in Rußland die Nachtblindheit unter den Bauern nach 
der strengen österlichen siebenwöchigen Fastenperiode auttritt und als »Hühner- 
blindhcit« bekannt ist. Die Bauern heilen sie durch das Auflegen und den Genuß 
roher Tierleber. Dr. Zak erkannte sofort, daß diese Erkrankungen mit dem Mangel 
frischer Nahrung, besonders des frischen Gemüses und Obstes zusammenhängen 
mußte. Er verwendete als Heilmittel den Preßsaft frischer Mohrrüben mit ausge- 
zeichnetem Erfolge bei beiden Krankheiten. Die sogenannten gelben Rüben wurden 
gereinigt und zerkleinert und dann mit Hilfe eines Tuches ausgepreßt; es resultierte 
ein gelblicher, angenehm riechender Saft von gleichem Geschmack wie die Rübe 
und etwas süßer als diese. Es wurde der Preßsaft von 200 bis 400 Gramm roher 
Rüben einmal im Tage, gewöhnlich des Morgens, verabfolgt. Es sei erwähnt, daß 
der Saft der gelben Rübe in Rußland eine große Beliebtheit genießt. Er gilt als 
Hausmittel bei anämischen Zuständen. In der Absicht und zu dem Zwecke, wie es 
Dr. Zak getan hat, ist er noch nicht in Anwendung gekommen. Es zeigte sich 
nun, daß schon nach kurzem Gebrauche dieses Mittels die Kranken besser sahen 
und dann sehr rasch wieder das normale Sehvermögen auch bei vermindertem 
Lichte auftrat. Später kochte er die Rüben durch fünf Minuten und konnte den 
gleichen Heileffekt erzielen. 

— Verschnappt. Einen blinden Bettler fragte eine Dame nach dem Lah- 
men, der ihn sonst ständig zu begleiten pflegt. »Ich weiß nicht, wo der Kerl steckt«, 
sagt der Blinde, »ich habe ihn seit ein paar Tagen selber nicht gesehen!« 



Bücherschau. 

— G. Roßka: Theoretisch praktische Klavierschule für den 
Blindenunterricht mit besonderer Rücksicht auf teilweisen Selbstunterricht erwach- 
sener Blinder. Dies ist der Titel eines Werkes, welches zu verfassen, sich der lang- 
jährig in Musikunterricht tätige Musiklehrer Gustav Roßka in Wien zur Aufgabe 
gestellt hat. Folgende Ziele schwebten ihm dabei vor: 

1. Zusammenstellung eines für den blinden Anfänger geeigneten Übungsstoffes. 

2. Schaffung einer zweckmäßigen Unterrichtsmethode. Es ist hier nicht der 
Ort über die Art des Anfangsunterrichtes, wie er im Allgemeinen an Blinden-An- 
stalten erteilt wird, zu polemisieren, aber das soll gesagt sein, daß der Anfangs- 
unterricht in vielen F"älien ein besserer und gründlicherer sein sollte. Blinden 
Klavierschülern muß der Anfangsunterricht entschieden anders erteilt werden, als 
dies bei sehenden Seh ilern geschieht, und es sollten füglich dazu nur solche Lehrer, 
die mit den Eigenheiten des Blindenunterrichtes vollkommen vertraut sind, oder 
was am besten wäre, tüchtige blinde Musiklehrer verwendet würden. Ein Hauptfehler, 
der beim Anfangsunterricht begangen wird, ist der, daß die Anfängerstufe ganz ohne 
Notenkenntnis durchgemacht werden muß, weil die Notenschrift erst in einer hö- 
heren Klasse als besonderer Gegenstand gelehrt wird. Dies hat zur Folge daß es 
blinde Klavierspieler gibt, welche die Notenzeichen sehr gut lesen, auch ihre 
Bedeutung erklären können, aber nicht imstande sind, daß Gelesene auf das Klavier 
zu übertragen. Ein Instrument spielen und Noten lesen sind zwei Dinge, die zusam- 
men gehören, daher gleichzeitig begonnen und nebeneinander fortgeführt werden 
müssen. Wer mag dies bestreiten ? Endlich ist auch das Vergessen des Übungs- 
stoffes von einer Lektion zur andern ein Übel, das nicht existieren würde, wenn 
die Art und Weise des Erlernens eine andere als die bisherige wäre. 

All diesen Mängeln will nun der genannte Musiklehrer in seiner Klavierschule 
für den Blindenunterricht Abhilfe schaffen, indem er unter Benützung von Unter- 
richtswerken der besten Klavierpädagogen einen systematisch geordneten, für den 
Blindenunterricht geeigneten d. h. des Auswendiglernens werten und nicht über- 
mäßig großen Übungsstoff zusammengestellt hat und diesen Übungsstoff auf eine 
Art beibringt, die es ihm ermöglicht, gleich von allem Anfang an die Notenschrift 
zu benützen. Hand in Hand mit den Übungen am Klavier gehen die theoretischen 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. r. Horratb, F. Uhl, — Druck Ton Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



Kenntnisse, welche aus der allgemeinen Musik- und der Harmonielehre bestehen 
und zwar so, daß der Schüler für jede Lektion neben den Übuny;en und Tonstücken 
auch aus diesem Gegenstand sein Pensum durchzuarbeiten hat. Dieser ganze theo- 
retisch-praktische Lehrstoff reicht vom ersten Anfang bis zur Mittelstufe, also bis 
dorthin, wo der Schüler alle Grundspielarten ausführen kann und sich der Blinden- 
unterricht von dem der Sehenden nicht mehr wesentlich unterscheidet. Die Noten- 
schrift lernt der Schüler natürlich nicht auf einmal, sondern in kleinen Lektionen, 
immer nur so viel, als er für den Augenblick braucht. 

Der Vorgang während der Klavierstunde ist nach dieser Schule folgender : 
Wenn der Schüler nach einigen Lektionen, in denen er die Grundbegriffe der 
Musik und der Notenschrift zu lernen hat, bei der ersten Aufgabe angelangt ist, 
wird diese ihm vom Lehrer eingehend bis zum vollkommenen Verstehen erklärt. 
Ist das geschehen, so hat der Schüler die Noten des Spielstoffes dreimal zu lesen, 
und zwar so, daß er beim ersten Mal bloß liest, beim zweiten Male aber das Gele- 
sene gleichzeitig mit der freien Hand spielt und dazu nach der vorgezeichneten 
Taktart zählt. Sodann spielt der Lehrer das zu Übende so vor, wie er es in der 
nächsten Klavierstunde vom Schüler zu hören wünscht und überläßt ihm schließlich 
die Aufgabe zum Alleinlernen. In der nächsten Klavierstunde spielt dann der Schüler 
vor, was er gelernt hat, der Lehrer gibt sein Urteil darüber ab, verbessert ihm die 
etwa gemachten Fehler, wiederholt mit einigen Fragen die Theorie der erlernten 
Aufgabe und behandelt dann die neue Aufgabe, wie die vorhergehende. 

Diese Art des Lernens fördert wesentlich den Klassenuntei rieht, indem der 
Schüler den größtmöglichen Nutzen aus der Stunde ziehen kann: Alle am Unter- 
richt beteiligten Schüler werden gleichzeitig während der ganzen Stunde beschäftigt, 
der Unterricht gewinnt Leben und wird tür den Schüler und Lehrer interessant. 

Alles was über dieses Werk noch gesagt werden muß, ist im Vorwort nieder- 
gelegt. Wer sich hi-für interessiert der wende sich mündlich oder schriftlich an 
nachstehende Adresse, wo nähere Auskunft bereitwilligst erteilt wird. Gustav Roßka, 
Wien V., Reinprechtsdorterstraße 3, 3. Stock Tür 41. 

— Dr. W. Kammel: Das pädagogisch-psychologische Labora- 
torium an der n. ö. Landes-Lehrerakademie in Wien. Der Bericht 
über das 4. Studienjahr zählt von den derzeit geführten 51 Protokollen jene auf, 
die im abgelaufenen Jahre gefördert, bezw. neu angelegt worden sind. Mit Genug- 
tiung wird auf die rege Anteilnahme der Lehrerschaft an den Vorlesungen des 
Leiters Dr. W. Kammel und besonders auf die spontan übernommenen wissen- 
schaftlichen Arbeiten mehrer^T Lehrpersonen verwiesen. 

— A. Rappawi: »Soldatenlieder« und » Beiisa r.« Der als k. u. k. 
Leutnant gegenwärtig dem Kriegsblindenheim in Wien XIII zugeteilte Verfasser hat 
in den »Soldatenliedern« eine Reihe stimmungsvoller Kriegslieder gegeben, während 
»Belisar« Gedichte zur Erinnerung an die werktätige Fürsorgearbeit zugunsten der 
im Weltkriege erblindeten österreichischen Soldaten enthält. Eine Probe daraus 
bringen wir an anderer Stelle Beide Büchlein sind durch den Verfasser in Brunn, 
Zeile 59, gegen Einsendung von 1 Krone zu beziehen. 



Bürklen Karl : Das Tastlesen der Blindenpunktschrift. 

Nebst Beiträgen zur Blindenpsychologie von P. Grasemann- 
Hamburg, L. Cohn-Breslau, W. Steinberg. VII, 93 Seiten 

mit 6 Abbildungen im Text und 6 Tafeln, 
Leipzig, Barth, 1917 M 5.— 

(Beiheft 16 zur »Zeitschrift für angewandte Psychologie« heraus- 
gegeben von L. William Stern und Otto Li p mann). 

Inhalt: Das Tastiesen der Blindenpunktschrift nach besonderen Versuchen 
zu dessen Erforschung von K. Bürklen. Eine Untersuchung über das 
Lesen der Blinden von P. Grasemann. — Beiträge zur Blindenpsydio- 
iogie von L. Cohn. — Der Blinde als Persönlichkeit von W. Steinberg. 



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Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



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ganzjährig mit 
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4 Kronen, 
Einzelnummer 

40 Heller. 



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4. Jahrgang. 



Wien, Dezember 1917, 



12. Nummer. 



INHRLT: Ein neues Fachwerk. Der Blinde des Orients im Spiegel des morgen - 
ländisdien Schriftums. Petition, betreffend die Erriditung einer Zentralstelle 
für das Blindenwesen im Ministerium für soziale Fürsorge. J. Kneis, Pur- 
kersdorf: Kleine Anregungen. Fragen bei der Lehrbefähigungsprüfung für 
den Blindenunterricht. Errichtung einer Militärblindenanstalt in Lemberg. 
H. Gutberler: Der Blinde. Esperanto und die Blinden. Personalnachrichten. 
Für unsere Kriegsblinden. Briefkasten. Bücherschau. (Ankündigungen). 



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B= 



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^"'Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreidiische ^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien Vlll, 
t] Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. 5 

^ -^ 



Dr^ 



B= 



Altes und Neues. 

Esperanto und die Blinden. 

Die Vorkämpfer des Esperanto — so auch N. v. Brett mann 
in Dresden — weisen immer von neuem auf die Bedeutung dieser 
internationalen Hilfssprache für die Blinden hin. So führt dieser Espe- 
rantist aus: 

Die Herstellung von Blindenbüchern, aus denen die Blinden 
Belehrung und Genuß schöpfen, ist kostspielig, schon darum, weil es 
sicli immer nur um eine kleine Auflage handeln kann, es sei denn, 
daß man den Kreis der blinden Leser möglichst groß zu machen 
versucht. Dies kann geschehen, wenn man die Blinden der ganzen 
Welt zusammenfaßt und zu der gemeinsamen Blindenschrift noch 
die gemeinsame Blindensprache hinzufügt. Hier tritt nun Esperanto 
in die Lücke. 

Kann man sämtliche Blinde veranlassen, sich die so leicht 
erlernbare und überaus den Geist anregende Hilfssprache anzueignen, 
die schon in der ganzen Welt bekannt ist und mehr oder weniger 
gebraucht wird, und wird man dann die Blindenbücher in dieser 
Sprache herstellen, dann hat man mit einem Schlage einen großen 
Leserkreis und eine umfangreiche Literatur. 

In Österreich ist es der blinde Musiker Ignaz Krieger, der 
in unermüdlicher Weise seinen Schicksalsgenossen die Vorteile des 
Esperanto vor Augen zu führen sucht. Krieger befaßt sich nicht nur 
seit Jahren mit dieser Sprache, sondern ist durch eine im Mai 1. J. 
abgelegte Prüfung als Lehrer für Esperanto an allen öffentlichen 
Bürger- und Mittelschulen befähigt worden. Es zeigt von seinem 
Fleiß und seiner hervorragenden Intelligenz, daß er unter 13 sehen- 
den Teilnehmern aus der Wiener Lehrerschaft diese Prüfung mit 
Auszeichnung ablegen konnte. 

Krieger 's Bestreben ist es, Esperanto unter den Blinden 
Österreichs möglichst zur Vorbereitung zu bringen und scheut dies- 
bezüglich keine Mühe. Die vielen praktischen und ideellen Erfolge 
des Esperanto unter den Blinden, die leichte Erlernbarkeit und Ein- 
fachheit, vor allem aber die Fülle von Anregung für Geist und Herz 
des Blinden, die Schärfung des Verstandes und Präzisierung im Ge- 
dankenausdruck, was alles der Blinde dem Esperanto danken könnte, 
haben in allen Blinden die sich schon ernstlich mit Esperanto beschäf- 
tigen, die feste Zuversicht begründet, daß das Esperanto in die 
Blindenwelt Eingang finden wird und muß. So möge das endlich auch 
in Österreichs Blindenschulen zur Tatsache werden, was sich anderswo 
schon durchgesetzt hat. 

fln unsere Leser! 

Mit vorliegender Nummer schließen wir den IV. Jahrgang unserer 
Zeitschrift. Der vollständige Jahrgang 1917 legt neuerlich Zeugnis ab von 
dem ernsten Bestreben der Schriftleitung, unser Fachblatt immer weiter 
auszugestalten und nicht nur das Interesse der Fachkollegen sondern auch 
fernerstehende Kreise zu erwecken. Hls deutliches Zeidien dieses Erfolges 
ist ein starker Zuwachs in der Hbnehmerzahl unserer Zeitschrift fest- 
zustellen. Es geht also vorwärts und aufwärts ! 

Allen unseren Lesern herzliche Weihnachtsgrüße! 

(Die Schriftleitung). 




4. Jahrgang. Wien, Dezember 1917. 12. Nummer. 



^ »Oft weicht der Blinde einer Grube aus, in die der ^ 

S Sehende fällt.« Arabisches Sprichwort. ^ 



Ein neues Fachwerk! 

(Zu dem Buche von K. Bürklen: Das Tastlesen u. a.) 

Es war mir eine der erfreulichsten Überraschungen, in einer Zeit, 
die alle friedliche; tachwissenschaftliche Betätigung unmöglich zu machen 
schien, diese Neuerscheinung auf dem Gebiete der Blindenpsychologie 
in die Hand zu nehmen. Sind doch über 20 Jahre vergangen, seit 
Dr. Th. Hellers Studien zur Blindenpsychologie erschienen sind und 
uns nun ein neues Werk dieses Faches dargeboten wird. Grund genug 
zur Freude, ehe man noch den Inhalt des Buches näher kennt. 

Die Namen der Verfasser (Bürklen — Grasemann — Dr. C o h n, 
— Steinberg) überraschen in ihrer Zusammenstellung ebenso auf 
das Angenehmste. Erinnern wir uns doch, daß die beiden erstem bereits 
an verschiedenen Stellen für die Einführung psychologischer Experi- 
mente in den Blindenunterricht eingetreten sind und bereits mit dem 
besten Beispiele vorangegangen sind. Nicht weniger wertvoll erscheint 
es uns, mit den beiden letzten Namen zwei"Vertreter der Blinden selbst 
das Wort nehmen zu sehen. 

Das Stoftgebiet, das Bürklen und Grasemann mit dem >Tast- 
lesen« sich erwählt haben, ist eines der interessantesten der Blinden- 
psychologie, welches nicht nur Fach- sondern auch weitere Kreise zu 
fesseln vermag. Professor Dr. Stern, der sich mit der Herausgabe der 
Abhandlungen ein großes Verdienst und unseren besonderen Dank 
erworben hat, bezeichnet als den Hauptteil des Buches die systemati- 
schen experimentell-psychologischen Uutersuchungen von Bürklen über 
die Vorgänge und die Ökonomie des Tastlesens der Punktschrift. Die 
Arbeit Grasemanns steht der Hauptabhandlung inhaldich nahe und 
ist geeignet, diese nach einer bestimmten Seite hin zu ergänzen. 



Seite 836. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 12. Nummer. 

Einen anderen Charakter haben die beiden aus Vorträgen hervor- 
gegangenen Aufsätze von Dr. Cohn und Steinberg. Die Verfasser 
sind akademisch gebildete BUnde, die auf Grund ihrer Selbstbeobach- 
tung sowie vielseitigen Erfahrungen an Schicksalsgenossen einen 
Gesamtüberblick über die Eigenart der Blindenpsyche zu geben 
versuchen. 

Die umfangreiche Abhandlung von Bürklen erlaßt das Problem 
des »Tastlesens« in seiner Gänze. Nach einer kurzen Entwicklungs- 
geschichte der Blindenschrift (mit einer wertvollen Tafel) berührt er die 
besondere Eignung der Punktschrift für das Tastlesen, beschreibt das 
Leseorgan, den Vorgang beim Lesen und gibt eine Charakteristik der 
Punktschrift. Seine früheren Untersuchimgen über die Lesbarkeit der 
einzelnen Punktschriitzeichen, die ein lang eingelebtes Urteil umstießen, 
waren uns bereits aus dem »Blindenfreund« (1913) bekannt. Völlig neu 
sind die von ihm angestellten Versuche zur Aufzeichnung der Tast- 
bewegungen, lür die er eine besondere Methode mittelst des von ihm 
erfundenen »Tastschreibers« aufstellt. Es liegen damit die ersten bild- 
lichen Wiedergaben der Tastbewegungen vor, deren Betrachtung wert- 
volle Aufschlüsse gibt. Bei entsprechender Ausbildung dieser Methode 
können wir ein vollkommen klares und getreues Bild der äußerlichen 
Bewegungen der lesenden Finger erhalten. 

Ebenso neu ist die vom Verfasser zuerst vorgenommene Auf- 
zeichnung der Druckstärke beim Tastlesen, die uns ebenfalls auf einer 
Tafel dargeboten wird. Die Leseproben inbezug auf die Leseflüchtigkeit 
der Punktschrift umgrenzen diese zum erstenmale näher. Die Verän- 
derungen der Tastfähigkeit während des Lesens wurden durch das 
Aesthesiometer geprüft. Schließlich bespricht der Verfasser die neueren 
Forschungen über die Tastempfindungen und das Augenlesen und gibt 
eine übersichtliche Zusammenfassung der Versuchsergebnisse. 

Einzelne dieser Ergebnisse, wie z. B. über die Ermüdung beim 
Tastlesen, sind so überraschende und befinden sich in einem solchen 
Widerspruch zu den Erfahrungen des Fachmannes, daß man sie gerne 
durch Nachprüfungen bestätigt sehen möchte. Es klingt wohl sehr be- 
scheiden, aber darum umso überzeugender, wenn der Verfasser in 
seiner Einbegleitung seine Arbeit durchaus nicht als vollkommen und 
abgeschlossen, sondern nur als grundlegend für weitere Forschungen 
bezeichnet. Es wäre daher nur erfreulich, wollten andere Fachleute 
seinen Anregungen folgen und mithelfen, Klarheit in so manchen 
noch dunklen Punkten zu schaffen. Am dringendsten erscheint mir die 
bereits angedeutete Gewinnung einer Normalgröße für die Punktschrift, 
die den großen Unterschieden in der Schriftgröße unserer Punktdruck- 
bücher ein Ende bereiten würde. 

In allem bietet die Abhandlung von Bürklen über das Tastlesen 
soviel des Neuen und für den Fachmann Wertvollen, daß sich aus ihr 
nicht nur für die Punktschrift selbst, sondern auch für das Lesen und 
Lesenlernen derselben wichtige Folgerungen ergeben werden. 

Auch Grasemann stellt im Anhange zur ersten Abhandlung 
eine Untersuchung über das Lesen an und zwar hauptsächlich im Hin- 
blick auf das beidhändige und einhändige Lesen. Er stellt die Über- 



12. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 837. 

legenheit des linken Zeigefingers als Lesefinger über den rechten Zeige- 
finger fest, untersucht den Wert des beidhändigen Lesens und zieht 
aus den Ergebnissen Folgerungen für die Methodik des Tastlese- 
unterrichtes. 

Wie schon erwähnt wurde, geben die Abhandlungen von Dr. Cohn 
»Beiträge zur Blindenpsychologie« und von Stern berg »Der Blinde 
als Persönlichkeit« einen Gesamtüberblick über die Eigenart der Blin- 
denpsyche. Sehr richtig bemerkt der Herausgeber hiezu : »Hierbei 
gewinnt die Nebeneinanderstellung der b^ iden Sclülderungen dadurch 
an Interesse, daß die Verfasser augenscheinlich verschiedene Ideale 
vertreten, während der eine die Kluft, die zwischen dem Blinden und 
dem Sehenden besteht, möglichst zu verringern strebt, betont der 
andere mit vollem Bewußtsein die vorhandenen Verschiedenheiten und 
fordert die Entwicklung einer besonderen, dem Erleben des Blinden 
angemessene, Persönlichkeitsform. Mir scheint, daß dieser Gegensatz 
selbst psychologischer Natur ist ; vermutlich gehören die beiden Ver- 
fasser verschiedenen Typen an, die beide in der Blindenwelt zahlreiche 
Vertreter haben. Eine solche Typenscheidung könnte gerade in unseren 
Zeiten besondere Bedeutung gewinnen, da es sich darum handelt, die 
zahlreichen Kriegsblinden in ihrem Seelenleben richtig zu verstehen 
und entsprechend zu behandeln.« 

Als alter Fachmann kann ich das tatsächliche Vorhandensein 
dieser zwei grundsätzlich verschiedenen Blindentypen bestätigen. Ein 
tieferes Eindringen in deren Eigenarten würde nicht nur den Kriegs- 
blinden zugute kommen, sondern könnte auf die gesamte Blinden- 
bildung und Erziehung umgestaltend einwirken. 

Ich muß nochmals betonen, mit welcher Freude ich das neuer- 
schienene Werk durchging und immer wieder zur Hand nehme. 
Erscheint es mir doch wie eine Verheißung, neues, geistiges Leben 
auf unserem Gebiete erblühen zu sehen. Die Verfasser können stolz 
darauf sein, es mit ihrem bedeutungsvollen Werke eingeleitet zu haben. 

Ein alter Fachkollege. 

Der Blinde des Orients im Spiegel des 
morgenländischen Schrifttums. 

(Schluß.) 

In der »Geschichte des Lastträgers und der drei 
Schwestern« treten drei Bettler auf, die durch ein wunderbares 
Zusammentreffen auf dem linken Auge blind sind. Der erste ein 
Königssohn, schoß einem Wesir ein Auge aus. Diese Tat rächte sich 
nach dem Tode des Königs. Der Wesir ließ den Sohn gefangen 
nehmen und wollte ihn köpfen lassen, denn welche Schuld ist größer, 
als diese, sagte er, indem er auf sein ausgelaufenes Auge zeigte. 
»Ich habe das nicht mit Absicht getan« erwiderte der Gefangene. 
Der Wesir aber antwortete: »Hast du es unabsichtlich getan, so tue 
ich es jetzt mit Absicht« und rief: »Führet ihn heran zu mir!« Wie 
der Gefangene nun vor ihn hingestellt wurde, stieß er seine Finger 



Seite 838. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 12. Nummer. 

in dessen linkes Auge, daß es von Stund an blind war. Der zweite 
Bettler, ebenfalls ein Königssohn, büßte ein Auge im Kampfe mit 
dem bösen Ifrit, der als Feuerlohn über ihn kam ein, der dritte 
Bettler — auch er ein König und Königssohn, verlor, wie zehn Jüng- 
linge vor ihm, ein Auge durcli ein wildes Zauberpferd, weil er sich 
nicht vierzig Tage gedulden konnte und in Ungeduld ein strenges 
Verbot übertrat. 

Die »Weisheit des Brahmanen« gibt folgenden Trost für den 
Verlust eines Auges. 

»Laß trösten dich, mein Sohn, um eines Aug's Verlust! 

Bewahr doppelt rein den Sinn in deiner Brust! 

So wird der Himmel voll dir durch ein Auge strahlen, 

Und sanft auf Seelengrund das Bild der Welt sich malen ! 

Das ist dir besser, als wenn unversehrt vom Leibe, 

Von Leidenschaft getrübt, du hättest alle beide.« 

So sehr in den morgenländischen Schriften Lob und Preis 
der edlen Gottesgabe, des Augenlichtes, wiederklingt, so finden sich 
doch wieder Stellen, wo es freiwillig hingegeben erscheint für eine 
innerliche Einkehr zu sich selbst und zu Gott. So wird berichtet, 
daß Thabit el Banani weinte, bis er fast das Augenlicht verlor. 
Als man ihm nun einen Arzt brachte, und dieser zu ihm sagte : »Ich 
will dich unter der Bedingung heilen, daß du mir gehorchst,« fragte 
Thabit: »Was ist's?« Der Arzt antwortete: »Daß du nicht mehr 
weinst.« Da sagte Thabit: »Wozu nützen denn meine Augen, wenn 
sie nicht mehr weinen sollen?« 

Oft genug soll es bei fanatischen Mekkapilgern vorgekommen 
sein, daß sie sich die Augen ausstechen, damit sie das irdische Wesen 
nicht mehr anschauen müssen. Daß aber der unverschuldet Blinde 
ebensowenig wie der Taul)e, ja selbst der Taubblinde, von den 
Freuden der Erde gänzlich ausgeschlossen ist, sagt uns die »Weis- 
heit des Brahmanen« in folgenden Versen: 

Den höchsten Menschensinn, das Augenlicht, zu missen, 
Gefangen wohnend in beständ'gen Finsternissen. 

Ist doch, Erfahrung spricht, das höchste Unglück nicht, 
Weil inneres ersetzt das äußerliche Licht. 

Der Blindgewordene sieht in Erinnerungen, 

Der Blindgeborene wird doch vom Licht durchdrungen ; 

Dolmetschen kannst du ihm den Strahl, der ihn berührt, 
Daß er ein geistig Bild der Welt in ihm aufführt. 

Im Worte wird ihm kund die Weisheit aller Weisen, 
Er kann mit Dichtermund die Wunder Gottes preisen. 

Doch diesen andern Sinn zu missen, den im Ohr, 
Entbehrend ewigen Weltharmonienchor; 

Verlust, der schwerer schien, ersetzen kann auch ihn 
Teilnahme doch der anschaubaren Harmonien. 



12. Wummer. Zeitschrift für das österreichische Blindcnvvesen. Seite 839. 

Des Menschen Auge spricht dir und des Frühlings Trift, 
Die Sprache spricht dir selbst in ihrem Bild, der Schrift. 

Dem Taubgebornen auch, und darum stumm geboren, 
Ist alle Fähigkeit der Bildung nicht verloren. 

Zum Handeln kannst du ihn, zum Denken auch erziehn ; 
Gewiß zum Dichter nur erziehst du niemals ihn. 

Wer aber blind und taub zugleich ist uranfänglich. 

Der höhern Menschheit scheint er Menschen unempfänglich. 

Gott, der ihn so gemacht, empfänglich wird er machen 
Ihn aus der Doppelnacht hier oder dort erwachen. 

Wer blind und taub nur ward, kann fort das Feuer schüren 
Im Innern, mag man auch nach außen es nicht spüren. 

Der Muschel gleich im Schlamm, Licht saugen mit Begier, 
Das zu viel schönrer Perl' in ihm wird als in ihr. 

So sah ich einen Greis, an Aug' und Ohr verwittert, 
Von Lustentzückungen im Frühlingshain durchzittert. 

Der Blüten Duftgeruch, der Abendlüfte Wehn 

Macht' ihm den Mund voll Preis, das Aug' in Thränen stehn. 

Er sog, was er nicht sah, und roch, was er nicht hörte. 
Und fühlte Vollgenuß und Andacht ungestörte. 

So schön ist Gottes Welt, daß auch ein leises Flüstern 
Von ihr der Blindheit kann und Taubheit Nacht entdüstern. 



Petition, betreffend die Erriditung einer Zentralstelle für das 
Blindenwesen im Ministerium für soziale Fürsorge. 

Nachstehende Petition wurde vom »Zentralverein für das öst. 
Blindenwesen« dem Herrenhause und dem Abgeordnetenhause 
unterbreitet und dem k. k. Minister für soziale Fürsorge überreicht. 

Die Rückständigkeit unseres österreichischen Blindenbildungs- 
und Fürsorgewesens hat vor allem ihren Grund darin, daß die Staats- 
regierung diesem Gebiete der sozialen Fürsorge bisher nicht jenes 
Augenmerk zugewendet hat, welches dasselbe seit langer Zeit verdient. 
Nicht nur, daß die Regierung die Fürsorge dieser Viersinnigen den 
Ländern bezw. Gemeinden überwies und sich selbst zu keinerlei 
Leistungen hiefür verpflichtete, fehlte bisher auch jede Initiative von 
dieser zur Führung berufenen Stelle aus. Die Regierung besaß andrer- 
seits auch nicht die Macht, die Landes- und Gemeindeverwaltungen zur 
Erfüllung der denselben übertragenen Blindenfürsorge zu verhalten 
und so kommt es, daß die Blindenfürsorge — mit Ausnahme des 
Blindenunterrichtswesens in einzelnen Kronländern — heute eben 
noch so wie zur Zeit ihrer Begründung vor mehr als hundert Jahren 
auf den Wohltätigkeitssinn der Allgemeinheit angewiesen ist und 
aus diesen Quellen die Mittel zu einer notdürftigen Erfüllung schöpfen 
muß. Wie sehr auch die Opferwilligkeit der breiten Öffentlichkeit be- 



Seite 840. Zeitschrift das für österreichische Blindenwesen. 12. Nummer. 

sonders den Blinden gegenüber hervorgehoben und gerühmt werden 
muß, sind die von ihr aufgebrachten Mittel doch für eine zureichende 
Fürsorge für die große Masse der Blinden, zu denen heute noch die 
Kriegsblinden treten, nicht zureichend. Die bestehenden Fürsorge- 
institutionen entsprechen dem Bedarf in keiner Weise und sind in 
ihrer Organisation infolge einer behinderten Entwicklung zum größten 
Teile veraltet. Schließlich hat sich durch die Mitwirkung verschie- 
ster Stellen eine unheilvolle Zersplitterung des vaterländischen Blin- 
denfürsorgewesens ergeben, die eine gedeihliche Zusammenarbeit 
nicht aufkommen läßt. Als Beispiel hiefür kann auf die erst seit dem 
Weltkriege sich entwickelnde Kriegsblindenfürsorge verwiesen werden, 
welcher bisher eine Summe von über fünf Millionen Kronen zugeflossen 
ist, während die auf diesem Gebiete erzielten Leistungen durchwegs 
sehr bescheidene sind und mit der Opferwilligkeit der Allgemeinheit 
nicht in Vergleich zu bringen sind. 

^s wäre daher höchste Zeit, diesen krassen Mängeln unseres 
österreichischen Blindenfürsorgewesens von Grund aus abzuhelfen und 
dasselbe auf eine' vollständig neue Grundlage zu stellen, indem der Staat 
die Führung auf diesem Gebiete übernimmt. Mit der Errichtung des 
Ministeriums für soziale Fürsorge zeigt der Staat, daß er den Weg 
einer tiefgreifenden Reform auf dem bezogenen Gebiete beschreiten 
Avill. Unter Hinweis darauf, d^Q die Blindenhilte ein wichtiger Teil 
der allgemeinen Fürsorge ist und das große Unglück der Blindheit 
den größten Anspruch auf die Hilfsbereitschaft der Allgemeinheit 
besitzt, unterbreitet der »Zentralverein für das österrei- 
chische Blindenwesen«, welcher alle Blindenfürsorge- 
Institutionen Österreichs umfaßt, gemeinsam mit dem 
»I. Österreichischen. Blindenverein« die Anregung zur Er- 
wägung, in dem neu zu errichtenden Ministerium für 
soziale Fürsorge eine »Zentralstelle für das österreichi- 
sche Blindenfürsorgewesen« zu schaffen und damit die 
zielsichere Führung auf diesem Gebiete zu übernehmen. 

Die dem Ministerium für soziale Fürsorge zugewiesenen Auf- 
gaben der Jugendfürsorge, der Fürsorge für die Kriegsbeschädigten, 
der Sozialversicherung, des gewerblichen Arbeiterrechtes und Arbeiter- 
schutzes, der Arbeitsvermittlung usw. enthalten bereits den größten 
Teil der Blindenfürsorge, so daß die Errichtung einer eigenen Ab- 
teilung für Blindenfürsorge in diesem Ministerium umsomehr gerecht- 
fertigt erscheint und sich eigentlich von selbst ergibt. 

Bezüglich (der Wünsche und Forderungen, welche zur Begrün- 
dung einer modernen Blindenfürsorge in Österreich während der 
letzten Jahrzehnte erhoben wurden und auf deren Erfüllung immer 
noch gewartet wird, sei verwiesen auf die Beschlüsse der Blinden- 
fürsorgetage in Graz (1906) und Wien (1914), auf die Verhandlungen 
der Enquete zur Förderung des Blindenwesens im k. k. Ministpriura 
für Kultus und Unterricht (1909), sowie auf die Petition, betreffend 
die »Sozialversicherung und die erwerbstätigen Blinden« upd die Ein- 
gaben des »Zentralvereines für das österreichische Blindenwesen« an 
verschiedene Behörden. 



12. Nummer. Zcitscliiift liir das (isteneicliische liliiidcnwt sen. Seite 841. 

Aus denselben seien iai Folgenden kurz die wichtigsten hervor- 
gehoben : 

Maßnahmen zur Verhütung der angeborenen und erworbenen 
Blindheit. Fürsorge für die vorschulpflichtigen blinden Kinder 
(Asyle, Kindergärten). 

Durchführung der den Landesverwaltungen übertragenen 
Fürsorge für schulpflichtige blinde Kinder. 

Fürsorgegesetz, welches den Anstaltszwang für schulpflich- 
tige blinde Kinder feststellt. 

Schaffung neuer Erziehungsanstalten für Blinde bezw. 
Erweiterung der bestehenden unter Mithilfe des Staates. 

Förderung und Erweiterung der beruflichen Ausbildung 
der Blinden, 

Beseitigung jener Schranken, welche durch die heutige 
Gewerbegesetzgebung den arbeitsfähigen, zu Handwerkern aus- 
gebildeten Blinden die Gründung einer wirtschaftlichen Existenz 
so wesentlich erschweren. 

Schutz und Förderung der Blindenarbeit, Arbeitsvermittlung 
für erwerbstätige Blinde. 

Begünstigungen für Blinde in ihrer Erwerbstätigkeit sowie 
zur Förderung ihrer beruflichen und geistigen Weiterbildung. 

Förderung der von den Blinden zur Selbsthilfe geschaffenen 
Vereinigungen und deren Einrichtungen {Produktivgenossen- 
schaften, Werkstätten usw.) 

Schaffung von Fürsorgeeinrichtungen, durch welche die 
Existenz der arbeitsunfähigen Blinden sichergestellt wird. Aus- 
bildung eines modernen Fürsorge-Hilfsdienstes für die in freier 
Versorgung stehenden Blinden. Errichtung von Altersheimen 
für Blinde, 

Beseitigung veralteter Vorschriften, welche die Rechts- 
fähigkeit der Blinden beschränken. 

Statistische Aufnahme der Blinden, 

Diese umfassende Arbeit zur Arbeit für alle Blinden Österreichs, 
zu welchen auch die Kriegsblinden zu zählen sind, kann nur durch 
die zielbewußte Tätigkeit einer staatlichen Zentralstelle bewältigt 
werden. Um die unerläßliche Verbindung dieser amtlichen 
Stelle mit den bestehenden Fürsorgeeinrichtungen für 
Blinde und mit den Blinden selbst herzustellen, 
wäre außerdem die Bestellung eines fachmännischen 
Beirates zu empfehlen, der aus Vertretern der Blinden- 
bildungs- und Fürsorge Institutionen, au^ Augenärzten 
und Vertretern der Blinden zusammenzusetzen wäre. 

Nur auf diesem Wege könnte die derzeit an mangelnder Unter- 
stützung seitens der Staatsbehörden und an unheilvoller Zersplitterung 
leidende Blindenfürsorge Österreichs neu aufgebaut und die Grund- 
la-gei^ für eine gedeihliche Entwicklung geschaffen werden. 



Seite 842. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 12. Nummer. 

Kleine Anregungen. 

Von Hauptlehrer J. K n e i s, Purkersdorf. 
Der Gärtner. 

Schon in früheren Jahren wurden und auch derzeit werden in 
einigen Blindenanstalten Versuche gemacht, um zu erproben, ob nicht 
schwachsichtige Zöglinge, deren es in solchen Anstalten ja immer gibt, 
sich für den Beruf eines Gärtners eignen. Bisher sind nur wenige Er- 
fahrungen darüber veröffentlicht, sodaß ein abschließendes Urteil noch 
nicht gefällt werden kann. 

Mit nachfolgenden Zeilen könnte der Anfang zu Besprechungen 
des Gegenstandes gemacht werden und vielleicht, so hoffe ich, den 
Halbsichtigen ein neuer, gesunder und einträglicher Lebensweg geschaffen 
werden. Sollte etwa manch kritisches Wort einfließen, so wolle man 
es nicht persönlich nehmen, weil dadurch der Sache selbst nur gescha- 
det werden könnte. 

Die bisher unternommenen Veruche hatten gewöhnlich folgenden 
Verlauf genommen : Nach Absolvierung der Schulpflicht wurden die 
Zöglinge dem Anstaltsgärtner überwiesen. Es war dies der erste große 
Fehler. Den Anstaltsgärtnern (wenn man von solchen sprechen will, denn 
oft sind es gar keine gelernten Gärtner, sondern Autoditakten) ist bei 
ihrer Aufnahme eine ganz andere Aufgabe gestellt worden ; sie haben 
den Anstaltsgarten zu pflegen und die Anstalt mit Gemüse zu versor- 
gen. Damit hat der Gärtner übrigens genug zu tun und es bleibt ihm 
bei bestem Willen und allem guten Können keine Zeit, sich mit einer 
Anzahl von Schülern zu beschäftigen. Vollsichtige Schüler könnten 
ihm für die verwendete Zeit durch Arbeitsleistung einen teilweisen 
Ersatz schaffen, aber bei den schwachsichtigen Schülern muß er zuerst 
immer noch ein minus überwinden, um plus autbauen zu können, 
d. h. er muß mit dem durch das Gebrechen verursachten Schaden und 
und mit dessen Gutmachung rechnen, bevor er mit der ihm neuestens 
gestellten Aufgabe beginnen kann. So leidet zumeist entweder das not- 
wendige Erträgnis des Anstaltsgartens oder die Erzieheraufgabe. Die 
Erträgnisaufgabe ist für die Ausbildung des Schülers oft dadurch ein 
Hmdernis, daß diese leicht zur Schablonenhaftigkeit gezwungen ist, also 
eine unzulängliche Ausbildung zuläßt. Der Lehrling wird dadurch eine 
Maschine, welche Kraut, Kohl etc. in bestimmter Zeit und Menge liefert, 
aber sich nicht dazu aufschwingen wird, jemals nach einem eigenen 
Plane zu arbeiten. 

Damit kommen wir gleich zum zweiten Nachteil, den eine derar- 
tige Heranbildung zum Gärtner aufweist. 

Der Zögling bleibt zuviel Zögling und ist zu wenig Lehrling. Als 
Zögling unterliegt er, wenigstens in den Grundzügen, der Tageseintei- 
lung der Anstalt; wo man aber die Zügel lockerer läßt, stört er das 
Anstaltsgetriebe. Der Wettergott will sich der von der Lehrerkonferenz 
festgelegten Stundeneinteilung nicht unterwerfen und keine 6 Uhrglocke 
kann für den Gärtner maßgebend sein. Es bleibt der Ausweg, den 
Gärtnerlehrlingen Ausnahmen zu gestatten, was aber wieder eine eigene 
Beaufsichtigung verlangt, denn man kann unmöglich von 15jährigen 
Jungen voraussetzen, daß sie so ernst sind, um nicht die günstige Ge- 



12. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 843. 

legenheit der verminderten Aufsicht auszunützen. Meines Erachtens ist 
durch die Versuche erwiesen, daß sich die nicht blinden, sondern nur 
schwachsichtigen Zöghnge zum Gärtnerberufe eignen und man auch mit 
Rücksicht auf seine Gesundheit den Gärtnerberuf anempfehlen kann. 
Das Verdienst, dies festgestellt zu haben, danken wir einzelnen opfer- 
freudigen Blindenanstalten. Nun soll man den Weg aber weitergehen 
und versuchen, wie weit es der Schwachsichtige unter fachgemäßer 
Anleitung bringen kann. Doch gilt es hier vorerst, einige Hindernisse 
beiseite zu räumen. Wollte man die für den angeführten Beruf geeig- 
neten Zöghnge nach vollendeter Schulpflicht einfach einem Berufsgärt- 
ner aufSerhalb der Anstalt übergeben, so fürchte ich zweierlei : erstens 
wird ein derartiger Gärtner aus Vorurteilsgründen schwer zu bewegen 
sein, einen gewesenen Blindenanstaltszögling als Lehrling anzunehmen 
und zweitens werden Zöglinge wenig Lust daran finden, die Anstalt, in 
welcher sie, wenn sie sich einem in der Anstalt gelehrten Berufe wid- 
men, unentgeltlich und sorgenfrei, weiterleben können, zu verlassen. 
Darin werden sie sicher auch durch ihre Eltern, welche andernfalls 
fürchten, schon jetzt für ihre Kinder Opfer bringen zu müssen, bestärkt. 

Vielleicht liegt der Nachteil im Anstaltsstatut, welches wohl Frei- 
plätze und Stiftplätze in der Anstalt vorsieht, nicht aber die Verwendung 
der darauf entfallenden Beträge für eine zweckmäßigere Ausbildung 
außerhalb der Anstalt zuläßt. Dies, häufig nur eine Formsache, heße sich 
ja ändern. 

Dem Blinden gewährleistet man mit seiner Aufnahme die Möglich- 
keit einer Schul- und einer Berufsbildung und die zuständige Behörde 
bewilligt die dazu notwendigen Mittel! Leider klebt man nun zusehr 
am Wortlaut und scheut eine sinngemäße Auslegung. Der Kostenpunkt 
einer Berufsbildung außerhalb der Anstalt dürfte kaum größer sein, als 
wenn der Zögling in der Anstalt weiter verbliebe. Der ZögHng könnte 
also während seiner externen Lehrzeit von der Anstalt in genügender 
Weise unterstützt werde. 

Zur Vervollkommnung könnte nach beendigter Lehrzeit (3 Jahre) 
ein abschließender Kurs in einer der landwirtschaftlichen Schulen an- 
gestrebt werden. Man braucht nur einen Lehrplan einer derartigen 
Schule zur Hand nehmen und wird aus der Fülle und Manigfaltigkeit 
des Stoffes die Wichtigkeit und Notwendigkeit eines derartigen Kurses 
erkennen. 

Einem so vorgebildeten Gärtner dürfte es nicht schwer fallen, 
einen lohnenden Posten zu finden und mit anderen konkurieren zu 
können. 

Es bliebe noch zu erörtern, was mit den derzeit bei einem 
Anstaltsgärtner in der Lehre stehenden Zöglingen geschehen soll. Auch 
diese Zöglinge sollten nach beendeter Lehrzeit zum Besuch von Kur- 
sen verhalten werden, natürlich auf Kosten der Blindenanstalt d. h. 
des Erhalters. 

Zum Schlüsse ein Wort an die Halbsehenden : Noch liegt Dunkel 
über Eurer Zukunft ; Ihr kennt noch nicht die Erfolge, weil Ihr keine 
voranleuchtenden Beispiele habt, aber wer die Natur liebt, kann kein 
schlechter Mensch werden und wer die Natur betraut, dem gibt sie 



Seite 844. Zeitschrift für das östereichische Blindenwesen. 12. Nummer. 

hundertfach. Der Krieg hat uns gelehrt, wie großen Segen uns Mutter 
Erde bieten kann. Jetzt ist es ein hartes Ringen um die Schätze des 
Bodens, aber der Lohn bleibt nicht aus. Wenn man schon jetzt von 
Lohn sprechen kann, so darf man mit desto größerer Sicherlieit auf 
erhöhten Lohn rechnen. Laßt Euch meine jungen Freunde nicht durch 
den falschen Schluß trügen, der da herumgeschwätzt wird und lautet, 
wer wird sich nach dem Kriege noch mit der Gärtnerei plagen, wenn 
man alles ohnehin billig haben kann. Greift freudig zu, wenn man 
Euch die Gelegenheit bietet, tüchtige Gärtner zu werden. 



Fragen bei der Lehrbefähigungsprüfung für den 
Blindenunterricht. 

Linz, 19. und 2L November 1917. Vorsitzender: K. k. Landes- 
schulinspektor Dr. Franz Rimmer, Prüfungskommissär: Direktor 
Anton M. P 1 e n i n g e r. Beisitzender : Direktor Reg, Rat, J. H a b e n i c h t. 

Schriftlich: 1. Welche Vorschläge für die Erneuerung beson- 
ders der Blindenfürsorge ergeben sich bei der Betrachtung der derzei- 
tigen Bildung der Friedens- und Kriegsblinden ? 2. Die Selbsterziehung 
in der Blindenanstalt. 

Mündlich: 1, Schriften in den gebräuchlichsten Blindenschriften 
und Leseübung darin. 2. Unterricht und Fürsorge der Blinden in 
Oberösterreich und Salzburg. 3. Folgen der Blindheit in geistiger 
Beziehung. 4. Der Muskelsinn der Blinden. 5. Die Naturgeschichte 
in der Blindenschule. Hypothesen über das Seilen. Beide Fragen mit 
Darstellungen. 

Tätige Vorführung: Das Haushuhn. Biologisch an einem 
lebenden Huhn mit Schülern der 3 obersten Schuljahre behandelt. 

P. 

Errichtung einer Militärblindenanstalt in Lemberg. 

In Lemberg wird eine eigene Militärblindenanstalt errichtet. 
Dieselbe bildet eine Unterabteilung der Kriegsinvalidenschule in 
Lemberg. Die Anstalt hat den Zweck, kriegserblindeten galizischen 
und bukowinischen Landesangehörigen polnischer und ruthenischer 
Nationalität Unterricht zu erteilen und sie in einem Blindengewerbe 
auszubilden. Kriegserblindete Israeliten sind nach wie vor im Israe- 
litischen Blindeninstitut in Wien, Hohe Warte, Rumänen im k. k. 
Blindenerziehungsinstitut in Wien, IL, Witteisbachstraße Nr. 5, unter- 
zubringen. 

Die Heeresverwaltung trägt die Kosten der Nachbehandlung 
nur für die Längstdauer von einem Jahre. Mannschaft, die über ein 
Jahr in Sammlung bleibt, ist bei der galizischen Landeskommission 
zur Fürsorge für heimkehrende Krieger anzumelden, die für die 
Bestreitung der weiteren Auslagen Vorsorge treffen wird. 

Zum Leiter der Anstalt wird der zum Blindenlehrer herangebildete 
kriegsblinde Leutnant d. R. Johann Silhan bestimmt. Derselbe wird 



12. Nummer. Zeitschrilt für das österreichische Blindenwesen. Seite 845 

auf Mübilisieruiigsdauer aktiviert und dem Militärkommando in Lem- 
berg für obige Verwenduno^ zur Dienstleistung zugewiesen. Seine im 
Reservcspital Nr. 2 in Wien als Operationsschwester eingeteilte PVau 
Margit Silhan wird der Blindenanstalt zur Betreuung der noch in 
ärztlicher Behandlung stehenden Kriegsblinden ausnahmsweise als 
Assistentin zugewiesen. 

Dem Leutnant d. R. Silhan ist, als Leiter der Anstalt, in 
Bezug auf Unterricht und Ausbildung der Kriegsljlinden sowie hin- 
sichtlich der Fürsorge für dieselben volle Freiheit einzuräumen. Er 
hat auch für Ordnung und Disziplin in der Anstalt zu sorgen. Mit 
dem Kuratorium der gaüzischen Blindenanstalt, der galizischen Landes- 
kommission zur Fürsorge für heimkehrende Krieger, der Kriegsblinden- 
fond's im k. k. Ministerium des Innern und dem Verein »Kriegs- 
blindenheimstätten« in Wien hat er im Interesse der Fürsorge für 
die Kriegsblinden stete Verbindung zu halten. 

Die Erledigung der ökonomisch-administrativen Angelegenheiten 
fällt nicht in seinen Wirkungkreis, hierfür hat das Kommando der 
Kriegsinvalidenschule vorzusorgen. 

Als zweiter Blindenlehrer wird der Landsturmzugsführer Anton 
Spicka des k. k. Landsturmbezirkskommandos Nr. 14 in Brunn, 
Blindenlehrer von Beruf, zugeteilt. 

Das Militärkommando in Lemberg hat vier geprüfte Werkmeister 
(zwei Bürstenbinder und zwei Korbflechter) beizustellen. Weisungen 
bezüglich ihrer Sprachkenntnisse und ihrer Einführung in den Aus- 
bildungsvorgang bei Blinden hat das Militärkommando in Lemberg 
im kurzen Wege erhalten. 

Weiters hat das Militärkommando einen Mann beizustellen, der 
den Blinden Musikunterricht (auf landesüblichen Instrumenten) 
erteilen kann. 

Weiters wolle es dem Kuratorium der galizischen Blindenanstalt 
und insbesondere dessen Präsidenten, Herrn Grafen Stanislaus 
Mycielski, für die dem Kriegsblinden durch zwei Jahre gewährte 
Unterkunft und Ausbildung sowie auch für die Bereitwilligkeit, an 
der Fürsorge künftig werktätig teilnehmen zu wollen, den wärmsten 
Dank des Kriegsministeriums aussprechen. 



Der Blinde! 

Von Heinrich G u t b e r Te t. 

Tag für Tag, ein Knäblein dir zu selten 

Sah ich dich durch stille Gassen schreiten. 

Matt dein Auge, tot des Lichtes Schimmer, 

Und die Menschen sehn dich traurig an, und immer 

Flüstern sie : „O Gott, wie reich wir sind ! 

Seht, o seht, der arme Mann ist blind." 

Und du hörst es und bleibst unverdrossen 
Auf den Stab, den stummen Weggenossen 



Seite 846. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 12. Nummer. 

Fest dich stützend, gehst du ohne Klage, 
Doch um deinen Mund spielt eine Frage 
Und ein Lächeln weich wie Frühlingswind — 
Sind wir wirklich sehend, bist du blind? — 

Du hörst Brunnen in der Tiefe rauschen, 
Kannst den Tönen fremder Sphären lauschen. 
Du siehst Sterne, die wir niemals sehen. 
Du hörst Worte, die wir nicht verstehen. 
Du fühlst Wonnen, die uns ferne sind. — 
Du bist sehend, du, und wir sind blind. 

Deine Seele wurzelt nicht im Staube. 
Dich erfüllt ein kindlich-froher Glaube, 
Ein unnennbar süßes, sel'ges Ahnen, 
Wo wir tasten, siehst du lichte Bahnen. 
Dich umfängt ein Friede, leis und lind. — 
Du bist sehend, du, und wir sind blind. 

Du gehst deinen Weg am sich'ren Stabe. 
Und wir hasten wild nach Gold und Habe. 
Lächelnd senkst du deinen Blick nach innen. 
Und wir jagen mit gepeitschten Sinnen 
Jäh dem Abgrund zu im Schicksalswind. — 
Du bist sehend, du, und wir sind blind. 

Du kehrst heim, wenn sich der Tag gewendet, 
Wir sind pfadlos, wenn dein Ziel vollendet. 
Und wir flehen: »Blinder, woU' uns führen 
Zu der Wahrheit goldnen Himmelstüren, 
Wenn im Dunkel wir verlassen sind!« — 
Du bist sehend, du, und wir sind blind! 

(Vom Fels zum Meer). 

Personalnachrichten. 

— Der Leiter des Salzburger »Blindenheimes«, Herr Ferdinand 
Geig er, hat vor der k. k. Prüfungskommission in Linz die Befähi- 
gungsprüfung für das Blin denlehramt mit Auszeichnung 
abgelegt. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende November 1. J. 

— Neue Freie Presse: 1,800.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 2,800.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 380.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 80.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 27.800 K. 

Herausgeber: Zeutralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Biirklen, 
J. Kneis, A. t. Horrath, F. Uhl, — Druck ron Adolf Engliich, Purkergdorf bei Wien. 



Bücherschau. 

— Einen höchst praktischen Tas ch en ka 1 ender für Blinde hat der in 
allen blindenkreisen seit langem mit Recht sehr beliebte, und mir seit vielen Jah- 
ren als besonders leistungsfähig und rührig bekannte Blindendruck-Verlag J. W. 
Vogel, Hamburg 33, Hufnerstraße 122, in Braille-Kurzschrift für das Jahr 1918 er- 
scheinen lassen, welcher sich als Weihnachtsgeschenk vortrefflich eignet. Ich ließ 
mir ein Exemplar zur Ansicht kommen und habe mich überzeugt, daß dadurch 
einem von allen Blinden lange schon tief empfundenes Bedürfnis in der denkbar 
praktischten Weise entgegenkommen worden ist. Die Anordnung des Kalendariums 
ist höchst übersichtlich, paßt sich jener der Schwarzdruckkalender an, gestattet eine 
schnelle Orientierung; zudem sind die wichtigsten christlichen und israelitischen 
Feiertage angegeben, ebenso die Mondphasen. Da der der Kalender für rcichs- 
deutsche Verhältnisse auch einen Hinweis auf des deutschen Kaisers Geburtstag 
enthält, habe ich bei Herrn Vogel angeregt, daß in den für Österreich bestimmten 
Exemplaren auch ein solcher bezüglich des auf den 17. August fallenden Geburts- 
tages unseres Kaisers hinzugefügt wird, was ohne Schwierigkeit leicht ausführbar 
ist. Am Schlüsse dieses sehr geschmackvoll ausgestattt^ten Büchleins von äußerst 
handlicher Form — es ist ein wirklicher Taschenkalender — l)efindet sich ein Aus- 
zug aus dem reichsdeutschen Postportotarif, der wohl im Allgemeinen für wenige 
Wert besitzt, aber gleich zu Beginn dieses Anhangs ist der Blindendrucktarif er- 
sichtlich gemacht, den auch wir Österreicher uns zu Nutze machen können. Die 
Ziffern der einzelnen Portotarif-Ansätze sind für Deutschland und Österreich die 
gleichen; man braucht sich nur anstatt der Pfennige Heller zu denken. Der Preis 
des Kalenders beträgt bloß 60 Pfennige, also ungefähr eine Krone. 

Hofrat von C h 1 u m e c k y. 

Briefkasten. 

— Blindenfreundin: Eine Umfrage an die Blindenanstalten bezüglich 
der Wiederaufnahme des während des Kiieges unterbrochenen Unterrichtes, Zahl 
der Kinder, welche keinen Unterricht genießen usw. wird wohl besser nach dem 
Kriegsende zu verschieben sein. Soviel uns bekannt ist, haben folgende Anstalten 
Isr. Institut in Wien, Landesanstalt in Purker^-dorf, Odilienanstalt in Graz, Privat 
Blindeninstitut in Linz, Blindeninstitut in Innsbruck und die Blindenschule in Aus- 
sig ihren Unterricht während der Kriegszeit überhaupt nicht unterbrochen und auch 
nicht wesentlich beschränkt. Von jenen Anstalten, die den Unterricht und die Neu- 
aufnahme von Kindt-rn zu Beginn des Krieges einstellten, .sind einzelne noch nicht 
im Betriebe, so Czernowitz, Lemberg, Brunn und Klagenfurt. Das k. k. Blinden- 
institut in Wien hat den Unterricht in stark beschränktem Umfange (mit 3 Klassen) 
wieder aufgenommen. 

— Mehrere Kriegsblinde: Die für Kriegsblinde gesammelten Gelder 
sollen an den Kriegsblindenfonds im Ministerium des Innern und das Kriegsfürsorge- 
amt abgeführt werden. Der Kriegsblindenfonds weist die Verwendung der Gelder 
aus. Ebenso der Verein »Kriegsblindenheimstätten.« Wie das Kriegsfürsorgeamt 
die Spenden ihrem Zwecke zuführt, ist uns unbekannt. Die Hötzendorfstiftung für 
Kriegsblinde besitzt wohl eigene Satzungen. Ob Beträge hieraus bereits zur Ver- 
wendung kamen, ist uns ebenfalls unbekannt. 

— An unsere Mitarbeiter: Es wird um Entschuldigung gebeten, daß 
aus Raummangel mehrere Beiträge für die ersten Nummern des nächsten Jahrgan- 
ges zurückweisen mußten. 

Zu unserer Beilage. 

Der heutigen Nummer liegt ein Heftchen: Vorlagen für das 
Bauen mit Zündholzschachteln von Fr. Demal bei, das wir 
unseren geehrten Abnehmern als unentgeltliche VVeihnachtsgabe wid- 
men. Es wird gewiß bei jedem wahren Kinderfreunde Anklang finden. 
Die 1. Auflage dieses Heftchens mußte der Kriegsverhältnisse wegen 
möglichst schwach gehalten werden und ist bereits vergriffen. Ob eine 
zweite überhaupt folgt und wo und zu welchem Preise dann das 
Vorlagenheft zu beziehen ist, wird in unserer nächsten Nummer be- 
kannt gegeben werden. 



Bürklen Karl : Das Tastlesen der Blindenpunktschrift. 

Nebst Beiträgen zur Blindenpsychologie von P. Grasemann- 
Hamburg, L. Cohn-Breslau, W. Steinberg. VII, 93 Seiten 
mit 6 Abbildungen im Text und 6 Tafeln, 

Leipzig, Barth, 1917 M 5. — 

(Beiheft 16 zur »Zeitschrift für angewandte Psychologie« heraus- 
gegeben von L. William Stern und Otto Lipmann). 
Inhalt: Das Tastlesen der Blindenpunktschrift nac±i besonderen Versuchen 
zu dessen Erforschung von K. Bürklen. Eine Untersuchung über das 
Lesen der Blinden von P. Grasemann. — Beiträge zur Blindenpsycho- 
logie von L. Cohn. — Der Bünde als Persönlichkeit von W. Steinberg. 



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Wien, XVII., Hernalser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorschulpfhchtigen Aher aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Ausktinfte durch die Leitung. 



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— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



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Schriftleitung 
Purkersdorf 
bei Wien. 
Österreichisches 
Postsparkassen- 
konto Nr.132.257 



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Das Blatt ersdieint 
monatlidi einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



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Bezugspreis 
ganzjährig mit 
Postzustellung 

4 Kronen, 
Einzelnummer 

40 Heller. 



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5. Jahrgang. 



Wien, Jänner 1918. 



1. Nummer. 



INHALT: Der Einband des Blindenbuches. Zurück ins Leben. (Hans Schmalfuß). 
Die Versorgung der Später-Erblindeten. Ministerium für Volksgesundheit. 
J. Moos: Die Blindenschule. Personalnachrichten, ftus den Anstalten. Rus 
den Vereinen. Für unsere Kriegsblinden. Bücherschau, (flites und Neues. 
Ankündigungen). 



=111 



3 Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische ^ 

Blindenv/esen" werden erbeten an die Leitung in Wien VIII, 
3 Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. 



D 



Altes und Neues. 

Wie die Simulation von Blindheit festgestellt wird. 

Läßt sich Blindheit nachweisen ? — Diese Frage gehört zu den 
heikelsten, die den Ärzten für die Abgabe von Gutachten überhaupt 
vorgelegt werden, denn es gibt Simulanten, die selbst dieses Gebrechen 
vortäuschen und ihre Rolle oft so geschickt durchführen daß der Arzt 
den Betrug nur mit viel Scharfsinn und großer Geduld nachweisen 
kann. Die Simulation beiderseitiger Blindheit kommt selten vor. Nur 
Menschen mit großer Willenskraft werden sie unter Beobachtung eine 
Zeitlang vortäuschen können. Um solche Simulanten zu entlarven, 
gibt es mehrere Mittel. Das einfachste ist wohl das, daß man dem 
angeblich beiderseits Blinden mit einem spitzen Gegenstand auf die 
Augen zufährt; fährt er zusammen, ist er entlarvt. Das Gegenteil 
jedoch beweist nichts, denn mit großer Willenskraft läßt sich das 
Ruhigbleiben bewerkstelligen. Man kann den angeblich Blinden auch 
an eine Treppe führen und zum Weitergehen veranlassen, allein 
ganz gewitzigte Simulanten werden sich in solchen oder noch unan- 
genehmeren Lagen ruhig fallen lassen; so fiel ein angeblich Blinder, 
den man ans Wasser geführt hatte, einfach hinein, weil er ganz in 
der Nähe einen Rettnngskahn gesehen hatte ! 

Literarisch verarbeitet findet sich in P. Mille's Novelle: 
»Der Blinde« folgender Fall: Ein Anarchist simuliert Blindheit, um 
dem Militärdienste zu entgehen. Er tut dies in ungeschickter aber 
umso hartnäckigerer Weise. Die gewöhnlichen Mittel zu seiner Über- 
führung versagen. Man stellt ihn daher auf einen schmalen Fußpfad, 
der in einen abgrundtiefen Wallgraben endet und befiehlt ihm, vor- 
wärts zu marschieren. Er verschwand in dem Abgrunde, ohne auch 
nur einen Schrei ausgestoßen zu haben. Aber das Netz, das man 
unterhalb des Abgrundes aufgespannt • hatte, war fest genug, den 
Simulanten autzuhalten. Seine Hartnäckigkeit erreichte es, als »blind« 
entlassen zu werden. 

Ein geschickter Arzt machte einen angeblich Blinden im Hand- 
umdrehen dadurch sehend, daß er ihn zu einer Augenoperation auf 
den Tisch legen ließ. Nicht gar so selten kommt Simulation einseitiger 
Blindheit vor; die Verfahren zur Entlarvung laufen fast alle darauf hinaus, 
daß man dem Simulanten etwaszum Lesen oder Betrachten so vorlegt, daß 
er nicht weiß, mit welchem Auge er sieht; entlarvt ist er natürlich, 
sobald er mit dem angeblich blinden Auge doch sehen kann. Recht 
geistreich sind die ärztlichen Verfahren, bei denen man den Simulanten 
durch verschiedenfarbige Gläser sehen läßt. Beispielsweise kann er 
durch rotes Glas rote Buchstaben auf weißem Grunde nicht erkennen, 
während sie durch grünes Glas schwarz erscheinen, v. Haselberg, der 
diese Entlarvungsart ausgebildet hat, hat auf Tafeln Buchstaben und 
Ziffern drucken lassen, deren eine Hälfte rot, deren andere schwarz 
gedruckt ist. Hall man nun dem Verdächtigen vor das angeblich 
blinde Auge ein blaugrünes, vor das rechte ein rotes Glas, so wird 
er statt einer zweifarbig gedruckten Acht eine Drei lesen, wenn das 
Auge wirklich blind ist, da das rote Glas des anderen Auges die 
linke Hälfte auslöscht. Sieht er dagegen mit beiden Augen, so liest 
er die ganzen Buchstaben und ist also entlarvt. 




5. Jahrgang. Wien, Jänner 1918. 1. Nummer. 



I »O trauert nicht, { 

^ Daß ich dem Licht erstarb; ^ 

^ Ihr wißt nur, was ich verloren, ^ 

^ Ihr wißt nicht, was ich erwarb.« ^ 

^ A. V. Chamisso. (Der Blinde). ^ 



Der Einband des Blindenbuches. 

Der Einband von Blindendruckwerken soll diese gegen Verlet- 
zungen (Verbiegen und Verdrücken der Blätter) möglichst schützen. 
Mit Rücksicht auf die Größe und die mit einer gegen Druck empfind- 
lichen Reliefschrilt versehenen Blätter werden an den Einband besondere 
Anforderungen gestellt. Mit größter Haltbarkeit soll er möglichste 
Billigkeit verbinden, um die ohnedies kostspieligen Blindendruckwerke 
nicht ins Unerschwingliche zu verteuern. 

Die bisher übliche Art, Blindendrucke zu binden, entwickelte sich 
in Anlehnung an die für Schwarzschrift geübte Buchbinderei. Dünnere 
Hefte werden in der ganz gleichen Art mit Hanfzwirn oder in neuerer 
Zeit auch mit Drahtklammern geheftet. Bei dickeren Büchern mußte 
man von diesem Verfahren wohl abweichen. Der für die Reliefpunkte 
zwischen den einzelnen Blättern notwendige Raum verlangte im Rücken 
das Einlegen von Papierstreifen, eine umständliche und wenig prakti- 
sche Arbeit. Gegenwärtig macht man diese Streifeneinlagen überflüssig, 
indem man den gegen den Rücken stehenden Rand der einzelnen 
Lagen in 1 bis 2 cm Breite umbricht und so die nötigen Zwischen- 
lagen schafft. Nun spielt sich das Einbinden des Blindendruckes so wie 
bei Schwarzdruckbüchern ab. Die Lagen werden in der Heftlade mittelst 
Hanfzwirn auf Bänder oder einen Leinenstreifen geheftet wobei 
auf eine möglichst gleichmäßige Lage der Blätter zu sehen ist, da das 
Blindenbuch seiner ReUefschrift wegen nicht gepreßt und beschnitten 



Seite 852. 



Zeitschritt für das österreichische Blindenwesen. 



1. Nummer. 



werden kann. Auch beim Runden und Leimen des Rückens kann 
das Buch nicht eingespannt werden, so daß hiebei besondere Vorsicht 
notwendig ist, damit nicht der Leim zwischen die Lagen einfließt. Das 
Versehen des Buches mit Deckel und Leinwandrücken erfordert eben- 
falls besondere Aufmerksamkeit. Nach dem Aufleimen von Rücken und 
Ecken, dem Kaschieren des Überzug- und Vorsatzpapieres mit Kleister 
müssen die Deckel einzeln zwischen Eisenplatten gepreßt werden, da- 
mit sich dieselben nicht verziehen. 

Am wenigsten verständlich an dieser Art des Einbindens sind die 
letztgenannten Arbeiten. Gewiß verlangt ein entsprechend starkes Blin- 
denbuch feste Deckel mit Leinwandrücken und Leinwandecken ; bei 
entsprechender Auswahl des Deckels erscheinen jedoch Überzug- und 
Vorsatzpapier sowie die daran sich knüpfenden Arbeiten vollkommen 
überflüssig. Da die Farbe des Überzugpapieres für den blinden Leser 
nicht inbetracht kommt und das Vorsatzpapier viel besser durch einen 
Leinwandstreifen zwischen Deckel und dem ersten bezw. letzten Blatte 
ersetzt werden kann, liegt hier wohl nur ein übernommener Brauch vor, 
der den Blinden nichts zu bieten vermag, den Einband jedoch unnötig 
verteuert. 

Auch in anderer Hinsicht findet sich beim Einband des Blinden- 
buches ein unpraktischer Konservatismus vor. Dasselbe soll nämlich 
den bestehenden Anschauungen nach möglichst mit Hanfzwirn und nicht 
mit Draht geheftet sein, da diese Klamm srn Verletzungen der Hände 
des blinden Lesers mit sich bringen können. Dabei wird übersehen, 
daß bei entsprechender Stellung dieser Klammern eine solche Gefahr 
gänzlich ausgeschlossen werden kann. In den letzten Jahren erscheinen 
auch die Drahtklammern sowohl bei Heften als auch Einbänden von 
Blindenbüchern, ohne daß die befürchtete Gefahr eintritt oder auch nur 
erwähnt wird. 

Es tritt also die Frage nach dem einfachsten, billigsten und dabei 
zweckentsprechendsten Emband der Blindendrucke auf Dabei ist 
zwischen dem Heften dünnerer und dem Embinden dickerer Werke zu 
unterscheiden. 

Die einfachste und beste Art des Hefte ns ist die mit- 
telst Drahtklammern. Bis zu 10 Bogen und darüber geben Hefte 
von verschiedener Stärke, die auch mit einem mehr oder minder starken 
Umschlagpapier versehen wer- 
den können. Die Stärke der 
Drahtklammern hängt wieder 
von der Stärke des Heftes ab. 
Zum Heften mit Drahtklammern 
sind besondere Heftmaschinen 
mit Hand- oder Fußbetrieb not- 
wendig, deren Anschaffungs- 
preis ein verhältnismäßig gerin- 
ger ist. Das Heften geschieht 
am besten an zwei Stellen, die 
der Länge des Rückens ent- 
sprechend zu verteilen sind 
(Siehe Abb. 1). Mitunter genügt 




Abb. 1. Heft, aus einzelnen 
Blättern bestehend. 



1. Nummer. 



Zeitschrift Ulf «las österreichische Blindenwesen. 



Seite 853. 




auch nur eine Klammer, bei gtößeief Länge des Rückens werden viel- 
leiclit drei oder vier Klammern notwendig. Müssen einzelne Blätter 
geheftet werden, so gesclüeht dies an den übereinander gelegten Blät- 
tern bis zu 1 cm vom Rand entfernt (Abb. 1) Bei derartig zusammen- 
gefügten Heften müssen 
die Blätter beim Umlegen 
niedergedrückt werden, da 
das Heft sich nicht von 
selbst auflegt. Besteht da- 
her das Heft aus inein- 
ander gelegten Bogen, so 
sind die Klammern unbe- 
dingt in der Mitte des 
aufgeschlagenen Buches 
aufzusetzen. Dabei ist zu 
beachten, daß die Enden 
der Klammern fest nieder- 
gedrückt werden, damit 
Abb. 2. Heft, aus Bo^en bestehend. Fingerverletzungen ver- 

mieden werden. Solche sind ausgeschlossen, wenn die Enden am Rücken 
zu stehen kommen und der Rücken zu größerem Halt und zum Finger- 
schutz mit einem schmalen Leinwandstreifen überklebt wird. (Abb. 3). 
Eine wesentliche Vereinfachung und Verbilli gütig 
des Einbandes stärkerer Bücher liegt gegenüber dem bis- 
her üblichem Brauch in nachstehend ausgeführtem Ver- 
fahren. Auch hier kommt das Heften mit Drahtkiammern in Ver- 
wendung und zwar werden die aus ineinandergelegten Bogen gebildeten 
Lagen auf einen steifen Pappendeckelrücken geheftet. Man könnte 
hiefür auch Hettbänder oder einen Leinwandrücken nehmen, doch bietet 
gerade der Pappendeckelrücken den Vorteil, daß er jedem Druck 
widersteht, dem Buche also wenigstens im Rücken festen Halt gibt. 

Die einzelnen Lagen können aus 3 — 5 Bogen (6—10 Blättern) 
bestehen. Bestehen die Lagen aus ineinander gelegten Bogen, so ist 
ein Umbrechen des gegen den 
Rücken stehenden Randes nicht 
notwendig. Dies erweist sich viel- 
mehr erst dann erforderlich, wenn 
die Lage aus einzelnen Blättern 
besteht. In diesem Falle darf die 
Zahl der Blätter für eine einzelne 
Lage nicht zu groß sein (4 — 6 
Blätter). 

Bei dem Aufheften der ein- 
zelnen Lagen, bei denen wieder 
die Enden der Klammern nicht 
im Bug der Hefte sondern nach 
rückwärts zu kommen haben, ist 




Abb. 3. Heft, mit Deckeln und Rücken 
versehen. 



der Höhe der Punktschriftzeichen 
wegen eine entsprechende Entfernung einzuhalten, die sich nach der 
Stätke der Lagen zu richten hat. Jedem Bogen ist 1 Vj mm Raum 
in der Breite zu gewähren. Heftet man also Lagen von 4, bezw. 6 Bogen, 



Seit« 854. 



Zeitschrift für das östereichische Blindenwesen. 



1. Nummer. 



SO sind die Lagen in 6, bezw. 9 mm Entfernung voneinander zu heften. 
(Abb. 4). 

Der Rücken, auf den die Lagen in entsprechendem Abstände 
aufgeheftet werden, ist mit dem Buchdeckel verbun den, er bildet 

den mittleren Teil 
desselben. Als Buch- 
deckel ist ein mög- 
lichst zäher und fe- 
ster Pappendeckel zu 
wählen, dessen Stär- 
ke sich nach der 
Dicke des Buches 
richtet. Da Über- 
zugs- und Vorsatz- 
papier wegfallen, ist 
die Farbe möglichst 
dunkel zu wählen, 
denn lichte Deckel 
schmutzen zu leicht. 
Vor dem Einheften 
der Lagen ist der 




Abb. 4. Buch, auf Deckel geheftet. 



Deckel in entsprechender Größe zu schneiden. Die Abmessungen des 
Rückens richten sich nach der Zahl der Lagen; die der anschließenden 
Deckel sind mit 1 cm Vorstoß über die Blattgröße anzunehmen. Der 
Deckel bildet also ein großes Stück, in dessen Mitte der Rücken ange- 
zeichnet wird. (Abb. 4). Damit die Deckel sich rechtwinklig umlegen, 
ist der Deckel an den Rückenlinien bis zur halben Stärke ein- 
zuritzen. 

Nach dieser Vorrichtung des Deckels kann sofort an das Ein- 
heften der Lage an einer kräftigen Heftmaschine geschiitten werden, 
wobei die Entfernungen der einzelnen Lagen von einander ebenfalls 
vorher angezeichnet werden können. Nun erfolgt noch die Ausfertigung 
mit Rücken und Ecken. Um zu verhüten, daß die zur Hälfte eingeritzten 
Deckel sich mit der Zeit 
vom Rücken ablösen, klebt 
man innen einen lichteren 
Leinwandstreifen zwischen 
Deckel und dem ersten 
bezw. letzten Blatt. Für 
Rücken und Ecken ist eine 
stärkere Leinwand zu wäh- . 
len, deren Farbe sich der 
Deckelfarbe anpaßt, vor allem ^ 

aber nicht zu licht ist. Ist 
die Rückenleinwand 3 cm 
nach allen Seiten größer als Abb. 5. Fertig frebundenes Blindenbuch. 

der Rücken selbst geschnitten, so wird sie mit Leim bestrichen, der 
Rücken aufgestellt, die Leinwand an Rücken und Deckeln festgestrichen 
und die oben und unten vorstehenden Teile nach innen eingeschlagen. 
Noch leichter können die Leinwandecken befestigt werden, die wegen 




1. Nummer. Zeitschiill tiir das österreichische Bliiidcnwcsen. Seite 855. 

Beschädigung der Ecken des Deckels unerläßlich erscheinen. Bei diesen 
Arbeiten ist darauf zu achten, daß nicht durch herausfließenden Leim 
die Deckel beschmutzt werden. 

Damit ist der Bucheinband fertig. Ein Pressen der Deckel ist über- 
flüssig, da die Gefahr des Verziehens nicht besteht. Auf dem Rücken 
des Buches kann Verfasser und Verfasser sowohl in Punkt- als in 
Schwarzschrift angebracht werden. Bei der Steifheit des Deckels ist ein 
Ablösen dieser Zettel nicht zu befürchten. 

Ein derartiger Bucheinband entspricht vollkommen allen Anfor- 
derungen. Die Arbeiten dabei sind höchst einfach und auf wenige 
Handgriffe beschränkt, so daß bei der nötigen Ausstattung an Werk- 
zeugen und Maschinen das Buchbinden, für jeden Fall aber das Heften 
von Blindenschriften, durch Blinde selbst vorgenommen werden kann, 
was bis jetzt leider nicht durchgesetzt werden konnte. 



Zurück ins Leben. 

Von einem Kriegsblinden. 

An einem trüben Vormittag des Monats März 1915 machte sich 
die Kompanie fertig zum Sturme, um ein Grabenstück den Franzosen 
wieder zu entreißen. Nichts rührte sich auf der Gegenseite und 
sprungweise gewannen wir Boden. Schon waren wir dem feiulichen 
Graben näher gekommen, da empfängt uns ein rasendes Kleingewehr- 
feuer, das jedes Vorwärtsdringen unmöglich macht. Es wird nach- 
mittags und noch ist unser Ziel nicht erreicht. Aber die Zahl der 
Angreifer ist so zusammengeschmolzen, daß es an der gleichen Stelle 
aushalten heif3t, um sich bei Nacht zurückziehen zu können. Die 
Granaten fahren fort, ihre unheimliche Melodie zu summen, da und 
dort reißt eine krachend den Leib der Erde auf. Jetzt. — es ist 
nachmittags etwa 5 Uhr — platzt vor mir eine, dann noch eine 
Handgranate, die mich an Arm und Bein verletzt. Zugleich aber 
schwindet alles um mich in tiefe Finsternis, und warm rieselt es mir 
über das Gesicht. Die getroffenen Kameraden neben mir röcheln 
schwer. Notdürftig suche ich mir den Kopf zu verbinden; aber das 
erste Verbandpäckchen entfällt meinen Händen und die tastenden 
Finger drücken es tief in den lehmigen Boden, sodaß es nicht mehr 
verwendet werden kann. Das zweite Päckchen reicht zu einem mehr- 
maligen Herumschlingen um den Kopf über die Augen . . . Die mit 
Sehnsucht erwarteten Krankenträger kommen nicht, die Nacht läßt 
jedoch etwss Ruhe in dem Kampf eintreten. Sie scheint kein Ende 
nehmen zu wollen. Endlich verfalle ich in einen leichten Schlummer 
— oder ist es Bewußtlosigkeit? — , aus dem mich das Röcheln der 
Kameraden neben mir weckt. Nach seiner Angabc graut jetzt der 
Morgen. Wir versuchen zusammen zurückzukriechen, aber es mir un- 
möglich, ihn von der Stelle zu bewegen. Die Richtung aus der wir 
anstürmten, weiß ich noch ungefähr - — so werde ich also allein ver- 
suchen Hilfe zu holen. Von den feindiichen Granaten umschwirrt, 
krieche ich, Schritt für Schritt, Meter für Meter für Meter, durch 
einen zusammengeschossenen Wald, lasse mich über gestürzte Baum- 



Seite 856. Zeitschrift für das österreichische Bhndcnwesen. 1. Nummer. 

Stämme gleiten, bleibe immer wieder mit meinem Verband im Ge- 
strüpp hängen — weiter nur immer weiter, der helfenden Hand ent- 
gegen. 

Ich hörte rechts von mir Stimmen, Gott sei Dank, die Rettung! 
Frischen Mutes geht es jetzt vorwärts und bald heben mich ein, zwei 
Paar hilfsbereite Arme in einem Graben: — »prisonnier« höre ich . . . 
Ich war den Franzosen in die Hände geraten. 

Trotz all meiner Bitten und Bemühungen mußte ich noch ein- 
einhalb Tage im feindlichen Graben im Granatfeuer der Un- 
seren aushalten, dann wurde ich in einem Barackenlazarett in Toul 
nach Tagen operiert. Und auf alles Fragen und Drängen wurde mir 
während meiner Gefangenschaft immer wieder die Auskunft zu teil : 
das eine Auge sei vollständig verloren, auf dem anderen aber werde 
ich in drei bis vier Monaten wieder sehen. Langsam erholte sich der 
Körper, und ich freute mich wie ein Kind auf den Augenblick, der 
die entsetzliche Finsternis beenden, mir das Licht der Sonne wieder- 
geben sollte. Als ich erfuhr, ich solle ausgetauscht werden, dämmerte 
mir etwas Furchtbares: Sollte man dich gar nimmer zum Kriegshand- 
werk brauchen können? Solltest du dauernd blind bleiben? — Im 
Lazarett in Lyon vergingen noch zwei entsetzliche Monate voller 
Zw^eifel, Hangen und Bangen mit dem Verdammtsein zur Untätigkeit 
ohne jede Bewegung in frischer Luft: es war zum Wahnsinnigwerden. 
Der heißersehnte Austausch kam endlich zustande und am 11. Juli 1915 
waren wir wieder unter Landsleuten in Konstanz. Welch ein Gefülil 
wieder in der Heimat zu sein! In den nächsten Tagen in Karlsruhe 
wurde mir endlich die Gewißheit über mein Geschick die, wenn auch 
noch so furchtbar, mir doch willkommener war, als der bisherige 
Zustand der Zweifel. Beide Augen waren mir herausgenommen. 
— »In drei bis vier Jahren werden Sie so weit sein, daß Ihnen das 
Leben wieder lebenswert und schön erscheint«, suchte mich der 
Arzt zu trösten. So lange aber sollte es, Gott sei Dank, nicht 
dauern. 

Nach den ersten Tagen des Zerschmettertseins bereits suchte ich 
aus dem mir Gebliebenen mein Leben wieder aufzubauen. Ich erforschte 
und erwog alle Möglichkeiten, um der Untätigkeit zu entrinnen und 
vorwärts zu kommen. Im Lazarett in Nürnberg begann die Arbeit 
zur Wiedererlangung der Selbständigkeit. Zuerst galt es, die Scheu 
vor den Menschen zu überwinden und zu lernen, sich wieder frei 
unter ihnen zu bewegen, dann versuchte ich, mich in den Bedürfnissen 
des täglichen Lebens der Abhängigkeit zu entledigen, zog mich wieder 
allein an, wusch und kämmte mich selbst. Um die Verbindung mit 
der Geisteswelt nicht zu verlieren, lag mir die Erlernung des Lesens 
und des Schreibens der Punktschrift sehr am Herzen und wie glück- 
lich fühlte ich mich schon bei den ersten Fortschritten ! Bereits nach 
einigen Wochen las ich mit dem Finger, wenn auch noch stockend, 
doch mit vielem Vergnügen: »Die Pfingstnacht« von Rosegger. Um 
auch in der Musik wieder Zerstreuung zu finden, machte ich mich 
nach sechs Wochen Vollschriftstudien an die etwas umständliche 
Notenpunktschrift und nach weiteren zwei Monaten an die Kurzschrift. 
Das Schreiben auf der Punktschriftmaschine enthob mich bald des 



1. Nuniinei. Zeitschrift für das östnreicliisrlic HliiKlttiutsci». -Seite 857 . 

langsamen Schreibens mit Tafel und Stilt, Und heute könnte ich 
die Punktschrift nicht mehr missen, ersetzt sie mir doch zum großen 
Teil die Flachschrift der Sehenden. Mit dem Maschinenschreiben war 
ich bereits früher vertraut gewesen, und so ging sofort mein Bestre- 
ben dahin, mir sowohl in Bezug auf Sicherheit als auf Schnelligkeit 
wieder die alte Gewandtheit auf der Schreibmaschine der Sehenden 
zurückzuerobern. Freilich lernte ich jetzt mein Finger besser ausnützen: 
statt mit zwei, schreibe ich jetzt mit zehn Fingern. Die Handhabung 
der Rechentafel und des Reißbrettes für Blinde, sowie die Benützung 
der Reliefkarte überzeugten mich von den Fortschritten des Blinden- 
bildungswesens. Nebenbei nahm ich auch die ersten Klavierstunden. 

Nach sechsmonatlicher Ausbildung drängte es mich, mein früheres 
Wissen und die mir verbliebene Arbeitskraft wieder in einem Beruf 
zu verwerten : Glücklicherweise ward es mir vergönnt, wieder meine 
frühere Tätigkeit aufzunehmen. Ich hatte bei Ausbruch des Krieges 
die Prüfung für den mittleren Verwaltungsdienst bestanden und dank 
dem Entgegenkommen meiner Heimatbehörde ging es gleich nach 
meiner Heimkehr wieder ans Einarbeiten in das Amt, das ich als 
Sehender bekleidet hatte. 

Ich nehme jetzt beim Versicherungsamt wieder die Protokolle 
auf und entwerfe wie früher die einschlägigen Verfügungen. Wo ich 
mit der Schreibmaschine nicht mehr zurechtkommen kann, wie beim 
Ausfüllen von Formularen, erfolgt dasselbe nach meiner Angabe 
durch eine sehende Hilfe. Diese schlägt inir die Gesetzesbestimmun- 
gen und Kommentare nach meinen Anweisungen auf und leistet mir 
auch sonst die kleinen Dienste, ohne die ein Nichtsehender beim 
besten Willen nun einmal nicht auszukommen vermag, z. B. wenn 
ich den Faden beim Maschinenschreiben verliere u. dgl. Besonderes 
Gewicht lege ich gleich von Anfang an auf den Umgang mit den 
beim Amt vorsprechenden Personen. In der mündlichen Auskunfts- 
erteilung und Aufklärung bin ich durch nichts behindert, und so 
gewährt mir die Arbeit beim Vollzug der sozialen Gesetzgebung die 
gleiche Befriedigung wie als Sehendem. Erfolge meines redlichen 
Bemühens bleiben auch nicht aus und verursachen mir jetzt noch 
größere Freude als früher. Die Arbeit läßt mich oft meinen Zustand 
ganz vergessen und zu meinem Ergötzen merkt auch mancher, der 
zu mir ins Bureau kommt, nichts von dem Gebrechen, das eine 
dunkle Brille verdeckt. Allerdings machte es mir die Sonderstellung 
die der Blinde bisher im täglichen Leben einnahm, zu Anfang nicht 
leicht, mich einzugewöhnen. Gar manchmal galt und gilt es noch 
heute, das nutzlose Mitleid und unaufhörliche lästige Bedauern abzu- 
schütteln, ohne das die Leute nun einmal nicht auszukommen glauben. 

Auf der Straße habe ich mich zu bewegen gelernt, ohne mich 
des Armes des begleitenden Sehenden zu bedienen. Das Schwimmen, 
das ich als Nichtsehender im Hallenschwimmbad versuchte, setze ich 
auch im freien Flusse fort. Im geselligen Zusammensein stehe ich 
den Sehenden gegenüber nicht mehr zurück, ich spiele meinen Schaf- 
kopf wie früher mit in Punktschrift gezeichneten Karten, ich kegle 
wieder und es gelingt mir oft, einen einzelnen Kegel herauszustechen, 
und ich genieße die Freuden des Gcsellscliaftslebens so gern wie 



Seite 858. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 1. Nummer. 

ehedem. Ebenso habe ich mir auch den GenuiS an der Natur wieder 
erobert : Der Sonnenschein freut mich genau so wie als Sehendcrt 
und beim Wandern über Stock und Stein bin ich wieder der alte. 

So suche ich, Schritt fijr Schritt, die Hindernisse zu überwinden, 
die mir das Schicksal in den Weg geworfen hat. Durch diesen bestän- 
digen Kampf mit den Schwierigkeiten wird die Willenskraft in weit 
höherem Maße gesteigert, als es bei dem Menschen der Fall ist, 
dessen Leben sich immer auf ebener Bahn bewegt: So lange nur 
die geringste Aussicht besteht, eines Hindernisses Herr zu werden, 
gibt es kein klägliches »Ich kann nicht«, sondern nur ein eisenfestes 
»Ich will.« Und das Wollen wird dann schon zum Können verhelfen. 
Es genügt mir auch nicht mehr, mich geistig auf der gleichen Stufe 
wie als Sehender zu halten, ich habe mir als Blinder ein höheres 
Ziel gesteckt. Und so habe ich auf meine Lebensfahne geschrieben : 
»Mach die Schranke dir zur Staffel, die zur Höhe führt.« — 

Hans Schmaifuß. 



Die Versorgung von Spät-Erblindeten. 

Es dürfte — trotz der Schwere der jetzigen Zeit — nicht 
unberechtigt sein, eine Anregung zu geben, die die Versorgung von 
Leuten, die im späteren Alter ganz oder teilweise erblindeten, 
bezweckt. Wenn auch ungemein große Anforderungen an Behörden 
und an die öffentliche Mildtätigkeit zugunsten der Kriegsblinden 
und der übrigen Zahllosen, die — im Gegensatze zu gar Vielen — 
als Opfer des Krieges zu betrachten sind, gestellt werden, so soll 
doch nicht jener Bedauernswerten vergessen werden, die bei spät 
eintretender Erblindung in bestehende Anstalten nicht eintreten können 
oder wollen. Die Blindenversorgungsanstalt in Wien, Josefstädter- 
straße, ist vorzugsweise für arme Blinde, die eine Blindenerziehung 
genossen haben, geschaffen und ununterbrochen ganz besetzt; ein 
geplanter Erweiterungsbau wurde durch den Krieg vereitelt und wohl 
auch für lange hinausgeschoben. Bei der Aufnahme wird überdies 
fast immer an der seit jeher bestehenden Altersgrenze von dreißig 
Jahren festgehalten. — Das Blindenhaus im städtischen Versorgungs- 
heim in Lainz kommt hier wenig inbetracht, eher das Altersheim 
recht verfehlt »Greisenasyl« genannt! in der Gentzgasse in Wien; 
doch fühlen sich erfahrungsgemäß Blinde unter vielen Sehenden auf 
die Dauer nicht recht wohl. — Die Anstalt zur Ausbildung später 
Erblindeter, die seit Jahren sehr erfolgreich wirkt, erfüllt einen schönen 
Zweck, indem sie jüngere dieser Unglücklichen in den .Stand setzt, 
wieder werktätige Glieder der Gesellschaft zu werden, sei es in ihrem 
früheren Berufe oder vermöge einer in der Anstalt erworbenen anderen 
Befähigung. — Nach einer Anstalt aber, die bemittelten Blinden im 
vorgeschrittenen Alter — vorwiegend gegen Bezahlung — Ver- 
pflegung und Beschäftigung bietet, besteht zweifellos ein Bedürfnis; 
dies beweisen die vielen, sich mehrenden Anfragen. Es sind meistens 
Angehörige der mittleren Gesellschaftsschichten, Beamte, Private, die 
oft nach einem arbeitsreichen Leben ihr Aupfenlicht einbüßen und 



1. Nummer. Zeitschrift für das österreicliische Blindeinvescn. Seite 859. 

nun, meist auf einen mäßig^en Ruhegehalt oder andere Einkünfte 
angewiesen, sich nach einer Unterkunft sehnen, wo sie nicht als unbe- 
quem empfunden werden und eine Beschäftigung finden, die ihnen 
über ihre traurigen Tage hinweghelfen kann. 

Es iiaben sich wohl einige »Pensionen« angekündigt, die solche 
Wünsche zu erfüllen in der Lage wären ; doch können sie nur eine 
kleine Zahl aufnehmen und dürfte wohl auch für die meisten zu teuer 
sein, da sie auf Gewinn berechnet sind. — Eine Anstalt, die ihren 
Zweck erfüllen sollte, müßte im Anschluß an eine schon bestehende 
Einrichtung (Verein oder Blindenanstalt) errichtet werden, wie dies 
in jüngster Zeit geschah, wo das Kaiser Karl-Kriegsblindenheim in 
eine gewisse Verbindung mit dem Arbeiter-Blindenheim (im 13. Bezirke 
in Wien) gebracht wurde. Die Vorteile, die sich aus einer Angliederung 
sowohl in geldlicher als auch zweckdienlicher Beziehung — nament- 
lich für den Anfang — ergeben würden, sind leicht zu erkennen. — 
Möge diese Anregung auf fruchtbaren Boden fallen, um nach dem 
Kriege, wenn der gewaltige Umschwung auf allen Gebieten einsetzen 
wird, günstig emporzukeimen. 

Wien. O. St. 



Ministerium für Volksgesundheit. 

Nach der Gründung des Ministeriums für soziale Fürsorge wird 
die Errichtung eines Ministeriums für Volksgesundheit für Österreich 
angekündigt. Aus dem für dieses Ministerium in Aussicht genommenen 
Wirkungskreise, der alle Angelegenheiten der Volksgesundheit umfas- 
sen soll, ist für uns die »Gesundheitliche Jugendfürsorge« 
von Bedeutung und zwar insbesonders : Die gesundheitlichen Angelegen- 
heiten der Kleinkinderfürsorge, Mitwirkung in gesundheitlicher Hin- 
sicht bei den Fürsorgeeinrichtungen für die Jugend (Kindergärten 
Heime u. dgl.), Aufstellung für die Schulgesundheitspflege, Gesund- 
heitspflege für die beruflich tätige Jugend, Fürsorge für die 
körperHch oder geistig minderwertige Jugend, nament- 
lich Anstalten für schwachsinnige, geistig abnormale, blinde, taub- 
stumme und kriippelhafte Kinder, vorbehaltlich des dem Ministerium 
für Kultus und Unterricht in Fragen der Erziehung und des Unter- 
richts zustehenden Wirkungskreis, Bekämpfung der Infektionskrank- 
heiten, Berufs- Gewerbe- untl Unfallshygiene, gesundheitliche Fürsorge 
für die Kriegsbeschädigten, Statistik des Volksgesundheitswesens. 

Bei der Errichtung des Ministeriums für soziale Fürsorge war 
man allgemein der Ansicht, daß die angeführten Aufgaben diesem 
Ministerium zufallen würden. Nun erscheint das neu zu errichtende 
Ministerium für Volksgesundheit hiezu berufen und es findet dadurch 
wieder eine Trennung nahe beieinanliegender Agenden statt, was 
bereits mehrfachen Widerspruch hervorgerufen hat. Wie unseren 
Lesern aus der vorigen Nummer bekannt ist, hat der »Zentralverein 
für das österreichische Blindenwesen« mit einer Petition die Schaffung 
einer »Zentralstelle für die österreichische Blindenfürsorge« im 



Seite 860. Zeitschrift für das österreiciiische Biindenwesen. 1. Nufifimer. 

Ministerium für soziale Fürsorge angeregt. Im Falle der Einrichtung 
einer solchen Stelle würde derselben durch das Ministerium für 
Volksgesundheit natürlich ein Teil ihrer Aufgaben entzogen werden. 



Die Blindenschule. 

Von Josefine Moos. 

Sie waren plaudernd durch den Wald gekommen, 
Die kleinen Blinden mit der Lehrerschar, 
Man hieß sie froh und liebevoll willkommen 
Im schmucken Gasthaus, wie in jedem Jahr. 
Sie taten gütlich sich an Speis' und Trank, 
Der Garten klang von hellem Janchzen wider 
Und vor dem Scheiden sangen sie zum Dank 
Mit hellen Stimmen ihre Kinderlieder. 

Und frisch und jubelnd klang es in die Runde — 
Nie mochten Klänge so zu Herzen gehn. 
Wie jene Botschaft von der Blinden Munde: 
»Wie ist die Erde doch so schön, so schön!« 
Mir floß es von der Wimper feucht und heiß, 
Es hat mich länger nicht im Saal gelitten J 
Ich stahl mich heimlich aus dem Lauscherkreis — 
Nie hat ein Lied mir so ins Herz geschnitten. 

Und wie im Traum ließ ich die Blicke schweifen 

Bis zu den Abendwolken goldgetränkt 

Und ließ die Finger durch die Blüten streifen, 

Als würde mir dies alles neu geschenkt. 

O Gott, was wußten jene von der Pracht, 

Die sich so reich auf Flur und Wald ergossen; 

Es drang kein Strahl in ihrer Seele Nacht 

Und alle Schönheit war dem Blick verschlossen. 

Und doch! Die Kleinen schienen nichts zu missen, 

Es lebte jedes seine eigne Welt, 

Sie halfen sich einander dienstbeflissen 

Und schieden froh, das Herz von Dank geschwellt. 

Und wanderten mit Lachen und mit Singen 

Das Dorf iiinunter, fröhlich Hand in Hand, 

Ich hört' es lange noch herUberklingen 

Bis zu dem Wegrain, wo ich lauschend stand. 

(Stadt Gottes). 



Personalnachrichten. 

— Auszeichnung. Dem Viohnlehrer des k. Ic. Bliiiden-Erziehungs-Institutes 
in Wien II, Herrn Karl Eich) er, wurde in Anerkennung seiner 32jährigen Tätigkeit 
anläßlich seines Übertrittes in den bleibenden Ruhesland das silberne Ver- 
dienstkreuz mit der Krone verliehen. 



1- Niimniier. ^tiitschiift für d.is (isteneichisrhe Blindenwesen. Seite 861. 

Aus den Anstalten. 

— N. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Weihnachtsfei- 
er. Am 21. Dezembtr 1917 vei sammeltens ich die Gönner und Freunde im Kestsaale 
der Anstalt zur Weihnachtsfeier, die noch immer keine Friedensfeier sein sollte. 
Doch hat das Friedenshoffen, das aus dem fernen Osten aufgeleuchtet ist, auch in 
diesen kleinen Raum sein verheißunirsvolles Licht gestrahlt. .Schon die Zusammen- 
stelluntj der AufführuniJ sjMenelte dies wieder. Fachlehrer Krtsmary hatte eine 
Reihe von Chören voiberiitet, die von den Zö^dingen in musterhafter Weise 
gebracht wurden. Besonderes Interesse erweckten die altertümlichen Klänge des 
Chores von L. Schröter »Freut Euch, ihr lieben Christen« aus dem Jahre 1587 
und des Liedes »Gott in der Höh' sei Lob und Preis!« von Bruder A. Hansen, 
einem ehemaligen Anstaltszögling. Viel Beifall fand die Weihnachtsdeklamation» von 
O. Wanecek »Weiiinachtsfriede.« Ebenso die bedeutenden Leistungen des An- 
staltsorchester und seiner Solisten. Bemerkenswert war die Darbietung des Kon- 
zertes für zwei Violinen von J. S. Bach und des Violinkonzertes von Richard 
S t r a u ß. 

Direktor Bürklen konnte eine große Schar von Festgästen begrüßen, 
unter ihnen den warmherzigen Förderer der Anstalt Landesausschuß L. Knnschak, 
Pfarrer Doczkal i k, Landessekretär Gemeinderat Dr. Hemala u. s. w. Landes- 
ausschuß Kunschak brachte den Friedensgedanken, der allüberall durch die Welt 
geht und gerade zur Weihnachtszeit so eindringlich redet, mit innigen Worten zum 
Ausdruck. Nicht besser konnte er enden, als daß er des Friedenshortes, unseres 
Kaisers Karl gedachte. Mit den weihevollen Klängen der Volkshymne endete 
die Feier. 

— Kaiser Karl-Kriegsblindenheim in Wien XIII. In dem in der 
»Reichspost« vom 21. Oktober 1. J. enthaltenen Artikel »Das Kaiser Karl Kriegs- 
blindenheim« ist bemerkt, daß das Kaiser Franz Josef-Blindenarbeiterheim und das 
Kaiser Karl Kriegsblindenheim Mangel an physischem und religiösem 
sem Lichte zeigen, weil die Wohnräume meistens gegen Norden gerichtet, düster 
und kühl seien und ein Kirchlein fehle. Diese Bemerkung ist unrichtig, wie folgen- 
der Tatbestand beweist. Das Kaiser Franz Josef-Blindenarbeiteiheim und das Kaiser 
Karl-Kriegsblindenheim sind A r be i t er h e i m e, bei deren Einrichtung die Werk- 
stätten, in denen sich die Blinden den größten Teil des Tages aufhalten, selbst- 
verständlich als das Wichtigste betrachtet werden mußten. Im Kaiser Franz 
Josef-Blindenarbeiterheime ist die Werkstätte für die Blinden gartenseitig mit den 
Fenstern nach Süden und Westen und nur die Werkstätte für die Sehenden (Zu- 
richterei) nach Norden gelegen. Im Kaiser Karl-Kriegsblindenheime hat die Werk- 
stätte 13 Fenster nach Osten in den Garten und 6 Fenster nach Westen in den 
Garten. Auch die Wohnräume für die Blinden wurden — soweit dies möglich war 
— in beiden Anstalten mit den Fenstern nach der Sonn- und Gartenseite angelegt. 
Im Kaiser Franz Josef-Blindenarbeiterheime sind für die Blinden 10 Wohnräume 
mit den Fenstern nach Osten, Süden und Westen in den Garten und 10 Wohn- 
räume nach Norden angelegt. Im Kaiser Karl-Kriegsblindenheime sind bei 6 Wohn- 
zimmern für Blinde die Fenster nach Süden in den Garten und nur bei 5 Wohn- 
zimmern nach Norden gerichtet. Alle nach Osten, Süden und Westen gelegenen 
Räume sind sonnig und mit den Fenstern in den Garten gerichtet. Es können aber 
auch die straßenseitig mit den Fenstern nach Norden gelegenen Wohnungen nicht 
als düster bezeichnet werden, denn an der Nordseite beider Heime befindet sich 
ein Vorgarten und zudem ist die durch ein Villenviei tel führende Baumgartenstraße 
sehr breit, so daß sie reichliches Tageslicht und morgens und abends auch Sonne 
hat. Auch für Wärme ist in den beiden Anstalten durch Niederdruckdampfheizungen 
entsprechend gesorgt. Im Kaiser Karl-Kriegsblindenheime sind sogar die Gänge, die 
mit Sitzplätzen und großen Fenstern nach der Süd- und Gartenseite versehen sind, 
heizbar. Von einem Mangel an physischem Lichte oder an Wärme kann also bei 
keinem der beiden Heime die Rede sein. Auch mit dem religiösen Lichte ist es 
nicht schlimm bestellt. In die beiden Anstalten ist zwar kein Kirchlein eingebaut, 
aber es ist die Baumgartner Pfarrkirche nur 5 Minuten entfernt, die von den 
Heiminsassen gerne besucht wird. Ein in einem Nachbarhause in der Baumgartnerstraße 
wohnender Bürgerschulkatechet, zu dem die blinden Arbeiter viel Vertrauen haben, 
ist zu religiösem Rate und zum Tröste stets gerne erbötig. Der Leiter der beiden An- 
stalten, der sich in katholischen Kreisen eines nicht unbedeutenden Ansehens 
erfreut, und der erste Werkmeister, der im katholischen Vereinsleben durch eifrige 



Seite 862. Zeitschrift das für österreichische Blindenwesen. 1. Nummer. 

Tätigkeit bekannt ist, sind mit Erfolg bestrebt, auf das religiöse Leben der blinden 
Arbeiter günstig einzuwirken. Auf die blinden Arbeiter, die gereifte Männer sind, 
in religiöser Hinsicht einen Zwang auszuüben, ist aus mancherlei Gründen nicht 
angezeigt. Wie vom Vereine zur Fürsorge für Blinde nach Errichtung des Kaiser 
Franz Josef-Blindenarbeiterheimes die angrenzenden Baustellen erworben wurden, 
um auf diesen im Bedarfsfalle ein zweites Haus — das Kaiser Karl-Kriegsblinden- 
heim — erbauen zu können, so wurde nach F2rrichtung des letzteren unverzüglich 
ein weiterer Baugrund im Ausmaße von 2800 Geviertmetern angekauft, um darauf 
ein Blinden feierabendhaus erbauen zu können, wenn einmal eine größere 
Anzahl der in den beiden Arbeiterheimen beschäftigten Blinden arbeitsunfähig und 
eines Ruheplätzchen bedürftig sein wird. In dieses Blindenfeierabendhaus wird auch 
eine Kapelle eingebaut werden, welche der Verfasser des eingangs erwähnten Ar- 
tikels wünscht. Da es wiederholt vorkam, daß Zivilblinde nach ihrem Austritte aus 
dem Kaiser Franz Josef-Blindenarbeiterheime um ihre Wiederaufnahme ins Heim 
bat^n und daß Kriegsblinde, die zur Superarbitrierung kamen, den Wunsch äußerten, 
nach der Superarbitrierung im Kaiser Karl-Kriegsblindenheime bleiben zu dürfen, 
kann wohl angenommen werden, daß der Aufenthalt in den beiden Heimen nicht 
unbehaglich ist. Es ist der Wille jener edlen Menschenfreunde und Wohltäter, die 
durch Spenden zur Ausgestaltung und Förderung des Kaiser Franz Josef-Blinden- 
arbeiterheimes und des Kaiser Karl-Kriegsblindenheimes beitragen, daß den Blinden, 
die in den beiden Heimen Aufnahme finden, des Unglücks schwere Last soweit als 
möglich erleichtertT werde. Und daß dieser Wille erfüllt werde, dafür sorgt das 
Präsidium des Vereines zur Fürsorge für"Blinde in Wien. Karl Rosenmayer. 



flus den Vereinen. 

— Verein >Kriegsblindenheimstätten« in Wien. Der unter dem 
Protektorate des Erzherzogs Karl Stephan stehende und durch Kommerzialrat 
H. V. Grimm mit so großem Erfolg geführte Verein erstattet seinen Bericht über 
das Vereinsjahr 1916. Der Bericht berührt die Entstehung des Vereines, seine her- 
vorragende Sammeltätigkeit und die vielfachen Verstaltungen, die dem Vereine 
mit Ende des Jahres 1916 mehr als 1 V2 Millionen K einbrachten. Während des 
Jahres 1916 wurden insgesamt 15 Heimstätten für Kriegsblinde erworben, deren 
Anschaffungspreis sich innerhalb der Grenzen von 2.500 bis 12.000 K bewegt und 
für welche vom Verein unter Einrechnung der beim Erwerb der Heimstätten auf- 
gelaufenen Spesen insgesamt ein Betrag von fast lOO.OOO K ausgegeben wurde. 
Die Heimstätten verteilen sich auf die Kronländer folgendermaßen : Niederösterreich 5, 
Böhmen 3, Mähren, Schlesien je 2, Oberösterreich, Salzburg, Kärnten je 1. Nach 
dem Stande vom 1. September 191 7 sind f r 51 Kriegsblinde Heimstätten gekauft, 
beziehungsweise Beiträge zu solchen gewährt. (Gesamtbetrag 372.473 K). Eine dem 
Vereine geschenkte Heimstätte wurde an einen Kriegsblinden vergeben. In Behand- 
lung genommen wurden 38 Gesuche und hiefür ein Betrag von 274.440 K bewilligt. 
Dem Kollektivansuchen nachstehender Anstalten wurdo in d r Weise entsprochen, 
daß die genannten Beträge zum Ankaufe von Heimstätten bewilligt bezw. reser- 
viert wurden: 

Kaiser Karl-Kriegsblindenheim in Wien für 16 Kriegsblinde 128.000 K 

K. k. Blinden-Erziehungsinstitut in Wien für 12 Kriegsblinde 96.000 K 

Tiroler Landeskommission in Innsbruck für 7 Kriegsblinde 66.000 K 

Verein zur Ausbildung von Späterblindeten in Wien für 6 Kriegsblinde 48.000 K 

Kärtnerische Landesblindenanstalt in Klagenfurt . . für 5 Kriegsblinde 40.000 K 

Stevermärkische Landeskommission in Graz .... für 6 Kriegsblinde 36.000 K 

Gal. Blinden-Erziehungsanstalt in Lemberg für 3 Kriegsblinde 24.000 K 

Wohnungsbeiträge bis zur Versorgung mit Heimstätten im Ausmaße der 
monatlichen 5 V2 Vo Zinsen des jeweils reservierten Betrages beziehen im Kaiser Karl- 
Kriegsblindenheim in Wien 15 Kriegsblinde, im k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in 
Wien 12 Kricj^sblinde und im Verein für Spätererblindete in Wien 2 Kriegsblinde. 

Herausgebar: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürkleo, 
J. Kneis, A. t. HorTath, F. Uhl, — Druck tod Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



Für unsere Kriegsblinden. 

— Kiicgsblindenkurs in Straß N. Ö. Der Direktor der n. ö. Landes- 
Wcin- und Obstbauschule in Krems, Herr R. Weigl, der die fachliche Ausbildung 
in diesem Kurse besorgte, veröffentlicht hierüber folj^ende Angaben. An dem Kurse 
nahmen 12 Kriegsblinde teil. In dem Kurse wurden die Kriegsblinden, die bisher 
in der Landwirtschaft tätig waren, in den einfachsten Arbeiten des Wein-, Obst 
und Gemüsebaues unterwiesen. Auch im zweiten Jahre wurden bei diesem Kurse 
sehr befriedigende Erfolge erzielt. 

— Große Spende für den Verein »Kiiegsblindenheimstätten.« 
Dem Kommerzialrat Heinrich v. Grimm wurde zugunsten des von ihm gegründeten 
und geleiteten Vereines »Krie<4sblindenheimstätten« von einer Wiener Familie zur 
Erinnerung an deren Eltern der Betrag von einer Viertelmillion Kronen Nominale 
siebente österreichische Kriegsanleihe überwiesen. Diese hochherzige Spende, die 
sich vorangegangenen Widmungen der gleichen Familie in beträchtlicher Höhe anreiht, 
kommt dem Verein »Kriegsblindenheimstätten« in einer Zeit zugute, in der durch 
die Ereignisse auf dem südlichen Kriegsschauplatze begreiflicherweise ein neuer- 
licher Zuwachs an Kriegsblinden zu verzeichnen ist. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand F". nile Dezember I. J. 

— Neue Freie Presse: 1,220.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 3,150.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 320.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 80.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 30.000 K. 

Bücherschau. 

Die Fürsorge-Einrichtungen der niederösterj- eichischen 
Landesverwaltung zum .Schutze des Kindes. (Verlag des Landesaus- 
schusses des Erzherzogtumes Österreich unter der Enns, Wien, 1917.) Die n. ö. 
Landesverwaltung, deren Maßnahmen zur Kinderfürsorge das Land Niederösterreich 
auf diesem Gebiete sowohl in ganz Österreich als auch dem gesamten Auslande 
gegenüber an erste Stelle gestellt hat, schuf mit dem umfassenden und vornehm 
ausgestatteten Werke einen brauchbaren Behelf für jene, die infolge ihres Berufes 
oder ihrer freiwilligen Betätigung mit den Fragen des Kinderschutzes in Berührung 
kommen. Der Inhalt des Werkes erscheint je nach der Hilfsbedürftigkeit der Kinder 
in Gruppen gegliedert, in denen die betreffenden Anstalten und Einrichtungen der 
Reihe nach eingehend besprochen werden, so Kapitel über Säuglingspflege, ver- 
waiste und verlassene Kinder, sittlich verwahrloste und körperlich und geistige 
kranke, blin<ie und taubstumme Kinder. 

Der von Direktor K. Bürklen verfaßte Teil über die F"ürsorge für blinde 
Kinder in Niederösterreich bringt Allgemeines über die geschichtliche Entwicklung 
den gegenwärtigen Stand und die Zukunftsnotwendigkeiten auf diesem Gebiete. 
Weiters ist die Gründung, Entwicklung, Einrichtung und Wirksamkeit der n ö. 
Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf besprochen. Auch des mit n. ö. Landes-Stift- 
plätzen bedachte Mädchen-Blindenheim »Elisabethinum« in Melk a. D. ist Erwäh- 
nung getan. 

In welch hervorragender Weise die n. ö. Landesverwaltung ihrer Aufgabe 
der allgemeinen Kinderfürsorge gerecht wird, zeigt ein Jahresaufwand von 5 Milli- 
onen Kronen, in dem die Ausgaben der Gemeindeverwaltung von Wien für diesen 
Zweck nicht inbegriffen sind. 

Zur Beaditung ! 

Die »Vor 1 agen für das Bauen mit Zündholzschachteln« 
von F. Demal sind wegen der jetzigen Verhältnisse im Buchhandel 
nicht erhältlich. Ihr Erscheinen wird seinerzeit angekündigt werden. 



Bürklen Karl : Das Tastlesen der Blindenpunktschrift. 

Nebst Beiträgen zur Blindenpsychologie von P. Grasemann- 
Hainburg, L. Cohn-Breslau, W. Steinberg. VII, 93 Seiten 
mit 6 Abbildungen im Text und 6 Tafeln. 

Leipzig, Barth, 1917 . . M 5. — 

(Beiheft 16 zur »Zeitschrift für angewandte Psychologie« heraus- 
gegeben von L, William Stern und Otto Li p mann). 

Inhalt: Das Tasllesen der Blindenpunktschrift nach besonderen Versudien 
zu dessen Erforschung von K. Bürklen. Eine (Jntersudiung über das 
Lesen der Blinden von P. Grasemann. — Beiträge zur Blindenpsycho- 
logie von L. Cohn. — Der Blinde als Persönlichkeit von W. Steinberg. 



== :fisyl für blinde Kinder == 

Wien, XVII., Hernalser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorschulpflichtigen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung. 

Die „Zentralbibliotheh füp Blinde in ÖsteppeiGli". 

Wien XVIII, Währinger GUrtel 136 

verleiht ihie Bücher kostenlos an alle Blinden. 



Blinden-Unterstützungsverein 

,,DiE PURKERSDORFER" 

^A^ien V., Nikolsdorfergasse 42. 

Zweck des Vereines: Unterstützung blinder Mit- 
glieder. Arbeitsvermittlung lür Blinde. Erhaltung 
per Musikalien-Leihbibliothek. Telephon 10.071. 



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— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



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monatlich einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



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ganzjährig mit 
Postzustellung 

4 Kronen, 
Einzelnummer 

40 Heller. 



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5. Jahrgang. 



Wien, Februar 1918. 



2. Nummer. 



INHALT: Direktor S. Heller, Wien: Das Tastlesen der Blindenpunktschrift. 
Das Vorlesen in der Blindenschule. Eine österreichisdie Blindenzeitung. 
H. Lingg: Gesang der Blinden. Personalnachrichten. Rus den Anstalten. 
Rus den Vereinen. Für unsere Kriegsblinden. Verschiedenes. Bücherschau. 
(Rltes und Neues. Ankündigungen). 



B= 



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3 Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische ^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien Vlll, 
g Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. [^ 

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flites und Meues. 

Ein blinder Tönemeister aus dem XV. Jahrhundert. 
Ein vielgefeierter und in der Kunstgeschichte genannter Töne- 
meister Avar der im Jahre 1410 zu Nürnberg geborene • Konrad 
P au mann. Frühe gänzlich verwaist, hatte sich der edle Ulrich 
Grundherr und später dessen Sohn des ganz hilflosen Kindes 
angenommen und seine unverkennbare Begabung in die rechten Wege 
geleitet. Schon 1446 wird er trotz des »Mangels an seinem Gesicht« 
als Organista von St. Sebald in einer Urkunde genannt. 1450 erhielt 
er vom Rate die Erlaubnis, »seine Kunst auch auswärts zu weisen« 
und sich weiter zu bilden. So ward ihm an den italienischen Fürsten- 
höfen guter Name und hoher Ruhm: der Herzog von Ferrara bewährte 
den Ruf eines freigebigen Hauses. Der zufällig anwesende Kaiser 
Friedrich III, verlieh ihm ein brokaten Kleid nebst goldener Ehren- 
kette, gab ihm ein köstlich Schwert und Ritterschlag. Auf dem Rück- 
weg stellte ihn der für den Glanz seines Landes fürsorglich denkende 
Herzog Albrecht III. an die Spitze seiner Kapelle, in welcher Eigen- 
schalt Paumann am St. Pauli ßekehrtage (25. Jänner) 1473 aus dem 
Leben schied. Sein gnädigster Herr stiftete ihm ein bleibend Epitaph 
in Marmor, an der alten Liebfrauenkirche. Da ist der »Kunstreichst 
aller Instrument und Musika Meister« sitzend abconterfait, auf dem 
Knie eine doppelreihige Hausorgel mit 16 Pfeifen, ohne Tasten, aber 
mit Druckknöpfen, worauf er mit der Rechten fingert, während die 
Linke den windfütternden Blasbalg handhabt. An, der Rückwand 
hängt eine breite Laute, über dem Haupt eine seltsame Flöte und 
auf dem Knie eine schwere Schoßharfe; zu Füßen lehnt eine kurzhal- 
sige Fiedel. Ein rührend Bild seines vielseitigen Schaffens. Eine 
Nürnberger Maid hatte ihm tröstlich Herz und Hand geweiht. Zahl- 
reiche Scholaren rühmten sich seiner Unterweisung und Lehre. Der 
lustige Reimschmied Hans Rosenplüt feierte den Meister in seinem 
1447 gefertigten »Spruch von Nürnberg«, folgendermaßen: »Mit contra 
tenor vnd mit faberdon | mit primi tonus tenoriert er | auf elamy so 
sincopirt er | mit resonanzen in accutis | ein trawrichs herrz | würt 
freyes Mutes | wen er auss ottaf discantirt j vnd quint vnd vt zusamen 
resamirt j vnd mit proportiones in gravibus | Respons antiffen vnd 
introitus | Impin sequencen vnd responsoria | das tregt er als in 
seinem memoria | ym was plicetum oder geschaczt | vnd was für 
muscam wirt geschaczt | zu kores amtum kan er aussen j rundel 
muteten kan er slugmaussen | sein haubt ist ein solchs gradual | zu 
gemessen cantum mit solcher zal | das got hat selbs genotirt dor 
ein I wo mag ein besser meister sein | dor vmb ich nürnberg preis 
und lob I wan sie leit allen steten ob.« 

»Würde man einen seiner Kunst wegen krönen, so sollte er 
wohl eine goldene Krone tragen.« 




5. Jahrgang. Wien, Februar 1918. 2. Nunnmer. 






SÄ 



»Während rings die Schöpfung lacht, ^ 

Ist die äuß're Welt uns Nacht; ^ 

Doch die inn re macht uns klärer ^ 

Mitgeteiltes Licht der Lehrer: ^ 

Lehrer! Heil Euch, Preis und Dank! ^ 

^ (Die blinden Zöglinge an ihre Lehrer). «j 



Das Tastlesen der Blindenpunktschrift 

von KarlBürklen. 

Besprochen von Direktor S. Heller, Wien. 

Die wissenschaftliche, insbesondere die psychologische Begründung 
der Blindenpädagogik, deren Notwendigkeit allzulange in Frage gestellt 
worden ist, hat nun Fortschritte zu verzeichnen, die immer wirkungs- 
voller die Auffassung der gestellten Probleme vertiefen, die Bildungs- 
gebiete stetig erweitern und die Ziele pädagogischer Tätigkeit planmäßig 
erhöhen. 

Die sent i ment al e Beurteilung des Wesens der Blindheit, welche 
die unabänderliche Unzulänglichkeit des -von ihr Betroffenen, aber auch 
seinen Anspruch auf mildtätige Unterstützung begründen sollte, und 
eigentlich nichts anderes war, als die Verurteilung des Blinden zu einem 
tatenlosen Scheinleben in erniedrigender Abhängigkeit, ist nun über- 
wunden. Die Blindheit wird nicht mehr als eine Negation, sondein als 
eine abgeänderte Form menschlicher Entwicklung zur Leistungsfähigkeit 
bewertet, und die Bedingungen und Elemente zu dieser Entwicklung 
werden aus psycho-physikalischen Experimenten und Beobachtungen 
abgeleitet. 

Unter den Schriften, welche nach dieser Methode treffliches 
Material herbeischaffen und es für die wissenschaftliche Ausgestaltung 



Seite 868. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 2. Nummer, 

und für die Praxis der Blindenpädagogik verwerten, nimmt die vorlie- 
gende Publikatiion einen ehrenvollen Platz ein. Diesei muß ihr nicht 
allein wegen der exakten Untersuchungen, die sie anstellt und lückenlos 
verbindet, sondern auch darum eingeräumt werden, weil sie Aulschlüsse 
über das Tastlesen verspricht und nicht bloß diese, sondern auch 
wertvolle Beiträge zur Lehre des Tastens überhaupt bietet. 
Dabei muß hervorgehoben werden, daß der Autor, der modernen 
Forschung folgend, graphische Darstellungen durch das Experiment 
erzeugt, sie mit Maßzahlen interpretiert und mit freimütiger Erklärung 
das Vorhandensein von Lücken zugesteht, die sonst durch Hypothesen 
verdeckt werden. 

Ein solcher Vorgang wirkt der falschen Analogie zwischen Gesichts- 
und Tastsinn erfolgreich entgegen, von welcher Wundt (Seite 7) 
sagt, »dafi sie die lange Geschichte der Überwindung von 
Vorurteilen herbeiführte«, die aber auch der Blindenpädagogik 
in ihren Bestrebungen und Zielen eine falsche Richtung gegeben hat. 

Der Gang, welchen der Autor in seinen Untersuchungen und in 
der Darlegung der gewonnenen Ergebnisse nimmt, sei in nachfolgenden 
Sätzen zusammengefaßt : 

Die Punktschrift und deren Anordnung im aufrechten 
Sechspunktfelde eignet sich besonders für das Tastlesen, 
für welche nicht die Punktzahl, sondern die charak- 
teristische Form der Zeichen masgebend ist. — Die 
gebräuchlichste Größe der Zeichen ist 7 mm Höhe und 
4.5 mm Breite, der tauglichste Abstand zwischen 2 — 3 mm. 

— Für das Tastlesen kommen besonders die Zeige- und 
Mittelfinger der beiden Hände in Betracht. Der Arm- und 
Körperhaltung ist eine besondere Bedeutung beim Tast- 
lesen beizulegen. — Die mechanische Tätigkeit hierbei 
besteht in verschiedenartigen Bewegungen der Finger 
und Hände, zwischen welchen eine Arbeitsteilung statt- 
findet. Diese Tastbewegungen sind teils Such- teilsErkenn- 
barkeitsbewegungenundnach der Lesefertigkeit differieren 
ihre Richtungen von der fortlaufenden Gradlinigkeit 
bis zur Verworrenheit. — Mit den Tastbewegungen ist 
ein entsprechender Fingerd ruck verbunden, der bei guten 
Lesern gradlinig und gleichmäßig ist und bei Schwierig- 
keiten sich mit den vermehrten Tastbewegungen erhöht. 

— Die Abnahme derTastempfindlichkeit ist wie dieaUge- 
meine Ermüdung auch nach stundenlangem Lesen eine 
sehr geringe. — DasLesen vonWorten un d Sät zen erfolgt 
durch Erfassung von Wortbildern, bei Schwierigkeiten 
durch Zerlegung des Wortbildes. — 

Den Höhepunkt dieser Grundsatzungen bildet die letzt angeführte, 
die von der Erfassung der Wortbilder durch den Tastsinn handelt. 
Ihr ist die Anmerkung des Autors (Seite 4) »Der Vorgang beim Tast- 
lesen« entgegenzusetzen, daß über die innere Auflassung beim Tast- 
lesen bisher keine Klarheit gewonnen werden konnte, eine Anmerkung, 
die geradezu auffordert, an dieser Aufklärung mitzuwirken. 



2. Nummer. Zeitschrift für das östeneicliische ßlindenwcsen. Seite 869. 

Der Annahme, daß der Blinde in gleicher, oder in ähnlicher 
Weise wie der Sehende, »Wortliilder« zu erwerben vermag, kann die 
Berechtigung wohl nicht zugebilligt werden. Auch diese Annahme 
fließt aus der falschen Analogie zwischen Gesichts- und Tastsinn, welche 
Wundt als einen Irrtum bezeichnet. 

Wenn der Blinde auch die Tastfunktion mit den Fingern beider 
Hände zugleich in hochgesteigerter Fertigkeit ausübt, so kann dadurch 
in keiner Weise der unwillkürliche Überblick des sehenden Auges 
ersetzt werden, welcher das Charakteristische des Lesestoffes rasch 
und sicher erfaßt. Werden auch durch das Tastlesen gleiche Resultate 
wie durch das Lesen mit den Augen erworben, die Vorgänge bei 
der Erwerbung differieren doch wesentlich und weisen deshalb auf 
eigenartige methodische Mittel an. 

Wird dem blinden Schüler die daktyle Untersuchung eines Gegen- 
standes unbeeinflußt überlassen, so vollzieht er dieselbe in der Regel 
nur fragmentarisch und beschränkt sich umsomehr darauf, je weiter 
seine Intelligenz fortschreitet. Schon frühzeitig sucht er an den Objekten 
fast unwillkürlich »Erkennungsmarken« auf, d. h. Merkmale, welche 
ihn für eine sprachl i che Darstellung in den Stand setzen, die Gegen- 
stände zu erkennen, zu unterscheiden und zu beurteilen. Diese Fertigkeit 
wird bei verschiedenen Personen und Gelegenheiten verschieden ausgeübt 
und bis zur Virtuosität gesteigert. 

Solche Erkennungsmarken bildet der blinde Leser auch 
individuell und spontan an Buchstaben, Wörtern, Wortverbindungen 
und Sätzen, sowie für ihre Beziehungen unter einander aus. Sie produ- 
zieren keineswegs Wortbilder, weil doch diese eine übersichtliche 
gruppenweise Anordnung zur Voraussetzung haben, aber si*^ ordnen 
wie diese den mechanischen Leseakt den reflektierenden und kombi- 
nierenden Maßnahmen unter und bringen ihn so zu einer Geläufigkeit, 
die ein Suchen kaum erkennen läßt. Somit ist die Fertigkeit im Tast- 
lesen nur im Übergangsstadium des elementaren Unterrichtes, nicht 
aber nach demselben ausschließlich oder auch nur vorzugsweise von 
der Tastfähigkeit abhängig. 

Was der Autor (S. 15) in wenigen Worten vortrefflich über den 
Lesevorgang sagt, bleibt aufrecht; es soll hierzu nur angemerkt werden, 
daß der blinde Leser zum Anfang eines nicht erkannten Wortes zurück- 
kehrt, um die Erkennungsmarke erneuert aufzusuchen. 

Nachdrücklich und überzeugend weist der Autor (S. 21) darauf, 
hin, daß die Punktzahl durchaus nicht jene ausschlagende Rolle spielt 
welche man ihr bisher zugewiesen hat, daß eine Gruppe dem Tastgefühl 
größeren Anhalt gibt, als ein oder zwei Punkte, daß nicht die Punktzahl, 
sondern die einheitliche Form des Zeichens als charakteristisches 
Tastbild zur Auffassung kommt. 

Die Übereinstimmung mit dem Autor wird sofort hergestellt, 
wenn die Fassung akzeptiert wird, daß die Charakteristik und zugleich 
die Lesbarkeit einer Punktgruppe umsomehr zunimmt, je mehr Gelegen- 
heit sie zur Bildung von Erkennungsmarken bietet. 

Sollen diese die Unterordnung des Leseaktes unter den psychischen 
Vorgängen der Reflexion und Kombination herbeiführen, so müssen 



Seite 870. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. 2. Nummer. 

sie selbst möglichst ihrer mechanisierenden Merkmale entkleidet werden. 
Dies geschieht am besten, wenn die Brailleschrift als System dem 
Schüler zum vollem Verständnis gebracht wird, so daß er es im Bew'USt- 
sein der darin ausgeprägten Ideen anzuwenden vermag. Es ist dem 
Schüler nachzuweisen, wie die ersten grundlegenden 10 Zeichen durch 
die Abstraktion der Grenzpunkte der Antiqua-Buchstaben entstanden 
sind und wie für die Bestimmung des restlichen Alphabets das Prinzip 
der Ableitung und der Gegensätzlichkeit in Anwendung gebracht wurde. 

Besondere Bedeutung kommt dem Kapitel : »Der Vorgang beim 
Tastlesen« auch darum zu, weil sein Inhalt als eine Bereicherung 
der allgemeinen Blindenpsychologie bezeicimet werden kann. In gebo- 
tener Kürze, aber mit aller Bestimmtheit wird auf die dem Blinden 
eigentümlichen Tastbewegungen hingewiesen und auf die damit 
verbundenen Tastzuckungen, die in ihrer Wesenheit Wundt als 
keine ursprünglichen Reflexe, sondern als willkürliche Bewegungen 
erscheinen und von denen Czermak vermutet, daß sie für den Blinden 
das bedeuten, was dem Sehenden das Einstellen der Sehaxe ist. 

Über die Tastbewegungen und die damit verbundenen Zuckungen, 
welche wohl als unwillkürlich gewordene Tastbewegungen bewertet 
werden können, sind bisher nur Hypothesen aufgestellt worden; sie 
verdienen aber die genaueste Beobachtung u. zw. nicht bloß beim 
Tastlesen, sondern in allen Fällen, in denen Tastfunktionen zur Erwer- 
bung realer Erkenntnisse dienen. Die Ergebnisse werden Autschlüsse 
darüber verschaffen, wie innere Vorgänge sich im Tastakte des Blinden 
offenbaren. Mit Recht sagt der Autor: (S. 14) »Aus den beobachteten 
Tastbewegungen ließ sich erkennen, daß das Tasten kein einfacher 
sondern ein kombinierter Vorgang ist, bei dem neben den äußeren 
auch innere Tastempfindungen mitspielen.« 

Aut diese inneren Vorgänge weisen aber auch die von dem Autor 
unternommenen Experimente bezüglich der Druckstärke hin. Wäh- 
rend er findet, »daß das Tastlesen bei guten Lesern mit einem ver- 
hältnismäßig geringen und gleichmäßigen Fingerdruck vor sich 
geht« — demnach bei schlechten Lesern mit den gegenteiligen Er- 
scheinungen — kommt er doch zu dem Schlußergebnis, »daß jeder 
Leser aus dem charakteristischen Verlaufder Drucklinien 
zu erkennen ist, so individuell sind diese Linien gestaltet.« 

Damit ist gesagt, daß sich die Gleichmäßigkeit des Tastaktes und 
und in ihrem Gegensatz Merkmale der Eigenart unkontrollierbarer 
innerer Vorgänge konstatieren lassen und dies bestätigt im weiteren 
Sinne die Annahme, daß der Blindenunterricht die Schüler zu den 
verschiedensten Leistungen wohl anleiten, nicht aber die freie, der 
Individualität des Schülers angemessene Ausführung bestimmen kann. 

Der Hinweis des Autors darauf, daß das Tasten nicht bloß beim 
Tastlesen, sondern im allgemeinen keine einfache sondern eine kom- 
binierte Aktion ist, mußte notwendig dazu führen, die Faktoren 
dieser Kombination in Betracht zu ziehen. Als solche erkennt der Autor 
(S. 14) die von Th. Heller aufgestellte Unterscheidung von synthe- 
tischem und analysi er en dem Tasten unr^ die Lehrsätze an, »daß 
das synthetische Tasten (mittelst des Raumsinnes der Haut) nicht ge- 
nügt, um dem Blinden adäquate Vorstellungen zu schaffen, sondern 



2. Nummer. Zeitschrift lüi das österreichische iJliii(ieiuvi-t en. Seite 871. 

daß hierzu das Tasten mit bewegten Tastorganen (analysierendes 
Tasten) unentbehrlich ist, daß das unvoUkotninene synthetische Tasten 
nichts anderes veimittelt, als ein schematisches Gesamtbild kleiner 
Objekte, das erst durch analysierende Tastbewegungen verdeutlicht 
werden kann.« — Unverkennbar steht das syntiietische Tasten mit der Ge- 
winnung der oben abgehandelten »Erkennungsmarken« in Bezie- 
hung, wird das analysierende Tasten dazu verwendet, zunächst 
Ungenauigkeiten zu korrigieren, dann Größe, Gestalt, Anordnung der 
Details, Stoff und andere Merkmale nach ihrer Wesenheit zu bestimmen. 
Geradeso, wie das analysierende Tasten zur genauen detaillierenden Deutung 
also zur Vergeistigung nicht entbehrt werden kann, ist das synthetische 
zur Schaffung von Grundlagen umso notwendiger, als es Eninnerungs- 
bilder an gleiche oder ähnliche Objekte erweckt. Das synthetische Tasten 
liefert also die konkrete Grundlage für die psychischen Vorgänge, die 
durch das analysierende Tasten herbeigeführt werden und in ihrem 
Umfange und ihrem Werte durch Aufgaben Fragen und Anregungen 
eines geistbildenden Unterrichtes hochgesteigert werden können. Der 
Charakter des analysierenden Tastens hängt von dem Zwecke ab, der 
ihm gegeben wird ; er ist fragwürdig, wenn das Tasten der Beschrei- 
bung allein, er wird beherrschend, wenn er auch der zielbewußten 
Nachbildung (dem Modellieren und der Handfertigkeit) dient. Damit 
ist ein methodisches Gesetz für den Blindenunterricht 
gegeben. 

Das große Verdienst, welches sich der Autor durch die vorliegende 
Arbeit erworben hat, würde er noch erhöhen, wollte er seine Unter- 
suchungen auf die blinden Kinder, die das Lesen eben erlernen, 
ausdehnen. Die dadurch zu erzielenden Ergebnisse würden die er- 
wünschte Gelegenheit bieten, Fragen zu erörtern, welche in dieser 
Besprechung unbeantwortet bleiben mußten. 



Das Vorlesen in der Blindenschule. 

Den Zöglingen der Blindenanstalten wird durch die mehr oder 
minder reich ausgestatteten Schülerbücherei Uektüre in Punktschrift 
geboten. Dem Lesebedürfnis der Zöglinge vermögen aber auch die 
best ausgestatteten Schülerbüchereien'nicht zu genügen, denn die darin 
enthaltenen Büehsr sind meistens bald durchgelesen; für keinen Fall 
reichen sie für eine Bildungszeit von einem Jahrzehnt und darüber. 
Es darf auch nicht vergessen werden, daß die Zahl der Jugend- 
schriften in Punktdruck eine äußerst geringe ist, denn der größere 
Teil der Punktschriftliteratur wurde ja für Erwachsene geschaffen. 
Es heißt also diese Lücke durch handschriftliche Übertragungen aus- 
zufüllen. Aber auch bei dem größten Eifer des Verwalters einer 
Schülerbüchcrei in der Beschaffung von Jugendschriften in Punktdruck 
bleibt er sich gegenüber den Wünschen der jungen Leser der Unzu- 
länglichkeit seines Bücherschatzes bewußt. Außerdem kostet es ihm 
große Mü'he, jeden einzelnen Leser eine entsprechende Stufenfolge 
im Lesestoffe einhalten zu lassen, so daß die Lektüre oft genug zur 
Planlosigkeit ausartet, besonders wo den ■Wür>sChen der Leser frag- 
los nachgekommen wird. 



Seite R72. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 2. Nummer. 

Die Unzulänglichkeit der SchülerbUcherei hat zur Einführung von 
besonderen Vorlesestunden in den Blindenanstalten geführt. 
Die Vorteile dieser Vorlesestunden liegen auf der Hand. Es kann 
der Lesestoff nicht nur einer größeren Anzahl von Zuhörern darge- 
boten werden, sondern das lebendige Wort wirkt in einem fesselnden 
Vortrage auch ganz anders als der tote Buchstabe. Von besonderem 
Werte ist es schließlich, die Lektüre durch das Vorlesen vollkommen 
planmäßig gestalten zu können. Das geschieht dadurch, daß die 
Zöglinge nach Bildungsgruppen bis zu 20 zusammengefaßt werden 
und der Lesestoff der Stufe entsprechend ausgewählt wird. 

Die Vorlestunden liegen wohl außerhalb des Unterrichtsrahmens. 
Dennoch darf die Beziehung hiezu nicht außeracht gelassen und eine 
möglichst innige Verknüpfung mit dem jeweiligen Unterrichtsstoffen 
angestrebt werden. Am ehesten kann dies erreicht werden, wenn ein 
Klassenlehrer der betreffenden Bildungsstufe das Vorlesen übernimmt. 
Sowohl diese Rücksicht, als auch die Notwendigkeit eines einwand- 
freien Vortrages verlangt einen pädagogisch gebildeten Vorleser. Von 
der Verwendung einer beliebigen Person, die sich vielleicht freiwillig 
für das Vorlesen meldet, ist wenig oder gar nichts zu erwarten. 
Natürlich ist das gelegentliche Auftreten eines Vortragsmeisters, der 
Formvollendetes darzubieten vermag, damit nicht gemeint. 

Die peinlichste Sorgfalt erfordert die Auswahl des Lesestoffes 
für diese Stunden. Bei den Zöglingen sind die Vorlesestunden darum 
besonders beliebt, weil sie das Vorgetragene nicht nur in aller Be- 
quemlichkeit aufnehmen können, sondern die Vorlesestunde als reine 
Unterhaltungsstunde auffassen und dem Vorlesenden mit ihren Bitten 
gern in dieser Richtung zu lenken suchen. Hiezu soll nun die Vor- 
lesestunde niemals herabsinken, wenn sie ihren Zweck erfüllen soll. 
Es ist vielmehr Belehrungs- und Unterhaltungsstoff in angemessener 
Abwechslung darzubieten. Wie schon gesagt, liegt jedoch in dieser 
Zusammenstellung des Lesestoffes die Hauptschwierigkeit und es wäre 
mit Freuden zu begrüßen, wollten sich die Anstalten über die 
Grundzüge eines Leseplanes, der alle Bildungsstufen zu 
umfassen hätte, einigen. Es sollte ein Canon von Lese- 
stoffen geschaffen werden, der für jeden Fall gelesen 
werden müßte. Die Angabe der Altersstufe und der Lesezeit für 
jedes Stück, könnte dem Vorleser eine solche Auswahl ermöglichen, 
daß er auch nach seinen eigenen Wünschen Rechnung zu tragen 
vermöchte. 

Einen besonderen Platz in den Vorlesestunden hat die Zeitung 
einzunehmen. Was daraus den Zöglingen mitzuteilen ist, muß natür- 
lich dem Vorleser überlassen werden. Dies allein ist Grund genug, 
nur eine pädagogisch gebildete Lehrkraft zum Vorleser zu wählen. 

Schließlich soll kein Stück gelesen werden, ohne daß die Zög- 
linge angeregt werden, sich über das Gehörte auszusprechen. Anderseits 
darf die Vorlesestunde dadurch nicht zur Unterrichtsstunde werden. 
Aber es erscheint äußerst wertvoll, das Gehörte in ein paar Sätzen 
zusammenzufassen, vielleicht eine Nutzanwendung zu ziehen und damit 
das Aufgenommene im Gedächtnisse der Zuhörer zu befestigen. 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Hlindenweseii. Seite 873. 

Die Zahl der wöchentlichen Vorlesestiinden ist in den Anstalten 
sehr verschieden. Vor einem Übermaß dieser Stunden muß ebenso 
gewarnt werden, wie davor, die Stunden dann abzuhalten, wenn 
gerade Zeit hiezu ist. Die Vorlesestunden sind vielmehr fest anzusetzen 
und regelmäßig abzuhalten. Das Ausmaß von zwei Wochenstunden 
für jede Gruppe erscheint vollauf genügend. 



Eine österreidiische Blindenzeitung. 

Wir stehen vor der erfreulichen Tatsache, den langgehegten 
Wunsch der Blinden Österreichs nacli einer Zeitschrift in Punktdruck, 
die unter dem Titel »Österr. Blindenzeitung« vorerst monatlich, später 
in kürzeren Zeiträumen erscheinen soll, der Erfüllung nahe zu sehen. 
Das Verdienst, die Herausgabe dieser Zeitschrift ermöglicht zu haben, 
gebührt dem Verein »Technik für die Kriegsinvaliden« (Aktion 
Geheimer Rat Wilhelm Exner) und innerhalb dieser dem Dozenten 
Dr. Max Herz in Wien, welcher sein neues Verfahren zur Herstellung 
der Punktschrift für Blindenzwecke zur Verfügung stellte. Gedruckt 
wird die Zeitschrift in der von obgenannten Verein eingerichteten 
Blindenbuch- und Noten-Schablonieranstalt in Wien 14. Ullmannstraße 2. 

Die Schriftleitung sowie den Versand hat der »I. österr. Blinden- 
verein« Wien, 8. Florianigasse 41 übernommen. 

Verantwortlicher Schriftleiter ist der Blindenlehrer Ottokar 
Wanecek in Purkersdorf, an den alle die Schriftleitung betreffenden 
Zuschriften zu senden sind. 

Die ersten drei Nummern der Zeitung werden den Lesern 
unentgeltlich zur Verfügung gestellt, worauf Mitteilungen über den 
Bezugspreis gemacht werden sollen. 

Mit der Herausgabe der »Österr. Blindenzeitung« soll nicht nur 
das neuartige Druckverfahren seine Lebensfähigkeit erweisen, sondern 
den Blinden Österreichs ein Blatt geboten werden, aus dem sie 
Aufklärung, Belehrung und Unterhaltung schöpfen können. 

Dies umfassende Wollen kann aber nur möglich werden, wenn 
alle, die berufen sind zur geistigen und wirtschaftlichen Befreiung 
der Blinden, mit Hand anlegen. Sie alle seien hiemit gebeten, mitzu- 
arbeiten am Ausbau der »Österr. Blindenzeitung.« 



Gesang der Blinden. 

Von Hermann Lingg. 

Horch, aus tiefstem Lebensabgrund, 
Drin kein Lichtstrahl je hinabtaucht, 
Sucht die S:imme frommer Blinden 

Aufzutönen 

Nach dem Schönen, 
Im Gesang ein Licht zu finden. 



Seite 874. Zeitschritt für das östereichische Hlindenwesen. 2. Nummer, 

Klaglos in der dunklen Wohnung, 

Wo kein Bild die kahle Wand schmückt, 

Träumen sie hinab die Stunden, 

Still genügsam. 

Fromm und fügsam 
Und in Eintracht gramverbunden. 

Lichtlos sitzen sie beim Nachtmahl 
Wie die Schatten in der Grabnacht. 
Keiner Lampe trautes Leuchten 

Kann der Kranken 

Nachtgedanken 
Mit der Hoffnung Tau befeuchten. 

Niemals können sie sich selig 
Blick in Blick und liebend ansehn ; 
Nur im Hauch, nur im Berühren 

Nahen süße 

Seelengrüße, 
Wenn sie Hand an Hand sich führen. 

Steigt vor ihrem Geist die Schöpfung 
Als ein Tönemeteor auf, 
Schmerzlich ringen sie nach Bildern, 

Ihr Entzücken 

Auszudrücken, 
Ewiges im Wort zu schildern. 

Wie ein Sturm der Nacht durchatmet's 
Ihre Brust in wilder Andacht, 
Drängt ihr Herz, ein Wonnetoben 

Auszuweinen 

Vor dem Einen, 
Den auch Sterne tönend loben. 



Personalnachrichten. 

— P. Johann Vach al -{-. Im November 1917 starb nach längerem 
Leiden in Leitmeritz der Direktor der dortigen Taubstummenanstalt Herr 
P. Johann Väch al im 61 . Lebensjalire. Der Verstorbene war ein Idealist 
und Priester in edelstem Sinne des Wortes, ein Mann der stets nur für 
andere, für sich selbst aber garnicht sorgte, allem Schein abhold, 
von geradem, offenem Wesen. Von einfachen Eltern stammend — 
seine Mutter war taubstumm — lernte er frühzeitig menschliches 
Elend empfinden. Ursprünglich für einen anderen Beruf bestimmt, 
beschloß er in gereiften Jahren, nachdem er seiner Militärpflicht als 
einfacher Soldat Genüge geleistet hatte, Theologie zu studieren. Als 
Priester wandte er sich den Ärmsten der Armen zu : den Blinden und 
Taubstummen. Er wirkte lange Jahre an der Klar'schen Blindenanstalt 
in Prag und später als Lehrer Uind Katechet an der Taubstummen- 
anstalt in Leitmeritz. 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BUndenwescn. Seite 875. 

— Der (lef. Lehrer II. Kl. Friedrich Bodo wurde von der n. ö. Landes- 
Taubstummenanstalt in Wien XiX zur aushilfsweisen Dienstleistung der n. ö. Landes- 
Blindenanstalt in Purkersdorf zugewiesen. 



flus den Anstalten. 

— Tirol. Vorarlb' B li n d e n i n s t it u t e in Innsbruck. 
Festfeier. Am 21. Jänner überreichte Seine Exzellenz Herr Statt- 
halter Dr. Rudolf Graf von Meran dem hochwiirdigen Herrn Johann 
Vi n atzer, Stadtpfarrej in Innsbruck-PradI und Direktor des Blinden- 
institutes das ihm von Seiner Majestät verliehene goldene Verdienst- 
kreuz mit der Krone. Er hob bei diesem Anlasse die Verdienste 
des Ausgezeichneten um den Bau der neuen romanischen Pfarrkirche, 
um die VerwundetenfiJrsorge, besonders aber die väterliche Sorge 
um das Wohl der Blinden in Tirol hervor. 

Aus diesem Grunde versammelten sich am 28. Jänner Lehrper- 
sonen, ehrw. Schwestern und die Zöglinge der Anstalt, um gemeinsam 
ihrem hochverehrten nun schon zum drittenmale ausgezeichneten 
Herrn Direktor die aufrichtigsten Glückwünsche darzubringen. Vor 
dem festlich geschmückten Bilde Seiner Majestät hielt Herr Lehrer 
Troyer eine Ansprache, in welcher er die mühereiche Arbeit des 
Gefeierten um das Wohl der Leidenden hervorhob. 

In begeisterten Worten kündete ein Festgedicht, die hohe Würde 
und Bedeutung dieses Tages. Den Schluß der seltenen Feier verherr- 
lichte die Kaiserhymne. 

Hochw. Herr Direktor dankte in bewegten Worten und versprach 
für den nächsten P'erialtag einen gemeinsamen größeren Ausflug. 

— Weihnachtsfeier im Kaiser Karl-Kriegsblindenheim in 
Wien XIII. Am 21. Dezember 1917 fand im Kaiser Karl-Kriegsblindenheim zu Wien- 
Baumgarten für die dort untergebrachten Kriegsblinden und die Zivilblinden des 
Kaiser Franz-Josef-Biindenarbeiterheimes eine gemeinsame Feier statt. Nach einigen 
stimmungsvollen Zither- und Violinvorträgen der Kriegsblinden wurde das Weih- 
nachtslied gesungen, worauf der Präsident des Vereines zur Fürsorge für Blinde, 
Herr Hofrat Edler von Herdliczka, nachdem er die Kriegs- und Zivilblinden mit 
liebevollen, vom Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Worten begrülit 
hatte, den großen Wert, welchen die Arbeit für die Blinden hat, besprach und den 
Wunsch ausdrückte, daß alle Lichtlosen, die in den beiden Heimen Aufnahme finden, 
in Eintracht zusammenleben, und sich bei der Arbeit zufrieden fühlen mögen. 
Schließlich machte er die erfreuliche Mitteilung, daß eine edle Wienerin, die in 
den westlichen Bezirken als stille Wohltäterin geschätzte Frau Franziska Tursa, 
jedem der 33 Kriegsblinden eine Weihnachtsgabe von 100 Kronen und der Verein 
zur Fürsorge für Blinde jedem Zivilblinden eine Weihnachtsspende von 30 Kronen 
gewidmet habe. Nach Verteilung dieser Geldbeträge sowie gespendeter Bäckereien 
und Zigaretten dankte ein kriegsblinder Korbflechter der hochherzigen Wohltäterin 
Frau Tursa für die reichliche Weihnachtsgabe und dem Präsidium des Vereines 
zur Fürsorge für Blinde für die den kriegsblinden zugewandte erfolgreiche Fürsorge, 
Ein zivilblinder Bürstenmacher sagte im Namen der blinden Arbeiter herzlichen 
Dank dem Herrn Hofrate von Herdliczka für die Liebe die er den Blinden stets 
entgegenbringt, dankte ferner dem Vereine zur Fürsorge für Blinde für die Errich- 
tung des Kaiser Franz-Josef-Blindenarbeiterheimes und des Kaiser Karl-Kriegsblin- 
denheimes, gedachte mit Worten der Dankbarkeit jener Menschenfreunde und 
Wohltäter, die durch Spenden den Bau der beiden Heime ermöglichten, und sprach 
den Wunsch aus, daß sich auch weiterhin gütige Menschen finden mögen, die zur 
Förderung und Erweiterung der beiden notwendigen Wohlfahrtsanstalten beizutragen 
bereit sind. Nun folgten einige Gitarre- und Violinvorträge, die gut gefielen. Hierauf 
ergriff Exzellenz Feldmarschalleutnant Fekete de Belatalva das Wort. Ei 



Seite 876. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 2. Nummer. 

feierte in eindrucksvoller Rede die Kriegsblinden, die auf dem Schlachtfelde ihr 
Augenlicht für Kaiser und Vaterland hingaben, als Helden, hob die wohlwollende 
Fürsorge hervor, die ihnen im Kaiser Karl-Kriegsblindenheime zuteil wird, und 
pries das uneigennützige und segensreiche Wirken des Herrn Hofrates von Herd- 
liczka, der als Präsident des Vereines zur Fürsorge für Blinde unermüdlich tätig 
ist, um den Blinden die schwere Last des Unglücks zu erleichtern. Er schloß mit 
einem stürmisch aufgenommenen Hoch auf den gütigen Landesvater und helden- 
haften Kaiser Karl I. Mit der Absingung der Volkshymne fand die schöne Feier 
— ein wahres Familienfest — einen würdigen Abschluß. 

— Der Chor der Blinden-Beschäftigungs- und Versorgungs- 
anstalt in Linz, der an gewissen Tagen des Jahres regelmäßig in verschiedenen 
Kirchen von Linz die Musik zu besorgen hat, wurde kürzlich in ganz besonderer 
Weise in Anspruch genommen. In den Tagen von 6. — 9. Dezember v. J. fand in 
der Karmeliten-Kirche und vom 3. — 6. Jänner d. J. in der Kirche der Karmeli- 
tinnen eine Seligsprechungsfeier statt, bei der folgende Werke zur Aufführung ge- 
langten: Kempter Messe in D, op. 9 und in G, op. 15, Faist Messe in Es, op. 8; 
Lauretanische Litaneien von Schöpf, Witt und Spieß, Herz Jesu-Litanei von Mitte- 
rer ; Te Deum von Rihovsky, op. 4, Asperges von Pernklau; verschiedene Tantum 
ergo und Einlagen zu den Messen. 

Durch die Zeitverhältnisse veranlaßt fand die Christbaumfeier 1917 beider 
Linzer Blindenanstalten zum erstenmal gemeinsam statt. Am Abend des 24. Dezem- 
ber versammelten sich die Zöglinge und Ptieglinge im Festsaal der Beschäftigungs- 
und Versorgungsanstalt zur schönen Feier mit folgender Vortragsordnung: 1. Lob- 
gesang (Altdeutsch). 2. Müller: Der gute Ruprecht. 3. Tippner: Christkindchens 
Traum. 4. Reigen (in Verbindung mit »Stille Nacht, heilige Nacht«). 5. Wolf-Reger: 
Schlafendes Jesuskind. 6. Rheinberger: Vision. 7. Mendelssohn: Wie lieblich sind 
die Boten. (Aus »Paulus«) Hieran schloß sich eine Ansprache des Direktors und die 
Verteilung der Christgeschenke. F. 



flus den Vereinen. 

— Zwanzigjähriger Bestand des »Ersten Österr. Blinden ver- 
ver eines« in Wien VIII. Zwanzig Jahre bedeuten nichts, gemessen an der 
ewigen Zeit! Und doch bergen sie in sich eine Fülle von unermüdlicher Arbeit, 
reichen Schaffens und dauernden Erfolges für uns und die kommenden Geschlechter. 
Der sich in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts in allen Geschäfts- 
kreisen durchringende mächtige Gedanke, daß nur durch den festen Zusammenschluß 
aller Interessenten eine wirksame Förderung ihrer sozialen und wirtschaftlichen 
Ziele erreicht werden könne, fand auch bei e ner, wenngleich anfangs geringen Zahl 
erfahrener, im Leben stehender Blinder verständnisvolle Aufnahme und führte am 
13. Dezember 1897 zuerst zur Gründung des Ersten Blindenunterstützungs- 
vereines für N. Ö. Hundeit Jahre Erziehung materieller und geistiger Ausbildung 
sind nicht fruchtlos an uns vorübergegangen, sie haben den Beweis unserer bürger- 
lichen Brauchbarkeit erbracht, haben in uns den heißen Wunsch erweckt, der sehen- 
den Welt zuzurufen: Wir wollen kein Gegenstand sagenhafter Verehrung oder 
Bewunderung sein, wie einst die blinden Seher des Altertums, kein Objekt 
abgestumpfter Gleichgültigkeit oder demütigenden Mitleids, wie es die W'elt noch 
heute mit den Blinden zu halten pflegt, nein, wir wollen uns betätigen, entsprechend 
unseren Fähigkeiten, wollen der Gesellschaft nützen, wollen selbst mitarbeiten an 
der Fürsorge für unsere schwachen Leidensbrüder zum Wohle aller Blinden! Darin 
liegt die große Bedeutung dieser Gründung, als eines Werkes der Selbsthilfe! Und 
deshalb soll die Erinnerung an diesen Tag unverlöschbar ins Gedächtnis eines 
jeden Blinden Österreichs sich einprägen, als der Beginn einer neuen Epoche! Ferne 
aber stehen wir von jeder Selbstüberhebung oder Überschätzung unseres Könnens; 
wir sind uns der von der Natur gesetzten Schranken wohl bewußt und erkennen^ 
daß wir das Erreichte nur mit selbstloser und hingebungsfreudiger Opferwilligkeit 
der sehenden Freunde erlangen konnten und weiter ausgestalten können! Bis zum 
Eintreten des Vereins in die Blindenfürsorge gab es wohl manche Wohlfahrtsein- 
richtungen, welche sich die Obsorge für ihre Schutzbefohlenen in reichem Maße 
angelegen sein ließ, aber es gab noch keine Organisation der außerhalb dieser Ein- 
richtungen lebenden Blinden. Dieses unserem Verein von allen übrigen Fürsorger' 



2. Nummer. Zeitschrift tiir das österreichische Hlindenwesen. Seite 877, 

einrichtungen wesentlich unterscheidende Merkmal haben wir bei der am 17. Fe- 
Lruar 1913 erfolgten Erweiterung zum Ersten österr. Blindenverein schon 
im Titel unzweifelhaft hervorgehoben. War bis dahin die geschlossene Fürsorge, 
die Untcrbiingung der Blinden in Versorgungs- und Beschäfligungsanstalten und 
später in Heimen, das fast ausschlielSlichc Ziel, so tritt unser Verein mit allem 
Nachdrucke für das Prinzip der »freien« Fürsorge, der möglichsten Förderung der 
außerhalb der geschlossenen, im Lebenskampf alleinstehenden Blinden ein; es ist 
dies sicherlich kein Kampf gegen die erstere, deren Bestand unentbehrlich ist, 
sondern eine notwendige Ergänzung derselben, wie sie sich schon aus der über- 
wältigend großen Maße der unversorgten Blinden ergibt. Alles, was der Verein in 
diesen zwanzig Jahren zielbewußter Arbeit geschafien, die materielle Unterstützung 
in Geld und Arbeitsmaterial, die Gründung einer Krankenkasse für Wien (I901j 
die Errichtung einer Arbeitsvermittlungs- und Verkaufsstelle von 
Blindenerzeugnissen (1903), die Schaffung von auf genossenschaftlicher Grundlage 
ruhenden Werkstätten für Handwerker (1907), die Förderung der geistigen Be- 
düifnisse durch Vermittlung von Lektüre usw., all das ist ein Beweis unseres 
Strebens, dem vorgestecktem Ziele nahe zu kommen. Wo immer sich Gelegenheit 
geboten hat, bei den österr. Blinden-Fürsorgetagen und den deutschen Blinden- 
lehrer-Kongressen, bei den deutschen Blindentagen, bei der Enquete über das 
österr. Blindenwesen, überall hat der Verein die Interessen der selbständigen 
Blinden mit Nachdruck, mit Erfolg wahrgenommen. Aus den bescheidensten 
Anfängen heraus, und nicht ohne Überwindung mancher Widerstände hat sich 
unser Verein zu einem angesehenen, auf sicherer Grundlage ruhenden Werke ent- 
wickelt, das sich in ganz Österreich wärmster Teilnahme erfreut. Immer stärker 
erwacht das Gefühl der Zugehörigkeit unserer ferne lebenden Brüder zum Ersten 
österr. Blindenverein, ihrem natürlichen Schutz und Helfer! Nicht zuletzt sind es 
unsere braven Helden, die Kriegsblinden, welche, trotz des merkwürdigen Versu- 
ches, sie als eine besondere Klasse von Blinden zu behandeln, nach ihrer Rückkehr 
ins Zivilleben innige Fühlung und Anschluß an den Verein suchen und linden. 

Und nun den Blick in die Zukunft! Der kommende Friede bringt eine neue 
Zeit auch für uns! Manches Vorurteil ist gefallen und die, wenn auch beklagens- 
werte neue Erscheinung der Kriegsblinden hat der Gesellschaft die Augen geöffnet, 
was uns sonst niemals geglückt wäre. Günstigere Verhältnisse für die gewerbliche 
Tätigkeit, Einführung neuer Berufe, Erschließung der Altersversicherung für beruf- 
lich tätige Blinde, Erweiterung der Krankenversicherung innerhalb des Vereines, 
Ausgestaltung der Rohstoffabgabe, Schaffung gemeinsamer Arbeitsstätten für weib- 
liche Blinde usw. Auf realem und geistigem Gebiete sind allgemeine und besondere 
Aufgaben, welche in nächster Zeit ihrer Lösung harren. Aus dem Erfolge von 
20 Jahren wollen wir frische Kraft zu neuer Arbeit schöpfen in unerschütterlichem 
Zusammenschluß. A. v. H. 

— Humanitärer Blindenverein »Lindenbund« in Wien XX. 
(Obmann W. Kreutzer) Der Bericht über das Jahr 1917 zeigt uns in erfreulichem 
Maße, daß die Zahl edler Menschen, die sich dem »Lindenbund« angeschlossen, im 
Steigen begriffen ist; nicht weniger als 189 neue Mitglieder sind dem Vereine als 
Gönner und Förderer beigetreten. Dank dieser Unterstützungen konnte der »Linden- 
bund« auch allen Hilfesuchenden eine Quelle neuer Kraft und Stütze werden. Die 
Agenden des Vereines wurden in einer Generalversammlung und neun Sitzungen 
des Vorstandes erledigt: 139 Unterstützungswerber wurden mit einem Betrage von 
zusammen K 3386 beteilt; das Zinsenerträgnis des Hilfsfonds für im Kriege Er- 
blindete wurde an 17 Petenten im Betrage von K 520'— zur Verteilung gebracht. 
Neu beigetreten sind vier Erblindete, demzufolge beträgt der Stand der wirklichen 
Mitglieder: 14 weibliche und 31 männliche Erblindete. 

Das neue Vereinsjahr brachte einen herben Verlust. Zwei langjährige Mitglieder 
die Herren Leopold Haller und Leopold Prag er sind der Tuberkulose erlegen; 
Ehre ihrem Angedenken! Die Vereinsleitung aus den Herren: Kreutzer Wilhelm, 
Obmann, Ingrisch Johann, Stellvertreter, Kotek Franz, Schriftführer, Zzech Anton, 
Kassier, Dippel Hugo, Kr ist Martin und Zeinlinger Johann, Ausschüsse. 



Für unsere Kriegsblinden. 

— Versorgung der Kriegsblinden. Im Entwürfe des neuen Militär- 
Versorgungsgesetzes erecheinen die Kriegsblinden besonders berücksichtigt. Nach 



Seite 878. Zeitschrift das für österreichische IJUndenwesen. 2. Nummer. 

den Bestimmungen dieses Entwurfes bekommen Kriegsblinde nebst der Invaliden- 
pension eine Kriegszulage und eine bedeutend höhere Verwundungszulage, so daß 
die künftigen Versorgungsgebühren ungefähr doppelt so hoch sein werden, wie die 
gegenwärtigen. Der bezügliche Gesetzentwurf dürfte von den Regierungen in näch- 
ster Zeit den Volksvertretungen zur Gdnehmigung vorgelegt werden. 

— Erzherzog Karl Stephan im Kriegs blindenheim, Wien XIII. 
Am 7. d. M. kam Erzherzog Karl Stefan in das Kaiser-Karl-Kriegsblindenheim 
in Wien XIII und Kaiser-Franz-Josef-Blindenarbeiterheim um sich über den Fort- 
schritt in der gewerblichen Ausbildung der Kriegsblinden zu überzeugen. In der 
Korbflechterei wie in der Bürstenbinderei sprach der Herr Erzherzog jeden der 
blinden Arbeiter an, erkundigte sich eingehend über deren persönliche Verhält- 
nisse und nahm vorgebrachte Bitten teilnahmsvoll und wohlwollend zur Kenntnis. 
Nach Besichtigung der Wohnungen, Wiitschaftsräume, Rohstoff- und Warenmagazine 
sowie des Verkaufsladens drückte er dem Präsidenten des Vereines zur Fürsorge 
für Blinde Herrn Hof rat von Herdliczka die volle Anerkennung für die zweck- 
mäßige und erfolgreiche BlindenfUrsoige aus und verabschiedete sich in leut- 
seligster Weise. 

— Weihnachtsfeier in Brunn. Zu der im Kriegsblindenheime abgehal- 
tenen Feier hatte sich ein zahlreiches vornehmes Publikum eingefunden. Die mähr. 
Landeskommission hatte für zweckmäßige Geschenke gesorgt, die nach der erhe- 
benden Feier unter dem großen elektrisch beleuchteten Christbaume an 31 Kriegs- 
blinde zur Verteilung kamen. Aus einer von Oberstabsarzt Prof. Dr. Schmeichler 
veranstalteten Sammlung, konnte jedem Kriegsblinden ein Sparkassebuch mit 300 K 
zugewendet werden. Auch die auswärtigen, bereits entlassenen Kriegsblinden wurden 
ausgiebig beteilt. 

— Bekanntmachung. Die Direktion des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes 
in Wien II veröffentlicht folgende Bekanntmachung : 

In der Landwirtschaftlichen Expositur Strass im Strassertal findet im Ein- 
vernehmen mit dem Vorstand des Kriegsblindenfonds im Ministerium des Innern 
im Laufe des April 1918 ein Fortbildungskurs über Obst- nnd Gartenbau 
für Kriegsblinde statt. Die Verpflegskosten für die Teilnehmer werden vom 
Kriegsblindenfonds bezw. vom Kriegsministerium (»Krie^sfürsorgeamt«) getragen 
und werden die Reisekosten eventuell ganz oder teilweise ersetzt. Der Unterricht 
umfaßt alle Fächer des Obst,- Gartenbaues und der Kleinviehzucht. Die praktischen 
Übungen werden auf dem Grundstück der Realität ausgeführt. Für die Unterweisung 
sind tüchtige Lehr- und Hilfskräfte gewonnen. 

Arbeitsfreudige und für die Angelegenheit interessierte Kriegsblinde wollen 
sich wegen IVIitteilung der näheren Umstände bis Ende Februar an die Direktion 
des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes, Wien, IL, Witteisbachstraße 5, wenden, von 
welcher Stelle das Erforderliche bekanntgegeben wird. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende Jänner 1. J. 

— Neue Freie Presse: 1,237.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 3,205.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 320.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 80.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 30.000 K. 

Verschiedenes. 

— Blindenführerhunde. In München ist ein eigenartiges Institut errich- 
tet worden, das Hunde dazu ausbildet. Blinden als Führer im Straßengewühl zu 
dienen. Kaum war diese Idee angeregt, wobei es sich in erster Linie darum handelte, 
jenen Unglücklichen zu helfen, die auf dem Felde ihr Augenlicht eingebüßt haben, 
als Prinz und Prinzessin Ludwig Ferdinand ihrer nachdrücklichst und aufs 
wärmste annahmen, und so ist es vornehmlich ihnen zu danken, daß nun tatsächlich 

Heraasgeber: Zentralverein für das österreichische BlindenweseD in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürkleo, 
J. Kneis, A. ▼. Horrath, F. Uhl, — Drock Ton Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



in verhältnismäßig rascher Zeit die »Blindenführerhundeschule« eröffnet werden 
konnte. Zugleich wurde aus den von der Prinzessin bereitgestellten Mitteln ein 
eigener Zwinger erbaut, in dem die Hunde, die für ihren neuen Beruf ausgebildet 
werden sollen, untergebracht sind. Bis jetzt sind vier Hunde angeschafft. Auf dem 
Polizeihunde-Übungsplatz an der Glüclcstraße, der für die Anfangsdressur dient, 
wurden künstliche Straßen und Wege mit Hindernissen angelegt. Die Rotweiler 
Hündin »Diva« die Frau Prinzessin Ludwig Ferdinand schon vor längerer Zeit 
erwarb und einem Kriegserblindeten zum Geschenke machte, ist in der Dressur 
schon weit vorgeschritten und führt den markierten Blinden tadellos an Hindernissen 
vorbei und setzt sich, wenn eine Stufe oder ein Randstein kommt. Die Hunde müssen 
später den Blinden auch über belebte Straßen und Plätze führen und ihn auf alle 
Hindernisse, wie Randsteine, Fuhrwerke, Straßenbahn, Radfahrer, Laternenpfähle 
usw. aufmerksam machen und ihn daran vorbeiführen. Natürlich kann man von 
dem Hund nicht verlangen, daß er den Blinden an einen nächstbeliebigen Ort, den 
dieser sich gerade wünscht, führt, sondern der Weg muß dem Blinden mit dem 
Hund öfter gemacht werden, zum Beispiel von der Wohnung zur Arbeitsstätte und 
zurück oder ein üblicher Spaziergang und dergleichen. 

— Dänemarks erster weiblicher blinder Organist. In Dänemark gibt 
es viele männliche blinde Organisten, zum mindesten ein Dutzend, mehreie von 
ihnen haben sehr gute Stellen. So ist einer an der Domkirche in Odensee angestellt 
und ein anderer an der Erlöserkirche in Esbjerg. — Nun hat Dänemark auch seinen 
ersten weiblichen Organisten, da Frl. Laura Nielsen als Organist an der Kirche 
in Agedrup angestellt wurde. Frl. Nielsen, die 23 Jahre alt ist, verlor das Augen- 
licht im Alter von 20 Jahren. Da sie zu alt war, um in das Blindeninstitut in Kopen- 
ha.^en aufgenommen zu werden, erhielt sie ihien ganzen Unterricht bei Herrn 
William Hansen, welcher — selbst blind — seit 25 Jahren als Organist an der 
St. Knuds-Kirche in Odense angestellt ist. Im letzten Jahre war Frl. Nielsen viel- 
fach als Vikar beschäftigt und spielte häufig im Missions- und Versammlungshause 
des Kirchensprengels, Es ist ihr bereits gelungen, etliche Schüler zu bekommen, 
und sie wird ohne Zweifel dazu gelangen, eine größere Unterrichtstätigkeit enttal- 
ten zu können, da sie Gelegenheit hat, jeden Sonntag vor der Kirchengemeinde zu 
spielen. Im Monate Mai legte Frl. Nielsen eine Prüfung mit guten Erfolge an dem 
Seminar in Scaarup ab. (Budstikke). 

— Eine verdiente Blendung. Eine recht nette Szene schildert Daudet 
in seinem Roman »Der Nabob«: Der nicht gerade geistreiche, aber seelengute 
Abgeordnete Bernard Jansaulet wird vom Journalisten Moessard dessen Erpres- 
sungen er endlich satt hat, im Blatte »Massager« unflätigst angegriffen, doch so 
geschickt veiblümt, daß er ihn nicht gerichtlich belangen kann. 

Aber da trifft er ihn im Bois und — Daudet soll das nun folgende selbst 

schildern: »Kaum hatte Moessard einen Fuß auf die Erde gesetzt da warf 

Jansaulet sich auf ihn, hob ihn wie ein Kaninchen am Genick empor und sagte, 
ohne im mindesten auf seine mit lallender Stimme vorgebr^achten Verwahrungen 

2U achten: »EK'nder, ich werde dir Rechenschaft geben Aber vor allem 

werde ich dir das tun, was man unsauberen Tieren tut, um ihnen die Unreinlichkeit 

abzugewöhnen Und nun begann er ihm mit der zusammengeballten Zeitung 

das Gesicht abzureiben, bis er ihn fast erstickt und mit der an den Abfschürfungen 
herablaufenden Schminke geblendet hatte 

Bücherschau. 

— Die Blindenschule. Monatsschrift zur Förderung des Blindenunter- 
richts. Herausgegeben von Schulrat Friedrich Zech, Danzig-Langfuhr, 1918. Bezugs- 
preis 3.50 M., für das Ausland 4 M. Die neue Zeitschrift soll als Ergänzung zum 
»Blindenfreund« hauptsächlich der Blinden-Unterrichtsmethode gewidmet sein, Anre- 
gung für die Praxis des Unterrichtes geben und zur Weiterentwicklung des Unter- 
richtes beitragen. Mit Recht klagt der Herausgeber über die bisherigen Vernach- 
lässigung auf diesem Gebiete, denn eine im großen und ganzen gefestigte Blinden- 
Unterrichtslehre ist tatsächlich noch nicht vorhanden. Jeder Blindenlehrer wird ihm 
in der Meinung beipflichten, daß für den Ausbau des Unterrichtes gar nicht genug 
geschehen kann, denn mit diesen steigt und sinkt das gesamte Blindenwseen. Die 
bisherigen Arbeiten von Schulrat F. Zech auf dem Gebiete der Blinden-Unterrichts- 
methodik lassen uns wertvolle Beiträge zu diesem Fache des Blindenwesens erwarten. 
Möge sein Wunsch, eine große Zahl von Mitarbeitern unter den deutschen 
FachlcoUegen zu finden, erfüllt werden und dem neuen Fachblatt voller Erfolg 
beschieden sein. 



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Nebst Beiträgen zur Blindenpsychologie von P. Grasemann- 
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5. Jahrgang. 



Wien, März 1918. 



3. Nummer. 



INHRLT: Dr. F. v. Gerhardt: Grundlegung der Blindenpsydiologie. Offener 
Brief, Lazarettpfarrer H. Schaefer: Krankenstube Nr. 24. Lucie Rohmer- 
Heilscher: Die Blinde. Personalnachrichten. Aus den Anstalten. Für 
unsere Kriegsblinden. Verschiedenes. Bücherschau. (Altes und Neues. An- 
kündigungen). 



-H 



D 



D 



•J Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische ^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien Vlll, 
g Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. r^ 



flites und Meues. 

Ein Dichter als Erzieher eines blinden Knaben. 

Der deutsche Dichter Friedrich Lienhar d erzählt uns in seinen 
Erinnerungen (Westermanns Monatshefte 1917), wie er in seinen Ber- 
liner Sturm- und Drangjahren Hauslehrer wurde, um zunäclist einmal 
dem Leben einen Sinn und eine nicht ganz nutzlose Tätigkeit abzu- 
ringen. 

»Es bot sich in Großlichterfelde bei Berlin die schöne und 
schwere Aufgabe, einen blinden Knaben zu erziehen. Der Vater 
des etwa zwölfjährigen Jungen war Professor an der Universität in 
Berlin, dessen einziges Kind seit einer Gehirnhautentzündung in frühen 
Lebensjahren von so schwerem Scliicksal heimgesucht war. 

Die Behandlung dieses an sich liebenswürdigen und gutartigen 
Knaben war von besonderer Sclnvierigkeit. Er war außer seiner Blind- 
heit mit Epilepsie behaftet. Vor mir hatten rasch hintereinander vier 
Hauslehrer umsonst das ihre versucht; man sah mit Bangen meinem 
eignen Versuch entgegen, dem so von der Außenwelt abgeschlossenen 
und von persönlichen Launen oder Dumpfheiten abhängigen kleinen 
Sonderling eine innere Welt beizubringen. Gleich der erste Spaziergang 
im Garten der Villa mußte entscheiden: »Ob Max sich an Sie gewöh- 
nen wird?« Ich hatte den lieben Jungen am Arm; seine lichtlosen 
Augen waren durch eine dunkle Brille und eine Schirmmütze verdeckt; 
er war ganz auf sein Gehör und auf sein Tastgefühl angewiesen, 
derart, daß er ordentlich die Ohren bewegen konnte. Wir plauderten 
miteinander; ich in meiner damals noch stärker ausgeprägten süd- 
deutschen Tonart, die dem norddeutschen Knaben neu war. Mich 
erfüllte rasch unendliches Mitleid. Was ist all unser aufreibendes 
Literaturtreiben neben solch einem Lebensleid! Die Fluten der Liebe 
überströmten mein Herz und zeigten mir hier eine erwärmende Aufgabe, 
die jenes papierene Wesen zurückdrängen konnte. Max schien diesen 
ganz allgemeinen Zug der Hinneigung zu spüren. Denn es war ein 
unvergeßlicher Vorgang, wie der Kleine plötzlich hinter dem Schutz 
des Hauses — er hörte es am Schall der Tritte — stehenblieb, 
meinen Kopf zu sich herabzog und mir in der herzigsten Weise 
gestand, daß er mir gut sei. Wir sind während der zwei Hausleh- 
rerjahre (1890 — 1892) und später bis an seinen Tod Freunde geblieben. 

Ich verfertigte für seine tastenden Finger geographische Karten, 
auf denen die Flüsse mit Leim gezogen, die Städte mit Reißbrett- 
nägeln bezeichnet waren. Rechnen, Geschichte, Religion, Sprachen 
mußten wesentlich durch das Gehör bewältigt werden; er kannte 
zwar die Blindenschrift, doch griff ihn das Schreiben leicht an. Und 
immer mußte man erzählen und anregen, wobei er auch für Heiterkeit 
und scherzhafte Reimereien viel Sinn besaß. Dazwischen freilich, an 
manchen Tagen sehr häufig, kamen seine Anfälle, wobei er unter 
Krämpfen die erloschenen Augen verdrehte und leise Aveinend zu 
Boden fiel, wenn man ihn nicht rasch auffing. Am unangenehmsten 
Avar es für mich schüchternen und scheuen Menschen, wenn dergleichen 
einmal auf einem Spaziergang vorkam, wo ich dann den Zusammen- 
gebrochenen manchmal auf den Arinen nach Hause tragen mußte. 




5. Jahrgang. Wien, März 1918. 3. Nummer. 






^ Hast du in dir den Strahl gegründet, 

®j Der deine dumpfe Nacht erhellt, 

am 

So glänzt, dem Innern Licht verbündet, 
Auch draußen farbenbunt die ^Velt. 

Gottfried Kinkel. 



m 



^ 



Grundlegung der Blindenpsychologie. 

Von Dr. F. von Gerhardt, Marburg a. d. L. 

Die Zahl derjenigen Menschen, die mit BHnden in nähere Berüh- 
rung kominen, ist im allgemeinen nicht groß, woraus sich die Tatsache 
zur Genüge erklären mag, daß man sich nur in den seltensten Fällen 
veranlaßt fühlt, über das Leben, Wesen und Streben der Nichtsehenden 
einmal tiefer nachzudenken. Unser sozial stark empfindendes Zeitalter 
hat zwar auch hier nicht versagt und Blindenanstalten sowie Heime 
ins Leben gerufen, die den Nichtsehenden den Daseinskämpfen entrücken 
oder diese wenigstens erleichtern sollen, aber man hat sich gleichzeitig 
daran gewöhnt, in jenen nur Fürsorgeobjekte zu erblicken, deren sub- 
jektiven Regungen kaum eine flüchtige Beachtung geschenkt wird. Das 
sagt indessen nicht mehr und nicht weniger als, daß man über der 
sozialen die rein menschliche Seite des Blindenproblems fast völlig 
vergessen hat, wodurch ein Zustand geschaffen wurde, der nicht nur 
allen einschlägigen Maßnahmen den Stempel gewisser Einseitigkeit 
aufdrückt, sondern auch in der Mehrzahl der Blinden ein Gefühl des 
Nichtbefriedigtseins, des Nichtverstandenwerdens erzeugte, das sie je 
nach ihrer individuellen Veranlagung schmerzlich niederdrückt oder 
verbittert. Gerade aber, weil dieses Ergebnis mit allen seinen bedauer- 
lichen Begleiterscheinungen von Staat und Gesellschaft nicht bewußt 
und nicht gewollt herbeigeführt wurde, sollten diese den inneren Drang 
verspüren, begangene Fehler nach Krätten wieder gutzumachen und 
künftigen Irrungen ähnlicher Ait rechtzeitig vorzubeugen. 



Seite 884. Zeitschrift das für österreichische BUndenwesen. 3. Nummer.- 

Wie ein Gärtner die Entwicklungsbedingungen und die für eine 
Pflanze speziell geeignete Bodenart genau kennen muß, wenn sie gedeihen 
und Frucht bringen soll, in dem gleichen Maße müssen wir mit den 
Voraussetzungen und Bedürfnissen des Blinden vertraut sein, um ihm 
den richtigen Platz im Leben anzuweisen, an dem er das leisten und 
alles dessen teilhaftig werden kann, worauf ein Mensch als solcher 
Anspruch erheben zu dürfen glaubt. Sozialpolitischer Schematismus 
vermag hier keine günstigen Resultate zu erzielen, wie uns die bisherige 
Erfahrung lehrt. Die Blinden sind nicht Menschen, die sich darauf 
beschränken wollen, zu empfangen, die zufrieden sind, wenn die äußer- 
ste Not von ihnen ferngehalten wird, sondern sie möchten auch geben 
von dem, was ihnen verblieben ist, sie streben darnach, in den seelischen 
und köiperlichen Austauschverkehr der Allgemeinheit aktiv einzugreiten 
und als selbständig handelnde Subjekte anerkannt und gewertet zu 
werden. In dieser Richtung betätigt sich ihr Denken, Fühlen und Wollen; 
von dieser Lebensauffassung aus betrachten sie die Umwelt und ihre 
Mitmenschen, die ihnen feindlich oder freundlich gesinnt erscheinen, 
je nachdem sie von diesen in ihren Plänen gehemmt oder gefördert 
werden. Es ist nicht die Sucht, die durch die Blindheit errichteten 
Schranken zu übersteigen, die lästigen Fesseln zu sprengen, sondern 
das tief innerliche Sehnen nach dem Menschsein unter anderen Menschen 
ihre Leiden und Freuden zu teilen und als Glied der großen Familie 
zu fungieren, das Pflichten übernimmt und Rechte genießt, ohne aus 
dem Rahmen der anerkannten Ordnung herauszutreten. Der gesunde 
Selbsterhaltungs- und Schaffenstrieb ist es, der auch den Blinden beseelt, 
und dessen Eindämmung oder Unterdrückung von ihm weit schmerzlicher 
empfunden wird, als die Tatsache selbst, daß sein Auge geschlossen 
und nicht in der Lage ist, das bunte Bild zu erfassen, das die Außen- 
welt dem Vollsinnigen bietet. Ja, es können Stunden und Tage kommen, 
in denen der Nichtsehende sein Leiden gewissermaßen vollständig 
vergißt, wo er sich nur als Mensch fühlt, als ganzer, gleichberechtigter 
und gleichverpflichteter Mensch, und diese Zeitspannen sind für ihn 
die schönsten, die gesegnetsten seines Lebens. Ein solches seelisches 
Gleichgewicht, oder besser gesagt, ein solch innerer Ausgleich, tritt 
jedoch immer nur dann ein, wenn der Blinde sich verstanden weiß 
und dazu berufen wird, ein Werk fördern zu helfen, das seinen Leistun- 
gen und Fähigkeiten entspricht. Sei es Hand- oder Geistesarbeit, ihm 
wird sie Befriedigung verschaffen, wenn sie auf seine Individualität, 
sein spezielles Ich, gebührende Rücksicht nimmt. Nur kein Hindämmern, 
kein Müßigsein, keine Langeweile ! Jene drei Todfeinde des Nichtsehen- 
den können selbst durch die liebevollste Wartung oder beste Verpflegung 
nicht entwaffnet werden, denn sie dringen auf sein Gemüt ein, das an 
und für sich durch die Blindheit schwer genug belastet ist und sich 
außerstande befindet, noch neue drückende BiJrden zu tragen. 

Um dies in seiner ganzen Tragweite verstehen und würdigen zu 
können, müssen wir uns ständig gegenwärtig halten, wie verhältnis- 
mäßig gering die Eindrücke und Anregungen sind, die der Blinde von 
der umgebenden Außenwelt her empfängt. Was nicht durch Gehör, 
Geruch oder Gefühl zu ihm dringt, existiert für ihn nicht ; alle die 
tausend Gesichtswahrnehmungen, die auf Schritt und Tritt oft unwill- 
kürlich und unbewußt gemacht werden, kommen für ihn nicht in Frage, 



3. Nummer. Zeitschiifl fiir das östcneichischc Hlindenwesen. Seite 885. 

SO daß der Denkstoiit, der seinem Gehirn zugeführt wird, schon quanti- 
tativ weit hinter dem eines normalen Menschen zurückbleibt. Freilich 
wird nun vielfach behauptet, daß man nur das vermissen könne, was 
man kennt, was man früher vielleicht einmal besessen hat. In vollem 
Umfang trifft dieser Satz bei dem geistig regen Blinden nicht zu, denn, 
wenn er — beispielsweise als Blindgeborener — auch keine Vorstellung 
davon hat, was Licht und Finsternis, Farben und Perspektiven bedeuten, 
so hat er doch von Jugend auf gelernt, daß jene Begriffe existieren 
und im Leben der sehenden Mitinenschen eine hervorragende Rolle 
spielen. Weiß er doch, daß es gerade diese Begriffe sind, die ihn selbst 
in eine Sonderstellung drängen, und daß ihr Fehlen den Inhalt des 
Wortes »Blindsein« ausmacht. 

Es kommt demnach hier nicht darauf an, das Wort »vermissen« 
mit »sich danach sehnen« zu identifizieren, sondern es genügt die 
Feststellung des im Blinden vorhandenen Bewußtseins, daß es Dinge 
und Erscheinungsformen gibt, die ihm nicht zugänglich sind. Hieraus 
resultiert für ihn mit logischer Notwendigkeit die Überzeugung, daß 
seine Vorstellungen von der Außenwelt keine vollständigen sind, daß 
jedes Bild von da draußen für ihn eine Lücke aufweist, die er aus 
eigenem Vermögen nicht ausfüllen kann. Mehr als das fehlende Sehen 
an sich schmerzt ihn dieses Bewußtsein, denn es schließt eine gewisse 
Inferiorität in sich, zu deren Bekämpfung er einen außerordentlichen 
Aufwand von seelischen Kräften aufbieten zu sollen vermeint. Er wird 
somit einen großen Teil seiner geistigen Funktionen darauf einstellen, 
Eindrücke und Wahrnehmungen zu sammeln, die dann verarbeitet, 
kombiniert und miteinander in Zusammenhang gebracht werden müssen. 
Dadurch befindet sich seine Denktätigkeit in dauernder Anspannung 
und dürstet förmlich nach Ergänzung des gesammelten Materials, die 
durch das versagende Auge so überaus erschwert wird. Je mangelhafter 
und quantitativ geringer die Anregungen und Eindrücke sind, die er 
seinem Gehirn zur Verarbeitung vorlegen kann, desto mehr ist er darauf 
angewiesen, seinen Geist spekulativ zu betätigen und auch der eigenen 
Fantasie einen Spielraum zu gewähren, der häufig genug das Maß des 
Wünschenswerten oder Ersprießlichen überschreitet. 

Naturgemäß kann der Blinde nicht dauernd mit diesen rein inner- 
lichen Funktionen auskommen, die gar bald zu Ermüdung, Abspannung 
und zur — Langeweile führen. Von Zeit zu Zeit muß immer wieder 
ein Kontakt mit der Außenwelt hergestellt werden, der eine neue Zufuhr 
geistiger Nahrung bringt und das zum Teil unfruchtbare Grübeln oder 
gar Hinträumen unterbricht. Ablenkung und Neubelebung seiner Ideen- 
und Gedankenwelt ist es, was er — vielleicht mehr als andere — zu 
seiner geistigen Gesunderhaltung braucht. Darum begreift sich der freu- 
dige Eifer, mit dem jede nutzbringende Beschäftigung aufgenommen 
und mit bewundernswerter Energie durchgeführt wird. Die Betätigung 
selbst bedeutet für ihn eine Ablenkung, so daß er sich voll und ganz 
auf sie konzentriert und als eine seelische Wohltat empfindet. Man 
muß einmal einen Blinden bei der Ausübung seines Berufes beobachtet, 
man muß die stille Zufriedenheit dabei in seinen Zügen gesehen haben, 
wenn man in den tiefernsten Sinn des eben Gesagten restlos einzu- 
dringen wünscht. 



Seite 886. Zeitschritt für das östereichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

Je inniger die Verbindung ist, in der ein Blinder mit der Außen- 
welt steht, je reichhaltiger somit das Material wird, das er seinem Gehirn 
zur Verarbeitung zuführt, um so höher wird seine Lebensfreudigkeit und 
sein Selbstvertrauen steigen, die ihn wiederum ihrerseits anspornen, seine 
sämtlichen Kräfte einzusetzen, um das höchstmögliche Ziel zu erreichen. 

Umgekehrt aber führt der Mangel an Anregung, an geistiger Nahrung 
mit der Zeit zu einer gewissen Stumpfheit, die das ganze Dasein des 
Blinden wie eine düstere Wetterwolke überschattet und jedes kräftigere 
Fühlen und Wollen bereits im Keime erstickt. Traurige Beispiele genug 
bietet hierfür die tägliche Erfahrung, namentlich dort, wo es sich um 
blindgeborene oder früherblindete Kinder handelt, deren Erziehung und 
verständige Anleitung im Elternhaus vernachläßigt wurde. Meist ist sol- 
chen bedauernswerten Geschöpfen in der Folge nicht mehr zum helfen. 

Diese vorerwähnten Punkte müssen in allererster Linie berücksich- 
tigt werden, wenn es sich darum handelt, für einen Blinden wirklich zu 
»sorgen« und ihm das Leben erträglich und menschlich zu gestalten. 
Gleichzeitig aber weisen sie dem Psychologen den Weg, wo und wie 
das Seelenleben jener Stiefkinder des Schicksals zu erschließen ist und 
in welchen Bahnen es sich vollzieht. Beschreiten wir den angedeuteten 
Pfad, so wird sich ein Rätsel nach dem anderen gleichsam von selbst 
lösen, an dem man bisher vielleicht mit einer gewissen Scheu vorüber- 
ging. Es kann aber für den Forscher kaum eine fruchtbringendere Be- 
tätigung geben, als gerade sich in die Psyche des Blinden zu vertiefen, 
wodurch nicht nur die Wissenschaft eine wertvolle Bereicherung erfährt, 
sondern auch die Blindensache selbst infolge größeren Verständnisses 
und allgemeiner Aufklärung bedeutend gefördert wird. Gerade aber der 
Fortschritt des rein Menschlichen ist der oberste Zweck der psycholo- 
gischen Wissenschaft, die sich nicht damit begnügt, Probleme zu suchen 
und zu lösen, sondern danach strebt, die gewonnenen Endergebnisse der 
Allgemeinheit zugänglich und dienstbar zu machen. Auf unserem Gebiet 
ist bisher leider fast noch nichts geschehen, was sicherlich nicht ohne 
schädigende Wirkung auf das Blindenwesen geblieben ist. Es reicht auch 
beiweitem nicht aus, gewisse theoretische und praktische Kenntnisse auf 
die Nächstbeteiligten, die Organe der eigentlichen Blindenfürsorge, zu 
beschränken, sondern die Gesamtheit muß mit ihnen in mundgerechter 
Form vertraut gemacht werden, damit man allenthalben dem Blinden 
mit Verständnis begegnet und sich nicht hinter billiges, bequemes Mit- 
leid verschanzt, das nichts weiter als »Unterstützungen« zu geben hat. 
Mit anderen Worten: Die psychologische Forschung ist vor allem anderen 
dazu berufen, den Blinden von den sozialen Isolierschemel herunterzu- 
holen und ihn in die Gesamtheit einzugliedern, in die er gehört und in 
der allein er sich zum eigenen Vorteil und dem seiner Umgebung voll 
zu entfalten vermag. 

Ein ernstes Streben in dieser Richtung wird ohne Zweifel zu hoch- 
jnteressanten und wichtigen Endergebnissen führen, die eine wertvolle 
Ergänzung des bisherigen Wissens vom Seelenleben des Menschen über- 
haupt darstellen. Nur sei dringend davor gewarnt, mit vorgefaßten Mei- 
nungen an die Materie heranzutreten und sich auf gelegentliche Einzel- 
erfahrungen zu stützen, denn das Wort »Blinde« bezeichnet keinen scharf- 
umgrenzten generellen Begrifif, sondern schließt eine Summe von Indi- 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwcsen. Seite 887. 

vidualitäten und somit Verschiedenheiten in sich. Diese einzelnen Kompo- 
nenten jener großen Summe können natürHch nicht von vornherein 
gesondert betrachtet werden, aber sie dürfen nie aus dem Auge ver- 
schwinden, wenn es sicli vorerst auch nur darum handeln wird und 
muß, gemeinsame Züge, d. h. durch die Blindheit bedingtes »Typisches« 
herauszuschälen und mit der allgemeinen Psychologie in Beziehung zu 
setzen. Nur diese typischen Charakteristika sind es auch, die für die 
Allgemeinheit eine Bedeutung haben, und deren nähere Kenntnis dem 
Blinden mancherlei Erleichterungen verbürgt. Sie bilden den Schlüssel 
zu einzelnen individuellen Verschiedenheiten, die teils auf persönlicher 
Veranlagung, teils auf dem Grad und der Art der Erblindung basieren. 
Namentlich das letztere muß als ein wesentlicher Faktor bei der Beur- 
teilung singulärer Beobachtungen angesehen werden, da es für das 
Seelenleben eines Menschen durchaus nicht gleichgültig ist, ob er das 
Augenlicht bei der Geburt, als Kind oder in gereifterem Alter, ob er 
es vollständig oder nur teilweise verloren hat. 

Der Blindgeborene ist gleichsam in eine Welt der Nacht hinein- 
gesetzt. Sein Begriffsvermögen wird nur selten oder schwer jene Erschei- 
nungen erfassen, die wir mit »Licht« oder »Farbe« bezeichnen. Sie 
bleiben für ihn Abstrakta, die in seinem Geistesleben eine Resonnanz 
nicht finden, höchstens ein negatives Gefühl auslösen, von dem bereits 
weiter oben gesprochen wurde. Die Späterblindeten retten sich dagegen 
eine ganze Reihe von Vorstellungen in die Blindheit hinüber, die als 
Erinnerungen fortleben und trotz des allmählichen Verblassens immer- 
hin befruchtend wirken. Sie haben zwar einen Teil der Welt verloren, 
diese aber ist ihnen wenigstens nicht fremd geblieben. 

Schließlich besteht ein großer Unterschied zwischen denen, die 
noch über größere oder kleinere Sehreste verfügen und jenen, die gegen 
jede Lichteinwirkung absolut unempfindlich sind. Mit dem Grad des 
verbliebenen Sehrestes hängt die Reichhaltigkeit der Wahrnehmungen 
und die Regheit des Geisteslebens — natürlich bei normal Veranlagten 
— eng zusammen. Schon die einfache Möglichkeit, Hell von Dunkel 
zu unterscheiden, bedeutet für den Blinden einen Vorteil, den er nicht 
missen möchte, wenn ihm diese Lichtempfindung auch sonst keine 
weiteren praktischen Erleichterungen bietet. Er fühlt sich dem Sehenden 
dadurch um einen kleinen Schritt näher und empfindet dessen »Über- 
legenheit« schon um einen Grad weniger drückend, als seine völlig 
lichtlosen Genossen. Gerade hierüber lassen sich in den Blindenanstalten 
äußerst interessante Studien machen, bei denen zuerst auffallen dürfte, 
daß unter solchen Blinden, die noch etwas sehen können, eine gewisse 
Sucht besteht, sich auf diesen Sehrest Etliches zugute zu tun und gele- 
gentlich mit ihm zu »renomieren«. (Parmis les aveugles le borgne est 
le roi.) Er, der sonst immer selbst von den Sehenden belehrt und 
geleitet wurde, sucht etwas darin, diese Mentorrolle wenigstens teilweise 
dem Lichtlosen gegenüber auch einmal spielen zu können, wobei er 
sich nicht selten Übertreibungen zuschulden kommen läßt, die lediglich 
als Argument dafür zu werten sind, wie sehr er sich seiner schwachen 
Gesichtswahrnehmungen freut und in welchem Maße er sich danach 
sehnt, über den vollen, uneingeschränkten Besitz des Auges zu verfügen. 



Seite 888. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 3. Nummer. 

Ceteris paribus wird ein solcher Blinder in seiner Vorstellungs- 
und Ideenwelt dem Lichtlosen aber auch tatsächlich überlegen sein, 
denn er kann immerhin eine ganze Reihe von Eindrücken unmittelbar 
gewinnen, die jener nur aut dem Umweg über das Gehör (durch Beschrei- 
bung) oder über den Tastsinn empfangen kann. Für ihn scheint außer 
der »wärmenden« auch eine strahlende Sonne, er sieht das Grün des 
Grases, während jener nur die Substanz als solche fühlt. 

Diese teils essenziellen, teils graduellen Differenzierungen müssen 
wir im Auge behalten, um die gelegentlichen Widersprüche verstehen 
zu können, die uns mitunter entgegentreten. Diese sind indessen keines- 
wegs grundlegender Natur und vermögen daher auch niemals das 
»Typische« zu verwischen oder in den Hintergrund zu drängen. Sie 
sind es gerade, die das Studium der Blindenseele so überaus inte- 
ressant und fruchtbar gestalten, weil sie bemüht ist, anpassend zu 
wirken und die kleinsten vorhandenen Elemente zu einem größeren 
Ganzen zusammenzufügen. 

Um nun gleich von vornherein einen kleinen Wegweiser an die 
Hand zu geben, möchten wir einen Bruchteil des Endergebnisses vorweg- 
nehmen und als eine wesentliche Feststellung aus der Blindenpsycholo- 
gie registrieren, daß ein wunderbares Ineinandergreifen der einzelnen 
Sinnesfunktionen zu beobachten ist, die gewissermaßen danach streben, 
die durch das fehlende Augenlicht entstandene Lücke auszufüllen und 
an die Stelle der Sehwahrnehmungen Surrogatvorstellungen zu setzen. 
Die große Kunst des Blinden besteht nun darin, diese Surrogate nach 
Kräften der Wirklichkeit anzupassen, d. h., eine Übereinstimmung 
zwischen dem zu erzielen, was er auf Umwegen wahrnimmt und dem, 
was er durch Sehende von der tatsächlichen Außenwelt erfährt. Gerade 
hierbei hat der Nichtsehende eine außerordentliche Geistesarbeit zu 
leisten, deren Erfolg oft von wesentlichem Einfluß auf die Gestaltung 
seines ganzen Lebens ist. Muß er sich doch der Welt der Sehenden 
assimilieren, soweit es die besonderen Verhältnisse irgend gestatten, 
um nicht in ihr als Fremdling zu erscheinen und als ein solcher behan- 
delt zu werden. Seine ihm verbliebenen vier Sinne sind doppelt geschäf- 
tig, und an seine Nervenkraft werden dadurch unstreitig erhöhte Anfor- 
derungen gestellt. 

Es wäre gänzlich verfehlt, der Annahme zu huldigen, wie es 
leider noch immer vielfach geschieht, daß die Blindheit an sich eine 
Schärfung der übrigen Sinne bedingt und sonst nicht vorhandene 
Fähigkeiten hervorzaubert. So verschwenderisch geht die Natur an keiner 
Stelle mit ihren Gaben um, vielmehr ist das, was uns bei den Blinden 
als außerordentlich oder zunächst unbegreiflich erscheint, die Frucht 
mühsamer und an Enttäuschungen reicher Arbeit, unermüdlicher Aufmerk- 
samkeit nach innen wie nach außen. Daher sollte man jeden Erfolg, 
den ein Blinder auf geistigem, künstlerischem oder gewerblichem Gebiet 
erzielt, doppelt hoch veranschlagen, denn er hat damit mehr geleistet, 
unsagbar viel mehr, als sein sehender Kollege, der ans gleiche Ziel gelangt. 

Diese Sonderwertung kann und muß der Blinde für sich in Anspruch 
nehmen, denn er selbst weiß am besten, daß er das ganze Sein, die 
gesamte Persönlichkeit auf eine Aufgabe konzentrieren muß, wenn er 
sie glücklich lösen will. 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 889. 

Offener Brief 

an das Präsidium des Zentralvereines für das österr, 

Blindenwesen 
zuhanden des Präsidenten Herrn Direktor Karl Bürklen. 

Sehr geehrter Herr Direktor! 

Die Veranlassung zu diesem Schreiben findet in der Wich- 
tigkeit des Gegenstandes die Erklärung und erscheint durch die 
folgende Betrachtung begründet. 

Die Blindenfürsorge steht im Zeichen einer Wende und 
Wandlung; der Krieg reift zu äußerer Wirklichkeit, was längst 
innere Notwendigkeit war; neue Fürsorgefragen dämmern; auf- 
gezeigte Probleme und Aufgaben harren noch der Lösung; andere, 
bereits errungene, unterliegen noch weiteren Entwicklungen, 

Den vielverzweigten Bestrebun-gen, die so im Gange sind, 
fehlt eine gemeinsame Zentralstelle und den Vertretern der ein- 
zelnen Aktionen eine Gelegenheit ( — oder Willigkeit? — ) zur 
unmittelbaren Berührung und Verständigung, eine Möglichkeit 
(^- oder Willigkeit? — ) gegenseitiger Kenntnisnahme und Ver- 
bindung. Ein solcher Mangel an gegenseitiger Fühlung bedeutet 
aber offenbaren Nachteil für die theoretische Erkenntnis wie für 
die Praxis der Blindenfürsorge — und damit eine Schädigung 
ihrer Interessen. Da ergibt sich denn die Autgabe, in alle Unklar- 
heiten hineinzuleuchten, den Schein zu zerstören und das praktisch 
Richtige hinzustellen als einen Markstein für die Beurteilung, als 
eine Richtschnur für das Handeln. 

Dieser Einsicht entspringt die Vorlage meines folgenden 
Antrages: das Präsidium wolle die Einberufung des 
VI. österreichischen Blindenfürsorgetages für Ende 
d. J. (nach Wien) in Erwägung ziehen. 

Niemals vorher war ein Blindenfürsorgetag notwendiger. 

Ein mannigfacher Stoff erwartet seine Bewältiger, denn die 
Zeit des Überganges und der Neubildung, die nunmehr beginnt, 
wird der Blindenfürsorge wenig günstig sein. Es handelt sich diesmal 
nicht um Aufgaben, die reichlich Zeit — oder auch nur Zeit — 
haben, in der kommenden Friedensperiode mit behaglicher Breite 
behandelt zu werden ; von höchster Aktualität, können sie die 
Wirklichkeit von morgen sein und verlangen so, gleich in Angriff 
genommen zu werden. 

Um jedoch alle diese Ideen und Gedanken festzuhalten, 
durchzudenken, zu ordnen und die daraus resultierenden Aufgaben 
durchzuführen, muß — wie bei jeder Interessengemeinschaft — eine 
Verständigung vorausgehen ( — die stets grundlegend wird für alles 
Soziale — ) eine Konvention, die eine innere Verbindung für jetzt 
einleitet und eine organische Vereinigung für späterhin erleichtert, 
damit die Zeiten kritischer Entscheidung über die Zukunft, die 
kommen müssen, uns stark und wenn inöglich — Examen rigoro- 



Seite 890. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

sum! — uns auch einig finden. Genehmigen Sie, sehr geehrter 
Herr Direktor, den Ausdruck meiner besonderen Wertschätzung. 

Hochachtungsvoll 

Siegfried Altmann, 
dzt. k. u. k. Leutnant Rfr. i. d. Res. 

Wien, am 17. Februar 1918. 

Indem ich dieses Schreiben allen Ausschußmitgliedern des Zentral- 
vereines sowie allen in der Blindenfürsorge tätigen Amtsgenossen zur 
Kenntnis bringe, bitte ich durch gütige schriftliche Mitteilung an mich, 
Stellung hiezu zu nehmen. 

Der Präsident des Zentralvereines 
für das öst. Blindenwesen; 

K. Bürklen. 



Krankenstube Nr. 24. 

Die Krankenstube Nr. 24 kann ich nicht vergessen. Sie war 
mein erstes Ziel, als ich meine Arbeit hier begann. 

Gleich an der Tür rechter Hand ist ein Bett, vor dem ich so 
manches Mal erschüttert gestanden habe, erschüttert von bohrendem 
Mitleid und auch von einer frohen Bewunderung darüber, wie hier 
ein schweres Leid glaubensstark getragen wurde. 

Es war ein Bahnwärter aus Hessenland, jung, groß und stark. 
Um seinen Kopf trug er eine weiße Binde; sie ging quer über die 
Augen. Wenn man sie sah, wußte man alles. Sie barg das größte 
Leid, das einem widerfahren kann. Eine unglückselige Kugel war in 
der linken Schläfengegend eingedrungen, hatte den Sehnerv des linken 
Auges zerstört und das rechte Auge herausgerissen. 

Zuerst hatten wir die Hoffnung, daß auf dem linken Auge noch 
ein schwacher Schein zu retten sei, der bei sorglicher Pflege sich 
immer mehr erhellen würde. Aber die Hoffnung ging nicht in Erfül- 
lung. Es war für uns alle eine schwere Erkenntnis. Und als wir es 
ihm sagen mußten, schnitt es uns selbst ins Herz wie mit spitzen 
Messern. Er saß lange still da, als er die bittere Wahrheit vernahm. 
Aber keine Klage kam über seine Lippen. Er hatte sich schon in der 
Stille darauf gefaßt gemacht. Ach, wenn er wenigstens noch hätte 
weinen können! Aber auch der lindernde und tröstende Tränenstrom 
war versiegt. 

Ich habe viel an seinem Bette gesessen, und darüber sind wir 
gute Freunde geworden. Manches Wort ist zwischen uns hin und her 
gegangen und hat uns herzlich miteinander verbunden. 

Von der Welt, die er nun nicht mehr sehen konnte, habe ich 
ihm erzählt und vorgelesen. Und er hat mir in seiner bescheidenen 
Art berichtet über seine Kriegserlebnisse, seine Eltern, seine Jugend, 
seine Lebensführungen. Ein Stück gesunden deutschen Familienlebens 
ist da vor meinen Augen enthüllt worden. Das Beste, was sie hatten, 
haben die schlichten Eltern dem Sohne mit auf den Weg gegeben: 
ein treues, frommes Herz und jenen Glauben, der die Welt über- 
windet. 



3. Nummer. Zeitschrift lür das österreichische Blindenwesen. Seite 891. 

Hier lag das Geheimnis, daß er ein so großes und bitteres 
Lebensleid so stark und ergeben zu tragen vermochte. 

Wenn er von den tiefsten und größten Dingen der Menschheit 
sprach, von Gott und seinen wunderbaren Führungen, von Christus 
und seinem Kreuze, von jenem ewigen Licht des Glaubens, das kein 
Geschoß zu löschen vermag, und das umso heller brennt und leuch- 
tet, je dunkler es auf dieser Welt ist, dann konnte ich solchem treuen, 
schlichten Gottvertrauen gegenüber kaum meine innere Bewegung 
meistern. Er machte nicht viel Worte um diese heiligen Dinge, denn 
er war schon aus Veranlagung ein stiller, schweigsamer Mensch. Um 
so tiefer aber wirkte das Wenige, und über allem stand die leuch- 
tende Glaubenstat seiner starken Ergebung in Gottes Willen. Ich 
weiß, daß ihm diese Ergebung nicht leicht geworden ist. Was muß 
es für einen starken Zwanzigjährigen für ein innerer Kampf sein, sich 
damit abzufinden, daß es nun ein ganzes Leben lang finstere Nacht 
um ihn sein soll! Er ist Sieger geblieben auch in diesem Kampf. Der 
Glaube hat ihm geholfen. 

Nach Ausheilung seiner Wunden haben wir von ihm Abschied 
nehmen müssen. Er ging in ein Blindenheim, um dort sein Leben 
noch einmal wieder von vorne an aufzubauen. Seine gesunde Natur 
verlangte nach Betätigung. Er ist so glücklich, daß er mit den Fin- 
gern lesen lernen darf und daß er in allerlei Flechtarbeit und Kunst- 
fertigkeit einen neuen Lebensberuf findet. Erfinderische Nächstenliebe 
hilft ihm. Stein für Stein ein neues Leben zu bauen. Als ich den 
ersten selbstgeschriebenen Schreibmaschinenbrief von ihm erhielt, 
merkte ich deutlich, daß es um ihn schon heller geworden war. Und 
seine größte Freude war die, daß ihm das Evangelium des Johannes, 
in dem so viel geschrieben steht von dem inneren Licht der Seele 
und der Welt, in Blindenschrift geschenkt worden ist, und daß er es 
täglich besser mit seinen Fingern zu lesen versteht. 

»Ich kann noch glücklich und zufrieden sein,« sagte er mir ein- 
mal als ich ihn besuchte. »Hier im Institut sind Kameraden, die haben 
es noch viel schwerer als ich.« Er meinte, daß mancher neben dem 
verlorenen Augenlicht auch noch den Verlust dieses oder jenes 
Gliedes zu tragen haben. Ich aber dachte bei seinen Worten: Wenn 
jene Kameraden nicht den köstlichen Besitz im Herzen haben, den 
dieser schlichte Dorfbewohner aus dem Hessenland von seinen Eltern 
i.iitbekam und treulich aucli in den schwersten Stunden bewahrt hat, 
dann weiß ich nicht, wie sie stark genug sein sollen, so schwere Last 
auch nur durch einen einzigen dunklen Tag zu tragen. 

Lazarettpfarrer H. Schaefer. 



Die Blinde. 

Von Lucie K o h m er - H c i Isch c r. 

Ich warte still. Die Sonnenstrahlen gleiten 

Hin über Sclirank und Fach voll Heimlichkeiten, 

Vertrauter Hausrat blinkt noch wie vor Zeiten. 



Seite 892. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. 3. Nummer. 

Geöffnet blieb die Tür. Ein kleiner Garten 

Kniet demütig mit Blumen an der Schwelle, 

Und eine Birke hängt voll Glanz und Helle .... 

Da trittst Du tastend in das Dämmerdunkel, 
Von Licht umfangen. Mit den schmalen Händen 
Ahnst Du das stumm Geräte an den Wänden. 

Wie Zeichen auf vergilbten Pergamenten 
Sind Deiner Stirn und Deiner Augen Falten, 
Dein blasser Mund, den Einsamkeiten malten. 

Du sprichst zu mir. Hart geht ein Klang. Darinnen 
Schwingt schrill ein Ton von unnennbarer Trauer, 
Der ohne Echo stirbt an kalter Mauer .... 

Mir ist so bang, ich weiß nicht, wo Dich finden. 

Und fühle meiner armen Worte Sünde: 

Ich hab' das Augenlicht und bin die Blinde. 

Und aus dem bunten Gaukelspiel der Farben 
Taucht jäh Dein starrer Blick und bohrt ins Weite, 
Ins Unsichtbare sich und Wehbefreite. 

(Bergstadt). 



Personalnachrichten. 

— Zum Direktor des Blinden-Mädchenheimes »Elisabethinum« 
in Melk a. D. wurde der Prior des Stiftes Melk P. Kolumban 
Ressavar bestellt. 

— Der blinde Violin-Hilfslehrer am k. k. Blinden-Erziehnngs-Inslitute in Wien, 
Herr Karl Eichler, selbst ehemaliger Zögling der Anstalt, wurde anläßlich der 
Enthebung von dieser Lehrtätigkeit durch die Verleihung des silbernen Verdienst- 
kreuzes mit der Krone Allerhöchst ausgezeichnet. Am 25. Jänner 1918 überreichte 
ihm der Direktor der Anstalt, Regierungsrat A. Meli, diese Auszeichnung in Gegen- 
wart aller Zöglinge und des Anstaltslehrkörpers, indem er die ersprießliche mehr 
als dreißigjährige Tätigkeit des Ausgezeichneten hervorhob, welcher unter Belassung 
seiner bisherigen Remuneration als Gnadengabe der Dienstleistung in Berücksichti- 
gung des erreichten höheren Alters enthoben wurde. Er sprach seine Befriedigung 
darüber aus, daß Herr Eichler nunmehr in der Reihe der Allerhöchst ausgezeich- 
neten ehemaligen Zöglinge der Anstalt stehe, von denen sich viele durch redliche 
Arbeit und ernstes Streben eine sehr geachtete Stellung im Leben errungen halten. 
Ein ehemaliger Zögling dankte dem Herrn Lehrer in innigen Worten für seine 
Bemühungen, worauf der Gefeierte in Rührung seinerseits die Bitte aussprach, 
seinen Dank, der in ein dreimaliges Hoch auf Seine Majestät den Kaiser ausklang, 
an die Stufen des Thrones gelangen zu lassen. 



Aus den Hnstalten. 

— N. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Faschingsabend 
Zum erstenmale seit Kriegsbeginn wurde der Faschingssonntag wieder mit einer 
Theatervortührung und musikalischen Vorträgen gefeiert. Die Zöglinge und eine 
Anzahl von Angehörigen erheiterten sich an der Aufführung des harmlos lustigen 
Stückes »Das Krautschaffel.« Mit anderen Genüssen mußten sie sich allerdings auf 
die kommende Friedenszeit vertröstet werden. 



:<. Nummer. Zeitschrift für das r)stt rieicliisrfie Hliiideinvescn. Seilt; 893, 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Bericht der küstenländischen Landeskommission 
zur Fürsorge für heimkehrende Krieger über ihre Tätigkeit 
im Jahre 1916. Die Landeskommission liatte bisher nicht Gelegenheit, 
sicli mit der Kriegsblindenfürsorge zu befassen. 

Die Baronin Rittmeyer'sche Stiftung hat beschlossen, ein provi- 
sorisches B li n deni n sti t u t zu errichten und in demselben eine 
besondere Abteilung den Kriegsl)linden aus dem ganzen Küstenlande 
zu reservieren. Die Eröffnung des Institutes ist für den Monat April 
1. J. vorgesehen. Sache der Landeskommission wird es sein, die 
Kriegsblinden aus dem Küstenlande, die bisher in den Anstalten des 
Inlandes gepflegt wurden, ausfindig zu machen und in das Triester 
Institut aufnehmen zu lassen. 

Der Kriegsbündenfond hatte im ersten Reclinungsjahre 11.989 K 
Einnahmen und 29 K Ausgaben. 

— Die Kaiserin für die Kriegsblindenheimstätten. Die Kaiserin hat 
dem Verein Kriegsbiindenheimstätten in Wien einen ihr zur Verfügung gestellten 
Betrag zugewendet. 

— Erzherzog Franz Salvator besuchte am 14. Februar l. J. das Kaiser 
Karl-Kriegsblindenlieim in Wien XIlI und nahm dessen Einrichtungen mit großer 
Befriedigung in Augenschein. 

— Ausstellung. Die Malerin Mina Loebell hat das Reinerträgnis der 
von ihr in der Zedlitzhalle in Wien I veranstalteten Ausstellung der Kriegsblinden- 
fürsorge gewidmet. 

— Veranstaltung. In Probstdorf, N. Ö. wurde am 10. Februar 1. J. in 
Herrn Pfeifers Saailokalitäten zugunsten der im Kriege erblindeten Soldaten von 
der Ortsgruppe Probstdorf des Bundes der Deutschen in Niederösterreich 
ein Wohltätigkeitski änzchen abgehalten. Das rührige und umsichtige Komitee hat 
durch seine gute Einteilung und das vortreffliche Arrangement das Kränzchen zu 
einem wirklich schönen Feste gestaltet, das ein Reinerträgnis von 893 K ergab. 
Dieser Betrag wurde einem Institut für erblindete Soldaten überwiesen. Besondere 
Verdienste als Leiter des Ganzen hat sich Ortsgruppenobmann Herr Karl Fro- 
sch a u e r erworben. 

— Ein Kinostück zugunsten der Aktion des Kommerzialrates Grimm. 
In der Urania in Wien fand kürzlich die Erstaufführung des von der österr. Film- 
gesellschaft F"ilmag hergestellten Filmes »Konrad Hartls Lebensschicksal« 
statt, dessen Reinerträgnis der obigen Aktion zufließt. Es stellt das Leben eines 
erblindeten Kriegers dar und dürfte geeignet sein, Interesse für diese Vaterlands- 
helden in den weitesten Kreisen hervorzurufen. Rühmenswert ist vor allem die 
durchaus lebenswahre Darstellung des Blinden durch den Hofburgschauspieler 
Walter Huber, dessen Darbietung sich von den andern bisher gezeigten Kino- 
blinden vorteilhaft abhob durch den gänzlichen Verzicht auf die Äußerlichkeiten, 
die sonst den Blinden besonders, aber immer übertrieben unw'ahr markieren sollen. 
Dem Werk und damit seiner Widmung ist ein großer Erfolg nur zu wünschen. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende Februar I. J. 

— Neue Freie Presse: 1,245.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 3,270.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 320.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 85.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 30.000 K. 



Seite 894. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

Verschiedenes. 

— Annahme eines Blindenkalenders in Brailleschrift durch 
die Kaiserin. Über Bitte des Präsidenten des k. k. Vereines »Die Technik für 
die Kriegsinvaliden« hat der Protektor des Vereines Erzherzog Karl Stephan 
der Kaiserin den Blindenkalender, der nach dem Dozent Dr. Herz'schen Veiviel- 
fältigungsverfahren ant^efertigt wurde, überreicht. Die Kaiserin nahm die Widmung 
dieses Neudruckes mit warmen Worten der Anerkennung und des Dankes huldvollst 
entgegen. Für die beifällige Aufnahme und Beurteilung, die dieser Kalender in den 
Kreisen, für die er bestimmt ist, findet, gibt ein Brief des Hofrates v. Chlumetzky 
aus Brunn beredtes Zeugnis, den er an den Präsidenten des k. k. Vereines »Die 
Technik für die Kriegsinvaliden« richtete. Der selbst blinde und auf dem Gebiete 
der Blindenfürsorge tätige Hofrat v. Chlumetzky beglückwünscht den Verein zu 
den Erfolgen auf dem Gebiete des Herz'schen Vervielfältigungsverfahrens für 
Punkt^'chrift und sagt dann wörtlich: »Diesem zielbewußten Eingreifen des Vereines 
in das etwas schwierig arbeitende Räderwerk ist es ja vor allem zu danken, daß 
schon so bald ein verheißungsvoller Versuch gemacht werden konnte. Mir ist dieser 
Tage der mittelst der neuen Methode herrgestellte Kalender für Blinde zugekommen, 
der schon was die Form der Darbietung anlangt, als eine überaus glücklich getrof- 
fene Wahl bezeichnet werden muß und in Ansehung der Ausführung und namentlich, 
was die glänzende Tastbarkeit der Schrift und ihre tadellose Haltbarkeit anlangt, 
alle meine Erwartungen übertrifft. Der erste Schritt ist also in verheißungsvoller 
Weise getan, und das läßt in mir die feste Zuversicht entstehen, daß es trotz aller 
Schwierigkeiten, welche insbesondere die Not der Zeit dem Werke in den Weg 
stellt, das Unternehmen gedeihen und sich zu einer bedeutenden Errungenschaft 
für die Blindenwelt nicht nur Österreichs, sondern auch anderer Länder ausgestalten 
wird.« Der Verein »Die Technik f r die Kriegsinvaliden«, der das Prothesenproblem 
unter Mitarbeit von Arzt, Techniker und Handwerker als erster und fürs Ausland 
vorbildlich in fachkundige Behandlung genommen hat, wird, durch den obigen Brief 
ermuntert, auch auf dem ihm ursprünglich entfernter gelegenen Gebiete der tech- 
nischen Blindenfürsorge seine Bemühungen nach besten Kräften fortsetzen. 

— Vortrag eines blinden Esperantisten. Der blinde Musiker 
J. Krieger hielt am 1. Februar 1918 im I. Wr. Esperanto-Verein eine Vor- 
lesung in Esperanto und zwar las er die Übersetzung der Novelle »Die Gefahr«, 
deren Verfasser der Blinde O. Baum ist. 

— Das Wachstum des Auges. Kinder haben verhältnismäßig große 
Augen. Interessant ist, daß sich das Auge bezüglich seiner Größenverhältnisse bei 
der Geburt und seines Wachstums ahnlichlich verhält wie das Gehirn. Das Gewicht 
des Gesamtkörpers wächst bis zur Vollentwicklung um las 21 fache. Das Gesamt- 
wachstum des Auges beträgt nur das 3"252 fache. Das Gewicht des Gehirns nimmt 
um das 3.76 fache zu. 

— Beschäftigung der im Kriege erblindeten Soldaten in 
England. Alle teilweise oder ganz erblindete Soldaten und Matrosen werden 
zunächst in das Londoner allgemeine Krankenhaus in Chelsea gebracht, wo außer 
den Pflegerinnen die Mitglieder der Blindenfürsorgeaktion sich bemühen, den blinden 
Patienten ihr Los so viel als möglich zu erleichtern und sie zu l schäftigen, sobald 
ihr Gesundheitszustand dies zuläßt und sie in möglichst kurzer Zeit selbständig zu 
machen. In dem Blindenheim der Hilfsaktion in St. Dunstan sind z. B. die Fußböden 
mil Linoleumstreifen bedeckt, die es den Blinden ermöglichen, sich in der kürze- 
sten Zeit in dem ganzen großen Hause ohne Führung leicht zurechtzufinden. Im 
Hofe und in den Gärten sind zum gleichen Zwecke längst der Fußwege Drähte 
gespannt und Bretter bei Stufen und anderen Hindernissen angebracht. In den 
Schulzimmern werden die Männer zuerst in der Blindenschrift unterrichtet, die sie 
sich erstaunlich schnell aneignen. Jeder Mann hat seine besondere Lehrerin, eine 
Arbeit, der sich 150 Damen täglich widmen. Verhältnismäßig bald kann man auch 
daran gehen, die intelligenten Blinden im Maschinschreiben zu unterrichten. Viele 
von ihnen schreiben außerordentlich genau und flink. In ihren Mußestunden beschäf- 
tigen sich viele mit der Anfertigung von Fischnetzen und verdienen dadurch 12 bis 
15 Kronen per Woche als Taschengeld. Eine der besten Beschäftigungen für intelli- 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redalctionskomitee: K. Bürkleo, 
J. Kneis, A. t. Horrath, F. Uhl, — Druck tod Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



cjentc Blinde ist Massage. Die Männer, welche diesen Beruf ausüben wollen, müssen 
mittelst in Blindenschrift geschriebener Bücher einige Kenntnisse in Anatomie, Phy- 
siologie und Pathologie erwerben und die gleiche strenge Prüfung ablegen wie 
Masseure mit gesunden Augen. Der Erfolg der in St. Dunstan herangebildeten 
blinden Masseure ist so günstig gewesen., daß ihr Instruktor von dem Middlesex 
Spital in London den Antrag erhielt, mit seinen blinden Massenren die Massage- 
abteilung des Spitals zu übernehmen. Eine weitere Berufsmöglichkeit für Blinde 
biete, so unglaublich es klingt, die Erlernung der Stenographie. Mittelst einer sinn- 
reichen kleinen Maschine und der Anwendung einer aVjgekürzten Blindenschrift sind 
viele Blinde in St. Dunstan in kurzer Zeit ausgezeichnete Stenographen geworden, 
die 120 Worte in der Minute aufnehmen können, eine Geschwindigkeit, die ja für 
die Arbeit eines gewöhnlichen Stenographen vollkommen genügt. Viele Blinde sind 
auch in der Anstalt zu sehr tüchtigen Telephonisten ausgebildet worden, und zwar 
nicht nur für das Blitz-, sondern auch für das Klappensystem, da sie sehr bald nach 
dem Klange genau wußten, welche Klappe herabgefallen ist. In St. Dunstan wird 
natürlich auch Korb- und Mattenflechterei gelehrt. Aber auch zu guten Schuhflickern 
sind viele blinde .Soldaten ausgebildet worden, die ebensogut Stiefel mit neuen 
Absätzen und Sohlen versehen können wie ein Schuster mit sehenden Augen. 
Manche Blinde haben es erlernt, nette Bilderrahmen anzufertigen, andere wurden zu 
Tischlern oder Zirnmerleuten ausgebildet und eine Anzahl von früheren Insassen 
der Anstalt beschäftigt sich in sehr wirksamer Weise mit Geflügelzucht. Mit sehr 
zufriedenstellendem Ergebnis werden auch Anstrengungen gemacht, die erblindeten 
Soldaten ihrem früheren Berufe zurückzuführen. Ein großes Hindernis hiefür ist 
jedoch das Vorurteil der Arbeitgeber, welche zu denken scheinen, daß ein Mann, 
der sein Augenlicht verloren, auch damit jeden Funken Verstand eingebüßt hat. 

— Der junge Neuseeländer Clutha M ackenzie, der im Weltkrieg durch das 
Platzen einer Granate des Lichtes beider Augen beraubt wurde, jetzt in London 
als Journalist niedergelassen. Unterstützt durch einen Stab getreuer Mitarbeiter redi- 
giert er in vorzüglicher Weise das neue Blatt »The Chronicles of the New Zea- 
land«, das infolge seines anziehenden Inhalts und der guten Darstellung schon 
Tausende von Lesern zählen soll. 



Bücherschau. 

— Gerhardt, Dr. F. v. : Materialien zur Blindenpsychologie- 
(Langensalza, Wendt & Klauwell, 1917). Der Verfasser der im Jahre 1916 erschie- 
nen Schrift »Aus dem Seelenleben der Blinden<, läßt dieser programmatischen Ab- 
handlung ein Sammelwerk folgen, das dazu beitragen soll, einer dereinstigen syste- 
matischen Darstellung der Blindeiipsychologie die Wege zu weisen und zu ebnen. 
Die Mehrzahl dei gebotenen Abhandlungen ist von Blinden (Baum, Hauptvogel, 
Hirsch, Reuß, Schmittberg, Schneider) selbst geschrieben und besitzen 
durch ihren autobiographischen Charakter einen besonderem Wert für die unmittel- 
bare Forschung. Von älteren Autoren finden sich Ansaldi, Georg i, Knell und 
Kunz vertreten. Dadurch erscheinen alle wichtigen Kapitel der Blindenpsychologie 
berührt und in allen wird Interressantes und Wertvolles geboten. Wir müssen dem 
Verfasser für seine seltene Gabe, die eine wissenschaftliche Erforschung des 
Seelenlebens der Blinden hoffnungsvoll einleitet, herzlichst Dank sagen. Mit seiner 
gütigen Erlaubnis geben wir die Einbegleitung des Buches an der Spitze dieser 
Nummer wieder. Wer sie liest, wird sich nach dem Buche selbst verlangen. Wir 
werden noch Gelegenheit finden, auf einzelne Kapitel desselben zurück zu kommen. 

— Niepel E.: Arbei tsmö gli chkeiten für Blinde, insbesondere 
Kriegsblinde, in gewerblichen Betrieben (Berlin 1918. Heymann. 
Preis: 1 M 50. Direktor E. Niepel veröffentlicht in dieser Schrift die Ergebnisse 
der bisherigen Versuchsarbeiten des Ausschusses zur Untersuchung der Arbeits- 
möglichkeiten für Blinde in gewerblichen Betrieben und zwar der Papier-, Glüh- 
lampen-, Schokoladen-, Knopf-, Kartonagen-, Stahlfeder-, Porzellan- und Seifen- 
fabrikation, in der Tabak-, Werkzeug- und Bekleidungsindustrie. Es wurde durch 
praktische Versuche ermittelt, welche .Arbeiten für Blinde ausführbar und lohnend 
sind, ohne daß die Beschäftigung aus Mitleid erfolgt. Die Ergebnisse sind so gün- 
stige, daß der Ausschuß zu denselben nur zu beglückwünschen ist. Die damit für 
die Erweiterung der Blindcnarbeit geleistete Arbeit, von der die Schrift ein aus- 
führliches und interessantes Bild gibt, ist so . zielbewußt, wie es nur deutscher 
Gründlichkeit möglich ist. 



11= 



Eine neue 
„Titaiiia- I^iiT)litscljLi*if*tinascliiii€3** 

zur Aufnahme von Stenogrammen, ist für i6o Mark zu verkaufen. 

M. A. Butze, Risa in Sachsen, 
Bismarkstraße 15 a. 



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/isyl für blinde Kinder 



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Wien, XVII., Hernalser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorscliulpfliciitigen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung. 

Die „Zentpolbibliotheh fuf Blinde in Osterpeicli", 

Wien XVIII, Währinger Gürtel 136 

verleiht ihre Bücher kostenlos an alle Blinden. ■ 



Blinden-Unterstützungsverein 

,,DIE PURKERSDORFER" 

^Vien V., Nikolsdorfergasse 42. 

Zweck des Vereines: UnterstützuDg blinder Mit- 
glieder. Arbeitsvermittlung tür Blinde. Erhaltung 
per Musikalien-Leihbibliothek. Telephon 10.071. 



Der blinde Modelleur' 



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Handarbeiten. Nähere Auskunft brieflich. 



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Wien VIll., Florianigasse Nr. 41. 

Telephon Nr. 23407". 

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Verkaufsstelle : Wien VII., Neubaußasse 75. 



MusiliaüBn - Leiliinstitut 

des Blinden-Unterstützungsvereines 
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Blindendrucknoten werden an I^n 
Blinde unentgeltlich verliehen! iäJ 




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Borsten-, Rohmaterialien- und Werkzeug-Fabrik 
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Bergedorf bei l^amburg. 

Mustergültige Bearbeitung von Fiber und Piassava 
aller Arten. 



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Organ des „Zentralvereines für das österreichische Blinden- 
— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



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Schriftleitung 
Purkersdorf 
bei Wien. 
Österreichisches 
Postsparkassen- 
konto Nr.132.257 



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Das Blatt erscheint 
monatlich einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



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Bezugspreis 
ganzjährig mit 
Postzusteilung 

4 Kronen, 
Einzelnummer 

40 Heller. 



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5. Jahrgang. 



Wien, Rpril 1918. 



4. Nummer. 



INHALT: O. Wanecek, Purkersdorf: Die Blendung in der Geschichte des Rechtes. 
Der Hund als Blindenfreund. Blindenpädagogik in der Lehrerbildung. Per- 
sonalnachrichten. f\us den Anstalten. Für unsere Kriegsblinden. Versdiie- 
denes. Büdierschau. (Altes und Neues. Ankündigungen). 



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? Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische ^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VI!!, 
i] Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K, 



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Altes und Neues. 

Elektrizität und B 1 i n d e n s c h r i f t. 

Neuerdings ist von Dr. Thierbach in Berlin-Marienlelde ein Weg 
angegeben worden, der unter Verzicht auf das unmittelbare Abtasten 
der Punktschritt zu einer wesentlichen Verringerung des Umfanges (?) 
der Blindenbücher und damit zu einer Verbilligung und bequemeren 
Handhabung derselben führen dürfte. Unter Beibehaltung der für das 
Lesen mit der Fingerspitze durchaus bewährten Punktschrift. Thier- 
bach geht von dem bekannten Siemens'schen Schnelltelegraphen aus, 
bei dem die einzelnen Buchstaben zunächst als feine Löcher in einen 
schmalen Streifen von dünnem Papier eingestanzt werden. Diese den 
Text des Telegramms in Lochschrift enthaltenden Papierstreifen werden 
bei der Aufgabe durch den Telegraphenapparat hindurchgezogen, wobei, 
je nachdem ein gelochter oder ungelochter Teil des Papiers an den 
Kontakträdchen vorübergeführt wird, elektrische Ströme aus- oder ein- 
geschaltet werden, die am Empfangsapparat den Buchstabendrucker in 
Bewegung setzen, der das Telegramm in gewöhnlichen Buchstaben 
niederschreibt. Mit einer solchen Niederschrift kann nun zwar der Blinde 
nichts anfangen, aber wenn man an Stelle des Buchstabendruckers nach 
Thierbachs Vorschlag nun sechs kleine, in drei Reihen zu je zwei 
übereinander angeordnete Stifte setzt, die durch den elektrischen Strom 
je nach dem durch das Vorbeiziehen des Lochstreifens bewirkten 
Schließen oder Offnen des Stromkreises gehoben und gesenkt werden, 
so kann man dem auf diese sechs Stifte gelegten Finger des Blinden 
von jedem Buchstaben der Punktschritt genau den Eindruck vermitteln, 
den er auch empfängt, wenn er den ins Papier eingedrückten Buchstaben 
unmittelbar abtastet. Ein Blindenbuch würde also nur aus einer wenig 
Q) umfangreichen Rolle eines dünnen, gelochten Papierstreifens bestehen, 
und der Blinde würde dieses »Buch« viel bequemer (?) lesen können, 
als die jetzigen Folianten, die er bewegen und umblättern muß, bei 
denen er den jedesmaligen Zeilenantang tastend suchen und über dessen 
ganze Seite er fortwährend den Finger hin- und herbewegen muß. Man 
kann aber, wie Thierbach ausführt, noch weitergehen, und an Stelle 
der auf dem engen Raum einer Fingerspitze zusammengedrängten sechs 
Stiftchen sechs Tasten verwenden, für jeden Finger eine und die letzte 
für irgend eine Stelle der Handfläche, und wenn der Blinde dann auf 
diese Tastatur seine Hand legt, wird er sicherlich noch deutlicher als 
mit einer Fingerspitze allein fühlen können, daß beispielsweise die erste, 
dritte und fünfte Taste gleichzeitig angehoben werden, um den Buch- 
staben L zu kennzeichnen. Man könnte ferner daran denken, überhaupt 
auf bewegliche Tasten oder Stifte zu verzichten und eine leichte Reizung 
der Fingerspitzen bezw. der Handfläche direkt durch den elektrischen 
Strom herbeizuführen, oder als Bewegungsmittel für Tasten oder Stifte, 
die aus ihrer Anwendung bei den ebenfalls mit gelochten Papierstreifen 
arbeitenden mechanischen Klavieren und anderen Musikwerken bekannte 
Druckluft zu verwenden, die eine Vereinfachung (?) des gesamten 
Lesemechanismus herbeiführen und diesen unabhängig von einer nicht 
überall vorhandenen Elektrizitätsquelle machen würden, da der Blinde, 
wie der Klavierspieler am Pianola, sich die erforderliche Druckluft 
durch Treten von Bälgen leicht selbst erzeugen könnte. 




5. Jahrgang, 



Wien, April 1918. 



4. Nummer. 



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»Einem erst die Augen ausstechen ^ 
und ihn dann führen : ob das wirklich eine ^ 

Tugend ist? Friedrich Hebbel. ^ 

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Die Blendung in der Geschichte des Rechtes. 

Von Lehrer Ottokar Wanecek, Purkersdorf. 

So unheimlich die verschiedenen verstümmelnden Leibesstraten 
früherer Zeit sein mögen, grauenhafteres tritt in ihrer Reihe dem moder- 
dernen, an humanitären Ideen geläuterten Empfinden wohl kaum ent- 
gegen als die Blendung. Von den ältesten Zeiten bis hoch herauf in 
die letzten Jahrliunderte läßt sie sich als Strafmittel feststellen. Das 
ursprünglichste Rechtsempfinden prägte das Wort : »Aug' um Auge, 
Zahn um Zahn.< Die aufdämmernde Kultur kann sich mit diesem ein- 
fachen Ausgleich nicht mehr begnügen. Die Vergehen gegen den Besitz 
des Nächsten werden häufiger als die gegen seinen Leib. Das Real- 
konforme in Tat und Sühne wird unmöglich. Jetzt aber tritt die 
Blendung häufig auf. 

Im ursprünglichen Rechtsemfinden mag nämlich mehr die Absicht 
gesteckt haben, eine Wiederholung des Verbrechens unmöglich zu 
machen, als den sittlichen Ausgleich durch die Strafe herbeizuführen. 
Weit herauf in der Geschichte reichen die Leibesstrafen, die eine solche 
Absicht deutlich aufweisen, wie das Zungenausreißen für Verleumder 
und solche, die ihre Eltern geschmäht haben, das Handabhauen für 
Diebe und ähnliches. In den meisten Straffällen mag aber das Augen- 
ausstechen als die gründlichste Vorkehrung angesehen worden sein, 
eine Wiederholung hintanzuhalten. Wie tief diese Anschauung im 
Volksbewußtsein wurzelt, beweist ein Sagenrest, dem die Wiederlands- 
sage zugrunde liegt. Er wurde 1875 in Sachsen aufgefunden und erzählt, 
daß der Schmied Meland im Sachsenvvalde von einem grausamen König, 
der sich seine Kunstfertigkeit sichern wollte, geblendet wurde. Dadurcli 



Seite 900. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

ist ihm allerdings auch die Möglichkeit fernerer kunstvoller Arbeit genom- 
men, eine Tatsache, die die naive Volksanschauung vergißt. Ihr genügt 
es, damit das beste Mittel gegen eine etwaige Flucht gekennzeichnet 
zu haben. (Vergleiche Otto L. Jiriczek, Deutsche Heldensage, S. 24.) 

Die Meinung, daß durch den Verlust des Augenlichtes dem Menschen 
eine bestimmende, notwendige Voraussetzung für ein ferneres selb- 
ständiges Wirken genommen sei, läßt die Blendung zu einem Mittel 
der Staatspolitik werden. So erzählt der Afrikareisende Nachtigall, daß 
im Lande Wadai der zur Regierung gelangende König seine Brüder 
blenden läßt, um sie zu einer Thronbesteigung unfähig zu machen. Auch 
die Regenten der Insel Ormus nehmen, indem sie Brüdern und Anver- 
wandten das gleiche Schicksal bereiten, diesen allfällige Gelüste nach 
der Herrschaft. Die derart Ausgeschalteten erhalten aber eine reichliche 
Versorgung bis an ihr Lebensende. 

Wenn auch derartige Greueltaten in ihrer selbstverständlichen 
Regelmäßigkeit nur bei den wilden Völkern möglich sind, so ist die 
Staatspolitik auch höher gesitteter Reiche vor der gleichen Maßnahme 
nicht zurückgeschreckt. Diese Rechtssprüche — allerdings sind sie meist 
Willkür- und Unrechtsentscheidungen — traf der Herrscher als oberster 
Richter. Wo eine wirkliche oder vermeintliche Verschwörung aufgedeckt, 
ein zu fürchtender Feind gefangen genommen oder ein unbequemer 
Verwandter lästig wurde, war man damit gleich bei der Hand. 

Als einer der geschichtlich älteste dieser Fälle ist der des letzten 
Judenkönigs Zedekia (Matanja) zu nennen. Diesen hatte 597 v. Ch. 
Nabukadnezar eingesetzt. Er empörte sich aber gegen den babylo- 
nischen König und verband sich mit Ägypten. 586 wurde Zedekia 
auf nächtlicher Flucht bei Jericho ergriffen und nach Hinrichtung seiner 
Söhne des Augenlichtes beraubt. 

Die fränkische Geschichte der Karolinger erzählt eine ganze Reihe 
von Verwandtenblendungen aus staatspolitischen Gründen. Karl der 
Große hatte seinen Enkel Bernhard zum König von Italien gemacht. 
Da die Reichsteilung Ludwig des Frommen 817 Lothar die' Kaiserkrone 
zusprach, fühlte jener sich benachteiligt und empörte sich. Unter dem 
Schein, Unterhandlungen eingehen zu wollen, lockte man ihn nach 
Chalon an d. Saone, wor er geblendet wurde. Er starb 818. Für diese 
Tat mußte Ludwig der Fromme 822 öffentliche Kirchenbuße tun. 

Dieser König ließ übrigens auch dem Geliebten seiner Schwester 
die Augen ausstechen. 

Karl der Einfältige, der französische Karolinger, ließ 873 seinen 
Sohn Karlmann blenden, weil dieser sich weigerte, Geistlicher zu werden 
und damit seinen Erbanspruch aufzugeben. 

Ludwig III. wurde als König von Burgund von Karl dem Dicken 
anerkannt und an Kindes statt angenommen. Als er 900 den Longo- 
barden gegen die Ungarn zu hilfe kam, schmückte ihn das dankbare 
Volk mit der eisernen Krone der Longobardenkönige. 901 erwarb er 
auch die römische Kaiserkrone. Berengar von Friaul überfiel ihn in 
Verona und blendete ihn. Ludwig kehrte nach Arles zurück, wo er im 
Elend starb. 



4. Niiinmcr. Zeilscliiifl Mir das österreichische Fiiindenwesen. Seite 901. 

In gleicher Weise wollte Hugo, König von Italien gegen Berengar 
vorgehen (937), welch Beginnen aber seinen eigenen Sturz herbeiführte. 

Der Gegenkönig des schon genannten Karl d. Einfältigen, Hugo 
der Große von Burgund ließ 949 seinem eigenen Bruder die Augen 
aussteclien. 

Auch dem späterem Mittelalter sind Blendungen aus dem gleichem 
Motive nicht fremd. Zwei Fälle weist die Geschichte des Königstammes 
der Arpaden auf. 

Der Nachfolger Stephans des Heiligen, sein Neffe Peter der Vene- 
zianer (1038 — 41), war ein gewalttätiger Herrscher. Deswegen und wegen 
seiner Vorliebe für Ausländer brach ein Aufstand der nationalen, damals 
noch heidnischen Partei aus. Der König wurde vertrieben, besiegte aber 
mit Hilfe des deutschen Kaisers Heinrich II. und seines Schwagers 
Adalbert von Österreich seine Gegner. Im Jahre 1046 wurde er, weil 
er Ungarn als Lehen vom deutschen Kaiser genommen hatte, abermals 
gestürzt und geblendet. 

König Koloman (1095 — 1116) ließ seinen Bruder Almos und 
dessen Sohn des Augenlichtes berauben. Trotzdem kam letzterer als 
Bela II. der Blinde im Jahre 1131 zur Herrschaft, die er aber unselb- 
ständig führte. Fortwährend lag er mit Borics, einem andern Thronwerber 
in Streit. 

Auch Robert von der Normandie verlor sein Augenlicht durch 
seinen Bruder Heinrich I- von England. (1134) 

Ein Blick in die griechisch-byzantinische Geschichte jener Zeit 
fördert ebenfalls ähnliche grausenvolle Tatsachen zu Tage. 

Isaak Angelos II. wurde von seinem eigenen Bruder vom Throne 
gestoßen und verlor durch ihn das Augenlicht (1195). Im Verlaufe des 
vierten Kreuzzuges wurde er aber 1203 mit seinem Sohn Alexios auf 
den Thron erhoben. 

Johann I\^ Laskaris wurde als unmündiges Kind auf den Thron 
erhoben, aber noch im selben Jahre (1259) von Paläologus gestürzt und 
trotz seiner unschuldvollen Jugend geblendet. In diesem Zustande verlebte 
er noch 25 Jahre im Kerker. 

Andionicus IV. führte während der Abwesenheit seines Vaters, 
der im Abendlande Schutz gegen die Türken suchte, die Regierung, 
verschwor sich später, als er sich vom Vater zurückgesetzt glaubte, 
1375 mit Sandschi, dem Sohne Murads I. zum Sturze der Väter. Er 
wurde aber eingekerkert und geblendet. Von den mit seinem Vater 
verbündeten Genuesern befreit, erhielt er durch Vertrag mit den Türken 
1381 einige Landstriche zur selbständigen Herrschaft. Er starb 1385. 

Ferdinand der Katholische von Spanien vertrieb 1490 den letzten 
Maurenkönig aus PLuropa. Dieser empörte sich in Afrika gegen die 
Spanier, wurde aber gefangen und geblendet. Mit einem Zettel am 
Kleide tastete er sich weiter. Auf jenem stand : »Seht hier den unglück- 
lichen Beherrscher Andalusiens.« 

Die Despotenangst um die Herrschaft trieb auch Abbas den Großen 
von Persien (1557 — 1629) zu einer solchen Maßnahme gegen seine 
Söhne und Enkel. Goethe erzählt davon in den Noten und Abhandlungen 



Seite 902. Zeitschrift für das österreichische f31inden\vesen. 4. Nummer. 

zum westöstlichen Diran (Pietro della Valle), daß man dem Großkönig 
jene verdächtig gemacht habe. Einer sei unschuldig getötet, ein andere 
halbschuldig geblendet worden. Dieser habe gesagt : »Mich hast du 
nicht des Lichtes beraubt, aber das Reich.« (Fortsetzung folgt). 



Der Hund als Blindenfreund. 

Der Hund ist als der älteste Freund des Menschen unter den 
Tieren auch der älteste Blindenfreund. Seine Treue, Anhänglichkeit 
und Klugheit machten ihn schon in den frühesten Zeiten dem Blinden 
wertvoll. Nicht nur, daß der arme, meistens auf sich selber angewiesene 
Blinde an einem Hunde einen treuen und anspruchslosen Gesellschafter 
fand, der Hund lernte dem Gesichtslosen auch verschiedene Dienste 
leisten, leitete ihn auf seinen Wegen, schützte ihn vor Fehltritten 
und Überfällen und erfüllte mancherlei kleine Aufträge, zu denen er 
abgerichtet war. 

Bis in die neueste Zeit herein, wo der Blinde sich durch Erziehung 
und besondere Ausbildung freier und sicherer bewegen lernte, finden 
wir daher Hunde im Dienste der Blinden. Das zeigen uns sowohl 
alte Abbildungen, auf denen Blinde mit ihren vierbeinigen Führern 
zu sehen sind, ein Hund den Hut oder das Almosenschüsselchen 
des blinden Bettiers im Maule hält oder dessen Werkelkarren zieht, 
als auch mancherlei Geschichten und Dichtungen, in denen die Treue 
der Hunde gegen ihre blinden Herrn erwähnt und gepriesen wird. 
Eine der rührendsten dieser Erzählungen ist die nachfolgende : 

Der blinde Lautner. 

Eine der schönsten Städte des herrlichen Böhmerlandes ist die 
deutsche Elbestadt Leitmeritz. Sie liegt in einer gesegneten Landschaft, 
der man nicht mit Unrecht den Namen »das böhmische Paradies« 
gegeben hat, am Fuße rebenbewachsener und obstreicher Höhen. 

Ein Wahrzeichen der Stadt ist die Rolandssäule, welche an 
einer Ecke des alten Rathauses nach dem Markte zu steht ; sie galt 
als das Zeichen des Stapelrechtes der Stadt. Eine andere Säule, die 
sogenannte Blindensäule, ist längst zerstört, doch weiß die Sage 
folgendes darüber zu erzählen: 

Es war am Ende des Heumonats 1393, als König Wenzel IV. 
auf der Burg Karlstein Hof hielt. Wie gewöhnlich hatten sich auch 
einheimische und fremde Springer, Gaukler und Sänger eingefunden, 
um sich vor Fürsten und Grafen, Herren und Rittern schauen und 
hören zu lassen. Unter andern stand, wie alles sich im Burghofe 
bunt durcheinander trieb, ein alter blinder Sänger, die Laute in der 
Hand, begleitet von seinem treuen Hunde. Vergebens wartete er still 
und lange, bis man ihn rufen würde, während der Hund sich in eine 
Ecke kauerte. 

Da kam gegen Abend Herzog Bernhard von Braunschweig des 
Weges gezogen; sein Kämmerling Lu dger redete den Blinden über- 
mütig an: »Was harrest du hier, du alter Maulwurf? Gehe in die 
Gemächer der Burg und mache dort deine Schwanke!« — 



4. Niimmtr. i^eilsclirifl Kir das östcneicliisclic I51iiidcii\vt;s<;ii. Seite 903. 

»Ich bin kein Possenreisser,« entgegnete der Lautner; »aber 
euere Stimme ist mir zu gut bekannt, als daß ich noch zweifeln 
könnte, daß ihr besser dahin gehört.« 

Hochrot gleich einem Wamse glühte Ludgers Gesicht; er 
erhob die Hand, dem Blinden einen Schlag zu versetzen — aber wie 
ein Hlitz flog der getreue Hund heran und hinderte nicht nur den 
Schlag, sondern zerriß im Abwehren das Gewand des Kämmerlings 
derart, daß die Schellen (eine Zierde damaliger Zeit) über den Felsweg 
kollerten, f^udger zog das Schwert, allein der Hund setzte ihm so 
hart zu, daß er sich genötigt sah, durchs Tor hinweg und seinem 
Herrn nachzueilen. 

Mittlerweile griff der Lautner voll Rührung in die Saiten und 
sang das Lied von der Treue, wie sie, von Menschen verbannt, bei 
dem Hundegeschlechte Aufnahme gefunden. Während er so sang, 
merkte er durch die Wärme und den Odem, daß jemand ihm sehr 
nahe stehe. Und als der letzte Ton der Laute verklungen war, hörte 
er von dem Nahestehenden die Worte : 

>Gar wohl hat mir dein Liedlein gefallen. He, Hynek, führe 
den Lautner in die Küche und labe ihn — doch vergiß seines Hundes 
nicht !« 

Es war König Wenzel selbst, der also sprach. 

Der gebissene Kämmerling hatte bereits seinen Herrn um Genug- 
tuung wegen des Lautners angesprochen und diese zugesagt 
erhalten. Am Abend kamen die Fürsten mit dem König beim Imbiß 
zusammen. Fröhlich kreiste der Becher, alles wetteiferte, um die hohen 
Herren zu vergnügen. Aber König Wenzel rief: 

»Laßt einmal den bHnden Lautner holen, der mich heut' ergötzt 
hat; nicht minder wird er wohl dje edlen Herren hier ergötzen, da 
auch sie die Treue der Hunde kennen.« 

Beifällig nickten die Fürsten; aber Ludger, der in der Nähe 
stand, ergrimmte, als er des Königs Worte hörte und den Lautner 
darauf eintreten sah. Und kaum setzte dei Mundschenk dem Blinden 
einen vollen Becher zur Labung hin, da klagte Herzog Bernhard 
von Braunschweig über Verhöhnung seiner Person in seinem Diener. 
Aber König Wenzel entgegnete: 

»Es tut mir leid, Vetter, aber euch hat der Lügenmund eures 
Dieners genarrt. Habe ich doch selbst unbemerkt von der Warte 
zugesehen und weiß gar wohl, wie alles gekommen ist.« 

Hiemit war die Sache scheinbar beigelegt. Aber Ludger, 
längst von den Hildesheimern erkauft, seinen Herrn zu beseitigen, 
schritt in seiner Aufregung zu einer verbrecherischen Tat. 

Eben sang der Lautner dem Herzoge Bernhard vor seinem 
Gemache den Abschied, als dieser, tief ergriffen, des Vorgefallenen 
vergaß und dem Sänger seinen eigenen Becher darbot. 

Als nun der Lautner dem Pokal an den Mund setzte, schmiegte 
sich der Hund mit einem solchen Ungestüm an ihn, daß der Alte 
erbebte und den Becher fallen lies. Und seltsam! Der auf dem Marmor- 
boden vergossene Wein brauste und schäumte und höhlte verzehrend 



Seite 904. Zeitschrift das für österreicliische Bliiidenwesen. 4. Nummer. 

die Steinplatten, und der Hund, der beg^ierig daran geleckt, sank 
unter Zuckungen zu seines Herrn Füßen. 

Man forschte nun nach, wer den Becher gefüllt. Einer von den 
Dienern hatte ihn in Ludgers Händen gesehen, der zu ihm sagte, 
er hole für den Herzog den Nachtrunk. Bald war es sonnenklar, daß 
Ludger seinen Herrn hatte vergiften wollen. Zur Strafe dafür wurde 
er durch Henkershand gerichtet. 

Wehmütig klagten die Lieder des blinden Greises um den Verlust 
des teuren Hundes, Der Herzog B er n h ard aber verließ den Sänger 
nicht. Dieser sollte fortan am Hofe in Braunschweig verpflegt .werden. 
Allein schon in Leitmeritz erkrankte der Lautner uud starb nach 
wenigen Stunden, 

Zwei Jahre später ließ Herzog Bernhard mit Einwilligung 
des Königs Wenzel bei der St. Michaelskirche in Leitmeritz ob dem 
Grabe des blinden Lautners eine steinerne Säule errichten, auf deren 
Untersatze ein Blinder mit seinem Hund ausgehauen war. Man pflegte 
sie noch lange die Säulei des Blinden zu nennen; sie fiel aber, als 
am 26. März 1511 eine Erderschütterung die Stadt Leipzig schwer 
beschädigte,* 

So sagenhaft ausgeschmückt diese Erzählung auch ist, gibt sie 
uns doch in ihrem sicherlich wahren Kern ein Bild von der rührenden 
Treue, mit welcher der blinde Mensch und der Hund aneinander 
hängen können. 

Auch der selbst erblindete Dichter G. Pfeffel schildert uns 
diese Liebe in gleich rührender Weise an einem blinden Invaliden 
und seinem Pudel. Der Pudel — welcher selbst als Erzähler seiner 
Lebensgeschichte auftritt — kommt in der vierten Woche seines 
Lebens zu dem Invaliden, der ihrn verschiedene Kunststücke beibringt, 
um durch ihn sein Brot zu verdienen. Sie müssen sich jedoch von 
einander trennen und erst das Ende der Erzählung führt die Beiden 
wieder zusammen. Der Invalide ist mittlerweile erblindet und der 
Pudel wird nun sein Führer. »An einer dünnen Schnur, — wozu hätte 
es eines Strickes bedurft — schritt ich langsam vor ihm her und 
schützte seinen Fuß vor den Steinen und seinen Körper vor den 
Stößen der noch fühUoseren Menschen« Als ein Knabe den Blinden 
necken will, beißt ihn der Pudel, Zwei Stadtknechte mit F"linten sollten 
ihn dafür strafen, »Ich hätte fliehen können,« erzählt der Pudel, 
»allein ich schmiegte mich nur fester an meinen Meister, Dieser, 
der aus den Reden der Umstehenden die Gefahr vernahm, die mir 
drohte, beugte sich über mich hin und flehte um mein Leben. Allein 
umsonst: der Sklave drückte los, und eben die Kugel, die mir durch 
den Kopf fuhr, durchbohrte meinem alten Freunde die Brust, »Legt 
ihn in mein Grab!« waren seine letzten Worte,« 

Die Reihe dieser Schilderungen ließe sich noch fortsetzen, doch 
bieten sie immer den gleichen Stoff, wenn auch in verschiedener 
Bearbeitung. Nur einer der durch die Literatur unsterblich gemachten 
Vierfüßler sei noch erwähnt, denn die Art und Weise seines Benehmens 
der blinden Herrin gegenüber ist hier in besonders, anziehender und 



*) Ein prächtiges Stück, das in keinem Lesebuch tür Blinde fehlen sollte. 



4. Numinei. Zeitschrift fdr t!as östrricichisrht; Hliiidenwesen. Seite 005. 

launiger Weise oreschildert. Es handelt sich um den kleinen lioxer 
in Ch. Dickens Erzähluno^ »Das Heimchen am Herd,« welcher der 
blinden Puppenschneiderin Berta Führer und Gesellschafter ist. 

»Boxer machte« — so erzählt uns der Dichter — »gewisse 
zarte Unterscheidungen in seinein Verkehr mit Berta, woraus ich die 
volle Überzeugung gewinnen mußte, daß sie blind war. Er suchte 
nie ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen dadurch, daß er sie anblickte, 
wie er es oft anderen Leuten gegenüber tat, sondern stieß sie dann 
jedesmal sachte an. Welche Erfahrungen er bei blinden Menschen 
oder blinden Hunden gesammelt haben konnte, weiß ich nicht. Er 
hatte nie bei einem blinden Herrn gedient, auch waren, so viel mir 
bekannt geworden, weder Herr Boxer Vater noch Frau Boxer noch 
irgend ein anderes Mitglied seiner achtungswerten Familie, sei es 
von väterlicher, sei es von mütterlicher Seite, jemals von Blindheit 
heimgesucht worden. Vielleicht hatte er's selbst herausgefunden ; 
jedenfalls hielt er sich daran in seinem Verkehr mit Blinden.« 

Als Plan und Ziel in die Ausbildung und Fürsorge der Blinden 
kamen, versuchte man auch das Abrichten von Hunden zu dem 
besonderen Zwecke der Blindenführung. Man wählte hiezu Pudel und 
Schäferhunde als die tauglichsten aus und ließ sie an einer Band- 
schlinge oder an einem Stabe, welche leicht losgemacht werden 
konnten, an der linken Hand des Blinden gehen, während dessen 
rechte Hand einen Stock zum Tasten trug. Das Abrichten der Hunde 
geschah derart, daß sie anfänglich durch einen Sehenden mehrere- 
male denselben Weg geführt wurden und ihn besonders sorgfältig 
an solchen Stellen übten, wo er durch Wendungen, durch langsames 
Gehen, durch Stillestehen oder auf andere Art den Blinden auf die 
Krümmung des Weges, auf ein vorliegendes Hindernis oder sonst 
auf etwas aufmerksam machen sollte. Schließlich übernahm der Blinde 
den Hund und benützte vorerst Wege, die ihm genau bekannt waren, 
um sich an die Bewegungen und Kennzeichen des Hundes zu gewöhnen. 
Selbstverständlich übernahm der Blinde auch die Fütterung und Pflege 
des Hundes, der ihm zum Führer gegeben wurde. 

Die besondere Schulung der Blindenhunde erwies sich als selir 
vorteilhaft und mancher Blinde befreundete sich mit diesem stets 
bereiten, genügsamen und anhänglichen Führer. Allerdings beschränkte 
sich die Führung nur anf bekannte Wege und versagte auf fremden 
Gebieten oder im Straßengewühle einer großen Stadt. Daher wurden 
die Blindenführerhunde mehr auf dem Lande als in den Städten 
heimisch, wo die meisten Blinden wohnen. Auch die Schwierigkeiten 
der Haltung eines Hundes in einer Stadtwohnung trugen dazu bei, 
die Führung von Blinden durch Hunde auf einzelne Fälle zu beschrän- 
ken. Schließlich lernten die Blinden durch entsprechende Gewöhnung 
und Übung sich an bekannten Örtlichkeiten freier und selbständiger 
bewegen und zogen im Notfalle die Führung durch einen hilfsbereiten 
Mitmenschen der unsicheren Leitung durch einen Vierfüßler vor. 

Erst das Auftreten der Kriegsblinden hat wieder den Gedanken 
an die Brauchbarkeit der Hunde als Blindenführer wachgerufen und 
die Leistungen der Kriegsbunde ermunterten zur Aufnahme neuer 
Versuche. Und so sind denn bereits in mehreren deutschen Städten 



Seite 906. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

Hunde als Blindenführer tätig und mancher Blinde hat in ihnen einen 
khigen Helfer und selbstlosen Gefährten gefunden. 

Sehen wir einmal zu, was ein solcher vierbeiniger Blindenführer 
zu leisten vermag. 

Der Bll^idenhund trägt außer dem Halsbande ein ledernes Brust- 
geschirr, an dem ein straffer, hochstehender Lederbügel angebracht 
ist, den der Blinde erfaßt, um sich von dem Hunde leiten zu lassen. 
Dieser Lederbügel ist, um jederzeit ohne Schwierigkeiten abgehängt 
werden zu können, an zwei Karabinerhaken befestigt. Dies ist wichtig, 
wenn z. B. der Hund frei laufen soll, um einen verlorenen Gegenstand 
zu bringen oder eine ähnliclie Arbeit auszuführen. Der Blindenhund 
hat nämlich nicht nur die Aufgabe, seinen Herrn auf bestimmten 
Wegen zu führen, sondern auch verlorene Sachen aufzunehmen und 
soll außerdem einen persönlichen Schutz für seinen Herrn bilden. 

Der Hund geht links, dicht an seinem Herrn. Naht ein Hinder- 
nis, so geht der Hund langsamer als bisher. Vor dem Hindernis 
selbst setzt er sich. Durch Tasten mit dem Stock kann sich der 
Blinde vergewissern, welcher Art das Hindernis ist, ob er z. B. vom 
Saumstein heruntergehen muß oder ob das Hindernis derart ist, daß 
er um dasselbe geführt werden soll. Durch die Befehle »Führ' weiterl 
oder »Führ' um zu !« gibt er dem Hund Anweisungen, in welcher 
Art er weiterzugehen beabsichtigt. Auch auf jede Stufe muß der 
Blindenhund regelmäßig durch Sichsetzen aufmerksam machen. Um 
kleinere Hindernisse führt er seinen Herrn ohneweiters herum. Naht 
sich beim Überschreiten der Fahrstraße ein Straßenbahnwagen, Kraft- 
wagen, Radfahrer oder sonstiges Fuhrwerk, so hält der Hund seinen 
Herrn solange zurück, bis das betreffende Fahrzeug vorüber ist und 
erst dann führt er weiter. Auf diese Art vermögen sich Blinde mit 
Hilfe ihres Hundes auch im Straßengewühle mit ziemlicher Sicherheit 
zu bewegen. 

Schließlich hat es sich gezeigt, daß der Hund verhältnismäßig 
leicht abzurichten ist, Rasen und Beete, selbst wenn diese nicht ein- 
gefriedet sind, zu umgehen. Für bestimmte Tätigkeiten wurden ein- 
zelne, möglichst kurze und scharte Befehlsworte geprägt. Das Wort 
»Bank« bedeutet, daß der Hund seinen Herrn zur nächsten erreich- 
baren Sitzbank führen soll. Auf das Wort »Arb« hat der Hund als 
Ziel des Weges den Arbeitsplatz seines Herrn zu wählen. 

Auf diese Art erfüllt der vierbeinige Gefährte des Blinden seine 
Führerarbeit und leistet dem Gesichtslosen wertvolle Dienste. Aber 
außer dieser praktischen Verwendung erfüllt er auch eine höhere 
Aufgabe. Durch seinen ständigen Aufenthalt bei dem Blinden nimmt 
er diesem das Gefühl des Alleinseins, bietet ihm mancherlei Zerstreuung 
und wird ihm in jeder Beziehung ein guter und treuer Kamerad. Damit 
erwirbt er sich die Zuneigung und Liebe seines blinden Herrn und 
mit Salomo kann mancher Blinde seinen Hnnd als wahrsten Freund 
bezeichnen und preisen. K. B. 



4. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Bliiidenwesen. Seite 907. 

Blindenpädagogik in der Lehrerbildung. 

Nach lantfeii Vorbeieiliiii^en und I^röt tcnin^cn soll nunmehr die 
Erweiterung der Lehrelbildung zur Befähigun<^ zum Lehramte an Volks- 
und Bürgerschulen zur Beratung im Reichsrate gestellt werden. Außer 
einem diesbezüglichen Gesetzentwurfe des Abgeordneten A. M. K e m e 1 1 e r 
wurde eine Regierungsvorlage eingebracht; wir entnehmen aus derselben 
jene Bestimmungen, welche auf den Blindenunterricht Bezug haben. 

Über die allgemeine Unterweisung der Kandidaten an den Lehrer- 
bildungsanstalten in diesem Spezialfache sagt der § 10 des Regierungs- 
entwurfes : 

»An allen Lehrerbildungsanstalten, an denen sich Gelegenheit 
dazu bietet, sind die Zöglinge mit der Methode des Unterrichtes für 
blinde, taubstumme, mit Sprachfehlern behaftete oder sonst abnormale 
Kinder sowie mit der Einriciitung eines Kindergartens, mit Jugend- 
fürsorgeeinrichtungen und den Erziehungsanstalten für sittlich verwahrloste 
Kinder bekanntzumachen.« 

Der Entwurf von Kemetter (§ 4) zählt dagegen unter den 
Unterriclitsgegenständen ohne weitere Beschränkung auf: »Methode des 
Unterrichtes viersinniger und schwachsinniger Kinder, Sprachheilkunde.« 
Was der eine Entwurf also nur unter bestimmten Voraussetzungen 
gelten läßt, führt der andere als gleichwertigen Unterrichtsgegenstand 
an. Man kann sich keinen größeren Gegensatz denken. 

Der Fassung im Regierungsentwurfe muß ein »Entweder - Oder« 
gegenübergestellt werden. Entweder ist es notwendig, die Zöglinge 
über die Blindenbildung (nicht allein über die Unterrichtsmethode) und 
die Blindenfürsorge zu orientieren oder nicht. Wenn ja, dann darf es 
keine Einschränkung geben und die »Gelegenheit« hiezu muß auch 
dort geschalTen werden, wo sie derzeit nicht vorhanden ist. 

Nach Kemetter die Unterrichtsmethode viersinniger Kinder neben 
29 Pflichtgegenständen noch als besonderes Unterrichtsfach einzuführen, 
ist gänzlich verfehlt. 

Vom Interesse sind auch die Bestimmungen über die Heranbildung 
von Lehrern für spezielle Unterrichtsgebiete (Sonderprüfungen). Wir 
setzen die beiden Entwürfe wieder nebeneinander. 

Regierungsentwurf § 13: 

»Zur Ausbildung von Lehrern für ländliche Fortbildungsschulen, 
dann für andere Unterrichts- und Erziehungsanstalten besonderer Richtung 
(Blinden- und Taubstummenschule, Anstalten für schwachsinnige oder 
andere abnormale Kinder u. dgl.) sind eigene Kurse einzurichten, zu 
deren Besuch die mit dem Lehrbefähigungszeugnisse für allgemeine 
Volksschulen versehenen Lehrkräfte zuzulassen sind. 

Ausnahmsweise kann von der Beibringung des Lehrbefahigungs- 
zeugnisses dann abgesehen werden, wenn eine anderweitige entsprechende 
X'orbildung und eine längere tatsächliche Verwendung im praktischen 
Dienste an Anstalten der betreffenden Art nachgewiesen wird. 

Die Errichtung und Einrichtung solcher Kurse wird im Verordnungs- 
wege geregelt. 



Seite 908. Zeitschrift für das österreichische Bündenwesen. 4. Nummer. 

Für den Fall der Errichtung eigener Anstalten zur Heranbildung 
von Lehrern an Schulen für nicht vollsinnige und sonst abnormale 
Kinder werden diese Anstalten den Lehrerbildungsanstalten gleichgehalten.« 

Entwurf Kerne tt er § 22: 

>Die Fortbildung von Lehrern zu Speziallehrern an Unterrichts- 
anstalten für nicht vollsinnige Kinder erfolgt in eigenen vom Staate 
errichteten, mit dem k. k. Blinden- bezw. Taubstummeninstitut und mit 
der neu zu schaffenden k. k. Erziehungsanstalt für schwachsinnige Kinder 
in Verbindung stehenden Kursen. Diese Anstalten sind dem Rang und 
den Rechtsverhältnissen nach den k. k. Lehrerbildungsanstalten gleich 
zustellen. 

Die Bildungsdauer in diesen Kursen beträgt zwei Jahre. Für die 
Aufnahme ist die Absolvierung einer Lehrerbildungsanstalt erforderlich. 

Die erfolgreiche Absolvierung dieser Kurse berechtigt zur defini- 
tiven Anstellung als Lehrer an einer Blinden-, bezw. Taubstummen- 
oder Schwachsinnigenanstalt. 

Lehrer, die diesen Spezialkurs nicht absolviert haben, bedürfen 
zur definitiven Anstellung einer Sonderprüfung vor eigenen Kommissionen, 
welche erst nach einer mindestens zweijährigen Betätigung im Spezial- 
fache abgelegt werden können.« 

Während in diesem Punkte der Regierungsentwurf allgemein 
gehalten ist, ist der Entwurf von Kemetter schärfer umrissen. Über 
die praktische Notwendigkeit und Durchtührungsmöglichkeit scheinen 
sich die Verfasser beider Entwürfe nicht klar zu sein. Wir kommen 
deshalb in einer ausführlichen Besprechung darauf zurück, 

Personalnachrichten. 

— Direktor Rupert Mayer j. Am 4. März raffte der. Tod 
den noch im kräftigen Mannesalter stehenden Direktor der kärntneri- 
schen Landes-Blindenanstalt in Klagenfurt ganz unerwartet rasch dahin; 
er ist im 5\. Lebensjahre einem Gehirnschlage erlegen. Direktor 
Rupert Mayer, im Jahre 1867 zu Villach geboren, zunächst als Volks- 
schullehrer in Krumpendort und Klagenfurt tätig, dann am k. k. Blinden- 
erziehungsinstitute in Wien für das Blindenlehramt ausgebildet, war 
dazu ausersehen, die ersten Bestrebungen der zu begründenden kärnt- 
nerischen Blindenanstalt werktätig zu unterstützen. Mit August 1898 
zum provisorischen Anstaltsleiter bestimmt, wurde er am 8. Dezem- 
ber 1898 zum Direktor ernannt. Direktor Rupert Mayer arbeitete 
gleichzeitig auf dem Gebiete des Vereinswesens und es gebührt ihm 
das große Verdienst im Jahre 1907 den Blindenfürsorgeverein, dessen 
Geschäftsführer er bis zu seinem Tode war, mitbegründet zu haben. 
Durch 20 Jahre mit dem Bündenwesen eng verknüpft, hatte er Gele- 
genheit manche wertvolle Anregung zu geben und zur Entwicklung 
der Kärtner Blindenfürsorge beizutragen. Leider gelang es ihm nicht, 
die Anstalt auch in der schweren, opferreichen Zeit des Krieges in 
Betrieb zu erhalten, und hat die eigentliche Blindenschule schon zu 
Beginn des Weltenbrandes einen jähen Abbruch erlitten. Ausbildung 
und Versorgung der Kriegsblinden standen nun im Vordergrunde 



4. Niiminer. 7,citsclirift fih i\:\s österreichische Blindenvvesen. Seite 909. 

seiner hilfreichen l^estrehuno^en und wurden ihm für seine Verdienste 
um die heimische Kriegsblindenfürsorj);e das Kriegskreuz III. Klasse 
und das Khrenzciclien II. Klasse vom Roten Kreuze mit der Kriegs- 
dekoration verliehen. Die Kärntner Blinden werden ihrem verstorbenen 
Direktor und langjährigen Führer ein dankbares Gedenken bewahren, 
und allen, lüe ihn kannten, wird der stets gütige und herzlich gemüt- 
liche Mensch, der auch das Cello zur Freude so vieler zu meistern 
verstand, in lieber Erinnerung bleiben. Friedrich J öl! y. 

— Professor Dr. Stephan Bernhcimer gestorben. Nacli längerem 
Leiden ist am 19. März 1. j., der Vorstand der ersten Augenklinik im Allgemeinen 
Krankenhause in Wien Professor Dr. Stephan Bern heim er im 57. Lebensjahre 
gestorben. Kaum zweieinhalb Jahre war es dem hervorragenden Augenarzt gegönnt, 
an der Wiener Universität sein Lehramt auszuüben, als er von einer schweren 
Krankheit befallen wurde, der er nun erlegen ist. Seine zalilreichcn Veröffentlichungen 
umfassen die wichtigsten Gebiete der Augenlieilkunde und der Grenzgebiete der- 
selben. Viele Arbeiten behandeln den operativen und klinischen Teil der Augen- 
heilkunde. 

— Auszeichnung. Dem blinden Orgel virtuosen und Komponisten Profes- 
sor Ludwig Moser wurde in Anerkennung seiner Verdienste um den unentgeltlichen 
Unterricht verwundeter Soldaten und für seine Mitwirkung bei verschiedenen Kon- 
zerten für letztere das Ehrenzeichen IL Klasse vom Roten Kreuz mit der Kriegs- 
dekoration verliehen. 



Hus den Anstalten. 

— \'ersorgungs- und Beschäftigungsanstalt füi- erwachsene 
Blinde in Wien VIII. Die von Direktor O. H. Stoklaska geleitete Anstalt 
versorgte im Jahre 1917 46 männliche und 53 weibliche Pfleglinge. 

Am 29. Juli 1917 wurde die Erinnerung an die vor fünfzig Jahren durch den 
Präsidenten unseres Vereines P. Michael Hers an, gelesene erste heilige Messe 
feierlich begangen. 

Anstaltsarzt Dr. Theodor Hie bei erhielt das Ritterkreuz des Franz Josef- 
Ordens mit der Kriegsdekoration. 

Einen wichtigen Gegenstand bildete in verstärktem Malie die Versorgung der 
Pfleglinge mit Nahrungsmitteln und Bekleidungsstücken. Daß sich die Verpflegung 
immer noch in zureichender Weise d.irchfüliren liel.\ war zu einem guten Teile 
der Mitwirkung des Direktionsmitgliedes Herrn Vizebürgermeister Rain sowie 
einiger amtlicher Stellen zuzuschreiben, was mit großem Danke hervorgehoben wird. 
Die waclisenden Kosten und Schwierigkeiten der Verpflegung nötigten zur Auflas- 
sung der Verwnndetenabteilung mit Ende März nachdem sie zwei und ein halbes 
Jahr bestanden halte. Im letzten Vierteljahre verpflegte sie noch 25 Mann. Anläß- 
lich der Auflassung wurde seitens der Leitung des RotenK reuzes für die opfer- 
willige Unterstützung der tiefgefühlte Dank in einem Diplome ausgesprochen. 

Der gewerbliche Betrieb mußte eingeschränkt werden, weil wiederholt 
Mangel an Kohle eintrat und weil gewisse Rohstoffe teils nicht mehr zu beschatTen, 
teils im Preise ungemein gestiegen sind. 

Zum Schluße wird mitgeteilt, daß zwei Männer mit gefälschten Karten und 
Stampiglien Beträge für einige Vereine — darunter auch für unseren Verein — ein- 
gehoben haben. Es wurden sofort Schritte dagegen eingeleitet, die insoferne Erfolg 
hatten, als der eine dieser Leute in Untersuchungshaft ist. 



Für unsere Kriegsblinden. 

— Rohstoffzentrale für kriegsblinde Handwerker. Die 
Schwierigkeiten in der Beschafifung der Materialien für die Bürsten- 
binderei und Korbflechterei veranlaßte den »Kriegsblindenfonds int 
Ministerium des Innern« in Wien einen Betrag von 100.000 K für diesen 



Seite 910. Zeitschrift für das östereichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

Zweck zur Verfügung zu stellen. Eine besondere Einkautsstelle soll 
den Geschäftsbetrieb beso'rgen, die Materialien zum Selbstkostenpreise 
abgegeben werden. Auch Zivilblinde sollen das Bezugsrecht besitzen, 
jedoch sind die Preise für diese um 10 v. H. höher als bei den 
Kriegsblinden. 

— Veranstaltungen: 

— Akademie zugunsten erblindeter Soldaten im Lehrerhausver- 
ein, Wien. Das reichhaltige Programm enthielt lebende Bilder, Gesangsvorträge und 
Deklamationen. 

— Akademie zugunsten der Kriegsblindenheimstätten. Ried- 
hof, Wien, am 17. März 1. J. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende März 1. J. 

— Neue Freie Fresse: 1,252.000 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 3,470.000 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 320.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 85.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 30.800 K. 

Verschiedenes. 

— Blindenkalender. hn Nachhange zu der Notiz in Nr. 3 Seite 8 94 der 
Zeitschrift, betreflfend die Herz'sche Schablonenschrift, wird mitgeteilt, daß 
Ihre Majestät die Kaiserin und Königin die Einverleibung des Allerhöchst Ihr über- 
reichten Blindenkalenders in das Museum des Blindenwesens im k. k. Blinden- 
Erziehungs-Institute Allergnädigst zu gestatten geruhten, was mit Erlaß des Oberst- 
hofmeisteramtes vom 20. Februar 191 8 bekanntgegeben wurde. 

— Zwei Blinde von der Straßenbahn überfahren. Am 18. März 1. J., 
ereignete sich der tragische Fall, daß zwei Blinde dem Wiener Straßenveikehr zum 
Opfer fielen. Der eine von ihnen der 40 jahrige Josef Harr er erlitt einen Bruch 
des Schädels und war sofort tot. Der zweite, der 24jährige Josef Hanausek, kam 
mit leichteren Verletzungen davon. Er wurde von der Rettungsgesellschaft in die 
Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für Blinde in Wien VIII, deren Pfleglinge 
die beiden Verunglückten sind, überführt. 

— Das Testament eines Wohltäters. In Wien ist der Kommerzialrat 
Julius Edler v. Wickede gestorben. Dei Verblichene war ein bekannter Wohltäter, 
welcher alle humanitären Bestrebungen in unserer Stadt gerne unterstützte und 
zahlreichen philanthropischen Vereinen angehörte. Seinen Wohltätigkeitssinn hat er 
auch in seinem Testamente bewiesen, welches nebst anderen Vermächtnissen auch 
den Blindenfürsorgeverein bedenkt. 

— Die falsche Pf lege s c h w e ster. In der ersten Hälfte des vorigen 
Jahres tauchte in Wien eine hübsche Frauensperson in Pflegerinnentracht auf, 
mietete sich bei verschiedenen Leuten ein und entwendete bei der ersten Gelegen- 
heit, die sich ihr bot, Schmucksachen, Kleider und Wäsche. Mit besonder Verschla- 
genheit wußte sie sich Sachen aus der Wohnung der Frau Johanna Popovics zu 
verschaffen. Die falsche PHcgerin wußte das Vertrauen der blinden Dame zu gewin- 
nen, führte sie einigemal vom Spaziergang nach Hause und erspähte die Gelegenheit 
zu einem Diebstahl. Eines Tages erhielt der Sohn der Blinden einen Brief, er möge 
sofort einen Bekannten aufsuchen, worauf die Verbrecherin der alten Frau in der 
Anlage den Wohnungsschlüssel entwendete, rasch dahin eilte und einen Jackett- 
anzug, sowie einen Rock im Werte von 250 Kronen entwendete. Erst nach lang- 
wierigen Erhebungen konnte die falsche Pflegerin — es war die 27jährige Franziska 
Wagner — ausgeforscht werden, die bereits sechsmal empfindlich wegen Diebstahls 
vorbestraft ist. 

Herausgeber: Zeotralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaictionskomitee: K. Bürklen, 
J. Rneis, A. t. Horrath, F. Uhl, — Druck Ton Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



— Die Zahl der Ki i cg s h li n d c n in Deutschland. Dii- Zaiil der 
Kriegsblinden ist nach amtlichen Ermittlungen im ganzen Deutschen Reiche 1850. 

— l'lötzliche Heilung eines Kriegsblinden. Nach einer Blindheit 
von 21 Monaten ist der im Blindenheime zu Bromberg zur Ausbildung befindliche 
Kriegsblinde Wladislaus Barcz am 8. Februar d. J. plötzlich wieder sehend 
geworden. Ks lag der seltene Kall von hysterischer Erblindung vor. Im Mai 1916 
h . ttc er im Schützengraben infolge einer in seiner nächstea Nähe sprengenden 
•Granate sofort sein Augenlicht vollkommen verloren. Durch Anwendimg von Hyp- 
jiose und Elektrizität wurde nun seine Blindheit in dem Bromberger Reservelazarett 
Kriegsschule durch den leitenden Nervenarzt Dr. Stern mit einem Schlage behoben. 
Allerdings war seine .Sehfähigkeit, obwohl Augen und Nerven in Ordnung waren, 
anfänglich doch matt, so daß ihm die Gegenstände wie mit einem Schleier umge- 
Taen erschienen, und er. sich seiner Gewohnheit als Blinder nach erst durch Tasten von 
ihrer Wirklichkeit überzeugte. Nach einigen Tagen jedoch hatte ir dir frühen- 
Klarheit seines Seliens vollständig wiedererlangt. 

— Opfer der schlechten Beleuchtung in Paris. Paris war schon 
immer die Stadt der Eifersuchtsdramen im Kriege ist sie es mehr denn je, nach- 
dem es sich herumgesprochen hat, duli die »Poilus« den Mord an ihrer Frau oder 
Geliebten gewöhnlich nur mit einer »Strafversetzung« an die Front, was mit Straf- 
losigkeit gleichbedeutend ist, zu büßen hatten. In letzter Zeit aber haben sich die 
Fälle gemehrt, in denen sich die Eifersüchtigen in der Person, an der sie sich zu 
rächen wünschten, geirrt haben. 

Der Herr, der in der Rue Montesquieu mit zwei Revolverschüssen eine ihm 
gänzlich unbekannte Dame niederstreckte, entzog sich, als er seines Irrtums gewahr 
wurde, selbst mit einer Kugel der irdischen Gerechtigkeit. Von weiblicher Seite 
wird ein so kleines Versehen weniger ernst genommen. Ein junger Mann, der in 
der Rue Reaumur nichtsahnend in seine Zeitung blickte, empfing plötzlich einen 
kräftigen Strahl Vitriol ins Gesicht, der ihm das Augenlicht raubte und ihn bis zur 
Unkenntlichkeit verunstaltete. Gleich darauf sah die Dame mit der Vitriolflasche, 
daß der Herr ihr ein Fremder war, und etwas verwirrt stammelte sie: »O verzeihen 
Sie, mein Herr, ich habe mich bloß geirrt, Sie entschnldigen wohl . . .« 

Zu ihrer Rechtfertigung führen die Attentäter gewöhnlich an, daß die Beleuch- 
tung in Paris seit den deutschen Fliegerangriffen derart mangelhaft sei, dafS mit 
dem Verkennen von Personen gerechnet werden müsse. 

— Die Werke Dickens' in Blindenschrift. Um die Übertragungs- 
kosten sämtlicher Dickens- Novellen in die Braillesche Blindenschrift zu decken, ver- 
anstaltet, wie die »Times« berichtet, die Dickens- Gesellschaft Vorlesungen aus des 
Dichters Werken in London und vielen Provinzstädten. Eine Sammlung, die kurz 
vor Kriegsausbruch zu dem Zweck der Anlage einer Dickens-Bibliothek eingeleitet 
wurde, hatte ein so reiches Ergebnis, daß bald sämtliche Werke Dickens in 
Blindenschrift werden erscheinen können. 

— 40.000 erblindete Soldaten in Frankreich? Nach einer Meldung 
des »Daily Telegraph« hat der Präsident der AUiance Franco-Britannique, General 
Sir Alfred Turner, kürzlich einen Aufruf zugunsten einer in Paris gebildeten 
Gesellschaft zur Unterstützung französischer Soldaten, die der Krieg des Augen- 
lichtes beraubte, veröffentlicht. Aus diesem Autrufe soll die Tatsache hervorgehen, 
dafS die Zahl der erblindeten Soldaten in Frankreich bisher nicht weniger als 
40.000 beträgt. Der Propagandaeiter hat die wirkliche Zahl der Kriegsblinden in 
Frankreich wohl ins Ungeheuerliche erhöht. 

— AnzeigeineinemWie ner Blatte. Weiß jemand einen Unglücklichen, 
Blinden oder Krüppel, bis 60 Jahre, den ich durch Ehe glücklich machen könnte ? 
Unter »Wien erwünscht 18129« an die Verwaltung des Blattes. 

Es wäie interessant, die Antworten auf diese Anzeige kennen zu lernen. 



Bücherschau. 

— Silex, Prof. Dr. P. und Hirsch Betty: Bericht über die dreijährige 
Tätigkeit an der Blindenlazarettschule in Berlin. (Berlin 1918, Selbstverlag). Die 
Schrift zeigt, wie in dieser Lazarettschule im Laufe von 3 Jahren 250 Kriegsblinde 
ausgebildet wurden. Durch die zahlreichen neuen Erfahrungen und Gedanken bei 
Beobachtung der Seele der Kriegsblinden erweist sich die Schrift für jeden, der den 
besonderen Zweig dieser Fürsorge bearbeitet, als wertvoll und ist bestens zu empfehlen. 



Bürklen Karl : Das Tastlesen der Blindenpunktschrift. 

Nebst Beiträgen zur Blindenpsycliologie von P. Grasemann- 
Hamburg, L. Cohn-Breslau, W. Steinberg. VII, 93 Seiten 

mit 6 Abbildungen im Text und 6 Tafeln. 
Leipzig, Barth, 1917 M 5.— 



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— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



Schriftleitiing 
Purkersdorf 
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Das Blatt ersdieirrt 
monatlich einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



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n Einzelnummer U 

n 40 Heller. ^ 



5. Jahrgang. 



Wien, Mai 1918. 



5. Nummer. 



INHALT: Die Heranbildung von Blinden- und Taubstummenlehrern. O. Wanecek, 
Purkersdorf: Die Blendung in der Geschichte des Rechtes. F\. Krtsmäry, Pur- 
kersdorf: Königlicher Musikdirektor Friedrich Meyer und die Reform der 
Braiile'schen Notenschrift. K. R. Schmidt: Fünfundzwanzigster Spiegel. Per- 
sonalnachrichten. f\us den Anstalten. Aus den Vereinen. Für unsere Kriegs- 
blinden. Verschiedenes. Briefkasten. Büdierschau. (Altes und Neues. Ankündi- 
gungen). 



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fJ Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische 
Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien Vlll, 
i] Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. 



flites und Neues. 

.. I ) (' V S (• h ] o i (' r des Glück s ." 

Der gegenwärtig in scliwercr Stunde die Geschicke Frankreich« 
leitende Ministerpräsident G. Giern ence au, welcher sich wegen seiner 
rücksichtslosen Politik den Namen ,.Tiger-' erwarb, überraschte die 
Pariser dadurch, daß er auf seine alten Tage unter die Komödienschreiber 
ging. Im Jahre 1901 ließ er ein Theaterstück „Der' Schleier des 
Glücks" auiluhren und man war allgemein gespannt darauf, was dieser 
Gewaltjnensch der ÖtTentlichkeit damit zu sagen hatte. Das Trostloseste, 
was man sich denken kann! 

Das Stück zeigt einen blinden Vizekönig von Ghina, dem ein 
europäischer Arzt mit einein Augenwasser die Sehkraft wiedergibt, ohne 
daß seine Umgebung es ahnt. Er sieht nun entsetzt und verzweifelt, 
daß ein verurteilter Dieb, für den er, da er ihn unschuldig glaubte, die 
Begnadigung beim Kaiser erwirkt hat, bei seinem Dankbesuch alles 
stiehlt, was ihm unter die Hand gerät, daß die Sammlung seißer Gedichte, 
die er seinem Sekretär und Vertrauten zur Veröffentlichung übergeben 
hat. von diesem unter seinem eigenen Namen herausgegeben worden 
ist. daß sein einziger Sohn im Hof des Yamen unter den Augen seines 
beifällig lächelnden Erziehers seinen blinden Vater durch NachäfTung 
seines unsicheren Ganges und seines Tastens grausam verhöhnt, daß 
sein angebetetes junges Weib ihn mit seinem besten Freunde betrügt. 
Er kann diesen fürchterlichen Anblick nicht ertragen. Er überredet sich, 
daß er Fiebergesichte gehabt hat, und um ihnen nicht wieder ausgesetzt 
zu sein, zer.stört er sein wiedergewonnenes Augenlicht aufs neue. Jetzt 
umgibt ihn ewige Nacht, aber der Mandarin begrüßt sie als Erlöserin. 
Er ist wieder glücklich, wie er es gewesen, ehe der Europäer ihn sehend 
gemacht: seine Blindheit ist ,.der Schleier des Glückes." 

Moral: Das Leben ist Laster und Verbrechen erträglich macht 
es einzig die Selbsttäuschung. 

Diese Weltanschauung entspricht — wie dies ein Beurteiler des 
Lebensganges von Giemen ceau ausdrückt — schwerlich der Wirklich- 
keit, in der eine objektive Betrachtung Gutes neben Bösem entdeckt. 
Aber .sie ist folgerichtig aus Clemenceau's Lebenserfahrung abgeleitet. 

Glemenceau ist ein Menschenverächter und er nimmt die 
kleinen Interessen, die geringfügigen Freuden und Schmerzen, all das 
vergängliche Treiben der SterlDlichen nicht ernst. Das ist vielleicht eine 
Tugend für einen Philosophen; es ist sicher keine für einen Regierenden, 
der nur dazu bestellt ist, endliche Dinge zu verwalten. Er ist ein Ver- 
neiner und den Völkern ist bei der Leitung ihrer Geschäfte nur mit 
einem Bejaher gedient. 

Clemenceau's philosophischer Monolog — das ist ,. Der Schleier 
des Glücks" — ist bitter. 




5. Jahrgang. 



Wien, Mai 1918. 



5. Nummer. 



^ Dafür, daß mir Gott, der Herr, ^ 

1^ Ließ der Augen Schein, ^ 

W Will dem blinden Bruder ich & 

^ Freund und Helfer sein. & 



^IS^«^®S^II»l«i8igg^«l!S^^ISS^^§S^^S^S|gf«gf®MI^S^^ 



Die Heranbildung von Blinden- und 
Taubstummenlehrern. 

Die Einbringung zweier Gesetzentwürfe über die Neugestaltung der 
Lehrerbildung im österreichischen Reichsrate stellt auch obige Frage 
wieder auf die Tagesordnung.. Nachdem wir bereits in der vorigen Num- 
mer die in den Entwürfen gebrachten Vorschläge zur Heranbildung von 
Lehrern an Schulen für nicht vollsinnige Kinder anführten, wollen wir 
sie diesmal einer näheren Betrachtung unterziehen. 

In den Anfängen des Spezialunterrichtes für Viersinnige gestaltete 
sich die Ausbildung von Lehrern für diese Fächer sehr einfach. Nach 
tier Gründung der ersten Anstalten (vielfach geschah diese durch Nicht- 
pädagogen) fanden sich Männer, die freiwillig oder dazu berufen, an 
diesen Anstalten die Unterrichtsmethode kennen lernten, um sie dann 
daselbst oder an anderer Stelle selbsttätig auszuüben. Vorschriften dafür 
gab es noch keine. Einige hervorragende Fachleute fanden an ihren 
Musteranstalten besonderen Zulauf unil bildeten dort ihre ,.Schüler-' 
aus, so für den Blindenunterrichl Klein (^Wien) und Zeune (Berlin), 
für den Taubstummeimnterricht Heini'cke (Leipzig), Stork (Wien) 
und Frost (Prag). Dieses System hielt sich bei der geringen Zahl der 
Anstalten für Nichtvollsinnige auch noch lange nach Einführung beson- 
derer Vorschriften für die Ausbildung des notwendigen Nachwuchses 
und bewährt sich auch heute noch dort, wo eine hervorragende Autori- 
tät auf einem dieser Gebiete vorhanden, ist. 



Seite 916. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 5. Nummer. 

Die ersten gesetzlichen Bestimmunoen über die Blinden- und Taub- 
stummenlehrerbildnnti; für Österreich wurden unter Kaiser Franz II. in 
den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts gegeben. Als Ausbil- 
dungsstätten wurden die in damaliger Zeit nahezu allein bestehenden 
k. k. Blinden- und Taubstummeninstitute in Wien bestimmt, deselbst 
besondere Kurse für Priester, Lehramtskandidaten, Beamte und Lehrer 
abgehalten, die mit einer Prüfung endeten. Dieser Zustand dauerte bis 
zur Erlassung des Reichsvolksschulgetzes im Jahre 1869, worauf eine 
lange Pause eintrat, da die mit diesem Gesetze erhoffte Neuordnung 
der Blinden- und Taubstummenlehrerbildung ausblieb. Die Anstalten 
mußten selbst für die Heranbildung ihrer Lehrkräfte Sorge tragen und 
dieser Zustand besteht eigentlich auch heute noch. Wohl wurden mit 
der Einführung einer besonderen Befähigungsbrüfung für den Blinden- 
und Taubstummenunterricht wieder 2 '/a monatliche spezielle Lehrkurse 
für diese Fächer eingeführt, blieben jedoch nicht mehr auf die früher 
genannten Institute beschränkt und bewährten sich in keiner Weise, 
denn soweit diese Kurse nicht von bereits iiu Fache tätigen Blinden- 
und Taubstmmenlehrern zur bequemen Vorbereitung für die abzulegende 
Befähigungsprüfung benützt wurden, fanden sich aus anderen Lehrer- 
und Lehrerinnenkreisen nur zeugnissammelnde Leute ein, um sich daran 
genug sein zu lassen. Fachleute sind aus diesen Kursen keine hervor- 
gegangen und die Kurse schliefen glücklich ein, denn seit 10 bezw. 25 
Jahren hört man nichts mehr von ihnen. 

Daß ein derartiger Zustand, vielmehr Rückstand, von den Fachleuten 
selbst am schwerstei^ empfunden wird, zeigen die diesbezüglichen Erör- 
terungen auf den ,,Öst. Taubstummenlehrertagen*' im Jahre 1902 und 
1905, während diese Frage von den Blindenlehrern erst auf dem „Blinden- 
fürsorgetag" im Jahre 1914 ganz nach dem von den Taubstummenlehrern 
gegebenen Anregungen besprochen wurde. Die Forderungen gingen auf 
eine zweijährige Ausbildung, die Praxis und Theorie zu umfassen hätte, hinaus. 
Die Kosten hiefür sollte der Staat übernehmen, welcher zur Ausbildung 
aller Lehrer verpflichtet ist. Der Anregung, die k. k. Blinden-, bezw. 
k. k. Taubstummenanstalt als zentrale „Lehrerbildungsanstalten-' für 
ganz Österreich zu bestimmen, begegneten namentlich die nicht- 
deutschen Fachleute aus der Provinz mit Widerspruch. Eine behördliche 
Stellungnahme zu den erhobenen Wünschen hat bisher nicht stattge- 
funden. Erst die bereits mitgeteilten Gesetzentwürfe berühren nunmehr 
auch diese Sache. 

Beide Gesetzentwürfe verlangen eigene Kurse zur Heranbildung 
von Lehrern an Schulen für nicht vollsinnige Kinder. Im Regierungs- 
entwurfe ist keine nähere Zeitd auer für diese Kurse angegeben, der 
Entwurf von K. setzt die Bildungsdauer auf zwei Jahre fest. Als Vorbe- 
dingung für die Aufnahme verlangt der erstere das L e h r b e f ä h i g u n g s - 
Zeugnis für allge m eineVolksschuIen, enthält jedoch den Zusatz: 
„Ausnahmsweise kann von der Beibringung des Lehrbefähigungszeug- 
nisses dann abgesehen werden, wenn eine anderweitige entsprechende 
Vorbildung und eine längere tatsächliche Verwendung im praktischen 
Dien.ste an Anstalten der betreffenden Art nachgewiesen wird." Nach 
K. wäre für die Aufnahme in den Kurs nur das Rei f ezeugnis (Absol- 
vierung einer Lehrerbildungsanstalt) erforderlich. 



5. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blinden wesen. Seite 917. 

Die Krriclilium- iiiul Kinrichliinii; der Kur.^c .'^oll nach dem I{('<,'i('riin«,'.s- 
oiilwiii-rc im \'(M'()r(liiuii<is\v(\L;(! i^'crc^cll werden, wobei für den Fall der 
K r r i c h t u n <^- e i f>' e n e r A n s I a It o n z u r H e r a n b i I d u n g v o n L e h r o r n 
für N i (• h l V o 1! .si n n i}4(> die.so Anstalten den Lehrerbi]dunf,'.sanstalten 
gleichzuhallen wären. K. verlan<i;t die Kurse in eigenen, vom 
Staate erricblelen Anstalten, die mit dem k. k. Rlinden-, bezw. 
Taubstummeninsliliil zu verbinden wären und dem l^ang und den 
Reclitsvei'bältnisseii nach den k. k. Lehrerbildungsanstallen gleichzustellen 
sind. Ob das Kurszeugnis nach dem Kegierungsenlwurfe zur Ausübung 
des Lehramtes an Blinden- und Taubstummenanstalten berechtigt, ist 
nicht weiter berühr!. Hei K. heißt es: „Die erfolgreiche Absol- 
vierung dieser Kui-se berechtigt zur definitiven Anstellung als Lehrer 
an einer Hlinden-, bezw. Taubstumnu'naiislalt. Lehrer, die diesen Spezial- 
kurs nicht absolviert haben, bedürfen zur detinitiven Anstellung einer 
Sonderprüfung vor eigenen Kommissionen, welche 'erst nach einer 
mindestens zweijährigen Betätigung im Spezialfache ahgclogt werden 
kann.-' 

Die Forderung heider Entwürfe geht trotz mancher Verschiedenheiten 
auf die Einrichtung von Kursen an b e s t i m mten Anstalten 
(die als Lehrerhildungsanstalten zu gelten hätten) hinaus. Wir haben 
bereits gehört, daß dieser Wunsch gerade 100 Jahre alt geworden ist, 
um als neue Forderung aufzutauchen. Sollte er nach 100 Jahren erhoben 
werden, so grüßen wir seine Antragsteller im Geiste und erlauben uns, 
ihnen zu sagen, daß der Gedanke dazu aus dem vorigen Jahrhundert 
stammt. 

Den heutigen Antragstellern aber sei zu dieser Sache etwas mehr 
gesagt. Vor allem heißt es die Frage beantworten: ,.Wel che Aus- 
sichten sind für die Beschickung der gedachten Kurse 
vorhanden"? 

Wir haben in Österreich 14 Blindenunterrichtsanstalten mit kaum 
30 Klassenlehrern und 14 Leitern, für welche die gesetzliche Befähigung 
vorgeschrieben ist, denn alle sonstigen Hilfskräfte kommen für einen 
Besuch der gedachten Kurse nicht inbetracht. Läßt man auch alle 
Besucher außer Frage, welche lediglich des Zeugnisses wegen um Auf- 
nahmen ansuchen, so ist gar nicht abzusehen, wann als Nachwuchs im 
Blindenlehrerwesen ein Besuchsminimum von 10 Teilnehmern zusammen- 
kommen soll. Im Taubstununenunterrichtswesen stehen die Verhältnisse 
wohl etwas günstiger, denn es zählt in 29 Anstalten ungefähr 200 befähigte 
Lehrkräfte. Aber selbst hier ist ebenfalls mit keinem so großen Bedarf an 
Nachwuchs zu rechnen, daß die Abhaltung eines zweijährigen Kurses 
zustande konnnen könnte. 

Nun haben wir aber noch mit der Verschieden.sprachigkeit und 
den unterschiedlichen Organisationen unserer Anstalten zu rechnen. 
Bei der Zentralisierung der Kurse in den Wiener Anstalten müßten auch 
die nichtdeutschen Kollegen zum Besuche der daselbst stattfindenden 
Kurse veranlaßt wenlen, ilenn an Kurse in verschiedeiuMi Ländern 
ist überhaupt nicht zu denken. Wir haben auf dem Blindenfürsorgetag 
im Jahre 1914 bereits das Echo auf eine derartige Forderung gehört. 
Mit den Kursen stehen und fallen natürlich auch die gedachten Lehrer- 
bildungsanstalten. 



Seite 918. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

Es ist eine alte Geschichte, 

doch bleibt sie ewig neu: 

Mit Fordern und Nichtsgeben 

geht nur der Topf entzwei! 

In diesem Verhältnisse stehen auch Staat und Blindenunterrichs- 
wesen. Der Staat hat bisher für die Heranbildung der Lehrer nicht- 
vollsinniger Kinder nicht das Geringste getan, obwohl die Lehrerbildung 
seine Verpflichtung ist. Stellt er diesbezüglich Bedingungen und Vorschrif- 
ten, die, so streng sie auch sein mögen, von den Fachleuten im Inter- 
esse eines tüchtigen Nachwuchses nur freudigst begrüßt werden, so 
erfülle er auch seine damit verbundene Aufgabe bezüglich der Durch- 
führung. Vor allem ist aber zu verlangen, daß er sich auch in dieser 
Sach^ auf realen Boden stelle und nicht das Haus mit dem Dach zu 
bauen anfange. Ehe wir nicht die notwendige Zahl von Anstalten für 
nichtvollsinnige Kinder besitzen und diese entsprechend organisiert 
sind, ehe nicht die materiellen und ideellen Verhältnisse auf diesem 
Gebiete solche sind, daß sie einen Anreiz auf hervorragende Kräfte 
der Lehrerschaft ausüben, erscheinen alle Ausbildungs- und Prüfungsvor- 
schriften verfrüht und dürften die gute Absicht nur ins Gegenteil verkehren 

Der Kernpunkt der Beschaffung tüchtiger Lehrer für Nichtvollsinnige 
liegt ganz wo anders, als dort, wo man ihn sucht. Wir möchten daher 
den beabsichtigten Forderungen der Regierung nachstehende Wünsche 
der Lehrerschaft, welche an Schulen für nicht vollsinnige Kinder tätig 
sind, entgegensetzen. 

Die Ausbildung in den genannten Spezialfächern, 
sowohl praktisch als theoretisch soll so gründlich als nu r 
möglich sein. Bevor jemand Lehrer der Viersinnigen sein 
kann, muß er erst überhaupt Lehrer sein, muß also die 
Lehrtätigkeit bei vollsinnigen Kindern ausgeübt haben. 
Die Heranbildung von Blinden- und Taubstummenlehrern 
hat nach Bedarf zu geschehen. Die Ausbildung sei eine 
möglichst freie und vielseitige. Die Möglichkeit hiezu ist 
durch Staatsstipendien zu schaffen, welche eine mehr- 
jährige Unterweisung an Anstalten verschiedener Einrich- 
tungen und Länder sichert, DasStipendiumverpflichtetzur 
Ausübung der Lehramtstätigkeit an Schulen Nichtvoll- 
sinniger durch mindestens eine bestimmte Zahl von 
Jahren. Die Befähigung für den Blinden- und Taubstum- 
menunterricht kann nur vor einer Prüfungskommission 
erla ngtw erden, diein den ein schlägigen Fächern möglich st 
hohe Forderungen zu stellen hat. Dem befähigten Blinden- 
und Taubstummenlehrer ist die Gewähr einer entspre- 
chenden Berufs Stellung zu geben und der Staat sichert 
ihm ein Gehaltsminimum, welches seiner Vorbereitung 
und seiner Lehrtätigkeit entspricht und würdig ist. 

So meinen wir, könnten wir vollwertige und hervorragende Kräfte für 
unsere Unterrichtsfächer gewinnen. Daß uns solche Kräfte durch die 
engbrüstigen und dabei nicht einmal zu verwirklichenden Vorschriften 
der beiden bezogenen Gesetzentwürfe nicht gegeben werden könnten 
ist seit 100 Jahren wohl klar. 



5. Numni<;r. Zeitschrift für das österreichische Blindenvvesen. Seite 919. 

Die Blendung in der Gesdiidite des Rechtes. 

Von l.i'hrer Ottokar Wanccek, Purkersdorf. 
(Fortsetzung.) 

Ebenso i.st der berüchtigte Sefi von Persien vor Verwandtenblen- 
dung nicht zurückgeschreckt. 

Neben den Gegenkcinigen und Verwandten traf diese Strafe vor 
allem Verschwörer und in Ungnade getallene GünstUnge. 

Von den letzteren ist am bekanntesten der byzantinische Feldherr 
Belisar. Aber gerade dessen Blendung soll ungeschichtlich sein. 

Heinrich I. von England, der, wie oben erwähnt wurde, auch 
seinem Bruder Robert v. d. Normandie das Augenlicht nehmen ließ, 
bereitete das gleiche Schicksal dem Barden Lake de Barre. 

Das spanische Gesetzbuch vom Jahre 1255 legt diese Strafe bereits 
für begnadigte Hochverräter lest. Diese wurden aber schon früher und 
auch an anderen Orten derart gestraft, ohne daß ein schriftlich nieder- 
gelegtes Recht bestanden hätte. Friedrich Barbarossa ließ sie an Ver- 
rätern und Überläufern vollziehen. 

Während des großen Bauernaufstandes 1525 ließ Kasimir von 
Ansbach 57 Männern die Augen ausstechen, weil sie einst ausgerufen 
hatten, sie wollten überhaupt keinen Markgrafen mehr sehen. 

Unter den Kriegsgreueln alter Zeit nimmt die Blendung eine bedeut- 
same Stelle ein. Der besiegte Feind, namentlich, wenn er durch zähen 
Widerstand Erbitterung hervorgerufen hatte, mußte dergestalt des Siegers 
Grausamkeit oft fühlen. 

Schon während der Christenverfolgungen kam diese Strafe vor. 
Das große Mart^T-Buch und Kirchenhistorien aus dem J, 1 572 erzählt 
darüber folgendes : 

»Auch hat man eine neue Weise erdacht, die Christen von ihrem 
tapferen Mut abzuschrecken, und mit langwierigem Elend zu quälen. 
Man ließ sie bei Tausenden zusammen auf einen Platz fordern und 
einem nach dem andern erstlich das rechte Auge ausstechen, darnach 
lähmte man ihnen mit einem glühenden Eisen die linke Kniekehle, 
auf daß sie also einäugig und halb lahm wurden. Darnach führte man 
sie ins Bergwerk, allda zu graben.-« 

Ein Bild vervollständigt die schreckliche Schilderung dieser Martern. 

Wilhelm der Eroberer ließ auf seinen Kriegszügen manchen 
des Augenlichtes berauben ; eine Massenblendung aufsein Geheiß wurde 
1074 bei Cambridge vollzogen an sächsischen und normannischen 
Edelleuten. 

Auch im Kriege Richards I. v. England gegen Philipp v. Frankreich 
wird diese Tatsache von beiden Seiten erwähnt. 

Der Hohenstaufe Friedrich II. sah sich durch die Widerspenstig- 
keit der süditalischen Normannen zu diesem grausamen Zwangsmittel 
veranlaßt. 

Basilius II., byzantinischer Kaiser, der 976 zur Regierung kam, 
soll 15000 Bulgaren blenden haben lassen. Jeder Hundertste behielt 
ein Auge, damit er seinen Unglücksgefährten Führer sein könne. Der 



Seite 920. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

bulgarische König soll beim Anblick dieses fürchterlichen Zuges gestorben 
sein. Massenhafte Augenausstechungen sind geschichtlich verbürgt. 

Ein Perserschah des 18. Jahrhunderts hat seinen Bruder blenden 
lassen und den Befehl gegeben, die Bewohner einer eroberten Stadt 
zu töten oder zu blenden. 

Auch die Straßenräuber der Faustrechlzeit wußten sich dieses 
Mittels gar wohl zu bedienen ; so heißt es in Wernher des Gärtners 
Dorfgeschichte Maier Helmbrecht : 

»Einstmals hört' man die Losung so : 

Heia Ritter, frisch und froh ! 

Jetzt aber schreit es Nacht und Tag : 

Hussa, Ritter, jage, jag'! 

Stich drauf los und schlage nur zu ! 

Wer sich da wehrt, den blende Du!« 

Die mannigfachsten Gründe konnten übrigens despotische Herrscher 
bewegen, Übeltäter der Augen zu berauben. Iwan der Schreckliche hat 
einem Moskauer Baumeister dieses Schicksal zuteil werden lassen, auf 
daß er niemanden eine so schöne Kirche mehr bauen könne, wie er 
ihm eine errichtet hatte. Eine ähnliche Geschichte enthält die deutsche 
Sage von einem Uhrmacher. 

So traf unter dem Papste Paschalis I. (817 — 824) jeden Mönch 
diese Strafe, wenn er für den deutschen Kaiser predigte. 

Ein Graf Herbert zu Rothenburg hat ungerechten Richtern die 
Augen ausstechen, einem aber, der sein Gevatter war, nur eines nehmen 
lassen, damit er die andern heimführen konnte. 

Nadir von Persien ließ seinem ältesten Soldaten 1743 die Augen 
ausstechen. 

Floß in allen den angeführten Fällen diese Strafe aus dem einzel- 
nen Willen des unumschränkten Herrschers, so spielt nebenher die 
Blendung in Fällen der alltäglichen Rechtssprechung, im alltäglichen 
Gewohnheitsrechte ihre bedeutungsvolle Rolle. 

Die Griechen straften damit vornehmlich Ehebrecher. Zalenkos 
gab den Lokrensern ein Gesetz, dem gemäß man solchen beide Augen 
ausstechen sollte. (Valerius Max. lib. 6 c. 5) Später wurde der Kirchen- 
räuber, dann aber auch der, welcher vorgenommener Weise jemanden 
des Augenlichtes beraubte, so gestraft. Doch wurde im letzten Falle 
meist nur mit einem Auge gebüßt. 

Bei den Römern kann sie nur vereinzelt vorgekommen sein, da 
diesem Volke die Leibesverstümmelungen fast unbekannt blieben. 

Die Westgothen bestraften die Abtreibung der lebenden Frucht 
an Vater oder Mutter durch Verlust beider Augen. 

Die Longobarden sühnten damit den einfachen Diebstahl. 

Bei den Franken mehrten sich zur Merowinger- und Karolingerzeit, 
von Chilperich angefangen, solche Strafen bedeutend. Insbesondere 
verfielen ihr diebische Sklaven, Straßenräuber und Verschwörer. 

Die vornormannische Zeit Englands strafte Notzucht und Defloration 
mit Blendung und Kastration. 

Das alte, mündlich überlieferte Recht der Germanen wai- der Gefahr 
des Vergessenwerdens oder der Entstellung ausgesetzt, weshalb man 



5. Nummer. Zeitsclnifl fdr das öslerreichische Blindenwesen. Seite 921. 

in späterer Zeit, nach dem 13. Jahrhundert begann, rechtskundige Männer 
um Rat und Urteil in den versciiiedenen Rechtsfällcn anzugeiien. Auf 
diese Art entstanden Niederschrilten des herkömmhchen Gewohnheits- 
rechtes, die man Weistümer nennt. Die damahgen Rechtskreise waren 
klein ; einzehie Döifer, Hofmarken, Gerichte, Ilerrscliaften, Amter, 
Marken, Weinbergs-, Schiffer-, Fischer-, Müller- und Flößergenossen- 
schaften hatten ihre eigenen Rechtsaufzeichnungen. 

Als Überreste des eciiten Dinges bei den Franken spielten die 
jährlich ein- bis viermal abzuhaltenden Gerichtstage, rechtweisende und 
rechtsprechende Versammlungen auch im späteren Mittelalter noch eine 
bedeutende Rolle. Der Name dieser Versammlungen, Ehhalttaiding oder 
Banntaiding, ging auf die noch erhaltenen Urkunden über. Taiding heißt 
soviel wie Tageding, das an einem bestimmten Tage abzuhaltende Ding. 
Ehhafttaiding ist die wörtliche Übersetzung des bei den Franken gebräuch- 
lichen Ausdruckes placitum legitimum. Bann wird zweifach erklärt ; 
einmal als bestimmter Bezirk (nach Kaltenbaeck) oder nach Osenbrüggen 
als unter Strafe gestellte Verpflichtung zum Erscheinen aller zugehörigen 
Personen und zum Ausharren bis zum Ende der Tagung. (Näheres siehe 
im Jahrbuch des Vereines für Landeskunde in N. Ö. 1914/15). 

Grimm hatte als erster diese Rechtsaltertümer gesammelt. Für 
das österreichische Gebiet stellen die im Auftrage der k. k. Akademie 
der Wissenschaften zusammengestellten Weistümer eine reiche Fund- 
grube für den Kulturforscher dar. In beiden Werken finden wir auch 
öfter die Strafblendung erwähnt und zwar für Untaten, die uns in keinem 
rechten Verhältnis zur dieser entsetzlichen Sühnung zu stehen scheinen. 
Vor allem verfallen ihr die Jagdfrevler. 

Das Banntaiding von St. Lambrecht aus dem 15. Jahrhundert 
bestimmt : »Das rotwild und sweinen wildpret verpeut man auf und 
ab des gotshaus grünten zu jagen bei verlierung der äugen.« 

Anschließend noch einige ähnliche Vorschriften : »Von wegen 
rath- und schwarzwiltpräth, rech, füx und haaßen, fischwait und rebhiener, 
der ist verfallen umb die zwai gÜder, das ist die äugen.« (Bann- und 
Hohaiding zu Neumarkt in Steiermark, 16. Jahrhundert). 

»Ob jemand begriffen wurd, der on willen und erlaubnuß wilpräd 
abstul aus allem gejaid, es war welherlai wilpräd das war, der ist 
wandlvällig von aim hirsen oder hinden, von aim pern oder rech V 
pfund phennig oder die äugen.« (Banntaiding von Reichenau und Prein, 
16. Jahrhundert). 

Die zur Jagd abgerichteten Falken, das Federspiel, sowie die Nester 
des Vogelwildes, der Gestöllbaum oder das Sperbergestell zu schützen, 
scheint den adeligen Nimroden besonders am Herzen gelegen zu sein. 
Wenigstens finden sich darauf bezügliche Stellen sehr häufig in den 
Weistümern. Doch wurden solche Vergehen nicht überall mit Ausstechen 
der Augen gebüßt. Die ständig wiederkehrende Formel des Abwerfens 
oder Verderbens des Federspieles bedeutet das Abwerfen der Nester. 
Hier einige Belege : 

»Wer ein vederspill verderbt mit willen, der ist verfallen 1 pfund 
pfennig und die äugen, wo man ihn begreift.« (Banntaiding Ratten bei 
Vorau in Steiermark, 16. Jahrhundert). 

(Schluß folgt). 



Seite 922. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

Königlidier Musikdirektor Friedrich Meyer und die Reform der 
Braiilesdhien Notenschrift. 

(Ein Nachruf). Von Musikfachlehrer A. Krtsmäry. 

Die ansehnliche Gemeinde der nmsiklehrenden und musii^lernenden 
Blinden hat einen schmerzlichen Verlust zu heklagen: Am 4. Fehruar 1918 
erlag der kgl. Musikdirektor Friedrich Meyer im 57. Lebensjahre einer 
Lungenentzündung. Der Dahingegangene war durch 36 Jahre ordent- 
licher Lehrer an der kgl. Blindenanstalt in Berlin-Steglitz. — Er hat 
der musikalischen Aus])ildung der Zöglinge ganz besondere Sorgfalt 
gewidmet und in der langen Zeit seiner Amtstätigkeit zahlreiche Schüler 
herangezogen. Über F. Meyers pädagogische Wirksamkeit steht mir 
kein Urteil zu, da ich deren Ergebnisse nicht kenne; aber ich stelle 
einen zuverlässigen Zeugen: seinen ehemaligen Schüler und späteren 
Mitarbeiter, den Herrn Franz Lange, zur Zeit Organist an der Matthäus- 
kirche in Berlin. Dieser sagt von seinetn Lehrer in einem im Märzheft 
der ,.Mitteilungen des Vereines der deutschredenden Blinden-' erschie- 
nenen Nachruf u. a. folgendes: — nicht wenige seiner Schüler sind es, 
die sich jetzt als Organisten und Chorleiter betätigen. Stets von sich 
ohne Schonung seiner Gesundheit das Äußerste fordernd, hat er den 
Anstaltschor zu einer Leistungsfähigkeit erhoben, die jeden, der ihn 
gehört hat, mit Staunen und Bewunderung erfüllen muß.*' 

Weit über die Grenzen Berlins hinaus ist Friedrich Meyer durch 
seine Tätigkeit auf dem Gebiete der Notenschrift und des Notendruckes 
für Blinde bekannt geworden. Schon in der Musikschriftfibel vom Jahre 
1889 finden wir unter den Mitarbeitern seinen Namen. An den „Ergän- 
zungen" zum Musikschrift-System, Berlin 1898 hat er hervorragenden 
Anteil. Bald begann F. Meyer sich auch mit dem Druck und der 
Herausgabe von Noten in Braille'scher Musikschrift zu befassen: so hat 
er im Laufe der nächsten Jahre unsere Punktschrift-Musik-Literatur 
um manches wertvolle Werk aus älterer und neuerer Zeit bereichert. 
Diese Notendrucke wurden in der damals allein gebräuchlichen Noten- 
schreibordnung dargestellt; sie zeichnen sich durch ihren klaren Druck, 
fast gänzliche Fehlerfreiheit — überhaupt durch eine gewissenhafte 
Schluß-Redaktion aus. Seine wirkuugsreichste Tätigkeit entfaltete er 
aber als Vorsitzender der Musikschrift-Kommission, die vom 12. Blinden- 
lehrer-Kongreß zu Hamburg bestellt worden war, um verschiedene 
Vorschläge betreffend die Reform der Braille'schen Notenschrift zu 
überprüfen und in praktischer Folge dieser Aktion, als Herausgeber 
von Notenheften in neuer N o t e n s c h r e i b -Ordnung vom September 
1913 ab. — 

Es mögen etwas über ein Dutzend Jahre sein, da trat der blinde 
Organist Franz Tiebach in Berlin mit einer neuen Notenschreib- 
Ordnung ans Licht der Ölfentlichkeit, welche berechtigtes Aufsehen bei 
den Interessenten hervorrief. Tiebach hat die Braille'sche Notenschrift 
keineswegs verdrängen und durch etwas gänzlich Neues ersetzen wollen: 
es handelte sich ihm lediglich um eine Neuordnung der Schreibweise. 
Von/ler richtigen Erkenntnis geleitet, daß der nmsikalische, insbesondere 
der harmonische Inhalt eines - Musikstückes, zu dessen leichter und 
rascher Aufnahme möglichst eng konzentriert zur Darstellung gebracht 



5. Nummer. Zeitschrift fdr das österreichische Blindenwesen. Seite 923. 

werden müßte, seliliiü; Tiebach voi', die einzelnen Spielorj^mne (rechte 
Hand - linke Hand) taklweise unniiltelhar einander lol^'en zu lassen 
und sie nin- diwcli eigene llandstiniinzeielien auseinander zu halten. 
Mochte di(\<es l'i-inzip einei' starren Kinnktiiiikeit auch zu weit j^reifend 
und einseiti.u' sein, der zu Griuide lie,t<en(le Gedanke war jedenfalls j,'ut. 

>\uch sei es Tiebach tnivei'.ii;essen inid an diesei- Stelle besondei's 
anji'eiuerkt, daß er {\en Spielschlüssel bei Ki.tijui-en mit einantlei- ablfi- 
senden S])ielor,tjanen ersonnen, sowie die Taktskala erstnuilif,' konsequent 
durch.ueführt hat: beides sind Ncuerun<,'en. die unserer Notenschrift 
unverlierbare praktische Werte zuj^efttbrl haben. Nicht unerwähnt bleibe, 
daß sich die Taktskala in einer enii;lischen Auswahl-Aus<iabe des ..Wohl- 
temperierten Klaviers von J. S. Hach*' bereits vorj^'ebildet fand. — 
Kranz Tiebach blieb nicht der einzige Neuerer auf dem Gebiete der 
Notenschrift, neben ihm und teilweise gegen ihn trat Ernst Haun 
in Dresden auf den Plan. Dieser befürwortete Zweitakt-Gruppen und 
betonte lebhaft deren sinngemäße Abgrenzung nicht nach Taktstrichen 
sondern nach Phrasen-Enden. Außerdem meldete der Verein Valentin 
llaüy in Paris eine stattliche Reihe von Anderungs- und Erweiterungs- 
Vorschlägen zur Rrailleschen Notenschrift an, die der Hauptsache nach 
darauf hinausliefen, die Wirkungsdauer von Vortrags- und Phrasierungs- 
])ezeichnungen deutlicher und sinnfälliger zu gestalten. Diese Eülle von 
Änderungen und Neuerungen zu überprüfen, das Beste daraus zu behalten 
und dem bestehenden Musikschrift.system einzuordnen, war Aufgabe 
i!er vom 12. Blindenlehrer Kongrel3 eingesetzten Musik-Konnnission. 
Diese Kommission rekrutierte sieh aus blinden und sehenden Musik- 
lehrern, sowie aus namhaften blinden Musikern: sie trug internationales 
Gepräge, da neben Deutschland und Österreich auch Dänemark. England 
und Frankreich vertreten waren. Zu ihrem Vorsitzenden wurde zuerst 
Direktor A. Brands tat er aus Königsberg gewählt, nach dessen baldigem 
Verzicht auf diesen Posten trat Friedrich Meyer an seine Stelle. Er 
setzte sich mit den einzelnen Kommission.s-Mitgliedern in Verbindung 
und holte ihr Gutachten auf schriftlichem W^ege ein. Da ich die Ehre 
hatt(\ der Konnnission anzugc^hören. trat Fried. Meyer auch mit mir 
in Verkehr. Ich habe meine Meinung über die vorgeschlagenen Neuerungen 
in mehreren ausführlichen Zuschriften an ihn geäußert und begründet. 
Fnser Verkehr blieb rein sachlich auf den Gegenstand beschränkt, eine 
per-sönliche Note hat darin niemals angeklungen, ein Umstand, den ich 
heute aufrichtig bedauere, denn ich habe die objektive Amtsführung 
und den Arbeitseifer des Vorsitzenden hochgeschätzt und nahm doch 
niemals die Gelegenheit wahr, ihn dessen zu versichern. 

Die Arbeiten der Kommission zogen sich durch Jahre hin. war 
doch das zu bewältigende Material recht umfangreich und die räumliche 
Tremnuig der einzelnen Mitglieder und die dadurch bedingte schrift- 
liche Führung der .Verhandlungen — einer raschen Abwicklung der 
ganzen Angelegenheit nicht eben günstig. In der ersten Hälfte des Jahres 
lODMuit die Musiksclirift-Konunission ihre Aufgabe l)een(ligt und ihre Be- 
schlüsse konnlendem im.luli h)i;}in Düsseldorf versannnellen 11-. Blinden- 
lehrer-Kongreß zur Amudune vorgelegt werden. Die vom Kongreß geneh- 
migten Beschlüsse der Kommission bestanden in den vier folgenden 
Punkten: 1.) Forderung nach möglichst kurzen Abschnitten für die rechte, 



Seite 924. Zeitschrift das für österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

linke Hand, beziehungsweise Orgelpedal beim Drucke eines Musikstückes. 
Die sinngemäße Abgrenzung der Abschnitte ergibt sich dabei ganz 
ungezwungen von selbst aus dem motivischen Aufbau des Tonstückes: 
2.) Einführung eines Spielschlüssels bei Figuren mit einander ablösenden 
Spielorganen. Dies ist wohl die weitest gehende aller Neuerungen, sie 
verlangt die Aufstellung von einigen wenigen neuen Zeichen, gewährt 
aber auch die denkl)ar größten Vorteile für den Leser. Übrigens kann 
der Spielschlüssel auch bei Akkorden, die sich auf beide Hände verteilen 
mit Glü€k angewendet werden. 3.) Annahme einiger der Erweiterungs- 
und Änderungs- Vorschläge des Vereines Valentin Haüy. Sie betreffen, 
wie schon erwähnt, hauptsächlich Vortrags- und Phrasierungs Bezeich- 
nungen und dringen, um nur ein Beispiel anzuführen, auf eine strenge 
Unterscheidung zwischen Binde- Halte- und Phrasierungs-Bogen, wodurch 
einer langjährigen Unklarheit ein Ende bereitet wurde. 4.) Anwendung 
einer fortlaufend nummerierten Takt-Skala am linken Rand des Noten- 
blattes; sie dient der raschen Orientierung, doch empfiehlt sie sich nur 
bei komplizierten Tonwerken größeren Umfangs; bei kürzeren Stücken 
nimmt man besser davon Abstand, da der hiebei in Betracht kommende 
Raumverlust nicht unerheblich ins Gewicht fällt. — 

Um die Brauchbarkeit der in diesen 4 Punkten aufgestellten 
Neuerungen zu erproben und ihre Zweckmäßigkeit nachzuweisen, erschie- 
nen seit September 1918 einzelne Hefte in zwangloser Folge mit Klavier- 
und Orgel-Kompositionen berühmter Tonmeister klassischer, romantischer 
und moderner Richtung. Diese Hefte, hergestellt in der Druckerei der 
königl. Blindenanstalt zu Berlin-Steglitz und, wie es auf dem Titelblatt 
der Hefte heißt: „Zum Studium der Braille'schen Musikschrift nach den 
Beschlüssen des 14. Blindenlehrer-Kongresses zu Düsseldorf am Rhein 
eingerichteU' und herausgegeben von Friedrich Meyer und Franz Lange, 
haben Großformat und sind bloß einseitig bedruckt; sie bringen als 
Einleitung stets einige Vorbemerkungen, in denen die im folgenden 
Musikstück vorkommenden neuen Zeichen und Regeln kurz und klar 
erläutert werden, so daß sich jeder blinde Musiker, der nur überhaupt 
die FJraille'sche Notenschrift kennt, ohne besondere Mühe darin zurecht- 
finden kann. Die schmucklosen Hefte, die sich in aller Bescheidenheit 
als schlichter Versuch gaben. Neues nach Form und Inhalt zu bieten, 
gehören in ihrer gesammten Anlage, ihrer vortrefflichen Gliederung in 
kurze, sinngemäß begrenzte Abschnitte, in der Reinheit des musikalischen 
Textes, der Sorgfalt und Sauberkeit der Ausführung bis ins Kleinste — 
zum Besten, was wir überhaupt an Notendrucken besitzen. Musik aus 
diesen Vorlagen gedächtnismäßig in sich aufzunehmen, etwa die G-dur 
Phantasie für Orgel von J. S. Bach, die zweite Novelette von Roh. 
Schumann, die Stimmungsbilder von Heinrich H o f m a n n oder die 
Reisebilder von Karg-Elert, schatft im Hinblick auf die bedeutend erleich- 
terte Aneignungsmöglicbkeit einen hohen geistigen Genuß; und die 
geschickte, sinnreiche Verwertung und Ausnützung der neuen Zeichen 
und Regeln gewährt dem Leser reines ästhetisches Vergnügen. Dennoch 
haben die Mey er-Lange'schen Notenausgaben vorerst nicht den 
Beifall gefunden, den sie erwarten durften und den sie verdient hätten. 
Die Ursache hievon ist in psychologischen Momenten zu suchen. Es 
ist eine kulturgeschichtlich erhärtete Tatsache, daß das vorwaltende 
Grundgesetz im Seelenleben der meisten Menschen das geistige Beharrungs- 



5. Nummer. Zeitschrift fdr das österreichische Blindenwesen. Seite 925. 

vormögen isl: .si(^ klohoii zäli am Liohtfcwoliiilcn. |Allli('i'<.,'el)i"iiclil('ii. imd 
koinmen sie ja in Uewoj^'ung, so laufen sie im gleiciien Geleise die 
(M'simalif,' eingeschlagene liahn auf und nieder. — Darum braucht eine 
neue Krlindinig, eine neue Entdeckung, eine neue Wahrheit, ein neu- 
artiges Kunstwerk — Zeit, viel Zeit, um die Widerstände? des ..ewig 
Gestrigen-* zu überwintlen und sich siegre'ch durclizus(!tzen. So war 
es von jeher und so wird es immer sein. Was aber für die tnenschlichc 
Natur im allgemeinen gilt, das gilt auch für die des Blinden im Beson- 
deren, ja noch mehr, der Blinde ist vorwiegend konservativ beanlagt: 
er paßt sich schwer und ungern geänderten Verhältnissen an, das 
Umlernen und Neuorientieren bereitet ilnn Mißbehagen. Gewiß, es gibt 
Ausnahmen, viele, glänzende Ausnahmen, aber diese bestätigen hier, 
wie immer und überall, die Kegel. Dies der eine Grund, warum die 
Steglitzer-Hefte keinen rechten Anklang fanden. Außerdem haben aber 
auch andere ,.menschliche, allzumenschliche'' Motive mitgespielt. Selbst- 
verständlich waren die beiden Keformatoren verstiunnt, daß die Musik- 
Konnnission ihre teilweise einander widerstreitenden PXindungen nicht 
in Bausch und Bogen und mit Haut und Haaren angenommen hatte. 
I'nd mancher andere Musiker mochte sich verletzt fühlen, daß er der 
Kommission nicht beigezogen worden war; so konnte es denn Herr 
X. N., Organist in X, und Herr Y, Pianist in Z absolut nicht verwinden, 
ilaß eine neue Notenschreibordnung ohne seine ausdrückliche Zustini- 
nunig zustande gekommen war. Es kam im Blindenfreund und in den 
Mitteilungen des Vereines der deutschredenden Blinden zu recht uner- 
(juicklichen Auseinandersetzungen, Verwahrungen und Protesten. Königl. 
Musikdirektor Meyer sah sich sogar zu einer Abwehr veranlaßt: sie 
war kühl und durchaus sachlich gehalten und im Übrigen, und das blieb 
die Hauptsache, ließ er seine Hefte weiter erscheinen. Schade nur, 
(laß die neue Notenschreil)ordnung in den übrigen deutschen Noten- 
Druckereien keine Gefolgschaft gefunden hat; dort blieb bisher alles 
beim Alten — mit vielleicht alleiniger Ausnahme der gegen früher 
wesentlich kürzer gewordenen Abschnitte. Wird man im Deutsch 1 and 
des Friedens das Gute und Praktische auch nur als gut und praktisch 
gelten lassen, — wenn es aus Paris oder London bezogen werden 
kann? — 

Das Tngewitter des Weltkrieges hat das Erscheinen der Hefte in 
neuer Notenschreib-Ordnung zwar gehemmt und erschwert, aber keines- 
wegs unterbrochen. Erst der unerl)ittliche Tod hat der Wirksamkeit 
Friedrich Meyers ein jähes, allzufrühes Ziel gesetzt. Nun ist die Hand 
erkaltet, die sich so redlich gemüht hat, den blinden Musikern Schönstes 
und Bestes darzureichen. Der Geist ist erloschen, der nimmer müde 
ward, im Dienste der Blindensache zu sinnen und zu schaffen, aber 
(las Andenken des treuen schlichten Mannes lebt und wirkt in seinen 
Schülern, lebt und wirkt vor allem in seinem Mitarbeite)' Franz L a nge. 
Fnd jeder Blinde, der am Werke ist, sich geistige Erhebung und ästhe- 
tisches Hochgefühl aus den einfachen braunen Heften zu holen, der 
wird ein stilles, dankbares Gedenken dem kgl. Musikdirektor Friedrich 
Meyer weihen, der in seinem Tun und Wirken, wemi auch in verhält- 
nismäßig engum/.irklem Bereich, deutsche Arbeitsfreude, deutsche Sach- 
kemUnis und Plliehttreue. mit einem Worte — deu t sc he G ed i egen h ei t 
— zu so hervorragend hoher untl reiner Leuchtkraft entwickelt hat. 



Seite 926. Zeitschrift für das österreichische Blindenwet-en. 5. Nummer. 

den ])linden Musiklehrcrn und Kunstjüngern zu Nutz und Frommen, — 
sich selbst, seinem Stande nnd seinem Volke zu dauernder Ehre! 



Fünfundzwanzigster Spiegel. 

Aus »Die Blinde« von K. R. Schmidt. 

Und heute weiß ich, daß mein Geist gesundet. 

Der Lebensrauscli, der mir ins Herze brach. 

ist starker, milder Heiterkeit gewichen, 

die reich mein ganzes Wesen überfließt 

wie Herbstesklarheit reife Sommerwelt. 

Als heut' ich leise mit dem Schicksal sprach, 

da wollt' ein Schatten in die Seele fallen: 

das harte Wort, das mich zum Wahnsinn riß, 

wuchs drohend auf — ich krampfte tief die Nägel 

ins Fenstersims und warf Gedankenwucht 

dem Feind entgegen, ihn zu töten — doch 

es stieg und stand auf meinen Lippen, und 

ich sprach das Wort — hinlauschend bang und schwer — 

und — sprach erstaunt es vv^ieder: Ich bin blind! 

P>mattet kam es von den Wänden wieder 

und sank entkräftet mir zu Füßen hin. 

Ich kann es hören ohne Grauen. Kann 

den dunklen Weg, der weit sich vor mir dehnt, 

durchtasten ohne Schmerz, mit stillem Lächeln. 

E4ns aber wächst nun riesengroß empor, 

die Sehnsucht wächst: Ich möchte heim! ja heim!! 

Personalnachrichten. 

— Infolge andauernder Erkrankung schied Hofrat Prof. Dr. 
Otto Bergmeister von seinem Posten als Augenarzt der n. ö. Landes- 
Rlindenanstalt in Purkersdorf. nachdem er diese Stelle mehr als i-0 Jahre 
inne hatte. Zu seinem Nachfolger wurde sein Sohn, Privatdozent Dr. 
Rudolf B ergmeister, bestellt. 



Hus den Hnstalten. 

— ßlindenfür so r geheim zu Kiagenturt. Feier. Am 8. April 
versammelten sich die Schützlinge des Blindenfürsorge-Vereines in Kärnten, die 
Heimzöglinge und die Kriegsblinden, in einem blumen^eschmückten Raumee des 
Männer-Blindenheimes, um ihren unermüdlichen Wohltätein, Herrn Obermedizinalrat 
Dr. Othmar Purtscher und seiner edlen Gemahlin, anläßlich der Feier ihrer silber- 
nen Hochzeit eine Ehrunn zu bereiten. Es war ein Herzenswunsch der Zöglinge, 
das hochverehrte Jubelpaar an diesem Tage in ihren Räumen begrüßen und ihre 
Glückwünsche persönlich daibringen zu können, uud sie haben auch alle Ursache, 
einen Feiertag im Leben ihres rrütii^ren Gönners warmfühlend mitzuerleben, denn 
seiner Fürsorge habjn sie lichtvolle Stunden zu verdanken. Die blinden Mädchen 
leiteten die interne F( irr mit einem festlichen Chore ein, hierauf richtete der Geschäfts- 
führer des Vereines, Fachlehrer Friedrich Jölly, eine warmempfundene Ansprache 
an das Jubelpaar, in wclchtr er demselben für das «jütige Erscheinen dankte und 
der herzlichsten Beglückwünschung Ausdruck gab. Mit lebhaften Worten würdigte 
er die Verdienste Hr. Obermedizinalrat Dr. Purtschers um den Verein für Blinden- 



5. Nummer. Zeitschrift (Ur das /isterreichischc Blindenwesen. Seite 927. 

füisorgc, deren Ehrenmitglied, Begründer und eifrigster Körderer er ist. Seine edle 
Persönlichkeit begnügt sich nicht mit der segensvollen Ausübung seines Berufes als 
ganz hervorragender Augenarzt — er hilft auch mit, wo die ärztliche Kunst ver- 
sagt, und lindert durch seine Fürsorge die Leiden der armen Lichtberaubten. Im 
Namen des Vereins-Ausschußes sprach Herr Direktor Hermann Preschern, im 
Namen aller Blinden noch ein Heimzögling filürku iinsche aus, worauf ein Chor die 
schöne Feier beschloß. 

— Blinden Versorgungshaus »Francisco-Josephinum« in 
Prag. Kiner der liebenswürdigsten und tatkräftigen Förderer des Hauses, Herr Hofrat 
Johann Rotky, verschied am 26. Februar 1917, nachdem er nur wenige Monate 
hindurch die Öbmannstelle des Direktoriums inne hatte und mit besondeier Umsicht 
und Energie ausfüllte. 

In der Sitzung vom 24. April 1917 wuiden Herr kais. Rat Johann Stüdl zum 
Obmann und Herr kais. Rat Karl Kleteschka zum Obmannstellvertreter gewählt. 

Am 1. Mai 1917 verschied der ehemalige Anstaltsverwalter Herr JosefSimbürger 
in seinen geliebten Tiroler Bergen. Der Dahingcj^angene hatte die Anstalt durch 
elf Jahre treu und mit seltener Hingabe geleitet. Den Pfleglingen war er ein fürsorg- 
licher Vater. Diese und seine Freunde betrauern ihn tief und werden ihn nie vergessen. 

Im Jahre 1917 wurde ebenso wie in den letzten Jahren an der unumgänglich 
notwendig gewordenen Maßn hme festgehalten, keine neuen PHt-glinge aufzunehmen. 
Es ergibt sich bei 9 Todesfällen ein Stand von 78 Personen gegen 87 Personen 
bei Jahresschluß 1916. 

Darunter sind 42'Dcutsche, 36 Tschechen, bezw. 72 Katholiken und 4 Israeliten 

Zu ganz besonderem Danke fühlt sich das Direktorium Herrn Inspektor 
Markup verpflichtet für seine Umsicht und Fürsorge um der Anstalt, insbesondere 
für seine Bemühungen bei Beschaffung der nötigsten Lebensmittel und Bedarfsartikel 
wie z. B. Kohle. Seiner rastlosen Arbeit ist es zuzuschreiben, daß der Betrieb der 
Anstalt trotz der allbekannten großen Verpflegsschwierigkeiten in vollem Umfange 
aufrecht erhalten werden konnte. 

In dankbarer Anerkennung hat das Direktorium in der Sitzung vom 30. Okto- 
ber 1917 beschlossen, Herrn Markup den Titel eines Direktors der Anstalt 
zu verleihen. 



flus den Vereinen. 

— Vollversammlung des Blindenfürsorgevereins für Tirol 
und Vor ar 1 be r g. Am 16. März fand unter guter Beteiligung die Vollversammlung 
des Blindenfürsorgevereines für Tirol und Vorailberg statt. 

Hofrat Dr. Hans Hausotter leitete dieselbe mit einer Begrüßung der Anwe- 
senden ein und hob speziell die ehrende Anwesenheit Sr. Exzellenz des Herrn 
Statthalters Graf von Meran und seiner hohen Frau Gemahlin und des Herrn 
Bürgermeisters Wilhelm Greil mit besonderm Dank hervor, hierauf erwähnte er 
mit tief empfundenen Worten den Abgang so mancher arbeitstüchtigen Mitglieder 
des nunmehr verwaisten Vereines. Die Krieg.sjahre haben überall herbe Wunden 
geschlagen, aber diesen Verein hatte das Schicksal schon ganz besonders schwer 
getroffen. Ein hervorragender, einflußreicher Helfer war der Vereinspräsident 
Landeshauptmann Dr. Theodor Freiherr von K a t h r e i n, dessen Verlust Dank 
seines besonders warmen Interesses für den Blindenfürsorge- Verein schwer zu ersetzen 
ist. Ferner der Gründer des Vereines, kais. Rat Franz Thurner, welcher mit 
weitschauendem Blick dem jungen Verein die Ziele gesteckt, das Blindenerziehungs- 
institut gegründet, die Bahnen gewiesen und seinem lieb.sten Sorgenkind bis zum 
letzten Atemzuge rastlos und unermüdet mit ganzer Kraft seine Tätigkeit gewidmet 
hat, sowie auch Frau Hofrätin Maria Hausotter, die mit mütterlicher Liehe sich 
der blind6n Kinder annahm und mit besonderem Eifer bemüht war, anläßlich der 
Weihnachtsbescherung die lauten und stillen Wünsche der armen Geschöpfe zu 
erfüllen und so ihnen einen Freudenstrahl ihn ihr lichtloses Leben zu bringen. Sie 
alle hat der Tod grausam entrissen und, wird einmal die Geschichte des Vereines 
geschrieben, so wird auch zu Tage kommen, welch unvergängliche Verdienste die 
edlen Verblichenen sich um den Verein erworben haben. Der Lauf der Zeit hat 
auch so manche treue Mitarbeiter entführt, die Protektorin, Exzellenz Gräfin von 



Seite 928. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

Toggenburg, weilt nunmehr in der Reichshauptstadt und ist daher nicht mehr 
in der Lage, das Protektorat fortzuführen, Univ. -Prof. Hofrat Dr. Stefan Bernheimer, 
Chefarzt an der Augenklinik der sich der ärztlichen Pflege und Untersuchung der 
blinden Kinder besonders annahm, ''olgte einem Ruf nach Wien; leider ist auch er 
vor einigen Tagen gestorben. Im Kriegsdienste steht dermalen der Präsident Stell- 
vertreter Hofrat Paul Freiherr von Sternbach, Landesauischuß, in russische 
Gefangenschaft geriet der Vereinskassier Oskar Hueber ; besonderen Dank verdient 
dessen Frau Gemahlin, welche durch ihre Angestellten das ganze Kassengeschäft 
in musterhafter Weise fortfuhren läßt. — In einfacher, aber sehr würdiger Weise 
wurde am 1. Dezember 1907 vormittags in Gegenwart des Erzherzog Eugen, der 
seit jeher das Fortschreiten der Blindensache in Tirol aufmerksam und fördernd 
verfolgte, die Eröffnung des zur Erinnerung an das 60jährige Regierungsjubiläum 
des Kaisers Franz Josef errichtete Blindenerziehungsinstitut gefeiert. Der unter dem 
Protektorat der damaligen Fiau Statthalterin, Albertine Freiin von S p i e gel f el d, 
und unter der Präsidentschaft des Landeshauptmannes, Herrenhausmitglied Dr .Theodor 
Freiherrn von K a t h r e i n stehende tirolisch und vorarlbergische Blindenfürsorg- Verein 
hatte damit einen großen Schritt vorwärts getan. Hervorragende Persönlichkeiten 
aus der Gesellschaft, dem Gelehrtenstande, aus den besten bürgerlichen Kreisen 
der Bevölkerung schlössen sich mit Interesse der Bewegung an, doch blieb der 
Gründer Franz T h u r n e r auf seine Arbeitskraft faßt allein angewiesen. 

Das Institut stand unter der Leitung des blinden Lehrers Oskar Troyer 
und seiner Frau und zählte sechs Zöglinge. Bis zum Jahre 1910/11 ist auch der 
erste Bürstenbinder, Matten- und Sesselflechterkurs entstanden und wurde zum 
Unterricht Werkmeister Lohschelder angestellt. Im Jahre 1913 wurde hochw. 
Pfarrer J. Vinatzer, der seit Gründung den Religionsunterricht leitet, als Direktor 
bestellt. Heute stehen als Lehrer und Lehrerinnen in Verwendung : Direktor : Pfarrer 
J. Vinatzer, Religionsunterricht; Leiter Oskar Trojer, Elementarunterjicht und 
Musik; Lehrerin Pauline FMladelfi, Elementarunterricht; Kindergärtnerin Maria 
M a i r, Fröbelarbeit und Handarbeit ; Werkmeister Heinrich Lohschelder, Bürsten- 
binder, Sessel- und Mattenflechten. 

Sämtliche Lehrer sind für den Blindenunterricht ordnungsmäßig geprüft, ihre 
Bezüge wurden im September verflossenen Jahres den jetzigen Verhältnissen ent- 
sprechend neu geregelt. Im Jahre l9l4 wurde der Anstalt das Bürstenmacher- Matten- 
qnd Sesselflechter-Gawerbe förmlich verliehen, sc daß die Zöglinge im Institut die 
3 Lehrjahre und das gesetzliche Gesellenjahr durchmachen können. Die Hauswirt- 
schaft besorgen seit 1912 Barmherzige Schwestern aus dem Mutterhaus in Zams 
mit bewährter Reinlichkeit und Ordnung, auch der jetzt sehr schwierigen Ernährungs- 
frage erwiesen sich die Schwestern gewachsen. Heute zählt das Institut 15 Zöglinge. 
Ausgeschult sind bereits 5 Knaben und 5 Mädchen, wovon Friedrich Longhi zur 
Ausbildung als Flötenvirtuos die Wiener Musikakademie besucht, Rusch, Dagen, 
Rech eis in ihrer Heimat Bürstenbinderwerkstätten errichtet haben und wird 
ihnen nach Möglichkeit das dazugehörige Material gegen Entgeld vom Institut zur 
Verfügung gestellt. 

Ein Mädchen wird daheim zur Wartung kleiner Kinder verwendet und hat 
nebenbei durch Stricken einen kleinen Nebenverdienst, hat auch Büistenbinden 
erlernt, doch übt sie es nicht aus, die anderen 4 Mädchen befassen sich mit weib- 
lichen Handarbeiten. 

Im Jahre 1912 wurde ein Baugrund angekauft, das Hauptverdienst bei diesen 
günstigen Ankauf geb ihrt wieder dem Vereinsgründer kaiserlichen Rat Franz T h u rn e r, 
auch mehrere Pläne sind entworfen, und war für Herbst 1914 die Grundsteinlegung 
in Aussicht genommen, der Krieg vereitelte damals das Vorhaben und ist somit 
die notwendige Erbauung eines eigenen Blinden-Institutes leider wieder in die 
Ferne gerückt. Die Erziehungsanstalt ist seit Errichtung in dem der Stadtgemeinde 
Innsbruck gehörenden sogenannten Egger- oder Leopardischlößl in Pradl für die 
heutigen Verhältnisse entsprechend untergebracht. Der Verein erfre t sich der 
allgemeinen Sympathie, Beweis dessen sind die verschiedenen großen und kleinen 
Spenden unl Zuwendungen wie aus nachfolgendem Rechnungsabschluß ersichtlich ist. 

Hierauf erstattete Landes-Rechnungsrat Albert Brunn er den Bericht über 
c|en Vermögens- und Kassenstand des Vereines : die Rechnung umfaßt den Zeitraum 
vom 1. Jänner 1910 bis 31. Dezember 1917 und ist das Rechnungsergebnis folgendes: 
Bargeld 6665 K 85 h, Wertpapiere und Sparbücher 209.040 K 12 h, Schuld an die 



5. NiimnKM. Zeitschrift Kir das östt-neichisrlie liliiideiiwc! en. Seite 929. 

Zentralbank der deutschen Sparkassen 9696 K, daher reines Vermögen am 31. De- 
zcmLer 1917: 2ü6.009 K 97 h. lunen Vcrmü^enszuwachs bildet der im Jahre 1912 
in Pradl angekaufte Grund für die Krrichtuni^' eines vollkommen zweckentsprechenden 
Institutes, der Kaufpreis betru}^ damals 31.664 K 50 h und ist bar erle^'t worden. 
Heute dürfte der Wert des Hau^rundes mit ,50.000 K nicht zu hoch j^egriffen sein, 
der Wert des Inventars kann mit 10.000 K angenommen werden, sodaß das Geamt- 
vermöaen mit linde 1917 sich rund auf 260.000 Kronen beläuft. 

Am 31. Dezember 1909 bezifferte sich das Vermögen an Bargeld und Wert- 
papieren auf 72.262 K 95 h, sodaß daher ein Vermögenszuwachs von rund 190.000 K 
sich er>.;ibt. Das Vermögen besteht allerdings zum gr<)ßten Teil in Wertpapieren 
und Sparbüchern. 

Der Ausfall an Bargeld ist wohl auch darauf zuiückzuführen, daß die Mitglieder- 
bewegung infolge der Kric-gs-Verhältnisse eine beträchtliche Einbuße eilitt und die 
Jahresbeiträge seit mclireren Jahren nicht mehr eingehoben worden sind. 

Zur Deckung der laufenden Auslagen im Rechnungs-Zi itraum standen dem 
Vereine zur Verfügung: der Barbestand am 31. Dezember 1909 von rund 52.423 K, 
an Jahres-Beitragen der Mitgleder rund 1450 K, die Zuwendungen des Tiroler 
Landesausschusses von zusammen 9200 K, an Spenden von Wohltätern 21.270 K, der 
Betrag pro 19l4 der k. k. Statthalterei von 2000 K, die Erträgnisse aus .Veran- 
staltungen von rund 11 500 K, Kostgeld für Plleglinge rund 3512 K, die Zinsen 
der Wertpapiere von rund 47.200 K, endlich der lulös aus dem Verkauf der Werkstatt- 
Erzeugnisse von rund 44.472 K, somit durchschnittlich eine jährliche Einnahme 
von rund 24.129 K. Die Ausgaben des Institutes betrugen in derselben Zeit, soweit 
die Ausscheidung des reinen Aufwandes für dasselbe mö::,'lich war, zusammen rund 
174.334 K, was einem Durchschnitts-Erfordernis von jährlich 21.792 K entsprechen 
würde. Das Durchsc'r.niLtsersparnis von jährlich rund 2340 K ist nur ein scheinbares 
und mußte für den Ankauf des Baugrundes aufgewendet werden. Die Schuld von 
9696 K ist durch Bareinlagen im Jahre 1918 bereits zurückgezahlt. 

Der Verein beteiligte sich auch an der Zeichnung der Kriegsanleihe und 
zwar: an der 1. österreichisch n Kriegsanleihe mit lO.OoO K, an der 3. mit 12.000 K, 
an der 5. 15.000 K und an der 6. mit 50.000 K. 

Der Vorstand dankte dem Berichterstatter im Namen des Vereines für die 
große Mühe, welcher er sich durch die Zusammenstellung der umfangreichen Rechnung 
unterzogen hat. Es wurden sodann über Antrag des Vorstandes von cer Versamm- 
lung drei Rechnungs-Kevisoren znr Überprüfung der Rechnung einstimmig gewählt, 
da es sich unmöglich erwies, die zahlreichen Belege noch während der Versamm- 
lung durchzusehen, und wiid das Ergebnis der Überprüfung einer neuerlichen Voll- 
versammlung zur Genehmigung unterbreitet werden. 

Zum Schluß wurde zur Neuwahl des Ausschusses getreten und übernahm in 
liebenswürdiger Weise ihre Exzellenz Frau Statthalter Gräfin von Meran, geb. 
Prinzessin Auersberg, k. u. k. Palastdame, das Protektorat; Herr Landeshaupt- 
mann von Tirol, Josef S ch ra ff 1, und Se. Exzellenz Landeshauptmann von Vorarl- 
berg, Adolf Rhomberg, Geheimer Rat und Henenhausmitglied, wurden zu Ehren- 
präsidenten ernannt. Der Ausschuß besteht aus: Präsident: Dr. Hans Hausotter, 
k. k. Hofrat und Landesschulinspektor. Präsident-Stellvertreter: Dr. Paul Freiherr 
von Sternbach k. k. Hofrat, Landesausschußmitglied, k. k. Lst. -Hauptmann; 
Philipp Freiherr von WM n k I e r, k. k. Hofiat. Geschäftsführer: Kais. Rat Karl 
Molinari, Bankier. Ausschußmitglieder: Baronin Agnes Fenn er von und zu 
Fennberg, Oberin des gräfl. Wolkenstcin'schen a'leligen Damenstiftes; Dr. Alois 
Hirn, Stadtarzt; Oskar H u e b e r, Kaufmann, k. k. Oberleutnant 1. d. R.; Frl. 
Josefine von Sold er, k. k. Übungsschullehrerin; Dr. Alfred Ritter von Wr e t s c h k o, 
k. k. Univ. -Professor; Albert Brunn er, Landesrechnungsrat; Dr. Friedrich von 
H erren s ch wan dt, Privatdozent, Univ.-Assistenz an der Augenklinik; Ernst 
Kiechl, k. k. Professor; Frau Hedwig Plattner; Dr. Karl Pusch, Rechtsanwalt; 
Frau kais. Rat Sophie Thurner; Hochw. Pfarrer Johann Vinatzer, Direktor des 
Blindeninstitutes; Heinrich G Schließer, Obermagistratsrat. 

Mit besonderer Freude wurde noch der Antrag begrüßt und angenommen, 
Exzellenz Frau Gräfin To ggenb u r g und den gioßen Wohltäter des Vereines 
C. L. Erdmann in Eggenberg bei Graz zu Ehrenmitgliedern des Vereines zu 
ernennen. 



Seite 930. Zeitschrift für das östereichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Landwirtschaft liehe Schule für Kriegsblinde in Temesvar. 
In den allernächsten Wochen wird in Temesvar (Ungarn) die erste ungarländische 
landwirtschaftliche Schule für Kriegserblindete eröffnet. Die Großindustriellen Brüder 
Prochaska schenkten für diese Zwecke ein in der nächsten Nähe liegendes 
Grundstück. Die auf demselben befindlichen Baulichkeiten werden gründlichst adap- 
tiert und mit einem Neubau ergänzt. Auf dem circa 6 Joch großen Grundstück wird 
Gemüse kultiviert werden. 

Die Kurse werden ein Jahr dauern; der theoretische und praktische Unter- 
richt wird von Fachleuten geleitet. Nach Absolvierung des Kurses erhalten die 
mittellosen Kriegsblinden im Heimatsorte eine eigene Heimstätte, d. h. Feld und 
Haus mit komplett eingerichteter Wirtschaft. 

Die Herren Oskar und Eduard Prochaska führen nicht nur die unter den 
heutigen Verhältnissen ungemein schwierigen Bauarbeiten selbst aus, sondern über- 
nahmen auch noch die große Arbeit der Einrichtung und Organisierung der Schule. 
Sie sind für die Sache von solcher Liebe erfüllt, bewältigen alles mit rastlosem 
Eifer und großem Geschick, so daß die Eröffnung der Schule bevorsteht. 

Nicht nur daß die genannten Stifter das schöne Giundstück mit allen Bau- 
lichkeiten Zwecken der Kriegsblinden schenkten, haben sie sog r für die Erhaltung 
der Schule für Jahre vorgesorgt, indem sie eine Sammlung einleiteten und dieselbe 
mit 40.000 Kronen eröffneten. 

Die Kriegsblindenfürsorge ist in Temesvar überhaupt sehr beachtenswert, 
denn auch anderen Berufen wurden Kriegserblindete zugeführt. Sie weisen 
als Trafikaten, Telephonisten, Fabriksarbeiter so schöne Erfolge auf, daß einige 
von ihnen heute schon nicht nur ihre Familien erhalten, sondern bereits über Er- 
sparnisse verfügen. A. W. 

— Kirchenkonzert zugunsten der Kriegsblinden. Der Pur- 
kersdorfer Männerchor veranstaltete im Verein mit einem Damenchor am 14. April l.J. 
in der Purkersdorfer Pfarrkirche eine Aufführung, deren Reinertrag (400 K) dem 
Kriegsblindenfonds zufloß. Die künstlerische Vollendung der Darbietungen ist vor 
allem das Verdienst des Dirigenten Heinrich S c h ö n y , der auch mit einigen fein- 
empfundenen Kompositionen verdiente Anerkennung fand. So namentlich mit einem 
»Gegrüßet seist du Maria,« das J. Stadelmeier mit warmer Eindringlichkeit sang. 
Von den ausgeglichenen Leistungen des Chores sei namentlich Schuberts »An die 
Nacht,« die »Sturmbeschwörung« von Dürrner und das prachtvoll gebrachte »Wir 
treten zum Beten« erwähnt. Unter den Solisten trat namentlich die junge Geigerin 
Frl. Mizzi Büllik hervor, die in einem Andante religioso herrliche Tongebung 
mit tief musikalischem Empfinden verriet. Zu nennen ist ferner die Leistung des 
Streichquartettes, das einen Satz aus einem Schubertquartett stimmungsvoll spielte. 
Der Tenor D. Kiesling schöpfte die lyrischen Schönheiten des »Ave Marias« von 
Kral voll aus. 

— Wohltätigkeitsaufführung. Am 7. April 1. J. wurde im Wiener 
Bürgertheater zugunsten der im Felde erblindeten Soldaten eine Aufführung ver- 
anstaltet, bei welcher unter Mitwirkung des Wiener Tonkünstierorchesters eine 
Erzählung von R. Benda: »Das Alte stürzt . . .« und ein Mahnruf »Pflicht« von 
demselben Verfasser, Musik von A. M. Wichtl, mit großem Beifalle vorgeführt 
wurden. Veranstalter war der »Deutsche Wehrausschuß.« 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende April l. J. 

— Neue Freie Presse: 1,272.168 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 3,566.946 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 320.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 85.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 32.000 K. 



Heraasgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenweseo in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürkleo, 
J. Kneis, A. r. Horr.ith, F. Uhl. — Druck Ton Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien, 



Verschiedenes. 

— Ein blinder deutsch-un^' arischer Dichter. Im Organ der Kar- 
pathendeutschen »Von der Heide« wird eines blinden Deutschun{/arn jjedacht, der 
seinerzeit eine hervorragende literarische Tätigkeit entwickelte. Es ist Dr. Gottfried 
Feidinger. In Tcmesvar geboren, erblindete er am linken Auge schon in der 
zweiten Woche. Das rechte Auge blieb so schwach, daß er beim hellsten Tageslicht 
kaum lesen konnte. Trotzdem studierte er, legte 1843 die Advokatenprüfung ab, 
waif sich dann auf das Studium der Philosophie und Literatur. An der Universität 
Halle erlangte er den Doktortitel. Unausgesetzt literarisch tätig, gründete er im 
Jahre 1851 die schöngeistige Zeitschrift »Euphrosine«, die sich der Mitarbeiterschaft 
Bauern fei ds, Gutzkows, J. N. Vogls u. a. bedeutender Dichter jener Zeit 
erfreute. Allerdings mußte der zu ideal .gesinnte Dichter sein Werk bald einstellen. 
Nach dem Ausgleich stand er im Preßbureau in Pest in Verwendung. 

Unter seinen lyrischen Schöpfungen werden namentlich seine Sonette geprie- 
sen. Er ist auch der erste Biograph Petöfis. Außer seiner literarischen Neigung 
leistete er beachtenswertes auf dem Gebiete der Musik und zeichnete sich als fein- 
sinniger Komponist aus. Leider sind seine Dichtungen bis heute nicht gesammelt. 
Doch verdient es der blinde Sänger, der Vergessenheit entrissen zu werden. 

Anfangs der neunziger Jahre starb er, nachdem ihm kurze Zeit vorher seine 
Gemahlin durch die Cholera entrissen worden war. W. 

— Die Blendung der Jagdfalken. Die Falkenzucht im deutschen 
Mittelalter, die uns Kaiser Friedrich II. in eingehender Weise geschildert hat, war 
sehr schwierig. Um dem scheuen Vogel für einige Zeit das Augenlicht zu rauben, 
schloßi man ihm die Augen, indem man an den unleren Augenlidern einen Faden 
befestigte und diese damit in die Höhe zog. Dem so geblendeten Tiere legte man 
kunstvolle Fessel an die Füße und gewöhnte es an die mit einem Lederhandschuh 
geschützte Hand. War die erste Scheu des Tieres überwunden, so wurden ihm all- 
mählich die Augen wieder geöffnet. 



Bücherschau. 

— Schmidt K. R. : Die Blinde (Stuttgart, Greiner und P fe i f fer). Die 
Dichtung sucht die Seelenqual einer bei der Geburt ihres Kindes erblindeten Frau 
lyrisch auszuschöpfen. Neben krassen Verzweiflungsausbrüchen finden sich'Töne der 
Ergebung und des Wiederfindens. Wir geben ein Bild aus dem Seelenspiegel der 
Blinden an anderer Stellew ieder. 



Briefkasten. 

— Zivilblinder. Sie beklagen sich, daß Sie auf dt n Umwege über Deutsch- 
land durch den »Blindenfreund« von der Errichtung einer österreichischen »Rohstoff- 
einkaufsstelle für Blinde« erfahren mußten. Dazu können wir Ihnen nur sagen, daß 
es uns ebenso gegangen ist, denn man scheint unser österreichisches Fachblatt an 
den betreffenden Stellen krampfhaft übersehen zu wollen. Trotzdem haben wir 
— auch nach dem »Blindenfreund« — eine kurze Notiz darüber gebracht, weil die 
Errichtung einer solchen Stelle von Interesse vor allem für unsere österreichischen 
Blinden schien. Auf Ihre Anfrage, wo sich eigentlich diese Rohstoffstelle befindet, 
da Sie nirgends ihre Adresse finden können, vermögen auch wir Ihnen nichts Be- 
stimmtes anzugeben und Sie müssen sich wohl an den »Kriegsblindenfonds im 
Ministerium für soziale Fürsorge in Wien« wenden. Ebensowenig können wir Ihnen 
sagen, welche Rohstoffe und in welcher Menge dieselben bereits erhältlich sind. Ihr 
Zweifel, ob solche wohl vorhanden sind, trotzdem die Rohstoftstelle bereits ein 
Statut, einen Ausschuß, eine Geschäftsleitung und Bedienstete besitzt, ist wohl iro- 
nisch gemeint. Sie können sich ja darüber durch eine direkte Anfrage Klarheit verschaffen 
Ihre Verwunderung, warum Zivilblinde die Rohstoffe »um 10 vom Hundert« teurer- 
zahlen sollen als Kriegsblinde, nachdem doch schon von diesen die Selbstkosten- 
preise verlangt werden, müssen wir allerdings teilen. Der Engländer sagt; »Geschäft 
ist Geschäft.« 



Bürklen Karl : Das Tastlesen der Blindenpunktschrift. 

Nebst Beiträgen zur Blindenpsychologie von P. Grasemann- 
Hamburg, L. Colin-Breslau, W. Stein berg. VII, 93 Seiten 

mit 6 Abbildungen im Text und 6 Tafeln, 
Leipzig, Barth, 1917 M 5.— 



== ^syl für blinde 3(inder == 

Wien, XVII., Hernaiser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorschulpflichtigen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung. 

Die „Zentralbibliotlieii für Blinde in Qsteppeicli", 

Wien XVIII, Währinger Gürtel 136, 

* verleiht ihre Bücher kostenlos an alle Blinden. 



Blinden-Unterstützungsverein 

„DIE PURKERSDORFER" 

Wien V., Nikolsdorfergasse 42. 

Zweck des Vereines: Unterstützung blinder Mit-- 
glieder. Arbeitsvermittlung tür Blinde. Erhaltung 
der Musikalien-Leihbibliothek. Telephon 10.071. 



Den blinde Modelleur' 



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des BHnden-Unlerstützungsvereines 
»Die Purkersdorfer« in Wien V., 
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VkJ Blinde unentgeltlich verliehen! iMJ 




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ii^Ciiti i 



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ZEITSCHRIFT 

FÜR DAS ÖSTERREICHISCHE 

BLINDENWESEN. 



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Organ des „Zentralvereines für das österreichische Blinden- 
— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



S ch r i f 1 1 e i t u n q 
Purkersdorf 
bei Wien. 
Österreich'sches 
Postsparkassen- 
konto ISr.132.257 



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Das Blatt ersdieint 
monatlich einmal. 

Verantwortlicher Leiter; 
Direktor Karl Bürklen. 



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Bezugspreis 


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ganzjährig mit 


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Postzustellung 


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4 Kronen, 


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Einzelnummer 
40 Heller. 


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5. Jahrgang. 



Wien, Juli 1918. 



7. Nummer. 



INHALT: S. Rbeles, Wien: Die kaufmännische Ausbildung der Kriegsblinden. 
Die Anwendung der Binet-Simon-Methode zur Intelligenzprüfung bei blinden 
Kindern. (Fortsetzung). Dr. Silex, Berlin: Kriegsblinde als flktenhefter. VI. 
Osterr. Blindenfürsorgetag (Blindenlehrertag) Wien 1918. Maria Rilke: Pont 
du Carrousel. Personalnachrichten. Aus den Anstalten. Aus den Vereinen. 
Für unsere Kriegsblinden. Verschiedenes. Mitteilung. (Altes und Neues. An- 
kündigungen). 



D 



D 



"^ Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VI!!, 
3^ Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. g 



D 



Altes und Neues. 

Das Ende einer deutschen Greueltat. (Wahrheit und Dichtung.) 

Wir dürfen annehmen, daß bis Friedensschluß so ziemlich alle 
erdichteten deutschen Greueltaten richtiggestellt sein werden. Als Bahn- 
brecher wirkt in dieser Richtung der auch bei uns geschätzte Dichter Anatole 
France, indem er nachwies, wie manche Flüchtlinge systematisch ange- 
halten werden, sich mit immer neuen Erzählungen von deutschen Greuel- 
taten in der Gunst der ihnen Barmherzigkeit erweisenden neuen Umgebung 
festzusetzen und das Mitleid mit ihnen wachzuhalten. Im Grunde haben 
sie nichts erlebt, die Deutschen überhaupt nicht zu Gesicht bekommen, 
aber damit läßt sich natürHch das Herz eines französischen Bürgers 
nicht erweichen. Erst wenn weidHch auf die unmenschlichen und rohen 
»Boches« geschimpft werden kann, öffnen sich die Portemonnaies. Nun 
liefert der »L' Oeuvre« (vom 19. Mai 1918) einen neuen Beleg für die 
Glaubwürdigkeit, die den eidlich erhärteten deutschen Greueltaten bei- 
zumessen ist. Im »Phare de Nantes« hatte sich ein mit vollem Namen 
hervortretender französischer Deputierter dafür verbürgt, daß ein deut- 
scher Stabsarzt eine Honorierung für geburtsärztliche Hilfe bei einer 
französischen Dame mit den Worten abgelehnt hatte : 

»Ich habe mich schon selbst bezahlt gemacht. Ihr Sohn, Madame, 
wird kein Soldat werden! Ich habe dafür gesorgt, daß er blind zur 
Welt kommt.« 

Das hatte einen Entrüstungsschrei in der französischen Presse 
ausgelöst, die nicht verfehlt hatte, die Schauergeschichte zu Propaganda- 
zwecken auszuschlachten. Leiderjnur hat sich nachträglich herausgestellt, 
daß dieselbe Geschichte mit ganz den gleichen Worten in dem Roman: 
»Französische Herzen, englische Gewissen !« von M. J. Henouard erzählt 
ist und der Autor hat nicht in Abrede stellen können, daß er den 
Vorfall frei erfunden habe. Die Franzosen aber stehen zum erstenmal 
starr, daß einer ihrer Parlamentarier es beschwören konnte, das blinde 
Kind, die unglückliche Mutter und das Monstrum von einem Arzt zu 
kennen, die nirgends anders als in der Phantasie eines unbekannten 
Dichterlings bestanden haben. Sie wissen noch nicht, wie viele Mein- 
eide auf deutsche Greueltateu geschworen wurden. 

Blinde Ruderknechte. 
In dem interessanten Buch des Legationssekretärs Dr. von Heutig 
»Meine Diplomatenfahrt ins verschlossene Land« finden wir folgende 
Tatsache erwähnt. Der Verfasser, der im Kriegsjahr 1915 die äußerst 
Gefahrvolle Reise nach Persien, Afghanistan und China unternahm, 
fuhr am Euphrat von den Bergen Armeniens im Boote bis Bagdad. Er 
erzählt : »Unsere blinde Schiffsmannschaft — blind wie die meisten 
Araber am Euphrat, infolge epidemischer Augenkrankheit — ruderte 
mit bewundernswerten Fleiß täglich hundertzehn Kilometer, von 4 Uhr 
morgens bis 12 Uhr mittags. Dann trieb gewöhnlich daß Floß, während 
der heißen Mittagstunden nur von dem einäugigen Steuermann gesteuert. 
Wie leblos fielen die blinden Ruderer auf ihren Bänken zusammen 
und versanken in tiefen Schlaf. Des Nachts wurde Mannschaft und 
Passagieren eine kurze Nacht- und Dachruhe gewährt.« 




5. Jahrgang. Wien, Juli 1918. 7. Nunnmer. 



3S »Dies ist die neue Barmherzigkeit: nicht nur Schwache ^ 

® SS 

JS erhalten, nicht nur augenblicklich helfen von Mensch zu Mensch, ^ 

^ iSi 

J» sondern die Schwachen stärken, den blinden Kriegsinvaliden äS 

^ ^ 

S* nicht mit Geschenken notdürftig am Leben erhalten, sondern ^ 

5S ihn, wie all alle anderen Schwachen auch, durch eine vernünf- ei 

» tige 'Wohltat, die sich mit ganzem Gemüt in seine Lage ver- ^ 

^ senkt hat, wieder zu neuem Leben und Schaffen erwecken.« ä» 

^ H Ostwald. g 



Die kaufmännische Ausbildung der 
Kriegsblinden. 

Von Präfekt S. Abel es, Wien. 

Es ist ein bei Erwachsenen selbstverständlicher Zug, nach sozialer 
Selbständigkeit zu streben. Daher werden nur wenige Kriegsblinde 
nach der Entlassung aus der Blindenanstalt ihr Brot als Arbeiter oder 
sonstige Angestellte verdienen. Die meisten wollen und sollen vielmehr 
ihre eigenen und diesen verwandte Erzeugnisse selbst vertreiben und 
mancher wird außerdem ein konzessioniertes Gewerbe zu führen haben. 
Das dringende Gebot, einem großen Teil der Krieg.sblinden eine, wenn 
auch noch so bescheidene kaufmännische Bildung zu vermitteln, ist 
daher bald erkannt worden. 

Bei den vielen Kriegsblinden, deren Schulbildung oder deren 
Kenntnis der deutschen Sprache vieles zu wünschen übrig läßt, muß 
der entsprechende Unterrieht in Form von Rechtschreib- und Stilübungen 
schon bei der Unterweisung in Punkt- und Alaschinschreiben einsetzen. 
Hierauf folgen Übungen im Briefstil und einfaches, auf praktischen 
Beispielen fußendes Rechnen mit und ohne Hilfe der Rechentafel und 
mit besonderer Berücksichtigung aller erprobten Kopfrechenvorteile. 
Als unser Ziel «mU es aber, dem Blinden durch die Kenntnis einer für 



Seite 956 Zeitschrift für das österreichische BlindenweLen. 7. Nummer. 

ihn leichten und praktischen Buchführung ein Mittel an die Hand zu 
geben, seine laufenden Geschäfte, seine Schuldenverhältnisse, Gewinn 
und Verlust, sowie seinen gesamten Vermögensstand überprüfen zu 
können. Selbst der ehemalige Buchhalter hat hier ein wenig zu lernen, 
da es, wenn wir uns mit der üblichen Punktschrifttafel begnügen wollen, 
unmöglich ist, die Buchhaltung der Sehenden ohne besondere Anpassung 
zu übernehmen. 

Der Buchhaltungsunterricht setzt aber zumindest Vertrautheit mit 
der Braille'schen Vollschrift und die Kenntnisse des eben angeführten 
vorbereitenden Unterrichts voraus. Selbst wenn, wie es in berück- 
sichtigenswerten Fällen geschieht, die von der Militärverwaltung im 
Prinzip zugebilligte Ausbildungszeit erheblich überschritten wird, kann 
infolgedessen der Buchhaltungsunterricht erst im letzten Viertel der 
Gesamtausbildung mit Aussicht auf Erfolg begonnen werden. Auch 
innerhalb dieser kurzen Frist darf er nur wenige Lehrstunden der Woche 
in Beschlag nehmen, da zumeist gleichzeitig die Erlernung des Hand- 
werkes, eines Musikinstrumentes, sowie die Übungen in Kurz-, Flach- 
und Maschinschrift fortgesetzt werden. 

Jedoch nicht nur Zeitmangel und Furcht vor Überbelastung der 
Lernenden, vor allem auch die Rücksicht auf deren meist geringfügige 
spezielle Vorbildung macht es notwendig, die übliche einfache Buch- 
haltung, soweit dies ihrer Verwertbarkeit keinen Eintrag tut, noch zu 
vereinfachen. Da die Bücher nur dem Schreibenden selbst dienen sollen 
und eine Buchhaltung, deren Zitfern jederzeit durch Hinzufügung eines 
Punktes gefälscht werden können, niemals gesetzlich anerkannt werden 
wird, ist dem Lehrer bei diesen Vereinfachungen und Änderungen kein 
allzuenger Spielraum gewährt. Vor allem kann er den bekannten schie- 
fen Strich, die sogenannte Buchnase, der spätere Eintragungen unmög- 
lich machen soll und dessen Ausführung jedenfalls umständlich wäre, 
unterlassen. Infolge der geringen Zellenzahl der gewöhnlichen Tafel 
muß auch auf die zweite Ziffernkolone und auf eine besondere Rubrik 
für den Hinweis auf die entsprechende Eintragung in einem anderen 
Buche verzichtet werden. Diesen Hinweis fügen wir, in Klammer gesetzt 
dem Buchungstexte hinzu. 

Da zu Beginn des Unterrichtskurses, aus dessen Lehrgang ich 
hier einiges hervorheben will, noch kein Schüler die Kurzschrift voll- 
kommen beherrschte, mußten die auch bei Eintragungen in Vollschrift 
unerläßlichen Kürzungen als Vorübung durchgenommen werden. Es ist 
dies die Kurzschreibung für Daten, benannte Zahlen, Dezimal und 
gemeine Brüche, das Prozentzeichen, das Zeichen ,.bis" (Bindestrich) 
in Zahl und Zeiträumen und „zu" als Ersatz des französischen ä. Auch 
das schriftliche Addieren mußte geübt werden. Die Schwierigkeit, die 
sich daraus ergibt, daß die Rechenoperation nicht auf der Schreibseite 
vollzogen werden kann, behoben wir einfach dadurch, daß wir die 
Summe auf ein beliebiges Blättchen vermerkten und hernach auf das 
wieder eingespannte Blatt eintrugen. Schon jetzt wurde auf die Ein- 
haltung der Ziffernkolone geachtet, so daß in der ersten und zweiten 
Zelle von links die Einer und Zehner der Heller, in der vierten inklu- 
sive siebenten Zelle die Einer bis Tausender der Kronen geschrieben 
und die dritte Zelle als Spatium belassen wurde. Hier machte ich auch 



7. Niimmci. Zeitschrift Kii das r)sterreichisch(; Blindcnwcsen. Seite 957. 

nufnKM'ksaiii. daß die /irrciii hei den Daten und tU'V Wertangabo durch 
ilii-(> al»,u('sond('i'l('. ITir iiiinicr lixicrlc SUdhiii;,', hei dcüi cvciilucll aii.i^'c- 
lülirlcn SlückprciscM. dm-cli das Wörlclieii zu (ä) j,aMiüg(3iid <,'okomiz('it'li- 
MC't soion und wir daher in diesen Fällen kein Ziffernzeichen schreiben 
nuiüleii. Auch s|)annton wir zwischen die achte und neunte Zelle von 
links, niittcis zweier Klammern, die wir an den oberen und inileren 
Hand der HraiMelafel heresii^ten, einen dünnen Draht, um zu verhindern, 
ilal.i DuchslaJjen des Textes in den Kaum der Zahlen geschrieben würden. 

Bei der kurzen theoretischen Erläuterung des Wesens und Zwecks 
der Ikielihallung. der Erklärung ihrer wichtigeren Begriffe und während 
(h'r niündlichen Übung des Gel)rauches von ,.Soll und Ilaben-', welche 
mm b)lgten, mußte ich des Tauschgeschäftes (Ware gegen Wechsel 
otler Münze) kaum Erwähnung tun und Geschäfte der Banken konnte 
ich v(")llig außer acht lassen. Die Vertrautheit mit dem Ziele der Kriegs- 
l)linden und mit den Möglichkeiten, die ihnen die Zukunft bietet, gewährt 
nämlich den Vorteil, nicht wie bei den Handelsschülern, welche einst 
in den verschiedenartigsten Betrieben arbeiten sollen, alle erdenklichen 
Geschäftsfälle des Gewerbes, des Handels und der Bank durcharbeiten 
zu müssen. Dadurch, daß wir fast ausschließlich die Führung einer 
kleiner Werkstätte, verbunden mit kleinem Detailgeschäft, vor Augen 
liatten und uns allen Geschäftseinrichtung, Waren und Preise mehr 
oder weniger bekannt waren, verlor unser Unterricht auch das Abstrakte, 
das sich sonst im Reiche der Zahlen so leicht geltend macht. 

Wir benötigten selbstverständlich für die Veränderungen unseres 
liarstandes ein Kassabuch, für die Geschäfte auf Ziel, welche selbst 
im kleinsten Betrieb, zumindest beim Einkauf vorkommen, ein Haupt- 
l)uch; dagegen konnten wir auf das Journal verzichten, da wir bezüg- 
lich unserer wenigen Tausch- und Zielgeschäfte mit den Eintragungen 
im Hauptbuch unser Auslangen linden konnten. In unserm Detailgeschäft 
benötigten wir aber ein Buch, in welches jede kleine Einnahme oder 
Ausgabe eingetragen wird und das man allabendlich abschließt. Diesem 
sogenannten ,.Schmierbuch-' der Geschäftsleute widmeten wir nicht 
geringere Sorgfalt als den anderen Büchern. 

Um allzuviele Wiederholungen zu vermeiden, nahmen wir die 
Eröffnung unseres Betriebes im August an. Es war, dem Berufe der 
Mehrzahl der Schüler entsprechend, ein Bürstengeschäft. Einrichtung, 
einige fertige Waren und etwas Material wurden als bereits vorhanden 
angenommen. 

Es bereitete den Kriegsblinden sichtlich Vergnügen, das Inventar 
selbst zu verfas.sen: heimlich gehegte Wünsche waren es, die hier zum 
Ausdruck kamen. Nur das Barvermögen und den einzigen Passivj)osten. 
eine Schuld von K 800 für fertige Ware habe ich genannt. Mittels 
einiger Geschäftskataloge vermochte ich ungefähr richtige XVer-te für 
vorliandene Ware, Fabrikationsmaterial, Werkzeuge und Mobilien einzu- 
setzen. Um das erste Inventar möglichst einfach zu gestalten, führte 
ich keine Immobilien, keine Schuldner, nur einen Gläubiger und selbst- 
verständlich keine Elfekten, Wechsel u. a. an. Wir wichen in diesem 
engen Rahmen kaum wo von der gewohnten Schablone des paginierten 
Inventars ab; nur daß wir nicht 2 Zahlenkolonnen führten, sondern 
die Summe der Detailkolone unter dieser in der Textrubrik in Klammer 



Seite 958. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

setzten. Der Abschluß dieses ersten Inventars, die Feststellung des Rein- 
vermögens durch Abzug der Passiva von den Aktiven, ist so einfach 
und klar, daß er den schwierigeren Abschluß der andern Bücher aufs 
beste vorbereitet. 

Für unser „Tageskassabuch" wählten wir die Form von Tages- 
zetteln und zwar je ein Zettel für Einnahme und Ausgabe, welclie. 
nach Datum geordnet, in 2 Mappen aufbewahrt werden sollen. Über 
die Kopflinie, welche wir mittels der Punktreihe 2, 5 stachen, schrieben 
wir das Tagesdatum, „Einnahme" („Ausgabe"), in der 2. Zelle von 
links die Kürzung für Heller, in der 5. links, die für Kronen. Die ein- 
fache Aufzählung der verkauften oder gekauften Gegenstände bildet 
den Buchungstext und täglich werden Einnahme und Ausgabe bilanziert. 
Ein Übertrag wird am nächsten Tag nicht gemacht. Ich riet den Blin- 
den, bei praktischer Ausübung täglich eine bestimmte Summe Wechsel- 
geldes, welches nicht mitgezählt wird, in die Kasse zu geben. 

Hieran schloß sich eine praktsche Übung. Wir gaben für die 
Einnahmen eines Tages tatsächlich Geld in eine Schachtel und entnahmen 
ihr die Ausgaben. Beim Kassaschluß wurde nun zuerst die vorhandene 
Geldsumme gezählt und erst dann subtrahierten wir im Buche die 
Ausgaben von den Einnahmen. Der Rest mußte nun, nachdem wir vom 
Kassastand das Wechselgeld abgezogen hatten, mit ersterem überein- 
stimmen. 

Das Hauptkassabuch wurde von uns in^ein Einnahme- und ein 
Ausgabebuch geteilt. Mit größter Regelmäßigkeit, nämlich am 10. 20. 
und am letzten Tag jedes Monats buchten wir die Summe der Ein- 
nahmen und die der Ausgaben des Detailgeschäftes. Sowohl in diesem 
Buch wie im Hauptbuch wurden das etwas zopfige „an" oder „für an" 
bei den Einnahmeposten und „per" bei den Ausgabeposten weggelassen. 
Auch Wörter wie „gekauft", ,. verkauft", „bezahlt" u. ä. waren ent- 
behrlich, da aus dem Kopftitel der Buchseite auch für den schwächsten 
Schüler klar genug hervorgehen mußte, ob es sich uni einen Soll oder 
Habenposten handle. 

Das Hauptbuch haben wir foliiert geführt. Es war manchem Kriegs- 
blinden nicht leicht, die Eigenart dieses Buches zu erfassen, die uns 
der Notwendigkeit enthebt, je ein Buch für Käufer und Verkäufer zu 
führen. Als wir dann übten, Rechnungen auszuziehen, zeigte sich aber, 
daß sich bei allen bereits das Verständnis für Zweck und Handhabung 
des Hauptbuches erschlossen hatte. Auch legten wir einen alphabetischen 
Index an. 

Ein Inventar, aufgenommen am 1. Jänner, das zeigte, was das 
verflossene Geschäftsjahr an Gewinn und Verlust gebracht hatte, schloß 
unsern Lehrgang ab. Dieser dürfte dem Blinden die Buchhaltung über- 
sichtlich genug gestalten und den Bedürfnissen eines kleinen Geschäfts- 
mannes vollauf entsprechen. 

Ob ich nun der Meinung bin, daß die Blinden tatsächlich ihre 
Bücher selbst führen werden? Einzelne Fälle dürften jedem, der mit 
berufstätigen Blinden verkehrt, bekannt sein. Meist werden sie aber 
nur einen bestimmten Teil der Buchführung ihres Geschäftes über- 
nehmen. Uns kann es schon genügen, den Blinden befähigt zu haben, 
stets, wenn auch vielleicht nur stichprobenweise, Kontrolle über alle 
Vorgänge zu üben, die auf sein Soll und Haben unmittelbar einwirken. 



7. Nummer. Zeitschrift f(ir das österreichische Bliiideiiweien. Seite 950. 

Die Anwendung der Binet-Simon-Methode zur Intelligenzprüfung 

bei blinden Kindern. 

(Fortsetzung). 

Anleitung zur A u s f ü li r u n g der Prüfungen. 

3 J. a. W r t V e r s t ä n d n i s. 

Ausführung: Man fordert das Kind auf: „Zeige mif doi- Hand 
deinen Mund — deine Oiiren — deine Nase/' Das Kind muß ausnahms- 
los richtig reagieren. 

(Verändert nach ßo.) 

8 J. b. Satz mit 6 Silben nachsprechen. 

Ausführung: Bei Kindern im schulpflichtigen Alter genügt es, 
zu sagen: ..Sprich genau nach, was ich dir jetzt vorsprechen werde;-' 
hei jüngeren Kindern wecke man das Verständnis, indem man zuerst 
einzelne Worte nachsprechen läßt. Man muß langsam und absolut deut- 
lich sprechen, in Tischbreite vor dem Kind und ihm zugewendet. Auf 
höheren Altersstufen fange man mit etwas kürzeren Sätzen an, als der 
in Betracht kommenden Altersstufe entspricht. 

Das Kind soll immer wenigstens einen von den zwei Sätzen 
mit gleicher Silbenanzahl richtig wiedergeben. 

Siehe die Fortsetzungen 5 J. b, 6 J. b, 10 J. b! 

Beispiele von Sätzen mit verschiedener Silbenzahl; 

6 S. Ich habe einen Hund. 
Ich bin ein gutes Kind. 

8 S. Ich sitze auf einem Stuhle. 
Mein Bruder ist fortgegangen. 

10 S. Ich wohne in einem großen Hause. 

Ich gehe heute zu meiner Mutter. 
12 S. Ich werde morgen meinen Vater besuchen. 

Ich habe mir einen neuen Anzug gekauft. 
1 i S. Wir haben unsere Schularbeiten noch nicht gemacht. 

Wir wollen dann zusammen ein Stück spazieren gehen. 
10 S. Ich habe meinem Bruder gesagt, daß er mich besuchen soll. 

Wenn wir unsere Arbeit gemacht haben, dürfen wir spielen. 
18 S, Meine Mutter hat viele Besorgungen in der Stadt machen müssen. 

Als Fritz heute fortgehen wollte, kamen seine Eltern zu ihm. 
20 S. Mein Bruder hat mir einen Brief geschrieben, den ich noch nicht 

gelesen habe. 

Onkel und Tante haben eine Reise gemacht, die viel Geld ge- 
kostet hat. 

22 S. Wenn ich am Abend schlafen gehe, bete ich vorher immer mein 
Abendgebet. 

Wenn du artig gewesen bist, werde ich dir eine schöne Geschichte 
erzählen. 

21-. S. Ich habe meiner ältesten Schwester geschrieben, daß ich sie 
nächstes Jahr besuchen werde. 



Seite 960. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Wenn es morgen schönes Wetter ist, werde ich mit meiner 
Mutter einen Spaziergang machen. 
26 S. Gestern Abend traf mein Vater einen alten Belvannten, den er 
schon lange nicht gesehen hatte. 

Heute Nachmittag werde ich die Briefe absenden, die ich an 
meine Freunde geschrieben habe. 
(Unverändert nach Bo. Kleine Änderungen an den Sätzen.) 

3 J. c. 2 Zahlen nachsprechen. 

Ausführung: Man sagt dem Kinde, daß man ihm jetzt ein paar 
Zahlen vorsprechen werde, die es ganz genau nachsprechen soll: 
eventuell erläutert man es: „Wenn ich sage 7, sollst du auch sagen 7. 
Wenn ich sage 3 — 2, so sollst du auch sagen 3 — 2." Man versichere 
sich, daß das Kind ganz still sitzt und gut aufpaßt. Das Vorsprechen 
soll mit einer Geschwindigkeit von zwei Zahlen pro Sekunde und 
ohne Rhytmus geschehen, natürlich so deutlich wie möglich. Bei jeder 
irgend erheblichen Störung wird der Versuch ungültig und es muß 
eine andere Reihe vorgesprochen werden; ein mehrmaliges Vorsprechen 
derselben Reihe ist unzulässig. Es empfiehlt sich, jedesmal zu fragen: 
,.Hast du die Zahlen richtig nachgesprochen? War"s richtig?" bezw. 
vor dem Versuch die allgemeine Instruktion zu geben. 

Siehe Fortsetzungen die 4 J. c. 5 J. c, 7 J. c, 10 J. c! 

Wird eine höhere AS geprüft, so beginne man mit zwei Reihen 
die um zwei Zahlen kürzer sind als diejenigen, die man auf der betref- 
fenden AS erwarten kann. 

Die Versuche werden solange fortgesetzt, bis von drei Reihen, 
gleicher Länge keine einzige mehr richtig wiederholt wird. 

Beispiele von Zahlenreihen: 

2 Z. 6 4 5 Z. 5 19 4 2 

3 7 6 4 8 5 3 

8 1 9 3 7 18 

3 Z. 7 1 4 6 Z. 2 5 8 4 1 

286 573916 

539 095827 

4 Z. 3681 7 Z, 9640518 

2964 7384261 

8527 5928037 

(Unverändert nach B o.) 

3 J. d. Familiennamen angeben. 

Ausführung: Man fragt das Kind: „Wie heißt du?" Antworlel 
es mit dem Vornamen, so fragt man nach dem Familiennamen: „Wie 
noch? „oder „Wie son.st noch?" 

(Unverändert nach Bo.) 

3 J. e. Rund und eckig unterscheiden. 

Ausführung: Man gibt dem Kinde einen Würfel (3 cm Höhe) 
aus Holz in die linke, dann eine Kugel (4 cm Durchmesser) aus Holz 
in die rechte Hand. Dann fragt man: „Welches Ding ist rund? Zeige 
mir das runde Ding! Zeige mir das eckige Ding!" 



7. Nummer. Zeitsclnift fiii das ösleneichische Blindenvvescn. Seite 961. 

(N(>u VOM niirkicii an Stolle von „iiild (Aurzäiiluiijj;)" 

4 J. a. (icgcMi sl ä lul ü benennen. 

Ausführung: Man legt dem Kinde drei bekannte Gegenstände 
(Seblüssel, Taschenuhr, Zweihellerstiiek) in die Hand und fragt Jedesniai : 
..Was ist das?", worauf das Kind sofort ausnahmslos richtig reagieren 
MuiM. Kleine Irrtümmer, wie z. H. „Heller" statt ,.Zweiheller," 
werden dabei nicht beachtet; es genügt, wenn das Kind die Gattungs- 
namen der Dinge richtig angibt. 

(Verändert nach Ho:) 

1- .J. b. Länge zweier Stäbchen vergleichen. 

.Vusführung: Man gibt dem Kinde zwei Holzstäbchen ((> und 
;i cm lang. 4 mm stark) in die linke Hand und fragt: „Welches von 
den beiden Stäbchen ist das längere"? Zeig es mir! Welches ist das 
kürzere?"' Das Kind soll nach kurzer Zeit richtig reagieren. 

(Verändert nach Bo.) 

4 J. c. 3 Zahlen nachsprechen. 
Ausführung: Siehe 3 J. c! 
(Unverändert nach Bo,) 

i J. d. 2 Gewichte vergleichen. 

Ausführung: Auf den niederen AS nimmt man erst das leich- 
teste und zweitschwerste, dann das zweitleichteste und schwerste 
Kästchen, stellt sie vor das Kind auf den Tisch, legt dessen Hände 
darauf und läßt die Kästchen betasten, während man spricht: ,.Hier 
hast du zwei Kästchen. Das eine ist so groß wie das andere; das eine 
aber ist schwerer, das andere ist leichter. Hebe mit einer Hand das 
erste Kästchen auf. dann (mit derselben Hand) das zweite! Welches 
ist schwerer? Gib mir das schwerere Kästchen!" 

Man wiederholt den Versuch mehrmals, indem man das schwerere 
Kästchen bald rechts, bald links hinstellt, bis jeder Zweifel an der 
Richtigkeit des Urteils oder dem Unvermögen des Kindes beseitigt ist. 

(Verändert nach Bo.) 

4 J. e. Geschlecht angeben, 

Ausführung: Man fragt: ,.Bist du ein Bub (Junge) oder ein 
Mädel?" Man darf sich nicht mit der Antwort „ja" oder ..nein" begnügen. 
(Unverändert nach Bo.) 

f) J. a. Begriffe erklären, (Zweckangabe) 

Ausführung: Man läßt „Gabel, Stuhl, Puppe, Pferd, Soldat" 
erklären, indem man fragt: „Was ist eine Gabel?" (Wäre nicht besser 
die Frage: ..Wozu ist (dient) eine Gabel?" usw.) Findet das Kind von 
selbst keine Erklärung, so hilft man zu Anfang nach: „Eine Gabel ist 
zum — — ?" Auf der AS 5 Jahre sollen die Kinder imstande sein, 
entweder spontan oder mit einmaliger Nachhilfe Zweckangaben zu 
finden. Auch Beschreibungen und StolTangaben gelten als richtig. 

Von den fünf Aufgaben müssen mindestens drei gut sein. 



Seite 962. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

(Unverändert nach Bo.) 

5 J. b. Satz mit 10 Silben nachsprchen. 
Ausführung: Siehe 3 J. b! 
(Unverändert nach Bo.) 

5 J. c. 4 Zahlen nachsprechen. 
Ausführung: Siehe 3 J. c! 
(Unverändert nach Bo.) 

5 J. d. 2 Figuren ins Formen breit einpassen. 

Ausführung: Das Formenbrett (20/15 cm), in dem sich links 
eine vertiefte Kreisfläche (6 cm Durchmesser) und rechts eine vertiefte 

Quadratfläche (auf der Spitze ste- 
hend, 6 cm Diagonalhöhe) befinden, 
wird vorgelegt und von dem Kind 
betastet. Man sagt dabei: „Du findest 
auf dem Brett etwas Rundes (Greife 
hinein!) und etwas Eckiges, eine 
runde Fläche und eine eckige Flä- 
che! Hier hast du zwei Brettchen, 
die da genau hineinpassen. Lege 
sie in die Vertiefungen (Löcher), 
wo sie hineingehören!" 

Die Zeit hiezu, welche 2 Mi- 
nuten nicht überschreiten soll, ist zu messen. 

(Neu von Bürklen (nach Goddard). 

5 J. e. 4 Knöpfe abzählen. 

Ausführung: 4 Knöpfe (3 cm Durchmesser, Rand abgerundet, 
sonst glatt) werden dem Kind in die rechte Hand gelegt, indem man 
sagt: ,.Hier hast du mehrere Knöpfe. Sage mir, wieviele es sind. Du 
mußt jeden zeigen und dann auf den Tisch legen. Also los!*' 

Das bloße Hersagen der Zahlen bis 4 genügt nicht; es muß bei 
jeder Zahl der zugehörige Knopf gezeigt und • auf den Tisch gelegt 
werden und zwar soll dies beim ersten Versuch gelingen. 

(Verändert nach B o.) 

6 J. a. Figur z u s a m m e n. 

Ausführung: Man legt dein Kind ein rechteckiges Brettchen 
(7 ^I^Jb cm) in der Breitenlage hin und läßt es ohne Veränderung der 
Lage betasten, mit den Worten: „Hier ist ein viereckiges Brettchen. 
Betrachte es!" Dann legt man unterhalb des rechteckigen Brettchens 
die zwei Dreiecke auf den Tisch, so daß sie, einige cm voneinander 
entfernt, sich die rechten Winkel zukehren, legt die Hände des Kindes 




Nummer. 



Zeilschiifl für das österreichische Hlindenwesen. 



Seite 963. 




darauf und sagt: „Jetzt sollst du diese 
beiden Stücke hier so zusammenlegen, so 
nebeneinander oder aneinander legen, 
daß sie dann zusammen genau so sind 
wie das viereckige Brettchen, Du mußt 
die beiden Stücke auf dem Tische ein 
bischen hin und herschieben und solange 
versuchen, bis es geht!" 

Eventuell wiederhole man die Auf- 
gabe noch einmal ; wird dann die Lösung 
in 1 Minute nicht gefunden, so gilt der 
Test als nicht gelöst. Man achte darauf, 
daß das Kind seine Arme ,und Hände 
bequem auf dem Tisch bewegen kann. 
Wenn es während des Versuches ein 
Dreieck versehentlich umwendet, so 
bringe man es wieder in die richtige 
Lage. 
(Verändert nach B o.) 

6 J. b, Satz mit 16 Silben nachsprechen. 
Ausführung: Siehe 3 J. b ! 
(Unverändert nach Bo.) 

6 J. c. Ästhetischer Vergleich. 

Ausführung: Man gibt dem Kinde zwei Pfeifchen (tönendes 
und schnarrendes) in die Hände nnd sagt: ,,Da hast du zwei Pfeifchen 
(Pfeiferl). Blase einmal in das eine und dann in das andere und sage 
mir, welches schöner klingt!" Man lasse bis zu dreimal wiederholen, 
wenn früher kein Urteil erfolgt. 

Man schlägt dann ein hell- nnd ein dumpfklingendes Blech an und 
fragt: „Welcher Ton klingt schöner, der erste oder der zweite?" Vor- 
her sind die Pfeifchen wegzunehmen und das Kind zu ermahnen. 
„Paß jetzt gut auf!" 

Man schlägt schließlich auf einem Klaviere den Akkord c-e-g an, 
hierauf den Akkord c-cis-d und fragt wieder: „Was klingt schöner? 
Das erste, was ich gespielt habe oder das zweite?" 

Der Test gilt als gelöst, wenn zwei richtige Antworten erfolgen. 

(Neu von Bürklen an Stelle von „Ästhetischer Vergleich an 
Bildern von schönen und häßlichen Gesichtern.") 

6 J. d. 3 Aufträge ausführen. 

Ausführung: Man sagt dem Kinde: „Ich lege hier einen Schlüs- 
sel auf den Tisch, (soll so geschehen, daß es das Kind hört, du sollst 
den Schlüssel nehmen, dann die Schublade an diesem Tisch aufmachen, 
den Schlüssel hineinlegen und die Schublade wieder zumachen. Also: 
Schlüssel nehmen, Schublade aufmachen, Schlüssel hineinlegen und 
Schublade zumachen. Also vorwärts, Hier ist der Schlüssel!" Man legt 
den Schlüssel auf den Tisch. 



Seite 964. Zeitschrift das für österreichische BHndenwesen. 7. Nummer. 

Die Aufträge müssen ganz selbständig und richtig ausgeführt werden. 
(Verändert nach B o:) 

6 J. e. Rieht u n g angebe n. 

Ausführung: 1 m oberhalb des Kopfes des Kindes ist eine 
elektrische Klingel angebracht. Man sagt: ,.Es wird jetzt im Zimmer 
irgendwo läuten (klingeln). Zeige dorthin, wo du es klingeln hörst !•' 
Nachdem man eine Sekunde lang geläutet hat, sagt man, wenn das 
Zeigen noch nicht erfolgt ist: „Zeige mir, wo es läutet!" Nun läutet 
man abermals eine Sekunde lang. 

Das Zeigen muß nun sofort erfolgen. 

(Neu von Bürklen an Stelle von „Bild (Beschreibung).-' 

6 J. u. 7 J. a. Fehlendes an Spiel Zeugmodellen angeben" 
Ausführung: Man gibt dem Kind eine männliche Puppe (15 cm 

groß) in die Hand, an welcher ein Bein fehlt und frngt: „Sage mir, 
was fehlt an dieser Puppe?" 10 Sekunden Zeit zur Antwort. Erfolgt 
keine richtige Antwort, so gibt man sie selbst und fordert die Zustim- 
mung des Kindes. 

Dann wird eine weibliche Puppe vorgelegt, der ein Arm fehlt, mit 
der Frage: „Und was fehlt an dieser Puppe?" 

Weiters: „Hier ist ein kleiner Wagen. Was fehlt, an dem?" (Ein Rad). 

Schließlich eine Blechlokomotive ohne Rauchfang. 

Die Antworten sollen stets innerhalb von 10 Sekunden erfolgen. 
Die drei letzten Male wird nicht mehr nachgeholfen. Von den vier 
Antworten müssen mindestens drei richtig sein. 

(Neu von Bürklen anstelle von „Lücken in Figuren angeben.") 

7. J. b. Rechts und links unterscheiden. 

Ausführung: Man sagt: „Hebe die rechte Hand' auf. Zeige das 
linke Ohr!" Wenn das Kind automatisch erst das rechte Ohr zeigt, sich 
aber sofort verbessert, so gilt dies als richtig. Bei eventuellen weiteren 
Fragen (linkes Auge rechtes Ohr) muß absolut richtig reagiert werden. 

(Verändert nach Bo.) 

7. J. c. 5 Zahlen nachsprechen. 
Ausführung: Siehe 3 J. c! 
(Unverändert nach Bo.) 

7 J. d. Kugel und Stange formen. 

Ausführung: Man gibt dem Kinde ein nußgroßes eckiges Stück 
Ton oder Wachs und sagt: „Mache, so schnell du kannst, aus diesem 
Stück Ton (Wachs) eine schöne Kugel! Arbeitszeit 1 Minute. Man be- 
achte, ob das Kind nur knetet oder auf dem Tische rollt. 

„Mache nun aus der Kugel eine Stange ungefähr so lang wie ein 
Finger! Arbeitszeit 1 Minute. 

(Neu von Bürklen an Stelle von „Rhombus abzeichnen".) 

7 J. e. 1 h bis 1 K erkennen. 

Ausführung: Die Münzen werden in der Reihenfolge Zweiheller- 
stüch, Zehnhellerstück, Einkronenstück, Zwanzighellerstück, Einheller- 



7. Nummer. Zeitschrift für das Osten eichische HHndenwesen. Seite 965. 

stück dem Kind in die Hand gegeben und jedesmal gefragt: „Was ist 
das?*' Die Münzen müssen blank und unabgenülzt sein und" mit der 
Bildseite nach oben gelegt werden. 

Die Antworten müssen prompt erfolgen; vulgäre Ausdrücke sind 
gestattet. Ein einmaliger Irrtum sollte gestattet sein. Sagt das Kind 
im Anfange nur „Münze*', so fragt man: „Was für eine Münze?*' Wenn 
notwendig, nemit man beim Zweihellerstück den Wert. 

(Verändert nach B o.) 

8 J. a. Vorlesen, einen Hauptpunkt angeben. 

Ausführung: Man liest dem Kinde nachstehende Zeitungsnotiz 
hiut vor, indem man sagt: „Hör einmal gut zu, ich werde dir etwas 
vorlesen!" 

..Am ersten Weihnachtstage zeigte der Arbeiter Johann Grub er 
seinem zweijährigen Sohne, den er auf dem Arme hielt, den Christbaum, 
wobei er in der anderen Hand die Petroleumlampe hielt. Als Grub er 
um den Weihnachtsbaum herumging, stolperte er und fiel mit Kind 
und Petroleumlampe hin, wobei die Lampe zerbrach. Die herbeieilenden 
Nachbarn löschten zwar den sofort entstandenen Brand, Grub er und 
das Kind erlitten aber solche Brandwunden, daß sie nach Einlieferung 
in das Krankenhaus beide starben." 

Nach dem Vorlesen sagt man zu dem Kinde: „Nun erzähle mir, 
was du von der Geschichte noch weißt, soviel du davon behalten 
hast!" Man muß eventuell etwas drängen und zufügen: „Du brauchst 
es nicht etwa wörtlich zu wiederholen; du brauchst bloß zu sagen, 
was du gerade noch weißt!" Man darf nicht verbessern und tadeln. 

Zur Bewertung der Leistung unterscheidet man am besten folgende 
7 Hauptpunkte. 1. Es war ein Mann und ein Kind. 2. Der Mann zeigte 
dem Kinde den ChrLstbaum (ging mit ihm um den Ghristbaum). 3. Er 
hielt eine Lampe. 4. Er (stolperte und) fiel hin. 5. Es brannte (Sie 
haben sich verbrannt.) 6. Die Nachbarn löschten. 7. Mann und Kind 
kamen ins Krankenhaus (starben). 

Man verlangt auf dieser AS die Angabe von mindestens einem 
Hauptpunkte. 

(Verändert nach B o.) (Fortsetzung folgt). 



Kriegsblinde als Aktenhefter. 

Von Geh. Med. Rat Professor Dr. Sil ex, Berlin. 

Die Zahl der Kriegsblinden wächst und es kommen jetzt recht 
viel hinzu, deren Erltlindung auf schwere allgemeine Nervenerkrankung 
zurückzuführen sind. Kürzlich hatten wir in der deutschen Kriegsblinden- 
stiftung schon die Nummer 2560. hifolgedessen ist- es unsere Pflicht, 
immer weiter nach passenden Arbeitsgelegenheiten Umschau zu halten. 
Eines paßt nicht für alle. So ist es erklärlich, daß der eine die Fabrik- 
arbeit, der andere die alten Blindenhandwerke, der dritte den Büro- 
betrieb, der vierte die Landwirtschaft, der fünfte das Studium usw. 
bevorzugt. 



Seite 966. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Schwierigkeiten mit der ArbeitsbeschafFung hatten wir öfters bei 
den Kameraden aus dem Arbeiter-, Handwerker- und Beamtenstande 
und dies dann besonders, wenn ihr Nervensystem sehr gelitten hatte. 
Sie vertragen keine anstrengende Arbeit und auch nicht eine solche, 
bei der viele Menschen zusammen sitzen und wo größerer Lärm sich 
findet. Zum Blindenhandwerk hatten sie keine Kraft und auch keine 
Lust, weil sie für diese Betätigung einen längere Zeit dauernden Kurs 
durchmachen müssen. In dieser Bedrängnis kamen wir in unserer 
Lazarettschule für Blinde auf den Beruf eines Aktenhefters und wand- 
ten uns wegen Anstellung an verschiedene Behörden. Es kamen abschlä- 
gige und zusagende Bescheide und schließlich nahm sich unserer Bestre- 
bungen der Magistrat von Berlin (Herr Stadtrat Preuß) in zuvor- 
kommendster Weise an und stellte einen unserer Kriegsblinden als 
Aktenhefter ein. Herr Stadtrat Pre-uß schreibt unter anderem: . . . 
„Der Kriegsblinde St. hatte bei seinem Eintritt von der Arbeit nur 
geringe Kenntnis, ist jedoch nach kurzer Unterweisung in der Lage 
gewesen, zur Zufriedenheit die übertragenen Arbeiten auszuführen und 
erledigt zur Zeit genau so viel, wie die mit ihm tätigen sehenden 
Aktenhefter. . . . Die Arbeit wird ihm, wie den sehenden Aktenheftern, 
vorgelegt. Seine Tätigkeit besteht dann darin, die losen Stücke mit 
einem Falz zu versehen und dann in die Akten einzuheften oder einzu- 
kleben. Diese Arbeit übt er mit großer Geschicklichkeit und Umsicht 
aus. Fehler, die vorkamen, waren nicht seine Schuld, sondern ließen 
sich auf ein unrichtiges Hineinlegen der Stücke in die Akten durch 
die Registraturen zurückführen." . . . 

Der Mann ist außerordentlich zufrieden und verdient pro Tag bei 
7 stündiger Arbeitszeit 5 Mark. Er fühlt sich sehr wohl, weil die Arbeit 
leicht — ist Geräusche fehlen — und weil, was mir gegenüber mehrfach 
hervorgehoben wurde, im Verkehr mit Beamten ein guter Ton herrscht. 

Da dieser erste Versuch für Arbeitgeber und Arbeiter zur vollen 
Zufriedenheit ausgefallen ist, so hoffen wir, daß diese Berufsart in den 
weitesten Kreisen der Blinden Nachahmung finden wird. Es kommen 
für die Arbeit besonders solche Leute in Frage, die im Zivilberuf Buch- 
binder, Schriftsetzer, Lithographen, Bürodiener usw. waren. Gerade für 
diese ist es wichtig, eine leichtere Tätigkeit im Büro zu finden, weil 
sie weder für schwere Fabrikarbeit noch für höhere kaufmännische 
Ausbildung geeignet sind. Da in Friedenszeiten in jedem großen behörd- 
lichen Betriebe die Arbeit des Aktenheftens eine laufende ist, so wäre 
Hunderten von Kriegsblinden hierdurch ständige, lohnende Beschäftigung 
gegeben. 



VI. Österr. Blindenfürsorgetag (Blindenlehrertag) Wien 1918. 

Der für das Jahr 1917 beschlossene Blindenfürsorgetag (Blinden- 
lehrertag) konnte widriger Umstände wegen nicht abgehalten werden. 

Die durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse in der Blinden- 
fürsorge, namentlich aber in der Kriegsblindenfürsorge und die damit 
verbundenen Umwälzungen auf diesen Gebieten fordern in so dringender 
Weise eine Aussprache und Aufklärung, daß der „Zentralverein für 
das österr. Blindenwesen" die Abhaltung eines Blindenfürsorgetages 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 967. 

noch in diesem Jahre für unbedingt notwendig erachtet. Nach einem 
diesliezüglich gefaßten Ik^schlusse soll dieser Tag am 27. und 28. Sep- 
tember 1. J. in Wien stattfinden. 

Es werden Vorkehrungen getroffen, daß die aus der Provinz Ivom- 
iiienden Teilnehmer zu günstigen Bedingungen Quartier und Verpflegung 
erhallen und ihnen die 13ahnfahrt gesichert wird. Zu diesem Zwecke 
iiuiß jedoch die Anmeldung bis längstens 20. Juli 1. J. geschehen: bei 
Anstalten kann die Anmeldung gemeinsam durch die Direktionen, bei 
\'ereinen durch die Leitungen erfolgen, weshalb um besondere Ver- 
ständigung der p. t. Mitglieder gebeten wird. 

Die Tagung soll sich in der Hauptsache mit der allgemeinen 
Blindenfürsorge sowie der Kriegsblindenfürsorge und deren gegenseitiger 
Stellung befassen. Es wird daher ersucht, nur diesbezügliche Vortra-gs- 
stotfe zu wählen. Die Anmeldung der Vorträge wolle ebenfalls längstens 
bis 20. Juli 1. J. an K. Bürklen in Purkersdorf bei Wien geschehen. 

Es gilt Frage und Tateii der Zukunft für unsereBlin- 
il e n s a c h e. Alle Wohlgesinnten sind daher z u r M i t wm r k u n g 
an der kommenden Tagung g e b e t e n. 

Pont du Carrousel. 

Von Rainer Maria Rillte. 

Der blinde Mann, der auf der Brücke steht, 
Grau wie ein Markstein namenloser Reiche, 
Er ist vielleicht das Ding, das immer gleiche. 
Um das von fern die Sternenstunde geht 
Und der Gestirne heller Mittelpunkt, 
Denn alles um ihn irrt und rinnt und prunkt. 

Er ist der unbewegliche Gerechte, 
In viele wirre Wege hingestellt; 
Der dunkle Eingang in die Unterwelt. 
Bei einem oberflächlichen Geschlechte. 

Personalnachrichten. 

— Auszeichnung. Dem Obmann des „I. Ost. Blindenvereines" 
in Wien VIII, Herrn August von Horvath wurde mit Allerhöchster 
Entschließung in Würdigung seiner Verdienste um das österreichische 
Blindenwesen der Titel „Kaiserlicher Rat" verliehen. Es ist der 
erste Fall in Österreich, daß ein für seine Schicksalsgenossen tätiger 
Blinder eine derartige Anerkennung findet. Sie wird daher von allen 
Blinden mit Genugtuung empfunden werden. Diejenigen aber, die dem 
der allgemeinen Sympatie sich erfreuenden Ausgezeichneten näherstehen, 
entbieten ihm zu dieser Gelegenheit die herzlichsten Glückwünsche. 

Rus den Anstalten. 

— N. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Ausflug. Von 
herrlichem Wetter begünstigt, brachte auch der heurige Ausflug am 6. Juni 1918 
unseren Zöglingen wieder einige Stunden fröhlicher Ablenkung. Wie in den vergan- 
genen Kriegsjahren konnte ihm auch diesmal nur die nahegelegene Hochramalpe 



Seite 968. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

als Ziel gesteckt werden. Die Not der Zeit gestaltete es nicht anders. Doch ist 
dieser Ausflugsort unseren Zöglingen lieb geworden. Bietet er doch genug der 
Unterhaltungen. Beim Schaukeln, Eselreiten und Kahnfahren verflog die Zeit nur all- 
zurasch. Glücklicherweise konnte auch eine ausgiebige Jause gegeben werden. Der 
Zöglingschor erweckte mit dem Vortrag einiger Lieder den lebhaften Beifall der 
zahlreich anwesenden Ausflügler. Auch diesmal konnten die Zöglinge ihren väter- 
lichen Gönner und Freund, HerrnLandesausschußL.Kun schak begrüi^en. Trotzseiner 
arbeitsüberlastften Zeit ließ er es sich nicht nehmen, in Begleitung des Herrn 
Landessekretärs Dr. Hemala bei dem Festtage seiner Schützlinge zu erscheinen. 
Jeder der Anwesenden nahm wohl ein schönes Erinnern mit an den sonnigen Tag, 
als einen Lichtblick in der schwer lastenden Gegenwart. 

Opernaufführung. Eine bisher unerreichbar schienene Leistung vollbrachten 
am lÖ.Junil.J. die Zöglinge dieser Anstalt indem sie in einer der Blindenfürsorge dienen- 
den Wohltätigkeitsvorsttllung die Szenen aus Humperdinks Märchenoper »Hansel und 
Grefe 1« mustergültig vorführten. Dabei bewältigten sie nicht nur den gesang- 
lichen und den für Blinde doppelt schweren darstellerischen Teil, sondern sie stellten 
auch die orchestrale Begleitung bei. Die einzelnen Rollen des Besenbinders und 
seiner Frau u. s. w. waren gut besetzt. Besondere, ganz ernst zu nehmende Leistun- 
gen waren aber die Hexe und vor allem die beiden Kinder, die mit einer Natür- 
lichkeit und Sicherheit spielten und sangen, die allgemeine Überraschung hervorrief. 
Die Besucher der beiden Vorstellungen — die n. ö. Landes-Blindenanstalt sah wohl 
noch nicht'oft einen solchen Massenbesuch — bezeugten durch stürmischen Beifall, wie 
hoch die Leistungen der blinden Kinder zu weiten sind Der Name des Leiters der 
Veranstaltung, des Herrn Hofmusikers Karl Jeray, Musil<lehrers der Anstalt, der 
sich schon öfter durch Veranstaltung mustergültiger Konzerte zu Blindenfürsorge- 
und Kriegshilfszwecken verdient gemacht hat, bürgte wohl für den künstlerischen 
Wert der Darbietungen. Daß aber die Erwartungen weit übertroffen wurden, läßt 
eine spontane Huldigung vermuten, die von den Besuchern dem selbstlosem Künst- 
ler gebracht wurde. Der Blindenfürsorge dürfte ein sehr bedeutender Reineitrag 
zufließen. 

— Privat-Blindenlehranstalt in Linz. In der Blindenbeschäftigungs- 
und Versorgungsanstalt wurde am 16. Juni 1. J. (Wiederholung am 18. Juni) eine 
mit großem Beifalle bedachte M u s i k au ff ü h r u n g lebender oberösterreichischerTortdich- 
ter: MaxSpri n ger, Aug. Brunetti-Pisano, Emil Sauer, Rudolf^P ernk 1 au, Josef 
Fr. Hummel, Josef Reiter, Ernst S o m p e k, Otto R i p p I, Hugo R e i n h o 1 d und 
Franz Neuhof er veranstaltet. Nicht nur die Zusammenstellung der Vortragsord- 
nung sondern auch die musikalische Durchführung zeigte von dem hohen Stand 
der Musikpflege in den Linzer Blindenanstalten, um die Konsistorialrat A. M. P 1 e- 
ninger nach jeder Richtung hin in der unermüdlichsten und selbstlosesten Weise 
tätig ist. 

Aus den Vereinen. 

— Zentralverein für das österreichische Blindenwesen. In der 
Ausschußsitzung am 14. Juni 1. J. teilte der Vorsitzende K. B ürkl en mit, daß 
16 neue Mitglieder ihren Eintritt anmeldeten. Ebenso hat die Zahl der Bezugsnahme 
der »Zeitschrift« neuerlich eine Erhöhung erfahren. Es wurden die vom Vereinsaus- 
schusse unternommenen Aktionen bezüglich der Errichtung einer »Zentralstelle für 
das Blindenfürsorgewesen im Ministerium für soziale Fürsorge«, den Schutz blinder 
Musiker durch die neu zu schaffende Musikerkammer, die bisher noch immer nicht 
erfolgte Empfehlung und Subvention der »Zeitschrift« durch das Unterrichtsmini- 
sterium und schließlich die Angelegenheit des nächsten Blindenfürsorgetages einge- 
hend besprochen. In letzterem Punkte wurde der Beschluß gefaßt, den in Salzburg 
ausgefallenen Tag am 27. und 28. September 1. J. in Wien zu veranstalten. Siehe 
hierüber die Veröffentlichung »Blindenfürsorgetag«. 

— Bli nd en - Unt er s tu tzu ngs V er ein >Die Pur ker s dorf er in 
Wien V. Der unter dem blinden Obmanne F. Uhl stehende und auf dem Gebiete 
der Blindenfürsorge höchst rührige Verein versendet seinen Rechenschaftbericht 
über das Jahr 1917. Außer den ßarunterstützungeo an blinde Mitglieder (7362 K) 
vermittelte der Verein in 117 Fällen unentgeltlich Dienst und Arbeit. Das Musika- 
lien-Leih-Institut wurde in 6842 Fällen unentgeltlich in Anspruch genommen. Im 
abgelaufenen Vereinsjahre wurden 9 Ausschuß-Sitzungen und eine Generalvcrsamra- 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 969. 

lung abgehalten. Der Verein zählte mit 31. Dezember 1917 28 Gründer, 61 Stifter, 
18 Ehrenmitglieder, 182 unterstützende Mitglieder und 118 blinde Mitglieder, davon 
sind 3 gestorben. Das Musikalien-Lcihinstitut in Braill's Notenschrift zählt gegenwärtig 
2147 Musikalien und 100 musiktheoretische Bücher. 

— Verein »Kriegsblinden-Heimstätten« in Wien. Bericht über 
das Vereinsjahr 1917. 

Zuzüglich des Anfangsvermögens aus der Aktion Grimm sowie der 
Spendeneingänge im Jahre 1916 im Betrage von zusammen rund 1,650.000 K betrug 
das gesamte Sammeleigebnis zu gunsten des Vereinszweckes am Ende des Jahres 
1917 rund 3,150.000 K. 

Vom Vermögenszuwachs im Jahre 1917 entfallen ungefähr 1,118.000 K auf 
Beiträge von Stiftern, derert Zahl im Laufe des zweiten Vereinsjahres von 343 auf 
437 gestiegen ist, und deren Gesamtbeiträge Ende 1917 rund 2,300.000 K erreichten. 
69.000 K entfielen auf Beiträge von Gründern, deren Zahl sich von 654 auf 769 
erhöhte, und deren Gesamtbeiträge Ende 1917 rund 300.000 K betrugen. 13 Mit- 
glieder, welche im Jahre 1916 noch im Jahre 1916 als Gründer geführt wurden, 
haben im Laufe des Vereinsjahres 1918 ihre Beiträge durch neuerliche Spenden 
derart erhöht, daß deren Aufnahme in die Stifterliste durchgeführt werden konnte. 
Auf Jahresbeiträge ordentlicher Mitglieder, deren Gesamtzahl sich am Ende des 
zweiten Vereinsjahres auf 646 bezifferte, entfielen rund 5300 K. An einmaligen und 
wiederholten Spenden, die den Gründerbeitrag nicht erreichten oder aus sonstigen 
Gründen nicht als Stifter- oder Gründerbeiträge in Betracht kommen, liefen im 
Jahre 1917 insgesamt rund 304.500 K ein. Der Gesamtbetrag derartiger Spenden 
erreichte mit Ende des zweiten Vereinsjahres die Höhe von 518.000 K. Aus ver- 
schiedenen Veranstaltungen, Konzerten und Ausstellungen sind dem Vereine im 
Jahre 1917 rund 20.000 K zugeflossen. Der vom »Verlag für Technik und Industrie« 
(Julius Brüll) besorgte Vertrieb des »Kriegsblindenheimstättenbildes«, welches 
sich heute der größten Verbreitung erfreut, hat dem Vereine im Jahre 1917 
76.800 K. beziehungsweise seit Beginn des Vertriebes insgesamt 95.800 K ab- 
geworfen. Namhafte Zuwendungen wurden dem Vereinszwecke aus den Erträgnissen 
von Feldkinos gewidmet. 

Schon im Jahre 1916 war es in einzelnen Fällen recht schwer, geeignete 
Realitäten für die Kriegsblindenheimstätten ausfindig zu machen, da die Kriegs- 
blinden selbstverständlich immer den Wunsch äußern, in ihrer Heimat oder im 
letzten Aufenthaltsorte vor ihrer Einrückung angesiedelt zu werden, so daß die 
.Auswahl der käuflichen Realitäten an und für sich beschränkt wird. Infolge der 
exorbitanten Materialpreise ist an den Bau von Heimstätten vorläufig nicht zu denken, 
sodaß nur bestehende Objekte erworben werden können. Im Berichtsjahre 1917 
wurden insgesamt 49 Kriegsblinde durch Verleihung käuflicher Heimstätten in ihrer 
Heimat oder in einer selbstgewählten Ortschaft versorgt. 

Im allgemeinen stand die Möglichkeit, Kriegsblinde mit Heimstätten zu ver- 
sorgen, im Jahre 1917 hinter den Erwartungen der Vereinsleitung zurück. In allen 
diesen Fällen, in denen eine Verleihung einer Heimstätte selbst vorläufig nicht 
durchführbar war, wurde den Kriegsblinden für den späteren Ankauf einer Heim- 
stätte seitens des Vereines ein bestimmter Betrag (5000 bis 10.000 K) zuerkannt 
und bis auf weiteres rückgestellt. Solche Kapitalsrückstellungen mit und ohne Zin- 
sengenuß wurden im Laufe des Jahres 1917 insgesamt 236 Kriegserblindeten bewilligt 
und die Gesamtsumme der hinterlegten Gelder beträgt über 1,735.000 K, so daß 
von dem Rechnungsabschluß ausgewiesenen Vermögenstande am Schluße des zweiten 
Vereinsjahres im Ausmaße von rund 2,735.000 K am Beginne des dritten Vereins- 
jahres nur mehr rund 1,000.000 K zur freien Verfügung des Vereines standen. 



Für unsere Kriegsblinden. 

— Kriegshlindenfonds für österreichische Staat.sange- 
hörige der gesamten bewaffneten Macht. Infolge der am 1. Jän- 
ner 1918 erfolgten Aktivierung des k. k. Ministeriums für soziale Für- 
sorge sind die mit dem Vorsitze im Kuratorium des Kriegshlindenfonds 



Seite 970. Zeitschritt für das östereichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

verbundenen Agenden vom Minister des Innern auf den Minister für 
soziale Fürsorge übergegangen. 

Für den Kriegsblindenfonds bestimmte Zuschriften, Berichte und 
Eingaben sind daher nunmehr an diesen Fonds im k. k. Ministerium 
für soziale Fürsorge in Wien, I., Hoher Markt Nr. 5, zu richten. 

— Zivilpersonen als Begleiter von Kriegsblinden. Das Kiiegs- 
ministerium gibt einen Erlaß bekannt, daß Zivilpersonen als Begleiter von Kriegs- 
blinden auf den Heeresbahnen nach dem Militärtarif abzufertigen sind. 

— Akademie im Saale des kaufmännischen Vereines in Wien, am 24. April 
1. J., um deren Zustandekommen Frau Dr. Singer (Lyzeum Fligelmann), Frl. 
Julia Weinstabl und Frl. Lotte Steiner bemühten, Es gab Vorträge am Klavier 
Gedichte. Tanz und ein Theaterstück, welches von Damen dargestellt wurde. Ein 
ansehnlicher Beitrag wurde den Kriegsblinden zugeführt 

— Heiterer Abend im Theatersaale des Vereinshauses in Wien XXI, 
am 16. April 1. J. an dessen Gelingen sich die Herren Inspektor Julius Uchatzy 
und Revident Hugo Riedel verdient gemacht haben. In liebenswürdiger Weise 
wirkten das Doppelquartett des Gesangvereins Österreichischer Eisenbahnbeamten 
unter Leitung des Chormeisters Karl Führ i c h, der Lautensänger Heinrich Negri - 
Olli und der Illusionist Rudolf Gschwend tn er mit. Das Reinerträgnis betrug 
159 K 50 h. 

— Vortrag. Im Schöße der in Prag für die Kriegsblindentürsorge tätigen 
Kreise entstand die Anregung, einen Blinde sprechen zu lassen und so wurde 
Dr. Ludwig Cohn aus Breslau zu einen Vortrage gewonnen, der am 22. Mai 1. J. 
in der Klar'schen Blindenanstalt in Prag mit warmer Aufnahme stattfand. 

— Ein Einakterabend, in dessen Verlauf man zwei ueue Stücke eines 
begabten Dramatikers, Alexander E. S e d 1 m a y r, kennen lernte, wurde am 25. Mai 
1. J. auf der Wiener Volksbühne zugunsten kriegserblinder Schauspieler statt. 

— Am 26. Mai 1. J. fand im Verbandsheim ein von der der Klavierschule 
Milly Schafranek in Wien XIV veranstaltetes Schülerkonzert statt, das ein 
Reinerträgnis von 300 K erbrachte. Dieser Betrag wurde von der Leiterin der 
Schule Fräulein Milly Schafranek zugunsten der im Kaiser Franz Josef-Blinden- 
arbeiterheim, XIII. Bezirk, Baumgartenstraße Nr. 75-79, untergebrachten blinden 
Soldaten bestimmt. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende Juni 1. J. 

— Neue Freie Presse. 1,295.975 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 3,747.137 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 320.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 85.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 33.000 K. 

Verschiedenes. 

— Neue Lehrmittel für Naturgeschichte. Unser reichsdeutscher 
Kollege, Herr Blindenlehrer E. Marold aus Königsberg, hat eine Folge naturge- 
schichtlicher Lehrmittel herausgegeben, die jeder Blindenanstalt nur wärmstens zu 
empfehlen sind. 

Schon auf dem Düsseldorfer Kongresse hatten wir das Vergnügen, seine 
schönen, dem Blindenunterrichte eigenes angepaßten Lehrmittel für Natur lehre 
bewundern zu können. Als er nun in der »Blindenschule mitteilte, daß er auch für 
Naturgeschichte besondere Lehrmittel für Blinde herstelle und abgebe, bestellten 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Biirklen, 
J. Kneis, A. t. Horrath, F. Uhl. — Druck Ton Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



wir sofort ungesehen, bloß auf das Geschick und die fachmännische Einsicht M a - 
rolds bauend, die ganze Reihe. 

Und wir hatten es nicht zu bereuen. Wir haben an den Dingen unsere 
herzliohe Freude. Ihre Hauptvorzüge sind: 

1. Sie sind wirklich schön, nämlich für Auge und Hand gleich gefällig. 

2. Sie sind im richtigen, dem Tastsinn am besten entsprechenden Maßstab 
gemacht. 

3. Sie enthaten nur das A llerno t wen di gst e, dieses dafür aber umso 
deutlicher. 

4. Sie bestehen nur aus dauerhaften Stoffen: Holz, Draht, Leinwand, 
Zelluloid. 

5. Sie erstrecken sich auf lauter E^inge, die bisher im Handel entweder 
gar nicht oder wenigstens nicht eigens für Blinde eingerichtet zu haben 
waren und füllen daher eine recht empfindliche Lücke in jeder Lehrmittelsamm- 
lung aus. 

Die Folge besteht aus 24 G e genständen, die ich hier kurz anführe: 
Fledermaus, Wasserfrosch, Eidechse, Kreuzotterrachen, Hecht, Flußbarsch, Kohl- 
weißling, Maikäfer, Stubenfliege, Kreuzspinne mit Netz, Laubheuschrecke, Wasser- 
jungfer, Waldameise, Weinbergschnecke, Krebs, Blutegel, Finne und Bandwurmkopf, 
Blüten von Weide, Löwenzahn, ScJmeeglöckchen, Veilchen, Erbse und Roggen, 
Blütenstände. 

Die schönen Dinge hier genau zu schreiben, führt wohl zu weit. Wer miß- 
trauisch und doch zugleich neugierig darauf ist, möge sich einfach ein Probestück 
bestellen. Übrigens kostet die ganze, viel Fleiß und Kunstgeschick hei- 
schende Sammlung kaum mehr als 10 kg Mehl im Schleichhandel. 

(Friedrich Demal, Purkersdorf). 

— Asylstiftung für Blinde. Frau Helene Suehs-Rath in Wien hat letzt- 
willig eine Asylstiftung für erwachsene Blinde errichtet. Die Verlassenschaft beziffert 
sich auf 164.700 K. 

— Auszeichnung einer blinden Massie rerin. Die in der Bromberger 
Blindenanstalt ausgebildete Massiererin Frl. Lucie Rolle in Posen, erhielt als Aner- 
kennung ihrer Tätigkeit die Rote Kreuz-Medaille 3. Klasse und vom Vaterländi- 
schen Frauenverein die eiserne Medaille mit Kette als Auszeichnung, ein Be- 
weis, daß Blinde diesen Beruf ganz vorzüglich auszuüben vermögen. 

— Ein neues Verfahren zur Ermittlung der Leistungsfähig- 
keit der Augen im Dunkeln ist im Krieg besonders für Flugzeugführer, Beob- 
achter und Flugschützen wichtig geworden. Es kommt vor allem darauf an, daß die 
Untersuchung leicht durchführbar ist und auch eine gewisse Sicherheit gegen Simu- 
lation bietet. In der »Münchener Medizinischen Wochenschrift« gibt jetzt Geheimer 
Sanitätsrat Dr. Gramer ein Verfahren an, das auch von augenärztlich nicht Vor- 
gebildeten ausgeführt werden kann. Der zu Untersuchende wird in einen durchaus 
lichtfreien Raum gebracht, und zwar, um das Auge an die Dunkelheit zu gewöhnen, 
etwa eine halbe bis drei Viertelstunden vor der Untersuchung. Zur Prüfung dient 
ein auf einer großen schwarzen Holztafel in stark radioaktiven Leuchtfarben auf 
Schwefelzink und radioaktiven Substanzen angebrachter Ring (das ist ein nicht voll- 
ständig geschlossener Kreis). Dann wird ein Schnallband um den Kopf des Prüflings 
gelegt woran ein etwa sechs Meter langes Band befestigt ist, das in Abständen von 
je einem Meter einen großen, in Abständen von je 50 Zentimeter einen kleinen 
Druckknopf trägt. Der Untersucher nimmt das Band in die Hand, wechselt die 
Stellung des leuchtenden Ringes und läßt den Untersuchten angeben, nach welcher 
Richtung die dunkle Lücke entsteht. Die Entfernung, in welcher dies noch erkannt 
wird läßt sich im Dunkeln an den Knöpfen abzählen. Die Untersuchungen ergaben, 
daß der Unterschied zwischen Nachtblinden und Normalen sehr groß ist. Unbe- 
schränkt kriegsbrauchbar sind Leute, die die Lage der Lücke im Ring von über 
drei Meter erkennen. Wer dies erst in einer Entfernung von einem Meter und da- 
runter kann, ist als nachtblind für den Flugdienst im Feld und in der Heimat un- 
brauchbar. Simulationen sind bei dem Verfahren ausgeschlossen, denn der Untersuchte 
weiß nicht, in welcher Entfernung der Prüfende steht. 

Mitteilung. 

— Zentralverein für das öst. Blinden wesen. Die p. t. Ausschuß- 
mitglieder werden zu der am Montag, den 29. Juli, 5 Uhr, in der Blinden-Beschäftf- 
gungs- und Versorgungsanstalt in ^A^ien VIII stattfindenden Ausschußsitzung 
höflichst eingeladen. Tagesordnung: Blindenfürsorgetag 1918. 



Für 8 jähriges Mädchen wird zum weiteren Privatunterricht auf 
dem Lande in schöner Gebirgsgegend Schlesiens sehender Blinden- 
lehrer oder Blindenlehrerin tür bald oder später gesucht. 
Bewerbungen mit Zeugnis und Bild an: 
Dr. F. G ehr mann in Jamowitz am Riesengebirge. 



== ^syl für blinde Kinder == 

Wien, XVII., Hernalser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorschulpflichtigen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung. 

Die „ZentPfllbibliotheh fui' Blinde in Osterpeicit", 

Wien XVIII, Währinger GUrtel 136, 



verleiht ihre Bücher kostenlos an alle Blinden. 



Blinden-Unterstützungsverein 

„DIE PURKERSDORFER" 

W^ien V., Nikolsdorfergasse 42. 

Zweck des Vereines: Unterstützung blinder Mit- 
glieder. Arbeitsvermittlung tür Blinde. Erhaltung 
der Musikalien-Leihbibliothek. Telephon 10.071. 



Der blinde ModeUeup. 



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Wien VIII., Floriani^asse Nr. 41. 

Telephon Nr. 23407. 

Alle Gattungen Bürstenbinder- u. Korbllechterwaren. 
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des Blinden-Unlerstützungsvereines 
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f^V Blindendrucknoten werden an xik 
likJ Blinde unentgeltlich verliehen! \a3 




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Bromberg. 



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(Gegründet 1878.) 

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Bergedorf bei H^^^^burg. 

Mustergültige Bearbeitung von Fiber und Piassava 
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□ 




Organ des „Zentralvereines für das österreichische Blinden- 
— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



Schriftleitunq 
Purkersdorf 
bei Wien. 
Österreich sches 
Postsparkassen- 
kontoNr.132.257 



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Das Blatt erscheint 
monatlich einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



I , Bezugspreis Q 

Q ganzjährig mit ^ 

Q Postzustellung Q 

3 4 Kronen, D 

D Einzelnummer D 

n 40 Heller. ^ 



5. Jahrgang. 



Wien, Oktober 1918. 



10. Nummer. 



INHHLT: Der VI. Ost. Blindenfürsorgetag. O. Wanecek, Purkersdorf: Eine Plau- 
derstunde über den Krieg bei blinden Erstklassern. Personalnachrichten. 
Mus den Anstalten. Rus den Vereinen. Für unsere Kriegsblinden. Ver- 
schiedenes. Bücherschau. Mitteilung, (ftites und Neues. Ankündigungen). 



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? Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische ^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VIII, 
3 Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. g; 

□I r^ ■ f^B 



MItes und Neues. 

Das empfindliche Gehör des Blinden. 

So notwendig e.s ist, sieli bei einer Annäherung an einen Blinden 
durch eine entsprechenae Anrede zu erkennen zu geben, so muß dies 
bei der Empfindlichkeit des Gehöres bei Blinden doch in entsprechen- 
der Weise geschehen. Das macht uns ein Erlebnis klar, welches uns 
P. Lang in dem Buche ..Den Kopf hoch!" (Würzburg 1918. H. Stürtz) 
erzählt : 

,.lch bin einmal vor Jahren auf freier Landstraße von einem heftigen 
Gewitter überrascht worden und erlebte es dabei, daß etwa fünfzig 
Schritte von mir entfernt der Blitz in eine alte Pappel schlug. Ich 
brauche wohl kaum zu versichern, daß mir der ohrenbetäubende Krach 
einen mächtigen Schrecken in die Glieder jagte. Nicht weniger erschrack 
ich vor einiger Zeit im Stiegenhaus eines Gebäudes, in dem ich zufällig 
zu tun hatte. Auf einer Treppenstufe stand ein temperamentvoller Be- 
kannter von mir, ohne daß ich seine Gegenwart ahnte. Er hatte durch 
ein Fenster in den Hof gebhckt und sich erst umgesehen, als ich diclit 
an ihm vorüber ging. Wir waren uns lange nicht mehr begegnet und 
in der Überraschung mich hier zu treffen, fiel seine Anrede sehr stimm- 
gewaltig aus und der geschlossene Raum verstärkte noch die Wirkung. 
Diese aber war gewaltig. Wenn am jüngsten Tag ein Engel des Ge- 
richtes seine Posaunenstöße aus allernächster Nähe ins Ohr eines Auf- 
erstehenden schmettert. — der arme Sünder kann nicht ärger zusam- 
menschrecken als ich bei jenem unvermuteten Freudenausbruch meines 
Bekannten. Mir schlotterte im wahren Sinn des Wortes mein Gebein. 
Ähnliche Erlebnisse habe ich schon öfter gehabt, wenn auch bezüglich 
des Schreckens in verjüngtem Maßstab. Dem Sehenden der einen Blin- 
den in eine solche Gemütserschütterung versetzt, wäre es gewiß unan- 
genehm, wenn er von der Wirkung seiner unbedachten Handlungsweise 
erfahren würde: denn es liegt ihm ein solcher Angritf auf die Nerven 
eines Blinden sicherlich fern. Wenn der erlittene Schrecken nicht im 
Mienenspiel und in unwillkürlichen Körperbewegungen des Blinden zum 
Ausdruck kommt, wird der andere freilich selten etwas davon erfahren. 
Es gilt ja nicht für besonders männlich, wenn man leicht erschrickt; 
die meisten Blinden' ließen sich deshalb lieber ein dutzendmal aufs 
heftigste erschrecken, als daß .sie sich offen zu ihrem ersten Schrecken 
bekennen möchten, auch wenn sie sich damit die elf folgenden Schrek- 
ken ersparen könnten. Unmännlich zu erscheinen, dünkt ihnen wohl 
noch schlimmer. Und doch ist der Schrecken im Grunde durchaus nicht 
unmännlich. Ich möchte den Sehenden kennen, auf den es ohne Ein- 
druck bliebe, wenn er von vollständiger Dunkelheit umgeben und ohne 
die Anwesenheit eines Menschen zu ahnen, plötzlich aus unmittelbarer 
Nähe laut angerufen würde. 

Hätte jener Bekannte von mir vor seinem überwältigenden Stie- 
genhaus-Posaunengruß nur ein wenio- mit dem Fuß über den Boden 
gestreift, so wäre mir die Gegenwart eines Menschen verraten gewesen 
und das Folgende nicht halb so überraschend gekommen. Darum: „Rede, 
damit ich dich sehe, aber schreie mich nicht an. mißhandle mich nicht 
mit plötzlichem Lärm, wenn ich auf deine Gegenwart oder deinen Lärm 
nicht vorbereitet bin!" 




5. Jahrgang. 



Wien, Oktober 1918. 



10. Nummer. 






„Wir dürfen nicht mehr den Luxus betreiben, daß wir nur 
die ganz Starken, ganz Gesunden für unsere Wirtschaft verwen- 
den und daß wir über die anderen, die weniger brauchbar und 
scheinbar weniger leistungsfähig sind, mit einem Achselzucken 
hinweggehen und ihnen höchstens eine sie demütigende charita- 
tive Fürsorge widmen. Ruch in dem Blinden steckt noch soviel 
wirtschaftliche Kraft, daß es törichte Verschwendung wäre, auf 
ihre Mitarbeit zu verzichten. Wenn wir von diesem Grundsatze 
iffi ausgehen, erkennen wir, daß das Interesse der Blinden mit dem 
^ der Gesellschaft zusammenfällt, wissen wir, daß unser Wohltun 
g Zinsen bringen wird nicht nur den Blinden, sondern auch der g 
®s ganzen Gesellschaft, deren wertvolle Mitglieder sie sein wollen, m 
^ sein sollen und sein können." ^ 

H O. V. Gastei^er, ^ 

^ Sektionschet im Ministerium für soziale Fürsorge ^ 

iSai bei der Begrüßung des VI. Ost. Blindenfürsorgetages. S* 



^ 



<& 



Der VI. Ost. Blindenfürsorgetag. 



Trotz der Ungunst der Zeitverhältnisse hatte sieh am 30. Septem- 
ber und 1. Oktober 1. J. im Landtagssitzungssaale in Wien zum VI. Ost. 
Blindenfürsorgetage (Blindenlehrertag) eine ganz unerwartet große Teil- 
nehmerzahl zusammengefunden. Das mächtige Interesse, welches heute 
dem Schicksale der Kriegsblinden und damit auch den Friedensblinden 
in der Öffentlichkeit entgegengebracht wird, regte nicht nur die Fach- 
kreise sondern auch die Behörden, Blinde und bisher Fernerstehende 
zur Mitarbeit an den Fragen an, welche zur Behandlung vorlagen. 
Keine Stelle, welche heute in der öst. Blindenfürsorge mitwirkt, blieb 
unvertreten. 



Seite 1008. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

War so dem Tage das Gepräge einer vollständigen 
Repräsentanz des vaterl ändischen Blindenwesens gege- 
ben, so wirddieseerfreulicheTatsachenochüberragtvon 
dem schönen Verlaufe und der einschneidenden Bedeu- 
tung der auf der Tagung gefaßten Beschlüsse. Ein neuer 
Abschnitt in der Entwicklung unseres Blindenwesens ist 
damit eingeleitet. Das sagte uns schon die Erkenntnis, 
welche aus den vorangestellten Wort en des Vertr et ers 
des Ministeriums für soziale Fürsorge. Sektions chef v. 
Gasteiger, spricht. Auch eine Reihe von Vertretern ande- 
rer Behörden gab der gleich e n Ans chauungAus druck, daß 
die soziale Frage der Blindenfürsorge zu einer öffent- 
Angelegenheit gewordenist, über welche nicht mehr wie 
früher hinweggegangen werden kann und wird. Wir ge- 
wannen auf der Tagung neben den Herzen von ausschlag- 
gebenden Männern auch ihre Zusicherung tatkräftigster 
Mithilfe und wir es liegt kein Grund vor, an ihrem guten 
Willen zur H il fsbereits chaft zu zweifeln. Namentlich die 
Vertreter der Staatsbehörden zeigten eine Gesinnung, 
welche einen Ausblick auf künftige glücklichere Zeiten 
in der Entwicklung unserer Blindensache gewährt. 

Ein nicht hoch genug anzuschlagender Erfolg der 
Tagung liegt darin, daß endlich die künstlich errichteten 
Schranken zwischen der öst. Blinden weit und den öffent- 
lichen Stellen, wellche zur Blindenfürsorge berufen sind, 
niedergerissen werden konnten. Diesmal sahen sich die 
Vertreter der Behörden der Gesamtheit aller in der vater- 
ländischen Blindenfürsorge tätigen Faktoren gegenüber, 
lernten dieBlinden mit ihren Wünschen und Forderungen 
kennen, hörten die Ausführungen der Fachleute und ge- 
wannen einen Einblick in d a s Zusammenwirken der Fach- 
kräfte und Blindenfr eunde. Es ist ihnen wohl auch zum 
Bewußtsein gekommen, daß nur durch die Heranzie- 
hung aller dieser Faktoren eine gedeihliche Lösung 
der Gegenwarts- un d Zukunfts fragen auf unserem Gebiete 
unternommen werden kann. 

Wir stellen die gefaßten Beschlüsse und einige wichtige 
Anregungen an die Spitze des Berichtes. (Der ausführhche Bericht 
wird nach Drucklegung den Teilnehmern des Tages und den zuständigen 
Stellen übermittelt werden.) 

Die bisher nicht durchgeführten Beschlüsse früherer Tage 
sind in Erinnerung zu bringen. 

Das Ministerium für soziale Fürsorge wird gebeten, die Erlassung 
eines Fürsorgegesetzes anzuregen, in welchem der Anstaltszwaiig 
für schulpflichtige blinde Kinder festgelegt erscheint. (Antrag U hl). 

Die allgemeine Jugendfürsorge ist auch auf die blinden Kinder 
zu erstrecken. (Anregung Fiürklen). 

Das Ministerium für Kultus und Unterricht möge gebeten werden, 
daß jene Unterrichtsanstalten, welche bisher Kriegsblinden- oder 
anderen militärischen Zwecken ganz oder teilweise gewidmet 
waren, ihrem eigentlichem Zwecke ohne Verzögern zurückge- 



lU. Nummer. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. Seite 1009. 

fülirt worden. Gleichzeitig möge eine Petition an das Parlament nnd 
die Hegierung bezw. das k. k. Landes-Verteidigangsministeriuin dahin 
gerichtet werden, es wolle eine Änderung hezw. Ergänzung des Kriegs- 
dienstleistungsgesetzes vom 26. XII. 1912 § 1 Absatz III in dem Sinne 
vorgenommen werden, daß jene Baulichkeiten, welche der Erziehung 
und dem Unterrichte abnormaler Kinder dienen, in die Reihe der von 
der Kriegsdieiistleistuiig befreiten Bauliclikeiten einbezogen wer- 
den. (Antrag Horvath). 

Unterriclit nnd bernfliclie Ausbildung der Scliwaclisichtigen 

sollen in die richtigen Wege geleitet werden. (Anregung Bürklen). 

Der VI. österreichische Blindenfürsorgetag in Wien gibt seiner 
Üherzeugung Ausdruck, daß die Kriegsblinden als keine besondere 
Klasse der Blinden zu betrachten, sondern als Spätererblindete den 
übrigen Blinden zuzuzählen sind und für dieselben die gleichen 
Grundsätze der Ausbildung und Berufs Zuführung zu gelten haben. 
(Antrag Horvath). 

Die Durchführung einer modernen Kriegsblindenfürsorge 
kann nur im Zusammenwirken aller berufenen Faktoren gesche- 
hen, wobei auch auf die Heranziehung von Blinden und 

ihrer Vereinigungen ein Hauptgewicht gelegt werden soll. (Antrag 
Horvath). 

Im Ministerium für soziale Fürsorge möge im Sinne der Petition 
des „Zentralvereines für das österreichische Blindenwesen," bei mög- 
lichster Ausschaltung des bürokratischen Systems eine Zentralstelle für 
das gesamte österreichische Blindenwesen unter Heranziehung 
eines aus Blindenfachmännern bestehenden Beirates errichtet werden. 
(Antrag Horvath). 

An das Ministerium für soziale Fürsorge ist das Ersuchen zu stellen 
im Einvernehmen mit der k. u. k. Militärverwaltung Richtlinien über 
den Begriff des sozial oder praktisch Blinden aufzustellen. (An- 
trag Mar sehn er). 

Der VI. Ost. Blindenfürsorgetag beschließt die Frage der Eröffnung 
neuer Erwerbsmöglichkeiten über den Rahmen der bisherigen 
Blindenhandwerke hinaus das regste Augenmerk zuzuwenden und eine 
schriftliche und mündliche Enquete hierüber einzuleiten. (Antrag 
Marschner). 

Dem Ministerium für soziale Fürsorge wolle es gefällig sein, im 
Interesse der Blinden des Reiches, mit Unterstützung der kompetenten 
Stellen an die Fabriken und Großbetriebe mit dem Ersuchen heranzu- 
treten, Versuche sowohl mit Kriegsblinden namentlich aber mit Zivil- 
blinden unternehmen zu wollen, zu dem Zwecke, ihnen lohnende 
Arbeitsmöglichkeiten zu geben und solche den Blinden für die 
Zukunft zu sicliern. (Antrag Haiare vi ci). 

Die Möglichkeit neuer Berufsarten ist abgesehen von ganz indivi- 
duellen Berufszweigen zuerst an Friedensblinden zu erproben und sind 
diese dann zur Ausbildung von Kriegsblinden heranzuziehen. (Anregung 
Bürklen). 



Seite lülO. Zeitschrift für das österreichisclie Blindenwesen. 10. Nummer. 

An das Handelsministerium ist mit dem Ersuciien heranzutreten, 
die amtliche Scliulimg von Zivilbliiideii als Teleplionciiischaltor 

anzuordnen und ihre seinerzeitige Anstellung zu verfügen. (Antrag 
Halarevici). 

Mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten, denen studierende Kriegs- 
und Zivilblinde in Bezug auf mangelnde Büchereien begegnen, wolle das 
Ministerium für soziale Fürsorge die Gewogenheit haben, aus den 
Mitteln des Staates eine solche Bibliothek, die aus den mit der Hand 
oder durch den Druck in Blindenschrift übertragenen allgemein zugäng- 
lichen Studieuwerken bestehen müßte, im Anschluße an das k. k. 
Blinden-Erziehungsinstitut oder an einen der bestehenden Blindenfür- 
sorge-Vereine ins Leben zu rufen. (Antrag Halarevici). 

Es sind die nötigen Schritte bei den Behörden zu unternehmen, 
daß in ähnlichem Sinne wie für die Kriegsblinden auch für die anderen 
Spätererbliiideteii die Erlangung des Meisterrechtes bei nachge- 
wiesener Ausbildungszeit in einer dazu befugten Anstalt und Itei er- 
probter Qualitikation ermöglicht werde. (Antrag Herz). 

Um dem hindernden Wettbewerb und dem Materialmangel in den 
Blindenhandwerkeu abzuhelfen, sind bei den zuständigen Behörden 
Schritte zu tuu, ein Verbot der Blindenhandwerke in den Inva- 
lidenhäusern zu erwirken. (Anregung Wagner). 

Es mögen bei den kompetenten Stellen Schritte behufs seiner- 
zeitiger Verwendung der für die Kriegsblindenfürsorge gesam- 
melten 31ittel eingeleitet werden, mit der Bitte, diese 3[ittel seiner- 
zeit der allgemeinen Blindenfürsorge zuzuführen. (Antrag 
Horvath). 

Das Ministerium für soziale Fürsorge ist zu ersuchen, im Einver- 
nehmen mit der k. u. k. Militärverwaltung der Züchtung und Anler- 
nung von Blindenführhunden das regste Augenmerk und materielle 
Unterstützung angedeihen zu lassen, um ähnlich wie im deutschen 
Reiche in entsprechenden Fällen Kriegs- und Friedensblinde mit Blin- 
denführhunden zu beteilen. (Antrag Marschner). 

Schalfung einer Institution (aufgebaut auf dem Boden der Selbst- 
verwaltung) als Zentralorgan der Blindenfürsorge, das die Richt- 
kraft sichert und dem gesamten Fühlen und Wollen der Blinden Aus- 
druck und Verkörperung verleiht, 

Schaffung einer generellen Produktiv-Assoziation zur Sicher- 
stellung der ökonomischen Existenz der Blinden. 

Die Durchführung der Reformtätigkeit soll als Aktion der Selbst-. 
Geselischafts- und Staatshilfe, die Gestaltung der Blinden-Arbeit wie 
die Erfüllung der weittragenden Aufgaben selbst als Aktion der Selbst- 
fürsorge getroffen werden. (Anregung Altmann). 

Das Ministerium für Volksgesundheit ist um die obligatorische 
Einführung des Crede-Verfahrens zur Verhütung der Angenentzüu- 
dung der Neugeborenen zu bitten. (Anregung Wagner-R aut er). 

Der Verlauf der Tagung war in Kürze folgender: 

Der Obmann des vorbereitenden Ausschusses, Direktor K. Bürklen 
leitete dieselbe mit der Darlegung der Gründe ein, welche zur Abhal- 



10. Niiinmer. Zeitschrift für das Osten eichische Blindenwesen. Seite 1011, 

tung in Wien führten und machte den Vorschlag zur Wahl ins Präsi- 
dium : 

Ehrenpräsident: Hofrat H. Ritter von Ghlumetzky, Brunn. 

Präsident: Kons-istorialrat Direktor A. M. Pleninger, Linz. 

1. Vizepräsident: Regierungsrat Dr. R. Marschner, Prag. 

II. Vizepräsident: Leiter des Blindenheimes F. Geiger, Salzburg. 

IIL Vizepräsident: Dr. F. Elias, Triest. 
Schriftführer: S. Altmann, Wien, A. Zierfuß und 0. Wanecek. 

Purkersdorf. 

Es ergab sich hiebei nur die Störung, daß den erkrankten Präsi- 
denten Direktor Pleninger Direktor Bürlen vertreten mußte, bis 
die Leitung au den L Vizepräsidenten Dr. Marschner übergeben wer- 
den konnte. 

Als Erster ergriff der Ehrenpräsident Hofrat v. Chlumetzky das 
Wort nnd berührte mit markigen Worten die große Bedeutung des 
Tages. Die x\nsprache des Präsidenten Konsistorialrat Pleninger gab 
nach einem von tiefer Empfindung getragenen Nachruf für weiland 
Kaiser Franz Josef einen Überblick über die Errungenschaften auf 
dem Gebiete der Blindenfürsorge in der franzisco-josefinischen Zeit. 
Huldigungsworte wurden an Ihre Majestäten Kaiser Karl und Kaiserin Zita, 
sowie an den nohen Schutzherrn der Kriegsblinden P>zherzog Karl 
Stephan gerichtet. 

Nun folgten die Begrüßungsausprachen der Vertreter von Behörden 
und Körperschaften, von denen sich besonders die des Sektionschefs 
im Ministerium für soziale Fürsorge v. Ga Steiger durch Geist und 
Herz sowie klare Erkenntnis der Sachlage auszeichnete, worauf in die 
Verhandlungen eingegangen werden konnte. 

Am ersten Tage behandelte der Nestor der österr. Blindenlehrer- 
schaft kais. Rat Direktor S. Heller die Aufgaben der Kriegs- 
blindenfürsorge. Seine tiefdurchdachten, das ganze schwierige Prob- 
lem erleuchtenden Ausführungen besagten, daß der unvermittelte Über- 
gang von der Sehfähigkeit zur Blindheit die seelische Verfassung derart 
beeinflußt, daß der Kriegsblinde einerseits glaubt, sozial vernichtet zu 
sein, anderseits aber unklare Rechtsansprüche nährt. Den seelischen 
Au.sgleich vermag nur die Arbeit zu bringen. Kais. Rat Heller hat die 
weiteren Wege mit überzeugender Sicherheit aufgewiesen, was seine 
Ausführungen zu den bedeutsamsten unter den Publikationen macht, 
die diesen Fragen gewidmet, worden sind. 

Direktor Bürklen erstattete über den Stand der Blindenfürsorge 
in Österreich einen genauen Bericht und sprach über die Richtlinien, 
die eine gesunde Entwicklung nehmen sollte. Er trat vor allem für die 
Selbsthilfe der Blinden, für unterrichtliche und berufliche Ausbildung 
Schwachsichtiger, Errichtung von Anstalten und Vorschulen ein und 
richtete an den Staat den Ruf, die Führung in der Blindenfürsorge 
zu übernehmen. 

Besondere Beachtung wurde dem Vortrag des Obmannes des öst. 
Blindenvereines kais. Rat v. Horvath geschenkt. Er sprach über Ein- 



Seite lOl'J. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

Wirkungen der Kriegsblindenfürsorge auf die allgemeine 
Blindenfürsorge in günstigen wie in ungünstigem Sinne. Nachdrück- 
lichst erhob er den Vorwurf, daß man die Friedensblinden und ihre 
Organisationen bei der Behandlung der Kriegsblindenfrage unberück- 
sichtigt gelassen und sie nicht zur Mitarbeit, die sicher segensreich 
gewesen wäre, herangezogen hat. Seine Rede gipfelte in einer Reihe 
von Anträgen, die Wandlung in dieser Hinsicht anstreben. Sie wurden 
allseitig lebhaft begrüßt. 

Am zweiten Tage sprach Blindenlehrer AI tmann über die Reform 
der Blindenfürsorge und bewies, daß sie in ihren heutigen Formen 
überlebt ist. Nicht nur die ethische Seite sondern die ökonomisch posi- 
tive, neugestaltende Seite müsse die Reformbewegung vor allem ins 
Auge fassen. Nur einträchtiges Zusammenwirken soll in der Blinden- 
fürsorgo platzgreifen, nur ein solches, von der Gesamtheit diktiertes 
Streben führt zum Erfolg. Wir brauchen einerseits eine zentrale Stelle, 
einen Kristallisationspunkt aller Blindenfragen, anderseits aber Arbeit- 
Assoziation, um die ökonomische Existenz der Blinden zu sichern. Die 
Errungenschaften der sozialen Gesetzgebung müßten auch für die 
Blinden erreicht werden. Altmann hat in geistvoller, temparament- 
voller Art ein klares Bild einer möglichen und befriedigenden Reform 
gezeichnet. 

Blindenlekrer Halarevici (Thema Blindenberufe und Kriegs- 
blinde) zeigte, daß die Forderung, die Kriegsblinden in ihre alten Be- 
rufe zurückzuführen, namentlich bei den Landwirten möglich ist. 
Die landwirtschaftliche Schule in Straß hätte derartige Erfolge gezeigt, 
daß derartige Versuche an verschiedenen Stellen mit bestem Gelingen 
nachgeahmt wurden. Er gedachte aber auch anderer Berufe, namentlich 
auch der geistigen und forderte die Errichtung einer Institution ähnlich 
dem Marburger Studienheim. 

Lehrer Wanecek brachte eine kleine Auswahl von neuen Lohr- 
behelfen, zu denen er erläuternde Bemerkungen machte, und wies auf 
die Neuerungen namentlich in bezug auf die neuen Druck- und 
Schreibmethoden, auf den Ausbau der Blindenbibliotheken und das 
Hochulstudium der Blinden hin. 

An den Wechselreden beteiligten sich eine große Anzahl von 
Rednern. 

In den Schlußreden konnten der Ehrenpräsident v. Chlumetzky 
und der Vizepräsident Dr. Mars ebner auf die erfreulichen Ergebnisse 
der Tagung hinweisen. Mit einem: „Auf Wiedersehen in Salzburg!," wo 
der nächste Tag stattfinden soll, gingen die Teilnehmer auseinander. 

Es sei noch erwähnt, daß die Teilnehmer das „Laboratorium 
für exp. Pädagogik an der Lehrerakademie" besuchten, wo sie 
vom Leiter desselben Inspektor Dr. Kammel begrüßt und ihnen die 
Versuche zur Festeilung der Druckstärke beim Tastlesen gezeigt wurde 

An festlichen Veranstaltungen, wie sie mit früheren Tagungen 
verbunden waren waren, fehlte es am VI. Fürsorgetag zum Bedauern 
des Ortsausschusses, der gerne die Gastlichkeit der schönen Wiener 
Stadt in besserem Lichte gezeigt hätte. 



I 



10. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 1013. 

Eine Plauderstunde über den Krieg bei blinden Erstklassern. 

Eine Kriegsplauderstuiide mit 20 blinden Kindern. Wie frucht- 
briitgend wäre es, einzugehn auf das Gefühlsmäßige, den Seelenschwan- 
kungen nachzuspüren, die das Innere unserer kleinen Blinden erschüttern, 
wenn Begeisterung und Weh, Glücksempfmden und jammerndes Herz- 
leid auch an ihre kleine Welt heranbranden! Wie dankbar, wenn wir 
abwägen könnten zwischen der eigenartigen Gestaltung der Kriegsphy- 
chosen im blinden Elementarschüler im Gegensatz zum Sehenden! 
Nichts von alle dem. Die folgenden Zeilen wollen anspruchsloser sein. 
Nur plaudern! 

Was für eine Menge neuer Begriffe hat uns das militärische, das 
wirtschaftliche Geschehen um uns nicht gegeben! Militärische Chargen, 
Ausrüstungsgegenstände, Kriegsmittel, Namen der Fürsten, Heerführer, 
Länder und Völker, leider auch neue Rechtsbegriffe, um nur eine Handvoll 
zu nennen von dem, was um uns immerfort genannt wird mit all den 
Betonungen, die unser Empfinden nur in den Wortklang zaubern kann. 
Was davon im Gedächtnis der blinden Kinder, wie sie in die Schule 
eintreten, haftet, das soll im Nachstehenden festgehalten werden. Dabei 
soll auf ein scharf durchdachtes System verzichtet, sondern nur kurz 
angeführt werden, was sich während der Schulstunde ungezwungen 
ergab. 

Kriegsemplinden hat sich von je im Ton der militärischen Musik- 
mittel am ursprünglichsten geäußert. Wer hätte sich im Frieden Sol- 
daten denken können ohne Trommel und Trompete! Und doch haben 
sich nur sieben von den unsrigen an den Trommelton, ebensoviele, 
aber keineswegs dieselben an den der Trompete erinnert. Da waren 
gewiß große Gedächtnislücken. Jene 7 wußten sehr genau anzugeben, 
wo sie trommeln und trompeten gehört hatten. „In der Rossauerkaserne, 
wie ich mit der Mutter auf der Schmelz war." Einer weiß es von den 
Donaumonitoren, die an seinem Heimatort vorübergefahren sind. 

Fast ausschließlich die Stadtkinder sind es, die Militärmusik ge- 
hört haben. Die im Wiener Asyl für blinde Kinder die Vorschule be- 
sucht haben, wußten alle davon. Dort ist öfter „die Musik" vorbeige- 
zogen. Einer erzählt vom Fackelzug zu Kaisers Geburtstag; da war sie 
auch dabei. 

Da wir gerade bei den Kriegstönen waren, wurde gleich gefragt, 
wer schon einmal Soldaten marschieren, wer solche reiten gehört habe. 
Dabei mag es nicht verwunderlich erscheinen, daß sie sich mehr der 
Reiter als des Fußvolkes erinnerten. Ist doch das Erscheinen eines 
Reiterzuges immer etwas Auffallendes. Wieder sind es die Landkinder 
die diese Gehörvorstellungen nicht in Erinnerung haben. Einer 
aber weiß es von deutschen Truppen her; der tut gar stolz. Ein anderer 
hat die Reiter gehört, als daheim in ihrem Dorfe eine Anzahl Russen 
entsprungen war. Ein Mädchen aber weiß es sehr genau, freilich hat 
ein andrer Sinn ihr einst davon Kunde gegeben : ,.Als ich noch in der 
Schule der Sehenden war ..." 

Marschieren und Reiten ist besser bekannt als das schwere Vor- 
beirasseln der Kanonen. Nur ihrer fünf erinnern sich daran. Eine dieser 
Antworten ist aber zweifellos unrichtig. Von einem Mädchen mit Seh- 



Seite 1014. Zeitschrift für das österreichische Hhiideii\vcLc;ii. 10. Nummer 

rest und sehr, sehr lebhafter Phantasie. Sie war in der Kriegsausstellung 
gewesen. Und da sind sie mit den Kanonen herumgefahren. An einem 
Sonntag war's, trotz der vielen Leute sind sie gefahren? Ja. Kein Ein- 
wand kann sie davon abbringen. Es ist eine offenkundige Unrichtigkeit. 
Und doch — wer mag das Mädel Lügnerin schelten? Für sie sind alle 
Kanonen in der Kriegsausstellung gefahren mit sechs Pferden vorn und 
sckmucken Artilleristen auf den Protzen. 

Fast alle kennen aber das Schießen; keiner aber vom Krieg her. 
Einmal war's ein Jäger, ein anderes Mal beim „Umgang." Einer erzählt: 
„Bei uns in Ybbs früher, wenn Kirtag war."' Wer mag heute in Ybbs 
Kirchweih feiern mit Freudenschießen? Die Totenglocke schwingt und 
klingt stärker . . . 

Hören ist dem Blinden leichter, als sehen, d. h. in Händen haben 
und betasten. Und doch haben die meisten schon ein Gewehr befühlt. 
Wieder ist ein Jäger der Vermittler gewesen. Dann auch der Vater, Bruder 
oder Onkel, der hat einrücken müssen. Elinen aber hat ein fremder 
Zugsführer auf der Gasse seine Waffe angreifen lassen. Wohl in dem 
unbewußten Drang eines Naturpädagogen. Ob er ahnt, was für einen 
starken Eindruck er in die Erinnerung des blinden Kindes geprägt, was 
für eine bleibende, klar umrissene Vorstellung er ihm geschenkt hat? 

Eigenartigerweise ist der Säbel weit weniger bekannt. Einmal war 
ein Wachmann der Vermittler der Anschauung. 

Bisher hatten die Kinder zu sagen gehabt, ob und von wem sie 
dies oder jenes gehört, bezw. betastet haben. Nun aber kam ein tie- 
feres Schürfen. Sie sollten sich aussprechen, das in Worten so abkon- 
terfeien, wie es ihre Seele kannte, was ihnen als einzelnes Wort vor- 
gesagt wurde. 

Da waren vor allem die Chargen der Soldaten. Was denn ein 
Hauptmann, sei wurde gefragt. Es wurde natürlich nicht eine genauere 
Umschreibung des Begriffes erwartet. Manche Antwort zeigte richtiges 
Verständnis. Der, der immer bei den Soldaten ist, der Anschaffende, der 
Anführer. Ein Mädchen nannte ihn. ihrem richtigen Sprachgefühl fol- 
gend, einen sehr wichtigen Mann bei den Soldaten. In der Beantwortung 
dieser Frage hatte sich das Wissen über die Vorgesetzten erschöpft. 
Vom General wußte nur einer etwas zu sagen, nämlich, daß er der 
höchste sei. 

Lebhafte Beteiligung rief auch das Wort „Landsturmmann-' heivor; 
aber zu einer sprachlichen Erklärung waren nur vier befähigt. Eine 
schöne Erklärung gab einer: „Der mit den Soldaten hinausgeht und bei 
dem Angriff mit dabei ist." Ein anderer meint damit einen, der schon ein- 
mal verwundet war und jetzt schon alt ist und nicht mehr in den 
Krieg kann. Ein dritter haftet an dem Bestimmungswort und sagt : 
„Einer, der für das Land kämpft." Bei dem Einwand, daß dies ja auch 
die anderen Soldaten täten, weiß er nicht weiter. Die beiden ersten 
Antworten deuten beziehungsreich an, daß den Kindern die Kriegslasten 
und -leiden der älteren Volkshelden nicht fremd sind, daß das Wort eine, 
wenn auch nicht allgemeine, treffende Vorstellung konkretester Art in 
ihnen wachzurufen imstande ist. 

Von den modernen Kampfmitteln ist es namentlich das Untersee- 
boot mit seiner ans Märchenhafte grenzenden Eigenart, das die Kinder 



10. Nummer. Zeilschrifl für das österreichische Biindenwesen. Seile 1015. 

hesoiiders beschäftigt. F^in Schiff, das manchmal imterm Wasser fährl 
und doch nicht untergeht! Kin Schilf, das taucht! Ein Schilf, das auf 
dem Wasser fährt, das untertaucht, wenn ein Feind kommt und das 
dicke Glasfenster hat! Ein Schilf, das unterm Wasser fährt und auf ein 
anderes ,.solche Ding-' schießt! All diesen Antworten war der Ton 
eigen, der das Wunderbare, das Phantastische an dieser Leistung der 
Menschentatkraft kennzeichnete. Die Stärke, mit der dieses Wort die 
Kleinen zu fesseln vermochte, zeigt die spontan auf die Frage zur Er- 
widerung gegebene Gegenfrage: „Bitte, was schießen sie da für Kugeln 
liei-aus?"' 

Im Bereich der Luft sind sie weit weniger daheim. Ein Zeppelin 
ist, was in der Luft so fliegen kann und wo sehr viele Soldaten darinnen 
sitzen. Einer versuchte auch eine Beschreibung, die einfach genug aus- 
fiel : Er fliegt in der Luft, daran ist ein Korb, in dem sind Bänke 
rundherum und da können die Leute sitzen. 

Von den Mämiern, deren Namen heute alle Welt durchdringt, ist 
nicht allzuviel tatsächliches im Wissen der Kinder. Am bekanntesten 
ist natürlich Hindenburg. Die Leute reden sehr viel von ihm. hieß es 
meistens. Ja aber was denn ? Daß er schon sehr viele erschossen habe. 
Ein anderer sagt gar. daß er schon viele Kompagnien desselben Todes 
hat sterben lassen. Den Vogel aber schoß ein Kleiner ab, der behaup- 
tete, daß die Mutter gesagt habe, in der Zeitung, wo ja bekanntlich jede 
Wahrheit zu finden ist, stehe, daß sie jetzt Hindenburg schon erobert 
hätten. 

Dem Grundsatze: ..Kein Prophet in seinem Vaterlande" getreu, 
wußte keines etwas von unserem Motzend or f. Naheliegend war, daß 
eine kleine Meidlingerin ihn mit dem benachbart liegenden Hetzendorf 
verwechselte. Und ein anderes Mädchen sagte, es sei dies ein Land, wo 
jetzt gekämpft werde. 

Tief aufgeregt hat einst die wiederholte Umschließung und der zwei- 
malige Fall der Festung Przemysl die Leute. Die Annahme, daß dieser 
Ort zu den bekanntesten Kriegsplätzen gehöre, fand ihre Bestätigung in 
der großen Anzahl von Antworten. Freilich wußte nur ein einziger 
den rechten Sachverhalt. Sonst wurde abwechselnd von einem unserer 
Verluste, beziehungsweise einer unserer Eroberungen gesprochen. Recht 
bezeichnend sagte einer: „Bitf ich habe schon viel gehört davon, weiß 
aber nicht mehr was.*' 

Über unsere Freunde und Feinde siud sie im allgemeinen nicht 
schlecht orientiert. Sie wurden nach dem besten Freund gefragt. Dieser 
Ehrennamen wurde 5 mal ..dem Ungarn," 4 mal „dem Deutschen." 1 mal 
..dem Böhm" zuteil. In der Ludendorff-Art wurden immer die Namen 
in der Einzahl gegeben; dies wurzelt also tief in der t^igenart der 
Volkssprache. Einer vergriff sich gewaltig, als er „den Deutschen" 
unsernf größten Feind nannte. Bei dieser Frage wurden je einmal 
angeführt „der Ruß" und „der Franzos." Das sind keine beson- 
ders populären Feinde. Anders beim Italiener. In 9 Fällen — Kinder 
sprechen die Wahrheit! — war er es, der, dem Volksempfinden gemäß. 
zu unserm größten Hasser gestempelt wurde. Dabei tat einer noch ein 
übriges und wollte das besonders Verächtliche dieses Feindes kenn- 



Seite 1016. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

zeichnen, indem er ihn mit einer bezeichnenden Gesichtsgrimasse als 
,,Italiansi<i" abtat. 

Nicht so kar sind die BegrifTe über unsere fernen Freunde am 
Balkan. Fast gleichmäßig wurden sie unter die Freund- und Feindes- 
staaten gestellt. 

Deutlich prägte sich die außerordentliche Beliebtheit imseres jungen 
Monarchen aus. „Der war bei allen Eroberungen dabei :•' „Der hat 
Görz erobert."' „Der ist überall vorn mit dabei." hieß es. Das sind 
durchwegs die Urteile der Knaben. Ein Mädchen wußte schlichter, inni- 
ger zu antworten: „Der ist recht lieb und gut mit 'allen.-' Unser Ybh- 
ser brachte Biographisches: „Er ist in Persenbeug geboren.-' Der tiefe, 
ehrliche Friedenswille des Monarchen hat im naiven Gemüt des Volkes 
sich beredt eingeprägt. Das hört man aus folgender Antwort heraus: 
„Bitf im Sommer ist in der Zeitung gestanden, daß er bald abdanken 
wird, wenn nicht bald Frieden wird.-' 

Die Zeitung, dieser Hort der Wahrheit, wurde öfter als Beleg 
herangezogen. So auch bei der Frage über Kaiser Wilhelm. In der 
Zeitung ist gestanden, daß er erstochen worden ist." Ob wohl die Kleine 
ihre Weisheit aus der ,.Temps" zu Kriegsbeginn geschöpft hat? Eine 
andere kündet freudestrahlend, daß sie mit ihm am selben Tage Ge- 
burtstag habe, was sich auch als richtig erwies. Sonst ist der Bundes- 
monarch nicht so allgemein bekannt bei den Kindern wie Kaiser Karl. 
Eine wichtige Aufgabe weist ihm einer zu: ,.Wenn einer recht tapfer 
ist, so kommt Kaiser Wilhelm über den Kriegsschauplatz geritten und 
gibt ihm die Medaille." 

Nun noch eine Frage, die das Hechtsgefühl zur Äußerung bringen 
sollte: „Wer hat den Krieg angefangen?" Überraschend war die unbe- 
irrbare Bestimmtheit, mit der ein Mariazeller Bauernbub behauptete: 
„Der Serb." Der Vater hätte es gesagt. Durchwegs wurde „der Serl)" 
als Anstifter bezeichnet. Einer aber wußte sein- genau. Es sei zum 
Kriege gekommen, weil die Serben den Thronfolger (^-mordet und dem 
Kaiser keine Ruh gegeben hätten. 

Am Schlüsse wurden sie gefragt: „Was machst Du, wenn der 
Friede kommt?" Da wußten fast alle eine originelle Antwort. Viele 
rechnen scheinbar noch mit einer längeren Dauer des Krieges. ,.Dann 
werde ich schon Musik können und dann fahr ich mit dem Schiff nach 
Venedig.-' Ein anderer meint auch, daß er dann schon Musik können 
wird, der will dann mit seinem Bruder zusammenspielen. Ein dritter 
erweist seine praktische Natur: „Dann kann man wieder etwas ver- 
dienen." Rührend bescheiden ist die Antwort eines ganz Kleinen: „Dann 
setz ich mich auf den Vater seinen Schoß und laß mir erzählen.-' Ein 
anderer aber will, daß ihm dann seine Mutter eine Ziege und ein 
(Trammophon kaufe. HolTentlich treibt er"s mit dem letzteren dann nicht 
so arg wie dies Gebrauch der (Jrammophonbesitzer ist. 

Zwei aber sagen: ..Wenn Frieden ist. wünsche ich mir. daß ich 
sehend werde.-' Wäre die Menschheit sehend, dann müßte längst ein 
Friedenssonnentag übei- der Welt strahlen. Hollen wir, daß sein Morgen- 
rot bald verheißungsvoll, daß der kleine Blinde am Schöße seines Vaters 
sitzen und sich erzählen lassen kann — nicht vom Krieg und seinen 
Schlachten sondern von der leuchtenden Zukunft im friedengesegneteii 
Vaterland. W. 



10. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 1017. 

Personalnachrichten. 

— Hofrat Prof. Dr. 0. Bergmeister. Am 3. Oktober ist der 
lierühmte Augenarzt im 75. Lebensjahre gestorben. Hofrat Bergmeister 
war 184.5 zu Silz in Ttrol geboren, studierte in Innsbrucic und Wien. 
[874- habilitierte er .sich als Privatdozent der Augenheilkunde an der 
Wiener Universität auf (irund einer Abhandlung „Beiträge zur Beur- 
teilung der Aderhautentzündung und ihres Eintlußes auf das Sehvermö- 
gen."' die in v. Grollers Archiv erschien. Schon vorher hatte er sich in 
der medizinischen Literatur eingeführt und die Aufmerksamkeit der 
Fachkreise auch des weitesten Auslandes auf sich gelenkt. Bald folgte 
eine Reihe Veröffentlichungen klinischen Inhaltes sowie vergleichende 
Studien über die P^ntwicklungsgeschichte des Auges ; zugleich entwik- 
kelte er eine ungemein rege Lehrtätigkeit, die sich auf alle Gebiete der 
Augenheilkunde erstreckte und ihn zu einem der gesuchtesten Dozenten 
machte. Sein menschenfreundlich.es Wesen und der tiefe Berufsernst, 
die ihn erfüllten, hatten ihm vom Anbeginn die Liebe und Verehrung 
seiner Hörer erworben. 

Hofrat Dr. Bergmeister war mehr als 40 Jahre lang Augenarzt 
der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf und lieh auch dem A.syl 
für bltnde Kinder in Wien XVII seine wertvolle Mithilfe. Hatten wir 
vor einem Jahre den großen Arzt und edlen Menschen von seiner Le- 
bensarbeit scheiden sehen, so erfüllt uns sein Hingang mit Wehmut 
und Trauer. Sein Andenken werden wir in Treue bewahren. 

— Auszeichnung. S. M. der Kaiser hat dem Direktor des k. k. 
Blinden-Erziehnngs-Institutes in Wien II Regierungsrat A. Meli in An- 
(>rkennung seiner Verdienste um die Kriegsblindenfürsorge den Titel 
und Charakter eines Hofrates verliehen. 

Aus den Anstalten. 

— In der Wiener Blinden -Versorgungs- und Beschäftigungs- 
anstalt sind — zum größten Teile infolge von Todesfällen — mehreie Plätze 
erledigt. Trotz der Schwierigkeit der Verpflegung hat die Direktion, um mehreren, 
sehr berücksichtigungswerten armen Blinden zu helfen, zwei männliche und vier weib- 
liche Blinde mit Anfang Oktober aufgenommen. 

Aus den Vereinen. 

— Zentralverein für das österreichische Blindenwesen. Am 
1. Oktober d. J. fand im Sitzungssaale des n. ö. Landhauses die Generalversamm- 
lung des Zentralvereines für das österreichische Blindenwesen statt. Die Teilnehmer- 
zahl, verstärkt durch früher erschienene Mitglieder und Gäste des VI. Ost. Blinden- 
fürsorgetages, war diesmal größer als in früheren Jahren. 

Nach der Begrüßung durch den Präsidenten, Direktor K. Bürklen und Ver- 
handlungsschrift durch den Schriftführer Hauptlehrer J. Kneis erstattete der erstere 
den Tätigkeitsbericht, welchem zu entnehmen ist : 

Die Mitgliederzahl beträgt einschließlich der 3 Ehrenmitglieder 126. Das 
Hauptbestreben galt der Weiterführung und Ausgestaltung des Fachorganes, der 
»Zeitschrift für das öst. Blindenwesen.« Den finanziellen Schwierigkeiten, denen die 
Zeitschrift ausgesetzt war, suchte das Präsidium durch Werbung um Spenden und 
Subventionen Herr zu werden, was auch dank ger Opferbereitschaft vornehmlich 
privater Kreise, Industrieunternehmungen u, s. w. gelang. 



Seite 1018. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

In dem Bestreben, den durch den Krieg in Not geratenen BHnden und 
ärmeren Blindenvereinigungen zu helfen, wendete sich das Präsidium an die ver- 
mögenden Blindenvereine und Fürsorgeanstalten. Dem Direktorium der Beschäfti- 
gungs- und Versorgungsanstalt in Wien VIII und seinem Direktor H. O. Stok- 
laska sowie dem I. öst. Blindenvereine gebührt tür die rasche Unterstützung der 
wärmste Dank. 

Zum Schutze der blinden Musiker, wurde über Anregung des Blindenunter- 
stützungsvereines >Die Purkersdorfer« an den Musikerverband, der die Gesetzwer- 
dung eines allgemeinen Musikerschutzes anstrebt, eine Eingabe gerichtet und um 
Berücksichtigung der blinden Musiker im Gesetzentwurf gebeten. Diese Bitte fand 
freundliches Entgegenkommen und wird, wenn die Angelegenheit spruchreif sein 
wird, beachtet werden. 

Neue Errungenichaften, wie das Dr. Herzsche Druckverfahren und das Posta- 
phon wurden begutachtet und nach Kräften gefördert. 

Manche Anregungen des letzten Fürsorgetages konnten wegen der Kriegs- 
verhältnisse noch nicht zur Durchführung gelangen, wurden aber stets im Auge 
behalten und werden bei der ersten sich bietenden Gelegenheit weiter verfolgt 
werden. 

Neuwahl : Über Antrag des Herrn Fachlehrer J. Umlauf, Brunn, wird die 
alte Vereinslnitung vollzählig wiedergewählt. 

Die Generalversammlung genehmigt sodann den Antrag des Ausschusses, 
Herrn Hoforganisten J. Labor zum Ehrenmitgliede zu ernennen. 

Kassier Hauptlehrer De mal berichtet über die Kassagebahrung. Der derzeitige 
Kassastand sei günstig und betrage 4949 K. So erfreulich diese Ziffer auch sei, 
müsse man aber doch auch auf die Zukunft bedacht sein, weil die Kosten für die 
Zeitschrift stetig wachsen. Mit Rücksicht darauf beantragt Kassier Demal die Hin- 
autsetzung des Mitgliedsbeitrages (inklusive Zeitschrift) von 4 auf 6 K, ebenso der 
Abnahmegebühr für Nichtmitglieder von 4 auf 6 Kronen jährlich. Nach längerer 
Wechselrede einigt man sich auf Mitgliedsbeitrag 3 K, Zeitungsgebühr für Mitglieder 
3 K (zusammen 5 K) und Bezugspreis für Nichtmitglieder 6 Kronen. 

Rechnungsprüfer Wanecek beantragt die Entlastung (angenommen). 

Anträge: Obmann F. Uhl beantragt: Daß die noch nicht erledigten Beschlüsse 
vorangegangener Fürsorgetaoe aufgegriffen und baldiger Behandlung zugeführt 
werden. 

Direktor Rauter regt an, daß man an das neugegrUndete Ministerium für 
Volksgesundheif herantrete und wegen Gesetzwerdung des Impf- und Credeisierungs- 
zwanges vorstellig werden sollte. 

Mit dem Dank für bisherige und der Bitte um zukünftige Unterstützung 
schließt der Präsident die Generalversammlung. 



Für unsere Kriegsblinden. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende Septem bjer 1. J. 

— Neue Freie Presse. 1,318.375 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 4,221.514 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 320.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 85.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 35.800 K. 



Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindeowesen in Wien. Redaktionskomitee: K. BUrklen, 
J. Kneis, A. t. Horvath, F. Uhl, — Drack tod Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



Verschiedenes. 

— Wirkung der Milchinjektionen. Die auffallendste Wirkung ent- 
falten die Milchinjektionen bei der Augenblennorhöe. Die erste Mitteilung des Wie- 
ner Augenarztes Dozenten Leopold Müller, der einige verzweifelte Fälle durch Milchin- 
jektionen heilte, hat großes Aufsehen hervorgerufen, wurde sogar bezweifelt. Aber die 
Nachprüfung ergab die Richtigkeit der zauberhaften Wirkung. Nun veröffentlicht 
der Budapester Augenarzt Dozent Dr. L. v. Liebermann in der »Wiener Med. 
Wochenschrift« seine Erfahrungen, die er im Rochusspital mit den Milchinjektionen 
bei Augenblenorrhöe in 150 Fällen erzielt hat und bestätigt die großartige Wirkung 
des einfachen Mittels. Er kommt zu folgenden bemerkenswerten Schlüssen. »Die 
Unannehmlichkeiten der Milchinjektion wurden von einigen Autoren bedeutend 
überschätzt. Sie stehen zum mindesten in gar keinem Verhältnis mit der »Unan- 
nehmlichkeit einer eventuellen Erblindung! Die Temperaturen von 39 bis 40*5*' C 
werden ausnahmslos gut vertragen. Schüttelfrost ist selten, Kopfschmerzen in er- 
träglichen Grenzen. Die nach fünf bis zehn Kubikzentimeter (gewöhnlich gebe ich 
sieben bis acht Kubikzentimeter) entstehenden lokalen Anschwellungen sind selten 
länger als 24 bis 48 Stunden schmerzhaft. Angesichts solcher Resultate, wie die 
hier mitgeteilten, die mit den Beobachtungen fast aller Ophtholmologen überein- 
stimmen, halte ich es für unangebracht, wenn Arbeiten lediglich durch theoretische 
Einwände die Milchtherapie zu diskreditieren suchen und vor weiterer klinischer 
Anwendung und Erprobung derselben warnen. Daß die theoretischen Grundlagen 
noch wenig erforscht sind, ändert an den zahlreichen einwandfrei beobachteten kli- 
nischen Erfolgen nichts und die theoretische Möglichkeit gewisser Schädigungen 
kann nach so vielen klinischen Beobachtungen, die die Unbedenklichkeit der Be- 
handlung zeigen, wohl auch als erledigt gelten. Zum mindesten stehen die theore- 
tisch nicht auszuschließenden Schädigungsmöglichkeiten prozentuell in gar keinem 
Verhältnis zu den sowohl auf diesem, wie auch auf anderen Gebieten erzielten be- 
deutenden Heilerfolgen.« 

— Erblindung durch Geschoßexplosionen. Die Geschwindigkeit der 
Schallwellen beim Abgang ans dem Geschoß hängt demnach von der Menge und 
der Art des Explosivstoffes ab. Sie beträgt schon in einer Entfernung von 30 Metern 
nur noch 400 Meter, bei einer Anfangsgeschwindigkeit von etwa 2000 bis 3000 Se- 
kundenmetern. Auch der Druck nimmt rasch ab und beträgt bei 20 Metern nur 
mehr 2 bis 3 Kilogramm, bei 50 bis 60 Metern ist er praktisch gleich Null. Die 
Gehirnrinde ist aber überaus empfindlich. Man kann das Gehirn als einen Körper 
aus einer verschiebbaren Masse auffassen, die mit einer nicht komprimierbaren 
Flüssigkeit in einer starren Kapsel, dem Schädel, eingeschlossen ist und mit der 
Außenwelt nur ganz schmale Verbindungen besitzt, je nach dem Standort des 
Mannes gerade im Augenblick der Explosion können durch die heftige Erschütterung 
die verschiedensten Erscheinungen auftreten, unter anderem auch Blindheit und 
Taubheit. 

Bücherschau. 

— P. Lang: Den Kopfhoch! Ein Ratgeber und Trostbuch für Erblindete 
und deren sehende Umwelt. (H, Stürtz, Würzburg 1918). Wieder ein Buch eines 
Blinden, in dem uns der erblindete Lehrer Paul Lang in Würzburg Erlebtes, Er- 
dachtes und Erfragtes aus seiner Blindheit mitteilt. Und alles gleich wertvoll und 
gehaltvoll. Wir erleben in dem Buche den erschütternden aber auch erhebenden 
Verlauf des Erblindetenschicksals und ist es dadurch ein Trostbuch, so bietet es 
als Ratgeber den Schicksalsgenossen wichtige, praktische Winke für das Verhalten 
in seiner Blindheit. In dem Kapitel drückt sich die scharfe Beobachtungsgabe des 
Verfassers aus. Aber wir lernen ihn auch als gemütstiefen Menschen und federge- 
wandten Schriftsteller kennen. Namentlich die von ihm herrührenden eingestreuten 
Gedichte zeugen davon. Das Buch Lang's wird uns jenes von Jüval (Der Blinde 
und seine Welt) mehr als ersetzen. 

Mitteilung. 

— Ortsausschuß für den VI. Ost. Blindenfürsorgetag. Die p. t. Aus- 
schußmitglieder werden zu der am Montag, den 21. Oktober 1. J. in der Ver- 
sorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien VIII, Josef- 
städterstraße stattfindenden Ausschußsitzung höflichst eingeladen. 



Für 8 jähriges Mädchen wird zum weiteren Privatunterricht auf 
dem Lande in schöner Gebirgsgegend Schlesiens sehender Blinden- 
lehrer oder Blindenlehrerin tür bald oder später gesucht. 
Bewerbungen mit Zeugnis und Bild an: 
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Wien, XVII., Hernaiser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorschulpflichtigen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung. 

Die „ZentPQibibliotheh filp Bünde in Osteppeicli", 

Wien XVIII, Währinger Gürtel 136, 

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Blinden-Unterstützungsverein 

„DIE PURKERSDORFER" 

Wien V., Nikolsdorfergasse 42. 

Zweck des Vereines: Unterstützung blinder Mit- 
glieder. Arbeitsvermittlung liir Blinde. Erhaltung 
derMusikalien-Leilibibliotbek. Telephon 10.071. 



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D 

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Organ des „Zentralvereines für das österreichische Blinden- 
— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



Schriftleitung 
Purkersdorf 
bei 'Wien. 
Österreichisches 
Postsparkassen- 
konto Nr.l 32.257 



Das Blatt erscheint 
monatHc±i einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



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Bezugspreis 


D 


n 


ganzjährig mit 


n 


D 


Postzustellung 


D 


n 


4 Kronen, 


D 


D 


Einzelnummer 


D 


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40 Heller. 


U 



5. Jahrgang. 



Wien, November 1918 



11. Nummer. 



INHRLT: Die Zeitereignisse und unsere Sactie. F. Demal, Purkersdorf: Der 
Dezimalpunkt. Ig. Krieger, Wien: Kindergärten für Blinde. Die Kriegsblinden- 
fürsorge in Mähren. Personalnachrichten. f\us den Anstalten. Für unsere 
Kriegsblinden. Verschiedenes. (Ankündigungen). 



D 



B= 



=H 



D 



3 Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische ^ 

Biindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VIII, 
3 Josef Städterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. ^ 

□Im - . ^[51 



Bücherschau. 

— F. V. Gerhardt, Abriß der Blindenkunde, Vom Verein der deutsch- 
redenden Blinden wurde eine Zentralstelle für Blindenforschung geschaffen, als deren 
Leiter Dr. Ferd. v. Gerhardt zeichnet. Sie will unter anderem eine Reihe von 
Schriften herausgeben, die im Dienste der Blindenforschung stehen. Die erste davon 
liegt bereits vor. Sie führt den Titel »Abriß der Blindenkunde« und hat Dr. Ferd. v. 
Gerhardt zum Verfasser. Sie gibt vorerst einen kurzen geschichtlichen Überblick 
über das Blindenwesen, der auf so manche im Volke noch heute lebendige Wahn- 
vorstellung von Sein und Können der Lichtlosen hindeutet. Dr. v. Gerhardt ver- 
tritt die Ansicht, daß wohl äußere Maßnahmen und EinJichtungen für Blinde zahl- 
reich vorhanden wären, doch die innere Geschlossenheit eines Systems fehlt, das 
den Blinden stützt und in allen Lebenslagen Halt gibt. Die heutigen Fürsorgeein- 
richtungen seien noch vielfach von den Begriffen Mitleid und Wohlwollen zu sehr 
beeinflußt. Darunter leide aber das eigentliche Ich des Blinden, der sich nicht ge- 
nügend verstanden und unbefriedigt fühlt. Die Tatsache, daß der Blinde im Gegen- 
satz zum Sehenden einen Vorstellungsinhalt nicht durch einen Gesamteindruck er- 
hält, sondern ihn stückweise, wie es die verbliebenen Sinne bedingen, aufbauen muß, 
führt den Verfasser zu einer Reihe von Forderungen für die Behandlung des 
blinden Kindes im Elternhaus und in der Schule, Praktische Ratschläge uud An- 
sichten äußert er auch über Berufswahl und Blindenehe. Umfangreiche Zusammen- 
stellungen von Blinden-Anstalten und -Asylen, sowie von Stiftungen, für Blinde be- 
stimmt, beschließen das Büchlein, das als Ratgeber für Fürsorgestellen, Ärzte, Geist- 
liche und Erzieher gedacht ist, und auch von jedem Fachmann mit Gewinn gelesen 
werden wird. ^^■ 

— Kodolitschv. NenweinsbergHelen: »Mein Bl i nder .« (Graz 1917, 
Leykam). Die Dichterin schildert in gewandten Versen die Rückkehr eines kriegs- 
blinden Offiziers zu seiner Frau. Schwer ringt der Erblindete mit seinem Schicksal, 
bis ihm auf dem Firmamente seiner Finsternis vier Sterne aufgehen, welche ihm zur 
Hoffnung der Zukunft werden: »Mein Gott der Weisheit und mein Vaterland, mein 
treues Weib und unser Kind der Liebe.« Ebenso tief wie das Schicksal des Erblin- 
deten fühlen wir die seelische Erschütterung der Frau, deren unwandelbare Liebe 
den schwankenden Mann wieder zur Bejahung des Lebens führt. Das Gedicht ist das 
Bekenntnis eines edlen Frauenherzens. 

— Rappawi A. : Beiträge zur Geschichte der Kriegsblinden- 
(Brunn, Selbstverlag). Das Heftchen enthält verschiedene Fülle von Kriegserblindungen 
aus alten Zeiten wie aus der Gegenwart, wobei Fälle grausamer Blendungen im Welt- 
kriege besonders angeführt werden. 

— Halarevici G. Die Fürsorge für die Kriegsblinden des Her- 
zogtums Bukowina im Rahmen de r B 1 i nd enf ür sorge Ös ter r ei ch s 
(Cernowitz, Landeskommissiem für^ heimehrende Krieger). Das mit Bildern reich 
ausgestattete Büchlein gibt einen Überblick über das Auftreten der Kriegsblinden, 
erwähnt besonders die Tätigkeit des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes inWien II. 
für die österreichischen Kriegsblinden und zeigt uns das Leben in der landwirt- 
schaftlichen Kriegsblindenschule in Straß (N. Ö). Für die Bukowina schlägt der Ver- 
fasser die Schaffung eines Kriegsblindenheimes und einer Reihe anderer mit der 
Kriegsblindenfürsorge zusammenhängenden Einrichtungen vor. 

Verschiedenes. 

— Ungarischer Blindenhund. Am 22. Sept. 1. J. fand in Budapest die 
Gründung des »Blindenbundes« für Ungarn in einer Versammlung von bei nahe 
300 Teilnehmern statt. Diese erste Vereinigung der Zivil- und Kriegsblinden beab- 
sichtigt in allen gemeinsamen Interessen der Blinden weit eigenen Kräften tätig zu 
sein. 

Es wurden zur Vertretung des j^Blindenbundes« gewählt: Dr. Mändy, Advo- 
kat (erbl. Oberleutnant), J. Verar, Grundbuchsführer (erbl. Stabswachmeister), 
G. Baikay, ßlindendrucker, Dr. N. Bänö, Ingenieui und Notar, G. Ru snäk, 
Korbflechermeister (letzter Zivilblinde), ergänzt durch einen Ausschuß von 30 Mit- 
gliedern aus den erfahrensten und intelligentesten Blinden. 




5. Jahrgang. 



Wien, November 1918. 



11. Nummer. 



^ Blindheit und Taubheit machen für den ^ 

^ Sozialismus besonders empfänglich. Helene Heiler ^ 



Die Zeitereignisse und unsere Sache. 

Sowohl der V. als auch der VI. Österr. Blindenfürsorgetag fanden 
unmittelbar vor dem Eintritte welthistorischer Ereignisse statt. Bald 
nach dem V. Tage standen wir in den Stürmen des Weltkrieges und 
wir richteten damals in einem Aufrufe an unsere Fachkreise die Bitte, 
unbeirrt von den blutigen Kämpfen auf den Schlachtfeldern, opferfreudig 
in dem Gedanken an eine siegreiche Überwindung aller kommenden 
Schwierigkeiten, in unserem Fache weiter zu arbeiten, mit doppeltem 
Eifer tätig zu sein auf dem Gebiete, in das uns die Bestimmung ge- 
stellt hat, in der Fürsorge für unsere Blinden. Dieser Aufruf ist 
nicht ungehört verhallt, wenn auch die durch den Krieg hervorgeru- 
fenen Hemmungen fühlbar genug waren und der Blindenfürsorge durch 
den Krieg zu der alten auch noch neue Aufgaben erwuchsen. Der VI. Tag, 
der abermals alle Fachkreise unseres Vaterlandes Österreich zu gemein- 
samer Beratung vereinigte, zeigte von dem ernsten Streben, für unsere Sache 
neue Grundlagen zu einer glücklichen Weiterentwicklung zu schaffen. 
Ehe noch an die Durchführung der Versammlungsbeschlüsse gegangen 
werden kann, setzten politische Ereignisse ein, welche tiefgehende Um- 
wälzungen in unserem Staatsleben hervorrufen dürften. Welche Ver- 
änderungen sie auf dem bisher gemeinsamen Gebiete unserer Blinden- 
fürsorge mit sich bringen werden, ist heute wohl noch unklar. Wenn 
dieselben durchaus nicht so bedeutende sein dürften, als von mancher 
Seite vielleicht angenommen wird, so empfiehlt es sich doch, unseren 
Standpunkt in der Sache möglichst früh festzulegen und den Tatsachen 
kühl ins Auge zu sehen. Es sind daher einige Worte zu den Zeitereig- 
nissen wohl am Platze. 



Seite 1024. Zeitschrift für das österreichische BUndenwes^en. 11. Nummer. 

Im politischen Treiben der Gegenwart spielen die Nationalitäten- 
fragen ganz eine exzesive Rolle. Im Parlamente sagte ein Redner sehr rich- 
tig, daß es geradezu eine „Krankheit der Zeit ist, alles in der Welt nur 
durch die nationale Brille zu sehen". Wie hat sich unsere Sache zu 
den nationalen Leben der östereichischen Völker bisher verhalten und 
wie soll dies weiter geschehen, ob diese Völker nur politisch vereinigt 
bleiben oder nicht? 

Völkerstreit gehört zur Politik und — es muß dies besonders heute 
betont werden — Politik hatmitunsererSachenichts zu tun. 
Vor dem Elend und der Hilfs bedürftigkeit, wie sie si ch be- 
sonders in der Blindheit verkörpern, hat jede Politik Halt 
zu machen, denn es wäre erbärmlich, wollten politischer Haß und 
Unduldsamkeit sich auch in diese Kreise humanitären und sozialen Wir- 
kens eindrängen. Bisher war unsere Gemeinschaft zum Wohle der öster- 
reichischen Blinden frei von derlei zersetzenden Bestrebungen. Ein- 
trächtig wirkten Männer und Frauen der verschiedensten nationalen, 
religiösen und sozialen Bekenntnisse für unsere schöne Aufgabe und 
stellten in Gefühl und Vernunft die Sache stets über alle trennenden 
Momente. Und so wird es auch in der Zukunft bleiben. Dafür birgt 
die Heiligkeit der Sache, welcher wir dienen, und welche nur reine 
Menschlichkeit und soziales Mitempfinden als Triebfedern anerkennen kann. 

Die Blindenfürsorge ist eine soziale Aufgabe und nur 
insoweit politische Gemeinschaften sozial zu wirken vermögen, haben 
sie ein Recht, an dieser Aufgabe teilzunehmen. Wenn der Nationalismus 
Streben nach möglichster Vervollkommnung eines Volkes auf allen Ge- 
bieten bedeutet, so wird er auch fähig sein, der Fürsorge für die Blin- 
den zu dienen. Es kann nur freudigst begrüßt werden, wenn jedes 
Volk für sich auf dem Gebiete der Ausbildung und Versorgung seiner 
Blinden sich die bestmöglichsten Einrichtungen schafft. In diesem edlen 
Wettbewerb wird sicher kein Volk das andere hindern. Im Gegenteil ! 
Der Wettbewerb wird anregend und über politische Grenzen hin anzie- 
hend wirken. In diesem Sinne wird die Blindefürsorge eine gemein- 
same Angelegenheit aller Völker werden, mehr als bisher ! 

Nun noch etwas zur Frage der zukünftigen Regierungs- bezw. Ver- 
waltungsform in den einzelnen Volksgebieten. Das Streben der Zeit geht 
nach Demokratisierung. Wird diese Regierungsform die großen sozialen 
Aufgaben der Gegenwart und Zukunft zu bewältigen vermögen, so wird 
sie auch für die Bindensache segenbringend sein. Soziale An- und- 
Ausgleichung war von jeher das Bestreben der Blindenwelt und ihrer 
Freunde. Wahrhaft sozial fühlende Bestrebungen der verschiedensten 
Parteien werden daher der Entwicklung des Blindenwesens nur förder- 
lich sein. Nochmals muß aber gesagt werden, daß das sonstige politi- 
sche Treiben, namentlich in den vielfach entarteten Formen der Gegen- 
wart, innerhalb unseres Gebietes keinen Platz finden darf. Für unsere 
A u f g a b e m u ß 1 e d i g 1 i c h r e i n e M e n s c h e n 1 i e b e u n d s e 1 b s 1 1 s e 
Hilfsbereitschaft für unsereBlinden maßgebend bleiben. 

Noch zählt zu den Fragen der Zukunft, wie weit sich unser Ar- 
beitsgebiet in der „österreichischen" Blindenfürsorge, wie sie bisher be- 
stand, erstrecken wird. Es braucht uns auch bei der Beschränkung auf 
ein engeres Feld nicht bange zu sein. Kleinmut und Jammer sind durch- 
aus nicht am Platze. Wir werden auf allen Gebieten stets das sein, 



11. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



Seite )025. 



was wir aus uns zu machen verstehen. Auch unsere noch öster- 
reichische Blindenfürsorge wird den errungenen Ehren- 
[) 1 a t z h e h a u p t e n und sich glücklich Weiterentwickeln, 
vielfach zum Vorbilde für Kreise, bei denen heute das 
Streben nach L o s 1 ö s u n g besteht. N u r m ü s s e n w i r a u c h u n - 
serer Aufgab e j e d erzei t bewußt bleiben und sie mit allen 
e rr e i c h b ar e n M it te 1 n ei n t r äc h t i g z u b e w ä 1 1 i g e n V e r s u c h e n. 
In diesem Gedanken gibt e s k e i n R ü c k w ä r t s u n d A b w ä r t s , 
sondern nur ein Vorwärts und Aufwärts! 

Der Dezimalpunkt. 

Ein methodischer Vorschlag von Hauptlehrer Friedrich Demai in Purkersdorf. 

Beim schriftlichen Rechnen im Blindenunterricht wird, gleichgiltig 
ob man Apparate mit arabischen oder Punktschriftziffern verwendet, 
wie bei Sehenden der Dezimalpunkt zwischen Einer und Zehntel gesetzt. 
Während er nun in der gewöhnlichen Schrift nur einen kleinen Platz 
einnimmt, beansprucht er auf dem Blindenapparate ein vollesFeld. 
Ich behaupte nun, — die nachfolgenden Beispiele sollen dies näher aus- 
führen — daß diese übliche Stellung des Dezimalpunktes 
den blinden Schüler zu Rechenfehlern verführen kann. 
Dies ist umso bedauerlicher, da sich der gedeihlichen Durchführung 
dieses Gegenstandes ohnehin noch andere Übelstände hemmend in den 
Weg legen: die kurz bemessene Unterrichtszeit, da ja das Kopfrechnen 
doch die Hauptsache bleibt, die zeitraubende Hantierung mit den einzu- 
setzenden Ziffern, die geringe Übersichtlichkeit der nach Länge und Breite 
viel Raum einnehmenden größeren Rechnungen. 



1. a) 



16-89 
25-67 
38-98 
47-65 



b) 



16-89 
25-67 
38-98 
47-65 



129-19* 



128919 

iMit Dez.-Punkt 12S9-19) 



a) 348-67X 43 
139468 
104601 



1499281 
(14992-81; 



b) 348-67X 43 
1394 68 
104 601 
1499 281 
(14992-81) 



175-84 
78 
224 



(I) 348-67X 13 
104601 
3585271 

(35852-71) 

56 = 3-14 b) 175-84 

78 
228 



2. a) 316-89 

-46-97 

269-92 

b) 316-89 

-47-97 

269992 

(Mit Dez.-Punkt 2699-92) 

c) 348-67X 43 
1395468 
104601 
14059281 
(140592-81 

348-67X13 
104 601 



453 271 

(4532-71) 

ä6 = 3- 1407 c) 175-84 : 
7 8 
2 24 

440 (Rest 48) 



bii 



•14 



* Aus Gründen der Zeit- und Raumersparnis bleiben im Unterrichte bei allen 
Rechnungsarten die bei Sehenden üblichen Trennungslinien weg. 



Seite 1026. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

ö. a) 2092-2 : 600 = 20-922 : 6 

b) 20922 : 600 » 2Ö922 : 6 

c) 348654 : 487 = 348654 : 487 

Die voranstehenden Beispiele mit ihrer Gegenüberstellung der rich- 
tigen und falschen Ausrechnung zeigen uns, wie sich, durch den Dezimal- 
punkt veranlaßt. Fehler einschleichen können : die Missetäter sind frei- 
lich meist schwächer begabte oder gedankenlose Schüler. 

Addieren: Beispiel la ist richtig: b ist dadurch falch gewor- 
den, daß der Schüler nach dem Addieren der Zehntel nicht sofort den 
Dezimalpunkt setzte, sondern den 9er der Einersumme gleich an die 
Zehntel anschloß und nun die Einer irrtümlich nochmals addierte : den 
Dezimalpunkt setzte er erst am Schluße. 

Subtrahieren: 2a ist richtig, b ist falsch. Der Fehler entstand 
genau so wie in Ib. — Daraus folgt: Beim Addieren und Subtrahieren 
ist schon vor Ausführung der Rechnung der Dezimalpunkt zu 
setzen. Im übrigen sind gerade bei diesen zwei Rechnungsarten bei der 
Ausführung auf Blindenapparaten weniger leicht Fehler möglich als bei 
der gewöhnlichen Schrift, da bei der letzteren den Schülern das genaue 
Darunterschreiben .„Einer unter Einer etc." Schwierigkeiten macht, wäh- 
rend auf dem ßlindenapjjarat die gleichstelligen Zittern durch die vor- 
handenen Löcher der Setztafel oder eine andere Vorrichtung in kerzen- 
gerade Reihen gezwungen werden. 

Multiplizieren: Hier kann es dem Schüler freigestellt werden 
unter dem Dezimalpunkte des Multiplikanten Ziffern anzusetzen (3a) oder 
nicht (3 b.) Ich habe schon Schüler aus anderen Klassen übernommen, 
die entweder die eine Art oder die andere übten. Ich bin entschieden 
für die zweite, also dafür, daß unter den D e z i m a 1 p u n k t keine 
Ziffer kommt, denn: 1. können sonst wieder leicht Fehler entstehen 
(3c: die Einer wurden zweimal multipliziert), 2. ist die erste Art auch 
nicht immer möglich (3d als Beispiel einer Aufgabe mit Anwendung 
eines Rechenvorteiles), während die zweite Art immer durchführbar ist 
3e, was für schnelles mechanisches Rechnen von großem Vorteil ist. 

Dividieren: Auch bei dieser Rechnungsart kann man beide Ge- 
bräuche üben: Man kann unter den Dezimalpunkt des Dividenden Ziffern 
der Reste setzen oder nicht. Bei der ersten Art kommt die herabgesetzte 
Ziffer nicht genau unter die gleiche obere was sich entschieden nicht 
gut ausnimmt (4a) oder gar zu Fehlern führt (4b.) Es ist daher auch hier 
am besten, unter den Dezimalpunkt keine Ziffern zu setzen 
(4e.). Freilich erscheinen dann die Reste unangenehm zerrissen, wie es 
auch beim Multiplizieren mit den Teilprodukten der Fall ist (3b.) 

Die Unzukömmlichkeiten beider Methoden (das fehlerhafte Darun- 
terschreiben bei der ersten und das Zerreißen der Produkte und Reste 
bei der zweiten) lassen sich am besten dadurch vermeiden, daß man 
beim Multiplizieren und Dividieren — beim Addieren und Sub- 
trahieren ist es nicht angezeigt — den Dezimalpunkt nicht vor, son- 
dern auf die Zehntel setzt. Dies ergibt folgende V^orte il e: 1. wer- 
den die bei der üblichen Dezimalpunkt-Setzung aufretenden, eben an- 
geführten Uebelstände beseitigl. 2. Die Zahlen erscheinen übersichtlicher 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Bhndenweien. Seile 1027. 

zusanimeiigeschobeii. o. Multiplikationen mit und Divisionen durch Zeh- 
ner-, Hunderter- und Tausenderzahlen lassen sich viel einfacher durch- 
fühi'en. So muß bei Beispiel 5a der Schüler den Dezimalpunkt und 
Kiner und Zehner herausnehmen, die zwei Zittern nach rechts rücken 
und dann wieder den Dezimalpunkt einfügen, Arbeiten, die Zeit erfor- 
dern und auch leicht zu Fehlern führen. Bei der vorgeschlagenen Dezimal- 
punkt-Setzung hingegen (5b) ist blos der Punkt um 2 Stellen nach 
links zu setzen. Diese Versetzung des Dezimalpunktes kommt beson- 
ders bei Divisionen von Dezimalzahl durch Dezimalzahl vor 
(5e), wo es sich darum handelt, den Divisor in eine ganze Zahl zu ver- 
wandeln, wodurch für die Schüler das Stellen wer tb e stimmen wesent- 
lich erleichtert wird. 

Ich will nicht verkennen, daß auch die vorgeschlagene Punktse- 
tzung einen Nachteil hat: der über der Zahl stehende Dezimalpunkt be- 
nötigt eine eigene Zeile. Aber dagegen gäbe es tech ni s che Mittel, die 
wohl erst vom Mechaniker zu lösen sind : Entweder benützt man für 
Zehntel etwas erhöhte Typen, von denen jeder Apparat einige Stücke 
für jede Zitfernart enthalten müßte, oder man erzeugt statt der Dezi- 
malpunkte erhöhte T r e n n u n g s p 1 ä 1 1 c h e n , die kein eigenes Feld 
beanspruchen, sondern zwischen Einer und Zehntel einge- 
klemmt werden. 

Das Voranstehende kurz zusammengefaßt ergibt: 

1. Der Umstand, daß bei Rechnungen mit Blindenapparaten der 
Dezimalpunkt ein volles Feld einnimmt, führt leicht zu Fehlern vonseite 
der Schüler. Es ist daher für alle Rechnungsarten- die Regel zu be- 
achten : Unter dem D e z i m a 1 p u n k t kommt nie eine Ziffer. 

2. Für das Multiplizieren und besonders das Dividieren empfiehlt 
es sich, den Dezimalpunkt nicht vor, sondern auf die Zehntel zu 
setzen. 

'6. Es ist technisch zu erwägen, ob sich der Punkt nicht durch er- 
höhte Zehntel-Typen oder durch Trennnngspl ä ttchen, die 
kein eigenes Feld brauchen, ersetzen ließe. 

Kindergärten für Blinde. 

Von Ignaz Krieger, Wien, Ausschußmitghed des I. Österr. BHndenvereines. 

Herr Direktor Karl B ü r k I e n hat am VI. österreichischen Blindenfür- 
sorgetag in seinem ausgezeichneten Referat mit Recht die hohen Segnun- 
gen der Kindergärten für Blinde betont und darüber bitter geklagt, daß- 
diese Einrichtungen des Blindenerziehungswesens bisher eigentlich nicht 
über dasVersuchsstadium hinausgewachsen sind. Und doch sind es nun 
schon mehr als dreißig Jahre her, seitdem man an die Errichtung des er- 
sten Kindergartens geschritten ist, welchem sich nur ein zweiter ähnlicher 
Versuch angeschlossen hat. Als Blinder, welcher unter denjenigen blinden 
Kindern das unendliche Glück hatte, sein vorschulpflichtiges Alter im 
„Asyl für blinde Kinder" zu Wien verbracht haben zu können, gestatte 
ich mir höflichst an die Bemerkungen des Herrn Direktor Bür kl en an- 
zuknüpfen. Es steht mir natürlich gar nicht das Recht zu, über den erzieh- 
lichen Nutzen von Kindergärten überhaupt und von Stätten für blinde 
Kinder im vorschulpflichtigen Alter im besonderen, zu urteilen. Ich 



Seite 1028. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

möchte auch Herrn Direktor B ü r k 1 e n keine direkte, durch meine Theo- 
rie oder Praxis mir bestätigte Auffassung entgegenstellen, indem ich 
Herrn Direktor Bürklen darin nicht beipflichten kann, daß das Eltern- 
haus eine wertvollere Erziehungsstätte für blinde Kinder im vorschul- 
pflichtigen Alter darstellt, als es der Kindergarten zu sein vermag. Ich 
glaube ganz im Gegenteil, daß für die weitaus größere Anzahl solcher 
Fälle die Kindergärten viel viel nützlicher wären, als das Elternhaus. 
Ich spreche nicht als Fachmann, sondern nur aus meinem eigenen Er- 
leben an mir und an vielen meiner Jugend- und Leidensgefährten her- 
aus. In dieser Eigenschaft kann ich wohl sagen, daß ich nach jener ziel- 
bewußten, hingebungsvollen Betreuung meiner körperlichen und seeli- 
schen Gesundheit, wie ich sie im „Asyle" genoß, es nach meinem 
Eintritt in die eigentliche Blindenschule vielfach leichter hatte mit dem 
Erlernen des ersten, verschiedenartigen Unterrichtsstoffes, als viele meiner 
acht- und neunjährigen Kameraden. Ich glaube schon als Kind beobach- 
tet haben zu können, daß ich, im Kindergarten vorgeschult für Reinlich- 
keit, Ordnungsliebe, Disziplin überhaupt, an Pflicht- und Verantwortungs- 
gefühl gewöhnt, mich viel leichter hineinfand in den unvermeidlichen Vor- 
schriftenzwang des Gemeinlebens in der Blindenschule, als andere meiner 
Mitschüler. Eine solche Vorschulung des Gemeinsinnes und vieler an- 
derer Tugenden eines Internisten kann das Elternhaus wohl kaum dem 
blinden Kinde bieten. Ich glaube auch, daß nur sehr wenige Elternhäuser 
in der Lage sind, die altersgemäßen und wesenseigenen Vorkehrungen 
zu treffen, damit das blinde Kind noch vor der Schule die Anregungen 
des Geistes, der Lernfreude, und der Lernbeharrlichkeit finde. Gar nicht 
zu sprechen darüber, daß blinde Kinder, besonders im Elternhause auf 
dem Lande und in der Kleinstadt, oftmals körperlich und seelisch verküm- 
mern müssen oder doch nur eine unsachgemäße Obhut finden. Die weit- 
aus meisten Kinder würden wohl das Gefühl des Heimwehs, der Ver- 
lassenheit bei ihrem Eintritt in die Blindenschule viel leichter überwinden, 
wenn sie schon im Kindergarten ähnliches durchlebt hätten. Solche See- 
lenzustände, welche bekanntlich sich bis zur Herabgedrücktheit steigern 
können, würden nicht so lähmend auf die Lerntätigkeit der Kinder wir- 
ken. Ich kann mich sehr wohl an viele diesbezügliche Tatsachen er- 
innern, und weiß von mir selbst, daß ich, der ich ja bereits vorgeschult 
war und außerdem meine Eltern nicht weit weg von mir wußte, den- 
noch unter dem Heimweh sehr litt. 

Es wurde in mehreren Referaten am VI. Österreichischen Blinden- 
fürsorgetag die Notwendigkeit neuerdings anerkannt, daß die Körperpfle- 
ge der Blinden in erhöhtem Maße betrieben werden muß, als dies bis 
nun der Fall war. Auch hier kann man nicht besser verfahren, als wenn 
man darnach streben wollte, schon dem vorschulpflichtigen Kinde die 
systematische Körperpflege und Gesundheitserstarkung zu bieten. Denn 
auch hier kann das Elternhaus entweder gar nichts, oder nur Unzuläng- 
liches tun. 

Aus alledem komme ich dahin, Herrn Direktor Bürklen nicht 
beipflichten zu können, wenn er — und ich glaube mich nicht zu irren 
— das Elternhaus dem Kindergarten vorzieht. Das mag seine Berech- 
tigung haben für das sehende Kind und höchstens in mancher Beziehung 
für blinde Kinder aus besitzenden und dabei wirklich gebildeten Fami- 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwcsen. Seite 1029. 

lien. Weil ich aber fest überzeugt bin, daß Kindergärten für Blinde 
ebenso wichtig, wenn nicht noch viel wichtiger sind als Heime für er- 
wachsene, herangebildete Blinde, weil ich glaube, daß es viel sozialer 
und ökonomischer wäre, in den Kindergärten bei Zeiten zarteste Seelen 
und Körper der Blinden zu retten vor dem Untergang, als nachher die 
ausgebildeten Begabungen, Neigungen und Fertigkeiten der Erwachsenen 
wieder in Heimen verdorren zu lassen, obgleich man so und soviel 
Zeit, Mühe, Geld auf die Heranbildung verwandte; weil ich das glaube, 
so hat mir Herr Direktor Bürklen so recht vom Herzen gesprochen, 
als er den lauten, eindringlichen Appell an alle öffentlichen und privaten 
Faktoren der Hilfeleistung richtete, man möchte doch endlich diesem Stief- 
kinde aller Blindenfürsorgeeinrichtungen erhöhte Aufmerksamkeit widmen. 
Ich verfange mich sogar so weit zu gehen und den Wunsch zu be- 
kennen, es sollten eher die Mittel für Errichtung von Kindergärten ver- 
wendet werden, anstatt für Heime der Erwachsenen. Es scheint mir, 
daß der erwachsene, ausgebildete Blinde niemals so grausam der Ver- 
elendung anheim fallen kann, wie das blinde Kind, das, wenn es auch 
keine Blindenschule besuchen kann, nicht einmal das Glück hat, die 
wenigen rosigen Jahre des vorschulpflichtigen Alters in der Obhut eines 
Kindergartens verleben zu können. Der erwachsene Mensch im allge- 
meinen pflegt von der Nachgeneration zu sagen: „Sollen es die Kinder 
nur recht gut haben, wer weiß, was ihnen das Leben nachher beschert". 
Das gilt aber gewiß vom blinden Kinde nicht minder. Ihm ist vor allem 
wenigstens in der Jugend auch schon vor der Schule Licht, Freude, 
Kinderbefriedigung so viel als nur möglich aus vollstem Herzen zu wün- 
schen, weil ihm nachher das Leben keinesfalls all zu viel Rosen be- 
schert. Wenn man darauf ausgeht, der heranwachsenden Generation 
möglichst viele freudige, kostbare Jugenderinnerungen zu übermitteln, 
jene Schätze des Herzens, von denen wir alle dereinst zehren sollen in 
den Bitternissen des Lebens, so gilt das vor allem und vielleicht ganz 
besonders vom vorschulpflichtigen blinden Kinde. In der Blindenschule 
wird nach bestem Können und Wissen dieses angestrebt, aber man ver- 
gißt dabei oft, das sich leider in unserer heutigen Zeit das unbefan- 
gene Alter des Kindes bei vielen schon sehr bald verliert. Realismus, 
Nüchternheit und Armut der Kinderphantasie stellen sich leider oft schon 
früh noch während der Zöglingszeit in der Blindenschule ein. Sie ma- 
chen viele blinde Kinder zu bald verarmen an jenen unschuldigen Kin- 
derfreuden, unbefangenen Kinderträumen, jenen echten Kinderbefriedi- 
gungen, welche der seelische Sparpfennig jedes Menschen sind. Dieser 
Sparpfennig wäre gewiß viel reichlicher, wenn möglichst viel blinde 
Kinder im vorschulpflichtigen Alter vor der Nüchternheit und dem Rea- 
lismus der meisten Elternhäuser bewahrt blieben. 

Der Herr Vertreter des Ministerums für soziale Fürsorge hat beim 
VI. Österreichischen Blindenfürsorgetag gesagt, es sei ein erstes Gebot 
der nunmehrigen Staatsökonomie, auch die bisher außer Acht gelassenen 
Schwachen in den Arbeitskreislauf der Menschengesellschaft einzube- 
ziehen und zur möglichsten Entfaltung zu führen. Wohlan! So beginne 
man schon beim blinden Kinde im vorschulpflichtigen Alter. Dem ge- 
genüber ist es aber recht merkwürdig, daß die letzten Jahre sozialer 
Fürsorgebestrebungen, welche doch ganz im Zeichen „des KindeR„ ste- 



Seite 1030. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. 11. Nummer. 

hen mit der Losung ,.Alle.s für das Kind", daß man in dieser Zeit fast 
ganz an blinde Kinder vergißt. Nur für das sehende Kind, auch schon 
im vorschulpflichtigen Alter, ist man am Werke. Man schafft Tagesstätten 
Ferienkolonieen, verschiedene Kinderheilstätten. Rechts- und Schutz- 
stellen, Spiel- Belustigungsplätze usw. Dabei geht man von der Not- 
wendigkeit aus, daß das Kind unbedingt gleichaltrige und gleichartige 
Kameraden zu seiner Entwicklung braucht. Das blinde Kind aber beläßt 
man weiter in seiner traurigen, trübseligen Einsamkeit, dabei in einer 
Umgebung, die seinem Gebrechen und seinem damit bedingten Ander.s- 
wesen durchaus fremd ist. Nur ganz wenigen ist es vergönnt, mit gleich- 
artigen und gleichaltrigen Spiel- und Lernkameraden beisammen sein 
zu können. 

Herr Direktor ßürklen hat in seinem Vortrag ausgeführt, daß eine 
der Ursachen für die all zu langsame Entstehung von Kindergärten darin 
zu suchen ist, daß sie nicht populär werden, weil ihnen das Mißtrauen 
der Eltern von blinden Kindern gegenüber steht. Ich kann mir sehr wohl 
dieses Mißtrauen vorstellen, schon darum, weil es den Eltern in den 
weitaus meisten Fällen an den geeigneten Beratern fehlt. Ich denke da- 
bei vor allem an die nahestehensten Ratgeber in allen Krankheiten oder 
gar bei Sorgen über .schon hereingebrochene oder bald zu erwartende 
Erblindungen, also an Ärzte im allgemeinen und Augenärzte im beson- 
deren. Ich meine das so: von den Augenärzten muß man wohl schlechter- 
dings annehmen, daß sie über die verschiedenen Einrichtungen der 
Blindenerziehungs- und Fürsorgebestrebungen vollauf unterrichtet sind, 
so daß sie also ratbedürftigen Eltern von noch nicht schulpflichtigen 
Blinden den einzig richtigen Weg, nach den Kindergärten weisen können. 
Dennoch könnte man. sich auch darin irren und es Augenärzte geben, 
welche nichts wissen über den Bestand von Kindergärten. Hauptsächlich 
aber ziele ich ab auf die Ärzte in den Landgemeinden und Kleinstäd- 
ten, welche, ohne sich spezialisieren zu können, doch auf allen Gebie- 
ten der ärztlichen Hilfeleistung und Raterteilung tätig sein müssen. Da 
wird es sich ganz gewiß leider nur all zu oft ereignen, daß Ärzte nicht 
allzuviel und Genaues wissen von den Errungenschaften und Einrich- 
tungen ;^des Blindenerziehungswesens. Sie haben vielleicht irgendwo ir- 
gendetwas darüber gehört oder gelesen, aber Ziel, Zweck oder gar Or- 
ganisation solcher Einrichtungen kennen doch nur die kleinere Anzahl 
unter ihnen. Sogar in der Großstadt, z. B. in Wien, mitten zwischen 
drei Blindenerziehungsanstalten kann es der Blinde oft genug erleben, 
daß Ärzte, ja mitunter sogar auch Augenärzte wie der ,,Mann vom 
Monde" über die Brailleschrift, das Braillenotensystem, über das Biblio- 
thekswesen und über viele andere schon längst selbstverständliche Dinge 
aus dem ,,Einmaleins" des Blindenbildungswesens staunen. Was kann 
man aber dann vom Landarzte erwarten, der mehr oder weniger ein- 
sam als „akademischer Robinson" in irgend einem verlorenen Dörfchen 
oder Städtchen sitzt? Wie kann er mehr wissen vom Blindenkinder- 
gärten, wenn es seine Kollegen in der Großstadt kaum wissen? Aber 
gerade den allerunerfahrensten hilflosesten Eltern blinder Kinder sollen sie 
raten und beistehen. Sie sollen Mut und Hoffnung in die Seelen der 
verzweifelten Eltern träufeln; das ist ihre göttliche Mission. Ähnlich ver- 
hält es sich auch mit den Lehrern und Seelsorgern auf dem Lande. Ins- 



11, Nummer. Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. Seite 1031. 

hosonders der Seelsorger ist doch die Zuflucht aller bedrückten und be- 
Irübten Eltern auf dem Lande. Zu seiner Mission gehört es ja vor allem, 
Kenntnis zu haben von den Einrichtungen des Blindenwesens. 

Alle die hier nur angedeuteten Tatsachen lassen mir den Wunsch 
als sehr berechtigt erscheinen, es möchten die maßgebenden Faktoren 
des Blindenwesens die geeigneten Mittel und Wege ausfindig -machen 
und nacher auch wirklich gebrauchen, um die Ärztewelt in einen viel 
engeren und beständigeren Kontakt mit den Kindergärten und Schulen 
für Blinde zu bringen. In den großen Städten würde es sich insbeson- 
ders um Augen- und Kinderärzte handeln, ferner um die verschiedenen 
Kategorien von Amts- Bezirks- Polizei- und Armenärzten u. s. w. 
Hauptsächlich aber kämen hiernach die Landärzte in Betracht, sowie Seel- 
sorger und Lehrer auf dem Lande. In eine positive, plausible Form, 
wie man es machen sollte, kann ich meinen Vorschlag nicht klei- 
den ; es fehlt mir leider die nötige Sachkenntnis der Dinge. Vielleicht 
wären ärztliche Zeitschriften oder öffentliche Vorträge usw. die geeig- 
neten Mittel. Aber ganz deutlich schwebt es mir vor, daß man, wenn 
es gelänge, die Ärzte, Seelsorger und Lehrer viel intensiver zur Mit- 
arbeit als Berater der Eltern von blinden Kindern und auch erwachsenen 
Blinden heranzuziehen, dadurch viel beigetragen würde zur Linderung des 
Unglückes. Viele Eltern wüßten dann rechtzeitig etwas von den Kinder- 
gärten, würden ihre Kinder denselben übergeben. Die Kenntnis dieser 
p]inrichtungen würden sich in der Öffentlichkeit doch mehr verbreiten, 
Mittel aller Art würden auch für diese Einrrichtungen gespendet werden. 
Die Behörden müßten schließlich darauf aufmerksam werden und ihre 
Beihilfe angedeihen lassen. 

Solange Ärzte, Lehrer und Seelsorger so naiv, unerfahren, ja öfter 
sogar gänzlich fremd den Bemühungen des Blindenwesens gegenüber- 
stehen, kann man meines Erachtens nicht erhotfen, daß die Blindenfra- 
ge in modernem Geiste das Verständnis des ganzen Volkes finde und 
von da aus eine Angelegenheit des Staates, der menschlichen Gesellschaft 
werde. 

Die Kriegsblinden-Fürsorge in Mähren.* 

Die Mährische Landeskonunission zur Fürsorge für heimkehrende 
Krieger hat vor allem auch im Jahre 1917 wieder der Schulung der 
Kriegsblinden ihr besonderes Augenmerk zugewendet, indem sie hiebei 
die maßgebenste Unterstützung seitens des Mährischen Landesausschus- 
ses fand, der sowohl für den Unterricht der Kriegsblinden im Lesen 
und Schreiben der Blindenschrift als auch für ihre fachliche Schulung 
die Lehrkräfte der Mährichen Landes-Blinden-Erziehungsanstalt zur Ver- 
fügung stellte und durch diese nicht hoch genug zu bewertende Förder- 
ang der Kriegsblinden-Fürsorge einen wesentlichen Anteil an ihrem Er- 
folge hat. 

Für die Unterbringung der Kriegsblinden war in gleicher Weise 
wie im Vorjahre vorgesorgt; sie konnten weiter in einem eigenen Kriegs- 
blindenheime untergebracht werden, welches unter ganz besonderem 
Entgegenkommen des Mälirischen Gewerbevereines in dessen Kaiser 
Franz Josef-Jubiläums-Lehrlingsheime schon im Juli 1916 eingerichtet 

* Aus dem Bericht über die Tätigkeit der Mährischen Landeskommission zur Für- 
sorge für heimkehrende Krieger im Jahre 1-917 (Brunn 1918). 



Seite 1032. Zeitschrift das für österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

wurde. Hier haben si(^ Wohnuiiff und Verpflegung, und hier ])efinden 
?>ich auch die für ihre Ausbildung erforderlichen Schul- und Arl^eits- 
räume. Es ist den Kriegsblinden inzwischen zu einem wirklichem Heime 
geworden. 

Die Schulung der Kriegsblinden bezog sich auch in diesem Jahre 
wieder einerseits auf die Erlernung des Lesens und Schreibens der Blin- 
denschrift, zum Teile auch auf Musik, andererseits auf die Ausbildimg 
in einer gewerblichen Betätigung, und zwar von den Blinden selbst noch 
immer am meisten bevorzugt, in der Regel im Bürstenbinden oder Korb- 
flechten. Diese gewerbliche AusbikUuig wird auch in Fällen angestrebt. 
in welchen die spätere Versorgung des Kriegsblinden der Hauptsache nach 
in anderer Weise, z. B. durch Einrichtung eines Geschäftes", Uebernahme 
einer Tabaktrafik, Bewirtschaftung eines Anwesens u. dgl. sichergestellt 
sein wird. 

Versuche, die Kriegsblinden, wenn es sonst nicht aussichtslos ist, 
wieder ihrem früheren Berufe zuzuführen, führen praktisch kaum ein- 
mal zu einem Erfolge, sie stoßen auch in der Regel sofort auf den Wider- 
spruch des Kriegsblinden selbst, dem ja immerhin in der Beurteilung 
der Fragen, inwieweit er sich für fähig hält, seinen früheren Beruf wie- 
der auszuführen, ein besonders inaßge!)endes Verständnis zugestanden 
werden muß. 

Auch die Frage, ob es möglich mid zweckmäßig ist, die Kriegs- 
blinden in industrielle Betriebe als Arbeiter einzustellen, konnte rück- 
sichtlich der mährischen Kriegsblinden praktisch noch nicht zur Ent- 
scheidung gebracht werden, obwohl atich diese Frage mit regstem In- 
teresse verfolgt wird. Es scheint, als wenn bei der verhältnismäßig doch 
nicht großen Zahl der Kriegsblinden die Befürchtung, sie nicht alle in 
kleinwirtschaftliche Verhältnisse bringen zu können, als zu weit gehend 
angesehen werden darf, daß es vielmehr möglich sein wird, alle Kriegs- 
blinden in den Frieden und die Ruhe des Landlebens bringen zu kön- 
nen und ihnen ein neues Leben in aller Selbständigkeit, in freigewähl- 
ter Arbeit und in vielseitigster Betätigung zu schaffen. Dahin allein 
geht auch der Wunsch der Kriegsblinden selbst. 

Die Dauer der Schulung der Kriegsblinden hat sich nach den bis- 
herigen Erfahrungen als mit l'/» Ins - Jahren als hinreichend erwiesen. 
Während der Dauer eines Aufenthaltes der Kriegsblinden im Kriegblin- 
denheime wird seitens der Mährischen Landeskomission zur Fürsorge 
für heimkehrende Krieger auch schon alles das in die Wege ge- 
leitet, was zur vollsten Sicherstellung der Lebensexistenz der Kriegs- 
blinden für die Zeit nach ihrer Entlassung aus dem Heime notwendig ist. 
In dieser Beziehung steht die Landeskonnnission in regster Verbindimg 
mit dem Kriegsblindenfonds im k. k. Ministerium des Innern (inzwischen 
übergegangen an das k. k. Ministerium für soziale Fürsorge), mit dem 
Kaiser und König Karl-Kriegsfürsorgefonds und mit dem Vereine ,. Kriegs- 
blindenheimstätten" in Wien. Es ist so durch die Inanspruchnahme die- 
ser Fonds, deren Fürsorgetätigkeit für die Kriegsblinden eine ganz außer- 
ordentlich weitgehende ist, und durch Beiträge aus den Mitteln der Mähri- 
schen Landeskommission möglich, für die Versorgung der Kriegsblinden 
in je einem einzelnen Falle Beträge von im Mittel K 10.000. in einzel- 
nen Fällen bis K L5.000 aufzuwenden. 



il. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 1033. 

V'iel Schwierigkeit liietet gegenwärtig die Beschatfung der Werk- 
zeuge und des Ari)eitsrohmateriales für die gewerbliche Betätigung der 
sehon in die Heimat entlassenen Kriegsblinden. 

Die Zahl der mährischen Kriegsblinden betrug Ende 1917. soweit 
sie von der Landeskommission in Fürsorge übernommen, das heißt aus 
der Heilbehandlung schon entlassen, ö7. 

Hievon waren in Kriegsblindenheim in Brunn 28, schon in die Hei- 
mat entlassen waren 21, ohne Schulung in der Heimat waren 6, in die 
Spitalspflege zurückgestellt 1 und 1 ist in Schulung (Musik) in Wien. 

Eine der Hauptfragen bei der Versorgung der Kriegsblinden ist die 
Erwerbung einer eigenen Heimstätte für sie. Bis Ende 1917 wurden im 
ganzen für 15 mährische Kriegsblinde Anwesen als ihnen in das Eigen- 
tum gehörende Heimstätten erworben, außerdem konnte für 12 weitere 
Kriegsblinde das für die Erwerbung einer Heimstätte notwendige Kapi- 
tal bereits sichergestellt werden. 

Für einen der mährischen Kriegsblinden wurde die Erwerbung 
einer Heimstätte durch die Klar'sche Blindenanstalt durchgeführt. 8 
Kriegsblinde* sind bereits früher Besitzer einer eigenen Landwirtschaft 
gewesen, sodaß in Hinsicht auf die Schaffung von Kriegsblindenheim- 
stätten von den bl mährischen Kriegsblinden bereits 36 als versorgt 
gelten können. 

Der Erfolg der Heimstättenaktion ist auf das nachdrücklichste ge- 
fördert auch durch die andere Fürsorge für die Kriegsblinden, durch die 
Schulung, durch Beschaffung von Werkzeugen und Materialien für ihre 
gewerbliche Betätigung, durch Gewährung von Beihilfen für Wohnungs- 
und Wirtschaftseinrichtung, für die Errichtung von Kaufläden und Tabak- 
trafiken u. dgl., wofür der Kriegsblindenfonds im k. k. Ministerium des 
Innern und die Landeskommissionen zur Fürsorge für heimkehrende 
Krieger aufkommen, und was die Kriegsblinden auch nach ihrer Ent- 
lassung in die Heimat noch weiter in ständiger Verbindung mit diesen 
Stellen stehen läßt. 

Personalnachrichten. 

— Katharina Hügel f Im Blindenheim in Melk a. D. starb am 23. Oktober 
1. J. nach kurzem Krankenlager die taublinde Katharina Hügel im 31. Lebensjahre. 
Als Kind eines Wiener Hilfsarbeiters besuchte Hügel durch 4 Jahre die öffentliche 
Volksschule, erblindete und ertaubte dann und verlor auch den Geruchsinn. Nur auf 
einem Auge behielt sie ein geringes Sehvermögen, das sie später gänzlich verlor. 
In die n. ö. Landes-BUndenanstalt in Purkersdorf aufgenommen, wurde sie hier von 
Hauptlehrer A. Godai mittelst einer von ihm selbst zurecht gelegten Tastsprache 
weitergebildet. Durch diese vermocht Hügel in Verkehr mit ihrer Umwelt treten 
und zeigte ein großes Bildungsbedürfnis. Der Tonfall ihrer ihrer Sprache litt natür- 
lich stark unter ihrer Gehörlosigkeit, aber sie vermochte sich jedermann verständ- 
lich zu machen. Nach Ablauf ihrer 7jährigen Bildungszeit verlies sie die Anstalt in 
Purkersdorf und fand Aufnahme in das Blinden-Mädchenhcim in Melk a. D., wo sich 
ihrer der Direktor Regicrungsrat P. H. U 1 b r i c h in der liebevollsten Weise annahm. 
Kathi Hügel war dia erste Taubblinde, welche in Österreich unterrichtet wurde. 

flus den Anstalten. 

— N ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Grippeepi- 
demie. Ein böser Gast zog Mitte Oktober in diese Anstalt ein, indem er mit ei- 
nem Schlage fast drei Virtel aller AnstaUsbewohner — Zöglinge und Bedienstete 
— anf das Krankenlager warf. Es war eine schwere Zeit für Kranke und Gesundge- 
bliebene. GlücklicheJweise gesundeten bis auf einen Zögling, bei welchem eine Lun- 
genentzündung hinzutrat, welcher er erlag, alle Erkrankten, so daß der auf kurze Zeit 
unterbrochene Unterricht wieder aufgenommen werden konnte. 



Seite 1034. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen, 11. Nummer. 

Die in der Hauswirtschaft tätige barmherzige Schwester Bonita Feilner ent- 
schlief nach viermonatlichen Krankenlager. Im Rückblick auf die durchgemachten 
schweren Wochen muß mit Anerkennung der Pflegebereitschaft der Anstaltsbedien- 
steten wie der ärztlichen Hilfe des Hausarztes Dr. K. M. Zingher gedacht werden. 
Besonders Dank gebührt auch dem Religionslehrer und Anstaltsseelsorger Herrn J. 
Pinkas, der in hingebungsvollster Weise bei seinen Krankenbesuchen die Leiden- 
den zu trösten und zu stärken wußte. 

— Klar 'sehe Blindenanstalt in Prag. Jahresbericht 1917. Für 
eine Wohltätigkeitsanstalt, welche zu ihrer Bestandsmöglichkeit zum überwiegend 
größten Teile auf die Unterstützung von Wohltätern und Gönnern angewiesen ist, 
die in nie dagewesenem Maße neben anderen Unternehmungen vom Staate selbst in 
Anspruch genommen wird, ist es eine kaum zu bewältigende Aufgabe, in dem Chaos 
unserer gegenwärtigen Wirtschaftslage nicht unterzugehen. 

Und doch ist es uns dank der Sympathien, welche unseren drei Anstalten 
seitens hervorragender Gönner sowie der Bevölkerung entgegengebracht werden, 
auch in diesem Jahre gelungen, die finanziellen Versorgungsschwierigkeiten recht und 
schlecht zu überwinden. 

Der Kindergarten beherbergte 10 Zöglinge (5 m. und 5 w.) die Hauptanstalt 
97 Pfleglinge (42 m. und 55 w.) und 74 Kriegsblinde. Außerdem waren in der Haupt- 
anstalt 6 schulpflichtige Kinder tschechischer Nationalität untergebracht. 

Die Nachschulung der Kriegsblinden ging bei allen jenen, welche nicht noch 
krank oder arbeitsunwillig waren dank der ungeheueren Geduld, Mühe und Aufop- 
ferung unseren Lehrer, Herrn Macan, Frau Klastersky, Frl. Blindlechner, 
welche die Soldaten im Lesen und Schreiben der Blindenschriften unterrichten, 
sowie der Meister Herren Bernasek, Mosinger, Paulin Anbrecht, Hoia, 
und der Meisterinnen Frl. Bergmann und Markert, denen die techniche Aus- 
bildung obliegt, rüstig und gediegen vonstatten, so daß die für einen neuen Lebens- 
erwerb tüchtig ausgebildeten und wohl ausgerüsteten Kriegsblinden dem soliden 
Erwerbsleben wieder zurückgegeben werden konnten, von denen sich viele eine sehr 
schöne und geachtete Stellung zu verschaffen verstanden und unserer Anstalt im 
Leben Ehre machen. 

Es ist besonders erfreulich, daß es gelungen ist, in den blinden Soldaten das 
Bewußtsein, daß die Arbeit ihre beste Freundin und sicherste Stütze für ihr künf- 
tiges Leben sei, derart geweckt zu haben, daß selbst Leute, welche arbeitsunwillig 
kamen und lange blieben, heute selbst als eifrigste Vertreter dieser Ansicht unter 
ihren Kameraden auftreten und diesen zureden, nicht auch so unvernünftig zu sein, 
wie sie es waren. 

Nur ist dadurch ein sehr störendes Hindernis zu allen anderen Schwierigkei- 
ten hinzutreten, daß wir nicht in der Lage sind, genügend geeignetes Arbeitsmaterial 
aufzubringen, welches wir sowohl für den Unterricht sowie den Bedaif der selbsstän- 
dig gewordenen Kriegs- und Friedensblinden brauchen. 

Aufträge gibt es in Hülle und Fülle, welche bei genügendem Arbeitsmaterial 
einen zufriednstellenden Gewinn brächten. 

Eine besondere Vorliebe haben unsere blinden Soldaten für die Erlernung 
des Maschinenstrickens unter Beihilfe ihrer Frauen, Mütter oder Schwestern. 

Bei der durch die Kiiegsblinden entstandenen vermehrten Konkurrenz sinnen 
wir auf immer neue, für den Eigenbetrieb geeignete Erwerbsmöglichkeiten zu deren 
Verminderung. 

Nur müssen erst die jeder Neuerung anhaftenden Schwierigkeiten, die der 
Handhabung durch Blinde entgegenstehen, überwunden werden, bevor man den neu 
zugekommenen Betrieb laufen lassen kann. 

Hiezu gehören als Ergebnisse des Jahres 1917 die Erzeugung von Bienenstö- 
cken uud Kochkisten aus Stroh, erstere in Verbindung mit Holzbestandteilen sowie 
die Herstellung von Tragbändern und Gurten aus Hanf einerseitsts für RücUenkorb- 
tragbänder, anderseits als Riemenersatz für Pferde-, Rinder- und P'ußbodenbürsten. 

Im Jahre 1917 wurden ausgebildet ausgerüstet etabliert: 6 Maschinenstiicker, 
4 Bürstenbinder, 2 Matten- und Sesselfllechter und 1 Korbmacher. 

Herausgeber: Zentralvereia für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Biirklen, 
J. Kneis, A. t. HorTOth, F. Uhl, — Druck Ton Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



Weitere Versuche in der Individualisierung und Spezialisierung sind bereits 
im Gange. 

Mit den ausgetretenen Kriegsblinden bleibt die Anstalt, um sie vor Übervor- 
teilung zu schützen, wie dies auch bei den Friedensblinden immer der Fall war, in 
Bezug auf Beschaffung des Betriebmaterials in unausgesetzter Verbindung. 

Der Bericht legt Zeugnis ab von der hervorragenden Leistung des umfassend 
und unermüdlich tätigen Direktors E. Wagner. 

— Deutche Blindenschule in Aussig. In dieser von Direktor K. 
Rauter in vortrefflichster Weise geleiteten Zweiganstalt der Klar 'sehen Blindenan- 
stalt blieb die Schülerzahl (34) und Klasseneinteilung unverändert. Neuaufnahmen 
waren wegen Platzmangel unmöglich, obwohl bereits 10 Kinder auf die Aufnahme 
warten. Der Gesundheitszustand blieb das ganze Jahr hindurch ein ausgezeichneter. 
Erfreulicherweise hebt sich das Interesse für die Schule zusehends, was wohl in den 
stets zahlreicher werdenden Spenden und Besuchen seinen besten Ausdruck findet. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— K. k. ß li nden-Er z ieh ungs- Inst it ut i n Wien II. Anerkennung. 
Das Kriegsministerium erlaubt sich die Gelegenheit, die ihm durch die freundliche 
Übersendung des Tätigkeitsberichtes für die Zeit vom 24. September 1914 bis 24. 
September 1917 geboten wird, wahrzunehmen und das k. k. Blinden- Erziehungs- 
Institut zu den Erfolgen, die es bei jenen erreicht hat, die ihre Zuflucht in dieser 
Stätte edelster Menschlichkeit gesucht und gefunden haben, auf das herzlichste zu 
beglückwünschen. 

Es liegt gewiß viel mehr unablässige Arbeit, ausharrende Geduld bei dem 
Werke, in den Blinden das Gefühl ruhiger Zuversicht und das Vertrauen in eine 
sorgenlose Zukunft zu erwecken, als es dieser kurzgefaßte Bericht zu schildern vermag. 

Das k. k. Blinden-Erziehungs-Institut kann mit berechtigtem Stolze auf seine 
vierjährige Tätigkeit zurückblicken, es hat ein Werk geschaff"en, wofür es Dank 
und Anerkennung bei all jenen finden wird, die menschlichen Fleiß und patriotische 
Arbeit zu würdigen verstehen. 

Für den Minister: Lelion, Fmit., m. p. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende September 1. J. 

— Neue Freie Presse. 1,325.874 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 4,243.357 K. 

— Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 320.000 K. 

— Reichspost: 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 85.000 K. 

— Artur Weisz (Temesvar) 35.800 K. 



Bürklen Karl: Das Tastlesen der Blindenpunktschrift. 

Nebst Beiträgen zur Blindenpsychologie von P. Grasemann- 
Hamburg, L. Cohn-Breslau, W. Steinberg. VII, 93 Seiten 

mit 6 Abbildungen im Text und 6 Tafeln. 
Leipzig, Barth, 1917 M 5.— 



== ^syl für blinde Kinder == 

Wien, XVII., Hernalser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorschulpflichtigen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Auskünfte durch die Leitung. 



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Wien XVIII, Währinger GUrtel 136, 

verleiht ihre Bücher kostenlos an alle Blinden. 



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Blinden-Unterstützungsverein 

„DIE PURKERSDORFER" 

Wien V., Nikolsdorfergasse 42. 

Zweck des Vereiues: UnterstützuDg blinder Mit- 
glieder. Arbeitsvermittlung tür Blinde. Erhaltung 
der Musikalien-Leihbibliothek. Telephon 10.07I. 



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Handarbeiten. Nähere Auskunft brieflich. 



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Bürstenbinder und Korbfiecbter. 

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Wien VIII., Flopianiga«»e Nr. 41. 

Telephon Nr. 23407. 

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Verkaufsstelle: Wien VII., Neubaußasse 75. 



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des Blinden-Unterstützungsvereines 
»Die Purkersdorfer« in Wien V., 
: — ; Nikolsdorfergasse Nr. 42. ; — : 

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Blinde unentgeltlich verliehen I Vkl 




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Bromberg. 



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— wesen" für die gesamten Bestrebungen der Blinden. — 



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Purkersdorf 
bei Wien. 
Österreichisches 
Postsparkassen- 
konto Nr.132.257 



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Das Blatt erscheint 
monatlich einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



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Bezugspieis 
ganzjährig mit 
Postzustellung 

4 Kronen, 
Einzelnummer 

40 Heller. 



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5. Jahrgang. 



Wien, Dezember 1918. 



12. Nummer. 



INHALT: Grundzüge für die Neugestaltung der Blindenbildung und der Blinden- 
fürsorge in Deutschösterreich. J. Oidendorp: Das künstliche Rüge. S. Heller: 
Der Hund und der Blinde. F. Müller: Blinde Gemsen. Kriegsbündenfürsorge 
in Ober-Österreich. P. Lang: Mein Garten. flus den Anstalten,, flus den 
Vereinen. Für unsere Kriegsblinden. Verschiedenes. Bücherschaü. Zur Be- 
achtung, RItes und Neues. (Rnkündigungen). 



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E= 



=H 



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3 Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische ^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien Vlli, 
g Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. 5 

□Im- ^ - ^[Q 



Altes und Neues. 

Zahn Ernst : Nacht. Erzählunp^. (Stuttgart 1918, Deutsche 
Verlagsanstalt. 

In dem Städtchen Infelden wachsen drei Kinder aus guter Familie 
heran und treten früh in Herzensbeziehungen zu einander. Christlieb 
V. Tschurner wird Gelehrter, während sein Freund Benedikt J o w a 1 1 
sich zum Advokaten ausbildet. Schon früh ist Ersterer der schlanken 
blonden Spes Muoth nahe gekommen und heiratet sie, trotzdem sie 
Erblindung zu befürchten hat, denn er meint »das wäre wohl ein 
Unglück, aber doch kein Hindernis für ein zufriedenes Leben im Hause 
eines rechtschaffenen Mannes.« Dieses traurige Ereignis tritt auch bald 
nach der Geburt eines Töchterchens ein, aber keine Klage, Verstimmt- 
heit oder Niedergedrücktheit kommt deshalb in die glückliche Ehe, denn 
der Gatte begegnete seiner blinden Frau mit der zartesten Rücksicht. 
Spes wußte zwar nun, was durch ihr Gebrechen jetzt »anders« war, Sie 
fühlte, »daß eine Grenze zwischen sie und die andere gezeichnet war, 
trotz der hundert Wegen, die die Liebe jener zu ihr suchte. Jene hatten 
zu viel Dinge gemein, von denen sie, Spes, ausgeschlossen war. 
So lebten jene ein eigenes Leben, an dem sie, Spes, keinen Anteil hatte. 
In einsamen Stunden bedachte sie das. Und wußte dann, daß sie ein- 
sam war. Sie war aber klug und stark genug, sich mit dieser Erkenntnis, 
als eines Unglücks, das ertragen sein mußte abzufinden. Und sie fühlte 
sich durch alles, was ihr geblieben war, entschädigt und reich.« 

Da tritt mit Spes jüngerer Schwester Esther, die aus der Erzie- 
hungsanstalt zurückkehrt und von Benedikt Jowalt heiß umworben 
wird, das Verhängnis ins Haus. Christlieb und Esther werden sich 
bald inne, daß sie mit ihren Blicken auch in der Gegenwart Spes' mit 
einander allein seien. Bald vertieft sich auch diese Vertraulichkeit in viel- 
fachen Beisammensein und führt sie zu einer uneingestandenen Liebe. 
Die wilde Leidenschaft Jowalts für Esther führt alle zur Erkenntnis 
der Lage, auch Spes. Diese spürte bald die Fäden, die zwischen Mann 
und Schwester gesponnen waren, als ob es feine, leuchtende Spinne- 
fäden wären, die sich ihr um die blassen tastenden Finger 
hingen. Gott! O Gott! Welch eine Zeit! Waren etwa die beiden zu 
tadeln, die sich da fanden oder gefunden hatten .■* War nicht viel- 
mehr sie selbst die unschuldig Schuldige.? Sie nur ein halber Mensch, 
sie, deren Mängel nicht auszugleichen waren !« 

Das Eingretfen des in seiner Liebe zu Esther haltlos geworde- 
nen Jowalt bringt die Entscheidung. Esther verläßt Haus und Heimat 
um das Glück ihrer blinden SchAvester zu retten. Christlieb überwindet 
seine Liebe erst nach Jahren, kehrt aber innerlich zu seiner Frau 
zurück. Es kommt zur Aussprache und Versöhnung zwischen den 
Gatten, und das Ziel, welchem die Beiden zustreben ist nicht sowohl 
die große Liebe als der große Friede des Lebens. Sie sehen die Zu- 
kunft nunmehr in ihrem heranwachsenden Kinde. 

Es bietet einen hohen Genuß, unter den vielen minderwertigen 
Sachen, welche über Blinde geschrieben wurden, eine Perle entdeckt 
zu haben. Das Buch, welches sich schlicht eine »Erzählung« nennt, 
ist von Schönheit und sittlichen Größe erfüllt und hat nicht seines- 
gleichen in unserer Literatur. Auch die psychologische Erfassung der 
Blindheit ist von seltener Feinheit. 




S.Jahrgang. Wien, 1918. 1.-12. Nummer. 

Inhaltsverzeichnis. 

Abhandlungen und größere Beiträge. 

Rüge. Das künstliche — Von J. Oldendorp . . . . 1043—1044. 

Blendung in der Geschichte des Rechts. Die -- Von Lehrer 
O. Wanecek, Purkersdorf . . 899—902, 919—921, 840—945. 

Blinde Gemsen. Von F. Müller 1046—1047. 

Blindenfürsorgetag. Der VI. österr. — Einladung 966 — 967, Bericht 
1007—1012, Verständigung 1000. 

Blindenpsychologie. Grundlegung der — Von Dr. F. v. Ger- 
hardt, Marburg a. d. L 883—888. 

Blinden- und Taubstummlehrern. Die Heranbildung von — 
Von Direktor K. Bür kl en, Purkersdorf 915—918. 

Blindenzeitung. Eine österreichische — 873. 

Braillesdien Notenschrift. — Königlicher Musikdirektor 
Friedrich Mayer und die Reform der — Von Musikfach- 
lehrer A. Krtsmary, Purkersdorf *. . 922 — 926. 

Brief. Offener — Von Fachlehrer S. Alt mann, Wien . 889—890. 

Dezimalpunkt. Der — Ein methodischer Vorschlag von Hauptlehrer 
F. De mal, Purkersdorf ... 1025—1027. 

Einband des Blindenbuches. Der — Mit fünf Abbildungen. Von 
Direktor K. Bürklen, Purkersdorf 851—855. 

Erblindeten. Den Angehörigen und Freunden derimFelde — 
Sonderabdruck aus dem »Evangelischen Hausfreund.« (Beilage zu 
Nr. 8) 1038. 

Hund alsBlindenfreund. Der — Von Direktor K. Bürklen, 
Purkersdorf 902—906. 

Hund und der Blinde. Der — Von Direktor S. Heller, Wien. 
1045—1046. 

Intelligenzprüfung bei blinden Kindern. Die Anwendung 
der Binet-Simon-Methode zur ^ Von Direktor K. B ü r k - 
len, Purkersdorf ....... 935—939. 959—965, 977—985. 



Kindergärten tür Blinde. — Von J. Krieger, Wien*. 1027 — 1031. 

Krankenstube Nr. 2 4. — Von Lazarettpfarrer H. Schaefer. 
890—891. 

Krieg bei blinden Erstklas s e r n. Eine Plauderstunde über 
den — Von Lehrer O. Wanecek, Purkersdorf . , 1013 — 1016. 

Kriegsblinde als Akten lieft er. Von Geh. Med. Rat Professor Dr. 
Sil ex, Berlin 965—966. 

Kriegsblinden. Die kaufmännische Ausbildung der — Von 
Präfekt S. Abel es, Wien 955_958. 

Kriegsblindenfürsorge in Mähren 1031 — 1033, in Niederösterreich 
996—998, in Ober-Österreich 1048. 

Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf während ihres 45jäh- 
rigen Bestandes. DieZöglingsbewegung in der — Von 
Direktor K. Bürklen, Purkersdorf 945 — 948. 

Leben. Zurück ins — Von einem Kriegsblinden .... 855 — 858. 

Lehrerbildung. Blindenpädagogik in der — Von Direktor K. 

Bürklen, Purkersdorf 907—908. 

Neugestaltung derBlindenbildung und derBlindenfürsorge 
in Deutschösterreich. Grundzüge für die. 1039 — 1042 

Punktsdirift. Die Größenverhältnisse der — Mit 1 Tabelle 
und 5 Abbildungen. Von Direktor K. Bürkien, Purkersdorf, 
991-996. 

Rosegger und die Blinden, Peter — Von Direktor K. Bürklen, 
Purkersdorf 975—976. 

Spät-Erblindeten. Die Versorgung von — Von O. St. Wien, 
858—859. 

„Tastlesen der Blinden-Punktschrift.« Kritische Betrach- 
tungen über das — Von Hofrat H. Ritter v. C h 1 u m e t z k y. 
Brunn (Beilage zu Nr. 8) 975. 

Tastlesen der Blindenpunktschrift. Das — - Von Karl Bürk- 
len. Besprochen von Direktor S. Heller, Wien. . . . 867 — 871. 

Volksgesundheit. Mini ster i um f ü r — 859—860. 

Vorlesen in der Blindenschule. Das — .871 — 873. 

Zeitereignisse und unsere Sache. Die — 1023 — -1025. 

Personalnachrichten. 

Bergmeister Hofrat Dr. O., Niederlegung seiner Stelle als Augenarzt der n. ö« 
Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf 926. — Hofrat Dr. O., Tod 1017. — Privatdozent 
Dr. R. Augenarzt an der Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf 926. — Bernheimer 
Dr. St , Professor, Tod 909. — Bodo F., Taubstummenlehrer, Überweisung an die 
n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf 875. — Eichler K., Musiklehrer, Auszeich- 
nung 992. — Fast A., Adjunkt, Bestellung 949. — Horvath A. v., Ernennung zum 
kaiserlichen Rat 967. — Hügel K., taubblind. Tod 1033. — Mayer R., Direktor, 
Tod 908. — Meli A., Hofrat, Ernennung zum — 1017. — Moser L., Professor, 
Auszeichnung 909. — Pleninger A. M., Konsistorialrat, Auszeichnung 949. — 
Ressavar P. K., Bestellung zum Direktor des Mädchenheims in Melk 892. — 
Rosenmayer K., Verwalter, Auszeichnung 949. — Siegl E., Hilfskraft für Fein- 
flechterei, Tod 1001. — Vichal J. P., Tod 874. 



Mitteilungen aus den Anstalten und Vereinen. 

Asyl für blinde Kinder in Wien XVII. Bericht 986. 

Blindenheim zu Klagen fürt. Feier 926. 

B lin de n ver sor ßu ng shaus »Franz i sco-Jo se ph i n u m« i n P r a g. Bericht 927. 

Deutsche Blindenschule in Aussig. Bericht 1035. 

Deyl'sches Bli ndenins titut in Prag. Bericht 1001. 

Kaiser Karl-Kriegsblindenheim in Wien XIII. Weihnachtsfeier 875. 
Bericht 861. 

Klar 'sehe Blindenanstalt in Prag. Bericht 1 034. 

N. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Austiug 967, Faschingsabend 
892, Grippeepidemie 1033, Kriegergedenkfeier 1049, Opernaufführung 968 
Schulschlußfeier 986, Weihnachtsfeier 861, Wohltätigkeits-Akademie 1001. , 

Odilien-Blindenanstalt in Graz. Jahresbericht 949. 

Privat-Blind enlehranstalt in Linz. Christbaumfeier 876, Glückwunschfeier 
986, Musikaufführung 968. 

T ir ol.-V o ra r Ib. Blindeninstitut in Innsbruck. Festteicr 875. 

Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für Blinde in Linz. Chor 
876, Christbaumfeier 876. 

Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde, 
in Wien VIII. Aufnahme 1017, Bericht 909. 

B 1 in d e n t ür sor ge V e r ei n für Tirol und Vorarlberg. Vollversamm- 
lung 927. 

Blindenheimverein in Melk. Jahresbericht 1916, 1917. 1050. 

Blind en-Unte rstützungsve rein »die Pu rker sdorfer« in Wien V. Be- 
richt 968. 

Humanitärer Blindenverein »L indenbn nd«: Wien XX. Bericht 877. 

K. F. J. J ubil. -Verein zur Fürsorge für männl. Blinde in Mähren und 
Schlesien. Hauptversammlung 949. 

I, Österr. Blindenverein in Wien VIII. Bericht 1002, zwanzigjähriger Be- 
stand 876. 

Verein »Kriegsblin denheimst ätten« in Wien. Anerkennung 950, Bericht 
862, Bericht 969, Spende 863. 

Verein zur Ausbidung von Spätererblindeten in Wien. Bericht 987. 

Zentralverein für das österr. Bli ndenwesen. Ausschußsitzung 968, Erhöhung 
der Mitgliedsbeiträge 1051, Generalversammlung 1017, Hauptversammlung. 
Denkschrift 1049—1050. 



Für Kriegsblinde. 



Husstellungen 893 — Beschäftigung kriegsblinder Soldaten in England 894- 
— Böhmen. Kriegsblindenheimstätten in — 987. — Erzherzog Karl Stephan 

877. — K. k. Blinden-Erziehungs-Institut Wien II, Anerkennung 1035. -- Kon- 
zerte undVeranstaltungen 893, 910, 930, 951, 970. — Kriegsblindenfonds998— lOOO, 
Übertrag an das k. k. Ministerium für soziale Fürsorge 969. — Kriegsblindenkurs 
in Straß 863, 878. — Küstenländische Landeskommission, Bericht 893. — 
Landwirtschaftliche Schule für Kriegsblinde in Temesvar 930. — Rohstoff- 
zentrale für kriegsblinde Handwerker 909. — Trauungen von Kriegsblinden 
951, 987. — Versorgung der Kriegsblinden 877. — Weihnachtsfeier in Brunn 

878. — Zahl der Kriegsblinden in DeutscOland 911, in Frankreich 911. — 

Verschiedenes. 

Altes und Meues. Bismark und der kriegsblinde Franzose 990. Blinde Ruderknechte 
954. Das empfindliche Gehör des Blinden 1006. Das Ende einer deutschen 
, Greueltat 954. Der Schleier des Glücks 914. Die Leib Ärtzt oder Medici 
pflegen zu Zeiten den Kranken aus Eigennützigkeit aufzuziehen 974.- Ein 
blinder Gärtner in der Literatur 934, Ein blinder Tönemeister Hus dem XV. 
Jahrhundert 869. Ein Dichter als Ei zieher eines blinden Knaben 882. Elektri- 
zität und Blindenschrift 898. Nacht. Erzählung von Ernst Zahn 1038. Wie die 
Simulation von Blindheit festgestellt wird 850. 

Blendung. Eine verdiente -- 879. — der Jagdfalken 931. 

Blindenführerhunde 878. - Blindenkalender. Annahme durch die Kaiserin 
894, 910. 

Blindenkalender 1919. 1051. 

Briefkasten 931. — Dänemarks erster weiblicher blinder Organist 879. 



Dichter. Ein blinder deutsch-ungarischer — 93l. — Erblindung durch Geschoß- 
explosionen 1019. 

Gedichte: Dankgebet eines Bhnden. (O. Huber) 1000. Die Bünde. (L. Rohmer- 
Heilscher) 891. Die Blindenschule. (J. Moos) 860. Gesang der Blinden. 
(H. Lingg) 878. Fünfundzwanzigster Spiegel. (K. R. Schmidt) 926. Mein 
Garten. (P. Lang) 1048—1049. Pont du Carousel. fR. M. Rilkej 967. 

Journalist. Ein blinder — 895. — Lehrmittel. Neue für Naturgeschichte — 970. 

Leistungsfähigkeit der Rügen im Dunkeln 971. — Leipziger Blindendruckerei. 
Aus der — 1051. — Licht und fluge 1002. 

Milchinjektionen. Wirkung der — 1019. — Schwachsichtigenklassen in der 
Schweiz 1051 — Schwachsichtige. Schulen für 1002. 

Stiftungen für Blinde 970, 971 — Studienanstalt für blinde Studierende 1002. 

ungarischer Blindenhund, Gründung 1022. — Unglücksfälle Blinder 910. — Ver- 
steigerung. Eine seltsame — 1051. 

Bücherschau. 

flrbeitsmöglichkeiten für Blinde. Niepel E., 895. — Beiträge zur Geschichte der 
Kriegsblinden. Von Rappawi A. 1022. — Bericht über die dreijährige 
Tätigkeit an der Blindenlazarettschule in Berlin. Von Silex, Prof. Dr. P. 911. 

Blindenkunde. Abriß der — F. v Gerhardt 1022. — Die Fürsorge für die 
Kriegsblinden des Herzogtumes Bukowina im Rahmen der Kriegsblin- 
denfürsoige Österreichs. Von G. Halerevici. 1022. - Den Kopf hoch! 
Von Lang P. 1019. 

Die Blinde. Von Schmidt K. R. 931. ~ Die Blindenschule. Von Zech F. 879. 

Die Fürsorgeeinrichtungen der n. ö. Landesverwaltung zum Schutze des 
Kindes. Verlag des Landesausschusses von Niederösterreich 863. 

Geschichte der österr. Jugendfürsorge. Von Breulich F. 1003. 

Jugenderinnerungen eines blinden Mannes. Von Haun E. 1003. 

Materialien zur Blindenpsychologie. Gerhardt Dr. F. v, 895. 

Mein Blinder. Von H. Kodolitsch v. Neuweinsberg 1022. — Nacht. Von Ernst 
Zahn 1038. — Schutz gegen Geschlechtskrankheiten. Von Dr. Panesch l051. 

Mitarbeiter. 

flbeles S., Präfekt. Die kaufmännische Ausbildung der Kriegsblinden 955—958. 

flltmann S., Fachlehrer. Offener Briet 889-890. 

Bürklen K., Direktor. Blindenpädagogik in der Lehrerbildung 907—908. Der VI. 
Ost. Blindenfürsorgetag. Bericht. 1007 — 1012. Der Einband des Blindenbuches 
851—955. Der Hund als Blindenfreund 902 — 906. Die Anwendung der Binet- 
Simon-Methode zur Intelligenzprüfung bei blinden Kindern 935 — 939,959—965, 
977—985. Die Größenverhältnisse der Punktschrift 991 — 996. Die Heranbildung 
von Blinden- und Taubstummenlehrern 915—918. Die Zöglingsbewegung in der 
Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf während ihres 45jährigen Bestandes 
945—948. Die Zeitereignisse und unsere Sache. 1023—1025. Peter Rosegger 
und die Blinden 975—976. Das Vorlesen in der Blindenschule 871—873. 

Chlumetzky H. v., Hofrat. Kritische Betrachtungen über »das Tastlesen der ßlin- 
denpunktschrift« von Karl Bürklen und die beigehefteten Aufsätze. Beilage 
zu Nummer Nr. 8. 975. 

Demal F., Hauptlehrer. Der Dezimalpunkt 1025—1027. Neue Lehrmittel für Natur- 
geschichte 970. 

Gerhardt F. v., Dr. Grundlegung der Blindenpsüchologie 883—888. 

Heller S., Direktor. »Das Tastlesen der Blinde^npunktschrilt von Karl Bürklen.« Be- 
sprechung 867—871. Der Hund und der Blinde 1045 — 1046. 

Krieger J., Kindergärt.m für Blinde. 1027 — 1031. 

Krtsmary fl., Musikfachlehrer Friedrich Mayer und die Reform der BraiH'schen 
Notenschrift 922—926. 

Müller F. Blinde Gemsen 1046 — 1047. 

Oldendorp J. Das künstliche Auge 1043 — 1044. 

Schaefer H., Lazarettpfarrer. Krankenstube Nr. 24. 890—891. 

Silex, Dr. Geh. Med. -Rat, Prof. Kriegsblinde als Aktenhefter 965—966. 

Stoklaska O., Direktor. Die Versorgung von Spät-Erblindeten 858—859. 

Wanecek O., Lehrer. Die Blendung in der Geschichte des Rechts 899—902, 
919—921, 940—945. Eine Plauderstunde über den Krieg bei blinden Erst- 
klassern 101 3—1016. 

Her.Tnsgrber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomifee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. t. Hor»ttth, F. Uhl. — Druck »nn Adolf Rnglisch, Purkersdorf hei Wien. 




5. Jahrgang. 



Wien, Dezember 1918. 



12. Nummer. 



ßi^m^m^^^^^i&m^^-^^^i^'^^'^^ü^^m^mm^i^^^^^^^i^m^mmi^^^^ 



^ 



»Mitleid ist nicht zu entbehren 

zur sozialen Entwicklung.« k. Ostwaw. 



»sc fjßt 



Grundzüge für die Meugestaltung 

der Blindenbildung und der Blindenfürsorge 

in Deutschösterreich. 

Die Errichtung des „deutschösterreichischen Staates" läßt die Be- 
gründung einer modernen Blindenfürsorge näher gerückt erscheinen als 
in den Zeiten, da die Verbindung mit anderen Nationen eine einheitliche 
Neuordnung behinderte. Bei den gegenwärtigen Umwandlungen im Staats- 
leben darf die heimische Blindenfürsorge nicht vergessen werden. S i e 
muß auf sozialer Grundlage und unter Mitwirkung der 
breiten Öffentlichkeit vor sich gehen. Wir treten daher an die 
Allgemeinheit sowie an die berufenen Stellen mit der Bitte heran, 
dieser dringend notwendigen Neugestaltung ihre volle Aufmerksamkeit 
und Werktätigkeit zuzuwenden und die günstige Gelegenheit zu einer 
modernen Umwandlung unserer Blindenfürsorge nicht zu versäumen. 
Neben jahrzehntealten Forderungen unterbreiten wir die 
Bitte nach Neueinrichtungen und Umgestaltungen, wie sie 
sich aus u n a b w e i s b a r e n B e d ü r f n i s s e n e r g e b e n u n d den ge- 
änderten staatlichen u n d g e s e 1 1 s c h a f 1 1 i c h e n Verhältnissen 
entsprechen. Damit werden auch die Grundzüge festgelegt, unter 
denen die Reorganisation der Blindenfürsorge in Deutschösterreich voll- 
zogen werden könnte. 

Bisher litt die heimische Blindenfürsorge unter einer schweren 
Vernachlässigung seitens der öffentlichen Stellen und an dem verhäng- 
nisvollen Irrtum, daß Blindenbildung und Blindenfürsorge Angelegen- 
heiten der Privatwohltätigkeit seien, sowie an der Verkennung der durch 



Seite 1040. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 12. Nummer. 

das Bildungsbedürfnis, die Bildungsfähigkeit und den Bildungserfolg 
längst erwiesenen Pflicht des Staates, Blindenbildung und Blin- 
denfürsorge als berechtigte Aufgaben der Volksbildung 
und \^ o 1 k s w o h 1 f a h r t zu e r f u 1 1 e n. 

Zur Durchführung dieser staatlichen Für sorgeist die 
Schaffung besonders beauftragter Stellen drin gen st ge- 
boten und zwar einer ,.St a at sstel le für Blindenfürsorge" 
und der ihr untergeordneten ..Landesstellen". 

Die Aufgabe dieser Stellen wäre die ungesäumte Durchführung 
der Fürsorge für sämtliche Blinde (Kriegsblinde eingeschlossen). Sie 
hätte sich auf folgende Gebiete zu erstrecken: 

Maßnahmen zur Blindheitsverliütung. 

Statistische Erhebungen über die Blinden Deutschösterreichs. 

Fürsorge für die vorschulptlichtigen blinden Kinder. 

Beschulung der scbulptlichtigen blinden Kinder. 

Beschulung schwachsichtiger Kinder. 

Berufliche Ausbildung der jugendlichen Blinden. 

Berufszuführung von Spätererl)lindeten (darunter auch der Kriegs- 
blinden). 

Unterstützung und Versorgung arbeitsschwacher, kranker und alter 
Blinder in freier und geschlossener Fürsorge. 

Die ..Staatsstelle" bezw. die „Landesstellen" hätten sich aller be- 
stehenden Blindenfürsorgeeinrichtungen ( Anstalten, Heime, Vereine usw.) 
unter Wahrung ihrer Selbständigkeit zu bedienen und die sonst not- 
wendigen Neueinrichtungen zu schaffen. Neben den vorhandenen und 
aus der privaten Wohltätigkeit auch in Zukunft zu gewärtigenden 
Mitteln müßten die Länder und Gemeinden l)ezw. der Staat die rest- 
lichen Bedürfnisse befriedigen. 

Die ,.Staatsst eile" wie die ..Landesstellen" wären als 
Staatsbehörden bzw. als L a n d e s b e h ö r d e auf demokrati- 
scher Grundlage zu errichten. Die hierzu berufenen Funktionäre 
hätten sich zusammenzusetzen aus: Beamten, Vertretern der Erhalter 
der in Anspruch genommenen Fürsorgeeinrichtungen, Fachmännern und 
Blinden. 

Die Zahl der in Obsorge der genannten Stellen fallenden deutsch- 
österreichischen Blinden beträgt in runder Summe 6500 und zwar in : 

Niederösterreich 2600 Blinde 

Oberösterreich und Salzburg .... 800 „ 

Steiermark 750 ,. 

Kärnten 250 „ 

Tirol und Voralberg 400 ,. 

Deutschböhmen 1200 „ 

Sudetenland 500 „ 

Als allgemeiner Grundsatz der Blindenfürsorge hat zu gelten: 
Für alle Blinden ist das Recht auf Bildung und das 

Recht a u f A r b e i t dem Recht auf eine menschenwürdige 

Versorgung voranzustellen. 



12. Nummer. Zeitschiilt f(ii- das österreichische Blindenwesen. Seite 1041. 

A I s d r i u g e n d s 1 F o r d e r u ii g e n einer ni o d e r n e n d e u l .'^ c h- 
f) .s t e r r e i c h i s c h e n Blindenfürsorge d u r cli die b e .s t e h e n d e n 
wie dnreh die neu zu schaffenden Einricli t ungen werden 
[) e z e i c im e t : 

Fürsorge für l) linde Kinder im vorschulpflichtigen 
Alter. Außer den bestehenden Vorschulen für blinde Kinder (Asyl für 
brnde Kinder in Wien, Kindergarten der Klar'schen Blindenanstalt in 
Prag) wären solche Vorschulen nach Bedürfnis auch in den anderen 
Ländern zu schaffen. 

Beschulung blinder Kinde r. 

Die unterrichtliche xVusbildung muf3 als sicherste Grundlage der 
Blindenfürsorge angesehen werden. Blindenanstalten seien daher hinfort 
aus öffentlichen Mitteln erhaltene Pflichtschulen, woraus sich die Not- 
wendigkeit ergibt, den Anstaltszwang für blinde Kinder gesetzlich fest- 
zulegen. Da der Blindenunterricht auch die Aufgabe zu erfüllen hat, 
au der Ausgestaltung der Blindenpädagogik mitzuwirken, ist ihm kein 
fester, sondern ein Ideallehrplan zugrunde zu legen und die Freiheit 
der Methode zu gewährleisten. Zur Erlangung voller Klrwerbsfähigkeit 
muß die Bildungszeit nach Notwendigkeit auch über die Schulpflicht 
hinaus ausgedehnt werden. 

Die Unterrichtsanstalten für blinde Kinder sind bis auf Tirol und 
Vorarlberg für die Unterbringung der blinden Landeskinder hinreichend. 
Nach Notwendigkeit wären einzelne Anstalten für eine größere Inan- 
spruchnahme zu erweitern. Niederösterreich erscheint durch 4 Unterrichts- 
anstalten (N. ö. Landes-Blindennnstalt in Purkersdorf. k. k. Blinden-Er- 
ziehungsinstitut in Wienll. Israelitisches Blindeninstitut in Wien XIX und 
städtische Schulabteilung für blinde Kinder in Wien XVI) über den 
Bedarf hinaus bedacht. Die unvollkommen organisierte Schulabteilung 
ftir blinde Kinder in Wien XVI wäre bei Nachweis des Bedürfnisses 
zu einer Tagesschule für Blinde auszugestalten oder im Gegenfalle auf- 
zulassen. Das bisherige k. k. Blinden-Erziehungsinstitut in Wien II, wel- 
ches zum größten Teil seine Zöglinge aus den abgetretenen Kronländern 
verliert, wäre in eine ,.Blinden-Studienanstalt" zur Erlangung einerhöheren 
geistigen und musikalischen Ausbildung (Mittel- und Hochschulstudium) 
und in eine Anstalt zur Heranbildung von Blindenlehrern (nach erfolgter 
Absolvierung einer Lehrerbildungsanstalt) umzuwandeln. 

Beschulung von schwachsichtigen Kindern. 

Die unterrichtliche Ausbildung von schwachsichtigen Kindern er- 
fordert besondere Maßnahmen, da diese Kinder im Volksschulunterrichte 
nicht fortzukommen vermögen and in den Blindenanstalten keine Auf- 
nahme finden können. Es sind daher in den großen Städten Sonder- 
klassen für schwachsichtige Kinder zu errichten oder Abteilungen für 
Schwachsichtige den Blindenanstalten anzugliedern. 

Die heruflliche Ausbildung, w^elche an den Blindenunterrichtsanstalten 
oder eigenen Anstalten vorgenommen wird, wäre zu erweitern und zu ver- 
tiefen. Durch die Umwandlung des bisherigen k. k. Blinden-Erziehungs- 
institutes in Wien II in eine „Blinden-Studienanstalt*' könnte das Ver- 
langen talentierter Blinder nach höherer geistiger und musikalischer 
Ausbildung endlich erfüllt werden. Durch Ausgestaltung der „Anstalt 



Seite 1042. Zeitschrift das für österreichische Blindenwesen. 12. Nummer. 

zur Ausbildung Spätererblindetcr in Wien XIX'' würde dem bi.sher stark 
vernachlässigten Zwecke der beruflichen Ausbildung der Spätererb bil- 
deten (Kriegsblinden) gedient werden. 

Förderung der freien Erwerbstätigkeit ausgebildeter 
Blinder. 

Die für diese Aufgabe bestehenden Einrichtungen sind in allen 
Ländern unzureichend. Es wären daher die bestehenden Werkstätten 
für blinde Handwerker auszugestalten und neue Arbeitsstätten, nament- 
lich auch für weibliche Blinde, in den größeren Städten zu errichten, 
die Arbeitsvermittlung zu organisieren und neue Berufszweige für Blinde 
auf Grundlage eines ausgestalteten Systems der Handfertigkeit in den 
Blindenunterrichtsanstalten zu eröffnen. In den bestehenden „Beschäf- 
tigungs- und Versorgungsanstalten für männliche und weibliche Blinde" 
wäre das Hauptgewicht auf die Erwerbstätigkeit zu legen, wenn nicht 
die Umwandlung in reine Versorgungsanstalten zu erwirken ist, wobei 
eine auf das Haus beschränkte Beschäftigung wünschenswert erscheint. 
Für alle erwerbstätigen Blinden ist die Kranken-Unfall- und Sozialver- 
sicherung durchzuführen. 

Unterstützung u n d V e r s o r g u n g a r b e i t s s c h w a c h e r 
kranker und alter Blinder in freier und geschlossener 
Fürsorge. 

Bei der Versorgung der Blinden ist die Ermöglichung einer, wenn 
auch nur beschränkten Erwerbsmöglichkeit der bloßen Armenversorgung 
stets voranzustellen. Beide Arten der Versorgung haben sich in möglichst 
freier Fürsorge zu vollziehen. Neben den bestehenden Unterstützungs- 
fonds wären unter Heranziehung der öffentlichen Armenmittel bei den 
„Landesstellen-' ,.Hilfskassen-' für Blinde zu errichten, aus denen diese 
nach dem Grade ihrer Arbeitsfähigkeit Unterstützungen genießen könnten. 
Dagegen sind entsprechende Maßnahmen gegen den Bettel durch Blinde 
zu ergreifen. 

Für die geschlossene Fürsorge kranker und alter Blinder sind 
dringende Vorkehrungen nötig, da für die Unterbringung solcher Blinder 
nur eine einzige Anstalt (das von der ..Böhmischen Sparkasse erhaltene 
Francisco-Josephinum in Prag") besteht. Die Gemeinde Wien, welcher 
für diesen Zweck bereits größere Mittel von der Privatwohltätigkeit zur 
Verfügung gestellt wurden, wäre in erster Linie zur Errichtung einer 
Versorgungsanstalt zu veranlassen. x\uch in Niederösterreich (außerhalb 
Wiens) sowie in den anderen Ländern müßten solche Alters- bezw. 
Kranken- und Erholungsheime für Blinde errichtet werden. 

Die Durchführung aller dieser Maßnahnien müßte unter 
Mitwirkung und Unterstützung der breiten Öffentlichkeit sei- 
tens der „Staatsstelle" für Blindenfürsorge geschehen. Es be- 
darf in dieser Hinsicht dringend der bisher mangelnden An- 
regung und Führung durch berufene Kreise, welche mit ent- 
sprechenden Befugnissen ausgestattet sind. Man schreite, 
daher ungesäumt an die Schaffung der vorgeschlagenen Kor- 
porationen, welche die Neugestaltung des deutsehöster- 
reichischen Blindenwesens in die richtigen Bahnen leiten. 



i2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 1043. 

Das künstlidie Rüge. 

Von Justus O 1 d e n d o r p. 

Die augenärztJiche Kunst steht auf dein durcli Krtahrung gefestig- 
ten Standpunkt, wonach das künstliche Auge als unerläßliches Hilfsmittel 
zur Gesunderhaltung der Augenhöhle angesehen werden muß, ja es 
darf geradezu als notwendiger Heilfaktor gelten. Demnach empfiehlt 
sich auch bei Vollblinden das Tragen von Prothesen aus hygienischen 
Gründen und nicht nur, um die abstoßende Wirkung der leeren Augen- 
höhlen zu beheben. Welch hohen Wert für das seelische P^mpfmden 
des am Sehorgan Geschädigten das bloße Bewußtsein verleiht, daß diese 
Verunstaltung nicht von jedermann zu gewahren ist, bedarf keiner be- 
sonderen Worte. Das ganze Auftreten eines mit einer Prothese verse- 
henen Menschen im Verkehr mit der übrigen Welt vollzieht sich unbe- 
fangener und sicherer als ohne diese nicht hoch genug zn schätzende 
Kunsthilfe. Doktor Kitt er ich nannte es vor über sechzig Jahren 
geradezu fehlerhaft, den Gebrauch dieses Hilfsmittels jahrelang aufzu- 
schieben. Das Vorurteil für den Gebrauch künstlicher Augen wird sich 
für die nächste Generation bedeutend verringern : die durch Unwissen- 
heit hervorgerufene Scheu vor Prothesen und die Furcht vor ärztlichen 
Eingriffen erhielten durch die Behandlung unserer Kriegsbeschädigten 
eine bedeutsame Berichtigung. 

Sichere geschichtliche Überlieferungen über die Herstellung künst- 
licher Augen aus älterer Zeit sind nur wenige bekannt. Eine genauere 
Beschreibung gab erst Ambroise Pare in einem 1561 gedruckten Werk. 
Die Kunst, (ilasaugen für den Ersatz eines verlorenen Sehorgans zu 
machen, scheint einst in Venedig ihren Sitz gehabt zu haben; lange Zeit 
galt F\aris als die Stätte der entwickelten Technik. Der deutsche Augen- 
arzt Ritterich bemühte sich im vorigen Jaln'hundert, um Deutschland, 
wie er sagt, „von diesem Tribut an Frankreich zu befreien." Hazard- 
Mirault in Paris verlangte um 1850 für ein Auge fünfundzwanzig bis 
fünfzig Franken. Ritterich lernte 1851 die Arbeiten des in Lauscha 
bei Saalfeld in Thüringen geborenen Ludwig Müller kennen, der schon 
1835 durch den Würzburger Professor Adel mann zur Herstellung 
künstlicher Augen angeregt worden war. Über die Prothesen urteilte 
Ritt er ich 1852: „Seine Ersatzaugen sind denen der besten Pariser 
Erzeugnisse gleichzustellen, in mehrer Beziehung sogar vorzuziehen." 
Müllers künstliche Augen kosteten zweieinhalb bis drei Taler. Dem 
Neffen des Genannten, Friedrich Adolf Müller, der sich seit 1855 be- 
tätigte, gelang es gegen Ende der sechziger Jahre, ein neues bildsames 
Material anzuwenden, das dem zerstörenden Einfluß der Tränenflüssigkeit 
viel besser widerstand und leichter war als das französische Glas. Das 
günstige Vorurteil gegenüber französischen Erzeugnissen verlor sich erst, 
als durch den Krieg 1870/71 Paris verschlossen blieb, und die Notwen- 
digkeit gebot, nach der einheimischen Arbeit zu greifen. Seit jener Zeit 
übertlügelte das Können deutscher Künstler die französischen Erzeug- 
nisse immer entschiedener. Die echt gallische Eitelkeit zeigte sich über 
diese Erfolge sehr verbittert. Als auf der Pariser Weltausstellung des 
Jahres 1900 die ^Erzeugnisse des Wiesbadener Hauses Friedrich und 
Albert Müller auf dem internationalen Kongreß der Augenärzte unge- 



Seite 1044. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. 12. Nummer. 

teilte Anerkennung fanden, hielt es das Ausstellungsgericht für gehoten, 
diese Erzeugnisse deutschen Könnens mit einer untergeordneten Bewer- 
tung zu bedenken. Als Grund gab man ebenso dünkelhaft wie gehässig 
J.Imitation französischer Kunst" an! Inzwischen haben unsere Erzeug- 
nisse die französischen überflügelt, die sich nicht einmal auf der Höhe 
von 1850 zu halten vermochten. Deutschen Bemühungen ist es auch 
zu danken, daß ein neues Material, das Kryolithglas. gefunden und ver- 
arbeitet werden konnte, das den Einwirkungen der Alkalien dauernden 
Widerstand zu leisten vermag. Aus bleihaltiger Komposition verfertigte 
Augen — wie die Pariser — beginnen nach etwa viemionatigem Ge- 
brauch auf der ganzen Oberfläche matt zu werden : aus gutem Material 
hergestellte erst nach einjähriger Tragzeit. Das deutsche Kryolithglas 
— das die Kernmasse der Prothese bildet — wird von der Tränen- 
masse überhaupt nie rauhgefressen: nur das Kristallglas, aus dem die 
Hornhaut gebildet werden muß, erleidet eine oberfiächliche Zersetzung; 
auf dem Kristall der Iris entstehen blinde Stellen, welche die Schleim- 
haut eher spürt, als sie äußerlich wahrgenommen werden. Solange das 
Auge glatt ist. wirkt es wohltätig auf die Muskulatur und die Schleim- 
haut der Augenhöhle: erst dann, wenn die Oberfläche rauh zu werden 
beginnt, überträgt sich der Reiz auf die ganze Augenhöhle. Bei fortge- 
setzter Dauer tritt chronischer Bindehautkatairh ein, der sich auf das 
gesunde Auge überträgt. Aber auch noch weitergehende Schädigungen 
können die Folge verdorbener Prothesen sein. Aus diesem Grijnde 
empfiehlt es sich, keine geringwertigen P^rzeugnisse zu erwerben. 

Statt der schalenförmig gebildeten Prothesen gelang es lc^99. 
doppelwandige, völlig geschlossene Kimstaugen herzustellen. Bald darauf 
wurde es möglich, diese unter dem Namen „Reformaugen'' eingeführten 
Gebilde in beliebigen Formen herzustellen und die Rückwand je nach 
den Verhältnissen der Augenhöhle mehr oder minder konvex, konkav, 
plan- und konkav-konvex zu gestalten und genau der Beschaffenheit 
des Augenhöhlenbodens anzupassen. Dieses Kunslauge erlaubt eine 
größere Bewegungsfähigkeit als die bloße Schale: weil es sich ganz 
der Form des noch vorhandenen Augapfels anzupassen vermag, macht 
es alle Bewegimgen des gesunden Auges tnit. 

Ritterichs Worte sind heute so wahr wie vor einem halben 
Jahrhundert, da er schrieb: ,.Die Erlangung eines künstlichen Anges ist 
für den Armen oft noch von höherer Wichtigkeit als für den Wohl- 
habenden. Wenn es bei diesem meist dazu dient, das Aussehen zu ver- 
bessern, so ist es bei dem Unbemittelten nicht selten zugleich ein 
Schutz gegen Mangel und Elend, Ein Einäugiger wird von niemand gern 
in Dienst genommen und ihm nicht leicht ein Geschäft übergeben, zu 
dessen Ausführung ein nur irgend gutes Gesicht gehört, obgleich das- 
selbe recht wohl mit einem Auge zu verrichten wäre. Trägt er aber 
ein künstliches Auge, hat er also anscheinend zwei gesunde Augen, so 
findet er weit leichter Unterkommen und Brot." 

Für die im Kriege um das Augenlicht gekommenen Kämpfer ge- 
schieht alles; sie erhalten selbstverständlich auch Prothesen. Eine hoch- 
entwickelte Kunstfertigkeit traf mit den Kriegsereignissen zusammen, 
um das Menschenmögliche erreichbar zu machen. 



Beilage zu Nr. 12 der Zeitschrift für das österr. Blinden wesen. 



Den Angehörigen und Freunden 
der im Felde Erblindeten. 

Sonderabdruck aus dem „Evangelisdien Hausfreund", Februar 1918 
von E. G. B., Wien. 

Man liest nun viel von all den großen Instituten, wo 
das Sehen mit den Fingerspitzen gelehrt wird, um lesen zu 
können, Musik zu treiben und so manche Handfertigkeit — es 
werden Blindenheime für erblindete Krieger errichtet, große 
Summen kommen ins Rollen, ihr Elend zu lindern. 

Dagegen scheint es geringfügig zu sein, was ich vornehmlich 
zu geben habe, doch ist es nicht leicht erworben, in fast zwei 
zwei Jahrzenten unermüdlich ernsthafter Betreuung eines Erblin« 
deten, und von diesem teueren Gut — Erfahrung — möchte ich 
mitteilen, mit den Freunden und Angehörigen jener — teilen! 

Viele Erblindete werden im häuslichen Verband bleiben 
können, dank irgend günstiger Familienverhältnisse, vielen Menschen 
wird es nun häufiger als bisher begegnen, mit Blinden da oder 
dort umzugehen, die Anregung für Freitische ward öffentlich ge- 
geben, damit auch die in Blindenheimen Wohnhaften mit der 
Außenwelt in Fühlung bleiben. — „Bringen wir ihnen," sagt Peter 
Rosegger im Heimgarten — er schildert die Verzweiflung eines 
kriegserblindeten Studenten — , „Ehre und Liebe entgegen, wo und 
wie immer wir können!" 

Könnte ich irgend ein Bindeglied sein, das Verständnis, 
die notwendige Technik für den Verkehr mit Nichtsehenden zu 
erleichtern, beiden — den Nehmenden wie auch den Gebenden — 
zuliebe. Mein Vater war schon über 60 Jahre alt, als die seit 
langem abnehmende Sehkraft, als die Sonne für ihn — erlosch. 
Die Allmählichkeit, diese so einzig versöhnende Macht, hatte er 
jenen voraus, welche im Feld der furchtbare Verlust wohl zumeist 



plötzlich traf. Doch das Geizen um den langsam hinschwindenden 
Schein — der Tag und Nacht noch unterscheidet — ist herzzer- 
reißend gewesen. Die Tragik, daß es diesen Helden in Jüngeren 
Jahren widerfuhr, birgt die versöhnende Gewißheit in sich, sie 
noch der Errungenschaften, welche die Blindenlehre verbreitet mit 
Energie und Lust teilhaft werden zu sehen. Die Braillesche Schrift 
ist schwer, weniger für den Blindgeborenen oder als Kind Erblin- 
deten, der Tastgefühl von vorneherein ganz besonders fein ent- 
wickelt ist. Wenn ich demnach bei höherem Alter bezüglich solcher 
Entlastung völlig resignierte, so glaube ich, man werde gerne ge- 
willt sein, den Hilflosgewordenen den harten Übergang zu erleichtern 
und ihnen nach Bedürfen vorzulesen — .es bietet unsagbar 
viel lebendigste Zerstreuung — , bis sie von der arg mühe 
samen Technik zum freudigen Genießen vorgeschritten sind. Freund- 
liche Helfershelfer finden sich sicher im eigenen Kreise, und so 
manche Vereine stellen gewiß gute Kräfte zur Verfügung. Es wäre 
vorzulesen, was besonders interessiert — in der Brailleschrift über- 
dies nicht Erhältliches — , so auch manch Fachwissenschaftliches, 
wie aus der Zeitung!' Nichts aufdrängen was dem Vorlesenden 
vielleicht näherliegt; leset geduldig, etwa den Leitartikel, alle 
Telegramme, die den Tapferen vor allem am Herzen liegen dürften. 
Wenn dem Blinden geholfen sein soll, muß ihm gedient 
werden; nur so wird jegliche Entmündung vermieden, die als 
drohendstes Gespenst dem Lichtlosgewordenen vorschweben mag. 
Nicht er, sondern Ihr seid abhängig geworden — so sei's! Indes 
die Seelenbeziehungen werden sich ungeahnt festigen, 
erhöhen durch das Unglück, und da kommt es mit der Zeit zu 
einem Austausch der Geschmacksbildung, der Fähigkeiten. Er wird 
nicht blos „mit Euren Augen sehen" lernen. . . . Mein Vater liebte 
den Vortrag heiterer Musik, durch den ich ihn unterhielt, obwohl 
ich für mich die klassische Richtung pflegte. Durch oftmaliges 
Zuhören, zuerst aus anderem Zimmer herüber, ist er da völlig 
eingedrungen und machte sich, es erhellte aus seiner richtigen 
Kritik, selbst schwere Kompositionen ganz zu eigen, was bei 
„leichter Musik" im Fluge gelingt und deshalb um so erfreulicher 
wirkt, wo es an Zeit und Gelegenheit gebricht. — Musik ist für 
Lichtlose die holdeste Licht- und Freudenbringerin. Wenn nur ir- 
gend Liebe dafür vorhanden ist, werde sie entwickelt, gepflegt durch 
gute Hausmusik, Besuch von Konzerten. So manchem sagt der 



— 3 — 

Gesang am meisten zu. Es ist, auf die Lektüre rückkommend, n i c h 1 
gleichgülti.y. wie einem Blinden vorgelesen wird. Einförmiges Lesen 
schläfert, wo außerdem ringsum nichts anregt, leicht ein. Zu lautes 
Lesen betäubt! Man sage sich's nur immer wieder, daß man dem 
P>blindeten, im Lesen wie im Erzählen, nicht nur alles zu Gehör, 
sondern auch „zu Gesicht" bringen muß durch eine nicht auf- 
dringliche Eindringlichkeit, wie man sie der Jugend gegenübnr an- 
wendet, um ihre Vorstellungskraft zu festigen, zu steigern. 

Die Konversation, der Austausch von Gedanken, ist mög- 
liehst dahin zu lenken, daß der Blinde spricht und aus seinen 
Erinnerungen schöpft, er wird es als Wohltat empfinden, wenn 
jemand ihm da niederschreibend zur Verfügung steht (auch gibt 
es für ihn gute Schreibbehelfe, Verwendung des Diktaphons), be- 
sonders alles mit dem Wendepunkte seines Lebens Zusammen- 
hängende ist jedem Krieger für ihn und die ihn kennen, festzuhalten! 
Jedoch die Nacht die ihn umgibt, läßt auch Weitfernliegendes, das 
seine Kindheit, seine Jugendzeit erhellt haben mag, beglückend 
aufleuchten. Lasset an seinem geistigen Auge all das vorüberziehen. 
Neues Erleben tritt in ganz neuer Form an ihn heran, man halte 
mit ihm den unvergänglichen, kostbaren Schatz seiner Erinnerungen 
heilig wert und gewinne dadurch Haftpunkte, sei es, um Ähnlich- 
keiten mit neuhinzutretenden Menschen festzustellen, sei es, um 
neue Gegenden, auftauchende Farben und Formen ihm zu ver- 
dolmetschen. Über alles hoch ist es zu werten, wie das Gedächt- 
nis die edlen Sinne bevorzugt, so daß selbst bei Verlust eines 
solchen die unedleren nie zu übertönen brauchen, deren Genuß 
mit dem Augenblicke der Erfüllung — in Nichts versinkt. Die 
Kunst des Lauschens, Daranknüpfen ist entwicklungsfähig, gar sehr 
ausgiebig bleibt noch die Rolle des redenden Teils. Schweigsames 
Zusammensein bei Mahlzeiten, bei Spaziergängen ist dem Nicht- 
sehenden wohl nur selten Bedürfnis, man achte aber solche Re- 
gungen, den eigenen Gedanken „Audienz geben" zu wollen, rück- 
sichtsvollst, und man lernt — ich habe erst in jenen Jahren un- 
versehens zu zeichnen begonnen — , erhöht bewußtes Schauen, 
scharfes Beobachten, wenn immer davon weitergegeben werden 
muß. So auch erweckt — in uns selbst — ein Dichter lebhafte 
Vorstellungen von fernem nie Erschauten durch sein macht- 
volles Beschreiben und Schildern — dem eifere man nach 
bestem Können nach! 



_ 4 — 

Durch das Dunkel ist große Gefahr der Monotonie und Apathie 
gegel)en; der darin Weilende ist jedoch zumeist jeder Abwechs- 
lung leicht zugänglich, sei es eine Reise, ein Ausflug, Gesellig- 
keit oder Besuch von Unterhaltungen. Für die Geselligkeit 
es viele Spiele: so Dame, Schach, Mühle (letztere selbst kostruier» 
bar), es gibt eigene Drechslereikunst solcher Artikel. Sehr anregend 
wirken geistvolle Gesellschaftsspiele. Bei Reisen mag der Bädeker 
schon auf der Fahrt gute Dienste tun, zur Ausschmückung fällt 
wohl stets so manches auf. Vor Besuch eines Theaters wird 
das Textbuch oder das Stück, der Theaterzettel mit Vorteil vor- 
gelesen, Klavierauszüge, vor wie nach, vorgespielt werden, bei der 
Vorstellung gibt es noch genug bezüglich des Aussehens, der Klei- 
dung der Spielenden usw. zuzuflüstern. (Mein Vater verließ sich so 
völlig auf mich, daß er auch durchaus ins Kino mitwollte, was 
ich^ihm aber — Gefahr einer Panik vorschützend — ausreden 
mußte). Gemälde konnten oftmals nahegebracht werden durch 
eingehende Beschreibung. Manchen Erblindeten ist die Bildhauerei 
ganz zugänglich für ihr Verständnis. Bei Festlichkeiten sei es 
aller Bestreben, sich in „seine" Aufnahmsmöglichkeiten hineinzu- 
denken! Weihnacht! — das Glöcklein, der Duft der Tanne, der 
Wachskerzchen, hellerklingende Weihnachtslieder feierliche Musik, 
Jubel beschenkter Kinder, Freude in Geben und Empfangen und 
— es wird ihm nichts fehlen. Am Festmorgen festlich mundender- 
Kuchen, Blumen, die sich bei ihm einzuschmeicheln wissen . . 
Zärtlichkeit — kann da als ,.Tochter" nur ahnen, wie in solcher 
Lage das Erwidertwerden am wohlsten tun mag. Etwas Schweres 
muß ich einfügen : Laßt euch nicht überwältigen von der erblühen- 
den Dankbarkeit, vom Bewußtsein, ganz .unentbehrlich zn sein, 
wachset darüber hinaus, auch andere mögen teilhaben an der 
steten Obsorge, denn es ist nicht gut, daß die volle Lebensmöglich- 
keit eines Menschen nur „auf zwei Augen ruhe!*' . . . 

Und zulernen durch den Umgang mit Blinden immerzu! 
Beim Suchen einer Behausung gar in der friedlichen Stille am 
Lande wird ihm lärmende Nähe, z. B. einer Schmiede oder das 
Wohnen beim Backhause — der Unruhe, auch des Nachts, der 
ausstrahlenden Wärme und Gerüche halber — unleidlich werden. 
Unsere Schutzbefohlenen sind im Eigentlichen weit weniger zu 
täuschen als wir, die wir abgelenkt werden durch alles zu Schauende, 
alle „Aufmachung''. Sie erkennen bald in ihrem erhöhten Feinsin 



— 5 — 

flas Wesen der Menschen aus deren Händen, ihrem Händedruck 
— er sei nie flüchtig, wo er so viel gibt — , al)er vor allen ver- 
rät ihnen gar viel deren Stimme mit ihren Unter- und Obertönen. 
Auch für die Art des Sprechenden erwächst Überempfmdlichkeit : 
Jene, die nur sich selbst hören, kein innerliches Zuhorchen für 
andere besitzen, daher aus allem falsche Schlüsse ziehen, sei es 
in Gleichgültigkeit oder böser Absicht, oder solche, die in Ent- 
zückungsrufe ausbrechen, wenn Schönes zu erblicken ist, unver- 
mittelt — ^. ohne die toten, suchenden Augensterne, das wehe Zucken 
um den Mund zu gewahren, ohne erschaute Pracht sachte und 
willig nahezubringen — , alle solche Art durchschaut niemand 
angewiderter, als der in seinem Dunkel nach wohltuenden, har- 
monischen Eindrücken heiß Lechzende! Bringt ihm ofmals Kinder 
nahe, sie sind heller Sonnenschein für sein Gemüt. Ihr aber leset 
jene Dichter, die die Welt des Wunderbaren, in der ihr lebt, er- 
kannt haben . . . und schlichte Menschen selbst am Lebenswege 
sind oft unerwarteten Verständnisses voll — „tröstet euch, es gibt 
noch edle Herzen" ! 

Bekennt es den Blinden dankbar, wie ihr es von ihnen lernt, 
unabgelenkt, tiefer zu sehen durch Schließen der Augen, wenn 
Schönes erklingt, ihr es ihnen nachtut in Wald und Flur alle 
würzige, lieblich durchduftete Luft tiefer einzuatmen, der Vögel 
Gesang, Tirillieren und Rufe in all ihren Abarten zu unterscheiden, 
alles „Weben" in der Natur anzustaunen. Man tue es ihm nach, 
aber auch dann ■ — man schließe die Augen für eine Weile 
— , wenn die Kraft erlahmen will, die Geduld — . laßt es um euch 
draußen mitten am hellen Tag oder im trauten Gemach bei Lampen- 
schein dunkel werden und ihr taucht empor zum Licht der Er- 
kenntnis, was er durch den Tod des Auges verlor und was ihr 
zu geben habt — lichtbringende Liebe, endlose Hilfsbereitschaft. 
Oh, man bedarf ihrer, denn jenes stete Leiden bringt noch be- 
sondere Qualen mit sich: Unsicherheit, Ungewißheit, die sich oft- 
mals in Mißtrauen umzusetzen drohen. Das wird die Betroffenen 
tief kränken! Es ist, betrachtet man's einsichtsvoll — doch aber 
bloß der ganz natürliche Versuch, sich zu vergewissern, eine 
Kontrolle auszuüben, die der Sehende tausendfach unbeobachtet 
nnd unwillkürlich betätigt, besonders bezüglich jedweder Reinlich- 
keit und das Aussehen jeder Speise, jedes Trunkes. Nicht mehr, 
nicht weniger gilt's, als — sich in die Lage eines anderen 



— 6 — 

versetzen zu können! Am leichtesten isfs, im Geldgebahren 
vormalige Gepflogenheit aufrecht zu halten diu-ch gemeinsames 
Budgetieren und Verrechnen. Man trage dem Selbständigkeitsdrange 
Rechnung! Das kleinere Nickelgeld unterscheidet sich vom Kupfer 
durch den gerifften Rand, es ist bald erlernt, da und dort selbst 
bezahlen zu können. Alles von Wert, das der Blinde bei sich trägt, 
sei wohlverwahrt, ein Taschendiebstahl, dem er leicht ausgesetzt 
ist. würde ihn sehr deprimieren: besonders auch, da er an seinen 
ihm liebvertrauten Gebrauchsgegenständen lebhaft hängt. 

Höchstes — ..blindes Vertrauen haben*', nennt es der Sprach- 
brauch. Dessen würdig macht — lautere Wahrhaftigkeit! Erlaubt 
sei nur jenes Verschweigen, das der Blindheit Vorteil gewährt, 
wie bei so manchem traurigen oder häßlichen Anblick. Gönnt ihnen 
das Glück ihrer Lage, das alles, auch das eigene Ich. ewig jung 
erscheinen läßt und sich gern alles schön ausmalt. Haltet mit 
ihm auf seine Kleidung, durch Feinfühligkeit in den Fingerspitzen 
ist er gut in der Lage. Stoffe mitauszuwählen, auch anderer Ge- 
wandung und Möbelstoffe sich klarer vorzustellen. Seid — er kann 
sich nicht besehen — ein freundlich Spiegelein! Es erhöht sein 
Lebensgefühl wesentlich, sich auch äußerlich gehegt und gepflegt 
zu wissen. Gerne hat er eine Blume im Knopfloch, deren Duft 
ihn begleitet, deren Zartheit ihn entzückt. 

Der „Unsicherheit"' werde Abhilfe durch pedantische 
Ordnung in der Wohnung, in seinen Schränken, durch genaue An- 
ordnung heikler Gegenstände, sei es beim Speisen oder am Wasch- 
tische, so daß man ..blind'' nach allem greifen kann. Der zugefügte 
Schaden ist. wenn er etwas von Haushaltungsgegenständen zer- 
bricht, nichtig gegen den jähen Schreck, den es dem hilflos Tasten- 
den bereitet. Da ist rasch die Schuld auf eigene Schultern zu 
nehmen, aber ernsthaft darauf zu sehen, daß er sich übe, alles 
— auf dem richtigen Orte — richtig zu greifen. Auch beim Speisen 
wäre konsequent achtzugeben, daß Beilagen oder dergleichen stets 
in gleicher Anordnung zu finden seien, Gabel und Brotlöflfel sind 
die besten Behelfe, wenn vorher zerkleinert wurde, der „Hinder- 
nisse halber (ein kleiner Beiteller sollte nie fehlen). Man mache 
klar, wie Appetitlichkeit angenehm geselligan Verkehr eröffnet und 
sichert. Selbstredend sage man vor jeder Speise, was nun kommt, 
wie es aussieht und ist es auf Wohlgeschmack bei jeglichem 
Trunk und Gericht besonders Gewicht zu legen, da auch hierin 



__ 7 — 

dir erhöhte Km j) find 1 i chkeit mitspielt und die erhöhte Mög- 
lichkeit zu er(| nicken. So ist ihm. als Raucher, der Glimmstengel 
ein ganz hervorragendes Labsal ; ein selbst zünden des 'l'aschen- 
feuerzeug, Aschenbecher (nicht schale) aus Metall sind hier gute 
Behelfe. „Spitzen" ratsam, entzündlicher Augenlieder halber und 
weil schutzbietend. Einer kleiner Nachmittagsschlaf ist sehr zu 
empfehlen, damit erhöhte Frische gewonnen wird, die neue Lebens- 
führung strengt an. spannt ab. 

Bewegung außer Haus werden nach Möglichkeit gepflogen. 
Oberstes Gesetz muß es sein, den Blinden in garnichts ab- 
hängig zu machen, wo es anders angeht, und dieses mit seiner 
wachsenden Geschicklichkeit noch stetig zu steigern; Trepp auf 
und ab hilft viel das Geländer, der Stock in der rechten Hand 
(er habe eine kleine Eisenspitze) hilft zu seiner Orientierung, lehrt, 
wenn der Führende stehen bleibt, gar bald, ob es bei Straßen- 
übergängen Stufe auf oder ab geht, ,,großer Schritt" warnt bei 
Pfützen, bei'unebenen Wegen wird man den sich Einhängenden 
geschickt unmerklich lenken. Ist er gewillt, ein dunkles Augenglas 
zu tragen, so fällt er niemandem auf. Ein kleines Signalpfeifchen 
habe er stets bei sich. Neue Schuhe sind mit grober Feile an der 
Sohle rauh zu machen, aus Vorsicht. Leeres Markieren von Ob- 
sorge — so manchen Orts beliebt — hier würde sich's sofort 
rächen! Das Tastenlehren sei sehr umsichtig besorgt, greift der 
Tastende z. B. nur nach der Seiten-, nicht auch Rückenlehne eines 
Fauteuils, könnte er in die Luft zu sitzen kommen und fallen. 
Mein Vater ist nie gefallen, hat sich nie irgendwie verletzt — , das 
wirkt noch heute wundervoll tröstend nach. Und wie geschickt 
würde er in allem, noch in so hohen Jahren! Sein Wesen blieb 
heiter und geistig rege. Niemand wollte an die „völlige Nacht" um 
ihn glauben. „Unabhängigkeit" — immer trug er eine, auf 
Druck auch die Viertelstunden angebende Taschenuhr bei sich, 
unter Antiquitäten finden sich solche, eigenartig und preiswert (es 
gibt Blinde, die die Stellung der Zeiger mit zarten Fingerspitzen 
suchen). — Auch im Speisezimmer hatten wir ein schön klingendes 
Schlagwerk; so konnte er selbst auf genaues Beachten seiner 
Tagereinteilung sehen, wußte bei Schlaflosigkeit die Stunde, auch 
wenn ihm der grauende Morgen nichts vom nahenden Tag verriet. 
Es tut zu dieser Stunde überhaupt wohl, wenn über positive Mo- 
mente positive Auskunft wire, so: Stand des Barometers, Thermo- 



— 8 — 

meters vor dem Fenster und im Zimmer, etwas „Kalenderweis- 
heit", . . . das gibt am Morgen den Versuch eines leidlichen Über- 
ganges von der Nacht zur — ewigen Umnachtung der Augen, 
für unsere Ärmsten die schwerste Tageszeit, zu der uns das 
morgendlich leuchtende Sonnenlicht, so der Vorhang weicht, am 
meisten beseligt. Nähere Bemerkungen, wie es heute draußen aus- 
sieht, ob die Sonne schön „warm" scheint, was an Briefen einlief, 
würden sich daranknüpfen, die Zeitungsübersicht und, läßt diese 
es aufkommen — mal ein geträllertes Liedchen ; .viel ist schon 
gewonnen, wenn auch „er" des Morgens etwas vor sich hinsingt 
oder summt. Der Sonnenschein in seiner, alle Kreatur labenden 
Wärme, flute bei den Türen herein, werde im Freien, soweit es 
nur irgend Bedürfnis ist, genossen, in erquickender Luft. Aber 
auch das frische Wasser belebt durch einen Morgentrunk, 
morgendliche Anregung der Haut, verbunden mit Körper- 
bewegung, ganz besonders — unsere Sorgenkinder. Bis zum 
80. Lebensjahre blieb es meinem Vater Bedürfnis ; er war durch 
zweimaligen Aufenthalt bei Pfarrer Kneipp an freie Atmung 
der Haut durch luftdurchlässige Wäsche und recht rigorose 
Wasserkuren gewöhrt. In diesem bayrischen Lourdes ist man von 
so verschiedenartigen schweren Gebrechen umgeben, die, durch 
das Mitgefühl mit den Geschicken anderer — den gütigen viel 
Ablenkung vom eigenen bitteren Los finden ließen. 

Angehörige und Freunde der im Felde Erblindeten! Die 
Eueren werden — es ist nicht auszudenken — Schicksalsge- 
nossen ohne Zahl haben, bedrücktere, heiterere, besser 
oder minder Betreute. Legt ihre „suchenden" Hände ineinander! 
Führt sie zusammen, einander zu beraten, zu helfen. Ge- 
legenheit hiefür sollte durch Veranstaltungen erwachsen, die Zer- 
streuung bieten. Und Eines wird da unendlich erhebend, ergreifend, 
verbrüdernd mitwirken, — daß sie alle für die Tragik der krie- 
gerischen Verwicklungen, in die uns habgierige Völker gestürzt, 
das hehrste Siegesopfer heldenhaft gebracht haben — das Licht 
ihrer Augen! Es erhebe auch Euere großen dargebrachten 
Liebesopfer zur Tat fürs Vaterland, eueren Seelen aber ward das 
menschlich Höchste beschieden. — durch hingebende Liebe das 
grause Geschick entwaffnet zu haben. — Tod, wo ist dein Stachel, 
Hölle, wo ist dein Sieg?! . . . 

Budidruckerei Englisdi, Purkersdorf bei Wien. 



12. Nummer. Zeilschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite K)45. 

Der Hund und der Blinde. 

Von Direktor S. Heller, Hohe Warte in Wien. 

Zwischen dem Blinden und dem Hunde bilden sich Beziehungen 
aus, welche dem nachdenklichen Beobachter keinen Zweifel daran lassen, 
daß das treue, gelehrige Tier nicht blos instinktiv, sondern bewußt er- 
kennt, wie hilflos, wie mannigfachen Fälirlichkeiten preisgegeben, der 
Mensch ist. der sich ibm anvertraut. 

Nicht allein die vorsichtige, zweckmäßige und sichere Führung 
besorgt der Hund, er weiß sich den Eigentündichkeiten, seines Schutz- 
befohlenen in einer Weise anzupassen, und korrespondierende Zeichen 
auszubilden, die es mehr als wahrscheinlich erscheinen lassen, daß der 
Hund mit scharfer Beobachtungsgabe erfaßt, was dem Blinden Bedürf- 
nis und Annehmlichkeit, aber auch was seine Ängstlichkeit und Un- 
schlüssigkeit zu vermehren geeignet ist. 

Wer es erfahren hat. daß der Hund unruhig wird, wenn sein Herr 
die gewohnte Tagesordnung autfallend abändert, daß das Tier eine ihm 
be(h'ohlich erscheinende Handlung, wie das Betreten einer steilen Treppe 
verhindern wall und verhindert, wie es winselnd das einsame Kranken- 
lager des Blinden umkreist, an die Stubentür eilt, um Vorübergehende 
herbeizurufen, an der Zwischenwand kratzt, um Nebenanwohnende auf 
den Zustand seines Herrn aufmerksam zu machen, wie der Hund sich 
vor Freude nicht zu fassen vermag, wenn er nach der Genesung des 
Blinden wieder zu einem Ausgange herbeigerufen wird, der muß daran 
glauben, daß Mitgefühl und Mitleiden das Freundschaftsband gewoben 
haben, welches den Hund mit dem lichtberaubten Menschen ver- 
einigt. 

Interessant und psychologisch merkwürdig ist das Verhältnis des 
Hundes zu jenen Personen, welche den Umgang des Blinden bilden, 
oder mit welchen dieser auch nur einmal in eine besondere Beziehung 
getreten ist. 

Den Freund eines Blinden, den der Hund mit allen Zeichen der 
Zuneigung zu begrüßen gewohnt war, belauerte er angritfsbereit, seit 
der Zeit, da die beiden Männer in einen heftigen Wortwechsel geraten 
waren. Einem Schulknaben, der einst dem FJlinden dem diesen entfal- 
lenen Stock aufgehoben und in die Hand gedrückt hatte, bewillkommte 
das treue Tier bei jeder Begegnung mit allen Zeichen der Freude; mit 
einem eigentümlichen, sanften Gebell meldete er dem Blinden das Nahen 
und die Anwesenheit des braven Knaben. Wenn dieser dem Hunde das 
Fell kraute, leckte das beglückte Tier die Hand des Kindes 
zärtlich. 

Jahrzehnte sind dahingegangen, seitdem ein Vorfall, der mich 
noch als Erinnerung tief bewegt, mir die Anregung gab, die Beziehun- 
gen zwischen dem Blinden und dem Hunde zum Gegenstand eingehen- 
der Nachforschungen zu machen. 

Ein zur Ausbildung aufgenonnnener 8 jähriger blinder Knabe war 
in die Anstalt nicht eingetreten in des Wortes eigentlicher Bedeu- 
tung, sondern auf den Armen des Vaters in unser Haus getragen 
worden. Er hatte bis dahin nicht die Füße gebrauchen gelernt; falsche 
Mutterliebe hatte ihn, „damit er sich nicht anschlage" zum Stillsitzen 



Seite 1046. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 12. Nummer. 

gewöhnt. — Nach langem und eifrigen Bemühen war es endlich ge- 
lungen, dem Kinde die Bewegungsmöglichkeit zu verleihen und nun 
wurde es — wie so oft mit Erfolg — altern Zöglingen überlassen, um 
den Zurückgebliebenen als Spielkameraden im Gehen einzuüben und 
freudiger Selbständigkeit zuzuführen. 

Sooft diese blinden Kinder in den Garten gingen, blieben sie vor 
der Hundehütte stehen, riefen sie ihrem Freunde „Cäsar"' und brachten 
ihm die Bissen, die sie für ihn aufbewahrt hatten. Mehrere Händchen 
streckten sich dem treuen Hüter des Hauses entgegen, aber bald konnte 
man bemerken, daß Cäsar die ihm zugedachten Liebesgaben zuerst von 
dem zurückgebliebenen Kinde nahm. 

Eines Tages drang in meine Studierstube, deren Fenster in den 
Garten gingen, das Jauchzen der blinden Kinder und bald darauf das 
klägliche Geheul des Hundes. Durch das Fenster spähend erblickte ich 
mein Sorgenkind, auf Händen und Füßen hilflos am Boden kauernd; 
seine Fürsorger hatten es, von dem Zuruf: „Wir haben ein Nest im 
Busch gefunden-' ! angezogen, leichtfertig verlassen. Cäsar sprang aufge- 
regt um das Kind herum und schickte seine Hilferufe in den Garten 
hinaus. Plötzlich wurde er still, stand, wie überlegend eine Weile da. 
dann schob er sich behutsam unter das Kind und hob es mit sanfter 
Bewegung allmählich empor, bis es fest auf den Füßen stand. Hierauf 
umkreiste er den blinden Knaben bedächtig, als wollte er sicii verge- 
wissern, daß ihm kein Leid widerfahren sei. 

Wer darf vom Hunde sagen: Was weiß ein solch unvernünftiges Tier ? 

Blinde Gemsen. 

Von Fritz Müller. 

Von Tirol hat eine Krankheit übers Wettersteingebirge gegrilTen. 
Keiner kennt sie. Kund ist nur die Wirkung: Die Gemsen wer- 
den blind. 

Nichts ist sonst scheuer auf der Welt als Gemsen. Nicht einmal 
der Hunger zwingt sie. Der treibt wohl das andere Wild im strengen 
Winter scharenweise in das Tal zur Futterkrippe, die das königliche? 
Forstamt vor dem Dorfe aufgestellt. Da stehen sie in Reihen an ge- 
füllten Futterraufen und lassen sich von fremder Neugierhand fast 
tätscheln. Des lieben Futters wegen. Die Gemsen aber sind für des 
Staates Futterkrippen nicht zu haben. Lieber scharren sie da droben 
dürre Sommerblätter als freie Nahrung aus dem Hochlandsschnee. Und 
wenn selbst das versagt, um den mageren Körper übern Winter in den 
neuen Frühling zu retten, kann eine Gemse auch sterben. Freiheit 
über alles. 

Das weiß der Jäger. Auch der im grünen Forstamtsrock schlägt 
mit der Stimme um, wenn er von Gemsen spricht. Halb achtungsvoll, 
halb zärtlich. Ein Jäger, der im Krieg war und trotz der zerschmetter- 
ten Schulter jetzt wieder leichten Dienst tut, hat mir von den Gemsen 
im Wetterstein erzählt. Auch von der Blindheit, die jetzt über sie ge- 
kommen ist. 

Neulich sei er auf einem alten Gamsenstand gewesen. Gegenüber 
war ein Lieblingsplatz der Gemsen, eine große überhängende Felsen-- 



12. Nummer. Zeitschrift für das r)stei reichische BlindeiiwcJ en. Seite 1047. 

platte. Die sei erst vor kurzem mit der einen Hälfte abgehrociien. Durch 
eine Lawine oder einen Bergrutsch., Aiif. einrnp»! jsieht er drüben eine 
(iemse kommen. Merkwürdig geht sie, denkter,,gar nicht so, w-;e son.^t. 
Der Wind kommt von der Gemse her. Also kann, ihr sonderbar zögeru- 
der Gang nicht davon kommen, daß , sie ihn gewittert hätte. Fneilich, 
drei Sehritte, wenn sie diese noch tut. dann^._miiß sie ihn sehen. 
dann heidi. üo ' -i- 

Aber drei Schritte, vier, fünf, immer weiter geht sie, hebt jetzt 
gar den Kopf, starrt ihm fest ins Gesicht und reißt docli uicht aus. Wie 
sonderbar, das hat er nie bei einer Gemse erlebt. 

Auf eimnal wird's ihm klar. Geradeso wie diese Gemse tastel 
(h'unten im Dorf der Gemeindeblinde. Ja, und auch die Augen hat sie 
so stumpf wie er. Die Krankheit ist es, die trot^' Sperre übern; grauen 
Grenzkamm kam und dieses arme Tier gepackt hat. '^ 

Auch den Jäger packt was, das= ihn; s^onst nicht leicht packt: das 
Mitleid. P'ür den Gemeindeblinden sorgt das Dorf. Es nährt ihn. tränkt 
ihn, kleidet ihn, Kinder führen ihn geduldig durch die Straß(Mi. Wer 
aber führt im schwarzgewordenen ihrer Hochwelt diese arme Gemse V 
Da ist es ihm. als müßte er sie führen, statt zu schießen. Kaum merk- 
l)ar schiebt sich sein(^ Schulter vor. Ist aber schon genug für eine 
Gemse. Sie stutzt. Ihr Auge ist nicht mehr stumpf. Kinen entschlosse- 
nen Satz macht sie dahin, wo sie von früher her noch den Teil der 
Felsenplatte weiß, der jetzt fort ist, und .springt , ms Leere in den Tod. 
Krst nach Sekunden hörte man den Aufschlag aus der Tiefe. 

„Entsetzlich!*' sag' ich. 

Der Forstgehilfe schweigt. ,.Nicht so entsetzhch wie das andere,"' 
sagt er endlich und schweigt wieder. 

..Meinen Sie den Krieg, aus dem Sie kommen? 

„Nein, eine zweite Gemse, die mir im Dorf begegnet ist." 

,.Im Dorf? Sic scherzen? Ins Dorf kommt keine Gemse mit füuf 
Sinnen.*' 

..Die ich meine, hat nur vier gehal)t. Tref ich neulich rauchend 
vor die Tür. Steht zitternd eine Gemse da. Mitten im Dorf, Herr, ganz 
bhnd. Aus einem Fenster gegenüber schauen Kinder. Haben in (he 
Hände geklatscht: ,.0 je, a Gams, a Gams!*' Schießt che Gemse hinüber 
nach der andern Seite. Dort macht ein Schwein: Fi ui, ui ui. Schießt 
die Gemse nach vorn, wo einer neben einem Mistwagen hergeht und 
mit seiner Peitsche knallt. Schießt die Gemse z-urück. wo eine Dame 
aus der Winterfrische ihren Zwicker an einem Stecken hochheljt: Eine 
Gemse, nein, wie ich das linde:*' Steht die arme Gemse in ihrer Blind- 
von vier Seiten angegrunzt. j)lötzlich totenstill. Dann macht sie einen 
fürchterlichen Sprimg. Vor nuMuer Hauswand liegt sie. (lanz zerschmet- 
tert ist der Kopf.*' 

Wieder ist er eine Weile still. Einen Zug noch macht er aus der 
Pfeife: „Herr, manchen hab" ich draußen im Krieg zerschmettert 
g'sehn. Mag eine Sund" sein, wenn ich's sag', ist . aber doch so: Hab" 
bei keinem weinen können. Bei der Gems vor meiner Mauer aber bah' 
ich g'heult. weiß net warum, weiß wirklich net warum. Herr . . .*' 

(Roseggers Heimgarten). 



Seite 1048. Zeitschrift fUr das österreichische Blindenwesen. 12. Nummer. 

Kriegsblindenfürsorge in Ober-Österreich.* 

Mit Schluß des Berichtsjahres 1916 hatte die oherösterreichische 
Landeskommission einen Stand von 11 ihrer Fürsorge angehörenden 
Kriegsblinden zu verzeichnen. Leider hat sich diese Zahl im Laufe des 
Jahres 1917 um 6 vermehrt, so daß mit Schluß des gegenvi^ärtigen Be- 
richtsjahres 17 Kriegsblinde in der Obsorge der oberösterreichischen 
Landeskommission stehen. Von diesen 17 Kriegsblinden nahmen bisher 
ö die Obsorge der oberösterreichischen Landeskommis.sion noch nicht 
in Anspruch, da sie sich einesteils noch in ärztlicher Behandlung be- 
finden, zum anderen Teile aber der landwirtschaftlichen Bevölkerung.s- 
schichte angehörend in ihrer Heimat ihr Fortkommen finden und sich 
noch zu keinem Berufe entschlossen haben, weshalb, abgesehen von 
kleineren Unterstützungen, eine Fürsorgetätigkeit derzeit noch nicht ein- 
zusetzen brauchte. 

•Das fachmännische Mitglied des Schul- und Arbeitsausschusses, 
Hoch würden Herr Konsistorialrat A. Pleninger, Direktor der Privat- 
Blindenanstalt in Linz, der auch wieder in dankenswerter Weise den 
persönlichen Verkehr mit den Kriegsblinden besorgte ist jedoch unab- 
lässig bemüht, auch dieser Kategorie von Kriegsblinden die so wün- 
schenswerte Erlernung des Lesens und Schreibens der gebräuchlichsten 
Blindendrucke und Schriften nahezulegen. 

Die Fürsorge für die übrigen Kriegsblinden erstreckte sich im 
laufenden Jahre auf die Beschaffung von Kriegsblindenheimstätten und 
deren Ausstattung und hat der Verein „Kriegsblindenheimstätten-' in 
Wien für sämtliche in Betracht kommende Kriegsblinde den zum An- 
kaufe je einer Heimstätte normierten Betrag von 8000 K reserviert. 

Die Mittel für Kriegsblindenfürsorge haben sich von 10.670 K 
88 h auf 13,429 K erhöht; letzterer Betrag bildet zusammen mit den pri- 
vaten Sammlungsergebnissen der Herren Wimmer und Huster in 
Linz (35.993 K 16 h). des Vereines für Fraueninteressen (25.Ö80 K 3ö h) 
und der katholischen Frauen-Organisation in Linz (10.30Ö K 08 h) in 
der Höhe von rund 71.878 K einen der oberösterreichischen Landes- 
konnnission für Kriegsblinde zur Verfügung stehenden Gesamtbelrag von 
rund 85.307 K. 

Mein Garten. 

Von Paul Lang. 

Flieder pflanzt in meinen Gartoi, 
Flieder. Rosen und Jasmin, 
Und der Nelken bunte Arten 
Laßt auf seinen Beeten blühn ! 

Stellt in eine lausch'ge Ecke 
Eine Ruhebank hinein. 
Daß sie mich der Welt verstecke 
Im Gerank von wilden Wein. 

*) Jahresbericht der Landeskommission zur Fürsorge für heimkehrende Krieger 
in Linz für das Jahr 1917. 



12. Nummer. Zeilschrifl ftlr das Österreichische Blindenwesen. Seite 1049. 

Und dann laßt mich träumen, träumen 
Von dem .stillen Blütenmeer, 
An den Büschen, an Bäumen, 
Auf den Beeten um mich her! 

Ist mir auch der Blick gestorben 
Für der Farben stolze Pracht, 
Leuchtet sie doch unverdorben 
Ihren Trost in meine Nacht. 

Wenn mit schwärmerischen Kosen 
Blumendüfte mich umziehn, 
Seh' ich Flieder, seh' ich Rosen, 
Seh' ich Nelken nud Jasmin. 

Und ich fühle alle Wonnen 
Glückberauschter Maienzeit 
Und ich lasse still besonnen 
Von der Luft mein tiefes Leid. 

Darum ptlanzt in meinen Garten . 
Blumen, Blumen allerlei, 
Daß an Düften, herben', zarten, 
Um mich her kein Mangel sei ! 

Hus den Hnstalten. 

— N. ö. Landesblindenanstalt in Purkersdprf. Kriegerg e- 
denkfeiet. Am 1, Dezember veranstaltete der leider viel zu wenig bekannte 
Komponist Heinrich S c h ö n y im Festsaale der Anstalt zugunsten von Blinden und 
Waisen eine Kriegergedenkfeier, bei der ein von ihm komponiertes Requiem auf- 
geführt wurde. Das packende Werk, durchaus im modernem Geiste gehalten, zeigte 
namentlich im'Benediktus (für 4 Einzelstimmen und Chor) die bedeutende Begabung 
seines Schöpfers. Die würdige Aufführung wurde eingeleitet durch ein stimmungs- 
volles Andante aus einem Streich-Quartett Schuberts (Ausführende: M. B ü 11 i k, 
H. Heger, H. Schöny und A. Zierfuß), durch einige Schubertlieder von 
J. Stadelmaie r wirkungsvoll gesungen, unn einige zeitgemäße Worte des Herrn 
O. W a n e c e k. Dem prächtig ergreifenden Requiem wäre das Interesse eines 
großen Gesangskörpers zu wünschen, der über hervorragende Solisten verfügt, die 
— namentlich in dem großen Tenor-Solo (Tuba mirum) — notwendig sind, um den 
Wert des Werkes auszuschöpfen. 

flus den Vereinen. 

— Zentralverein für das österreichische Blindenwesen. 
Hauptversammlung. Die politischen und sozialen Umwälzungen der Gegen- 
wart drängen zu raschem Handeln auch auf dem Gebiete der Blindenfürsorge. Um 
sich keines Versäumnisses in dieser Hinsicht schuldig zu machen, berief die Leitung 
am 14. November 1. J. eine Hauptversammlung ein, auf der die an der 
Spitze der Nummer abgedruckten „Grundzüge für die Neugestaltung der Blinden- 
bildung und der Blindenfürsorge in Deutschösterreich« zur Beratung und Annahme 
gelangten. 

Diese Denkschrift wird den neuen Staats- und Landesstellen übermittelt 
werden, um dieselben zu einem tatkräftigen Eingreifen zu veranlassen. Um aber 
auch dem Willen der allgemeinen Vertretung für das heimische Blindenwesen end- 
lich die verdiente Beachtung zu schaffen, wurde nachstehende an die genannten 
Behörden gerichtete Resolution gefaßt: 



Seite 1050. Zeitschrift für das österreicfiische HlindenweLen. 12. Nummer. 

Die im ..Zentral verein für das österreichische Blindenwesen-' zu- 
sammengeschlossenen Vertreter der deutschösterreichischen Blinden- 
fürsorgeeinriehtungen (Anstalten. Heime und Vereine usw.) und der or- 
ganisierten Blinden protestieren dagegen, daß die Angelegenheitten der 
Blinden wie bisher von einer einzigen Person vertreten und beeinflußt 
werden und dies umsomehr. als der bisherige fachmännische Beirat in 
den Staatsämtern (früher k. k. Ministerium) für Unterricht, soziale Für- 
sorge und Volksgesiindheit Hofrat Alexander Mel 1 das Vertrauen aller 
Organisationen von Blinden und Blindenlehrern im Hinblick auf seine 
Haltung und Wirksamkeit niemals jiesessen hat und auch gegenwärtig 
nicht genießt. 

Sie stellen daher in Form einer ßilte die Forderung, zur Wahr- 
nehmung und Wahrung der Interessen der deuiscbösterreichischen 
Blindenfürsorge eine ..Staatsstelle für Blindenfürsorge'' deren 
Zusammensetzung und Wirksamkeit in den beigegelienen ..Grundzügen 
für die Neugestaltung der Bhndenfürsorge in Deulschösterreich" näher 
erläutert ist, ohne \'erzug ins Leben treten zu lassen, um die allge- 
meine Blindensache in Deutschösterreich vor Schädigung zu hewahrnn. 

Die Vereinsleitung bringt Vorstehendes zur Kenntnis aller Vereinsmitglieder 
und bittet um tatkräftigste Unterstützung der eingeleiteten Aktion, um endlich ver- 
alteten und unwürdigen Zustünden auf unserem Gebiete ein Ende zu machen. 

— Blinden heim verein in Melk. Vereinsvorstand: Bürgermei- 
ster Notar K. Prinz 1. Jahresbericht 1916, 1917. Die Wirksamkeit des 
Blindenheimvereines blieb in den genannten Jahren eingeschränkt: »Die Aufbringung 
der notwendigsten Nahrungsmittel und sonstiger Bedarfsartikel für die blinden 
Zöglinge war Ursache steter Sorge der Administration und Haushaltungsführung, 

darauf mußte vor allem die Aufmerksamkeit gerichtet werdan' 

Wenn aach hiebei die intetlektuelle Ausbildung uud die zweckentsprechende 
Beschäftigung der Blinden, die Pflege religiöser Übungen etc. nicht vernachlässigt 
wurde, sa m-ußte- doch so manches unterbleiben, was in ruhigen Zeiten von den 
Blinden und für diese veranstaltet wurde, daher diesbezüglich wenig Stoff zur Be- 
richterstattung vorliegen kann.« 

Irn Jahre 1916 hatte der Verein den Vei;lust einer edlen Gönnerin der Blin- 
densaclie von Frau Elise Linde und des Direktors P. F. Weber zu beklagen. 
Beiden Verewigten widmet der Bericht warme W'orte des Dankes und der Er- 
inneiung^.^ .: --^ c 

^ , In den Jahren 1916 und 1917 waren in dem vom Vereine geführten »Mäd- 
clieh-'Blinderiheirai' 25 blinde OTädcben untergebracht, von den leider einige mit Tod 
abgingen. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Sammlungen für Kriegsblinde. Stand Ende November 1. j. 

— Neue Freie Presse. 1,326.831 K. 

— Neue Freie Presse (Kriegsblindenheimstätten): 4,267.808 K. 
- Conrad von Hötzendorf-Stiftung: 320.000 K. 

— Reichspost:. 25.000 K. 

— Linzer Sammelstellen : 85.000 K. 
-- Artur Weisz (Temesvar) 37.000 K. 

Herniisgtber; ZentraWereia für das Österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskoinitee: IC. Bürlileu, 
J. Kneis, A. t. HorTath, F. Uhl, — Drack ron Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



Verschiedenes. 

— Blindenkalender 1918. Auch heuer stellt die Blindenbuch- und No- 
tenschablonieranstalt in Wien 14, Ulimannstraße 2 einen Kalender in Massivschrift 
her, der einen Tfeil der vergrößerten Jännernummer der österr. Blindenzeitung 
bilden wird. Es sind jedoch auch Separatabdrücke zum Preise von 1 K durch die 
obige Adresse zu beziehen. Der Kalender enthält christliches und israelitisches Ka- 
lendarium und Gedenktage des Blindenwesens. 

— Aus der Leipziger Blindendruckerei. Diese Stelle versendet 
das erste mit dem »Leipziger Schreib-Satz-Druckgerät« (System Haake) hergestellte 
Werk »Vom Kampfe in der Natur.' Es handelt sich um ein Druckverfahren ohne 
Metallplatten, das eine nicht zu übertreffende Genauigkeit des Zwischenpunktdruckes 
und eine außerordentliche Klarheit und Ebenmäßigkeit der Punkte aufvi^eist. Die 
Abzüge werden ohne Gutta-Percha — bzw. ohne Gummiplatten hergestellt. Ohne 
Zweifel bringt das neue Schreib-Satz-Druckgerät, das auch eine genaue Korrektur 
mittels eines Magneten ermöglicht, eine neue Grundlegung des Prägedruckes. W^ 

— Schwachsichtigenklassen in der Schweiz. A. Die Delegierten- 
versammlung des schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen, die am 14. 
Oktober 1917 in Freiburg tagte, beschäftigte sich mit der Frage der Errichtung 
von Spezialklassen für Schwachsichtige. Nach Referaten von Blindenlehrer Gamper, 
in Stuttgart und Direktor Altherr, in St. Gallen, und anschließender lebhafter 
Diskussion erklärte sie sich grundsätzlich überzeugt von der Notwendigkeit der 
neuen Institution und überwies die Angelegenheit zum weiteren Studium einer 
Spezialkommission. Gestützt auf die Ergebnisse der Beratung dieses Ausschußes 
erklärt die Zentralstelle für das schweizerische Blindenwesen es als höchst wün- 
schenswert, für die schwachsichtigen Kinder der Großstädte selbständige Spe- 
zialklassen zu errichten und für die schwachsichtigen auf dem Lande den be- 
stehenden Blindenanstalten als besondere selbständige Institution Spezial- 
klassen für Schwachsichtige anzugliedern. In eine Spezialklasse für 
Schwachsichtige gehören nach den Ausführungen der Zentrallstelle für das Schweiz. 
Blindenwesen alle geistig normalen Kinder vom 6. bis 14. Altersjahr, bei denen die 
korrigierte Sehschärfe des besseren Auges 0,2 nicht erreicht. In diesen Spezial- 
klassen, die auf die Dauer nicht mehr als 20 Schüler zählen sollten, haben die 
Kinder das gleiciie Lehrziel wie die Normalschüler zu erreichen, nur auf etwas an- 
derem Wege und mit andern Mitteln. Als Lehrpläne mußten diejenigen der normalen 
Volksschulen zugrunde gelegt werden, dagegen wären besondere Lehrmittel zu erstellen. 

Für Lehrkräfte an diesen Spezialklassen für Schwachsichtige wären anatomisch- 
physiologische und pathologische Kenntnisse bezüglich des Sehorganes und aus- 
reichende heilpädagogische Schulung unerläßlich. 

— Eine seltsame Versteigerung. In London wurde dieser Tage eine 
Versteigerung verschiedener mehr oder minder interessanter Gegenstände zugunsten 
der Schaffung eines Heimes für erblindete Soldaten veranstaltet. Bei dem Verkauf 
erzielte ein Spazierstock Lloyd-Georges einen Preis von 120, ein anderer Spa- 
zierstock Sir Edward Carsons 70, ein Golfstock Balfours 36, eine Tabakspfeife 
Bonar Laws 6 und ein von Asquith unterzeichneter Scheck 56 Pfund Sterling. 

Büchersdiau. 

— Schutz gegen die Geschlechtskrankheiten. Von Dr, med. 
P a n e s c h, Selbstverlag, Wien I. Naglergasse 3. 

Die volkstümliche Darstellung, die dies auf reicher Erfahrung beruhende Buch 
vor anderen auszeichnet, gestattet jedermann, sich auf dem Gebiete der Geschlechts- 
krankheiten rasch zurechtzufinden. Das Buch — vorzüglich für die Hand der 
Soldaten geschrieben — vermag aufklärend und vorbeugend zu wirken. Besonders 
wird auch auf den ursächlichen Zusammenhang hingewiesen, der zwischen Ge- 
schlechtskrankheiten und Erblindung besteht. Es ist diesem Buche die weiteste 
Verbreitung zu wünschen. 

Zur Beachtung. 

Die Generalversammlung des »Zentralvereines für öst. Blindenwesen« am 
1. Oktober 1918 hat beschlossen, den Mitgliedsbeitrag sowie den Bezugspreis 
der „Zeitschrift" auf jährlich 6 K zu erhöhen. Die p. t. Mitglieder erhalten für 
den Mitgliedsbeitrag auch die »Zeitschrift« ohne weitere Leistung zugestellt. 

Die Erhöhung erscheint mit Rücksicht auf die Druckkosten der Zeitschrift, 
welche sich in den letzten Jahren mehr als verdoppelten, vollauf gerechtfertigt. 

Vollständige Jahrgänge der »Zeitschrift« (1914, 1915, 1916, 1917, 1918) sind 
noch in beschränkter Zahl vorhanden und werden zum Preise von 8 K per Jahrgang 
abgegeben. 



Bürklen Karl: Das Tastlesen der Blindenpunktschrift. 

Nebst Beiträgen zur Blindenpsychologie von P. G'rasemann- 
Hamburg, L. Cohn-Breslau, W. Steinberg. VII, 93 Seiten 

mit 6 Abbildungen im Text und 6 Tafeln. 
Leipzig, Barth, 1917 M 5.— 



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Wien, XVII., Hernaiser Hauptstraße 93 

nimmt blinde Kinder im vorschulpflichtigen Alter aus allen österreichi- 
schen Kronländern auf. Nähere Ausktinfte durch die Leitung. 

Die „Zentpalbibliotheh für Blinde in Osteppeicli", 

Wien XVIII, Währinger GUrtel 136, 



verleiht ihre Bücher kostenlos an alle Blinden. 



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Das Blatt erscheint 
monatlidi einmal. 

Verantwortlicher Leiter: 
Direktor Karl Bürklen. 



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Bezugspreis 
ganzjährig mit 
Postzustellung 

6 Kronen, 
Einzelnummer 

50 Heller. 



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6. Jahrgang. 



Wien, Jänner 1919. 



1. Nummer. 



INHALT: K. Bürklen: Die Kritik meines Buches „Das Tastlesen der Blinden- 
Punktschrift. fl. Zierfuß: Über das Merken der Vorzeichen. O. Wanecek: 
Das Redit des Blinden auf Rrbeit im sozialen Staat, fl. Butze: Erfahrungen 
über die Dr. Herz'sdie Massivschrift. Begriff der Blindheit bei Kriegsbeschä- 
digten. Personalnachrichten, fl. Rappawi : Gebt den Blinden, was der Blinden 
ist! Aus den Anstalten. Für unsere Kriegsblinden. Verschiedenes. Bücher- 
schau. Altes und Neues. (Ankündigungen). 



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f Beitrittserklärungen zum „Zentralverein für das österreichische 1^ 

Blindenwesen" werden erbeten an die Leitung in Wien VIII, 
i] Josefstädterstraße 80. Mitgliedsbeitrag 2 K, Zeitungsbeitrag 2 K. 5 

□Inn r^[g 



Altes und Neues. 

Die Abweicliung des Blinden von der geraden Weg- 
,richtung. 

Nach welcher Seite würde der Blinde auf einem großen ebenen 
Platze, auf welchem ihn im Gehen nichts behindert von der geraden 
Wegrichtung abweichen? Nach rechts oder nach links? 

Es wäre ein interessantes Experiment, welches sich diesbezüglich 
mit Blinden veranstalten ließe und würde vielleicht ein ganz überraschendes 
Ergebnis liefern. Die Anregung hiezu findet sich in dem Buche Karl 
Mays >Am Jenseits,< wo dem Blinden Münedschi die Aufgabe 
gestellt wird, nach einem bestimmten Punkte hinzugehen. Die Stelle 
lautet folgendermaßen: 

»Da stand der Münedschi, mit dem Gesichte nicht etwa ganz 
genau dahin, wohin er gehen sollte, sondern ein wenig nach rechts 
gerichtet. Warum das? Darum: Wer sich in einem wegelosen Wald 
verläuft und immer wieder an die Stelle kommt, von w^elcher er aus- 
gegangen ist, der weiß wohl kaum, weshalb sein Weg einen Kreis 
bildete. Ganz dasselbe kann einem in der Wüste, in der Prärie, 
auf jeder pfadlosen Strecke begegnen, wenn die Sonne nicht scheint 
■ oder es keine Sterne gibt und man die Zeichen nicht kennt, aus denen 
die Himmelsrichtung zu ersehen ist. Die Kreislinie, welche man 
läuft, wird stets nach links gerichtet sein und zwar des- 
halb, weil bei den meisten Menschen der Schritt des 
rechten Fußes oder Beines ein wenig länger als derjenige 
des linken ist. Dadurch wird der Körper mehr und mehr nach links 
gedreht, während man doch überzeugt ist, in schnurgerader Richtung 
zu gehen. Jeder Westmann, jeder Beduine, jeder mit der Wildnis ver- 
traute Mensch weiß ganz gut, wie sehr schwer es ist, auch nur eine 
halbe Stunde lang einen genau linealen Weg zurückzulegen, wenn die 
natürlichen Richtungszeichen fehlen. 

Der Münedschi sollte nach dem ersten Feuer der Beni Khalid 
gehen. Er war blind, und konnte es also nicht sehen. Folglich stellte 
ich ihn nicht front zum Feuer, sondern ein ganz wenig nach rechts ge- 
dreht. Die Folge zeigte dann, daß das ganz richtig gewesen war. Er 
behielt diese Stellung die kurze Zeit bei, während welcher ich mit 
Halef hinter den Felsen ging, um die beiden Fackel anzuzünden, was 
sehr leicht und schnell geschah, weil sie oben ausgefasert waren. Sobald 
sie brannten, sprangen wir zu dem Münedschi zurück und gaben sie 
ihm mit der Weisung in die Hände, nun gerade vorwärts zu gehen 
und sie schräg nach oben, damit kein Funke auf ihn ginge, weit von 
sich abzuhalten. Er tat das und setzte sich langsamen Schrittes in 
Bewegung. 

Zunächst hatte es den Anschein, als ob der Blinde viel zu weit 
nach lechts gehen werde. 

Aber wie ich gesagt hatte, so geschah es. Die Linie, welche er 
ging, neigte sich, als ob unser Wunsch ihm Führer sei, nach und nach 
dern uns am nächsten liegenden Feuer der Beduinen zu. Ich hatte also 
ganz richtig gerechnet. < 




6. Jahrgang. Wien, Jänner 1919. 1. Nummer. 

» las 

* »Wer sucht, der findet. Ja ! nur der nicht, wer erblindet ^ 

<R An Orten sucht, wo sich nicht das Gesuchte findet.« ^ 

^ F. Rückert (Die Weisheit des Brahmanen). ^ 

Die Kritik meines Buches 
„Das Tastlesen der Blinden-Punktschrift". 

Von Direktor K. Bürklen, Purkeisdorf. 

Als ich das Ergebnis meiner Versuciie über das Tastlesen der 
ÖfTenflichkeit ükergab, führte ich in den ersten Sätzen der Abhandlung 
ausdrücklich an, daß ich die vorliegende Arbeit durchaus nicht als voll- 
kommen und abgeschlossen, sondern nur als grundlegend für weitere 
Forschungen betrachte. Die auf den Experimenten fußenden Folgerungen 
legte ich in äußerst vorsichtigen Fassungen nieder nnd vermied es mit 
Absicht, mich auf das Gebiet von Vermutungen zu begeben, selbst wo 
diese vielleicht durch die Erfahrung zu begründen gewesen wären. Ich 
glaube mich also in jeder Weise auf Tatsachen beschränkt zu haben 
inid dem unsicheren Gebiete der Spekulation ausgewichen zu sein. 

Was konnte ich als Kritik meiner Abhandlung und meiner Be- 
mühung erwarten ? 

Vor allem das Interesse aller Jener, die rnit dem Tastlesen selbst- 
tätig oder im Unterrichte zu tun haben. Die Ersteren konnten mit den 
Ergebnissen der Selbstbeobachtung antworten, die Letzteren mit ihrer 
pädagogischen Erfahrung. Man konnte meine Versuchsergebnisse mit den 
gleichen Methoden nachprüfen oder sie nach neuen Methoden ergänzen 
bezw. widerlegen. Sachliche Kritik konnte ich mir nicht anders denken 
als so. 

Nur zum Teil hat sich diese Voraussetzung erfüllt. Mit besonderem 
Danke muß ich die Tatsache an die Spitze stellen, daß meine Abhand- 
lung bei den Blinden selbst die beste Aufnahme fand und bereits mehr- 



Seite 1056.. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 1. Nummer. 

fach Übertracjunoen des Buches in Punktschrift vorliegen. Eine große 
Anzalil von Zuschriften drückten mir Dank und im Allgemeinen Be- 
stätigung meiner Versuchsergebnisse aus. Die meisten Schreiber erklär- 
ten, daß sie erst durch meine Schrift zur Selbstbeobachtung angeregt 
wurden und ihre oft entgegengesetzten Anschauungen berichtigt haben. 
Namentlich galt dies über die Leseleistungen der beiden Hände. Sonst 
brachten jedoch die Bemerkungen der einzelnen Tastleser, so 
interessant sie waren, keine neuen Fingerzeige. Dazu ist die Selbstbe- 
obachtung eben «zu persönlich und es muß immer wieder darauf ver^ 
wiesen werden, daß nur der exakte Versuch Aufklärung in das Prol)lem 
der Sache bringen kann. Immerhin waren mir die Bemerkungen der 
blinden Leser höchst wertvoll und ich habe sie mit Dank und Freude 
entgegengenommen, auch wo ich ihnen nicht zustimmen konnte. 

Am ausführlichsten befaßte sich Hofrat v. Chlumetzky (Brunn) 
mit meiner Abhandlung und legte seine Anschauungen in den ,.Kritischen 
Betrachtungen" hiezu („Zeitschrift für das österr. Blindenwesen*' 1918. 
Beilage zu Nr. 8) nieder. Den großen Wert der Arbeit hervorhebend, 
sind seine Ausführungen als ..blinder Leser" zum größten Teile zustim- 
mend. Zum Teil steht er jedoch dem Werte mancher Versuche skeptisch 
gegenüber, liefert aber viel Material der Selbstbeobachtung. 

Unter den Fachkollegen im Blindenunterricht war die Aufnahme 
meiner und der beigedruckten Abhandlungen von Grase mann. Dr. 
Cohn und Steinberg weit zurückhaltender. Ich setzte durchaus nicht 
mehr voraus, denn ich erwartete, wie schon gesagt, nur sachliche Be- 
urteilung und die erfordert doch etwas mehr als einen halbstündigen 
Federspaziergang. 

Als Erster der Fachleute würdigte Direktor Heller (Wien) die 
Schrift einer Besprechung (Zeitschrift für das österr. Blindenwesen 1918, 
Nr. 2) und bezeichnet sie darin als einen wertvollen Fortschritt auf dem 
Wege von der sentimentalen Beurteilung der Blindheit zur Klarstellung 
durch psycho-physikalische Experimente und Beobachtungen. Eine wert- 
volle Ergänzung liefert bei der Besprechung Direktor Helle-r selbst 
durch seine Ansichten über die innere Auffassung beim Tastlesen, bei 
welcher „Erkennungsmarken" eine wesentliche Rolle spielen. Auch an 
andere Kapitel schließt Direktor Heller aus seiner reichen Erfahrung 
und tiefen Erkenntnis hervorgehende Folgerungen an. 

Der Mühe einer Nachprüfung des Versuches über die Leseflüchtig- 
keit hat unter Anerkenmmg der Wichtigkeit der Sache sich bisher nur 
Kollege G. Hart mann (Neukloster) unterzogen (Blindenfreund 1918. 
Nr. 5). Er gelangte zu denselben Verhältniszahlen wie Grasemann 
und Bürklen. Entgegen Grasemann zieht er aus den Ergebnissen 
des Versuches die Folgerung, daß das Lesen nicht besonders hohe An- 
forderungen an die Intelligenz stellt, aber ein hohes Maß von Übung 
fordert. Er schließt mit der Aufforderung an die Fachkollegen zur Mit- 
arbeit: „Die Arbeiten von Bürklen und Grase mann sind sehr an- 
regend und verdienen Dank. Es ist nur zu wünschen, daß recht viele 
Nachprüfungen gemacht werden. Sie sind zwar etwas zeitraubend, doch 
aber lohnt es sich der Mühe, zumal auch für die Kinder derartige 
Übungen nicht ganz ohne Nutzen sind." 



1. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 1057. 

In einem Aufsatze „Neuzeitliches auf dem Gebiete des Blinden- 
wesens" (Blindenfreund 1918, Nr. 6) bespricht Herr Direktor Lembcke 
(^Neukloster) die Aufsätze von Dr. Cohn und Steinberg und zeigt 
durch Geo;enüberstellung von einzelnen Stellen „wie wenig Wert die 
Selbstbeobachtung Blinder an sich als Quelle und Vorbedingung für eine 
norinensuchende Blindenpsychologie hat.*' Trotzdem schließt er seine 
Kritik mit dem Satze: „Vom Standpunkt der Blindenpädagogik steht in 
beiden Autoren der mit Vorsicht aufzunehmende Illusionist (Dr. Cohn) 
dem gediegenen imd ernsteren Forscher (Steinberg) gegenüber, der 
Vertrauen erweckt und verdient." Es kann also doch wenigstens die 
Arbeit des Letzteren nicht ohne Wert für Blindenpsychologie und 
Blindenpädagogik sein. 

Alle bisher angeführten Beurteilungen meiner Abhandlungen über 
das Tastlesen waren auch bei gegensätzlichen Anschauungen auf den 
Ton gestimmt, daß hier zum erstenmale und nicht ganz ohne Geschick 
der Beginn zur Erforschung des Tastlesens gemacht wurde. 

Allgemein ablehnend sind die Zeilen gehalten, welche Herr 
Schulrat A. Brandstaeter (Danzig) in Nr. 9 des Blindenfreundes im 
Anhang an die Erwähnung der „Kritischen Betrachtungen über das Tast- 
lesen •' von Hofrat Chlumetzky (Brunn) schreibt. Er sagt da: „Wer 
aber die Bedeutung des Buches (von Bürklen) nicht so hoch ein- 
schätzt (wie Chlumetzky), wer zweifelnd fragt, welchen W^ert die 
angestellten Versuche und die daraus gezogenen Schlußfolgerungen für 
die Wissenschaft und für die Praxis des Blindenunterrichtes haben, der 
findet in den „Kritischen Betrachtungen" nicht nur Nahrung für seine 
Zweifel, sondern trotz aller das Vorgehen der Verfasser lobenden Worte 
die klare Aufforderung, den Wert der Versuche und Untersuchungen 
zu leugnen. Jedenfalls ist auch nach dem Erscheinen dieses Heftchens 
die Frage, ob das Thema der Herren Bürklen und Grasemann ein 
lösbares Problem enthält, und ob dessen Bearbeitung für Wissensch9.ft 
und Praxis irgend einen Wert und welchen Wert hat, noch nicht ge- 
klärt. Es sei daher nicht versäumt, auch bei Erscheinen der „Kritischen 
Betrachtungen" die Blindenlehrer einzuladen, sich mit der in Rede 
stehenden Sache eingehender zu befassen." 

Darauf muß ich wohl antworten. I.st Herr Schulrat Brandstaeter 
geneigt, den Wert meiner Untersuchungen in Abrede zu stellen, so trifft 
er damit den Wert der experimentellen Versuche in Wissenschaft und 
Pädagogik überhaupt. Dann bin ich wohl nicht berufen, seine Anschau- 
ung ändern zu wollen. Nach meiner Überzeugung besteht dieser Wert, 
sonst hätte ich mich ja nicht an diese Arbeit gemacht. Vor zu weit 
gehenden Folgerungen über den Wert des Experimentes habe ich mich 
selbst zu bewahren gewußt. Aber ich sehe, um nur einen Punkt heraus- 
zugreifen, z. B. bei der Frage, wie viele Zeichen und Worte in einer 
bestimmten Zeit mit den Fingern gelesen werden, keine andere Möglich- 
keit der Feststellung als einzig und allein den Versuch. 

Für mich steht also der allerdings begrenzte Wert von experi- 
mentellen Untersuchungen für Wissenschaft und Praxis der Erziehung 
und des Unterrichtes fest. Ob er groß oder gering ist, ist allerdings eine 
Frage, die erst entschieden werden muß. Niemand wird sich mehr 
darüber freuen als ich, wenn die Blindenlehrer dem Rufe des Herrn 



Seite 1058. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 1. Nummer. 

Schulrates Brandstaeter folgen und sich mit der Sache eingehender 
befassen. Aber dann bitte ich, mit derselben Sacblichkeit und Vorur- 
teilslosigkeit, welche ich an meine Arbeit \vandt(\ 

hl ähnlicher Weise wie Herr Schulrat Hran dst aeter erklärt 
Herr Schulrat F. Zech (Danzig) in der ,.Blindenschule" 1918, Nr. 11 
und 12, daß abgewartet werden müsse. ,.ob bei solchen Untersuchungen 
für die l]lindeii]iädagogik viel herauskommen wird'' und stellt in einem 
folgenden Artikel ablehnende Urteile über das Pl\i)erinient in der Sclinlc 
und den ex])erimenli(Menden F^ehrer zusammen. Nach si iner Meinuiiü 
hat der Blindenlehrer, um seine wissenschaftliche Befähigung iiacli/ii- 
weisen, gar nicht nötig, aus dei- Scluilslid»e eine W'erksliitte der experi- 
mentellen Psychologie zu machen. 

Ich kann auf diese Zeilen nur dasselbe erwidern, was ich bereits 
gegenüber Herrn Schulrat Brand st aeter angefühlt habe. Mir fällt es 
auch nicld im geringsten ein, ans der Schulstube eine Werkstätte der 
experimentellen Psychologie zu nuichen. Meine Ansicht geht nur dahin, 
dati der f^lindenlehrer nicht an einer so bedeutungsvollen Sache, wie 
es das pädagogische Experiment trolz aller gegenteiligen Ansichten ist. 
den ablehnenden Urteilen von Herrn Sehulrat Zech könnte man eben- 
soviele günstige gegenüberstellen — kurz vorübergehen, sondern sich 
unter Oberleitung eines Forschers nach Kräften an ihrer Lösung beteiligen 
soll. Ob dabei viel herauskommt ist eine Frage für sich. Meiner Meinung 
nach kommt bei jeder Arbeit doch ..etwas" heraus und selbst ein ne- 
gatives Ergel)nis hat den Wert der Erkenntnis. 

Herr Schulrat Zech befaßte sich aber doch eingehender mit ein- 
zelnen von mir gemachten Versuchen, besonders mit der vo)i mir fest- 
gestellten geringen Abnahme der Tastemj)fmdlichkeit beim Tastlesen 
und wendet sich dagegen, daß durch solche und ähnliche Experimente 
langjährige Beobachtungen und Erfahrungen der Blinden})ädagogen imn 
mit einem Male als falsch und unwissenschaftlich hingestellt werden". 
Die wahrscheinliche Fehlerquelle vermutet er in der angewandten \'ct- 
suchsmethode. Mag er darin vielleicht recht haben, so l)egründet dies 
wieder nicht eine allgemeine Abweisung des Versuches überhaupt, son- 
dern verlangt die Vornahme neuer Versuche zur endgültigen Klarstellung 
der Sache und ich glaube in meiner Abhandlung mit Nachdruck auf 
die Notwendigkeit weiterer Versuche und neuer Versuchsmethoden ver- 
wiesen zu haben. Mit einem bloßen Hinweis auf „Beobachtung und 
Erfahrung" ist trotz aller Beachtung der Empirik kein brauchbares 
Resultat zu erlangen, wober'nur daran erinnert wird, daß sich seiner- 
zeit ..Beobachtung und Erfahrung" gegen die Einführung der Punktschrift 
überhaupt aussprachen. Wer könnte heute noch an diesem Standpunkte 
der seinerzeitigen Blindenpädagogen festhalten? 

Ebenso zweifelnd steht Herr Schulrat Zech einigen anderen Er- 
gebnissen meiner Untersuchungen gegenüber, insonderheit der Reihen- 
folge der Lesbarkeit der Tastzeichen. Auch diesbezüglich fragt er wieder: 
,.Haben diese Untersuchungen praktische Bedeutung für den Unterricht? 
Sollte es einen Blindenlehrer geben, der unter Berufung auf Bürklens 
Untersuchungen seine Schüler auch nur zwei oder drei Stunden zum 
ununterbrochenen Lesen zwingen wollte? Und sollte ein Fibelschreiber 
den Mut haben, nach Bürklens Tasttabelle eine Fibel für Blinde zu 
bearbeiten?" 



1. Nummer. Zeitschrift tflr das österreichische Blindenwesen. Seite 1059. 

Zur or.ston Fraso: Die Tastbarkeit der Punkt.«;chriftzeichen erseheint 
Hill- als Metliodiker für den ersten Leseunterricht von der größten 
Wichtigkeit und ist in diesem Unterrichte unbedingt zu beachten. Eine 
Methodik, welche dies nicht tut, ist nach meiner Anschauung eben keine 
Methodik. Mit der gleichen Verwunderung wie diese Erklärung des Herrn 
Schulrat Zech nahm ich seinerzeit davon Kenntnis, wie sich Herr 
Schulrat Brandstaeter gegen den von den Blindenlehrern De mal 
nnd Wanecek aufgstellten Sohreiblehrgang der Punktschrift wendete 
und eine solche Aufstellung als überflüssig erklärte. 

Zur zweiten Frage: Wann und wo habe ich als Folgerung meiner 
Versuche das Verlangen gestellt, daß der Lehrer seine Schüler auch 
nur zwei oder drei Stunden zum ununterbrochenen Lesen zwingen soll ? 
Nirgends und niemals! Daß ein so langes Lesen möglich ist, geht daraus 
hervor, daß wir oft Mühe haben, unsere Zöglinge in der freien Zeit von 
einem mehrere Stunden langem Lesen abzuhalten. 

Zur dritten Frage : Sie hätte ein so ausgezeichneter und erfahrener 
Methodiker wie Herr Schulrat Zech überhaupt nicht stellen sollen. 
Die Fibelschreiber für Sehende haben bisher den Mut aufgeltracht. die 
Schwierigkeiten der Lesebuchstalien ])ei ihrer Arbeit zu beachten. Soll 
dasselbe nicht auch für eine Blindenübel gelten? Mir erscheint es viel 
fragwürdiger, wie die bisherigen Fibelschreiber für Blinde den Mut 
aufbringen konnten, ohne jede Beachtung der Leseschwierigkeiten der 
Piuiktschriftzeichen, mit geringen Abänderungen einfach irgend eine 
Volksschulübel für blinde AtiCischützen „zurechtzumachen". Nennt sich 
das ,.Methodik'' ? Ich hotTe, es wird sich trotz der Warnung des Herrn 
Schuirates Zech ein zukünftiger Fibelbearbeiter finden, welcher bei 
seiner Arbeit den Mut aufbringt, das nach meiner Anschauung höchst 
wichtige Moment der Leseschwierigkeit der Braillezeichen im ersten 
Lesebuch der Blinden nach seiner Bedeutung zu würdigen. 

So ungern ich mich in den vorstehenden Zeilen gegen die An- 
sichten zweier Fachleute stelle, welche auf eine lange und fruchtreiche 
Arbeit auf dem Gebiete des Blindenunterrichtes zurücksehen, kann ich 
ilire kritischen Äußerungen aus sachlichen Gründen nicht unerwidert 
lassen. Im Übrigen bin ich für jede Kritik dankbar, die der Mitarbeit 
an der Sache selbst entlließt. 

über das Merken der Vorzeidien. 

Von Hauptlehrer Adalbert Zier fuß, Purkersdorf. 

Jeder Musiklehrer — nicht nur an Blindenanstalten — wird schon 
öfters, vielleicht häulig die Erfahrung gemacht halben, daß Schüler, die 
sonst zur vollen Zufriedenheit ihres Lehrers arbeiten, sowohl pr.aktisch 
auf dem betrelTenden Instrument als. auch theoretisch in Musik- und 
Harmonielehre, fast vollständig versagen, wenn sie rasch die Vor- 
zeichen einer Tonart angeben sollen. Nach einigem Zuwarfen trifft's 
ja wohl jeder halbwegs vorgeschrittene Schüler, indem er sich's mit 
Hilfe des Quintenzirkels (bei Molltonarten mit der drei Halbtöne höher- 
liegenden Parallel- (Dur-)tonart) auszählt. Damit sollte man sich aber, 
meines Erachtens, doch nicht zufrieden geben bei Leuten, die, wie 
unsere Musikschüler, die Musik als Lebensberuf erwählt haben und, 
wie innner wieder betont wird, nicht Musikanten sondern Musiker sein 
sollen und wollen. 



Seile 1060. Zeitschrift für das österreichische Blindenweten. 1. Nummer. 

Jeder Musiker — auch der blinde — sollte denn doch imstande 
sein, die Vorzeichen einer Tonart mit dersel])en Raschheit und Sicher- 
heit anzugeben, wie etwa der Sehende die Farben benennt. Daß dies 
möglich ist, haben mir Versuche mit theoretisch äußerst schwachen, 
aber sonst ganz braven Klavierschülern gezeigt. 

Ich bediente mich dabei eines Vorgehens, das zu meiner Über- 
raschung und Verwunderung vielen, darunter sogar ganz namhaf- 
ten Berufsmusikern vollständig unbekannt ist. Woher es stammt, kann 
ich nicht angeben. Ich hab's von meinem Bruder und glaube nicht 
fehl zu gehen, wenn ich sage, daß er unserem gemeinsamen hochver- 
ehrten Lehrer, dem leider allzufrüh verstorbenen Wr. Neustädter Pro- 
fessor E. W. Chladek, diese Kenntnis verdankt. 

Im Folgenden will ich nun die Sache den Musikunterricht trei- 
benden Kollegen mitteilen in der Erwartung, daß sie in Zukunft viel- 
leicht der eine oder der andere benützt und dadurch sich und seinen 
Musikschülern manche Mühe und manchen Arger erspart. Um etwaigen 
Einwürfen zuvorzukommen, bemerke ich ausdrücklich, daß das Folgende 
nicht etwa an Stelle des Kapitels von den Tonarten und ihren Vor- 
zeichen in der Musiklehre treten soll; keineswegs. Es ist nur gedacht 
als gewissermaßen mechanisches Hilfsmittel für das Merken der Vor- 
zeichen. 

Und nun zur Sache! 

Drei Regeln sind es, deren häufigere Übung und Anwendung ein 
sicheres Merken der Vorzeichen nahezu verbürgen. 

1. Wird eine Tonart um einen halben Ton erhöht (oder ernied- 
rigt), so vermehren (vermindern) sich die Vorzeichen um 7. 

2. Die Vorzeichen enharmonisch verwechselter Tonarten ergänzen 
einander auf 12. 

3. Eine Molltonart hat stets um drei Erhöhungen weniger (um 
drei Erniedrigungen mehr) als die gleichnamige Durtonart. 

Um dem Schüler die erste Regel recht anschaulich und deutlich 
zu machen, zeichnete ich ihm (es war ein Schüler mit bedeutenden 
Sehresten) die Tonarten in der Weise der ,.Zahlenreihe" auf ein Blatt 

Papier. ^^^ ^^^ as es b f c g d a e h fis 

I 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 \ 1 

654321 1234 5 6 

Bei den Tonarten mit wenigen Vorzeichen kann der Schüler wohl 
leicht ausrechnen, bezw. auszählen: G = 0, eis = 7 ;; g = 1 ;, gis = 8 ;. 
Reicht beim Auszählen die Reihe nicht aus, z. B. wenn wir A-dur oder 
E-dur um einen halben Ton erhöhen sollen, so kann man fis gleich ges 
setzen und von links weiterzählen, wobei man natürlich auf die einen 
halben Ton höher gelegenen (aber enharmonisch verwechselten) Tonarten 
Be-dur und F-dur kommt. Bequemer ist es aber, hier gleich Regel 2 
zu benützen, wobei man direkt die Vorzeichen der um einen halben 
Ton höheren Tonart erhält. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen. 
- A-dur hat 3 j; die um einen halben Ton höhere Tonart B«-dur muß 
um 7: mehr, also 10:; haben: nach Regel 2 auf 12 ergänzt, ergibt 
sich 2, natürlich jetzt nicht ; sondern ^; Be-dur hat also 2 ? vorgezeich- 
net. — D-dur hat 2^; bei der um einen Halbton höheren Tonart